Durchgelesen – „Die Kunst des Wartens“ v. Catherine Charrier

Das „Warten“ kann so viele Bedeutungen haben, dass man nicht immer genau sagen kann, ob das „Warten“ nun eher positive oder negative Dinge vermittelt. Wer wartet schon gerne auf etwas und empfindet dabei ein eher wohliges und vielleicht sogar meditatives Gefühl. Selten wird dies eintreffen, aber es ist durchaus möglich. Doch wenn wir nicht nur durch das Warten Gefühle erzeugen können und wollen, so ist es um so schwieriger aufgrund von Gefühlen oder wegen Gefühlen zu warten. In Liebesbeziehungen hat das Warten eine nochmals ganz andere Bedeutung und kann zu unglaublich überraschenden Wendungen führen. Und was das Warten nun in Liebesangelegenheiten auslöst, zeigt uns Catherine Charrier äusserst ausdrucksstark in ihrem Erstlingsroman „Die Kunst des Wartens“.

Catherine Charrier, geboren 1961 in Alençon, studierte Kunstgeschichte und Kunst an der École du Louvre. Sie arbeitet in Paris im Bereich der Werbung. „Die Kunst des Wartens“ wurde in Frankreich 2012 unter dem Titel „L’Attente“ veröffentlicht und ist nun dank der wunderbaren Übersetzung von Claudia Steinitz aktuell in deutscher Sprache erschienen.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in Frankreich, in verschiedenen Städten, wie beispielsweise Nantes und Paris. Die Hauptprotagonisten sind Marie, eine moderne, selbständige und verheiratete Frau mit zwei Kindern, und Roch, ein ebenfalls verheirateter Mann mit einem Kind. Beide kennen sich durch ihre Arbeit und haben ein Verhältnis. Roch kündigt seiner Geliebten Marie an, dass er seine Frau verlassen und sie heiraten wird, sollte ihre Affäre noch ein Jahr überdauern. Marie ist überrascht, konnte sich dazu nicht einmal äussern und entscheidet sich vollkommen unvorhergesehen, ein Jahr zu warten. Sie zählt ab sofort die Tage (X plus). Das Warten wird zum Inhalt ihres Lebens: sie organisiert alles um dieses Warten herum, ihren Beruf, ihren Mann, ihre Kinder und sich selbst. Denn das Warten ist mehr, als nur das Warten auf einen Anruf oder auf ein Treffen mit Roch:

„Das Warten ist eine Geschichte von sich erlauben und sich verbieten. Das Warten ist beherrschend. Man unterwirft sich ihm, seine Belanglosigkeiten werden zum Zwang.“

Jede Gelegenheit versucht Marie zu nützen, um sich mit Roch zu treffen. Doch Paul, Maries Mann, merkt, dass Marie sich verändert, zum Telefonieren beispielsweise die Garage aufsucht und somit unsicher wird. Marie zerstreut alle Zweifel von Paul und plant das nächste Tête-à-Tête mit Roch. Und dann passiert es. Marie merkt nicht, dass das Jahr, dieses eine Jahr, das sie warten wollte, bereits seit längerer Zeit schon vorbei ist. Inzwischen bei Tag X plus 498 angekommen wird die Affäre immer noch ausgelebt. Die Begegnungen häufen sich, da sie beide jetzt auch noch im Verhältnis Unternehmen = Marie und Kunde = Roch zusammenarbeiten und immer weniger von einander lassen können. Das Warten wird unbewusst verlängert und dadurch schleicht sich eine Angst ein, die anfängt zu dominieren, obwohl die Lust bis zu diesem Zeitpunkt immer noch stärker ist.

Marie wartet weiter unbewusst oder auch bewusst. Die Tage verstreichen und die Seele von Marie rebelliert. Seit einer gewissen Zeit muss sie sich ständig übergeben, selbst wenn sie mit Roch zusammen ist oder mit ihrem Mann. Liegt es daran, dass sie sich nicht entscheiden kann, weder für den einen noch für den anderen Mann? Marie ist nicht mehr in der Lage ihr Gefühls- und Liebesleben gut selbst zu steuern. Sie kann weder von Roch lassen und sich zu ihrem Mann bekennen, oder sich von ihrem Mann trennen und frei für Roch zu sein. Und ausgerechnet dann wird auch noch ihrem Mann ein neuer Job in Paris angeboten:

„Heute reisst mich ein Mann aus Nantes weg, mein Ehemann, während ein anderer nicht imstande ist, mich hier zu halten.“

Das Warten wird zur Hauptaufgabe für Marie, die Tage rennen vorüber und nichts hat sich geändert, oder vielleicht doch? Sie lebt jetzt in Paris und Roch nach wie vor in Nantes, doch bald wird auch Roch nach Paris fahren…

Catherine Charrier schreibt in ihrem Erstlingsroman mit einer wahrlich präzisen und gleichzeitig so unglaublich sensiblen und empathischen Feder, dass bereits zu Beginn der Lektüre eine Faszination von diesem Buch ausgeht, der man sich nicht entziehen kann. Mit sprachlicher Raffinesse werden die eingefügten Sequenzen über das Warten aus der ganz persönlichen Sicht von Marie zu einem fast schon philosophischen Leseerlebnis. Aber auch die durchdringende Lustbesessenheit kombiniert mit der mehr und weniger dominierenden Angst geben der Euphorie und der Hoffnung ein nicht kaum zu erreichendes Ziel.

„Die Kunst des Wartens“ zeigt ein so bewegendes und aufwühlendes Psychogramm einer Frau, die sich nach Liebe sehnt und ein Gefühl des Wartens erhält und lebt. Dieses Buch ist keine simple Lovestory zwischen einer Frau und zwei Männern. Es ist ein so emotional klug konzipiertes Stück Literatur, das den Leser nachhaltig zum Nachdenken anregt und das Begehren und die Lust in eine ganz neue und absolut authentische Form, nämlich die des „Wartens“ mit ehrlicher Direktheit und charmanten Fingerspitzengefühl, verwandelt.

Catherine Charrier hat mit ihrem Erstlingsroman absolutes Schreibtalent bewiesen, in dem sie klar dem Leser vor Augen führt, wie wenig sich die Schnelllebigkeit und das Alltägliche in unserer Zeit mit besitzergreifender Liebe und besessener Leidenschaft weder erleichtern, geschweige denn verdrängen lässt. „Die Kunst des Wartens“ ist ein wunderbares Buch über Liebeslügen und Gefühlsabhängigkeiten, das dem Leser ganz subtil die richtigen Fragen stellt und ihm gleichzeitig die Freiheit gibt, sie ganz für sich allein zu beantworten.

Durchgelesen – „Ein gewisses Lächeln“ v. Françoise Sagan

Langeweile ist ein schwieriger Gefühlszustand, in dem man sich selten gerne befindet. Vielleicht ist Langeweile gar kein Gefühl, sondern nur ein Zustand ? Was passiert, wenn der Alltag nur noch aus Eintönigkeit besteht und auch das Liebesleben sich eher als spannungslos beschreiben lässt ?  Wäre es dann nicht höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen und sich in ein Abenteuer zu stürzen. Ob dies das beste « Medikament » ist, um die Seele von diesem L-Symptom zu befreien, zeigt uns Françoise Sagan mit ihrem äusserst sensiblen Roman « Ein gewisses Lächeln ».

Françoise Sagan (21. Juni 1935 – 24. September 2004) gehörte über viele Jahre zu den erfolgreichsten französischen Schriftstellerinnen. Ihr richtiger Name war eigentlich Françoise Quoirez. Inspiriert durch eine Romanfigur von Marcel Proust (Herzog von Sagan), erschienen alle ihre Werke unter dem für jeden Leser inzwischen allseits bekannten Pseudonym. Françoise Sagan stammte aus einer bürgerlichen Industriellenfamilie. Ihren ersten Roman « Bonjour Tristesse » schrieb sie mit 18 Jahren während ihrer Literaturstudien an der Pariser Sorbonne, der übrigens 1954 veröffentlicht wurde. Ein Jahr später erschien der Roman « Ein gewisses Lächeln » (im Original : « Un certain sourire »). Es war ihr zweites Buch, das – obwohl es nie ganz an den Erfolg des Erstlingswerks herankam – zu ihren wichtigsten Werken zählt. Ihr Leben nahm 1957 durch einen Autounfall eine sehr schwierige und unvorhersehbare Wendung. Ab diesem Zeitpunkt kämpfte Françoise Sagan mit einer lebenslangen Drogensucht, die nicht nur private Probleme, sondern auch grosse finanzielle Krisen nach sich ziehte. Ihr Oeuvre umfasst mehr als 40 Werke – darunter auch zahlreiche Theaterstücke und eine Biographie über Sarah Bernhardt – und ist bis heute ein wichtiges Vermächtnis der französischen Literatur, welches nicht nur in Papierform, sondern auch durch zahlreiche Verfilmungen weiterlebt.

Françoise Sagan erzählt in ihrem Roman « Ein gewisses Lächeln » die Geschichte einer desillusionierten jungen Frau, die dank einer Affäre mit einem verheirateten Mann eine in Sachen Liebe und die dazugehörigen Gefühle sehr wichtige Lektion lernt.

Dominique, die Heldin dieses Buchs, studiert vollkommen unüberzeugt und ohne grossen Ehrgeiz an der Sorbonne in Paris. Gleichzeitig fühlt sie sich auch noch in der eher leidenschaftslosen Beziehung mit ihrem Kommilitonen Bertrand ziemlich gelangweilt. Doch eines Tages stellt ihr Bertrand seinen Onkel Luc und dessen Frau Françoise vor. Eine ungewöhnliche Begegnung mit einem Paar, das sehr glücklich in seinem Leben zu sein scheint. Luc ist ein Mann, der nicht nur weitgereist ist, sondern auch vollkommen in sich ruht und sehr charmant auf Frauen wirkt. Françoise ist eine attraktive und unabhängig wirkende Frau, die aber auch mütterliche Gefühle entwickeln kann, obwohl sie beide kinderlos sind.

Man trifft sich immer öfters zu viert. Dominique wird von beiden ein wenig mit Aufmerksamkeit und Geschenken verwöhnt. Es folgen noch verschiedene Abendessen in der Vierer-Runde bis zu dem Zeitpunkt, als Françoise für zehn Tage zu Bekannten fährt. Luc lädt Dominique zu einem Tête-à-tête ein. Sie gehen essen, dann tanzen und schliesslich in eine Bar. Dominique fühlt sich sehr wohl in seiner Gegenwart. Ihr erstes Gefühl von Einschüchterung ist verschwunden und sie spürt das Verführerische an ihm, was wiederum eine ganz unbekannte Form von Zärtlichkeit bei ihr auslöst. Das Thema Liebe liegt in der Luft. Luc spricht von seinen Gefühlen zu Françoise und kommt gleichzeitig auf den Punkt :

« “ Und nun „, sagte Luc, „würde ich mich sehr freuen, wenn ich mit Ihnen ein Abenteuer haben könnte.“
Ich begann dumm zu lachen. Ich war völlig unfähig zu reagieren. »

Dominique ist überfahren, überrascht, aber auch irgendwie glücklich. Sie spürt seine verführerische Leidenschaft, welche die Anziehungskraft zwischen beiden immer mehr verstärkt. Was wird sie tun ? Traut sie sich aus ihrer eher langweilig harmlosen Beziehung mit Bertrand auszubrechen und ihrem Leben einen neuen Schwung zu verleihen? Doch welche Gefahr könnte sich hinter diesem Abenteuer verbergen? Doch vor allem was würde Dominique tun, wenn sie sich in Luc unsterblich verlieben würde?

Es stellen sich tausende kleine Fragen, doch letztendlich geht es nur um eine Frage, nämlich was Liebe bzw. Gefühle eigentlich bedeuten. Françoise Sagan gelingt es äusserst subtil und raffiniert mit ganz « einfachen » linguistischen und thematischen Mitteln diese doch sehr komplexe Frage in diesem zeitlosen Roman zu beantworten. Sie kann mit ihrem sanft sinnlichen, aber auch leicht melancholischen Stil jedes monotone Leben durch die leidenschaftliche Liebe wieder erwecken. Sie erzählt von freudlosen Alltagsgewohnheiten und stillgelegten Emotionen, als wären sie wie die Federn in einem Kissen, welches man nur zu Schütteln braucht, um es wieder in eine neue lebens- und liebenswerte « Form » zu bringen. Man fühlt sich trotz der anfänglichen «Liebes-Langeweile » – oder besser gesagt « Gefühlsmüdigkeit » der Hauptprotagonistin und den daraus entstehenden Turbulenzen sehr weich gebettet und spürt mit jedem gelesenen Satz, den Wunsch das Leben, so wie es ist, einfach zu umarmen und die daraus spürbaren Empfindungen nicht zu unterdrücken, sondern sie frei zu geniessen.

Françoise Sagan ist eine Künstlerin und Psychologin zu gleich, denn was gibt es Schöneres als die Verwandlung von Gefühls-Leere in Gefühls-Fülle lesenderweise verfolgen, ja fast schon miterleben zu können. « Ein gewisses Lächeln » ist nicht nur ein Roman, der oft gegen Liebeskummer und ähnliche Seelenkrankheiten empfohlen wird. Dieses Buch ist viel mehr : es ist ein zart schmeichelndes Plädoyer für ein – im wahrsten Sinne des Wortes – « sentimentales » Leben !