Durchgelesen – „Paris. Eine Liebe“ v. Urs Faes

Paris, bekannt und oft erwähnt als Stadt der Liebe, werden wir hier nicht nur als Schauplatz, ja sondern auch als Protagonistin erleben können, die anderen Menschen einen Raum bietet, die gegenwärtige Wirklichkeit mit der Vergangenen zu vergleichen, zu vermischen und neu zu entdecken.

Urs Faes (geboren am 13. Februar 1947 in Aarau) wuchs im Suhrental auf und absolvierte am Klosterinternat Wettingen sein Abitur. Danach studierte er Geschichte, Germanistik, Philosophie und Ethnologie. Unterbrochen durch verschiedene Auslandsaufenthalte in Irland, Nord- und Südamerika, schliesst er 1978 seine Dissertation an der Universität Zürich ab. Er arbeitet als Journalist u.a. beim Tagesanzeiger und der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt seine ersten Gedichte und Prosatexte, die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht werden. 1983 erscheint sein erster Roman « Webfehler ». Es folgen Theaterstücke, Hörspiele, Erzählungen und weitere Romane. Geehrt mit vielen Preisen, wie zum Beispiel dem Literaturpreis des Kanton Solothurns 1999 und dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2001 und 2008 für den Roman « Liebesarchiv » zählt Urs Faes zu den wichtigsten Schweizer Schriftstellern. Aktuell ist nun seine Erzählung « Paris. Eine Liebe » erschienen !

Wie bereits erwähnt und durch den Titel kaum anders vorstellbar, spielt diese sehr stimmungsvolle und intensive Erzählung in Paris. Wir haben September und genau nach fast dreissig Jahren kehrt Eric in « seine » Stadt wieder zurück, in der er damals Student war.

Er kommt am Gare de l’Est an und wird durch den Lärm und die Hektik irritiert, versucht ohne darüber nach zu denken, in diesem Gewühl nach einem grünen Mantel Ausschau zu halten, den Mantel den Claudine immer getragen hattte. Sie war eine junge Studentin, die ihn faszinierte, in die er verliebt war und die ihn bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr losgelassen hat. Doch heute wird er von André abgeholt. Er hat ihm ein Hotel in der Nähe der Sorbonne organisiert. André hat ihn überzeugt, dass er nach so langer Zeit endlich wieder einmal nach Paris kommt. Eric hat Angst, nicht vor der Stadt, aber vor den Erinnerungen, vor den erlebten Szenen mit Claudine, die ihm hier unbewusst wieder in gewisser Weise fast schon real vor Augen erscheinen werden. Eric ist überrascht, wie sehr sich Paris in den dreissig Jahren verändert hat, doch mit Andrés Hilfe entdecken sich noch den Charme von Früher und die alten Jazzkeller. Doch das Wichtigste für Eric ist, die Wege nachzulaufen und die Orte aufzusuchen, die mit Claudine in Verbindung standen.

Claudine war Eric’s grosse Liebe, er der « Lizentiat in Philosophie, verkrallt in eine Dissertation zur Bedeutung von Hegels Herr und Knecht für den marxistischen Diskurs » und sie eine Studentin mit langem blonden Haar, schmalen Händen und kurzgeschnittenen Nägeln. Claudine zeigte ihm Paris, und wenn er nicht da war, beschrieb sie die Stadt in ihren Briefen und erzählte ihm von ihrer Leidenschaft für Kirchen und Friedhöfe.

Mit André schreitet er die Stationen ab, an denen er mit Claudine liebte, lebte und diskutierte. Die Stadt war wie eine Gesamterinnerung an seine Zeit und an seine Liebe :

« Alles war Paris, eine Liebeserklärung an Claudine, die durch die Rue de Rome gegangen war, ihr fiel das Licht zu, das abendlich mild auf der Strasse traf, den Asphalt sprenkelte. Ihr gehörten die Chansons. Bonjour la vie / Bonjour mon vieux soleil / Bonjour ma mie / Bonjour l’automne vermeil… »

Claudine machte ihn glücklich, ihre Stimme faszinierte Eric und er war berauscht durch ihre Erscheinung und ihre Art. Doch in den Februartagen vor dreissig Jahren war Claudine zwar in Paris, sie hatte jedoch wenig Zeit für ihn und schickte ihn mit ihrem Stadtplan allein durch Paris. Und jetzt geht er wieder allein durch die Stadt, zumindest was Claudine betrifft. André begleitet ihn auf seiner Erinnerungswanderung. Er trifft auf eine ehemalige Concierge in der Rue de Sèvres 88, wo er unter dem Dach in einem Chambre de bonne die « schönsten Jahre seines Lebens » verbracht hat. Auch die Concierge wundert sich :

« Und was sie denn suchten, fragt sie und tritt näher an sie heran.
Das, was zurückgeblieben sei von damals. »

Was nun wirklich zurückgeblieben war, konnte bzw. kann Eric dies noch in „seiner“ Stadt der Liebe, in Paris, finden ? Damals, oft bevor Claudine und Eric in die Metro eingestiegen waren, begann sie einen Satz, ohne ihn je zu vollenden, mit : « Ich muss Dir noch etwas sagen ». Wird Eric noch herausfinden, was sie ihm eigentlich immer und schon sehr lange mitteilen wollte…?

Urs Faes hat dem Leser eine traumhaft schöne Erzählung von gerade mal 65 Seiten geschenkt, die durch die zarten sensiblen Zeichnungen von Nanne Meyer nicht nur ergänzt, sondern auch in ihrer Intensität bestärkt wird. Der Leser spürt mit der unglaublichen Feinfühligkeit der Sprache diesen besonderen Zauber und die unsterbliche Magie von Paris, die sich trotz ihrer Veränderung in den letzten dreissig Jahren auch heute noch wiederfinden lässt. Die Liebe zur Stadt und die Liebe zu Claudine sind fast eins. Es ist wie eine verbindende Liebeserklärung, denn wie Claudine ist auch Paris eine « Frau » : geheimnisvoll, direkt, unangepasst, verrückt, charmant, zart, hart und unberechenbar.

« Paris. Eine Liebe » ist ein literarisches Kleinod an Inspiration, Sprache, Atmosphäre und Gefühl. Urs Faes schreibt wie selbst erlebt. Man erkennt kleine autobiographische Annährungen, entdeckt seine Liebe zur Stadt Paris und zu den Frauen und wünscht sich nach dieser emotional berauschenden Lektüre nichts Sehnlicheres als auf den Spuren von Claudine und Eric durch Paris zu flanieren…!

Theodor Storm – Gedicht

Das ist der Herbst

Das ist der Herbst; die Blätter fliegen,
Durch nackte Zweige fährt der Wind;
Es schwankt das Schiff, die Segel schwellen –
Leb wohl, du reizend Schifferkind! —
Sie schaute mit den klaren Augen
Vom Bord des Schiffes unverwandt,
Und Grüße einer fremden Sprache
Schickte sie wieder und wieder ans Land.
Am Ufer standen wir und hielten
Den Segler mit den Augen fest –
Das ist der Herbst! wo alles Leben
Und alle Schönheit uns verlässt.

Durchgelesen – „Aus den Fugen“ v. Alain Claude Sulzer

Das Leben geht oft seltsame Wege. Es kreuzen sich Schicksale, Menschen kommen von ihrem eingeschlagenen Kurs ab und befreien sich von praktischen und emotionalen Fesseln. In dem aktuell veröffentlichten Roman « Aus den Fugen » von Alain Claude Sulzer lernen wir gleich verschiedene Personen kennen, deren Leben im wahrsten Sinne des Wortes « aus den Fugen » geraten wird und dabei die musikalische « Fuge » einen wichtigen Beitrag dazu leistet.

Alain Claude Sulzer, geboren 1953 in Riehen bei Basel (Schweiz), absolvierte eine Ausbildung zum Bibliothekar und arbeitete anschliessend als Journalist. Sein erster Prosatext erschien 1983. Darauf folgten viele weitere literarische Arbeiten. Gleichzeitig übersetzte er Texte aus dem Französischen unter anderem von Julien Green, Jean Echenoz und Jules Renard. Er wird mit zahlreichen Preisen geehrt, wie zum Beispiel der « Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank » und 2005 dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung. Seinen grössten Erfolg feierte er mit dem Roman « Ein perfekter Kellner » 2004, welcher 2008 mit dem Prix Medicis étranger ausgezeichnet wurde. Nun dürfen uns über seinen neuen Roman « Aus den Fugen » freuen, der sich als eine äusserst raffinierte symphonische « Literatur-Komposition » präsentiert.

Der Roman spielt in Berlin und hat nicht nur einen Hauptprotagonisten, sondern gleich eine Vielzahl von Figuren, die mehr oder minder eine fast schon tragende, aber zumindest sehr wichtige Rolle in diesem « musikalischen » und unglaublich vielschichtigen Werk spielen werden.

Es beginnt mit dem Pianisten Marek Olsberg, ein sehr berühmter Musiker, der den klaviermusikkennenden Leser vielleicht an Horowitz, Brendel und Alexis Weissenberg erinnern könnte. Gefeiert auf der ganzen Welt, Konzerte wie zum Beispiel in New York und Wien, jedoch Single aufgrund seiner nicht ganz einfachen Lebensweise. Dieses Mal zeigt er seine pianistischen Künste bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie, unter anderem auf dem Programm die « Hammerklaviersonate » von Beethoven. Und dann passiert etwas vollkommen Unterwartetes im letzten Satz, dem zweiten Fugensatz dieser Sonate :

« Etwa drei Minuten vor dem Ende des letzten Satzes der Hammerklaviersonate, diesem Meilenstein der Klaviermusik, etwa nach neun Minuten Spiel, kurz vor Erreichen des Ziels, hielt Marek Olsberg unvermittelt inne und hob langsam die Hände. »

Marek Olsberg beendet ganz unvorhergesehen dieses Stück, steht auf, klappt den Klavierdeckel herunter und murmelt vor sich hin :

« „Das war’s.“ »

Und damit endet eine musikalische Fuge, die nicht nur das live miterlebende Publikum schockiert, sondern auch ganz konkrete Einzel-Lebensschicksale von verschiedenen Menschen, die mit diesem Konzertabend bewusst oder unbewusst, beruflich oder privat miteinander-verknüpft sind, quasi « aus den Fugen » geraten.

Somit lernen wir gleich zu Beginn auch Marek Olsbergs Assistentin Astrid Maurer kennen – eine taffe unverheiratete Frau, die alles für « ihren » Pianisten organisiert, ihn auf Reisen begleitet und keines seiner Konzerte verpasst, bis auf dieses Mal, denn Astrid wurde wie schon so oft genau an diesem Abend von einem Migräneschub überrascht…

Wir treffen auf Esther – verheiratet mit Thomas -, die mit ihrer vom Ehemann verlassen Freundin Solveig in das Konzert geht. Aufgrund des abrupten Endes fährt sie früher nach Hause als ursprünglich geplant und wundert sich, warum ihr Mann nicht in ihrer Wohnung auf sie wartet…

Dann gibt es noch Sophie, die ihre Nichte Klara mit einem klassischen Konzert überraschen möchte und dabei erfährt, warum ihr damaliger Geliebter und jetzt der Freund ihrer Schwester, auch diese betrügt…

Es stossen Johannes, der die Konzertkarten verfallen lässt und Marina, die eigentlich Bettina heisst und als Escort-Service arbeitet, aufeinander. Dadurch wird die Ehefrau von Johannes hellhörig und dummerweise stellt sich auch noch heraus, dass Johannes und Marina sich bereits von früher kennen…

Was wäre ein Konzert nicht ohne anschliessendem Empfang, bei dem der Kellner Lorenz aushelfen sollte, aber es ja aufgrund des Spielabbruchs dazu nicht mehr kommen konnte und er nun aus purer Lust und Langeweile bei dem Sponsorenehepaar in dessen Villa ein paar wertvolle Steine mitgelassen wollte und blöderweise dabei auch noch von der Ehefrau des Sponsors erwischt wird…

Und so kreisen sie alle, die Besucher und Nichtbesucher, um den « verlorenen » Konzertabend und werden sich in ihrem Leben der schmerzvollen, aber gleichzeitig auch hilfreichen Erkenntnisse bewusst, so dass es für viele an der Zeit ist, den Tatsachen ins Auge zu blicken, sich von Ignoranz zu befreien und zu versuchen, einen neuen und anderen Lebensweg einzuschlagen. Alain Claude Sulzer gelingt es meisterlich durch einen wahrlichen musikalischen Kunstgriff, der die Figuren dieses Romans so miteinander verbindet, dass sie zu erst in eine pianistische « Fuge » eintauchen und gleichzeitig aus den Fugen geraten. Man spürt als Leser, wie das vor dem Konzert gelebte Leben plötzlich bei vielen der Romanprotagonisten bröckelt, Risse bekommt, ja fast schon zerfällt.

Alain Claude Sulzer hat diesen Roman so wundervoll feinfühlig, wie ein Komponist seine Musikstücke Note für Note, aufgeschrieben. Jede Figur ist wie ein Instrument in einem grossen Orchester, und nur alle zusammen, auch wenn dadurch die einzelnen Lebensschicksale erst zum Vorschein kommen, bilden letztendlich doch die eigentliche literarische « Symphonie ». Er verwendet eine so klare, sensible, aber trotzdem schnörkelose Sprache. Hier wird nichts romantisiert, ganz im Gegenteil hier wird aufgeräumt und sich befreit von Ballast, schlechten Verhaltensweisen, blöden Gedanken und unguten Gefühlen. Es geht darum, aus dem Schicksal zu lernen und sein Leben in die Hand zu nehmen, wie Marek Olsberg, der endlich aus seinem Programmkorsett entschlüpft ist und sich nun ohne schlechten Gewissens ganz allein in einer Bar ein Bier gönnen kann.

« Aus den Fugen » ist ein ganz besonderer Roman, der sich mehr als zu lesen lohnt, den man nicht nur mit seinen Wort für Wort folgenden Augen aufnehmen sollte, sondern auch mit seinen sehenden « Ohren », denn es handelt sich hier um literarische « Musik » vom Feinsten, die es mit Muse bewusst zu geniessen gilt !

Friedrich Hölderlin – Gedicht

Der Sommer

Das Erntefeld erscheint, auf Höhen schimmert
Der hellen Wolke Pracht, indes am weiten Himmel
In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert,
Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.

Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben,
Es zeiget sich auf Meeren unverborgen,
Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben
Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.

Mit neuen Farben ist geschmückt der Gärten Breite,
Der Mensch verwundert sich, dass sein Bemühn gelinget,
Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,
Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.

Durchgeblättert – „Marcel Proust für Boshafte“

Boshaftigkeit ist ja nicht gerade eine wirklich positive Tugend. Boshafte Menschen sind nicht leicht zu ertragen, verfolgen in der Regel böse Absichten, haben einen bösen Charakter und agieren in spöttischer Manier zur « Freude » der Umwelt. Man möge es deshalb gar nicht glauben, dass ausgerechnet Marcel Proust, der nur in den höheren Kreisen verkehrte, für « Boshafte » geeignet ist ? Wir werden spätestens nach der Lektüre dieses schmalen Bändchens eines Besseren belehrt.

Rainer Moritz hat sich der « boshaften » Thematik bei Proust angenommen und klärt uns mit diesem kompakten Zitatbüchlein ein wenig auf, das er als Herausgeber und Proustkenner begleitet hat. Wir kennen Rainer Moritz bereits als Autor von anderen Werken, wie zum Beispiel die Romane um Madame Cottard und von seiner Reise zu den « schönsten Buchhandlungen Europas ». In « Marcel Proust für Boshafte » versucht er uns ganz charmant in seinem Nachwort zu erläutern, was eigentlich so alles in der Person Marcel Proust, aber vor allem in seinem grossen Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » an Boshaftigkeit versteckt ist. Man muss wissen, dass die « Recherche » nicht nur ein Roman, sondern auch eine Art Gesellschaftsstudie ist und sich teilweise durch sehr spöttische und ironische Passagen auszeichnet. (Die hier mit Seitenzahl angegebenen Zitate stammen aus der 7-bändigen Ausgabe!)

Damit wir als Leser den Überblick über das Boshafte nicht verlieren, wurde hier in diesem kleinen Œuvre alles ganz ordentlich nach Rubriken eingeteilt. Es beginnt, wie sollte es auch anders sein, mit dem Thema « Die Frauen » :

« Sie war wie fast alle Frauen : Sie bilden sich ein, ein Kompliment, das man ihnen macht, müsse der reinste Ausdruck der Wahrheit sein und stelle ein Urteil dar, das man unparteiisch fällt und ganz unweigerlich, als handle es sich um einen Kunstgegenstand ohne Beziehung auf eine Person.» (Die Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, 511f.)

Wunderbar spöttisch, ja quasi boshaft kann man natürlich jederzeit auch auf « Bekleidungsfragen » reagieren :

« „Irgendwo muss er doch einfältig sein. Sie hat Füsse wie Schleppkähne, einen Bart wie eine Amerikanerin und schmutzige Unterwäsche ! Ich glaube, nicht mal ein kleines Fabrikmädchen würde so etwas anziehen wollen.“ » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 2, 564)

Bereiche wie « In bester Gesellschaft », « Gesundheitsprobleme », « Ewige Weisheiten », « Die edlen Künste », « Speis & Trank » und « Land & Leute » kommen keinesfalls zu kurz.

Doch äusserst wichtig sind natürlich auch Themenschwerpunkte, wie zum Beispiel « Die Männer ». Auch « Der Körper » wird nicht verschont, sodass manches Problem ohne Umscheife, aber trotzdem mit einer gewissen Contenance angesprochen wird:

« Doch seine Nase hatte, um sich schief über seinen Mund zu stellen, unter allen verfügbaren schrägen Linien vielleicht die einzige gewählt, die auf diesem Gesicht zu ziehen einem selbst nie eingefallen wäre und die ihm eine gewisse Note vulgärer Dummheit gab, die durch die Nachbarschaft eines normannischen apfelroten Teints noch bekräftigt wurde. » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, 459)

Marcel Proust äusserst sich durch seine Helden ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, versucht selbstverständlich immer das gesellschaftliche und sprachliche Niveau zu wahren, kommt aber gerne konkret zur Sache, wie auch das folgende Zitat aus der Rubrik « Liebe, Sex & Co. » bestätigt :

« „Liebe ?“ hatte sie einmal einer prätentiösen Dame auf deren Frage „Was halten Sie von der Liebe ?“ geantwortet. „Liebe ? Mache ich oft, doch drüber reden tu’ ich nie.“ » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 3, 270)

Tja was können wir da als Leser noch hinzufügen? Wir sollten uns spätestens jetzt nach der Lektüre dieser hervorragend zusammengestellten Zitatauswahl von Rainer Moritz bewusst werden, dass es nun an der Zeit wäre – falls Sie es nicht bereits schon getan haben – , die « Recherche » endlich in Angriff zu nehmen. Sie werden erstaunt sein, wie kurzweilig dieses Mammut-Werk letztendlich ist. Marcel Proust hat eine besondere Gabe, seinen subtilen Spott, als auch seine Geschmacklosigkeiten feinfühlig direkt und äusserst elegant zu formulieren. Dank seiner extrem scharfen Beobachtungen gelingt es Proust, jedes Detail, und wenn es nur ein ganz banaler Smalltalk in der feinen Gesellschaft ist, so zu analysieren, dass dabei gewisse Bosheiten und eine raffiniert verpackte Schadenfreude einem nicht nicht wie ein Orkan um die Ohren fliegen, sondern genau positioniert am richtigen Punkt wie ein Nadelstich ganz „leise“ treffen.

Dieses kleine Buch ist eine ideale Nachttisch-Lektüre, die gerade dann ihren Einsatz findet, wenn man nicht mehr in der Lage ist, lange Passagen bzw. Kapitel zu lesen und man vor dem Einschlafen noch einen literarisch « bösen » Gute-Nacht-Kick benötigt. Auch Marcel Proust konnte ohne Bosheiten nicht leben, wie er hier selbst durch seine « Recherche » erklärt :

« Ich für meine Person muss gestehen, dass mich nichts so amüsiert wie diese kleinen Bosheiten, ohne die ich das Leben einfach öde fände. » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 2, 248)

Durchgelesen – „Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe“ v. Andrew O’Hagan

Wer kennt sie nicht, Marilyn Monroe, eine Ikone, ein Mythos, eine Schauspielerin, aber auch eine sehr verletzliche Frau, die immer auf der Suche war! Bestimmt wären viele Menschen ihr sehr gerne nahe gewesen, wie eine Freundin bzw. ein Freund oder besser noch wie ein Hund, der er ihr treu ergeben wäre, aber auch sich instinktiv um ihr Seelenheil kümmern würde. Umso mehr freuen wir uns als Leser, nun die literarische Bekanntschaft mit genau so einem vierpfotigen und bellenden Begleiter machen zu dürfen, der uns das Leben an der Seite von Marilyn Monroe auf äusserst intellektuelle und empathische Weise erläutert.

Dieses grandiose Buch über eine unglaubliche « Freundschaft » schenkt uns Andrew O’Hagan (geboren 1968 in Glasgow). Er zählt zu den neuen aufstrebenden und inzwischen auch wichtigsten Schriftstellern Grossbritanniens und ist Creative Writing Fellow am King’s College London. Seine Erzählungen und Romane wurden bereits in 15 Sprachen übersetzt und seine Essays und Artikel erscheinen unter anderem in der London Review of Books, New York Review of Books, The Guardian und im New Yorker. Darüberhinaus ist er auch noch als Botschafter bei UNICEF tätig. Mit seinem Roman « Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe », der bereits 2010 in Grossbritannien erschienen ist, gewann er den Glenfiddich Spirit of Scottland Award.

Die Geschichte wird aus der Sicht des Hundes rückwirkend erzählt und beginnt 1960 in Grossbritannien. Ein kleiner weisser, reinrassiger Malteserhund erblickte das Licht der Welt in Charleston. Er wuchs bei der Schwester von Virginia Woolf auf und wurde liebevoll von deren Haushälterin Mrs Higgins betreut. Doch lange sollte er nicht in England bleiben, sondern nach Amerika reisen. Eines Tages erwartete man die Hundeliebhaberin Mrs. Gurdin, eine russische Emigrantin und Mutter des Filmstars Natalie Wood, die sich sehr für Malteser interessierte, denn bei dieser Rasse handelte es sich um ganz besondere Hunde:

« Jeder Hund, der sein Futter wert ist, ist ein Quell der Expertise, was seinen Stammbaum angeht. Uns Maltesern – dem bichon maltais, dem Hund der römischen Damen, dem alten King Charles Spaniel, dem Malteser Löwenhund oder Malteser Terrier – lässt man es durchgehen, das wir uns für die Aristokraten der Hundewelt halten. »

Mrs. Gurdin brachte den weissen Malteser mit einem kleinen Zwischenstopp in London per Pan-American-Flug nach Los Angeles. Aber nicht nur der Malteser noch ein paar andere Hunde wurden von Mrs. Gurdin aufgenommen. Die Fahrt von der Quarantänestation entwickelte sich zu einem interessanten « Gesprächsaustausch » so unter Vierbeinern, ein Schnauzer äusserte sich dabei ganz konkret :

« “ In Wahrheit wissen die Menschen, dass wir sie studieren“, sagte er, “ und die schlauen wissen auch, dass wir über sie reden. Die Menschen sind nicht dumm. Sie verhalten sich nur so, als ob sie es wären.“ »

Jetzt galt es die Zeit ein wenig zu überbrücken, bis dieser Malteser endlich sein neues Frauchen kennenlernen durfte. Es dauerte nicht lange und Natalie Wood – Tochter v. Mrs. Gurdin – erklärte ihrer Mutter, dass Frank Sinatra einen Hund kaufen möchte und bald vorbeikäme. Frank holte den Hund persönlich ab :

« „He, ich war etwas daneben, Freund“ sagte er, streichelte und schnippte mein Ohr. “ Ich hätte hallo sagen sollen, als ich gekommen bin. He, Junge. Du bist das Geschenk für Marilyn.“ »

Und so begleitete der Malteser zuerst Frank in sein Haus und war mehr als pikiert über die Wohnsituation, die Farben und den Umgangston von Frank. Da konnte man als Hund nur noch überleben, wenn man sich an die grossen Philosophen wie beispielsweise Descartes erinnerte und Autoren wie Adorno einem immer wieder in den Sinn kamen. Endlich ging es nach ein paar Tagen per Privatflugzeug mit Frank Sinatra nach New York und der Malteser konnte nun bald seine neue « Freundin » treffen. Bereits die Dienstboten hatten bei der Begrüssung von Frank ihre Entzückungsrufe über diesen Hund ausgedrückt und auch Marilyn konnte ihre Begeisterung kaum zurückhalten und freute sich sehr über dieses « tierische » Geschenk. Er gefiel ihr sofort, sie meinte er hätte Stil und Charme und wäre ein stattlicher kleiner Bursche. Jetzt fehlte nur noch der passende Name :

« „Er ist ein hartgesottener kleiner Kerl, nicht war ? Ich werde ihn Mafia nennen – Mafia Honey.“ »

Der Malteser wurde nun Mafia Honey genannt, kurz einfach nur Maf. Er war glücklich, endlich nach so vielen Reisen bei seinem richtigen Frauchen angekommen zu sein. Er hatte sich schnell heimisch gefühlt, wurde buchstäblich mit den besten Köstlichkeiten verwöhnt, als würde er im Paradies leben. Doch trotz dieser vielen Annehmlichkeiten, liess er sich nicht ablenken und versuchte Marilyn und ihre drei « Leben » als Mensch, Frau und Filmstar genauer unter die Lupe zu nehmen, sie zu beobachten, zu verstehen und in schwierigen Situationen zu unterstützen und zu trösten. Nach kurzer Zeit spürte Maf, dass die Trennung zwischen Arthur Miller und Marilyn Monroe nicht spurlos an seinem Frauchen vorübergegangen war. Doch trotz allem wurde auch ein Hauch von Befreiung erkennbar, der sowohl Marilyn als auch ihm, als Hund und treuen Gefährten gut tat :

« Marilyn nahm mich überallhin mit. Wir hatten grossen Spass dabei, die Avenues entlangzugehen, Marilyn trug manchmal ein Kopftuch und eine Sonnenbrille, niemand erkannte sie, und wir liefen mit offenen Mündern gegen den Wind und hungerten nach Erfahrungen. Ich glaube, uns war ein Gespür für die Nöte der Zeit gemeinsam, der Instinkt, die Distanz zwischen oben und unten aufzuheben, etwas, was sich im Lauf der entwickelte und die Tiefe unserer Freundschaft erklärte. »

Und so begann die fast zwei Jahre andauernde « Freundschaft » zwischen Marilyn Monroe und dem Malteser Maf, die geprägt war durch absolutes Vertrauen, da Maf ein wahrer « Hunde-besitzerinnenversteher » war, und sich auszeichnete durch eine bedingungslose Offenheit, die es sicherlich in dieser Form selten unter Menschen geben kann und wird…

Maf, der Hauptprotagonist, dieses Romans hatte nun die Ehre einer Ikone, eines Stars wie Marilyn Monroe, sehr nahe zu sein. O’Hagan hat mit dieser vierbeinigen « Figur » einen wahren Glücksgriff erzielt. Es ist eine absolut grandiose Idee, Marilyn Monroe aus der Sicht eines Hundes zu charakterisieren, zu erleben, zu beschreiben, quasi hautnah kennenzulernen. Unvoreingenommen kann der Hund all seine Gedanken in den Raum stellen, über die Filmbranche, die Politik und vieles andere nicht nur Tacheles reden, sondern sich auch auf philosophische Weise lustig machen. Es wird ihm keiner verüblen, vor allem nicht sein Frauchen, selbst dann nicht, wenn er aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen Hund und Mensch – seine « Freundin » natürlich ausgeschlossen -, dem « Zweibeiner » als Reaktion mit seinen Zähnen einen klaren « Kommentar » in der Wade hinterlässt.

Diese Kunst, den Hund sprechen, ja fast schon « Mensch » werden zu lassen, mag ein Autor in dieser brillanten Form nur dann zu realisieren, wenn er sich in der Hunde- und Filmwelt auskennt. Dieser Roman ist keinesfalls eine leichte Geschichte aus Hundeperspektive. Umso wichtiger ist es, dieses Buch nicht falsch einzuschätzen. Dieses Werk ist äusserst anspruchsvoll, das mit Ruhe und Aufmerksamkeit gelesen werden sollte. Denn nur dann kann man die Affinität von Maf zur europäischen Kultur, die vielen Literatur-Zitate und die « belesene » Dekadenz dieses Hundes verstehen und aufnehmen. Und dieser Roman ist nicht nur eine Teilbiographie von Marilyn Monroe als Einzelperson, es die Geschichte des intellektuellen Amerikas Anfang der 60ziger Jahre, die durch viele Persönlichkeiten aus Literatur, Film und Politik beeinflusst wurde.

« Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe » ist ein absolut unvergleiches, aussergewöhnliches und faszinierndes Porträt einer der brühmtesten Blondinen der Welt. Es eignet sich nicht nur für jeden Literaturliebhaber, der auch einen Faible für Marilyn Monroe hegt, Hunde als die besten Freunde des Menschen ansieht und offen ist für einen subtil intelligenten Witz und philosophischen Sarkasmus. Besonders aktuell anlässlich des 50. Todestages am 5. August 2012 von Marilyn Monroe ist dies ein ideales Buch für besonders kulturinteressierte Menschen, welche dieser Frau auf einer sehr klaren, aber äusserst liebenswerten und literarisch empathischen Weise nochmals oder vielleicht auch zum ersten Mal lesenderweise begegnen möchten.

Hermann Hesse – Gedicht

Regen

Lauer Regen, Sommerregen
Rauscht von Büschen, rauscht von Bäumen.
O wie gut und voller Segen,
Einmal wieder satt zu träumen!

War so lang im Hellen draussen,
Ungewohnt ist mir dies Wogen:
In der eignen Seele hausen,
Nirgends fremdwärts hingezogen.

Nichts begehr ich, nichts verlang ich,
Summe leise Kindertöne,
Und verwundert heim gelang ich
In der Träume warme Schöne.

Herz, wie bist du wund gerissen
Und wie selig, blind zu wühlen,
Nichts zu denken, nichts zu wissen,
Nur zu atmen und zu fühlen!

Durchgeblättert – „FREUD“ v. Corinne Maier u. Anne Simon

Geniessen Sie auch so gerne Ihre Couch, um sich zu entspannen, nachzudenken, zu schlafen oder zu lesen ? Es gibt viele Gründe, dieses sehr bequeme, praktische und « kluge » Möbel besonders im Hinblick auch auf die Psychoanlayse für sich zu entdecken. Vielleicht wäre dies somit der perfekte Anlass, sich « FREUD » zu widmen bzw. ihn erstmals « persönlich » richtig kennenzulernen. Bei « FREUD » handelt es sich um die genial umgesetzte Graphic Novel über das Leben und Arbeiten von Sigmund Freud, welche den Leser in ironisch unterhaltsamer Manier in die Welt der Psychoanalyse einführt und auf eine Reise von Wien über Paris nach London mitnimmt.

Zwei besondere Frauen haben sich Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanlayse, auf ganz aussergewöhnliche Weise genähert, so dass sowohl der interessierte Laie als auch der Kenner begeistert sein werden:
Die « Textarbeit » für dieses ungewöhnliche Projekt übernahm Corinne Maier (geb. 1963 in Genf). Nach verschiedenen Studiengängen vollendete sie ihren Abschluss am Institut d’études politiques de Paris und ergänzte ihre universitäre Karriere mit zwei Diplomen in Internationale Beziehungen und Wirtschaft. Sie ist Historikerin, Soziologin und Psychoanalytikerin, inzwischen praktizierend in Brüssel und Paris. Berühmt wurde sie durch ihren Welterfolg « Bonjour Paresse » (« Die Entdeckung der Faulheit »), das die Strukturen eines grossen französischen Energie-konzerns anprangert. Kurz nach Erscheinen dieses Titels wurde sie von ihrem damaligen Arbeitgeber entlassen und widmet sich seitdem nur noch dem Schreiben und der Arbeit als Psychoanalytikerin.
Für die « Bild- und Zeichenarbeit » bei dieser Graphic Novel ist Anne Simon verantwortlich. Nach ihrem Studium an der École Supérieure de l’Image in Angoulême und bei « Arts Décoratifs » in Paris wurde sie als « Junges Talent » auf dem Féstival d’Angoulême 2004 ausgewählt. Sie hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher bebildert und gehört zu den bekanntesten Illustratorinnen und Comiczeichnerinnen Frankreichs.

Mit ihrem Gemeinschaftswerk « FREUD », das bereits in Frankreich 2011 erschienen ist, geben das Duo Maier und Simon – dank der Übersetzung von Anja Kootz – glücklicherweise endlich ihr Debüt für die deutschsprachige Leserschaft.

Corinne Maier lässt Sigmund Freud sein Leben selbst erzählen. Es ist eine Biographie – bzw. eine « Autobiographie » der Sonderklasse, da Freud zum Ich-Erzähler wird und sich dadurch dem Leser besonders authentisch und greifbar vorstellt :

« Ich bin Freud. Ich bin der Erfinder der Psychoanalyse… Und das war kein Zuckerschlecken, kann ich Euch sagen ! Und kein Strudel… Ihr wisst schon dieses Gebäck aus Wien. »

Natürlich werden wir in diesem Band bei nur 55 Seiten nicht das detaillierte Schaffen dieses Mannes lesenderweise erfassen können. Hier werden die Eckpunkte seines Lebens und die herausragenden wissenschaftlichen Erkenntnisse raffiniert und äusserst klug komprimiert, so dass man trotz der Kürze einen doch sehr kompetenten ersten Eindruck über das Wirken von Sigmund Freud erhält.

Corinne Maier beginnt chronologisch und setzt, wie bereits erwähnt, ihren Schwerpunkt auf die wichtigsten Ereignisse in Freuds Leben. Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Sohn jüdischer Eltern in Freiberg (Mähren, damals Kaisertum Österreich) geboren. Er studierte an der Universität Wien Medizin, lernte Martha – seine erste Frau – kennen, verliebte sich in sie, wollte sie unbedingt sofort heiraten, aber ihre Mutter fand einen Studenten als Schwiegersohn eher unpassend. Somit musste Martha noch etwas warten. Freud forschte weiter, machte mit Kokain seine ersten Experimente und erhielt ein Forschungsstipendium für Paris. Er traf auf Charcot, einem weltbekannten Neurologen, der mit Hypnose bereits Patienten behandelte. Nach der Rückkehr arbeitete er kurzzeitig mit Professor Breuer zusammen, der bereits die Hypnose in einer verfeinerten Form an dem Fall Anna O. ausprobierte, der jedoch nicht so erfolgreich endete, wie man gedacht hatte. Freud dagegen entwickelte seine eigene Methode bei der die Patienten sich auf einen Diwan legen sollten:

« Sprechen Sie aus, was Ihnen durch den Kopf geht. »… « Die Hypnose ist gar nicht nötig. Es genügt den Patienten frei reden zu lassen.»

Dies war die « Geburt » der Psychoanalyse, eine « revolutionäre » Erfindung zur Heilung von Nervenkrankheiten, die nicht nur für das Leben von Sigmund Freud, sondern auch für die ganze Menschheit eine damals noch nicht vorhersehbare Bedeutung erlangen würde.

Corinne Maier und Anne Simon erklären uns auf so humorvolle und intelligente Weise spielerisch die Theorien Sigmund Freuds. Wir lernen u.a. den Ödipus-Komplex kennen, den Todestrieb und den Penisneid. Die erstaunlich prägnanten und kurzweiligen Sprechblaseninhalte von Corinne Maier und die grandiose zeichnerische Plastizität erzeugt durch einen Hauch naiver Malkunst durch Anne Simon machen diese Graphic Novel zu einem echten Hingucker und schenken uns ein sehr grosses Lesevergnügen.

Es gelingt den beiden Künstlerinnen die Komplexität der Welt Sigmund Freuds in eine gleichzeitig absolut vergnügliche und lehrreiche Form zu packen. Dieses Album ist eine perfekte kleine Einführungsstunde in die Psychoanalyse und ihren Erfinder. Es gibt Einblicke in die damalige Zeit und zeigt einen Mann, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu den grössten Visionären seiner Epoche gehörte und dadurch ein sehr nachhaltiges und wichtiges Erbe hinterlassen konnte. Selbst im 21. Jahrhundert, wie er selbst sagt: « …braucht man mich immer noch… ».

Dieses Buch ist sowohl ein wunderbarer Einstieg für diejenigen, die Freud noch nicht wirklich kennen, als auch ein nicht minder amusantes und interessantes Werk für den echten Insider. Lebendig und bunt – wobei hauptsächlich die Farben rot, orange, braun und grün im Vordergrund stehen – präsentiert sich diese sehr gelungene « Kontaktaufnahme » mit einem der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Worauf warten Sie noch, verehrter Leser ? Sie dürfen sich jetzt mit « FREUD » auch auf den Diwan legen und Sie werden es nicht bereuen, denn selten konnte man mit so viel Spass Information und Wissen durch Bilder und Wörter erlesen, wie bei diesem äusserst gelungenen und gestalterisch sehr ansprechenden Buch-Projekt!

Durchgelesen – „Sommertöchter“ v. Lisa-Maria Seydlitz

Erinnerungen an eine im ersten Augenblick harmonisch wirkende Kindheit, obwohl bereits Einsamkeit und Verlust eine tragende Rolle spielen, und ein unerwarteter Familienzuwachs sind die Hauptelemente in diesem grandiosen Erstlingsroman.

Lisa-Maria Seydlitz wurde 1985 in Mannheim geboren. Sie studierte an der Universität Hildesheim und an der Université de Provence Aix-Marseille. 2008 war sie Stipendiatin bei dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Jetzt ist ihr erster Roman mit dem Titel « Sommertöchter » erschienen, der uns von einer bis jetzt noch weitgehend unbekannten und jungen, aber literarisch bereits sehr reifen Schriftstellerin präsentiert wird.

Der Roman spielt in Deutschland und Frankreich. Die Geschichte hat zwei ineinander verschlungene Erzählstränge, die zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit bzw. der Erinnerung « pendeln ». Die Vergangenheit hat ihren « Raum » in einem schönen Haus mit einem grossen Garten in einer nicht genannten deutschen Stadt. Die Gegenwart spielt kurz in einer kleinen Wohnung in der gleichen ungenannten Stadt aus der Erinnerung und sie führt in einen kleinen Ort namens Coulard in Frankreich, genauer in der Bretagne.

Die Hauptperson ist Juno, eine junge Frau, die acht Jahre nach dem Tod ihres Vaters einen Brief aus Frankreich erhält, in dem ihr mitgeteilt wird, dass sie ein kleines Fischerhaus in der Bretagne geerbt hat. Der Brief ganz ohne Absender, dafür mit einem kleinen Polaroidfoto und darauf die Adresse für das abgebildete Häuschen, macht neugierig:

« Ob ich das Haus verkaufen wolle oder renovieren und an Touristen vermieten, lese ich, die Schrift sieht unsicher aus, als wüssten die Buchstaben und Wörter nicht, ob sie wirklich zusammengehören. »

Juno ist doch irgendwie irritiert, sie kennt weder den Ort, noch weiss sie, warum sie ein Haus erben sollte. Sie recherchiert, findet im Internet das Dorf in der Bretagne. Sie schläft schlecht, überlegt, erkundigt sich bei ihrer Mutter, ob sie Verwandte in Frankreich hätte und ob ihr Vater dieses Haus eventuell kannte. Doch die Mutter verneint alle Fragen. Juno spürt, dass ihre Mutter keinesfalls die ganze Wahrheit erzählt und entschliesst sich, nach Coulard zu fahren.

Nach einer langen Reise erreicht Juno diesen besagten Ort. Der Hunger führt sie in eine kleine Bar, die « Bar du Matin ». Ausser der jungen Kellnerin und ihr ist niemand in dem Mini-Restaurant. Sie bestellt « Moules frites » und versucht, die Kellnerin nach dem Haus zu fragen. Allerdings erhält sie keine Antwort, aber Juno findet trotzdem ihr Erbstück :

« Ich gleiche das Haus, vor dem ich stehe, mit dem Polaroid aus dem Briefumschlag ab. Ein kleiner Schornstein, ein rotes Dach, ein Apfelbaum. Seegrüne Fensterläden, die auf dem Polaroid noch braun sind. Und neben der Tür wachsen links und rechts Lavendelsträucher, wie frisch gepflanzt, auch sie fehlen auf dem Polaroid. Der Geruch nach Terpentin, zwei Metalleimer unter dem Fenster, an den Borsten des Pinsels eingetrocknetes Seegrün. »

Sie blickt in die Fenster, sperrt mit dem Schlüssel, den sie übrigens kurz vor ihrer Abreise noch von ihrer Mutter bekam, die Tür auf und hört unerwartet Stimmen und Musik. Nicht nur die Tatsache, dass hier bereits jemand Unterschlupf gefunden hat, überrascht sie sehr, sondern auch die Erkenntnis, dass sie schon einmal mit ihren Eltern hier gewesen sein muss. Dieses Haus war eine Überraschung, ja ein Geschenk ihres Vaters an ihre Mutter und sie. Juno erinnert sich an diesen einen Urlaub, aber sie erinnert sich auch an ihre Kindheit, die geprägt und beeinflusst war durch die Krankheit ihres Vaters. Er litt an schweren Depressionen und hatte sich vor acht Jahren das Leben genommen.

Die Reise in die Bretagne, an einen Ort, der ihrem Vater soviel bedeutete, ist nicht nur eine klassische Urlaubsreise nach Frankreich, es ist Juno’s Reise in die Vergangenheit und Erinnerung. Es ist eine « Fahrt » ins Ungewisse und ins teilweise Unbekannte, bei der sie nicht nur eine junge Französin namens Julie trifft, welche sich bereits sehr heimisch in ihrem Fischerhaus eingerichtet hat und sich überraschenderweise als die Kellnerin der « Bar Matin » entpuppt. Wer ist diese Julie eigentlich, und was ist der Grund, dass ihr Vater so viele Geschäftsreisen nach Frankreich unternommen und sich hier dieses kleine Häuschen gekauft hat? Juno findet die Antworten, doch sie muss sich gleichzeitig ihrer teils schönen, aber auch sehr schmerzhaften Erinnerungen stellen…

« Sommertöchter » ist ein wundervolles Buch, auch wenn es von einer durchaus starken, aber auch irgendwie optimistisch anmutenden Traurigkeit begleitet wird. Der Titel verspricht eine gewisse Sommerleichtigkeit und Frische. Man stellt sich junge Frauen in langen Gewändern vor, die in der strahlenden Sonne am Strand spazieren und sich befreit fühlen. Juno wird dieses Gefühl der Befreiung vielleicht an diesem magischen Ort Coulard erleben können. Diese sehr langsam sich entwickelnde ganz subtile Unbeschwertheit in diesem Roman verspürt auch der Leser, wenn er Juno mit in die Bretagne folgt, obwohl er gleichzeitig auch in ihre Kindheitserinnerungen mitgenommen wird, welche so manche Freude und Hoffnung oft sehr schnell wieder entschwinden lassen.

Lisa-Maria Seydlitz gelingt es auf literarisch sehr hohem Niveau, den Leser durch ihre emotional transparente und leuchtend musikalische Sprache in die Gefühls- und Erinnerungswelten dieser jungen Frau eintreten zu lassen. Dieser Roman ist keine leichte Kost, kein flacher Familienroman, wie wir ihn zu genüge oft finden können. Es ist ein sehr berührendes, faszinierend komponiertes Erinnerungswerk, das den Leser erlaubt, ein gewisses angenehm trauriges Sommergefühl durchleben zu dürfen und es ist ein Buch, das die Kraft besitzt, uns auf sehr einfühlsam poetische Weise auch gleichzeitig zu trösten.

Honoré de Balzac hat einmal gesagt : « Die Erinnerungen verschönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich. » Vielleicht wäre dies das passende Bonmot zu diesem besonderen Erstlingsroman. Juno darf und kann viele emotionale « Andenken » bewahren und damit auch die Gegenwart und die Vergangenheit verschönern, doch bei einigen wehmütigen Kindheitserinnerungen würde sie sich möglicherweise auch für das Vergessen entscheiden, um ihr « neues » Leben so richtig fühlen zu können und zu dürfen.

Sie, verehrter Leser, sollten unbedingt diesen melancholisch schönen und philosophisch intensiven Roman von Lisa-Maria Seydlitz geniessen, die Seeluft der Bretagne lesenderweise « einatmen » und den Sommer einmal mit ganz anderen Augen betrachten…

Durchgelesen – „Venice Beach“ v. Philippe Besson

Ein Buch mit dem Titel « Venice Beach » versprüht eindeutig Lust auf Sonne, Strand und mehr. Gleichzeitig spielt dieser Roman auch noch in Kalifornien, genauer in und um Los Angeles. Die Hauptpersonen sind ein Polizist und ein berühmter Schauspieler. Und somit schliessen wir natürlich spontan daraus, dass es sich hier um einen Krimi mit Urlaubsfeeling handeln könnte. Doch vielleicht sind Sie, lieber Leser – auch wenn es sich hier um eine echte Mordgeschichte handelt – nach den ersten Seiten etwas enttäuscht, denn dieser Roman ist kein klassischer Thriller, sondern eine mehr als aussergewöhnliche Liebesgeschichte.

Philippe Besson – geboren am 29. Januar 1967 in Barbezieux – studierte an der École supérieure de commerce in Rouen und arbeitete ab 1989 in Paris als Jurist und Dozent für Sozialrecht. 1999 begann er mit seinem ersten Roman « En l’absence des hommes », der in Frankreich 2001 erschien und für den Philippe Besson mit dem Prix Emmanuel-Roblès der Académie Goncourt ausgezeichnet wurde. Danach folgten fast im jährlichen Abstand weitere Romane : « L’arrière saison » (2003), « Un garçon d’Italie » (2003), « Les jours fragiles » (2004), « Son frère » (2005) – wurde von Patrice Chéreau verfilmt – , « Un instant d’abondan » (2005), « L ‘enfant d’octobre » (2006), « Se résoudre aux adieux » (2007) und im Jahr 2008 « Un homme accidentel », welcher uns nun aktuell mit dem leider etwas – in Punkto Urlaubsstimmung – verwirrenden deutschen Titel « Venice Beach » dank der Übersetzung von Caroline Vollmann vorliegt. Die Romane von Philippe Besson haben nicht nur in Frankreich einen sehr grossen Erfolg, sondern werden inzwischen in 14 Sprachen übersetzt.

Der Roman wird in der Ich-Form aus der Sicht einer der Hauptfiguren, des Polizeiinspektors, rückwirkend erzählt. Der namenlose Erzähler ist eigentlich glücklich verheiratet mit Laura, einer Bibliothekarin, welche sehr bald ihr erstes Kind zur Welt bringen wird. Er selbst ist ein sehr verantwortungsvoller und gewissenhafter Polizist, der das eher ruhige Arbeitsleben in Beverly Hills zu schätzen weiss und der froh ist, jeglicher Schlägerei aus dem Weg gehen zu können :

« Vielleicht haben mich meine Vorgesetzten deshalb gewählt : Man ahnte, dass ich keinen besonderen Ehrgeiz entwickeln und keinen Zwischenfall provozieren würde, dass ich in der Lage wäre, der Langeweile Widerstand zu leisten, und dass ich mich auf dem Foto gut ausnähme. »

Doch die so angenehme Ruhe in Hollywood ist bald vorbei, als man einen Toten auf dem Cresent Drive findet. Es war ein junger Mann, ermordert durch einen Schlag auf die Schläfe. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Toten um den neunzehnjährigen Billy Greenfield – einem Prostituierten – handelt.

Der Fall musste aufgeklärt werden, der Erzähler und sein irischer Kollege McGill bearbeiteten die Informationen, die sie bis jetzt bekommen konnten. Sie durchkämmten die Wohnung des Toten, welche eher einem ziemlich heruntergekommenen Zimmer glich. Bei der Durchsuchung entdeckte McGill ein kleines Heft, eine Art Notzibuch, das der Erzähler jedoch nur in seine Jackentasche einsteckte ohne eine Auge darauf zu werfen. Am Nachmittag des gleichen Tages besuchte der Polizist endlich seine Frau, nachdem er sie am Abend wegen des Mordes vertrösten musste. Doch der Fall liess ihm keine Ruhe, er sprach mit seinem Kollegen über die Eltern des Toten und plötzlich fiel ihm wieder das Notizbuch ein. Er durchforstete darin alle Einträge und Adressen und entdeckte ganz plötzlich den Namen Jack Bell. Er musste wirklich überlegen, wer Jack Bell eigentlich war und dann erinnerte er sich wieder:

« Nun also Jack Bell. Vierundzwanzig Jahre. Der neue Schwarm von Hollywood. Zwei Blockbuster in Folge in den letzten sechs Monaten. Titelfotos auf Illustrierten ohne Ende. Einige Eskapaden beim Verlassen von Bars. Einige Gerüchte um ein verwüstetes Hotelzimmer. Und Schnappschüsse, auf denen man ihn am Arm eines jungen rothaarigen, magersüchtigen Models erkennt. Vor allem aber das perfekte Bild des Überlebenden. »

Jack Bell wohnte am Maple Drive, einer der besten Adressen von Hollywood. Man hörte nur « Schlechtes » über ihn, was den Polizist nicht verwunderte und genau diese Angebertypen, wie Jack Bell vielleicht einer war, lagen ihm überhaupt nicht. Er musste ihn wegen einer Befragung aufsuchen, war nicht überrascht bezüglich der luxeriösen Wohnverhältnisse und dafür umso mehr erschrocken über seine zurückhaltende Erscheinung. Etwas ermüdet und ausstrahlungsloser als in der Boulevardpresse begegnete Jack Bell ihm gegenüber trotzdem sehr höflich. Nach eindringlicher Befragung stellte sich heraus, dass er Billy Greenfield nicht kannte und sich auch mit ihm zwei Abende davor nicht verabredet hatte. Der Besuch war damit schnell abgeschlossen und der Polizist konnte sich nun endlich auf den Heimweg zu seiner geliebten Frau Laura machen. Er war glücklich mit ihr und freute sich sehr darauf, endlich Vater zu werden.

Am nächsten Tag versuchte Jack Bell den Polizisten nochmals zu erreichen. Er solle erneut bei ihm zu Hause vorbeikommen, er hätte vergessen, ihm etwas Wichtiges zu sagen. Der Polizist ging hin und war etwas irritiert, als Jack Bell plötzlich doch zugeben musste, Billy Greenfield zu kennen und dass dieser als kleiner Drogenlieferant ihn desöfteren mit Gras versorgte. Es war unverständlich für den Polizisten, warum Jack Bell beim ersten Mal gelogen hatte. Aber es war reine Absicht, denn Jack Bell wollte den Polizisten unbedingt wiedersehen, was sogar bei der Verabschiedung des zweiten Treffens wiederholt klar ausgesprochen wurde. Der Polizist war vollkommen durcheinander und lief planlos durch die Stadt. Er musste seine Sinne ordnen, dachte es würde helfen, Jack Bell mit seiner eventuellen Verlobten zu sich nach Hause einzuladen, ihm seine Frau Laura vorzustellen und einen schönen Abend gemeinsam zu verbringen. Doch Jack kam allein und das eigentliche Drama nahm seinen Anfang. Der Polizist verabredete sich am darauffolgenden Tag mit Jack und es war etwas geschehen, was er nie für möglich gehalten hätte :

« Während dieser Stunde, die ich auf ihn wartete, habe ich versucht, den Schlüssel für das unabweisbare Bedürfnis zu finden, das mich zu ihm trieb. Ich habe versucht herauszubekommen, warum ein guter Polizist in ein intimes Verhältnis mit einem bekannten Schauspieler einwilligt, der vielleicht in einem Mord verwickelt ist, und vor allem, warum ein verheirateter Mann, der bald Vater wird, in Begleitung eines zwielichtigen Individuums, von dem er fast nichts weiss, zu einer Spritztour auf der SR-1 aufbricht. In Wirklichkeit bedurfte es keiner grossen Anstrengung, um zu verstehen, was sich da anbahnte, aber einer enormen Anstrengung, um es zuzugeben. »

Obwohl für den Erzähler sein ganzes Leben auf dem Spiel stand, verliebten sich die zwei Männer vollkommen Hals über Kopf ineinander und somit entwickelte sich eine atemberaubende Amor fou zwischen einem heterosexuellen Polizisten und einem potentiellen krimminellen Schauspieler. Eine Liebe, die 18 Tage dauerte und ihren tragischen Höhepunkt am « Venice Beach » erreichen würde…

Dieser Roman ist eine echte literarische Entdeckung, die glücklicherweise endlich nach vier Jahren das deutschprachige Publikum erreicht. Soviel Emotionen – aus der Sicht eines Mannes und vor allem zwischen zwei Männern – wie in diesem Buch findet man selten. Philippe Besson schafft es mit seinem elegant exentrisch drehbuchartigen Stil, der sich durch sehr kurze Sätze und seine besonders sachliche Wortwahl auszeichnet, uns in eine aussergewöhnliche Gefühlswelt eintauchen zu lassen, die wir aus dieser Perspektive sicherlich nicht oft erfahren werden.

Denn Eines muss ganz klar verdeutlicht werden, es handelt sich hier keinesfalls um einen klassischen Schwulenroman. Es ist vielmehr die Geschichte einer vollkommen ungeplanten und unvorhersehbaren gleichgeschlechtlichen Liebe, die vielleicht jeden von uns ereilen könnte, ohne dass wir es uns im jetzigen Moment jemals vorstellen würden und könnten. Deshalb ist der Titel der Originalausgabe « Un homme accidentel », der eindeutig Zutreffendere. Frei übersetzt würde man sagen « Der zufällige Mann » oder « Ein Mann – ein Unfall ». Besonders das Wort « accidentel », was sich von « accident » – übersetzt « Unfall » ableitet, ist der Schlüssel dieses Romans. Philippe Besson bringt es in seiner Geschichte auch ganz klar auf den Punkt : « Nur ein verrückter Unfall war imstande, uns zusammenzubringen. Der gewaltsame Tod von Billy Greenfield ist ein verdammter Unfall gewesen. »

Dieses Buch ist also definitiv kein Kriminialroman. Es ist ein Liebesbekenntnis und eine Lebensgeschichte, die sowohl irritiert, als auch fasziniert, die vollkommen ohne Larmoyanz auskommt und dafür durch ihre unbestechliche Klarheit und schnörkellose Prägnanz hervorsticht und berührt. Ein Werk, das – obwohl der Mord eher in den Hintergrund rückt – durch seine emotionale Spannung und Sogfunktion mehr als beeindruckt.

« Venice Beach » ist ein sehr starker, leidenschaftlicher und bewegender Roman, der zeigt, wie sich ein Leben so plötzlich und unerwartet durch ein tragisches Ereignis verändern kann und am Ende trotz der Tragik nicht nur der Schmerz und die Scham, sondern auch die Liebe in Erinnerung bleibt!

Karl Kraus – Gedicht

Der Reim

Der Reim ist nur der Sprache Gunst,
nicht nebenher noch eine Kunst.

Geboren wird er, wo sein Platz,
aus einem Satz mit einem Satz.

Er ist kein eigenwillig Ding,
das in der Form spazieren ging.

Er ist ein Inhalt, ist kein Kleid,
das heute eng und morgen weit.

Er ist nicht Ornament der Leere,
des toten Wortes letzte Ehre.

Nicht Würze ist er, sondern Nahrung,
er ist nicht Reiz, er ist die Paarung.

Er ist das Ufer, wo sie landen,
sind zwei Gedanken einverstanden.

Er ist so seicht und ist so tief
wie jede Sehnsucht, die ihn rief.

Er ist so einfach oder schal
wie der Empfindung Material.

Er ist so neu und ist so alt
wie des Gedichtes Vollgestalt.

Orphischen Liedes Reim, ich wette,
er steht auch in der Operette.

Wenn Worte ihren Wert behalten,
kann nie ein alter Reim veralten.

Fühlt sich am Vers ein Puls, ein Herz,
so fühlt es auch den Reim auf Schmerz.

Aus allgemeinrer Sachlichkeit
glückt neu der Reim von Leid auf Zeit.

Weist mich das Wort in weitere Fernen
o staunend Wiedersehn mit Sternen!

Der erdensichern Schmach Verbreitung
bedingt dafür die Tageszeitung

und leicht trifft einem irdnen Tropf
der Reim den Nagel auf den Kopf.

Dem Wortbekenner ist das Wort
ein Wunder und ein Gnadenort.

Der Reim, oft nur der Verse Leim,
ist der Gedanken Honigseim.

Hier bietet die Natur den Schatz,
dort Technik süßeren Ersatz.

Ein Wort, das nie am Ursprung lügt,
zugleich auch den Geschmack betrügt.

Dort ist’s ein eingemischter Klang,
hier eingeboren in den Drang.

Sei es der Unbedeutung Schall:
ein Schöpfer ruft es aus dem All.

Dort deckt der Reim die innre Lücke
und dient als eine Versfußkrücke.

Hier nimmt er teil am ganzen Muß,
die Fessel eines Genius,

Gebundnes tiefer noch zu binden.
Was sich nicht suchen läßt, nur finden.

was in des Wortglücks Augenblick,
nicht aus Geschick, nur durch Geschick

da ist und was von selbst gelingt,
aus Mutterschaft der Sprache springt:

das ist der Reim. Nicht, was euch singt!

(aus Worte in Versen I. – IX.)

Durchgeblättert – „Stadt der Bücher“ v. Ilija Trojanow u. Anja Bohnhof

Eine Stadt der Bücher ist doch der Traum für jeden bibliophilen Menschen. Doch wo finden wir diese Orte, an denen Bücher zu den wichtigsten « Einwohnern » zählen? Es gibt sie verteilt auf der ganzen Welt und teilweise sind diese Orte eher klein und unscheinbar. Das erste Bücherdorf entstand 1961 in Wales : Haye-on-Wye. Aber auch in Frankreich gibt es einen entzückenden Ort – Charité-sur-Loire – mit erstaunlich vielen Buchhandlungen, der sich Stadt der Bücher nennt. Doch Trojanows « Stadt der Bücher » liegt nicht in Europa, sondern in Indien, genauer in einem gerade mal zwei Quadratkilometer grossen « Stadtteil » von Kalkutta.

Ilija Trojanow – geboren am 23. August 1965 in Sofia (Bulgarien) – floh mit seiner Familie 1971 nach Deutschland. Von 1972 ab verbrachte er seine Kindheit in Kenia, kehrte für die Schulausbildung von 1977 – 1981 nochmals nach Deutschland zurück und lebte anschliessend bis 1984 in Nairobi, wo er auf der Deutschen Schule auch sein Abitur ablegte. Er ging für ein Jahr nach Paris und studierte anschliessend Rechtswissenschaft und Ethnologie an der Universität München. Das Studium brach er ab, dafür gründete Trojanow in München zwei Verlage, die sich auf afrikanische Literatur spezialisierten. Ab 1999 zog er für einige Jahre nach Mumbai und beschäftigte sich intensiv mit Indien. Die Jahre 2003 bis 2007 verbrachte er wieder in Afrika (Kaptstadt). Inzwischen lebt er in Wien. Trojanows Gesamtwerk besteht aus Sachbüchern, Reiseführern, Reportagen, einem Science-Fiction-Roman und vielen Schriften über Afrika. Eines seiner berühmtesten und bekanntesten Werke ist sicherlich « Der Weltensammler ». Trojanow wurde mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen – wie zum Beispiel der Marburger Literaturpreis (1996) und der Preis der Leipziger Buchmesse (2006) – geehrt. Seine ganz aktuelle Veröffentlichung « Stadt der Bücher », welche er zusammen mit der Fotografin Anja Bohnhof gestaltet hat, führt ihn und uns Leser in Trojanows alte Heimat Indien zurück.

Wenn man an Kalkutta denkt, hat man zuerst Bilder von Armut und Überbevölkerung vor Augen. Mit 4,1 Millionen Einwohnern ist Kalkutta die siebtgrösste Stadt Indiens und mit einer Agglomeration von über 14 Millionen der drittgrösste Ballungsraum des Landes. Kalkutta ist nicht nur Industrie-, sondern auch eine für Indien wichtige Bildungs- und Kulturstadt, geprägt durch seine zahlreichen Universitäten, Theater, Kinos, Museen und Galerien. Somit ist es gar nicht so unverständlich, dass hier sehr viele Druckereien, Verlage und Buchhandlungen ihren Hauptstandort gefunden haben.

In dieser Stadt herrscht eine ganz besondere Buchkultur, die man sich vielleicht als Europäer nie hätte erträumen lassen. Entlang der College Street – eine Art Universitätsviertel – im Norden von Kalkutta gibt es mehr als 5000 Buchläden. Für Trojanow hat dieser « Ort » noch eine ganz andere Bedeutung:

« College Street ist keine Strasse, es ist kein Viertel und keine Hochschule ; College Street ist das Versprechen, jedes Buch zu finden, das man begehrt. Dieses Versprechen druchdringt wie der Ruf eines allgegenwärtigen Marktschreiers jede Nische eines Labyrinths, das von den Hauptstrassen in die Nebenstrassen und Seitengassen führt, ein Labyrinth aus bedrucktem Papier ; von den Bürgersteigen zu den Durchgängen, von Türen über Treppen bis hinauf zu vollgestopften Dachgeschossen stapeln sich Bücher zu Fassaden, Ecken und Erkern. »

Dieses besondere Fleckchen Erde mit seiner immensen Fülle und Dichte an Büchern, mit seinen verschiedenen Kiosken und « Buchläden » dürfen wir nun in diesem traumhaft schön gestalteten Bildband dank des aussergewöhnlichen Fotomaterials von Anja Bohnhof voller Faszination und Bewunderung besichtigen.

Anja Bohnhof – geboren 1974 in Hagen – studierte an der Bauhaus-Universität Weimar Fotografie. Sie hat einen Lehrauftrag an der FH Köln und ist daneben als freiberufliche Fotografin tätig. Ihre Arbeiten wurde nicht nur durch zahlreiche Stipendien und Förderpreise ausgezeichnet, sondern werden auch in internationalen Ausstellungen und Sammlungen regelmässig präsentiert.

« Stadt der Bücher » ist ein geniales Projekt, das zwei ganz beeindruckende Künstler zusammengeführt hat. Trojanow, der Sprachzauberer, der jede Lebensstimmung – wo auch immer auf der Welt – besonders authentisch einfangen und literarisch äusserst feinfühlig beschreiben kann. Und Anja Bohnhof, eine Fotografin, die ihre Objekte zielstrebig in den Focus nimmt und im absolut perfekten Moment auf den Auslöser drückt. Sie arbeitet mit der Grossformattechnik und vermischt hier in diesem Buch ganz raffiniert menschenvolle Szenen mit menschenleeren Ansichten. Durch die extrem hohe Präzision rücken somit das Buch und der dazugehörige Verkaufsort ohne jegliche Ablenkung in den absoluten Mittelpunkt. Wir entdecken die unterschiedlichsten Verlagsprogramme, Sortimentsschwerpunkte, Farbenkonzepte und Grössen im Hinblick auf die sogenannten « Verkaufsräumlichkeiten ». Es gibt selten Regale. Die Bücher werden einfach gestapelt und übereinander geschichtet. Man hat das Gefühl, als wären die Bücher ihr eigener Architekt, gestalten ihr « Ladenbausystem » durch sich selbst und präsentieren sich in kunstvollen « Pyramiden » und « Turmbauten », wie wir sie selten in europäischen Buchhandlungen wiederfinden werden.

Wichtig ist zu erwähnen, dass man hier als Kunde nicht einfach selbst in den Büchern schmökern kann. Hier hat der Kundenservice noch eine echte Bedeutung, denn der potentielle Käufer bringt seinen Bücherwunsch bei dem jeweiligen Buchhändler vor. Dieser sucht dann in seinem Sortiment nach dem gewünschten Titel. Und gerade bei der doch teilweise für uns etwas eigenwilligen und gewöhnungsbedürftigen Ordnungssystematik der Bücher, ist es um so bewundernswerter, wenn dieser Titel in kürzerster Zeit und vor allem ganz ohne Technik gefunden wird. Diese « Buch-Stadt » ist eben mehr als nur eine reine Ansiedlung von Tausenden von Buchhändlern, Verlagen und Druckern. Hier wird das gedruckte Wort nicht nur hergestellt und verkauft, sondern auch gelebt. Das Buch wandert  – wie auch Trojanow feststellt – hier nicht nur als Ware über den « Ladentisch », es wird vor allem respektiert und als ein echtes Kulturgut behandelt!

« Die Stadt der Bücher » ist ein so schöner kleiner Bild- und Textband, dass man es gar nicht in Worte fassen kann. Ilija Trojanow gelingt es mit seiner so angenehmen Unaufgeregtheit und seiner Begeisterungsfähigkeit uns Leser in diese magische Bücherwelt zu entführen. Doch nicht nur seine stimmungsvollen Berichte, sondern vor allem die farbenprächtigen und intensiven Bilder von Anja Bohnhof lassen uns erst die Bedeutung der Bücher in dieser Stadt nachspüren. Treten Sie ein in das bunte Bücher-Labyrinth Kalkuttas, Sie werden nicht nur verzückt staunen, sondern sich bestimmt – mit einem besonders wohligen Gefühl – gerne durch diese Bücherstraßen treiben lassen …

Durchgelesen – „Roman in Fragen“ v. Padgett Powell

Ist ein Roman ein Roman, wenn er nur aus Fragen besteht ? Stört es uns als Leser, wenn wir keinen Helden vorfinden und eine konkrete Handlung fehlt? Können wir uns überhaupt nur auf Fragesätze konzentrieren ? Wo bleiben eigentlich die Antworten dazu? Sind Sie, als Leser, bereit für weitere Fragen ? Ja ! Dann sollten Sie sich schnellstens dieses Buch besorgen !

Padgett Powell, geboren am 25. April 1952 in Gainesville Florida, zählt zu den interessantesten Südstaaten-Schriftstellern der USA. Seine erste Erzählung « Edisto » entstand 1984, wurde für den American Book Award nominiert und in Auszügen im « New Yorker » abgedruckt. Powell veröffentlicht in den nächsten Jahren noch weitere Erzählungen, Short-Story–Sammlungen und 2009 den Roman « The Interrogative Mood. A novel ? », welcher nun ganz aktuell durch die herausragende Übersetzung von Harry Rowohlt dem deutschsprachigen Publikum präsentiert wird. Powell schreibt unter anderem auch im « Esquire », « Harper’s Magazin », « The Paris Review » and « The New York Times Book Review ». Er wird mit zahlreichen Auszeichnungen – unter anderem mit dem « Whiting Writers’ Award » – geehrt. Seit 1984 unterrichtet Padgett Powell an der University of Florida.

« Sind Ihre Gefühle rein ? Sind Ihre Nerven anpassungsfähig ? Wie stehen Sie zur Kartoffel ? »

Mit diesen drei Fragen beginnt nun das Wunderwerk « Roman in Fragen » von Padgett Powell. Es ist tatsächlich ein Wunderwerk, denn wie könnte man anders einen Roman, wenn es überhaupt einer ist, bezeichnen, der uns auf über 180 Seiten nur mit Fragen konfrontiert.

Anfänglich liest man schwungvoll ein Wort nach dem anderen und stellt sich über kurz oder lang selbst die Frage, was Gefühle, Nerven und Kartoffeln eigentlich so gemeinsam haben könnten. Man schüttelt zuerst vollkommen verständnislos und irritiert den Kopf und fängt am Besten nochmal ganz langsam von Vorne an. Und dann wieder, diese Fragen, aber plötzlich bewegt sich etwas beim Lesen. Das Auge sieht nicht nur mehr das kurvige Fragezeichen am Satzende, sondern man fängt an die Fragen lesenderweise auf sich wirken zu lassen und sie insgeheim oder auch laut vor sich hin sprechend zu beantworten.

Es beginnt ein Spiel und es erinnert ein kleines bisschen an das berühmte « Questionnaire » von Marcel Proust. Doch trotzdem ist es anders, denn es sind viele Fragen, manchmal zu viele, und einige wiederholen sich auch noch, und man fragt sich ernsthaft, warum jetzt schon wieder :

« Fühlen Sie sich in einer Hose mit Tunnelzug wohl ? »

Und auch nach dem zweiten oder dritten Mal, bleibt diese Frage die gleiche und man kann auch sie nur mit ja oder nein beantworten. Es gibt aber auch viele Fragen, die mehr als ein Ja und Nein von uns Leser abverlangen. Das sind Fragen, die ein sehr intensives Nachdenken erfordern und vielleicht eine fundierte Antwort benötigen, oder auch nicht:

« Können Sie alles auflisten, wovor Sie Angst haben, oder ist es leichter, alles aufzulisten, wovor Sie keine Angst haben oder haben Sie vor gar nichts Angst, oder haben Sie im Wesentlichen vor allem Angst ? »

Powell stellt endlos viele Fragen: über das Aussehen, das Essen, die Gefühle, die Gewohnheiten, die Welt und die Liebe, kurzum über das ganze Leben. Der Fragende könnte und dürfte ein Mann sein, aber trotzdem  sind die Fragen nicht nur auf dieses Geschlecht abgezielt, sondern teilweise sehr weiblich und meistens jedoch geschlechtsunspezifisch. Sie gehen durchaus manchmal sehr ins Private, ja fast schon ins Intime, werden aber mit rationalen und sachlichen Fragen im Anschlus gleich wieder neutralisiert.

Der Fragende verspürt oft beim Leser eine gewisse Unsicherheit, ob dieser überhaupt versteht bzw. verstehen kann, warum er ihn all dies so direkt fragen muss :

« Bereiten Ihnen Socken Sorgen, die farblich zwar durchaus, in subtilerer Hinsicht jedoch nicht zur übrigen Kleidung passen ? Ist Ihnen klar, was ich damit meine ? Ist Ihnen klar, warum ich Ihnen all diese Fragen stelle ? Ist Ihnen, meinen Sie, überhaupt vieles klar, oder nur sehr wenig, oder schwimmen Sie irgendwo dazwischen im trüben Meer des Erwartbaren ? Sollte ich « im trüben Meer der Geistesgegenwart » sagen ? Sollte ich weggehen ? Sie in Frieden lassen ? Sollte ich mit meinen Fragen nur mich selbst behelligen ? »

Nach diesen Zeilen, weiss man nun letztendlich, ob man sich mit diesen Fragen weiterhin belästigen lassen will, oder nicht. Eines ist ganz klar, es mag Leser geben, die fühlen sich bereits nach den ersten Seiten vollkommen genervt von dieser ewigen Fragerei und brechen dieses literarische « Kunstwerk » ab. Sie werden es auf jeden Fall bereuen, denn so schnell wird uns Leser nichts mehr vergleichbar Geniales in der Welt der Literatur über den Weg laufen, als dieser sogenannte Fragen-Roman.

Dieses Buch hat nur dann einen literarisch praktischen Sinn, wenn man sich auf diese Fragen einlässt, ja sie vollkommen unvoreingenommen zulässt. Spätestens ab diesem Moment beginnt das eigentliche Vergnügen. Es ist wie eine psychologische Lebensübung, die wahre Wunder bewirkt. Nie haben Sie nach einer Lektüre so viel über sich selbst erfahren, wie durch Powells verrücktes Buch. Sie denken über Themen nach, die Sie sicherlich öfters verdrängt oder einfach vergessen haben, wie es uns auch mit folgenden Fragen ganz konkret klar gemacht wird :

« Wie oft fragen Sie sich : « Was habe ich vergessen ? » ? Wie oft zeigt sich, dass Sie, wenn Sie sich fragen, was Sie vergessen haben, dass Sie etwas vergessen haben ? Wie oft, wenn Sie sich fragen, was Sie vergessen haben und es sich zeigt, dass Sie etwas vergessen haben, veranlasst Sie die Frage dazu, sich daran zu erinnern, was Sie vergessen haben ? »

Sind Sie, verehrter Leser, nun endgültig aufgeklärt, warum man dieses Buch unbedingt lesen sollte ? Zur Ergänzung muss man noch hinzufügen, dass es sich mit « Roman in Fragen » nicht nur um ein echtes Meisterwerk handelt. Es ist ein literarischer Coup, spannend wie ein Krimi, denn Sie wissen nie, welche Frage als nächstes kommt, witzig wie eine Komödie, denn wann können Sie so unkompliziert und spontan über sich selbst lachen und intelligent, wie ein Psychologiebuch, das Selbstanalyse selten so einfach und praktisch gefördert hat. Das Werk ist sprachlich grandios, stilistisch exotisch, inhaltlich etwas surrealistisch und deshalb fühlt man sich während des fragenfüllenden Romankonstrukts  besonders wohl, wenn man als Leser eine ausgeprägte Schwäche für geniale Köpfe und Künstler wie zum Beispiel George Perec und René Magritte hat.

« Roman in Fragen » ist ein wunderbar raffiniertes, philosophisches, komisches und melancholisch verrücktes Buch, das man am Besten jedes Monat oder zu mindest einmal im Jahr durcharbeiten sollte. Die Fragen bleiben zwar irgendwie die Gleichen, aber Ihre Antworten werden sich sicherlich ändern. Doch noch wichtiger ist die dadurch entstandene Motivation, endlich selbst das Zepter in die Hand zu nehmen und Sätze mit diesem so lebendigen Fragezeichen zu kreieren. Deshalb hören Sie niemals auf, sowohl vor als auch nach der Lektüre, Fragen zu stellen, denn sie lösen Denkblockaden, befreien von geistigem Unrat und beflügeln das echte Leben. Nehmen Sie Platz im Fragenkarussell, lassen Sie sich mitreissen und probieren Sie das « Fragenspiel » gleich mal ganz pragmatisch bei Ihrem Buchhändler des Vetrauens aus: Kennen Sie Padgett Powell ? Haben Sie sein aktuelles Buch schon gelesen ? Würden Sie diesen Roman Ihren Freunden empfehlen ?…

Durchgelesen – „Vatertag“ v. Günter Grass

Der Vatertag fällt immer auf einen richtigen Feiertag, dem sogenannten « Himmelfahrtstag », wobei der Vatertag ja auch ein Tag zum Feiern ist, jedoch nicht nur für echte Väter, sondern für Männer ganz allgemein. Es ist der Tag, an dem sich das männliche Geschlecht hemmungslos austoben kann. Der Bollerwagen wird entstaubt und das Bier kaltgestellt, um das Leben zu geniessen ohne das weibliche Geschlecht. Denn bei diesen « Feierlichkeiten » haben Frauen nun gar nichts verloren. Doch nicht alle Frauen halten sich daran, vor allem wenn sie glauben, sie sind wesentlich männlicher als jeder Mann, wie die vier ungewöhnlichen Freundinnen, die dem neugierigen Leser nun in einer traumhaftschönen und bibliophilen « Extra-Ausgabe » der Geschichte  « Vatertag »  von Günter Grass vorgestellt werden.

Günter Grass (geboren am 16. Oktober 1927 in Danzig) ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Bildhauer und Maler. Er war Mitglied in der Gruppe 47 und gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart. Er wurde mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen geehrt und erhält 1999 den Nobelpreis für Literatur. Zu seinen wichtigsten Werken zählt die « Danziger Trilogie » (« Die Blechtrommel » 1959, « Katz und Maus » 1961 und « Hundejahre » 1963). Neben den Romanen « Die Rättin », « Ein weites Feld » und « Mein Jahrhundert » entstehen nicht nur Lyrikbände, Theaterstücke, Reden, Aufsätze und Essays, sondern auch eine Fülle von bildhauerischen, lithograhischen und malerischen Kunstwerken, welche die Vielseitigkeit seiner künstlerischen Kreativität erst verdeutlichen.

Eigentlich handelt es sich bei « Vatertag » um ein Kapitel (« Im Achten Monat ») aus dem Roman « Der Butt », der 1977 veröffentlicht wurde. Doch dieses Kapitel ist wie eine separate Geschichte, die der Erzähler im « Butt » aus einer sehr distanziert beobachtenden Position heraus schildert und somit wunderbar auch separat als eine Art eigenständiges Prosastück gelesen werden kann.

« Der Vatertag » spielt am Himmelfahrtstag im schönen Berliner Grunewald. Vier Freundinnen – Billy, Fränki, Siggi und Mäxchen – wollen unbedingt und vor allem auf ganz besondere Weise diesen Vatertag feiern, denn sie « hielten sich alle für anders geartet ». Sie hatten festgestellt, dass Männer immer nur das Eine wollen und davon hatten sie die Nase voll. Ab sofort tranken sie nur noch Bier aus der Flasche, Schnäppse in Unmengen und kleideten sich wie es sich für einen echten Mann gehört. Die Eine mit Zylinder, die Anderen mit Melone, Filz oder Schlägermütze, denn die Kopfbedeckung war ein wichtiges männliches Accessoire. Spätestens als sie sich zwischen den Männermassen am Grunewaldsee wiederfinden, war die Bedeutung der Kopfbedeckung eindeutig zu erkennen. Die vier Damen in Hosen zeigen sich von ihrer männlichsten Seite, sogar beim Pinkeln finden sie Lösungen, die selbst in ihren eigenen Reihen für Erstaunen sorgen :

« Nicht etwa in üblicher Strullhocke gab es seinem Bierblasendruck nach, sondern bereitbeinig stehend als klassischer Mann begann das Mäxchen, an einem hellgeflammten Kiefernstamm sein Wasser abzuschlagen, indem es seine Jeans den Schlitz zum Hosenstall öffnete und einen rosafarbenen Pimmel mit Griff wie gelernt in zielgerechte Lage brachte. …. Das brachte Spass und Staunen. Fränki wollte das Wunderdings auch haben, anfassen, sich mit Saugverschluss draufstülpen, den dollen Hecht mal ausprobieren. « Mann ! Wo haste den her ? Was ? Aus Dänemark ? Für neunzehn achtizg nur ? Muss ich haben, unbedingt haben. » »

Die Vier lassen es richtig krachen, so dass die eigentlich braven Muttersöhnchen, die an so einem Festtag endlich einmal aus sich herausgehen und es gar nicht glauben können, wie männlich ein « Mann » sein kann. Die Männer beobachten dieses Vierergespann, wundern sich über akrobatische Einlagen wie eine Freundschaftspyramide und fordern mehr ! Die Stimmung bzw. das Blatt wendet sich und Fränki, Billy, Siggi und Mäxchen provozieren ihre « Bewunderer » und machen sie nieder, was das Zeug hält. Doch bald rächt sich diese Attacke und der Vatertag endet für die vier Lesben mit absolut unvorhersehbaren und dramatischen Folgen…

« Vatertag » ist eine schräg realistische Geschichte, die nicht nur als eine Provokation verstanden werden könnte, sondern sich vor allem mit dem Thema Männlichkeit und Andersartigkeit auf äusserst raffinierte und kurios tragische Weise beschäftigt. Günter Grass brilliert mit seiner geradlinig kunstvollen Sprache und seiner Fabulierlust, die jeden Grass-Kenner immer wieder begeistert und von neuem nachhaltig fasziniert. Besonders gelungen ist in diesem kleinen edlen Leinen-Bändchen die Kombination von Prosatext und hochkarätigen Kunst-Abbildungen, welche aus dem Lithographien-Zyklus « Vatertag » (1981-1982) entnommen wurden. Hier treffen Sprach- und Bildkunst aufeinander, was nicht nur Grass-Verehrer, sondern auch Leser schön gestalteter Bücher erfreuen dürfte.

« Vatertag » ist sicherlich ein wunderbares Geschenk für jeden literarisch interessierten Mann – Vater oder auch nicht – zum besagten Feier- bzw. Festtag ! Dieses grandiose kleine Werk empfehlt sich – davon unabhängig –  grundsätzlich als besonders wertvolle und bereichernde Lektüre für jeden anspruchsvollen Buch- und Kunstliebhaber, der sich nicht nur an die Grass’sche Prosa zum ersten Mal heranwagen, sondern diese auch gerne wieder einmal lesenderweise « auffrischen » möchte.

Durchgelesen – „Das Rote Zimmer“ v. August Strindberg

Für Franz Kafka war er « der ungeheure Strindberg ». Für den Literaturliebhaber war bzw. ist August Strindberg nicht nur der bekannteste schwedische Schriftsteller, sondern auch ein grandioser Dramatiker und vor allem ein konsequenter Satiriker.

August Strindberg wurde am 22. Januar 1849 in Stockholm geboren und starb auch in dieser Stadt am 14. Mai 1912, also genau vor 100 Jahren ! Dieses « Jubiläum » könnte bzw. sollte ein idealer Anlass sein, einen der wichtigsten schwedischen Schriftsteller neu bzw. wieder zu entdecken.

August Strindberg wuchs mit seinen sieben Geschwistern in einer mittelständischen Familie auf. Sein Vater war Dampfschiffkommissionär und seine Mutter die ehemalige und vierzehn Jahre jüngere Hausangestellte. Durch den Beruf des Vaters musste er innerhalb der ersten 20 Jahre mehr als zehnmal umziehen. Obwohl die Familie sehr viel Wert auf Kunst und Bildung legte und Hausmusikabende zum allgemeinen Familienleben gehörten, spielte August Strindberg als einziger der Kinder kein Instrument. Er interessierte sich eher für die Naturwissenschaften. Auf dem privaten Gymnasium, das er in Stockholm besuchte, begeisterte er sich vor allem für die Fächer Naturkunde und Französisch. 1867 legte A. Strindberg sein Abitur ab und begann sein Studium « Ästhetik und lebende Sprachen » in Uppsala. Dazwischen kam noch ein kurzer Nebenschauplatz wie das Medizinstudium und der Versuch, Schauspieler zu werden, hinzu. Doch letztendlich wollte er sich für sein erstes Studium entscheiden, musste dieses jedoch nach zwei Jahren aus finanziellen Gründen wieder aufgeben. Während dieser Studienzeit begann er zum ersten Mal mit dem Schreiben. Er bekam für ein Jahr eine Stelle als Redakteur bei einer schwedischen Zeitung in Stockholm. Danach wurde er Sekretär bei der Königlichen Bibliothek. Im Jahre 1879 gelang ihm dann der literarische Durchbruch mit seinem satirischen Gesellschaftsroman « Das Rote Zimmer ».

Unabhängig von seinem sehr bewegten Privatleben (drei Ehen) und seinem beruflichen Erfolg, war er eine sehr gespaltene und suchende Persönlichkeit. Er wurde oft von Wahnvorstellungen, Realitätsverlust und Depressionen geplagt. Doch genau diese psychischen Probleme bzw. Veranlagungen werden oft als die Basis in seinem teilweise sehr biographischen Werk betrachtet. August Strindberg gehört nicht nur zu den berühmtesten schwedischen Autoren, sondern auch zu den produktivsten. Er verfasste insgesamt mehr als 60 Dramen, zehn Romane, zehn Novellensammlungen und hinterließ ungefähr 8000 Briefe.

« Das Rote Zimmer » spielt in Stockholm ungefähr um 1870. Der Hauptprotagonist ist der äusserst gutgläubige und junge Mann Arvid Falk. Auf der Suche nach Freiheit und Wahrheit entscheidet sich Falk dafür, seine Beamtenlaufbahn aufzugeben und « Literat » zu werden. Doch sein schwierigster « Gegner » im Bezug auf seine berufliche Neuausrichtung ist sein älterer und sehr dominierender Bruder Carl Nikolaus Falk, der als Kaufmann grosse Erfolge hat und sein Leben nach einer absolut konservativen Gesellschaftsordnung orientiert, welche er auch sehr klar seiner Frau zu vermitteln versucht :

« Es ist gut, mein Schatz, dass du schlechte Gesellschaft meidest. Nichts ist für den Menschen so gefährlich wie schlechte Gesellschaft. Das sagte weiland schon mein Vater und heute ist dies eines meiner striktesten Prinzipien. »

Arvid wird um das Erbe seines Vaters durch seinen älteren Bruder betrogen, deshalb muss er sich dringend eine bezahlte und vielleicht sogar weniger literarische Aufgabe suchen. Es gestaltet sich als sehr schwierig für Falk, seinen Lebensunterhalt schreibender Weise zu verdienen. Glücklicherweise trifft er auf den Verleger Smith, der ihm auch gleich einen Auftrag erteilt. Falk darf für ihn eine Art Werbeprospekt erstellen, das zur Förderung des Absatzes von Überseetransportversicherungen eingesetzt werden soll. Doch seine ideologischen Grundsätze verbieten ihm diesen Job und somit gibt er diesen Auftrag an den Philosophen Ygberg weiter, der sich dadurch vom Hungertod retten kann.

Doch nicht nur den Philosophen Ygberg, sondern auch einen Landschaftsmaler, der nach erfolglosen Jahren endlich die künstlerische Anerkennung erfährt, die er auch verdient hat, lernt Falk kennen. Er trifft dazu noch einen Bildhauer, der sich von seiner Handwerkskunst abwendet und nur noch auf die Philosophie stürzt, welche ihn jedoch in den Selbstmord führt. Und dann gibt es noch einen Journalisten namens Struve, der für Falk zu einem wirklichen Freund wird und den Arzt Doktor Borg, der sich um Falk’s angeschlagene Psyche kümmert. Man trifft sich regelmässig in einem sogennanten Künstlerkreis im « Roten Zimmer » eines richtigen Bohémien-Gasthauses, diskutiert über die Gesellschaft und das Leben und beobachtet dabei die noch ärmeren Künstler. Doch kann Arvid Falk langfristig dieses Künstler- bzw. Literatenleben durchhalten…?

« Das Rote Zimmer » ist nicht einfach nur ein klassischer Gesellschaftsroman, nein es ist eine durch und durch genial konstruierte Gesellschaftssatire. Auch wenn die eigentliche Handlung sich nicht immer ganz klar wie ein roter Faden durchzieht, lernen wir in 29 Kapiteln das künstlerische, soziale und ökonomische Leben in Stockholm kennen, allerdings auf eine äusserst bösartige und desillusionierte Weise, die so manche Hoffnungslosigkeit nachsichzieht. Arvid Falk, der unverbesserliche Idealist, erfährt und erlebt wie intrigant eine Gesellschaft doch wirklich sein kann. Strindberg zeigt dies in vielen Szenen, in denen er uns mit selbstgefälligen Geschäftsmännern, verschämten Damen in sogenannten Wohltätigkeitsvereinen, Journalisten ohne jeglichem Gewissen und vor allem korrupten Beamten und Politikern konfrontiert.

Mit einer grossen Portion bitterbösen Zynismus, aber auch einem gewissen Realitätssinn lässt Strindberg Arvid Falk seinem Freund Struve eine Begebenheit erzählen, die sich im « Kollegium zur Auszahlung von Beamtengehältern », einem ganz besonders durchorganisierten Amt, das in Punkto Kundenfreundlichkeit wahre « Wunder » vollbrachte, ereignete :

« Ich fragte, ob einer der Herren Zeit habe, mir die Räumlichkeiten hier zu zeigen. Sie erklärten sich für unabkömmlich : hätten Order, das Amtsdienerzimmer nicht zu verlassen. Ich fragte, ob es nicht mehrere Amtsdiener gäbe. Doch, es gebe schon mehrere. Aber – der Oberamtsdiener habe Ferien, der erste Amtsdiener habe dienstfrei, der zweite Amtsdiener sei beurlaubt, der dritte sei auf der Post, der vierte sei krank, der fünfte hole Trinkwasser, der sechste sei auf dem Hof, ‹ und da hockt er den ganzen Tag › ; ausserdem ‹ kommt kein Beamter vor ein Uhr ›. Mit diesem Wink gab man mir das unpassend Frühzeitige meines lästigen Besuchs zu verstehen und erinnerte daran, dass Amtsdiener auch Beamte waren. »

Es gibt noch viele ähnliche Begegnungen, die nicht nur zum Amusement beitragen, sondern auch zum Nachdenken einladen. Ganz besonders beeindruckend ist in diesen Szenen Strindbergs faszinierende Dialogkunst. Durch seine – vom Naturalismus beeinflusst – sehr klare und direkte Sprache kann Strindberg die einzelnen Charaktere der durch unübertreffliche Verlogenheit gekennzeichneten Gesellschaft meisterhaft einfangen und zu echtem Leben erwecken. Mit seiner klug eingesetzten Absicht, viele Beobachtungen bis zum Surrealen hin zu überzeichnen, wird aus diesem eindrucksvollen Gesellschaftsroman dann endgültig ein wahres literarisches Kunstwerk, das auch nach über 130 Jahren keineswegs an Aktualität verloren hat !

Und gerade deshalb ist es fast schon eine Leserpflicht – mehr jedoch ein Lesegenuss -,  in diesen gesellschaftskritischen, teilweise sehr parodistischen und auf jeden Fall stilistisch äusserst brillanten Roman jetzt – dank einer Neuübersetzung von Renate Bleibtreu – einzutauchen!

Durchgelesen – „Im schönen Monat Mai“ v. Émilie de Turckheim

Lassen Sie sich auf keinen Fall von diesem positiv klingenden und Sonne verbreitenden Titel täuschen, denn dieser kleine Roman hat es mehr als in sich. Es fliegen keine Maikäfer und Schmetterlinge über die Seiten. Ganz im Gegenteil, denn hier brodelt Rache und Vergeltung auf einem äusserst ironisch spannenden Niveau.

Émilie de Turckheim, geboren 1980, hat ihren ersten Roman « Les Amants terrestres » im Alter von 24 Jahren geschrieben. Davor machte sie ihren Abschluss an der Universität (Sciences-Po) in Paris. Inzwischen sind noch vier andere Romane von ihr veröffentlicht worden. Für ihren in Frankreich aktuell erschienen Roman « Héloïse est chauve » hat sie den Nachwuchspreis « Prix Bel Ami » erhalten. Mit dem schmalen – gerade mal 100 Seiten starken – und sehr aussergewöhnlichen Buch « Im schönen Monat Mai » (« Le joli moi de mai » Frankreich 2010) wird nun zum ersten Mal – dank der grandiosen Übersetzung von Brigitte Große – ein Werk von Émilie de Turckheim dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt.

« Im schönen Monat Mai » spielt auf einem Gut in Saint-Benoît sur Leuze das von Parisern gerne zur Jagd aufgesucht wird, jedoch eher im November als im Mai. Der Roman wird von Aimé (28 Jahre alt) erzählt, der sich hier als Gardien, oder besser gesagt als einfacher Hausknecht um fast alles kümmert. Doch Aimé ist nicht wirklich sehr intelligent, behauptet er zumindest immer von sich selbst. Ein einfach gestrickter Mann, der vor allem eines überhaupt nicht kann, nämlich erzählen :

« Mein Vorname ist Aimé. Das heisst Lieber, hat aber nichts zu sagen. Ihr werdet schon sehen, ich kann keine Geschichten erzählen. »

Das werden auch Sie, verehrter Leser, sofort feststellen, denn seine sprachlichen Fähigkeiten sind nicht gerade von höchstem Niveau, auch die Satzstellungen und die unkontrollierten Einschübe bringen die Struktur des Romans oder den mehr oder mal weniger vorhandenen roten Faden oft bis an seine « knotenfreien » Grenzen. Doch letztendlich verstehen wir auch so ganz genau, um was es sich hier eigentlich dreht:

Aimé’s Chef – Monsieur Louis – ist tot. Er liegt bereits begraben unter der Erde. Vor einem guten Monat wurde er erschossen – Suzid oder Mord – in einer Wiese nicht weit vom Gut entfernt gefunden. Da Monsieur Louis weder eine Frau, noch Kinder, geschweige denn andere Nachfahren hat, gibt es ein Testament, in dem er fünf eigentlich vollkommen fremde Menschen zu seinen Erben bestimmt hat und welche nun zur offiziellen Testamentseröffnung mit dem Notar auf das Gut eingeladen wurden.

Das Erbe ist richtig gross : Geld, Hof, Wald, Schweinezucht und der Hausknecht. Die von Monsieur Louis vermeintlich willkürlich ausgewählten Erben sind frühere Jagdgäste : Da wäre zum einen der waffensammelnde Wachtmeister Lyon-Saëck, « der eigentlich schon in Pension ist, aber immer noch den Polizeiblick draufhat ». Ebenfalls angereist sind Madame und Monsieur Truchon, ein geldgieriges Ehepaar. Als weitere Erbenanwärter lernen wir noch den sehr zurückhaltenden ehemaligen Offizier Monsieur Hi und Sacha Milou, einen schwulen Bordellbesitzer mit seinem Hund Pistache, kennen.

Sie sind alle bereits einen Tag vor dem eigentlichen Notartermin eingetroffen, essen gemeinsam eine Suppe und gehen anschliessend in den Salon, « um sich bekanntzumachen, wie Monsieur Louis gesagt hätte, aber keiner findet die Idee gut, ausser Frau Truchon, die lieber ihre zu kleinen Kleider herzeigt, als dass sie schlafen geht ».

Aimé hält eine kurze Ansprache über den Anlass dieser Zusammenkunft und schlägt vor, dass jeder der Gäste sich kurz vorstellt. Doch dann wird es plötzlich turbulent. Paulette Truchon fühlt sich in ihrem Erbe betrogen, « und schreit so laut, dass ihr die Brüste aus der Korsage springen und jeder merkt, dass die zwei Dinger noch grösser sind, als was sie uns gern hat glauben lassen wollen. » Und dann passiert es : Madame fällt plötzlich zu Boden und rührt sich nicht mehr. « Alle sind aufgestanden und schauen ärgerlich auf die baumelnden Brüste und fragen, ob es ihr gut geht, was eine ziemlich blöde Frage ist, weil Paulette doch mit verdrehten Augen wie eine Tote auf dem Parkett liegt. » Da ist bereits alles zu spät, auch das Jammern und Hilferufen von Herrn Truchon ist vollkommen überflüssig, denn Paulette war definitiv tot.

Eigentlich ein wirklich trauriges und dramatisches Ereignis, aber irgendwie hatte es auch etwas Positives, denn die noch übrigen Erben mussten nun das Gesamtvermögen von Monsieur Louis nur noch durch vier teilen.

Aimé erzählt eifrig weiter, und dabei kommt immer wieder der Name einer Frau vor, nämlich Lucette. Dieser Dame sind übrigens alle vier noch potentiellen Erben irgendwann einmal begegnet. Doch am Meisten bedauert es Aimé, dass gerade eben Lucette nicht an seiner Stelle diese Geschichte erzählt, denn « die hat so eine Gabe, dass sie alles richtig erzählt, wie es in dem Haus riecht, wie sich die Stimme von Herrn Dings anhört, was der oder der gesagt hat und was die oder die drauf gesagt hat. Und dann passt sie auch immer drauf auf, dass sie sich ein paar Überraschungen aufhebt für später. Sie sagt, das heisst „Süß-Pence“. »

Auch Aimé gibt sich sehr grosse Mühe, diese Überraschungen nicht auszulassen, die nicht nur unverhoffte und höchste Spannung bieten, sondern zu äusserst interessanten und mehr als dramatischen Entwicklungen führen, mit denen der Leser nicht im Geringsten rechnen würde…

Émilie de Turckheim gelingt es, mit ihrem unglaublich originellen Aufbau, den Leser genauso wie auch die fünf bzw. vier Erben regelrecht in diesem Buch bzw. Gut festzuhalten. Der Roman beginnt so harmlos, simpel und fast schon ein wenig einfältig, dass man sich als Leser anfänglich vielleicht ein wenig wundert. Doch spätestens nach den ersten Seiten, hat uns Aimé mit seinem brav infantilen Erzählstil bis zum – im wahrsten Sinne des Wortes – bitteren Ende total vereinnahmt.

Eingebettet in die melancholische Grundstimmung des menschlichen Wesens, konfrontiert uns Émilie de Turchkeim durch ihren kaum zu stoppenden schwarzen Humor und ihrer subtil eingesetzten Ironie mit der Rache und Intrige eines mehr als verletzten und einsamen Menschen. Unterstützt durch die sehr saloppe, offene und direkte Sprache, kann man trotz dieser so schrägen Dramatik die menschlichen Abgründe immer mehr aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus beobachten. Der Leser wird geradezu durch diese emotionale und irgendwie komplex wirkende Einfachheit spielerisch gezwungen, jeden einzelnen Satz von Aimé als eine Art Puzzle-Teil in die Hand zu nehmen, um es letztendlich, sowohl vor Entsetzen kopfschüttelnder, als auch dank der Groteske lachender Weise, bis zum vollkommen unerwarteten « Gesamtbild » zusammensetzen zu können.

« Im schönen Monat Mai » könnte man ohne Weiteres als eine verrückte Mischung aus Agatha Christie, Gilbert Adair und Jean-Paul Sartre besonders in Punkto « Geschlossene Gesellschaft » (« Huis Clos ») bezeichnen. Dieses Buch ist ein kurioses, grandioses, kleines Stück Literatur, das man keinesfalls verpassen sollte und deshalb freuen wir uns umso mehr, dass die aufstrebende französische Autorin Émilie de Turckheim nun endlich auch hier in Deutschland « literarisch » angekommen ist !

Pierre de Ronsard – Gedicht

Die Rose

Wie man an ihrem Zweig im Monat Mai die Rose
In ihrer Jugend sieht, in ihrer ersten Pracht,
Wie sie mit ihrer Glut den Himmel neidisch macht,
Der morgens sie besprengt, der weinend wolkenlose:

Die Anmut ruht sich aus, die Lieb´auf ihrem Blatte,
Erfüllend Busch und Baum mit ihren süßen Hauch;
Doch martert Regen sie, quält Hitze ihren Strauch,
So löst sie sich vom Stiel und stirbt, die todesmatte:

So hat im ersten Glanz, in deiner schönsten Zeit,
Als Erd´und himmel dich geziert mit ihrem Kleid,
Die Parze dich gefällt zu frühem Aschenlose.

Nimm meine Träne denn zum Schmuck dir in die Gruft,
Den Krug hier voller Milch, den Korb voll Blumendurft,
Daß tot wie lebend du nur Rose seist, nur Rose.

Durchgeblättert – „Büchermöbel“ v. Alex Johnson

« Wohnst Du noch oder lebst Du schon ?» ist einer der bekanntesten Slogans von IKEA. Noch bekannter ist ein unverwüstliches und zeitloses Bücherregal namens « Billy », das viele Bücherliebhaber ihr Eigen nennen dürfen. Doch inzwischen bekommt das klassische Bücherregal, egal ob « Billy » oder ein anderes vergleichbares Produkt grosse Konkurrenz. Trotz E-Book, Kindle oder iPad, hat das gedruckte Buch nicht im Geringsten seinen sinnlichen Reiz verloren. Und genau deshalb beschäftigen sich auch heute immer mehr Designer mit dem Thema Bücherregal. Sie suchen nach neuen Lösungen, die nicht nur originell, verrückt, praktisch und platzsparend sein können, sondern vor allem ein grundsätzliches Hauptziel verfolgen, Bücher gekonnt in Szene zu setzen.

Und es gibt tatsächlich eine Vielzahl von « Büchermöbeln », die genau diese Anforderungen mehr als erfüllen. Alex Johnson ist durch seinen Blog – theblogonthebookshelf – dieser spannenden Suche nach attraktiven Lösungen für das Wohnen mit Büchern nachgegangen. Das Ergebnis liegt nun in diesem wirklich äusserst informativen und qualitativ hochwertig gestalteten Bildband vor unseren Augen.

Alex Johnson arbeitet als professionneller Blogger und Journalist. Er schreibt unter anderem auch Beiträge für die Website des Independent. Desweiteren engagiert er sich für verschiedene gemeinnützige Institutionen als Textberater und betreibt eine ungewöhnliche Plattform im Web im Bezug auf « Gartenarbeitsplätze » für Freiberufler (www.shedworking.co.uk.). Er lebt mit seiner Familie und einer grossen Bücherregalsammlung in St. Albans.

« Büchermöbel » ist ein Kompendium für « über 300 Ideen für das Leben mit Büchern ». Es ist sehr übersichtlich in zwei grosse Kapitel eingeteilt, die durch eine sehr verführerisch und informativ angelegte Einführung mit dem Titel « Lob auf das Bücherregal » vorbereitet werden.

Kapitel 1 bietet eine grandiose Auswahl sogenannter « Gesammelter Werke ». Hier werden Bücherregale, Bücherschränke und ähnliches vorgestellt, immer mit dem Hintergrund, dass es sich hier nicht um « klassische » Bücherregale handeln soll. Man entdeckt stylisch kreative Regale mit « menschlichen » Beinen, schwebende Objekte, mit Kunstdrucken versteckte Regale, moderne « Vintage » – Möbel, Gestelle mit rechteckigen Buchhaltern, etc. Die Materialien reichen von Holz, über Wellpappe, zu Stahl und Kunststoff. Also alles was ein Bücherherz begehren könnte.

Kapitel 2 bietet noch mehr Design, als bereits das erste Kapitel nur ganz « dezent » zu vermitteln versucht. Sechs kleine Unterkapiteln mit den Titeln wie zum Beispiel « Regalborde » und « Büchermöbel » lassen im ersten Eindruck nichts Spektakuläres erahnen, doch bereits auf der ersten Seite des Kapitels „Regalborde“ werden wir bereits mit einem « wolkenhaften » Bücherbord namens « Cumulus » überrascht. Natürlich stossen wir auch auf ein paar bekannte Büchermöbel wie zum Beispiel das Design-Objekt « Bibliochaise », das sage und schreibe 5 Meter Regalfläche für Bücher bietet und gleichzeitig noch ein konfortables Sitzmöbel verkörpert. Doch die Auswahl aktueller und noch unbekannter Büchermöbel, die mehr als nur Buchaufbewahrungsorte zu sein scheinen, sondern als Kunstwerk ihrem Namen alle Ehre machen, ist bei mehr als 300 Ideen keinesfalls zu überbieten.

Doch das Beste dieses « Büchermöbel » – Nachschlagewerks ist die kompetente und äusserst informative Beschreibung des einzelnen Möbels. Dazu ergänzen die genauen Maße und die Hersteller-Websites die Präsentation dieser Traumobjekte einfach perfekt und der Klick zu einer schnellen Bestellung ist somit nicht mehr weit entfernt.

Langeweile war gestern, praktisches Design zählt heute, auch bei so alt gedienten und klassischen Möbeln wie Bücherregalen. Wagen Sie etwas Neues, schenken Sie Ihren Büchern ein ganz besonderes « Zuhause » ! In diesem wunderbaren, traumhaften, – ach man könnte wahrlich ins Schwärmen geraten – unvergleichbaren Bildband findet jeder Bücherfreund und Bibliomane, der nicht nur den intellektuellen Wert seiner Bücher schätzt, eine Fülle von innovativen Design-Ideen und die perfekte Lösung für ein besonders aufregend schönes Wohnen mit Büchern.

Durchgelesen – „Die Ballade der Lila K“ v. Blandine Le Callet

Geht ist es Ihnen auch so, dass Sie bei diesem Titel und vor allem bei dem Wort Ballade sofort an ein beschwingtes Tanzlied denken ? In der französischen Poesie gehören Balladen auch seit dem 14. Jahrhundert zur Hauptgattung der Liebesdichtungen. Was gäbe es Schöneres als einen « tanzenden » Liebes-Roman zu entdecken. Doch spätestens, wenn man die ersten Zeilen des Prologs liest und plötzlich Wörter wie Angst, Schreie und Zwangsjacke vor seinen Augen passieren lässt, ist man vollkommen verunsichert. Und genau diese Irritation fordert nicht nur eine Aufklärung, sondern auch eine starke Leser-Empathie, um sich auf diese unglaubliche Geschichte vollkommen und vorallem emotional einzulassen zu können.

Blandine Le Callet, geboren 1969, arbeitet als Dozentin für Latein und Philosophie an der Pariser Sorbonne. 2006 hat sie ihren ersten Roman « Une pièce montée » veröffentlicht, der nicht nur ein sehr grosser Leser-Erfolg war, sondern auch wunderbar verfilmt wurde. 2010 erschien ihr zweites Buch « La Ballade de Lila K », der mit vielen Preisen, unter anderem 2011 mit dem « Prix des bibliothèques pour tous » und dem « Prix Sony du livre numérique », ausgezeichnet wurde. Jetzt haben wir endlich die Gelegenheit, diesen sehr bewegenden und fesselnden Roman – dank Patricia Klobusiczky – in deutscher Übersetzung zu entdecken.

Die erzählerische « Ballade », oder vielleicht sollte man eher von einem balladenhaften Brief sprechen, spielt im 22. Jahrhundert in einer Stadt, die Paris sehr ähnlich sein könnte, aber nie konkret genannt wird. Lila, die Ich-Erzählerin, beginnt mit ihrer sehr dramatischen Lebensgeschichte, als sie 5 Jahre alt ist. Lila muss mit ansehen, wie schwarz gekleidete Männer die Wohnung stürmen, ihre Mutter überwältigen und von ihr wegbringen. Sie wird in einem sogenannten Zentralheim, das eine Mischung aus Pensionat und Gefängnis ist, untergebracht. Lila ist in einer äusserst schlimmen Verfassung : unterernährt, misshandelt, verstört. Sie lässt sich auf keinen Fall anfassen, wird deshalb mit Psychopharmaka sediert und künstlich ernährt. Überall hängen Überwachungskameras und sie ist unter ständiger Beobachtung.

Doch letztendlich kümmert man sich im Zentralheim ganz gut um Lila. Sie wird aufgepäppelt, massiert, lernt sprechen und gehen. Doch das grösste Problem ist die Sozialisierung mit anderen Kindern. Lila soll in den Schulunterreicht aufgenommen werden, doch aufgrund dieser Schwierigkeiten, bekommt sie Privatstunden. Sie ist hochbegabt, lernt in einem Monat Lesen und beeindruckt das Lehrerpersonal mit ihren Leistungen. Und genau zu diesem Zeitpunkt wird ein neuer Leiter für das Zentralheim benannt : Monsieur Kauffmann. Er ist anders als die Mitglieder der « Überwachungs-Kommission ». Er kümmert sich um Lila persönlich, führt sie mit seinem Cellospiel ein wenig an die Musik heran und hilft ihr durch das Auswendiglernen von Gedichten, ihren Wortschatz zu erweitern. Doch Kauffmanns Methoden stossen bei der Kommission nicht immer auf Zustimmung, deshalb ist auch er unter starker Beobachtung.

Lila vertraut sich Monsieur Kauffmann immer mehr an und wagt es, zum ersten Mal eine Frage bezüglich ihrer Mutter zu stellen. Sie vermisst sie so sehr und sie möchte unbedingt wissen, was sie macht und wo sie ist :

„« Sie wissen gar nichts ? » Er schüttelte traurig den Kopf. « Ein paar Wochen nach deiner Ankunft wurden wir darüber informiert, dass man deiner Mutter soeben die Elternrechte entzogen hatte. Mehr wissen wir nicht. » « Die Elternrechte entzogen ? Was heisst das ? » Monsieur Kauffmann schloss kurz die Augen. « Das heisst, dass zwischen euch keine rechtliche Bindung mehr besteht. Offiziell gilt sie nicht mehr als deine Mutter. »“

Lila war vollkommen durcheinander und konnte ihr Unglück gar nicht fassen, auch wenn dieser Prozess mehr oder minder rechtmässig von statten ging. Sie spürte eine unermessliche Einsamkeit und versuchte trotzdem ihre Kurse zu besuchen und die restlichen Tagespläne zu absolvieren. Erst als Monsieur Kauffmann sie mit einem Rollcontainer voller Bücher überraschte, änderte sich einiges in Lilas Leben. Man muss ergänzen, dass man in dieser Zeit nur mit seinem Grammabook gelesen hat, eine Art iPad, wo Texte erscheinen, aber auch wieder verschwinden können. Monsieur Kauffmann erklärte Lila, was ein Buch eigentlich ist und dass die mit Text bedruckten Seiten nicht veränderbar, aber auch nicht löschbar sind :

„«… Die Buchstaben sind unverrückbar. Unzerstörbar. Gerade dadurch zeichnet sich ein Buch aus, so gehört dir der Text. Er gehört dir voll und ganz. Er bleibt dir erhalten, ohne dass ihn jemand ohne dein Wissen manipulieren kann. In diesen Zeiten ist das ein besonderer Vorzug, glaub mir », fügte er leise hinzu. « Ex libris veritas, Mädchen. Aus den Büchern kommt die Wahrheit. Merk dir das : Ex libris veritas. »“

Lila wurde neugierig, stürzte sich in die Lektüre und liess sich auch keineswegs von den Warnhinwiesen des Ministeriums bezüglich Giftstoffe im Papier etc. abschrecken. Ab diesem Zeitpunkt gehörten Bücher zu ihrem Leben dazu. Sie gaben ihr Sicherheit und Macht. Doch Monsieur Kauffmann wurde durch das Ministerium immer mehr kontrolliert, so dass es langsam schwierig für ihn wurde, seine Position zu sichern. Jetzt sollte sich Monsieur Kauffmann nicht mehr allein um die Erziehung bzw. das « Protokoll » von Lila kümmern und so tritt ein junger Mann, namens Fernand, in ihr Leben ein. Monsieur Kauffmann überraschte sie noch mit einem Präsent : ein altes Wörterbuch. Fernand wurde jedoch über kurz oder lang ihr Betreuer, nachdem Monsieur Kauffmann seines Amtes enthoben und festgenommen wurde. Sie musste alle Bücher wieder zurückgeben und kämpfte um das Behalten ihres Wörterbuchs, das Lila bezüglich ihrer Herkunft noch sehr hilfreich sein wird.

Jahre vergehen und Lila muss sich immer mehr dem Sozialisierungsprozess unterwerfen. Sie leidet, beisst sich durch, kämpft gegen ihre Berührungsängste und ihren Ekel, « normales » Essen genussvoll zu sich zu nehmen. Sie lernt fleissig, wird von Fernand unterstützt und besteht im Juni 2107 ihre Abschlussprüfung. Sie könnte studieren, möchte aber gerne arbeiten und am Liebsten mit Büchern :

„« Die Kommission hat sich bereit erklärt, dir eine der Stellen aus dem Kontingent der Grossen Bibliothek zuzuteilen. Man bietet dir einen Posten als Datenerfasserin an, für die Digitalisierung von Papierdokumenten. Eine einsame Tätigkeit. Anspruchslos. Erfordert nicht die geringste Initiative. Hoffentlich bist du jetzt zufrieden. »“

Ja, das war sie. Lila hatte genau die Stelle bekommen, die für sie am Besten geeignet war. Doch sie wusste ja bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sich durch diesen Posten konkrete Fortschritte, aber auch sehr dramatische Entwicklungen bezüglich der Suche nach ihrer Mutter abzeichnen würden…

« Die Ballade der Lila K » ist eine Mischung aus George Orwell, Ray Bradbury und Franz Kafka. Überwachungsstaat, Gefangenschaft, Zoneneinteilung und dies kombiniert mit Abhängigkeit und Liebe ergeben einen emotional explosiven literarischen Cocktail. Der Leser spürt ab dem Prolog die extrem starke Mutter-Tochterbeziehung trotz der erschütternden Lebensbedingungen in denen Lila aufwächst. Die Geschichte wirkt im ersten Moment so unrealistisch, dass sie fast schon wieder mehr als real sein könnte. Der Leser begegnet in diesem Buch einer jungen Frau während 360 Seiten, die endlich ihre « Lebensakte » studieren kann und in Form einer Art Liebes-Brief-Ballade diese zu Papier bringt.

Wie wunderbar gelingt es Blandine Le Callet durch Ihre klare, schlichte und pathosfreie, aber doch ausgesprochen elegante Sprache den Leser so zu vereinahmen, als wäre er Teil dieses Romans. Ganz besonders raffiniert ist die konkrete « Sie – Anrede », so dass wir uns auch als Leser irgendwie sehr persönlich angesprochen fühlen könnten, auch wenn wir eigentlich gar nicht direkt gemeint sind. Doch dadurch bekommt dieses Drama eine sehr intime und private Atmosphäre, als würden wir Lila gegenübersitzen und in einem stillen einsamen Kämmerlein ihrer Erzählung lauschen. Diese Geschichte fesselt in einer unvergleichbar starken Weise, dass man förmlich bei der Lektüre dieses Romans die Stille und das Alleinsein nicht nur sucht, sondern sogar benötigt, um sich Lila und ihrem Schicksal vollkommen « hingeben » zu können.

« Die Ballade der Lila K » zeigt nicht nur ein sehr persönliches Lebensdrama auf, sondern auch den Verlust an Freiheit durch Überreglementierung und totaler technisierter Kontrolle. Auch wenn man sich immer mal wieder – wie bereits erwähnt – an Orwell’s « 1984 » erinnert fühlt, ist dieses Buch kein klassischer Science Fiction Roman. Es ist eine dramatische, sehr emotionale und für die Protagonistin überlebensnotwendige « Liebes- und Befreiungsballade », die ein sehr wichtiges und sehr naheliegendes und, nicht wie man glauben möchte, utopisches Ziel verfolgt, nämlich die Fähigkeit der selbstlosen Vergebung. Umso beeindruckender ist es, zu beobachten wie Blandine Le Callet diese hochkomplizierte emotionale Hürde durch ihren – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubenden Roman überwinden kann !

Blandine Le Callet überzeugt mit ihrem unverschnörkelten Stil, lässt dem Leser Raum, sich alles selbst noch viel detaillierter auszumalen und schenkt gleichzeitig Vertrauen trotz des Horrorschicksals durch ihre beeindruckende Heldin Lila. « Die Ballade der Lila K » ist ein grandioses Werk, das schockt, den Leser nach Luft schnappen lässt und gleichzeitig eine unvergessliche und nachwirkende Anziehungskraft auslöst.

Durchgelesen – „Letzter Akt“ v. Christoph Leuchter

Ein Toter, ein Kommissar, ein kleines Dorf in der Toskana, ein deutscher Professor, ein Pfarrer als Mechaniker und viele offene Fragen in Punkto Verrat und Schuld. All diese Figuren und Themen werden hier meisterhaft von Christoph Leuchter in seinem Erstlingsroman « Letzter Akt » ineinander ver- und gleichzeitig wieder entwoben.

Christoph Leuchter (geb. 1968) hat vor seinem Studium der Germanistik in Bonn und Aachen, auch Klavier und Musikwissenschaft studiert. Seine Magisterarbeit widmete er Max Frisch und 2001 promovierte er über mittelalterlichen Minnesang. Er arbeitete bereits als wissenschaftlicher Assistent am Germanistischen Institut der RWTH Aachen, war als Lektor tätig und lehrt nun seit 2006 Angewandte Text- und Literaturwissenschaft und Kreatives Schreiben an der RWTH Aachen University. Sein nun gerade aktuell veröffentlichter erster Roman « Letzter Akt » wurde durch verschiedene Stipendien unter anderem durch das Literarische Colloquium Berlin unterstützt. Christoph Leuchter lebt als Musiker und Autor mit seiner Familie in der Nähe von Aachen.

Christoph Leuchters Roman spielt in der Toskana, in einem kleinen unbekannten Dorf in der Nähe von Florenz :

« Das Dorf, um das es hier geht, könnte zwanzig bis dreissig Kilometer von Florenz entfernt liegen. In dieser Gegend sind die Hinweisschilder am Strassenrand meist ungenau, und der Name des winzigen Ortes steht ohnehin nirgends. Als hätte man ihn einfach vergessen oder gutwillig von der Landkarte gestrichen. »

Dieser wahrlich vergessene kleine Ort wirkt irgendwie ausgestorben, die Jungen sind weggezogen, nur die Alten sind geblieben. Man könnte dieses Dorf auch als eine Art natürlich gewachsenes « Altersheim » bezeichnen, das von Maddalena, dem schülerlosen Lehrer, dem schwerkranken Apotheker Barelli und seiner glücklicherweise noch sehr attraktiven Frau, dem Pater Guiseppe, der wahrscheinlich in seinem « ersten » Leben Automechaniker war, und dem Tischler und Künstler des Dorfes, Paolo Veronese, bewohnt wird. Ach und dann gibt es noch einen ganz besonderen Langzeitgast, den man keinesfalls vergessen sollte: den deutschen Professor Martin Vonderheid, genannt Di Landa. Inzwischen sechundsiebzig Jahre alt und verheiratet mit Maria, einer dreissig Jahre jüngeren Französin, lebt er nun seit fast zehn Jahren in diesem Dorf. Zuvor unterrichtete Di Landa mittelalterliche Literatur in Paris und gibt jetzt in seinem Ruhestand ab und zu noch Literaturvorlesungen an der Universität von Florenz.

Di Landa und seine schöne Marie wohnen in einem Haus, das am Rande einer riesigen Wiese liegt, auf der sich ein alter Schuppen befindet. Wie oft unternimmt der Professor hier einen Spaziergang, wie auch dieses Mal. Seine Neugierde führt ihn in den Schuppen und dann erblickt er mit Entsetzen einen Toten, der unter der Decke hängt. Irgendwie musste er durch den Schock ohnmächtig geworden sein. Jetzt spürt er nur noch seine Platzwunde und versucht langsam seine Sinne wieder zu sortieren, denn in der Zwischenzeit ist ein junger Kommissar aus Florenz, namens Corelli, im Dorf eingetroffen, der viele Fragen stellt.

Keiner wusste bis jetzt, wer der Tote war. Doch Professor Di Landa erinnert sich wieder : es war sein Freund, ein gewisser Wolf Rosenstein. Corelli ist fasziniert und gleichzeitig abgelenkt von Marie, doch trotzdem beschäftigen ihn zwei Fragen : Warum hängt sich ein ehemaliger Freund des Professors genau in diesem Schuppen auf. Könnte es auch Mord gewesen sein, auch wenn alles auf einen Selbstmord hindeutet?

Es war tatsächlich Suizid ! Corelli – gerade selbst in einer privaten Krise – überbringt die gerichtsmedizinischen Ergebnisse persönlich, obwohl dies nicht im Geringsten von Nöten gewesen wäre. Irgendwie fühlt er sich magisch von diesem Ort, aber auch von Di Landa und dessen attraktiver Frau angezogen. Wegen einer Autopanne quartiert sich Corelli bei Di Landa ein. Die zwei Männer kommen sich – begleitet von gutem Rotwein – bei einem Gespräch näher. Und damit endet der kurze kriminalistische Exkurs und die eigentliche von Professor Di Landa erzählte Geschichte, welche in Berlin der Zwanziger Jahre beginnt, nimmt seinen Lauf :

« „Eines Morgens schob unser Lehrer einen blonden Jungen vor sich her ins Klassenzimmer, postierte ihn vor dem Lehrerpult und erklärte der Klasse : Das sei ihr neuer Mitschüler, Wolf Rosenstein.“ … „Der Neue musste sich zu mir in die Bank setzen, ich wusste es genau, und ich beschloss, dass wir Freunde würden.“ »

Martin Vonderheid und Wolf Rosenstein wurden Freunde, Martin verbrachte viel Zeit im Haus der Familie Rosenstein. Er fühlte sich dort sehr wohl. Es war ein musikalisches und gastfreundschaftliches Haus, Wolfs Mutter spielte am Flügel, sein Vater arbeitete im Aussenministerium und wirkte sehr jugendlich und offen. Martins Vater dagegen trank seit seiner Entlassung aus dem Militär und seine Mutter war bereits tot. Martin und Wolf zeigten sich gegenseitig ihre Fähigkeiten und Begabungen, tauschten ein neues gegen altes Fahrrad und wurden verwöhnt vom Chauffeur der Familie Rosenstein. Doch die politische Lage verschärfte sich, es gab Unruhen in der Stadt. Man hörte von der Festnahme Hitlers in München, doch die Situation veränderte sich glücklicherweise zum Positiven und man fühlte sich wieder etwas beruhigter und befreiter. Es wurden Feste organisiert im Hause Rosenstein, wo Martin zum ersten Mal auch Wolfs zwei Jahre ältere Cousine Lily kennenlernte. Sie verstanden sich alle perfekt miteinander und somit entwickelte sich eine neue und ganz ungewöhnliche Dreier-Freundschaft, die jedoch durch ein sehr « natürliches « Ereignis unterbrochen und nach Jahren in einer ganz neuen und vor allem auch tragischen Weise wieder entdeckt wurde…

Christoph Leuchter hat sich ein wunderbares Umfeld für diese raffiniert konstruierte Geschichte ausgesucht. Ein Dorf umgeben von Wiesen und Olivenhainen, guter Wein, die Nähe zur Kulturstadt Florenz, ein echtes Paradies für ein schönes Leben. Doch kann ein Leben auch dann paradiesisch werden, wenn es mit verdrängter Schuld beladen ist ? Der Hautprotagonist, Professor Di Landa, versucht an diesem Ort seiner Vergangenheit aus dem Weg zu gehen, und wird durch den vollkommen unerwarteten Selbstmord seines Freundes von seinen Erinnerungen wieder eingeholt. Christoph Leuchter gelingt es auf bemerksenwerte Weise durch seine sprachliche Kunst diese Gegensätze zwischen Traumlandschaft und Lebensdramatik so brillant zu verknüpfen, das der Leser im ersten Moment sich trotz der Tragik immer leicht auf einer toskanischen Sommerwiese gebettet fühlt.

« Der letzte Akte » ist kein Kriminalroman im klassischen Sinne. Hier wird nur ganz raffiniert ein junger, unerfahrener und unglücklicher Kriminalkommissar für die perfekte Rolle des « Zuhörers » für eine Lebensbeichte besetzt. Somit wird Corelli, wunderbar ironisch dargestellt, der personifizierte rote Faden in dieser doch sehr dramatischen Erzählung. Er klärt hier im Sinne der Polizeiarbeit nichts mehr auf, sondern teilt nicht nur mit Di Landa, sondern auch mit allen Dorfbewohnern in einer gewissen Weise und für ein bestimmte Zeit ihr gemeinsames Schicksal.

Chrisoph Leuchter schreibt musikalisch, malerisch und trotzdem sehr klar. Er ist emotionaler Künstler und kühler Beobachter in einer Person. Und genau diese zwei Perspektiven spiegeln sich auf ganz besonders kluge Weise in seinem faszinierenden und äusserst fesselnden Erstlingsroman, den man als anspruchsvoller Leser guter Literatur keinesfalls verpassen sollte!