Durchgelesen – „Ein Liebesabenteuer“ v. Alexandre Dumas

In der Literatur gibt es hin und wieder so wunderbare Überraschungen, die man nicht für möglich halten würde. Und genau so eine literarische Überraschung ist die Entdeckung eines Werkes von Alexandre Dumas, das wir mit grosser Erwartung nun nach sage und schreibe über 150 Jahren zum ersten Mal in deutscher Sprache in den Händen halten dürfen. Alexandre Dumas hat im Alter von 57 Jahren diesen Text mit dem Titel „Une aventure d’amour“ („Ein Liebesabenteuer“) lange Zeit nach seiner Hauptschaffensperiode geschrieben, welcher dann 1860 in Frankreich veröffentlicht wurde.

Alexandre Dumas (1802-1870) ist neben Balzac und Hugo einer der grossen französischen Schriftsteller, der vor allem durch seine Historienromane „Der Graf von Monte Christo“ und „Die drei Musketiere“ Weltruhm und eine überaus hohen Bekanntheitswert erreichte. Seine ersten Schreibversuche startete Alexandre Dumas allerdings mit Komödien, später betätigte er sich auch als Lyriker und Journalist. Er lernte Victor Hugo kennen und arbeitete mit Gérard de Nerval zusammen. Doch so richtig populär und beliebt wurde er erst durch seine Abenteuerromane. Dumas war ein Lebe- und Genussmensch, den Frauen gegenüber nie abgeneigt widmete er sich den schönen Dingen im Leben. Er reiste viel – nach Belgien, Deutschland, Italien und Russland -, nicht nur aus Interesse, sondern auch, um seinen Gläubigern immer mal wieder entfliehen zu können. Doch diese Reiseeindrücke konnte er dann letztendlich erfolgreich in seinen „Mémoires“ verarbeiten, die zwischen 1852 und 1854 in Brüssel erschienen waren. Doch heute nach dem bekannt abenteuerlustigen Alexandre Dumas erleben wir in diesem – dank der sehr gelungenen Übersetzung von Roberto J. Giusti – gerade neu veröffentlichten Buch „Ein Liebesabenteuer“ eine neue und ungewohnte Seite von Alexandre Dumas.

„Ein Liebesabenteuer“ ist keine  klassische Erzählung, auch keine Novelle, geschweige denn ein Roman. Es könnte eine Geschichte oder eher ein Bericht aus seinem Leben sein, autobiographisch, aber trotzdem äusserst literarisch. Im Herbst 1856 kommt bei Alexandre Dumas überraschend eine Dame zu Besuch. Obwohl er seinem Hausdiener klare Anweisung gegeben hat, niemanden zu ihm vorzulassen, wird die Dame hereingeführt, denn sie war nach Meinung des Dieners einfach besonders schön. Bei dieser Dame handelt es sich um Lilla Bulyowsky. Eine junge Frau, 25 Jahre alt und Schauspielerin aus Budapest. Über einen Kontakt spricht sie nun bei Alexandre Dumas vor und wünscht sich, dass er sie in die französische Bohemien-Welt einführt. Allerdings stellt sie gleich eines klar:

„…ich habe einen Gatten, den ich liebe, und ein Kind, das ich vergöttere.“

Sicher ein kluger Schachzug von Lilla, denn dass Alexandre Dumas dem weiblichen Geschlecht doch sehr stark zugeneigt war, konnte auch ihr nicht verborgen bleiben und somit zieht sie bereits bei ihrem ersten Treffen mit Alexandre eine klare Grenze. Nach einem Monat regelmässiger Begegnungen zwischen Alexandre und Lilla wird es für Lilla Zeit, die Weiterreise anzutreten. Sie möchte unbedingt nach Deutschland, die Reise soll über Brüssel, Spa und Köln, ja und dann weiter nach Mainz bis nach Mannheim führen. Alexandre entschliesst sich kurzer Hand, Lilla bis nach Brüssel zu begleiten. Trotz einem Knistern und einer gewissen Spannung zwischen den beiden bleibt Alexandre während der Zugreise besonders höflich und galant distanziert, ja ein wahrer „Gentleman“, der sich als hervorragender Begleiter entpuppt und bei Ankunft in Brüssel trotz gewisser erotischer Schwingungen eine ganz neue Seite an sich entdeckt:

„Eine Stunde später war sie im „Hotel de Suède“. Ich führte sie zu ihrem Zimmer, küsste ihr respektvoll die Hand und murmelte im Hinausgehen: «Wie bezaubernd es wäre, wenn man eine Frau zum Freund haben könnte!»“ 

Alexandre entschied sich nach dem Brüssel-Aufenthalt die Reise nach Deutschland weiter mit Lilla gemeinsam fortzusetzen und so dürfen wir dabei die interessanten und unter anderem auch äusserst amüsanten Anmerkungen Dumas über die deutsche Lebensart und allerlei kulinarische Genüsse verfolgen:

„In allen Ländern der Erde gibt man Essig in den Salat; in Deutschland gibt man den Salat in den Essig.“

Die Reise nach Deutschland entwickelte sich als ein wahres Entdeckungswunder für Alexandre, der inzwischen mit Lilla in Koblenz eingetroffen ist und selbst immer mehr von seinem „geschwisterlichen“ Verhältnis zu Lilla überrascht war, das selbst die Nähe der Hotelzimmer nicht im geringsten mehr gefährden konnte. In Koblenz freunden sich Lilla und Alexandre mit einer sympathischen Wienerin an, welche beide auf ihrer Weiterreise begleiten wird. Dabei erzählt Alexandre den beiden Damen ein wahres Liebesabenteuer, das er 1836 in Palermo mit einer Frau, die er nur Maria nannte, erlebt hatte. Könnte nun auch die Beziehung mit Lilla nicht doch noch eine andere Wendung nehmen, als wir sie bis jetzt beobachten, denn die Reise war noch lange nicht beendet, sowohl im realen, als auch im gedanklich erzählerischen und vor allem emotionalen Sinne…?

Alexandre Dumas versprüht mit diesem von Charme und Esprit kaum zu überbietenden Werk einen Zauber und eine Eleganz, wie wir sie uns nicht schöner wünschen könnten. „Ein Liebesabenteuer“ ist eine entzückende Anekdote aus einem bewegten und intensiven Leben, das nun endlich aus der Übersetzungs-Verschollenheit entsprang und somit den deutschsprachigen Leser in die vielleicht noch völlig unerforschte Welt von Alexandre Dumas entführen kann.

Das besondere an diesem kleinen feinen Oeuvre ist das stilvolle Herausstellen eines sehr positiv anmutenden Charakterzugs von Alexandre Dumas im Bezug auf die Bewunderung und den Respekt gegenüber Frauen. Alexandre Dumas könnte der Vater von Lilla sein, und selbst dies wäre vielleicht kein Hinderungsgrund für eine Affäre. Doch in diesem erstaunlich emotional offenen Text zeigt Alexandre Dumas eine gewisse souveräne, aber auch ehrfürchtig vornehme Haltung und lernt, je länger seine und Lillas „Zweisamkeit“ dauert, das Wunder der Freundschaft zwischen Mann und Frau kennen und lieben:

„Zwischen uns war etwas entstanden, das sich zwischen der Liebe zweier Amants und der Liebe zwischen Bruder und Schwester eingependelt hatte, eine äusserst charmante Empfindung, die in der Skala menschlicher Innigkeit noch nicht einzuordnen war.“

Alexandre Dumas hat uns mit diesem wundervollen, aber auch klugen und geistreichen „Lebensbericht“ ein ganz besonderes literarisches Bijou geschenkt. Wir freuen uns sehr, dass diese Übersetzungslücke im Werk von Alexandre Dumas nun so erfolgreich geschlossen werden konnte. Ob als reine Liebesgeschichte, diplomatisch verpackte Reisereportage oder autobiographische Anekdote, dieses „Liebesabenteuer“ ist nicht nur für Dumas Verehrer ein äusserst intelligent unterhaltsamer Lesegenuss und deshalb besonders empfehlenswert!

Durchgelesen – „Die Reisen mit meiner Tante“ v. Graham Greene

Graham Greene (1904 – 1991) zählt zu den wichtigsten englischen Schriftstellern der 20. Jahrhunderts. Geboren als Viertes von sechs Kindern waren die Kindheit und vor allem die Schulzeit  für ihn sehr schwierig, da sein Vater auch gleichzeitig der Schuldirektor war. Greene studierte Geschichte und musste bereits wegen seiner Vorliebe zu Russischem Roulette im Jugendalter in psychiatrische Behandlung. Nach seinem Studium arbeitete Greene als Journalist bei der Tageszeitung « The Times ». Obwohl er zum Katholizismus wechselte, bleib er zeitlebens ein grosser Kritiker hinsichtlich der Amtskirche. In den dreissiger Jahren arbeitete er als Filmkritiker und während des zweiten Weltkriegs war er beim Auslandsgeheimdienst für das Aussenministeriums in Westafrika tätig. Eine Vielzahl seiner Romane befassen sich immer wieder mit dem Thema Schuld und Verrat, was Graham Greene in grandiose Abenteuergeschichten verwandelte. Sein erster Roman « Schlachtfeld des Lebens » wurde 1934 veröffentlicht. Er war aber nicht nur Romancier, sondern auch Drehbuchautor, was der mehr als berühmte Film « Der Dritte Mann » (1949) beweist. Jetzt gibt es die Gelegenheit, einen Klassiker in Neuübersetzung wieder zu entdecken, der die Reise- und Abenteuerlust von Graham Greene literarisch wunderbar widerspiegelt. « Die Reisen mit meiner Tante » erschienen zum ersten Mal unter dem Titel « Travel with my Aunt » 1969 und sind nun dank der angenehm modernen Übertragung ins Deutsche durch Brigitte Hilzensauer aktuell erschienen.

Der Roman wird in der Ich-Form aus der Sicht des pensionierten Bankbeamten, Dahlienzüchter und Junggesellen Henry Pulling erzählt. Seine Mutter ist gestorben und ganz zufällig trifft er nach einer sehr langen Zeit bei der Beerdigung seine Tante Augusta wieder. Bei diesem Ereignis werden, während die Leiche seiner Mutter gerade eingeäschert wird, erste und unerwartete Informationen ausgetauscht und ungewöhnliche Familienerinnerungen wachgerufen. Tante Augusta hat auch in ihrem Alter (75 Jahre) noch mehr Temperament als Henry in seiner Jugend, was ihn zunächst mehr als irritiert, aber trotzdem irgendwie anzieht. Henry begleitet seine Tante zu sich nach Hause und spätetens in dem Moment als er Wordsworth – ihr « Kammerdiener » -kennenlernt, wird sich das Leben von Henry schlagartig ändern. Tante Augusta beginnt zu erzählen, während Wordsworth sich um die Asche von Henrys Mutter kümmert, allerdings nicht im besten Sinne. Denn kaum als Henry wieder bei sich zu Hause war, sich intensiv mit seinen Dahlien beschäftigte, rief ganz aufgeregt seine Tante an, um ihm von einer Razzia bei ihr in der Wohnung zu berichten und ihn gleichzeitig vorzuwarnen, dass die Polizei unbedingt die Asche seiner Mutter anlysieren will. Und tatsächlich wird doch in der Urne nicht nur die Asche gefunden, sondern ein grosser Anteil Haschisch. Der « Kammerdiener » setzt sich daraufhin nach Paris ab und somit ist die liebe Tante Augusta plötzlich ganz allein.

Was könnte ihr Besseres einfallen, als ihren neu bzw. wiedergewonnen Neffen als Reisebegleiter zu engagieren. Tante Augusta hatte einen Plan. Sie wollte von Paris aus mit dem Orientexpress nach Istanbul fahren angeblich wegen nicht ganz durchschaubarer Geldgeschäfte. Doch Henry, der eher sesshafte, unbewegliche Dahlienliebhaber, war nicht nur von den Reiseideen seiner Tante überrascht, sondern wunderte sich unter welchen schrägen Reisevorkehrungen und Sicherheitsmassnahmen sie so manchen Zollbeamten um die Nase herumgeführt hatte. Doch bei all diesen undurchsichtigen Unternehmungen hatte Tante Augusta aufgrund ihres Alters inzwischen einen Hang zum Luxus entwickelt. Somit war es nicht im Geringsten verwunderlich, dass sie gleich eine ganze Suite im Hotel Saint James und Albany direkt gegenüber vom Jardin des Tuileries gebucht hatte. Für Henry eine unnötige Geldausgabe, vor allem nur für eine Nacht. Doch Tante Augusta klärte ihn auf :

« « Zuerst must du lernen, Verschwendung zu geniessen », erwiderte meine Tante. « Armut befällt einen so plötzlich wie die Grippe ; da ist es gut, wenn man für schlechte Zeiten ein paar Erinnerungen an Extravaganz auf Lager hat. » »

Dies war eine klare Botschaft für Henry und er versuchte ab sofort all die kuriosen Ideen seiner Tante so wenig wie möglich zu hinterfragen und begab sich trotzdem nicht ganz unfreiwillig mit ihr auf gemeinsame Reise nach Istanbul. Eine Reise, die mehr als ein Abenteuer ist, denn es werden Goldbarren in einer Kerze geschmuggelt und der türkische Geheimdienst ist in Alarmbereitschaft. Abgesehen von schlüpfrigen Devisengeschäften, raucht Henry auch noch seinen ersten Joint und wird mehr und mehr in die nicht ganz ungefährlichen Eskapaden seiner Tante mithineingezogen…

Graham Greene beweist in diesem grandiosen und wahrlich literarisch spannenden « Unter-haltungsroman » sein komödiantisches Talent. Er hat mit Tante Augusta eine Hauptfigur geschaffen, die uns mit ihrer Art, ihrem Humor, aber auch mit ihrer Direktheit und Nonchalence auf eine unvergleichliche Abenteuerreise mitnimmt, die nur so von Lebensfreude erfüllt ist. Hier denkt man sofort an das bekannte Bonmot « Alter schützt vor Torheit nicht ». Jugendlichkeit kombiniert mit Lebensefahrung wird hier ganz grossgeschrieben. Und somit bleibt dieser Roman mehr als zeitgemäss und ist durch seine Lebendigkeit und Individualität aktuell und äusserst modern.

« Die Reisen mit meiner Tante » ist ein wahrer Schatz der Weltliteratur. Gekrönt durch eine unvergleiche Komik wird Tante Augusta nicht nur bei Henry im Herzen bleiben, sondern auch bei Ihnen, verehrter Leser. Stürzen Sie sich lesenderweise in ein paar wundervolle Abenteuer, entdecken Sie mit Tante Augusta interessante Länder und Städte und lassen Sie sich anstecken von diesem herrlich schwarzen Humor…