Durchgeblättert – „Die Nachtbibliothek“ v. Audrey Niffenegger

Wäre es nicht ein Traum als Bibliothekar in seiner eigenen Privatbibliothek zu arbeiten ? Vielleicht ist es gar kein « Traum » mehr, sondern bereits Realität und man hat ganz unbewusst diesen aufregenden « Beruf » erwählt durch all die vielen gelesenen Bücher, die inzwischen einen wichtigen Platz in unserem Leben eingenommen haben. Und genau auf Spuren dieses wahrlich erfüllenden « Traumberufes » führt uns Audrey Niffenegger in ihrer faszinierenden Graphic Novel mit dem sehr geheimnisvollen Titel « Die Nachtbibliothek ».

Audrey Niffenegger, geboren 1963 in South Haven (Michigan), ist Professorin für Inter-disziplinäre Künste zwischen Buch und Bild am Columbia College in Chicago. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit der Zusammenführung von Bild und Texten im Hinblick auf Comics und Intallationen. Seit 1987 werden ihre Bilder in der Galerie Printworks in Chicago ausgestellt. Ihr Kunstwerk ist – aus ihrer eigenen Sicht – inspiriert durch Künstler wie zum Beispiel Max Ernst, Käthe Kollwitz, Horst Janssen und Hans Bellmer. In Deutschland wurde sie berühmt durch Ihren Roman « Die Frau des Zeitreisenden » (2003). Aktuell dürfen wir uns nun über ein ganz besonderes Werk freuen, das auch die künstlerische Seite von Audrey Niffenegger mehr als verdeutlicht. Dank der Übersetzung von Brigitte Jakobeit ist nun ihre erste Graphic Novel « Die Nachtbibliothek » in Deutsch erschienen, welche bereits 2010 in der britischen Tageszeitung The Guardian vorabgedruckt wurde.

Die Geschichte spielt in Chicago. Alexandra, die Ich-Erzählerin, läuft nach einem Streit mit ihrem Freund nachts durch die Strassen und entdeckt ganz plötzlich ein Wohnmobil, aus dem Musik von Bob Marley ertönt. Die Tür steht offen, Alexandra ist neugierig und wirft einen Blick in das Gefährt. Überrascht lernt sie einen sehr distinguierten Herrn kennen, der sich mit Mr. Openshaw vorstellt. Er gibt ihr diskret ein Willkommenszeichen, in das Mobil einzusteigen, welches sich als Bibliothek entpuppt :

« Von innen wirkte es grösser – viel grösser. Das Licht war gedämpft und angenehm. Es roch nach altem, trockenem Papier, mit einem Hauch von nassem Hund, was ich mag. Ich schaute mich nach dem Bibliothekar um. Er las Zeitung. »

Alexandra beginnt die Regale zu betrachten und stellt mit grossem Erstaunen fest, dass alle Bücher, die sie hier findet, einschliesslich ihres persönliches Tagebuchs, ihre Bücher waren, die sie in ihrem Leben bis jetzt gelesen hatte, aber hier mit dem Stempel « Zentralbibliothek » gekennzeichnet waren. Mr. Openshaw bestätigt dies :

« Nun die Bibliothek in ihrer Gesamtheit enthält alles Gedruckte, das jeder Mensch zu seinen Lebzeiten einmal gelesen hat…Wir sind also auf alle Benutzer vorbereitet. »

Alexandra war fasziniert und irritiert zur gleichen Zeit und hätte sich am Liebsten eines ihrer Bücher ausgeliehen, doch dies war nicht möglich. Sie verliess am frühen Morgen das mysteriöse « Buchmobil », das nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang geöffnet hatte, ging zu sich nach Hause und machte sich Gedanken über ihre eigene Bibliothek, ihre Bücher, die sie nun zum ersten Mal so in ihrer Gesamtheit vor Augen hatte. War es das, was sie von sich als Leserin erwartet hatte? Würde sie all diese Bücher wieder lesen ?

Am nächsten Tag wollte Alexandra  Mr. Openshaw wieder aufsuchen, doch leider vergebens. Ab diesem Zeitpunkt verbrachte sie jede Minute mit Lektüre, denn sie wollte Mr. Openshaw und sich selbst beeindrucken. Und nach sage und schreibe neun Jahren trifft sie ganz zufällig wieder auf die fahrende « Bibliothek ». Mr. Openshaw erwartete sie bereits. Er lädt sie ein, mit ihm einen Tee zu trinken. Währenddessen stellt Alexandra fest, das sich ihre « Bibliothek » um ein vielfaches vergrössert hatte. Sie war tief beeindruckt von ihrem eigenen « Lesewerk » und wollte nichts lieber als die Assistentin von Mr. Openshaw werden und in der « Zentralbibliothek » arbeiten, was zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht möglich war. Aus diesem Grund folgte sie dem Rat von Mr. Openshaw, zuerst eine richtige Bibliothekarin zu werden…

Audrey Niffenegger erzählt mit Worten, aber vor allem auch mit ihren wundervollen Bildern eine ganz besondere Geschichte, vielleicht eher eine Art Gleichnis, das den Leser sehr geschickt und raffniert darauf hinweist, wie gefährlich es werden könnte, wenn man sich nur noch dem Lesen und seinen Büchern widmet. Alexandra hat eine sehr starke Buch-Sehnsucht, die sie von einer eher jungen und unbeschwerten Frau, zu einer doch eher grau gekleideten und zu ernsthaft wirkenden Bibliothekarin verwandelt, was Audrey Niffenegger durch ihre perfekte Zeichen-perspektive und sehr naiv und bunt angelegte Maltechnik grandios umsetzt. Somit stellt sich die Frage, ob es wirklich richtig ist, in seinem Leben kostbare Zeit grundsätzlich Büchern zu widmen, und wenn ja, welche Werke es verdienen würden, das eigentliche Leben für sie zu vernachlässigen ?

« Die Nachtbibliothek » ist ein ganz besonderes Buch, es ist ein sehr aussergewöhnliches und elegantes « Wort-Kunst-Werk », das zwar durch seine klaren Farben und Formen besticht, aber trotz des « bunten » Lebens in der Bücherwelt durch den schwarzen Rahmen und Bildhinter-grund eine gewisse mystische Erdung findet. Diese Graphic Novel ist ein wunderschönes « Bilderbuch » für Erwachsene, welches vor allem durch sein ungewöhnliches und vollkommen unerwartetes « Happy End » viele Fragen offen lässt und der Leser dadurch immer wieder von Neuem verführt wird, diese geheimnisumwobene « Bibliothek »  zu betreten.

« Die Nachtbibliothek » fühlt sich an wie eine Lesetraumwelt zwischen zwei Buchdeckeln, gefüllt mit subtil versteckten Lese- und Lebens-Botschaften und gekrönt durch eine Bildermagie, die jeden Buchliebhaber, Bibliomanen und Leser auf besonders intensive und nachhaltige Weise beglücken wird !

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Guter Tag

Guter Tag. Da prüft man doch: was bringt er?
Und wie langsam liest man seine Schrift.
Rascher, reiner, kühner, unbedingter:
oh wie uns die Freude übertrifft.

Ist uns als Künftigste zuvor,
wendet sich und blickt und macht uns schneller,
und wir folgen wie die Vogelsteller,
und das Herz klingt oben bis ins Ohr.

Glück: was rollt das schwer auf seinem Rade,
müde, immer wieder unbereit;
aber Freude steht und blüht gerade,
und wir treten an die Jahreszeit.

Durchgelesen – „Nachsaison“ v. Philippe Besson

Edward Hopper (1882 – 1967) gehört zu den bekanntesten Malern des amerikanischen Realismus. Berühmt durch seine Bilder, die den einzelnen Menschen in Hotels, Bars oder vor Hausfassaden darstellen, und vor allem durch sein ganz aussergewöhnliches « Licht » wird so manche zwar stille, aber trotzdem intensive « Betonung » dieser wahrlich einsamen Situtation meisterhaft herausgearbeitet. Aktuell kann man noch bis 28. Januar 2013 diesen Künstler und sein Werk in einer glanzvollen Retrospektive im Pariser Grand Palais bewundern. Diese Ausstellung ist ein wunderbarer, ja wahrlich perfekter Anlass den bereits 2002 in Frankreich und 2007 in Deutschland erschienen Roman « Nachsaison » von Philippe Besson zu entdecken.

Inspiriert durch –  man könnte mit absoluter Sicherheit sagen – das populärste Gemälde des 20. Jahrhunderts, « Nighthawks » (Nachtschwärmer) von Edward Hopper, erzählt Philippe Besson eine ganz besondere, in gewisser Weise auch schmerzvolle und  melancholische, aber trotzdem emotional äusserst fesselnde Liebesgeschichte. Philippe Besson (geb. 1967) kennen wir bereits durch seinen zuletzt in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman « Venice Beach ».

Wenn wir uns kurz das Gemälde « Nighthawks » ins Gedächtnis rufen, welches Edward Hopper – nachempfunden einem Restaurant an der Ecke Greenwich Avenue in New York – 1942 gemalt hat, erkennen wir auf dem Bild eine Bar, die nachts durch ihr Neonlicht kühl und klar inszeniert wird. Zwei Männer mit Anzug und Hut und eine Frau mit einem roten Kleid sitzen bzw. stehen an der Bar. In der Mitte arbeitet ein weiss gekleideter Barkeeper. Der Betrachter des Bildes sieht von Aussen auf diese Bar und kann sich jederzeit eine eigene Geschichte dazu ausdenken. Doch diese « Aufgabe » übernimmt in diesem Fall Philippe Besson :

Der Roman spielt an einem Sonntagabend im September in der sogenannten « Nachsaison » in der Bar des kleinen Städtchens namens Cape Cod, das ca. eine Stunde Fahrtzeit mit dem Auto von Boston entfernt liegt. Wie auch auf dem Gemälde von Hopper zu erkennen, heisst diese Bar « Phillies », wie die Besitzerin hier in Bessons Roman. Wir treffen als erstes Louise, die Frau mit dem roten Kleid. Obwohl sie hier Stammgast ist, sitzt sie dem Barkeeper Ben anfangs nur schweigend gegenüber:

« Trotzdem hat Ben sie nicht beachtet, als sie hereinkam. Ben beachtet sie seit Jahren nicht mehr. Seit wann genau ? Er hat sich so an sie gewöhnt, dass er sie seiner Meinung nach nicht mehr zu beobachten braucht. Er kennt sie so gut : Was würde er sehen, was er nicht schon gesehen hat ? Und ausserdem, zwischen ihr und ihm geht es nicht um Verführung, das ging es im übrigen nie, sondern um Einverständnis. »

Louise schreibt Theaterstücke und ist inzwischen eine berühmte Autorin. Sie trinkt wie immer einen weissen Martini und wartet auf ihren Liebhaber Norman, der verheiratet ist und sich heute von seiner Frau trennen will bzw. soll. Über kurz oder lang entsteht doch eine kleine Konversation mit Ben über ihr letztes Werk. Währendessen betritt vollkommen überraschend Stephen (Rechtsanwalt in Boston) die Bar. Es war ihr früherer Geliebter, den sie nun zum ersten Mal fünf Jahre nach ihrer Trennung wiedersieht :

« Stephen hat regelmässig an Louise gedacht. Obwohl mit Rachel verheiratet, Vater zweier reizender Jungen und stark in seinem Beruf eingespannt, hat er nie aufgehört, an sie zu denken. »

Louise ist überrascht und verwirrt. Es werden Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Beziehung wachgerüttelt und es kommen alte emotionale Verletzungen ungefiltert zum Vorschein. Erstaunlicherweise stehen sich die Beiden im Laufe der unterschiedlichen Rückblicke mit einer ganz neuen Offenheit gegenüber, die neue, unbekannte und vor allem unerwartete Gefühle entstehen lässt, die jedoch nicht unbedingt von dem jeweilig Anderen auch erwidert werden können. Und während all dieser doch nicht ganz unaufregenden Wiederbegegnung, dürfen wir vor allem Norman nicht vergessen, der ja eigentlich Louise in der Bar treffen wollte, um ihr eine frohe Botschoft zu verkünden. Doch er meldet sich zweimal nur per Telefon und kommt nicht…

Philippe Besson hat dieses legendäre « Bar-Gemälde » von Edward Hopper zu seinem erzählerischen Ausgangspunkt gemacht. Die vier Personen, wie auch bei Hopper, erhalten hier zum ersten Mal konkrete Namen. Der einzelnen Mann an der Bar mit dem Rücken zum Betrachter tritt im Roman nur zeitweise auf und ist ein alter Fischer. Der Mann im Anzug mit Hut neben der Dame in Rot (hier Louise) ist Stephen der Anwalt. Und so wird auf einmal dieses so faszinierende Kunstwerk von Hopper sehr lebendig. Der Erzähler dieser Geschichte steht wir der Kunstbetrachter vor diesem Bild und beschreibt die Situation, aus welcher dieses intensive, irgendwo auch dramatisch kühle, aber trotzdem sehr feinsinnige literarische « Gemälde » entstanden ist.

Edward Hopper fängt diese einzigartige « schweigende » Stimmung durch seine unvergleichliche « Lichttechnik » ein. Philippe Besson macht dies genauso raffiniert mit seinen dosiert gesetzten direkten Reden der « Darsteller », die wie ein kurzer « Lichtspot » auf die einzelnen Beobachtungsmomente des Erzählers einwirken und somit eine gleich starke Sogwirkung entsteht wie bei diesem magischen Bild.

Jetzt bleibt nur zu wünschen, dass Sie, verehrter Leser, vielleicht noch aktuell in der Pariser Ausstellung oder bei einem anderen Kunstevent die Gelegenheit haben werden, Hoppers beeindruckendes Werk zu bewundern. Zur Einstimmung oder auch zum künstlerischen Nachgenuss sollte jeder kunst- und kulturbegeisterte Leser diesen Roman « erlebt » haben.

« Nachsaison » ist einer der wenigen von der Kunst inspirierten Romane, der nach der Lektüre so richtig Lust auf Kunst und in diesem Fall auf Edward Hopper macht, da dieses Buch einfach genau so schön ist wie das berühmte Gemälde!

Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Weihnacht

Weihnachtsgeläute
Im nächtigen Wind…
Wer weiß wo heute
Die Glocken sind,
Die Töne von damals sind?

Die lebenden Töne
Verflogener Jahr`
Mit kindischer Schöne
Und duftendem Haar,
Mit tannenduftigem Haar,

Mit Lippen und Locken
Von Träumen schwer?…
Und wo kommen die Glocken
Von heute her,
Die wandernden heute her?

Die kommenden Tage,
Die wehn da vorbei. –
Wer hört´s ob Klage,
Ob lachender Mai,
Ob blühender, glühender Mai?

Durchgeblättert – „book shops“ v. Markus S. Braun

« Buchhandlungssterben » – ein Schlagwort, das man in der letzten Zeit immer wieder hört bzw. liest. Nicht nur die unabhängigen Buchhandlungen werden weniger auch die Ketten schliessen einige ihrer Filialen, denn der Internetbuchhandel nimmt dem örtlichen Buchhandel die Umsätze und somit die Kunden weg. Dies erweckt den Eindruck, dass der Buchkäufer immer phlegmatischer wird und lieber seinen gewünschten Titel per Taste bestellt, als dass er sich direkt in eine Buchhandlung begibt, vor Ort schmökert und sich von Buchhändlern beraten lässt. Doch deshalb ist es um so erfreulicher, dass ein äusserst innovativer Verleger, sich an ein Buchprojekt wagt, und damit auch dem Buchkäufer per Klick ein Werk vorstellt, das nur von « book shops », also örtlichen, reellen und keinesfalls virtuellen Buchgeschäften handelt.

Markus S. Braun ist 1966 in Berlin geboren und hat Germanistik und Betriebswirtschaft studiert. Von 1993 bis 1995 war er Herausgeber des populärwissenschaftlichen Magazins Copernicus. Im Jahr 2000 hat er das Verlagshaus Braun gegründet und seit 2009 ist er Verleger von Braun Publishing. Der Verlag ist spezialisiert auf Architektur und deshalb war es sicherlich nur eine Frage der Zeit, wann sich Markus S. Braun den schönsten, innovativsten, interessantesten, etabliertesten und neuesten Buchhandlungen der Welt widmen würde.

« book shops » ist ein prächtiges « Bilderbuch » nicht nur für Innenarchitekten oder Ladenbauer, nein es ist ein wichtiges Werk und eignet sich für jeden Buchliebhaber und Buchkäufer, der mehr erwartet und braucht, als nur eine sterile Online-Buchbestellung. Es zeigt die unterschiedlichsten Buchhandlungen, sowohl allgemeines Sortiment, aber auch Spezialläden. Es gibt kleine Bookshops, wie beispielsweise eine Design- und Architekturbuchhandlung mit gerade mal 33 qm in New York und es gibt auch megagrosse Geschäfte wie der « Academic Bookstore » in Helsinki mit 5000 qm. Wir entdecken aber auch zum Beispiel die älteste Buchhandlung Deutschlands « Korn & Berg », die 1531 in Nürnberg eröffnet wurde und noch heute im renovierten Glanz erstrahlt. Wir schmökern im traumhaft gestalteten « Papasotiriou Bookstore » in Athen, wo Moderne und Klassik in der Innenarchitektur grandios vereint werden. Natürlich dürfen vollkommen futuristisch gestaltete Buchhäuser wie zum Beispiel « Prologue » in Singapore nicht fehlen. Aber auch die Traditionshäuser wie « El Ateneo Grand Splendid », das als Theater 1903 im Buenos Aires gebaut wurde, und « Munro’s Books » in Victoria (Kanada), welches sich in einem neo-klassizistischen Gebäude von Thomas Hooper aus dem Jahre 1909 befindet.

Insgesamt besuchen Sie, verehrter Leser, hier 49 Buchhandlungen quer über die Welt verteilt und werden sich spätestens nach den ersten drei Läden wundern, warum der Online-Buchhandel so boomt. Es ist nach dieser « atemberaubenden » Lektüre nicht im Geringsten nachvollziebar. Dieser fantastische Bild- und Architekturband öffnet ein paar vertraute, aber eben auch sehr viele neue Welten in Punkto Buchhandlungen. Man spürt bei jedem « Besuch » das Engagement, die Ideen und die Herausforderungen, die sich dahinter verbirgen. Hier sehen wir nicht nur das präsentierte Buch, sondern es geht um Raumkonzepte, Design und Einrichtung. Die Leser und vor allem die Buchkäufer dürfen sich hier wohlfühlen. Die Buchhandlungen sollen verführen, zum Verweilen einladen, die Neugierde beflügeln und natürlich auch den Verkaufsimplus verstärken. Der Leser wird hier nicht nur mit äusserst hochwertigem Bildmaterial überzeugt, sondern auch mit sehr kompetenten Informationen zu jeder Buchhandlung. Nicht nur die architektonischen Eckdaten, wie Grösse, Materialen etc., sondern auch prägnante historische und sortimentsspezifische Anmerkungen ergänzen das jeweilige Buchhandlungsporträt.

All diese hier vorgestellten Buchhandlungen sind mehr als einen echten Besuch wert, damit sie nicht nur lange erhalten bleiben, sondern auch um weiterhin nachhaltig zu inspirieren bezüglich neuer Buchhandlungskonzepte. Der Bucheinkauf auf Knopfdruck mag vielleicht im ersten Ansatz in seiner Form bequem erscheinen, doch letztendlich ist er langweilig, und eher in Punkto Einkaufsatmosphäre kalt und emotionslos. Erheben Sie sich, verehrter Leser, von Ihrem Bürostuhl, aus Ihrem Sessel und gehen Sie in die nächste Buchhandlung! Vielleicht entdecken Sie per Zufall dabei einen dieser Bookshops aus diesem mehr als beachtenswerten Buch. Dank Markus S. Braun und seinen « book shops » werden die Buchhandlungen zu einem echten Einkaufserlebnis wiederentdeckt und gleichzeitig wird deutlich, dass der örtliche Buchhandel noch lange nicht tot ist. Ganz im Gegenteil, er lebt und begeistert nicht nur durch Kompetenz, Anspruch und Orginalität, sondern auch durch neue Impulse, grenzenlose Kreativität und buchhändlerische Durchsetzungskraft!

Durchgelesen – „Bücherwahn“ v. Gustave Flaubert

Gustave Flaubert, geboren am 12. Dezember 1821 in Rouen und gestorben am 8. Mai 1880 in Croisset, gehört zu den wichtigsten französischen Schrifstellern und Romanciers der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die literarischen Hauptmerkmale des flaubertschen Œuvre liegen in der ausgeprägten Tiefe seiner psychologischen Analysen im Bezug auf das Verhalten der einzelnen Menschen, aber auch der gesamten Gesellschaft. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die Romane « Madame Bovary » (1857), « Salammbô » (1862) und « L’Éducation sentimentale » (1869). Gustave Flaubert stammte aus einer bourgeoisen Familie, er war der jüngere Sohn des Chefarztes des städtischen Krankenhauses von Rouen. Auch wenn er ein begabter Schüler war, verbrachte er seine Freizeit lieber mit Lesen statt mit Lernen. Die Kindheit war eher etwas düster, vor allem im Hinblick auf das triste Krankenhaus-Appartement seines Vaters. Ein gewisser Hang zum Romantischen und ein Schreibkurs in der Schule, obwohl der Unterricht ihn wenig beigeisterte, öffneten ihm eine neue Welt. Und so entstanden noch während seiner Gymnasialzeit zwei erste und einzige literarische Publikationen (« Bibliomanie » und « Une leçon d’histoire naturelle: genre Commis ») bevor zwanzig Jahre später « Madame Bovary » als sein Debütroman, der oft auch als Jahrhundertroman bezeichnet wird, erschienen war.

Im November 1836 schrieb Gustave Flaubert die Erzählung mit dem Titel « Bibliomanie » (« Bücherwahn »), welche drei Monate später im Februar 1837 im « Le Colibri » (einer « Zeitung für Literatur, Theater, Kunst und Mode ») in Rouen abgedruckt wurde. Diese erste Veröffentlichung des gerade mal 15-jährigen Gustave Flaubert dürfen wir nun in einer neuen Übersetzung dank Elisabeth Edl und ergänzt mit wundervollen Zeichnungen von Wolf Erlbruch entdecken.

Die Geschichte spielt in Spanien, genauer in Barcelona. Bei dem Hauptprotagonisten handelt es sich um den dreissigjährigen Buchhändler Giacomo. Er sah im ersten Moment eher wie ein Bettler aus, da er sehr « schäbig » gekleidet war und sein Gesicht immer irgendwie fahl und unansehlich wirkte. Er verbrachte die meisten Tage allein nur unter seinen Büchern und begab sich selten auf die Strasse. Doch er war zufrieden, ja er war glücklich wenn er durch seine Bibliothek streifte ; und er war jedesmal vollkommen elektrisiert, wenn er wieder ein Buch berührte. Er lebte inmitten dieser literarischen Wissenschaft, doch letztendlich war diese nicht das Wichtgste für ihn :

«Nein! nicht die Wissenschaft liebte er, sondern ihre Form und ihren Ausdruck. Er liebte ein Buch, weil es ein Buch war; er liebte seinen Geruch, seine Form, seinen Titel.»

Aber nicht nur das, er war auch beeindruckt von den unterschiedlichsten Handschriften. All diese Faszination für das Buch raubte ihm wahrlich den Schlaf, er träumte sogar schon von Büchern. Es ging sogar soweit, dass er sein Mönchsleben aufgegeben hatte, um all sein Vermögen in Bücher zu investieren. Doch damit nicht genug, er opferte für sie nicht nur sein ganzes Geld und seine Seele, sondern fast sein Leben…

Dieser Erzählung liegt ein historischer Kriminalfall zugrunde, bei dem man sich nicht sicher ist, ob der Bericht in einem bekannten Gerichtsblatt über einen mörderischen Bibliomanen damals nicht vielleicht doch nur ein Scherz gewesen war. Auf jeden Fall liess sich dadurch Gustave Flaubert trotzdem zu diesem kleinen magischen Werk anregen.

Gustave Flaubert zeigte bereits hier in seinem Jugendwerk, sein ausgeprägtes Interesse für das minituöse, ja wahrlich fast schon kriminalistisch scharfe Beobachten von Menschen. Man erkennt sofort die grandiose literarische Umsetzung in der Beschreibung der Charaktere und der gesellschaftlichen Interaktionen, die sowohl durch den Hauptdarsteller initiert werden, als auch unabhängig von ihm in seiner Umgebung stattfinden. In gerade mal knappen dreissig Seiten wird der Leser Zeuge, was der « Bücherwahn » sehr wohl für negative Konsequenzen haben kann und was so manchen Buchliebhaber nachdenklich stimmen dürfte.

Doch Gustave Flaubert hilft uns gerade mit dieser brillanten Erzählung und seinem – damals bereits deutlich erkennbar – einzigartigen Schreibstil, die Liebe zur Literatur und zu Büchern – auch auf die Gefahr hin der Bibliomanie zu verfallen – weder zu verlieren noch sie zu missbrauchen. Ganz im Gegenteil, durch diese unglaublich spannende und intensive Erzählung, bekommen wir erst so richtig gesunde und keinesfalls krankhafte Lust in die Bücher – und Bibliomanenwelt tiefer einzutauchen und verspüren gleichzeitig eine ungebremste Neugierde, endlich Flauberts Werk erneut oder vielleicht auch zum ersten Mal so richtig intensiv zu lesen…

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Tod des Dichters

Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war
bleich und verweigernd in den steilen Kissen,
seitdem die Welt und dieses von-ihr-Wissen,
von seinen Sinnen abgerissen,
zurückfiel an das teilnahmslose Jahr.

Die, so ihn leben sahen, wußten nicht,
wie sehr er Eines war mit allem diesen;
denn Dieses: diese Tiefen, diese Wiesen
und diese Wasser waren sein Gesicht.

O sein Gesicht war diese ganze Weite,
die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;
und seine Maske, die nun bang verstirbt,
ist zart und offen wie die Innenseite
von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.

Durchgelesen – „Ein Tag zu lang“ v. Marie NDiaye

Planung ist das halbe Leben. Dies ist nicht nur eine leere Floskel, sondern diese Einstellung wird auch sehr oft umgesetzt. Und was plant der Mensch am Liebsten, genau seinen Urlaub. Alles wird organisiert, der Ankunftstag, die Uhrzeit und natürlich auch der Abreisetag. Doch was passiert, wenn man spontan seinen Urlaub um einen Tag verlängert ? Nichts, sollte man meinen. Doch dass eine solche banale Abreiseverzögerung gleich das ganze Leben einer Familie bzw. eines Mannes komplett auf den Kopf stellt, werden wir spätestens durch diesen grandiosen Roman erkennen.

Marie NDiaye ist am 4. Juni 1967 in Pithiviers geboren. Ihre Mutter ist Französin und der Vater Senegalese, der Frankreich wieder in Richtung Afrika verlässt, als sie gerade mal ein Jahr ist. Marie NDiaye wächst in der Pariser Banlieu auf, wird hauptsächlich von Ihren Grosseltern mütterlicherseits erzogen, da Ihre Mutter beruflich als Lehrerin für Naturwissenschaften sehr engagiert ist. Bereits im Alter von 12 Jahren fängt sie an zu schreiben und wird nach ihrem Schulabschluss mit 17 Jahren von Jérôme Lindon entdeckt. Er ist der Gründer des Verlages « Éditions de Minuit », bei welchem NDiayes erstes Werk « Quant au riche avenir » 1985 veröffentlicht wird. Sie schreibt vier weitere Romane, unter anderem « Un temps de saison » 1994, der nun ganz aktuell unter dem Titel « Ein Tag zu lang » nach über acht Jahren – dank der Übersetzung von Claudia Kalscheuer – in deutscher Sprache erschienen ist. Damals schrieb bereits das Magazin « L’Express », das es sich bei der Autorin um eine Frau handelt, auf die man schriftstellerisch in Zukunft zählen könnte. Und das war bzw. ist auch so, denn Marie NDiaye wird mit Ihrem Roman « Rosie Carpe » mit dem Prix Femina 2001 ausgezeichnet und erhält als erste lebende Schriftstellerin die Ehre, dass ihr Theaterstück « Papa doit manger » in der Comédie Française gespielt wird. Doch hauptsächlich bekannt – insbesondere auch international – wurde sie durch die grösste und wichtigste literarische Auszeichnung in Frankreich, den Prix Goncourt, den sie für ihren Roman « Trois Femmes puissantes » (« Drei starke Frauen ») 2009 erhält. Seit 2007 lebt Marie NDiaye mit ihrer Familie in Berlin.

« Ein Tag zu lang » ist ein ganz eigenwilliger und sozialkritischer Roman. Er fühlt sich an wie ein schlechter Traum, wirkt wie ein provokantes Märchen und liest sich fast wie ein Krimi. Die Handlung spielt Anfang September in der französischen Provinz, ohne das konkret der Name des Dorfes genannt wird.

Der Lehrer Herman, obwohl er Familie (eine Frau namens Rose und einen Sohn) hat, ist neben einigen schrägen Dorfbewohnern der Hauptprotagonist. Er kommt aus Paris und verbringt wie jedes Jahr seinen Sommerurlaub in dem Ferienhaus in der Provinz, das jedoch nicht direkt im Dorf sondern etwas ausserhalb liegt. Eigentlich reist er mit seiner Familie spätestens am 31. August ab. Das ist so üblich, nicht nur bei ihm, sondern das machen alle Pariser so, damit sie rechtzeitig wieder in Paris sind, wenn die Schule beginnt, bzw. die Arbeit losgeht und sie somit ein wichtiger Teil der sogenannten « Rentrée » sein können.

Doch dieses mal bleiben sie einen Tag länger und noch am gleichen Nachmittag stellt Herman fest, dass seine Frau und sein Kind verschwunden sind. Just genau in dem Moment, wo der 1. September auf dem Kalenderblatt steht, ist auch das Wetter nicht mehr sommerlich. Es stürmt und ist plötzlich sehr kalt :

« Die plötzlich winterlichen Temperaturen versetzten ihn vollends in Furcht und Schrecken und festigten seine Überzeugung, dass Rose und er, indem sie einen Tag zu lang mit ihrer Abreise gewartet hatten und den Monat September, den sie sonst immer in Paris erlebten, hier auf sich zukommen liessen, sich unbekannten Störungen ausgesetzt hatten, einer Art von Störungen, der sie vielleicht nicht gewachsen waren. »

Herman versucht trotz des schlechten Wetters seine Frau und sein Kind zu finden, frägt bei der Nachbarin, ob seine Frau bei ihr sei, da sie eigentlich noch frische Eier holen wollte. Doch sie war nicht da. Er läuft weiter bis ins Dorf hinein, versucht sie in einem Laden zu finden und möchte unbedingt noch auf der Polizeiwache eine Vermisstenanzeige aufgeben. Der noch anwesende Polizist ist verwundert darüber, da bis jetzt noch nie ein Bewohner des Dorfes verschwunden ist. Er klärt ihn darüber auf, dass um diese Zeit keine Fremden mehr im Dorf leben und gebe ihm zu verstehen, dass Herman nun der erste Pariser sei, der hier dieses Wetter erleben würde. Hermann hofft auf die Hilfe des Polizisten, doch dieser vertröstet ihn nur, da sein Dienst schon vorbei sei.

Herman schläft eine Nacht darüber und ist fest entschlossen am nächsten Tag statt nochmals zur Polizei zu gehen, den Bürgermeister aufzusuchen, damit dieser als deren « Chef » etwas mehr Druck bezüglich einer Vermisstensuche ausüben könnte. Doch der Bürgermeister hat keine Zeit für ein Gespräch und deshalb wird Herman an den Vorsteher des Fremdenverkehrsamtes weitergeleitet :

« „Wo kommen Sie denn her ?“ fragte der Vorsteher leutselig und offenkundig entzückt über Hermans Besuch. „Aus C. ? Aus M. ?“
Er nannte zwei nahe gelegene Dörfer.
„Ich lebe in Paris. Ich sollte seit gestern wieder dort sein.“
Der Vorsteher schrie überrascht auf.
„Sie sind Pariser ? Aber der Sommer ist zu Ende !“
„Das sage ich Ihnen ja“, erwiderte Herman gereizt.
„Ich bin nur noch hier, weil mich ein plötzliches Unglück ereilt hat.“ »

Ja und dieses Unglück nimmt jetzt er sich so richtig seinen Lauf und entwickelt sich in einer ganz mysteriösen Weise schleichend weiter. Herman nimmt die Suche wieder auf und wird dadurch immer mehr zum « Mitglied » dieser Dorfgemeinschaft. Die Dorfbewohner verhalten sich merkwürdig. Die Menschen und das Wetter werden sich immer ähnlicher. Alles versinkt im Regen, eingehüllt im Nebel, ist es nun nicht mehr ganz klar, ob Herman seine Frau und sein Kind jemals wiederfindet, wiederfinden kann bzw. will…

Dieser Roman von NDiaye zählt zu ihren literarisch äusserst bemerkenswerten Frühwerken. Bereits hier erkennt man ihren sprachlichen Scharfsinn und den subtil versteckt provozierenden Humor. Hier werden wir so en passant durch das Verschwinden einer Frau und eines Kindes mit den Feriengewohnheiten der Pariser konfrontiert und müssen dabei erkennen, was es bedeuten kann, wenn der Pariser seinen sonnenverwöhnten Ferienort am 31. August nicht wieder verlässt.

Marie NDiaye ist äusserst mutig, diese sehr eingefahrene ja fast schon traditionelle Gewohnheit der Pariser in so raffiniert literarische Form eines Romans zu packen und dabei ein so spannendes und vollkommen unaufgelöstes « Traummärchen » entstehen zu lassen, in dem nicht nur der Herbst, sondern auch die Menschen, kalt, vernebelt und morbide wirken.

« Ein Tag zu lang » ist ein Buch, das Lebendigkeit und Sterblichkeit im gleichen Atemzug bietet und das den Unterschied zwischen « Sommerparadies » und « Herbstwüste » klar definiert und wehe, man erlaubt sich nur einen Tag länger als gewohnt dieses Sommerparadies geniessen zu wollen, ist das Drama schon perfekt. Dieses sozio-philosophische Märchen steigert sich fast zum Albtraum, und kurz vor dem Ende wacht man auf, ist im ersten Moment etwas irritiert, wundert sich über die unglaubliche Anpassungsänderung von Herman und fragt sich wo Rose und der Junge geblieben sind. Und genau durch diese spannungsgeladene, ja fast schon emotional explosive Entwicklung wird einem als Leser glasklar vor Augen geführt, wie schnell Realitäten verwischen können und sich die eigenen Familienmitglieder plötzlich in Fremde verwandeln.

Geniessen Sie, verehrter Leser, diesen grossartigen Roman und Sie werden nicht nur die ungewöhnlich starke und besonders elgante Sprachbrillanz von Maria NDiaye erleben, sondern sie werden vor allem während der Lektüre auch immer wieder spüren, wie wichtig es ist, seine Umwelt genau zu beobachten, um sich sein Leben von niemand anderen als von sich selbst aus der Hand nehmen zu lassen…

Durchgeblättert – „Marcel Proust“ v. Patricia Mante-Proust u. Mireille Naturel

« Um Proust wirklich Tribut zu zollen, müssen wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten, nicht seine Welt mit unseren Augen. » So schreibt Alain de Botton in seinem Buch « Wie Proust ihr Leben verändern kann » und damit hat er in vieler Hinsicht Recht. Damit wir diese proustsche Welt vielleicht noch etwas besser verstehen und sie für uns Leser noch transparenter wird, erscheint nun ganz aktuell zu seinem 90. Todestag am 18. November 2012 ein nicht nur unglaublich repräsentativer und grossformatiger Bildband, sondern damit auch ein traumhaft schönes und sehr informatives Buch, das Marcel Proust und sein Werk « in Bildern & Dokumenten » auf 200 Seiten kompetent und kompakt erläutert.

Vor 90 Jahren ist Marcel Proust nun von uns gegangen, und ist durch sein Werk trotzdem immer bei uns geblieben. Dieser wichtige Jahrestag gibt natürlich Anlass zu erinnern, aber auch das erste Erscheinen der Fragmente  von « Du côté de chez Swann » (« Unterwegs zu Swann ») zwischen März 1912 und März 1913 im Le Figaro und die Buch-Veröffentlichung bei Grasset im November 1913 sind im nächsten Jahr ein weiteres grosses literarisches Ereignis, sich wieder einmal aufs Neue oder auch vielleicht zum ersten Mal diesem berühmten Schriftsteller zu widmen.

Dieser neue Bildband wurde von Patricia Mante-Proust, der Grossnichte von Marcel Proust herausgegeben und mit Texten von Mireille Naturel perfekt ergänzt. Patricia Mante-Proust kümmert sich seit Jahren um den Nachlass ihres Onkels und somit können wir als Leser zum ersten Mal viele bis jetzt noch unveröffentlichte Dokumente im Bezug auf die Geschichte seiner Familie und seines Werkes in gedruckter Form bewundern. Zahlreiche Photographien, besondere Schriftstücke aus der Familiensammlung, Briefwechsel und Auszüge seiner Manuskripte können hier studiert und bestaunt werden. Dieses Buch öffnet geheime Schubladen und unter anderem auch die Archive aus dem Hause der berühmten Tante Leonie (Illiers-Combray), die nun nicht nur für die Besucher vor Ort sondern für jeden Leser zugängig gemacht werden können.

Nach einem sehr persönlichen Vorwort von Patricia Mante-Proust und einer charmanten Einführung von Mireille Naturel, die sich übrigens 2007 mit einer Arbeit zu Proust habilitiert hat, inzwischen an der Universität Sorbonne unterrichtet und als Generalsekretärin der Société des Amis de Marcel Proust und Redakteurin des Bulletin Marcel Proust tätig ist, entdecken wir auf über 6 Kapiteln verteilt, das Leben und Werk Marcel Prousts.

Es beginnt eine proustsche Lebensreise, geboren am 10. Juli 1871 in Auteuil (inzwischen ein Pariser Viertel – 16. Arrondissement), die ersten wichtigen Gefühle zwischen Proust und seiner Mutter werden wach, die Kindheit oft verbringend bei seiner Tante in Illiers-Combray, leichte und schwere Asthmaanfälle, eine Jugend zwischen Paris und auf dem Land, die ersten Antworten auf den berühmten Fragebogen, Schulzeit (wunderbare Dokumente zum Zensurenspiegel), die Studien- und Militärzeit und die gute Luft und wunderbare Landschaft von Cabourg.

Es folgen wichtige künstlerische Momentaufnahmen bezüglich Leben und Werk, die Begegnung mit seinem Verleger Gallimard, Aufenthalte in der Normandie, die Fürsorge von Céleste Albaret, Erläuterungen über seine wichtigen Jugendwerke, wie « Les Plaisir et les Jours » (« Freuden und Tage »), der Eintritt in die Salons und das mondäne Leben und der zweite Proustfragebogen. Zum Ende hin lernen wir viel « über das Lesen », die Bedeutung von kulinarischen und malerischen Meisterwerken in seiner « Suche nach der verlorenen Zeit », über Düfte, Farben und den Symbolismus, begleiten Marcel Proust auf Reisen in die Bretagne, nach Venedig, Belgien und Holland, hören wundervolle Musik von Saint-Saëns und César Franck, geniessen am Schluss eine köstliche Madeleine und verstehen die Bedeutung des Weissdorn und warum Rosa, die Lieblingsfarbe von Marcel Proust war.

Dieses Buch, ist nicht nur ein im herstellerischen Sinne äusserst hochwertiger Bildband, der sich durch seine besonders beeindruckende Reproduktionqualität der zahlreichen Photographien und Dokumente auszeichnet, sondern es ist auch ein wahrlich elegant anmutendes, aufklärendes und anspruchsvoll konzipiertes Panoptikum eines der wichtigsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mireille Naturel verbindet mit ihren Texten auf grandiose Weise das Bildmaterial mit den Zitaten aus dem Werk von Marcel Proust, so dass ein sehr persönliches Lebenszeugnis entsteht, das bis jetzt in dieser Form noch nicht da gewesen ist. Somit werden nicht nur allein der Mensch und das Werk Marcel Proust gezeigt, sondern auch eine ganze Epoche dem Leser näher gebracht. Ab der ersten Seite taucht der Leser in eine neue, aber irgendwie auch zeitlose Welt ein, die vor allem durch den unvergleichen Schreibstil von Marcel Proust gekennzeichnet wurde.

Der Leser kann beim Betrachten der Photographien, Dokumentationen und gemalten Portäts, vor allem wenn man das berühmte Gemälde von Jacques-Émile Blanche vor Augen hat, das man heute im Musée d’Orsay jederzeit bewundern kann, die Verschmelzung zwischen Leben und Roman nachempfinden. Man lässt sich leserisch und betrachtender Weise treiben, blättert, liest, schwärmt und ist erstaunt über das Zusammenspiel von Erlebten, Erträumten und Geschriebenen. Dieses Buch hilft auf ganz wunderbare Weise den Menschen Marcel Proust vor allem auch in Bildern und nicht nur im Text kennenzulernen und sich dadurch ganz vorsichtig dem eigentlichen « Gesamtkunstwerk » nähern zu können. Denn letztendlich sind das Leben und das Werk von Marcel Proust in keinster Weise trennbar :

« Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. Dieses Leben bewohnt in gewisser Weise jeden Augenblick aller Menschen, nicht nur der Künstler. Aber sie sehen ihn nicht, weil sie sich nicht bemühen, ihn zu erhellen. » ( aus « Die wiedergefundene Zeit »)

« Marcel Proust » ist eine sehr beeindruckende und ambitionierte Bild-Biographie, die sich sowohl in der Opulenz des Bildmaterials, als auch durch die sehr profunde und gleichzeitig sensible Textgestaltung auszeichnet. Dank Patricia Mante-Proust dürfen wir nun ein Buch in den Händen halten, das sich natürlich für jeden Proust-Anfänger bestens eignet, aber gleichzeitig auch dem Kenner noch viele neue dokumentarische Aspekte zeigt, die bis jetzt im Familienbesitz waren oder hinter verschlossen Türen im französischen Nationalarchiv schlummerten.

Nehmen Sie sich Zeit, verehrter Leser, verbringen Sie mit « Marcel Proust » einen Nachmittag – die Tasse Tee trinkend in Begleitung von einer köstlichen Madeleine – und Sie werden erkennen, wie nahe Sie dem Menschen Proust, aber auch seinem Werk, durch diesen prachtvollen Bildband kommen. Ja und vielleicht verspüren Sie dann ganz plötzlich die Lust, inspiriert durch den ersten und allseits berühmten Satz « Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. », Marcel Proust in seine ganz besondere, unverwechselbare und einmalige literarische Welt zu folgen…

Durchgelesen – „Versuch über den Stillen Ort“ v. Peter Handke

Ein klein wenig verunsichert betrachtet man den Titel dieses Buches, wundert sich über die Rechtschreibung und fragt sich ganz vorsichtig, warum das Adjektiv « still » in diesem Fall gross geschrieben wird ? Das lässt sich schnell erklären : stille Orte – man beachte die Kleinschreibung – sind Orte, an denen es in der Regel ruhig und lautlos ist , das könnten zum Beispiel Bibliotheken, Kirchen, aber auch Wälder sein. Doch bei Peter Handkes « Stillen Ort » handelt es sich ganz profan um die Toilette oder auch WC genannt. Im gewissen Sinne ist dies auch ein stiller Ort, wenn mal von den üblicherweise dazugehörigen Geräuschen absieht, aber eben in einer etwas anderen Bedeutung. Und genau diese differenzierte Bedeutung des hier behandelten Stillen Örtchens, wie wir es selbst gerne oft nennen, wenn wir die klassischen Begriffe vermeiden wollen, werden wir dank Peter Handke nun in seinem neuesten Werk herausfinden.

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Er wächst bei seiner Mutter, einer Kärntner Solwenin und bei seinem Stiefvater, einem Berliner Strassenbahn-schaffner auf, den seine Mutter bereits kurz vor seiner Geburt geheiratet hatte. Er verbringt die ersten Lebensjahre in Griffen, dann in Berlin Pankow und ab 1948 wieder in Griffen. Seine Schulzeit absolvierte er zu erst an der Hauptschule und wechselte dann auf eigenem Betreiben hin in das beim Priesterseminar angegliederte humanistische Gymnasium in Maria Saal. Doch nach zwei Jahren wurde ihm die katholische Erziehung dort zu eng und er organisierte wiederum selbst einen erneueten Wechsel auf eine andere Schule und machte schiesslich 1961 seinen Schulabschluss (Matura). Bereits während der Schulzeit schrieb er Texte unter anderem für die Internatszeitschrift. Doch nach dem Abitur begann Peter Handke erstmal ein Jurastudium in Graz, obwohl er sich bereits während der Studienzeit immer mehr für das Schreiben, sei es für das Feuilleton eines Grazer Radiosenders in Punkto Rockmusik oder auch für wichtige Buchbesprechungen, engagierte. 1964 begann er mit seinem ersten Roman « Die Hornisse », welcher 1965 aufgrund der Ablehnung durch den Luchterhand Verlag erfreulicherweise von Suhrkamp veröffentlicht wurde. Dies war auch gleichzeitig der Beginn seiner schriftstellerischen Karriere und das Ende seines Jurastudiums. Nach vielen Umzügen (Düsseldorf, Paris, Salzburg) und einer Weltreise Ende der Achtziger Jahre, lebt Peter Handke nun seit 1990 in Frankreich (Chaville). Sein Gesamtoeuvre umfasst eine sehr grosse Auswahl an Gedichten, Theaterstücken, Drehbüchern, Übersetzungen, Romanen und Essays. Peter Handke gehört zu den meist geehrten deutschprachigen Schriftstellern und wurde unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis (1973), dem Schiller-Gedächtnis-Preis (1995), dem Thomas-Mann-Literaturpreis der bayerischen Akademie der Schönen Künste (2008) und dem Nestroy-Theater-Preis (2011) ausgezeichnet. Nach über zwanzig Jahren erscheint nun zur Freude vieler Leser ganz aktuell wieder ein neuer « Versuch » von Peter Handke, eine hoffentlich nicht enden wollende Wiederaufnahme bzw. Weiterführung der jeweils ersten drei « Versuche » über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag.

In seinem neuen « Versuch über den Stillen Ort » erzählt Peter Handke seine ganz private, ja wahrlich sehr persönliche Geschichte über seine Erfahrungen mit den verschiedensten Stillen Orten und die daraus entstehenden Bedeutsamkeiten. Bereits in der Kindheit erinnert er sich an den « Abort » im Haus des Grossvaters. Am Meisten jedoch blieb ihm das Licht im Gedächtnis :

« Seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus ; indirekt, das heisst ohne Fenster, dafür umso stofflicher ; Licht, das umgab – von dem man sich in dem Stillen Ort umgeben fand – man ? – ich, also doch schon damals « ich » dort ? »

Auch in seiner Internatszeit ist für ihn der Stille Ort mehr als nur der Ort für gewisse natürliche « Erledigungen », es ist fast schon eine Art Rückzugsort :

« Das Klosett, und nicht nur dies eine in dem Gelände, bedeutete für mich während der Jahre im geistlichen Internat einen möglichen Asylort, wenn ich mich zu dem auch mehr geflüchtet habe. »

Aber der Stille Ort wurde nicht nur ein Fluchtort, er wurde kurz über Hand nach den Lehrjahren auch der spontane und provisorische Übernachtungsplatz für einen noch unbedarften Reisenden. Auch wenn der Sommer damals so seine Reize hatte und ein Schlafen im Freien sehr abenteuerlich erschien, trieb die Nachtkälte den jungen Handke doch eher auf den Bahnhof, wo dann die Müdigkeit ein Schlafgemach forderte:

« Ich schloss mich ein in eine der Kabinen der Bahnhofstoilette, welche sich, wenn auch abseits, irgendwo im Inneren der Anlage befand.
Die Tür war zu öffnen mit einer Schilling-Münze, und als ich sie absperrte, spürte ich erst einmal eine gewisse Geborgenheit oder Aufgehobenheit. »

Er blieb die ganz Nacht über in seinem besonderen « Hotelzimmer », obwohl ihn die Müdigkeit übermannte, wollte er nicht schlafen, aber er wollte diesen Ort auch nicht mehr bis zum nächsten Morgen verlassen.

Erst während seiner Studienzeit verlor der Stille Ort, als « Asylort » seine Bedeutung und wurde von anderen Orten wie Gebäuden, Stätten etc. abgelöst und dabei stellte der Autor noch etwas ganz Anderes, äusserst Bemerkenswertes fest :

« Noch merkwürdiger, dass man, ohne Vorsatz oder gar Plan, die stillen Orte allein aus sich selber heraus schaffen konnte, von Fall zu Fall inmitten eines Tumults (gerade im Tumult), inmitten von dem zeitweise noch ungleich stärker geisttötenden Gerede. Solche Orte bauten sich auf und schirmten einen ab, indem man während der und der Vorlesung die grossen und sogar die weniger grossen Texte, ja, der Literatur las. »

Aber der Stille Ort bekommt trotz der veränderten Bedeutung eine neue Rolle, er wird für praktische Dinge wie Haare waschen eingesetzt, was auch so manche Professoren auf der Fakultätstoilette erledigten. Und nach einer grösseren Stille-Ort-Pause von über zwanzig Jahren, taucht der Stille Ort von einer japanischen Tempelanlage wieder in seinem Gedächtnis auf, und er selbst wundert sich, dass es nicht der Tempel ist, der eine bleibende Erinnerung bei ihm hinterlassen hat, sondern die Tempeltoilette.

Und so verfolgen wir weiter Peter Handkes Reise zu seinen Stillen Orten und erhalten gleichzeitig bezüglich der gestellten Bedeutungsfrage sehr aufschlussreiche Antworten…

« Versuch über den Stillen Ort » ist keineswegs eine Satire, noch wird hier irgendeine Form von Ironie eingesetzt, von der Peter Handke selbst schreibt, dass er dafür nicht so gut geeignet ist. Nein, dieses Werk ist eine Art autobiographisches Essay. Und wer weiss, was « essai » im Französischen bedeutet, nämlich « Versuch », versteht den Titel gleich viel besser. Peter Handke versucht sich, aber auch dem Leser zu erklären, was so ein simpler Ort wie eine Toilette, doch für tiefgehende „Funktionen“ hat, ausser der Klassischen, über die wir weder hier sprechen wollen, noch jemals Peter Handke ein Wort darüber verliert, geschweige denn von irgendwelchen Gerüchen etc. schreibt. Es geht hier mehr um eine psychologische bzw. philosophische Relevanz-Analyse. Der Stille Ort ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort, ein Schlafplatz, ein Ort der Reinigung, ein Ort zum Nachdenken, Meditieren, Lesen, sich Besinnen, vor etwas Schützen, des Alleinseins und somit ein wahrer Ort der Ruhe und der Stille.

Peter Handke beschreibt  nicht nur mit seiner unverwechselbaren magischen Sprache diese besonderen „Stillen“ Erfahrungen, sondern er spielt quasi auf höchst literarischem Niveau mit den Wörtern, lässt sie zu einer Art Kunstwerk verschmelzen und kreiert dabei ein essayistisches Gemälde von einem « Stillen Ort », wie wir uns als Leser diesen vielleicht in dieser Bedeutungtiefe und Tragweite nie hätten vorstellen können.

Spätestens nach dieser mehr als lebensbereichernden und äusserst eindrucksvollen Lektüre werden Sie, verehrter Leser, Ihren Stillen Ort mit ganz anderen Augen betrachten. Sie werden ihn neu bewerten, ihn in ganz überraschender Form neu schätzen lernen, aber Sie werden auch – dank Peter Handke – feststellen, dass es nicht nur einen einzigen « Stillen Ort » braucht, sondern viele verschiedene,  um stille Orte für sich und bei sich finden zu können!

Durchgeblättert – „Vom Glück mit Büchern zu leben“ v. Stefanie von Wietersheim

Mit Büchern zu leben, sollte Glück bedeuten, oder Glück verströmen. Auch dann wenn wir oft über Platz- und Zeitmangel in Punkto Büchern sprechen, ist es doch ein unbeschreiblich schönes Gefühl, umgeben von Büchern sein Leben gestalten und geniessen zu können. Und genau diesem Gefühl sind Stefanie von Wietersheim und Claudia von Boch nachgegangen, in dem sie zwanzig ganz unterschiedliche Persönlichkeiten in ihrem Zuhause und somit auch bei ihren Büchern besucht haben.

Stefanie von Wietersheim hat in Passau und Tours Kulturwissenschaften studiert und arbeitet inzwischen als freie Autorin in München, Paris und Toulouse. Ihre Schwerpunkte liegen bei Kultur, Interiors und Reisen. Claudia von Boch ist als freiberufliche Fotografin für verschiedene Projekte und Magazine tätig und hat ihren Focus auf Interiors, Gärten und Reiseportagen gelegt. Jetzt haben sich die zwei Frauen zu einem ganz besonderen Buchprojekt vereint, das sich mit der Liebe zu Büchern, dem daraus entstehenden Glück und noch vielem mehr beschäftigt.

In diesem wirklich fantastisch gestalteten Buch werden wir Leser so en passant für einen gewissen und ganz bestimmten Moment eingeladen, die bibliophilen Oasen von zwanzig verschiedenen Menschen, die sowohl auf irgendeine Weise mit Büchern arbeiten oder sie als Ausgleich zu ihrem Beruf erleben, kennenzulernen. Jeder dieser « Buchmenschen » wird in Bild und Text  vorgestellt. Es werden die Hintergründe der Buchleidenschaft erläutert und berufliche oder private Zusammenhänge erklärt. Ergänzt durch grandiose Photographien sei es von den Privatbibliotheken, den Menschen selbst beim Lesen oder von den buchreichen bzw. buchfreien Lebensräumen an sich, haben wir als Leser beim Betrachten dieser Bilder und beim Lesen der dazugehörigen Texte das Gefühl, als wären wir hautnah mit dabei. Am Ende jedes dieser Porträts erfahren wir noch ganz persönliche Leseerlebnisse, die unter anderem, wie « mein schönster erster Satz ; ein Buch, das mein Leben verändert hat ; ein Klassiker, der mich zu tode langweilte ; oder auf meinem Nachttisch liegt », ganz konkrete Details in Punkto Leben und Glück mit bzw. durch Büchern zum Vorschein bringen, wie folgende Beispiele zeigen :

So ist es wunderbar festzustellen, dass sich Felicitas von Lovenberg (FAZ-Chefredakteurin Literatur) in schwierigen Momenten sich Hilfe bei den Gedichten von Emily Dickinson holt.

Johanna Rachinger (Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek) zieht dagegen für etwas melancholischen Stunden « Anna Karenina » von Leo Tolstoi zu Rate.

Blanca Bernheimer (Galeristin) hat ihren schönsten letzten Satz bei Eichendorff in dem Gedicht « Mondnacht » gefunden :
« Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus ».

Die Buchhändlerin Regina Moths hätte folgendes Buch gerne geschrieben : « Ralf Vollmann Romanverführer. Das ist meine liebste Berufsbezeichnung, aber ich möchte nicht wirklich Bücher schreiben. Ich möchte sie am liebsten palettenweise verkaufen. »

Gleich zwei Männer in dieser Runde, Oliver Jahn (Journalist und Chefredakteur von AD) und Ivo Wessel (Kunstsammler) sind sich in Punkto « mein schönster erster Satz » einig : « Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen » (Auf Suche nach der verlorenen Zeit, von Marcel Proust)

Ja und Wolfram Siebeck (Gourmetkritiker) hat dagegen mit Proust so seine Schwierigkeiten und ordnet die « Suche nach der verlorenen Zeit » eher unter « Klassiker, die mich zu tode langweilen » ein.

Unterschiedlicher könnten die Antworten und Buchempfehlungen für bestimmte Lebenssituationen gar nicht sein. Und genau das macht den Charme dieses wundervollen Buches aus. Es zeigt Menschen, wie sie mit ihren Büchern in ihren Wohnungen bzw. Häusern leben, sie erleben und zu ihrem ganz persönlichen Leben erwecken. Hier geht es weniger um das Wohnen bzw. um die innenarchitektonisch gestalteten Privatbibliotheken, wobei diese natürlich trotzdem wunderbar anzusehen sind, sondern hier geht es um das Leben mit dem gedruckten Werk und seinen Autoren. Hier wird das Glück mit Büchern zelebriert, hier wird die aufrechte Liebe zum Buch und zur Literatur, welche auch immer es sein mag, auf erzählerisch äusserst stilvolle, empathische und in Punkto hochwertigen Bildmaterial photokünstlerische Weise vermittelt.

Spätestens nach der Lektüre und dem Durchblättern dieses auch herstellerisch sehr wertvollen Text- und Bildbandes betrachtet man seine Bibliothek bzw. Bücherregale von einer ganz neuen Seite, überlegt sich Antworten auf die neugierig machenden Fragen und kommt letztendlich zu dem Entschluss, dass ein Leben mit und unter Büchern wahres Glück bedeutet. Und damit der Nachschub an helfenden, tröstenden, beglückenden und bereichernden Büchern nie ausgehen mag, findet man als kleinen krönenden Abschluss auf den letzten Seiten dieses Prachtbandes noch die Auflistung der Lieblingsbuchhandlungen der vorgestellten Protagonisten.

« Vom Glück mit Büchern zu leben » ist ein traumhaft schönes Buch, das man nicht verschenken, sondern sich als leidenschaftlicher Leser, Buchliebhaber und Literaturfreund  unbedingt selbst zum Geschenk machen sollte. Es verführt in neue buchaffine Lebenswelten, lässt den Leser interessante Literaturempfehlungen entdecken und regt an, sein dauerhaftes Glück nicht irgendwo zu suchen, sondern zwischen zwei schlichten kartonierten oder auch edel in Leinen gebundenen Buchdeckeln !

Joseph Freiherr von Eichendorff – Gedicht

Wechsel

Es fällt nichts vor, mir fällt nichts ein,
Ich glaub die Welt steht still,
Die Zeit tritt auf so leis und fein,
Man weiß nicht, was sie will.

Auf einmal rührt sich’s dort und hier –
Was das bedeuten mag?
Es ist, als hörtst du über dir
Einen frischen Flügelschlag.

Rasch steigen dunkle Wetter auf,
Schon blitzt’s und rauscht die Rund
Der lust’ge Sturmwind fliegt vorauf –
Da atm ich aus Herzensgrund.

Durchgelesen – „Ein besonderer Junge“ v. Philippe Grimbert

Das Adjektiv « besondere » kann viele Bedeutungen haben, sowohl negative, als auch positive. Was heisst es nun wirklich ein « besonderer Junge » zu sein : abgesondert, eigen, oder doch eher aussergewöhnlich, bemerkenswert oder vielleicht sogar auch herausragend, überragend, ja quasi exzellent. All diese Synomyme lassen sich für das Wort « besondere » einsetzen, doch letztendlich bleibt es mehr oder minder fast schon eine persönliche Interpretationsfrage, bei welcher uns jedoch Philippe Grimbert auf erzählerischer Weise meisterhaft Hilfestellung leisten kann.

Philippe Grimbert (geboren 1948 in Paris) kennt sich aus mit dem « Besonderen » beim Menschen, vorallem bei Kindern und Jugendlichen. Er arbeitet seit Jahren als Psychoanalytiker mit Schwerpunkt in der Jugendpsychiatrie. Nach einer mehr als zehnjährige Anlayse mit einem Lacan-Anhänger eröffnete er seine eigene Praxis. Er ist an zwei verschiedenen medizinisch-pädagogischen Einrichtungen tätig und beschäftigt sich bespielsweise auch verstärkt mit dem Autismus bei Jugendlichen. Neben seinen zwei psychoanalytischen Essais schrieb er vier Romane, unter anderem « Das Geheimnis ». Ein Buch, das mit vielen Auszeichnungen wie zum Beispiel dem Prix Goncourt des Lycéens 2004 geehrt und sehr erfolgreich 2007 verfilmt wurde. Aktuell dürfen wir dank der ausgezeichneten Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller seinen Roman « Ein besonderer Junge » in deutscher Sprache entdecken, der unter dem Titel « Un garçon singulier » bereits 2011 in Frankreich erschienen war.

Der Roman spielt in den Siebziger Jahren, beginnt in Paris und entwickelt sich dann hauptsächlich weiter in einem kleinen Badeort in der Normandie.

Es gibt drei Hauptprotagonisten! Louis, ein junger Student, der sich in Paris mehr als recht durch sein Studium kämpft, ja fast schon quält. Er wechselt von den Geisteswissenschaften zu Jura, doch am Liebsten würde er sein Studium hinschmeissen, aber sein Vater hat ihm auch noch gedroht, den Geldhahn abzudrehen. Somit bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als eine Stelle zu finden, um Geld zu verdienen. Und glücklicherweise entdeckt er ein Inserat: es wird ein junger motivierter Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen gesucht. Louis fühlt sich sehr angesprochen hinsichtlich dieser Annonce :

« Zwei Worte an dieser von Hand geschriebenen Anzeige zogen mich an.
Wenn sie mich nicht gerade den grossen Schweiger nannten, sagten meine Eltern wie der Verfasser der Anzeige, ich sei ein besonderer Junge. Meine Neigung zum Alleinsein beunruhigte sie stets : Als Kind spielte ich nie mit anderen, und als Jugendlicher zog ich die Gesellschaft meiner Lieblingsautoren allen Bekanntschaften vor. »

Aber es war nicht nur das Wort « besondere », was ihn so anzog, es war auch der Ort Horville, der in der Anzeige genannt wurde, wo die Betreuung stattfinden sollte. Dieser Ort war für Louis ein Ort aus der Kindheit. Er verband damit einen bestimmten Geruch und viele Erinnerungen an eine Zeit, die er dort mit seinen Eltern verbracht hatte.

Louis trifft sich mit dem Vater des besonderen Jugendlichen aus der Anzeige, der nur eine kleine Nebenrolle in diesem Roman einnimmt. Sie werden sich schnell einig und Louis hat den Job, wird bei dessen Frau – Helena -, angekündigt und fährt kurz darauf mit seiner alten « Ente » (2CV) nach Horville.

Neben Louis sind die zwei anderen Hauptprotagonisten in diesem Buch nun Helena und der besondere Junge mit dem Namen Iannis. Nach einer kleinen Irrfahrt und im Dunkeln spät abends findet Louis nun endlich die Villa. Er wird sehr herzlich von Helena empfangen, kann sein Zimmer gleich beziehen und darf anschliessend mit Helena ein Glas zur Begrüssung trinken. Sie fällt gleich mit der Tür ins Haus, vermittelt Louis, wie froh sie sei, dass er endlich da wäre, damit sie sich nun nur noch ihrem Projekt – wie sie es immer diplomatisch nannte – widmen könne. Helena klärt Louis über ihren Sohn Iannis auf :

« „Unser Sohn ist ganz und gar unfähig zu den menschlichen Beziehungen, die sein Vater zum Beruf hat, und er kann weder lesen noch schreiben, obwohl seine Mutter Schriftstellerin ist ! Mehr noch, Iannis spricht nicht. Doch er hat zahlreiche Mittel, um sich verständlich zu machen… Nicht immer angemessene Mittel, wie man einräumen muss, vor allen Dingen nicht bei einem sechzehnjährigen Jungen !“ »

Die erste Nacht konnte Louis nicht gut schlafen. Bevor er zu Bett ging, warf er noch einen Blick ins Nebenzimmer, dem Zimmer wo Iannis bereits schlummerte. Er lag in einer Art Embryo-Stellung und wirkte hilflos, ja ängstlich. Am nächsten Tag begegnete Louis nun seinem « Schützling » zum ersten Mal. Er sah ihn wippend auf dem Bett, gleichzeitig schlug er sich selbst. Louis wollte ihn trösten und versuchte, ihn sanft zu berühren, was er beim zweiten Anlauf überraschender Weise angenommen hatte. Dies war nun der Beginn von Louis neuer Tätigkeit. Er musste sich um das Wohl von Iannis kümmern, aber auch gleichzeitig für die daraus entstehende Ruhe für Helena sorgen, damit sie sich ganz auf ihr Schreiben konzentrieren konnte. Louis war eine Art männliches Au-Pair-Mädchen, hatte Kost und Logis frei und verdiente für seine « Pflegearbeit » noch etwas Geld dazu.

Doch nicht nur Iannis war ein besonderer Junge, auch Helena war eine besondere Mutter. Sie fühlte sich in der Gesellschaft von Louis sehr wohl, und wollte dies in verschiedenen Aspekten gerne ausweiten. Doch Louis war nicht nur überrascht, sondern sehr irritiert, vor allem weil er nicht im Geringsten Lust auf eine Affaire bzw. ein Abenteuer hatte. Und er hatte Skrupel gegenüber Iannis, der trotz seiner « Verschlossenheit » jede Art von emotionaler Schwingung sofort spüren würde. Doch Helena konnte die abweisende Reaktion von Louis nicht verstehen :

« Ihr Gesicht erstarrte, ein Schatten huschte durch ihren Blick. Ich glaubte zu sehen, dass ihre Augen feucht wurden, doch sie fasste sich und brach in Gelächter aus.
„Ein Junge aus dem letzten Jahrhundert ! Und ausgerechnet auf ihn muss ich treffen !“
….
Ich hatte ihr nichts entgegenzusetzen, sie reagierte auf diese Kränkung auf dieselbe Weise wie auf das rätselhafte Verhalten von Iannis : mit Ironie und Grobheit. »

Wie wird sich Louis weiterhin verhalten? Kann er sich nach wie vor der Mutter von Iannis entziehen, kann er mit seinen psychologischen Fähigkeiten auch ihre « erotischen » Probleme lösen, ohne dazu die eigentliche Aufgabe zu vernachlässigen und ohne sein bereits gewonnes Vertrauen gegenüber Iannis zu gefährden?

« Ein besonderer Junge » ist ein wundervolles, sehr intimes, intensives und äusserst psychologisch anmutendes Werk. Philippe Grimbert versucht dem Leser die « Besonderheiten » des Menschen, hier in diesem Fall nicht nur eines Jungen, sondern auch dessen Mutter und eines jungen Studenten literarisch zu verdeutlichen. Man kann die bereits eingangs gestellte Frage bezüglich der Interpretation des Wortes « besondere » nach dieser berührenden Lektüre ganz privat für sich selbst beanworten. Hier wird das « Besondere » nicht nur zu einem « Problem », es verwandelt sich in etwas Aussergewöhnliches und Einmaliges, wie bereits der französische Titel « Un garçon singulier » noch vielmehr herausstellt. Denn « singulier » würde man zum einen als « sonderbar » und « eigenartig » und zum anderen aber auch als « erstaunlich » übersetzen. Also auch hier findet sich diese ausserordentliche, zwar gegensätzliche – positiv wie negativ –, aber trotzdem ergänzende und vor allem versöhnliche Bedeutung.

Philippe Grimbert zaubert mit seiner psychoanalytischen Erfahrung, gibt seiner Sprache eine sehr subtile, aber zarte Tiefe und initiert bei dem Leser ein ganz neues Gespür für sehr starke Gefühle, die sich fast wie in einem Thriller Schritt für Schritt steigern. « Ein besonderer Junge » ist ein grandioses Buch, das von beeindruckenden Chrakteren geprägt wird, in einer traumhaft schönen Landschaftkulisse spielt und als Krönung noch dazu beiträgt, den Herbst mit letzten Sommergefühlen poetisch zu erfüllen.

Durchgeblättert – „Die beste Buchhandlung der Welt“

Kennen Sie Ihre ganz persönlich beste Buchhandlung der Welt ? Was unterscheidet die Lieblingsbuchhandlung von anderen Buchhandlungen ? Fragen über Fragen, die jeder Leser und Buchkäufer ganz für sich selbst beantworten kann. Doch eine Frage bleibt unbeantwortet und könnte den Leser bestimmt interessieren: wo kaufen eigentlich Schriftsteller ihre Bücher ? Endlich nehmen Autoren ihre Leser auf einen äusserst abwechslungsreichen und spannenden Streifzug durch ihre Welt der Buchhandlungen mit. Die seit mehreren Jahren sehr erfolgreiche Serie des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels, bei der Autoren ihre Buchhandlungs-favoriten regelmässig präsentieren, gibt es Dank des Herausgebers Holger Heimann (Börsenblatt-Redakteur) nun endlich im Buchformat!

Unter dem Titel « Die beste Buchhandlung der Welt » stellen 50 Schriftsteller wie zum Beispiel Durs Grünbein, Benedict Wells, Thomas Glavinic, Adolf Muschg, Jenny Erpenbeck, Peter Stamm und Bodo Kirchhoff ihre Lieblingsbuchhandlung vor. Dieses Buch ist wie eine Buchhandelsreise durch ganz Deutschland mit kleinen Abstechern nach Österreich und in die Schweiz. Es ist vorallem auch eine literarische Fundgrube fantastischer Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen, die zum Schmunzeln, Staunen, Verwundern und Entdecken anregen.

Natürlich sind diese Buchhandlungsporträts mehr als subjektiv, sie beschreiben den ganz persönlichen Geschmack jedes Autors, seine Vorlieben und Ansprüche. Dadurch lernen wir nicht nur die Buchhandlung als « Verkaufsraum » von Büchern kennen, sondern treffen ganz zufällig auch auf den Betreiber, Geschäftsführer, Inhaber oder Buchhändler dieses ehrwürdigen kleinen oder grossen Buchhauses.

Selten konnten wir als Leser so bequem durch 50 verschiedene Buchhandlungen spazieren, um uns inspirieren zu lassen und die Vorstellungen der Autoren aber auch die Besonderheiten der Lieblingsbuchhändler kennenzulernen, wie folgende Beispiele sehr aussagekräftig zeigen :

Adolf Muschg hat sich eine ganz besondere Buchhandlung ausgesucht, die nicht konsumorientiert wirkt, sondern sich wie eine kleine Entdeckungsreise anfühlt bei welcher der Inhaber als „Literatur-Reiseführer“ ein wahrer « Glücksfall » ist :

« Alfred Strohmaier in Regensburg ist einer. Und es hängt von der Optik ab, ob man seine Atlantis-Buchhandlung als Insel der Ruhe und Konzentration betrachtet – oder als sichtbaren Beweis, dass der Kontinent des Lesens nicht untergegangen ist. Alfred Strohmeier : ein Prospero, der seine Zaubermittel, die Bücher, nicht in ihrer eigenen Masse versenkt, sondern als Einzelstücke, ja als Preziosen behandelt. Sein Geschäft ist eigentlich ein Bücher-Kabinett, in dem die Rarität keine Sache des Preises, sondern der Bildung ist, und Bildung zum Alltag gehört. »

Felicitas Hoppe dagegen zieht in Berlin die Buchkaufhäuser den kleinen Buchhandlungen vor :

« Seit ich in Mitte wohne : Nur noch Dussmann. Das riecht nach Trägheit, nach Mangel an Unterscheidungsvermögen. Aber ich kehre gern in Kaufhäuser ein, anonym und immer willkommen. Mein Besuch hat wenig mit Büchern zu tun, noch weniger damit, dass es bei Dussmann (fast) alles gibt (in Wort, Bild, Ton), sondern mit dem Blick aus dem oberen Stock. Ich sitze (ein Zufallsbuch auf dem Schoss) in einem Dussmannsessel, schaue auf die Friedrichsstrasse herab und bilde mir ein, ich wäre nicht zum Kaufen gekommen, sondern zum Lesen, womöglich zum Wohnen und könnte mich nachts hier einschliessen lassen, um im Licht der Strassenslaternen meine eigenen Bücher zu schreiben.»

Thomas Glavinic hat seinen Lieblingsbuchladen in Wien und einen ganz Besonderen noch dazu, da er bis 1.00 Uhr morgens geöffnet hat und so manchen Service bietet, der für Buchhandlungen eher ungewöhnlich ist:

« Die Buchhandlung Phil in Wien hat einen Vorteil : Sie ist eine Kneipe. Umgekehrt kann man es natürlich auch ausdrücken : Die Phil hat gegenüber den windigen Kaschemmen, in denen ich sonst einkehre, den Vorteil, dass man darin Bücher kaufen kann. »

Matthias Politycki braucht eine Buchhandlung, die ihm seine Schwellenangst nimmt und  ist deshalb so begeistert von « seinem » Buchhändler, dem Inhaber der Buchhandlung Samtleben in Hamburg :

« Stephan Samtleben ist ein solcher Buchhändler, der so vollständig von seinem Wissen durchdrungen ist, dass er’s nicht nötig hat, einem damit ein schlechtes Gewissen zu machen – im Gegenteil, man bekommt sofort gute Laune, und wenn er dann doch einmal auf seine leise, unaufgeregte Weise ins Schwärmen gerät, so bleibt er dabei stets so präzis und unprätentiös, dass man sich…jawohl, mitunter bei dem Gedanken ertappt, Lesen könnte doch noch irgendwo ein Vergnügen sein. »

Für Peter Stamm war es nicht einfach, die Frage nach seiner Lieblingsbuchhandlung zu beantworten, da er sich sehr schlecht auf eine Buchhandlung festlegen konnte und wollte. Für seine Entscheidung war schliesslich nicht die Auswahl bzw. das Sortiment ausschlaggebend, wie man hier bei seiner Lieblingsbuchhandlung in Winterthur sofort erkennt :

« Vielleicht noch wichtiger ist die Atmosphäre in einer Buchhandlung. Bei Obergass Bücher spürt man sofort, dass hier Leserinnen arbeiten, die sich für Bücher begeistern. »

Spätestens jetzt bzw. nach der Lektüre dieser Buchhandlungsporträts fängt man selbst als Leser an, zu überlegen, welche Buchhandlung man nun zu seinen Favoriten zählen würde. Holger Heimann ist ein kleines Bravourstück gelungen, indem er diese Einzelporträts aus der Börsenblatt-Reihe, dem Wochenmagazin des Deutschen Buchhandels, zu diesem wunderbaren Buch zusammengeführt hat. Nun kann jeder Leser, Buchkäufer, Buchliebhaber und nicht nur das Fachpersonal der Buchbranche diese aussergewöhnlichen Erzählungen, Geschichten, Porträts, ja fast schon Essays über den jeweiligen Buchhändler des Vertrauens bzw. der Lieblingbuchhandlung von fünfzig Schriftstellern entdecken.

Dieses Werk ist ein sehr schönes und mehr als wichtiges Buch im Zeitalter der Internetbuchhandlung und der Bestellung per Klick, auch und gerade deshalb, weil leider so manche hier vorgestellte Buchhandlung nicht mehr existiert. Natürlich hat nicht jeder Autor eine kleine schnukelige Buchhandlung als seinen Top-Favoriten, viele Schriftsteller bevorzugen aus ganz unterschiedlichen Gründen auch die Filiale einer Buchhandelskette . Und genau diese Mischung macht dieses Buch so interessant, da es selten so reale Einblicke in das Besuchsverhalten und in die Auswahl von Autoren bezüglich ihrer Buchhandlungen gibt.

« Die beste Buchhandlung der Welt » gehört zu den wenigen wirklich sehr starken Büchern über Buchhandlungen und zählt zu den wichtigsten Neuerscheinungen diesen Jahres. Ein Buch, das für jeden anspruchsvollen Leser, auch wenn er bereits seine Lieblingsbuchhandlung hat oder gerade noch auf der Suche nach dieser einzig Wahren ist, fast schon zum Lesepflichtprogramm gehören sollte!

Durchgelesen – „Paris. Eine Liebe“ v. Urs Faes

Paris, bekannt und oft erwähnt als Stadt der Liebe, werden wir hier nicht nur als Schauplatz, ja sondern auch als Protagonistin erleben können, die anderen Menschen einen Raum bietet, die gegenwärtige Wirklichkeit mit der Vergangenen zu vergleichen, zu vermischen und neu zu entdecken.

Urs Faes (geboren am 13. Februar 1947 in Aarau) wuchs im Suhrental auf und absolvierte am Klosterinternat Wettingen sein Abitur. Danach studierte er Geschichte, Germanistik, Philosophie und Ethnologie. Unterbrochen durch verschiedene Auslandsaufenthalte in Irland, Nord- und Südamerika, schliesst er 1978 seine Dissertation an der Universität Zürich ab. Er arbeitet als Journalist u.a. beim Tagesanzeiger und der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt seine ersten Gedichte und Prosatexte, die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht werden. 1983 erscheint sein erster Roman « Webfehler ». Es folgen Theaterstücke, Hörspiele, Erzählungen und weitere Romane. Geehrt mit vielen Preisen, wie zum Beispiel dem Literaturpreis des Kanton Solothurns 1999 und dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2001 und 2008 für den Roman « Liebesarchiv » zählt Urs Faes zu den wichtigsten Schweizer Schriftstellern. Aktuell ist nun seine Erzählung « Paris. Eine Liebe » erschienen !

Wie bereits erwähnt und durch den Titel kaum anders vorstellbar, spielt diese sehr stimmungsvolle und intensive Erzählung in Paris. Wir haben September und genau nach fast dreissig Jahren kehrt Eric in « seine » Stadt wieder zurück, in der er damals Student war.

Er kommt am Gare de l’Est an und wird durch den Lärm und die Hektik irritiert, versucht ohne darüber nach zu denken, in diesem Gewühl nach einem grünen Mantel Ausschau zu halten, den Mantel den Claudine immer getragen hattte. Sie war eine junge Studentin, die ihn faszinierte, in die er verliebt war und die ihn bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr losgelassen hat. Doch heute wird er von André abgeholt. Er hat ihm ein Hotel in der Nähe der Sorbonne organisiert. André hat ihn überzeugt, dass er nach so langer Zeit endlich wieder einmal nach Paris kommt. Eric hat Angst, nicht vor der Stadt, aber vor den Erinnerungen, vor den erlebten Szenen mit Claudine, die ihm hier unbewusst wieder in gewisser Weise fast schon real vor Augen erscheinen werden. Eric ist überrascht, wie sehr sich Paris in den dreissig Jahren verändert hat, doch mit Andrés Hilfe entdecken sich noch den Charme von Früher und die alten Jazzkeller. Doch das Wichtigste für Eric ist, die Wege nachzulaufen und die Orte aufzusuchen, die mit Claudine in Verbindung standen.

Claudine war Eric’s grosse Liebe, er der « Lizentiat in Philosophie, verkrallt in eine Dissertation zur Bedeutung von Hegels Herr und Knecht für den marxistischen Diskurs » und sie eine Studentin mit langem blonden Haar, schmalen Händen und kurzgeschnittenen Nägeln. Claudine zeigte ihm Paris, und wenn er nicht da war, beschrieb sie die Stadt in ihren Briefen und erzählte ihm von ihrer Leidenschaft für Kirchen und Friedhöfe.

Mit André schreitet er die Stationen ab, an denen er mit Claudine liebte, lebte und diskutierte. Die Stadt war wie eine Gesamterinnerung an seine Zeit und an seine Liebe :

« Alles war Paris, eine Liebeserklärung an Claudine, die durch die Rue de Rome gegangen war, ihr fiel das Licht zu, das abendlich mild auf der Strasse traf, den Asphalt sprenkelte. Ihr gehörten die Chansons. Bonjour la vie / Bonjour mon vieux soleil / Bonjour ma mie / Bonjour l’automne vermeil… »

Claudine machte ihn glücklich, ihre Stimme faszinierte Eric und er war berauscht durch ihre Erscheinung und ihre Art. Doch in den Februartagen vor dreissig Jahren war Claudine zwar in Paris, sie hatte jedoch wenig Zeit für ihn und schickte ihn mit ihrem Stadtplan allein durch Paris. Und jetzt geht er wieder allein durch die Stadt, zumindest was Claudine betrifft. André begleitet ihn auf seiner Erinnerungswanderung. Er trifft auf eine ehemalige Concierge in der Rue de Sèvres 88, wo er unter dem Dach in einem Chambre de bonne die « schönsten Jahre seines Lebens » verbracht hat. Auch die Concierge wundert sich :

« Und was sie denn suchten, fragt sie und tritt näher an sie heran.
Das, was zurückgeblieben sei von damals. »

Was nun wirklich zurückgeblieben war, konnte bzw. kann Eric dies noch in „seiner“ Stadt der Liebe, in Paris, finden ? Damals, oft bevor Claudine und Eric in die Metro eingestiegen waren, begann sie einen Satz, ohne ihn je zu vollenden, mit : « Ich muss Dir noch etwas sagen ». Wird Eric noch herausfinden, was sie ihm eigentlich immer und schon sehr lange mitteilen wollte…?

Urs Faes hat dem Leser eine traumhaft schöne Erzählung von gerade mal 65 Seiten geschenkt, die durch die zarten sensiblen Zeichnungen von Nanne Meyer nicht nur ergänzt, sondern auch in ihrer Intensität bestärkt wird. Der Leser spürt mit der unglaublichen Feinfühligkeit der Sprache diesen besonderen Zauber und die unsterbliche Magie von Paris, die sich trotz ihrer Veränderung in den letzten dreissig Jahren auch heute noch wiederfinden lässt. Die Liebe zur Stadt und die Liebe zu Claudine sind fast eins. Es ist wie eine verbindende Liebeserklärung, denn wie Claudine ist auch Paris eine « Frau » : geheimnisvoll, direkt, unangepasst, verrückt, charmant, zart, hart und unberechenbar.

« Paris. Eine Liebe » ist ein literarisches Kleinod an Inspiration, Sprache, Atmosphäre und Gefühl. Urs Faes schreibt wie selbst erlebt. Man erkennt kleine autobiographische Annährungen, entdeckt seine Liebe zur Stadt Paris und zu den Frauen und wünscht sich nach dieser emotional berauschenden Lektüre nichts Sehnlicheres als auf den Spuren von Claudine und Eric durch Paris zu flanieren…!

Theodor Storm – Gedicht

Das ist der Herbst

Das ist der Herbst; die Blätter fliegen,
Durch nackte Zweige fährt der Wind;
Es schwankt das Schiff, die Segel schwellen –
Leb wohl, du reizend Schifferkind! —
Sie schaute mit den klaren Augen
Vom Bord des Schiffes unverwandt,
Und Grüße einer fremden Sprache
Schickte sie wieder und wieder ans Land.
Am Ufer standen wir und hielten
Den Segler mit den Augen fest –
Das ist der Herbst! wo alles Leben
Und alle Schönheit uns verlässt.

Durchgelesen – „Aus den Fugen“ v. Alain Claude Sulzer

Das Leben geht oft seltsame Wege. Es kreuzen sich Schicksale, Menschen kommen von ihrem eingeschlagenen Kurs ab und befreien sich von praktischen und emotionalen Fesseln. In dem aktuell veröffentlichten Roman « Aus den Fugen » von Alain Claude Sulzer lernen wir gleich verschiedene Personen kennen, deren Leben im wahrsten Sinne des Wortes « aus den Fugen » geraten wird und dabei die musikalische « Fuge » einen wichtigen Beitrag dazu leistet.

Alain Claude Sulzer, geboren 1953 in Riehen bei Basel (Schweiz), absolvierte eine Ausbildung zum Bibliothekar und arbeitete anschliessend als Journalist. Sein erster Prosatext erschien 1983. Darauf folgten viele weitere literarische Arbeiten. Gleichzeitig übersetzte er Texte aus dem Französischen unter anderem von Julien Green, Jean Echenoz und Jules Renard. Er wird mit zahlreichen Preisen geehrt, wie zum Beispiel der « Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank » und 2005 dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung. Seinen grössten Erfolg feierte er mit dem Roman « Ein perfekter Kellner » 2004, welcher 2008 mit dem Prix Medicis étranger ausgezeichnet wurde. Nun dürfen uns über seinen neuen Roman « Aus den Fugen » freuen, der sich als eine äusserst raffinierte symphonische « Literatur-Komposition » präsentiert.

Der Roman spielt in Berlin und hat nicht nur einen Hauptprotagonisten, sondern gleich eine Vielzahl von Figuren, die mehr oder minder eine fast schon tragende, aber zumindest sehr wichtige Rolle in diesem « musikalischen » und unglaublich vielschichtigen Werk spielen werden.

Es beginnt mit dem Pianisten Marek Olsberg, ein sehr berühmter Musiker, der den klaviermusikkennenden Leser vielleicht an Horowitz, Brendel und Alexis Weissenberg erinnern könnte. Gefeiert auf der ganzen Welt, Konzerte wie zum Beispiel in New York und Wien, jedoch Single aufgrund seiner nicht ganz einfachen Lebensweise. Dieses Mal zeigt er seine pianistischen Künste bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie, unter anderem auf dem Programm die « Hammerklaviersonate » von Beethoven. Und dann passiert etwas vollkommen Unterwartetes im letzten Satz, dem zweiten Fugensatz dieser Sonate :

« Etwa drei Minuten vor dem Ende des letzten Satzes der Hammerklaviersonate, diesem Meilenstein der Klaviermusik, etwa nach neun Minuten Spiel, kurz vor Erreichen des Ziels, hielt Marek Olsberg unvermittelt inne und hob langsam die Hände. »

Marek Olsberg beendet ganz unvorhergesehen dieses Stück, steht auf, klappt den Klavierdeckel herunter und murmelt vor sich hin :

« „Das war’s.“ »

Und damit endet eine musikalische Fuge, die nicht nur das live miterlebende Publikum schockiert, sondern auch ganz konkrete Einzel-Lebensschicksale von verschiedenen Menschen, die mit diesem Konzertabend bewusst oder unbewusst, beruflich oder privat miteinander-verknüpft sind, quasi « aus den Fugen » geraten.

Somit lernen wir gleich zu Beginn auch Marek Olsbergs Assistentin Astrid Maurer kennen – eine taffe unverheiratete Frau, die alles für « ihren » Pianisten organisiert, ihn auf Reisen begleitet und keines seiner Konzerte verpasst, bis auf dieses Mal, denn Astrid wurde wie schon so oft genau an diesem Abend von einem Migräneschub überrascht…

Wir treffen auf Esther – verheiratet mit Thomas -, die mit ihrer vom Ehemann verlassen Freundin Solveig in das Konzert geht. Aufgrund des abrupten Endes fährt sie früher nach Hause als ursprünglich geplant und wundert sich, warum ihr Mann nicht in ihrer Wohnung auf sie wartet…

Dann gibt es noch Sophie, die ihre Nichte Klara mit einem klassischen Konzert überraschen möchte und dabei erfährt, warum ihr damaliger Geliebter und jetzt der Freund ihrer Schwester, auch diese betrügt…

Es stossen Johannes, der die Konzertkarten verfallen lässt und Marina, die eigentlich Bettina heisst und als Escort-Service arbeitet, aufeinander. Dadurch wird die Ehefrau von Johannes hellhörig und dummerweise stellt sich auch noch heraus, dass Johannes und Marina sich bereits von früher kennen…

Was wäre ein Konzert nicht ohne anschliessendem Empfang, bei dem der Kellner Lorenz aushelfen sollte, aber es ja aufgrund des Spielabbruchs dazu nicht mehr kommen konnte und er nun aus purer Lust und Langeweile bei dem Sponsorenehepaar in dessen Villa ein paar wertvolle Steine mitgelassen wollte und blöderweise dabei auch noch von der Ehefrau des Sponsors erwischt wird…

Und so kreisen sie alle, die Besucher und Nichtbesucher, um den « verlorenen » Konzertabend und werden sich in ihrem Leben der schmerzvollen, aber gleichzeitig auch hilfreichen Erkenntnisse bewusst, so dass es für viele an der Zeit ist, den Tatsachen ins Auge zu blicken, sich von Ignoranz zu befreien und zu versuchen, einen neuen und anderen Lebensweg einzuschlagen. Alain Claude Sulzer gelingt es meisterlich durch einen wahrlichen musikalischen Kunstgriff, der die Figuren dieses Romans so miteinander verbindet, dass sie zu erst in eine pianistische « Fuge » eintauchen und gleichzeitig aus den Fugen geraten. Man spürt als Leser, wie das vor dem Konzert gelebte Leben plötzlich bei vielen der Romanprotagonisten bröckelt, Risse bekommt, ja fast schon zerfällt.

Alain Claude Sulzer hat diesen Roman so wundervoll feinfühlig, wie ein Komponist seine Musikstücke Note für Note, aufgeschrieben. Jede Figur ist wie ein Instrument in einem grossen Orchester, und nur alle zusammen, auch wenn dadurch die einzelnen Lebensschicksale erst zum Vorschein kommen, bilden letztendlich doch die eigentliche literarische « Symphonie ». Er verwendet eine so klare, sensible, aber trotzdem schnörkelose Sprache. Hier wird nichts romantisiert, ganz im Gegenteil hier wird aufgeräumt und sich befreit von Ballast, schlechten Verhaltensweisen, blöden Gedanken und unguten Gefühlen. Es geht darum, aus dem Schicksal zu lernen und sein Leben in die Hand zu nehmen, wie Marek Olsberg, der endlich aus seinem Programmkorsett entschlüpft ist und sich nun ohne schlechten Gewissens ganz allein in einer Bar ein Bier gönnen kann.

« Aus den Fugen » ist ein ganz besonderer Roman, der sich mehr als zu lesen lohnt, den man nicht nur mit seinen Wort für Wort folgenden Augen aufnehmen sollte, sondern auch mit seinen sehenden « Ohren », denn es handelt sich hier um literarische « Musik » vom Feinsten, die es mit Muse bewusst zu geniessen gilt !

Friedrich Hölderlin – Gedicht

Der Sommer

Das Erntefeld erscheint, auf Höhen schimmert
Der hellen Wolke Pracht, indes am weiten Himmel
In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert,
Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.

Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben,
Es zeiget sich auf Meeren unverborgen,
Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben
Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.

Mit neuen Farben ist geschmückt der Gärten Breite,
Der Mensch verwundert sich, dass sein Bemühn gelinget,
Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,
Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.

Durchgeblättert – „Marcel Proust für Boshafte“

Boshaftigkeit ist ja nicht gerade eine wirklich positive Tugend. Boshafte Menschen sind nicht leicht zu ertragen, verfolgen in der Regel böse Absichten, haben einen bösen Charakter und agieren in spöttischer Manier zur « Freude » der Umwelt. Man möge es deshalb gar nicht glauben, dass ausgerechnet Marcel Proust, der nur in den höheren Kreisen verkehrte, für « Boshafte » geeignet ist ? Wir werden spätestens nach der Lektüre dieses schmalen Bändchens eines Besseren belehrt.

Rainer Moritz hat sich der « boshaften » Thematik bei Proust angenommen und klärt uns mit diesem kompakten Zitatbüchlein ein wenig auf, das er als Herausgeber und Proustkenner begleitet hat. Wir kennen Rainer Moritz bereits als Autor von anderen Werken, wie zum Beispiel die Romane um Madame Cottard und von seiner Reise zu den « schönsten Buchhandlungen Europas ». In « Marcel Proust für Boshafte » versucht er uns ganz charmant in seinem Nachwort zu erläutern, was eigentlich so alles in der Person Marcel Proust, aber vor allem in seinem grossen Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » an Boshaftigkeit versteckt ist. Man muss wissen, dass die « Recherche » nicht nur ein Roman, sondern auch eine Art Gesellschaftsstudie ist und sich teilweise durch sehr spöttische und ironische Passagen auszeichnet. (Die hier mit Seitenzahl angegebenen Zitate stammen aus der 7-bändigen Ausgabe!)

Damit wir als Leser den Überblick über das Boshafte nicht verlieren, wurde hier in diesem kleinen Œuvre alles ganz ordentlich nach Rubriken eingeteilt. Es beginnt, wie sollte es auch anders sein, mit dem Thema « Die Frauen » :

« Sie war wie fast alle Frauen : Sie bilden sich ein, ein Kompliment, das man ihnen macht, müsse der reinste Ausdruck der Wahrheit sein und stelle ein Urteil dar, das man unparteiisch fällt und ganz unweigerlich, als handle es sich um einen Kunstgegenstand ohne Beziehung auf eine Person.» (Die Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, 511f.)

Wunderbar spöttisch, ja quasi boshaft kann man natürlich jederzeit auch auf « Bekleidungsfragen » reagieren :

« „Irgendwo muss er doch einfältig sein. Sie hat Füsse wie Schleppkähne, einen Bart wie eine Amerikanerin und schmutzige Unterwäsche ! Ich glaube, nicht mal ein kleines Fabrikmädchen würde so etwas anziehen wollen.“ » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 2, 564)

Bereiche wie « In bester Gesellschaft », « Gesundheitsprobleme », « Ewige Weisheiten », « Die edlen Künste », « Speis & Trank » und « Land & Leute » kommen keinesfalls zu kurz.

Doch äusserst wichtig sind natürlich auch Themenschwerpunkte, wie zum Beispiel « Die Männer ». Auch « Der Körper » wird nicht verschont, sodass manches Problem ohne Umscheife, aber trotzdem mit einer gewissen Contenance angesprochen wird:

« Doch seine Nase hatte, um sich schief über seinen Mund zu stellen, unter allen verfügbaren schrägen Linien vielleicht die einzige gewählt, die auf diesem Gesicht zu ziehen einem selbst nie eingefallen wäre und die ihm eine gewisse Note vulgärer Dummheit gab, die durch die Nachbarschaft eines normannischen apfelroten Teints noch bekräftigt wurde. » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, 459)

Marcel Proust äusserst sich durch seine Helden ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, versucht selbstverständlich immer das gesellschaftliche und sprachliche Niveau zu wahren, kommt aber gerne konkret zur Sache, wie auch das folgende Zitat aus der Rubrik « Liebe, Sex & Co. » bestätigt :

« „Liebe ?“ hatte sie einmal einer prätentiösen Dame auf deren Frage „Was halten Sie von der Liebe ?“ geantwortet. „Liebe ? Mache ich oft, doch drüber reden tu’ ich nie.“ » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 3, 270)

Tja was können wir da als Leser noch hinzufügen? Wir sollten uns spätestens jetzt nach der Lektüre dieser hervorragend zusammengestellten Zitatauswahl von Rainer Moritz bewusst werden, dass es nun an der Zeit wäre – falls Sie es nicht bereits schon getan haben – , die « Recherche » endlich in Angriff zu nehmen. Sie werden erstaunt sein, wie kurzweilig dieses Mammut-Werk letztendlich ist. Marcel Proust hat eine besondere Gabe, seinen subtilen Spott, als auch seine Geschmacklosigkeiten feinfühlig direkt und äusserst elegant zu formulieren. Dank seiner extrem scharfen Beobachtungen gelingt es Proust, jedes Detail, und wenn es nur ein ganz banaler Smalltalk in der feinen Gesellschaft ist, so zu analysieren, dass dabei gewisse Bosheiten und eine raffiniert verpackte Schadenfreude einem nicht nicht wie ein Orkan um die Ohren fliegen, sondern genau positioniert am richtigen Punkt wie ein Nadelstich ganz „leise“ treffen.

Dieses kleine Buch ist eine ideale Nachttisch-Lektüre, die gerade dann ihren Einsatz findet, wenn man nicht mehr in der Lage ist, lange Passagen bzw. Kapitel zu lesen und man vor dem Einschlafen noch einen literarisch « bösen » Gute-Nacht-Kick benötigt. Auch Marcel Proust konnte ohne Bosheiten nicht leben, wie er hier selbst durch seine « Recherche » erklärt :

« Ich für meine Person muss gestehen, dass mich nichts so amüsiert wie diese kleinen Bosheiten, ohne die ich das Leben einfach öde fände. » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 2, 248)