Durchgeblättert – „HIER“ v. Richard McGuire

Bereits vor 25 Jahren hat Richard McGuire (geboren 1957 in New Jersey) die Urfassung für diese Graphic Novel geschaffen. 1989 erschien „Here“ zum ersten Mal als eine sechsseitige schwarz-weiss Comicerzählung in dem legendären RAW-Magazin, das von Art Spiegelman gegründet wurde. Richard McGuire arbeitet als Coverillustrator für verschiedene Zeitungen und Magazine wie zum Beispiel The New Yorker, The New York Times, Libération und Le Monde. Er ist aber auch als Graphikdesigner, Comic-Artist, Kinderbuchautor und Musiker tätig – er war Gründungsmitglied und Bassist der berühmten Postpunk-Band Liquid Liquid. 2010 hat McGuire angekündigt, seinen ursprünglich sechsseitigen Comic als grosse farbige Version auszubauen. Und jetzt ganz aktuell liegt nun dieses faszinierende neue Wunder-Werk „HIER“ auch in einer deutschen Ausgabe vor unseren Augen, bei dem wir nun 300-Seiten lang nicht nur eine ganz neue „Lebensform“, sondern auch eine vollkommen neue „Leseform“ entdecken können!

Die „Story“ spielt hauptsächlich in einem Zimmer (links ein Fenster, rechts ein Kamin) mit dem Blick auf eine Ecke gerichtet. Der Ort bleibt fast immer der Gleiche, nur die Zeit wechselt von Seite zu Seite. Bereits in den ersten zehn Seiten springen wir von 2014 auf 1942, zu 2007 auf 1957, zurück nach 1623, vor bis 1955 und 1989 und landen letztendlich kurz im Jahr 8000 v. Chr. und arbeiten uns wieder auf 1000 Jahre v. Chr. vor. Und so weiter… Wir beobachten verschiedene Situationen, spielende Kinder, diskutierende Erwachsene, Landschaften und Häuser. Manche Bilder bieten mehrere Zeitzonen, so da dass wir von einer Vor-und Rückschau gleichzeitig eingenommen werden. Wir sehen auf einem Blick, was gestern passiert ist und morgen passieren wird.

„HIER“ ist kein klassischer Comic, man „liest“ im gesamten Bild, das die jeweilige Doppelseite des Buches ausfüllt. Der Leser kann aber zusätzlich in vielen dieser Bilder auch noch die eingefügten Vor- und Rückblendungen in eigenen Bilder-Kästen miterleben. Die meist dargestellten Personen kommunizieren durch ihre Sprechblasen. Somit entsteht in vielen Bildsequenzen eine Art überlappende Erzählsituation, die durch den Hauptrahmen des Zimmers seine Basis und auch eine gewisse visuelle Sicherheit erhält.

Richard McGuire präsentiert mit seiner mehr als aussergewöhnlichen Graphic Novel eine ganz neue und andere Erzähldimension, die wir bis jetzt noch nie so erleben durften. „HIER“ ist Erzählung, vielleicht auch Detektivstory, aber vor allem auch eine Art Meditation über die Unbeständigkeit des Lebens. Wir glauben im jetzt zu denken, spüren jedoch parallel den Einfluss der Vergangenheit und versuchen uns gleichzeitig auch noch an der Umsetzung der Zukunft. Ja und genau da setzt dieses „Kunst-Werk“ an. Es stellt viele Fragen – gleich zu Beginn – „HM… WAS WOLLTE ICH NOCH GLEICH HIER?“ – und gibt nur wenige oder gar keine Antworten.

„HIER“ ist eine so unglaublich faszinierend rastlose Zeitreise, die den Leser mit so kunstvollen Bildern beschenkt, die teilweise ein wenig an die Maler Edward Hopper und René Magritte erinnern. Doch denkt man beim Erlesen dieser besonderen „Gemälde“ ganz spontan auch an Autoren wie Marcel Proust mit seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“, an Thomas Bernhard und sein „Weltenstück“ oder natürlich auch an H.G. Wells „Zeitmaschine“. Richard McGuire hat mit diesem Buch ein wahres Comic-Wunder geschaffen. Beim ersten Blättern, sei es chronologisch von Seite 1 folgend, oder auch spontan aus der Mitte heraus, fühlt man sich als Leser irgendwie sofort wohl in diesem Zimmer mit dem Fokus auf diese besagte Ecke, die perfekt durch den Bundsteg des Buches definiert wird. Der Leser taucht ein in die so einzigartigen Bilder, bleibt hängen und beginnt fast schon automatisch eine ganz persönliche Reise durch sein Leben, seine Erinnerungen und seine Zukunftsvisionen. Staunen, Träumen und Besinnen könnte nicht schöner und nachhaltiger in diesem Werk vereint werden, deshalb werden Liebhaber besonderer Bücher und Graphic-Novel-Freunde von solch vollendeter Comic-Kunst unendlich begeistert sein!

Heinrich Heine – Gedicht

 

Sie saßen und tranken am Teetisch

Sie saßen und tranken am Teetisch
und sprachen von Liebe viel.
Die Herren, die waren ästhetisch,
die Damen von zartem Gefühl.

Die Liebe muß sein platonisch,
der dürre Hofrat sprach.
Die Hofrätin lächelt ironisch.
Und dennoch seufzet sie: Ach!

Der Domherr öffnet den Mund weit:
Die Liebe sei nicht zu roh,
sie schadet sonst der Gesundheit.
Das Fräulein lispelt: Wieso?

Die Gräfin spricht wehmütig:
Die Liebe ist eine Passion!
Und präsentieret gütig
die Tasse dem Herren Baron.

Am Tische war noch ein Plätzchen;
mein Liebchen, da hast du gefehlt
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,
von deiner Liebe erzählt.

Durchgelesen – „Zum Zeitvertreib – Vom Lesen und Malen“ v. Winston Churchill

Winston Churchill (1874 – 1965) kennen wir als einen der bedeutendsten britischen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Er bekleidete mehrere Regierungsämter, war von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 Premierminister von Grossbritannien. Doch unabhängig von seiner grossen politischen Karriere war Winston Churchill ein überaus erfolgreicher Autor verschiedenster politischer, aber auch historischer Schriften. So dass er 1953 mit dem Literaturnobelpreis „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“, ausgezeichnet wurde. Somit ist es kaum verwunderlich, dass Churchill nicht nur Autor, sondern auch Leser war. Das Lesen gehörte neben der Malerei zu einer seiner wichtigsten „Freizeitbeschäftigungen“. Nun dürfen wir uns als Leser erfreuen und an diesem doch für ihn so wichtigen „Zeitvertreib“ ein wenig zu partizipieren.

Für Churchill ging es in erster Linie überhaupt erst mal darum, eine Alternative zu seiner politischen Tätigkeit zu finden, denn das wichtigste war:

„Abwechslung ist der Schlüssel schlechthin.“

Es sollte ein Hobby sein, welches zwar anspruchsvoll, aber gleichzeitig auch die politischen Gedanken etwas verdrängen konnte. Und so war es für Churchill ganz klar:

„Die beliebteste Art der Zerstreuung ist das Lesen.“

Das Lesen führte Churchill in vielerlei Hinsicht in eine Art geistige Selbstzufriedenheit, es bereicherte den Wortschatz, vor allem dann, wenn man auch noch neben seiner Muttersprache in einer anderen Sprache richtig lesen konnte. Doch gleichzeitig sollte man es in jungen Jahren nicht mit der Lektüre übertreiben, eher vorsichtig vorgehen und alles mit Bedacht und Muse ausführen.

Doch neben dem Lesen gab es noch einen weiteren sehr wichtigen Aspekt in Bezug auf den „Zeitvertreib“, nämlich die Malerei. Für Churchill war das Malen fast noch mehr „Ablenkung“ als das Lesen.

Dabei ist nicht ganz unwichtig zu wissen, dass Winston Churchill das Malen erst mit 40 Jahren für sich entdeckt hatte und damit in diesem Alter zum ersten Mal einen Pinsel führte. Der Anfang forderte auch so manchen Mut ab, bis er sich traute die weisse Leinwand mit Farbe zu beglücken:

„So ein verwegener Beginn, oder mitten hinein geworfen zu werden, macht bereits einen grossen Teil der Malkunst aus. Ab das ist beileibe nicht alles.

Le peinture à l’huile
Est bien difficile,
Mais c’est beaucoup plus beau
Que la peinture à l’eau.

Es liegt mir fern, Wasserfarben herabsetzen zu wollen. Aber es geht wirklich nichts über Ölfarben. Mit ihnen hat man ein Mittel zur Hand, das wahre Macht verleiht; man muss nur herausfinden, wie man es einsetzt.“

Ja, Churchill war sehr leidenschaftlich vor allem, was das Lesen und sehr produktiv und zielstrebig, was das Malen betrifft, somit ist es nicht überraschend, dass über 500 Gemälde entstanden sind, die teilweise bereits in einigen Ausstellungen präsentiert wurden und inzwischen auch bei Auktionen unerwartet hohe Preise erzielen konnten.

Dieser wunderbare Essay aus der Feder von Winston Churchill ist ein wahrer Lesegenuss. Mit Charme, Intelligenz, aber auch einer gewissen geradlinigen und strategischen Prägnanz zeigt uns Churchill seine Hobbys, seine „Abwechslungen“ – kurzum seinen „Zeitvertreib“! Man spürt bei jeder Zeile die echte Überzeugung hinsichtlich dieser vergnüglichen Tätigkeiten und die daraus resultierenden kaum zu übertreffenden positiven Ergebnisse. Diese Hobbys lenken ab, sie zerstreuen und sie begleiten durch ein nicht ganz einfach zu führendes Leben. Churchill suchte Kraft, er wollte, dass seine nur auf politische Entscheidungen getrimmten Gehirnzellen sich entspannen konnten und wurde – wie bereits viele andere Suchende – beim Malen und Lesen fündig.

Dieses kleine Leinenbüchlein mit gerade mal 60 Seiten ist ein perfekter und mehr als kurzweiliger „Zeitvertreib“ für jeden Menschen. Selbst der Nichtleser und Nichtmaler wird daran seine grosse Freude haben und entweder dabei die Lust am Lesen und Malen entdecken oder sich mit Enthusiasmus auf die Suche nach einer passenden Ablenkung begeben. Winston Churchills „Zeitvertreib“ amüsiert, bereichert und informiert auf so wundervolle Weise, dass man fast geneigt ist, jeden Satz darin unterstreichen zu wollen, viele Zitate am Liebsten auswendig lernen und somit für immer in seiner Seele behalten möchte.

„Zum Zeitvertreib“ ist sicherlich eines der schönsten und intellektuellsten „Geschenkbücher“, welches in den letzten Jahren veröffentlicht wurde, denn jede Zeile von Winston Churchill in diesem Essay ist ein wahres Geschenk!

Durchgeblättert – „THE PARISIANER“ v. La Lettre P

Wer kennt nicht die wunderbar wirkungsvollen und künstlerisch nachhaltig faszinierenden Titelblätter der bekannten Nachrichten-, Kultur- und Literaturzeitschrift „THE NEW YORKER“. Viele Künstler, beispielsweise auch Jean-Jacques Sempé, haben sich da nicht nur verewigt, sie haben mit ihrer Illustration auch ein Statement geschaffen, was New York und die USA betrifft. Wie schade ist es doch, dass kein Pendant dazu für Paris existiert. Was gäbe man nicht dafür, die Gedanken auch über diese Stadt durch Illustrationen sprechen zu lassen. Nach langer Zeit ist nun das Ergebnis eines ganz besonderen Projekts im Dezember 2013 mit einer Ausstellung in der Galerie de la Cité internationale des Arts in Paris sichtbar geworden. Jetzt waren nur noch Neugierde und echte Fantasie gefragt. Der Traum eines Pariser „NEW YORKER“ war nun nicht nur gedanklich, sondern vor allem zeichnerisch verwirklicht worden und es entstanden eine Fülle von verschiedenen Covern eines absolut imaginären Magazins, das leider bis heute an keinem Zeitungskiosk zu erwerben ist, dafür aber mit dem schönen Titel „THE PARISIANER“ seine zahlreichen Verehrer inzwischen weit über die französischen Grenzen hinaus gefunden hat.

Die Herausgeber La Lettre P (Vereinigung von Grafikern und Illustratoren), die sich für ihre Leidenschaft bezüglich der grafischen Kunst einsetzen, haben mit ihrer Idee, Paris in Illustrationen eine Geschichte erzählen zu lassen, den Blick auf die Stadt nicht nur bestätigt, sondern auch geöffnet. Anlässlich der Ausstellung und dem viel zu schnell vergriffenen dazugehörigen Katalog, gibt es die von mehr als über 100 Künstlern unterschiedlichsten Cover des „THE PARISIANER“ nun aktuell neu aufgelegt in einer schmucken und trotzdem sehr handlichen Buchausgabe, die nicht nur den Pariser, sondern jeden Freund dieser Stadt begeistern wird.

In diesem Buch lernt man Paris in den unterschiedlichsten Facetten kennen, kann in den Bildern mühelos lesen, ohne die französische Sprache beherrschen zu müssen. Ein Bilderbuch der Sonderklasse für bibliophile Menschen, welche die Kunst der Illustration zu schätzen und die darin diskret versteckten Informationen zu deuten wissen.

Paris ist die Stadt, die ohne das Wahrzeichen „Eiffelturm“ gar nicht vorstellbar wäre. Obwohl ja lange Zeit diese Sehenswürdigkeit mehr als ungeliebt war und die Bewohner von Paris „die eiserne Dame“ am liebsten wieder abgerissen hätten. Die Pariser Cafés sind mehr als ein Ort, um seinen Espresso zu trinken, es sind Orte des Treffens, des Beobachtens, des Lesens etc. Selbst wenn man morgens mit dem Hund eine Runde dreht, ist das Ende des Spaziergangs nicht unbedingt gleich das Appartement, sondern noch schnell das Café ums Eck. Apropos Hunde, die Liebe zu den Vierbeinern ist in Frankreich, insbesondere in Paris sehr hoch, also ist es kaum verwunderlich, dass auch der Hund in vielen dieser eindrucksvollen Cover des „THE PARISIANER“ nicht zu kurz kommt. Aber auch Themen wir Verkehr, Streiks und Obdachlose werden zeichnerisch raffiniert und absolut unzweideutig dem Leser dargelegt. Doch in allen dieser so kunstvoll packenden Titelbilder wird der Humor nie vernachlässigt, allein die vielen japanischen Touristen, die zahlreichen Verliebten, Unmengen von Zeitungen, diversen Regenschirmen und Sonnenbrillen, zeigen die ernsthafte Leichtigkeit dieses so grossartigen Kunst- und Buch-Projekts.

Verehrter Leser, am besten Sie lassen sich von dieser kleinen Bildauswahl inspirieren. Geniessen Sie die ganz persönlichen Paris-Eindrücke dieser „THE PARISIANER“-Künstler. Ein Buch, in dem man flanieren, lachen, lieben und träumen kann, das einen auch ein wenig zittern und ungeduldig werden lässt, genauso wie es auch Paris macht.

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Paris war schon laut Ernest Hemingway ein „Fest fürs Leben“, doch hier in diesem Buch zählt nicht die Sprache, denn es geht um einen ganz anderen Wort-schatz, nämlich um Bildmomente und deren Interpretation, die wir je nach Stimmungslage jedes Mal anders erleben können und dabei immer wieder etwas Neues, das Paris bietet, entdecken. Paris ist und bleibt ein unendliches Universum und „THE PARISIANER“ –  eine Hommage an das berühmte Magazin „THE NEW YORKER“ – verkörpert in diesem so originellen „Kunstbuch“ den perfekt erlebten und grandios zeichnerisch umgesetzten „Zeitschriften-Traum“ dieser besonderen Stadt.

Durchgelesen – „Ein Liebesabenteuer“ v. Alexandre Dumas

In der Literatur gibt es hin und wieder so wunderbare Überraschungen, die man nicht für möglich halten würde. Und genau so eine literarische Überraschung ist die Entdeckung eines Werkes von Alexandre Dumas, das wir mit grosser Erwartung nun nach sage und schreibe über 150 Jahren zum ersten Mal in deutscher Sprache in den Händen halten dürfen. Alexandre Dumas hat im Alter von 57 Jahren diesen Text mit dem Titel „Une aventure d’amour“ („Ein Liebesabenteuer“) lange Zeit nach seiner Hauptschaffensperiode geschrieben, welcher dann 1860 in Frankreich veröffentlicht wurde.

Alexandre Dumas (1802-1870) ist neben Balzac und Hugo einer der grossen französischen Schriftsteller, der vor allem durch seine Historienromane „Der Graf von Monte Christo“ und „Die drei Musketiere“ Weltruhm und eine überaus hohen Bekanntheitswert erreichte. Seine ersten Schreibversuche startete Alexandre Dumas allerdings mit Komödien, später betätigte er sich auch als Lyriker und Journalist. Er lernte Victor Hugo kennen und arbeitete mit Gérard de Nerval zusammen. Doch so richtig populär und beliebt wurde er erst durch seine Abenteuerromane. Dumas war ein Lebe- und Genussmensch, den Frauen gegenüber nie abgeneigt widmete er sich den schönen Dingen im Leben. Er reiste viel – nach Belgien, Deutschland, Italien und Russland -, nicht nur aus Interesse, sondern auch, um seinen Gläubigern immer mal wieder entfliehen zu können. Doch diese Reiseeindrücke konnte er dann letztendlich erfolgreich in seinen „Mémoires“ verarbeiten, die zwischen 1852 und 1854 in Brüssel erschienen waren. Doch heute nach dem bekannt abenteuerlustigen Alexandre Dumas erleben wir in diesem – dank der sehr gelungenen Übersetzung von Roberto J. Giusti – gerade neu veröffentlichten Buch „Ein Liebesabenteuer“ eine neue und ungewohnte Seite von Alexandre Dumas.

„Ein Liebesabenteuer“ ist keine  klassische Erzählung, auch keine Novelle, geschweige denn ein Roman. Es könnte eine Geschichte oder eher ein Bericht aus seinem Leben sein, autobiographisch, aber trotzdem äusserst literarisch. Im Herbst 1856 kommt bei Alexandre Dumas überraschend eine Dame zu Besuch. Obwohl er seinem Hausdiener klare Anweisung gegeben hat, niemanden zu ihm vorzulassen, wird die Dame hereingeführt, denn sie war nach Meinung des Dieners einfach besonders schön. Bei dieser Dame handelt es sich um Lilla Bulyowsky. Eine junge Frau, 25 Jahre alt und Schauspielerin aus Budapest. Über einen Kontakt spricht sie nun bei Alexandre Dumas vor und wünscht sich, dass er sie in die französische Bohemien-Welt einführt. Allerdings stellt sie gleich eines klar:

„…ich habe einen Gatten, den ich liebe, und ein Kind, das ich vergöttere.“

Sicher ein kluger Schachzug von Lilla, denn dass Alexandre Dumas dem weiblichen Geschlecht doch sehr stark zugeneigt war, konnte auch ihr nicht verborgen bleiben und somit zieht sie bereits bei ihrem ersten Treffen mit Alexandre eine klare Grenze. Nach einem Monat regelmässiger Begegnungen zwischen Alexandre und Lilla wird es für Lilla Zeit, die Weiterreise anzutreten. Sie möchte unbedingt nach Deutschland, die Reise soll über Brüssel, Spa und Köln, ja und dann weiter nach Mainz bis nach Mannheim führen. Alexandre entschliesst sich kurzer Hand, Lilla bis nach Brüssel zu begleiten. Trotz einem Knistern und einer gewissen Spannung zwischen den beiden bleibt Alexandre während der Zugreise besonders höflich und galant distanziert, ja ein wahrer „Gentleman“, der sich als hervorragender Begleiter entpuppt und bei Ankunft in Brüssel trotz gewisser erotischer Schwingungen eine ganz neue Seite an sich entdeckt:

„Eine Stunde später war sie im „Hotel de Suède“. Ich führte sie zu ihrem Zimmer, küsste ihr respektvoll die Hand und murmelte im Hinausgehen: «Wie bezaubernd es wäre, wenn man eine Frau zum Freund haben könnte!»“ 

Alexandre entschied sich nach dem Brüssel-Aufenthalt die Reise nach Deutschland weiter mit Lilla gemeinsam fortzusetzen und so dürfen wir dabei die interessanten und unter anderem auch äusserst amüsanten Anmerkungen Dumas über die deutsche Lebensart und allerlei kulinarische Genüsse verfolgen:

„In allen Ländern der Erde gibt man Essig in den Salat; in Deutschland gibt man den Salat in den Essig.“

Die Reise nach Deutschland entwickelte sich als ein wahres Entdeckungswunder für Alexandre, der inzwischen mit Lilla in Koblenz eingetroffen ist und selbst immer mehr von seinem „geschwisterlichen“ Verhältnis zu Lilla überrascht war, das selbst die Nähe der Hotelzimmer nicht im geringsten mehr gefährden konnte. In Koblenz freunden sich Lilla und Alexandre mit einer sympathischen Wienerin an, welche beide auf ihrer Weiterreise begleiten wird. Dabei erzählt Alexandre den beiden Damen ein wahres Liebesabenteuer, das er 1836 in Palermo mit einer Frau, die er nur Maria nannte, erlebt hatte. Könnte nun auch die Beziehung mit Lilla nicht doch noch eine andere Wendung nehmen, als wir sie bis jetzt beobachten, denn die Reise war noch lange nicht beendet, sowohl im realen, als auch im gedanklich erzählerischen und vor allem emotionalen Sinne…?

Alexandre Dumas versprüht mit diesem von Charme und Esprit kaum zu überbietenden Werk einen Zauber und eine Eleganz, wie wir sie uns nicht schöner wünschen könnten. „Ein Liebesabenteuer“ ist eine entzückende Anekdote aus einem bewegten und intensiven Leben, das nun endlich aus der Übersetzungs-Verschollenheit entsprang und somit den deutschsprachigen Leser in die vielleicht noch völlig unerforschte Welt von Alexandre Dumas entführen kann.

Das besondere an diesem kleinen feinen Oeuvre ist das stilvolle Herausstellen eines sehr positiv anmutenden Charakterzugs von Alexandre Dumas im Bezug auf die Bewunderung und den Respekt gegenüber Frauen. Alexandre Dumas könnte der Vater von Lilla sein, und selbst dies wäre vielleicht kein Hinderungsgrund für eine Affäre. Doch in diesem erstaunlich emotional offenen Text zeigt Alexandre Dumas eine gewisse souveräne, aber auch ehrfürchtig vornehme Haltung und lernt, je länger seine und Lillas „Zweisamkeit“ dauert, das Wunder der Freundschaft zwischen Mann und Frau kennen und lieben:

„Zwischen uns war etwas entstanden, das sich zwischen der Liebe zweier Amants und der Liebe zwischen Bruder und Schwester eingependelt hatte, eine äusserst charmante Empfindung, die in der Skala menschlicher Innigkeit noch nicht einzuordnen war.“

Alexandre Dumas hat uns mit diesem wundervollen, aber auch klugen und geistreichen „Lebensbericht“ ein ganz besonderes literarisches Bijou geschenkt. Wir freuen uns sehr, dass diese Übersetzungslücke im Werk von Alexandre Dumas nun so erfolgreich geschlossen werden konnte. Ob als reine Liebesgeschichte, diplomatisch verpackte Reisereportage oder autobiographische Anekdote, dieses „Liebesabenteuer“ ist nicht nur für Dumas Verehrer ein äusserst intelligent unterhaltsamer Lesegenuss und deshalb besonders empfehlenswert!

Marcel Proust – Zitat

« Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen. »

Durchgelesen – „Der Fall Sneijder“ v. Jean-Paul Dubois

Wie tief kann man als Mensch fallen? Fällt man nur im übertragenen Sinne oder fällt man ganz real, quasi körperlich spürbar? Und wenn man diesen Fall zumindest physisch überlebt, aber alles andere um sich herum einstürzt – was passiert dann? Jean-Paul Dubois widmet sich mit seinem gerade in Deutschland aktuell erschienen Roman diesen Fragen und versucht ganz vorsichtig dabei Antworten oder auch neue Fragen zu finden!

Jean-Paul Dubois, geboren 1950 in Toulouse, gehört in Frankreich zu den wichtigsten französischen Schriftstellern der Gegenwart. Er studierte Soziologie und arbeitete als Journalist für das Sportressort von „Sud Ouest“ und wurde später Hauptberichterstatter beim „Nouvel Observateur“. Sein Werk umfasst 15 Romane, Essays, Novellen- und Artikelsammlungen. 2004 wurde er für seinen Roman „Une vie française“ mit dem Prix Femina und dem Prix du Roman Fnac geehrt. 2012 wurde Jean-Paul Dubois mit dem Literaturpreis Alexandre Vialatte für seinen Roman „Le Cas Sneijder“ ausgezeichnet, der bereits 2011 in Frankreich erschienen ist und nun – dank der hervorragenden Übersetzung von Nathalie Mälzer – endlich in Deutschland entdeckt werden kann.

Der Roman spielt in Kanada – genauer in Montréal. Der Hauptprotagonist ist Paul Sneijder, inzwischen 60 Jahre alt, zum zweiten Mal verheiratet, Vater einer Tochter aus erster Ehe und zusammen mit seiner jetzigen Frau Anna Erziehungsberechtigter von zwei erwachsenen Söhnen (Zwillinge). Paul Sneijder, dessen Vater Holländer und seine Mutter Französin war, schwärmt heute noch von seiner guten Beziehung zu seinen Eltern und ist inzwischen ein Mann geworden, der durch und mit seinen Erinnerungen lebt:

„Ich kann nichts vergessen. Es mangelt mir an der Fähigkeit, Dinge auszulöschen, an jener Fähigkeit, die uns von der Vergangenheit befreit“.

Und so berichtet uns Paul Sneijder detailliert aus seiner Vergangenheit dramatisch ausgelöst durch einen Tag, der sein Leben komplett verändert, auf den Kopf gestellt hat und ihn auch durch immer neue Abgründe weiterführen wird, auch wenn er oft glaubt, inzwischen eine neue Lebens- oder sollte man nicht besser sagen, Überlebensstrategie gefunden hat.

Dieser Tag war der 4. Januar 2011. Genau um 13.12 Uhr Ortszeit stürzt der Aufzug in einem Montréaler Hochhaus 28 Stockwerke in die Tiefe. Paul ist der einzige Überlebende dieses Unfalls, seine Tochter Marie, die er begleitete, war sofort tot, sowie drei weitere Fahrgäste. Dieser Sturz in den Abgrund ist mehr als ein tiefer Fall, nicht nur im körperlichen, sondern auch im psychologischen, gesellschaftlichen und privaten Sinne dieses Mannes, der sich der Dominanz seiner zweiten Frau Anna nicht widersetzen kann. Nachdem er aus dem Koma erwacht ist, lässt er sein Leben, ja seine ganze Existenz Revue passieren. Nach einem sehr langen Krankenhausaufenthalt kehrt er in sein Haus zu Anna zurück, er sperrt sich mehr oder minder in sein Zimmer/Büro ein, das er nun endlich mit seiner Tochter bzw. deren Asche in einer Urne teilen darf. Denn bis zu dem Unfall war es Paul nicht erlaubt, Marie mit nach Hause zu nehmen. Anna hatte es verboten, sie wollte auch keinen Kontakt zwischen den Zwillingen. Anna war Holländerin, sehr praktisch veranlagt und hatte eine Führungsposition bei einem kanadischen Telekommunikations-unternehmen:

„Zudem brüstet sie sich damit, stets genau zu wissen, was das Richtige für uns ist, und lässt es einen bei jeder Gelegenheit spüren.“

Nachdem nun Paul auch seine gut bezahlte Stelle als Weineinkäufer wegen Panikattacken in Büroräumen aufgegeben hatte, versuchte er nach diesem dramatischen Ereignis trotzdem irgendwie einen Fuss wieder in diese Welt – vor allem ohne Marie – zu setzen und begann ja fast schon besessen alle Arten von Dokumente über Aufzüge allgemein und Unfälle mit Aufzügen zu studieren bzw. zu sammeln. Gleichzeitig suchte er eine neue Aufgabe, die seiner geringen Qualifizierung entspricht. Paul entdeckt in den Stellenanzeigen einen neuen Job und wird fortan Hundeausführer, ein sogenannter Dogwalker. Obwohl er dies noch nie gemacht hatte, keine signifikanten Erfahrungen diesbezüglich nachweisen konnte, wurde er eingestellt und erfährt eine interessante und durchaus überraschend angenehme Zuneigung zu den Hunden. Doch dieser neue Job verschärft die bereits schon lange angespannte Beziehung mit seiner Frau Anna und den Zwillingssöhnen, die in Frankreich inzwischen als erfolgreiche Steuerberater arbeiten, und führt Paul in eine kaum mehr selbst zu koordinierende Position, mit welcher weder Paul noch der Leser gerechnet haben…

„Der Fall Sneijeder“ ist ein faszinierendes Porträt eines Mannes, dem das Schicksal mehr als übel mitspielt. Man könnte weinen und lachen gleichzeitig und weiss nicht, ob man mehr Mitleid haben sollte, oder doch am Liebsten Paul ins Ohr flüstern würde, er möge sich nicht alles gefallen lassen vor allem von Anna. Doch Paul wehrt sich auf seine Weise, die man verstehen kann, aber nicht unbedingt akzeptieren muss.

Obwohl der Roman von einer gewissen Melancholie begleitet wird, schafft es Jean-Paul Dubois mit unvergleichlichem Charme diese Geschichte mit einer gehörigen Portion Humor zu unterwandern, die wir selten in der Literatur vorfinden. Denkt man allein an die unglaublich drolligen Szenen und sehr lustigen Personen, wie zum Beispiel den Dogwalker-Chef und den jeweiligen Hundebesitzern, wird man als Leser von der doch eher dramatisch umwobenen Handlung in einer ganz andere, vor allem einfachere und scheinbar leichtere Welt kurzfristig sehr galant entführt.

Letztendlich ist der herabstürzende Fahrstuhl mehr als nur das Objekt, durch welches Paul zwar schwerverletzt körperlich überlebt, aber gleichzeitig vieles andere in ihm gestorben ist, eine wunderbare Metapher für den wahrlich tiefen Fall, den jeder Mensch vielleicht einmal in seinem Leben zum Teil oder auch ganz erleben darf bzw. muss. Denn ohne Absturz gibt es wahrscheinlich auch keinen Aufstieg und keine Rettung. Auch wenn dieser Neuanfang sich nicht gleich so gestaltet, wie sich das Paul in diesem Buch oder auch wir uns, als Leser, oft vorgestellt haben bzw. vorstellen, hat dieses Aufstehen nach einem Fall doch vermeintlich viele positive Impulse, die es heisst sinnvoll, aber auch vorsichtig zu nutzen und für sich langfristig gewinnbringend einzusetzen. Dank diesem neuen Roman von Jean-Paul Dubois finden wir genau jenen neuen Umgang. Philosophisch ummantelt und trotzdem klar formuliert, mit anekdotischen Einflüssen und einer sensibel eingesetzten Komik lehrt uns dieser „Fall Sneijder“, wie wichtig es ist, nicht nur tief zu fallen, sondern den Absturz auch in der Seele zu zulassen, um sich danach aus vielen Zwängen endlich befreien zu können.

„Der Fall Sneijder“ ist sprachlich gesehen ein so feines, elegantes, intensives, ja spannendes und sehr ergreifendes Buch, das uns Lesern mit Hilfe der ganz pragmatischen Aufzugstechnik eine Wahrnehmungsebene öffnet, von deren Existenz wir vor dieser Lektüre niemals im Ansatz geträumt hätten, und was Paul Sneijder nicht besser in diesem Roman wie folgt bestätigen kann:

„Wenn der Aufzug tatsächlich das Herzstück dieser Welt darstellt, kann man ihn nur stoppen und zur Vernunft bringen, wenn man seine Nervenbahnen lahmlegt, seine Tragseile durchschneidet.“

Verehrter Leser, steigen Sie ein in den nächsten Aufzug, nehmen Sie diesen mehr als empfehlenswerten Roman mit und mögen Sie, wann und wie tief auch immer Sie jemals fallen sollten, in jeglicher Hinsicht mit Paul Sneijders lang nachwirkenden und sehr bewegenden Erkenntnissen weich und sicher landen!

Durchgelesen – „Miss Nightingale in Paris“ v. Cynthia Ozick

Auch wenn man glaubt, das Leben anderer Menschen, wie Familienmitglieder, Freunde und Kollegen, so einfach verändern zu können, umso schwieriger ist es – ja gerade zu fast schon unmöglich -, sein eigenes Leben und die dazugehörige Persönlichkeit zu ändern. Und genau von diesem Konflikt wird uns Cynthia Ozick in ihrem Roman „Miss Nightingale in Paris“ erzählen.

Cynthia Ozick, geboren 1928 in New York City, zählt zu den grossen amerikanischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie wuchs als Tochter eines jüdisch-litauischen Apothekerehepaars in der Bronx auf. Nach dem Besuch der jüdischen Schule, trat sie in das Hunter College in New York ein und absolvierte an der Ohio State University ihre Literaturstudien, die sie mit einer Arbeit über „Parable in the Later Novels of Henry James“ beendete. Somit ist es nicht allzu verwunderlich, dass nicht nur viele ihrer Essays, sondern auch einige Romane in enger Verbindung mit Henry James stehen. 1986 erhielt Cynthia Ozick als erste Preisträgerin eine Auszeichnung für Kurzgeschichten, den „Rea Award for the Short Story“. Und 2008 wurde sie mit dem „Nabokov Award“ des P.E.N. geehrt. Ihr Werk umfasst eine Fülle von Erzählungen, Essays und sechs Romane. Der erste Roman „Trust“ erschien 1966 und der sechste und somit im Moment der letzte wurde 2010 in USA unter dem Titel „Foreign Bodies“ veröffentlicht und wird nun ganz aktuell – dank der Übersetzung von Anna Leube und Dietrich Leube – dem deutschsprachigen Lesepublikum vorgestellt.

Die Geschichte spielt 1952 in Paris, New York und Kalifornien. Die Hauptdarstellerin ist Beatrice Nightingale – genannt Bea -, eine gerade frisch geschiedene Lehrerin aus New York. Bea versucht ihren Schülern Shakespeare näher zubringen und lebt seit ihrer Scheidung in einem kleinen Appartement, was durch den Flügel ihres Ex-Mannes mehr als dominiert wird und sie in vielerlei Hinsicht platzmässig sehr einschränkt. Im Sommer 1952 erhält sie einen Brief von ihrem reichen Bruder Marvin aus Kalifornien, der sie darin bittet, Julian – den Sohn von Marvin – aus Paris nach Kalifornien zurückzubringen. Julian ist seit drei Jahren in Paris, wollte eigentlich nur ein Jahr bleiben, ist aber bis jetzt nicht zu seinem Vater zurückgekehrt. Schlägt sich als Kellner in verschiedenen Pariser Cafés durch und versucht sich dem Schreiben von allerlei Artikeln daneben noch über Wasser zu halten.

Bea fährt tatsächlich nach Paris, sie sucht vor Ort nach Julian. Sie konnte ihn nicht finden. Angeblich hatte er eine Freundin und jetzt war er mit dieser irgendwie verschwunden. Bea informiert ihren Bruder darüber nach ihrer New York Rückkehr. Marvin ist entsetzt, appelliert an Beas Verantwortungsgefühl. Julian ist das schwarze Schaf in der Familie, laut seinem Vater einfach nur faul und hegt auch noch künstlerische Ambitionen. Denn in dieser Familie gab es auch noch Iris, die Schwester von Julian, und die Vorzeigetochter von Marvin. Sie studierte bereits fleissig und schien zumindest nach Aussen hin und vor allem für ihren Vater, dabei zufrieden und glücklich zu sein.

Nachdem nun der erste Rückholversuch durch Bea gescheitert war, wurde nun ein zweiter Anlauf unternommen mit der Unterstützung von Iris. Sie sollte ihre Tante aufsuchen, welche sie seit ihrem zweiten Lebensjahr nie mehr gesehen hatte, und Bea nochmals genauestens über Julian informieren, damit die erneute Aktion durch Bea in Paris dieses Mal zum Erfolg führen könnte. Iris fliegt kurzer Hand von Kalifornien nach New York, trifft Bea, bleibt so gar eine Nacht bei ihr, offiziell sogar eine Woche, und reist inoffiziell jedoch selbst nach Paris, um ihren Bruder aufzusuchen. Das hatte Iris bereits die ganze Zeit vorher schon geplant, so dass letztendlich Bea mal wieder als Mittel zum Zweck und vor allem als diejenige dasteht, um ihrem Bruder alles oder nichts zu erklären. Der einzige Vorteil war, dass Bea nicht nochmal nach Paris musste. Doch sie hatte sich zu früh gefreut. Denn nachdem Bea einen Brief aus Paris von Iris bekam und darin deutlich wurde, dass auch Iris nicht mehr zurückkehren möchte, vor allem nicht zu ihrem Vater, musste sie ein erneutes Mal die Reise nach Paris antreten:

Sie konnte diese Stadt nicht verstehen, sie war ein Rätsel, oder es war Paris, das alles erfasste, was durch seine Arterien lief, und sie war es, der Eindringling, der das Rätsel war.“

Durch die Hilfe von Iris konnte sie nun endlich in Paris Julian ausfindig machen. Überrascht trifft sie dabei nicht nur Iris, sondern auch die Freundin von Julian, die sich als seine Ehefrau herauskristallisiert und auch noch ein schweres Schicksal zu verkraften hat. Doch kann Bea wirklich ihren Neffen und ihre Nichte wieder dazu bewegen, nach Kalifornien und zu ihrem Vater zurückzukehren, dessen Frau und somit die Mutter von Iris und Julian, Marvin ebenfalls verlassen hat, in dem sie sich selbst in eine Klinik einweisen liess…?

„Miss Nightingale in Paris“ ist eine kuriose, absolut kurzweilige und gleichzeitig nicht ganz ungewöhnliche Geschichte. Jeder der Familienmitglieder flieht vor Marvin. Insofern trifft der amerikanische Titel „Foreign Bodies“ – frei übersetzt „Fremdkörper“ doch wesentlich mehr den eigentlich wunden Punkt in diesem Roman. Denn wer hier nun der bzw. die Fremdkörper sind erscheint im ersten Moment eigentlich klar: Julian und später auch Iris und irgendwie auch von Anfang an Bea. Doch der wahre Fremdkörper scheint hier doch eher Marvin zu sein, vor dem alle fliehen, der sein Leid auf andere überträgt und dabei noch den grossen Typen heraushängt, mit viel Geld winkt und somit hofft, dass alle das machen und das Leben so führen, wie er sich das vorstellt.

Dieser Roman hat aber noch ein weiteres Motiv versteckt. Es geht hier um den Vergleich zwischen „Neuer“ und „Alter Welt“. USA als die „neue“ und Europa – mit Paris als Stellvertreter – als „alte“ Welt. Ein klassischer Konflikt, der in den Fünfziger Jahren nicht zu unterschätzen war und in diesem Roman klar ausgesprochen wird:

„Es war Angst (Marvins Angst), die sie alle in einen einzigen schmutzigen Sack geworfen hatte – und Marvin, zu Hause in Kalifornien, zog die Schnur an dem Sack fester zu. Er hatte Angst vor Europa. Er hatte Angst vor Paris. Bea sah in ihm eine Art eingeschüchterten Naturmenschen – sein Paris war nicht mehr als die Platitüden der Postkarten, Eiffelturm, Arc de Triomphe; und darunter düstere, verseuchte, grausame Verliese, in denen sein Junge schmachtete.“

Doch die Hauptintension dieses so elegant und wundervoll erzählten Romans ist sicherlich die darin versteckte und gleichzeitig auch subtil und feinsinnig formulierte Hommage an Henry James (1843-1916), einem der wichtigsten amerikanischen Romanciers. Er hatte übrigens auch mehrere Jahre in Paris gelebt und in seinem Roman „Die Gesandten“ („The Ambassadors“ 1903) die Basis für die grandiose Variation von Cynthia Ozick gelegt. In Henry James Roman wird ein reicher amerikanischer älterer Mann von einer Dame – verwitwet -, die er zu heiraten beabsichtigt – nach Paris geschickt, um deren Sohn zurück zu holen. Cynthia Ozick hat dieses Motiv transparent in ihren Roman eingebettet und hinsichtlich der Hauptdarstellerin Beatrice Nightingale ohne Umschweife verarbeitet:

„Sie war eine Botin, eine Gesandte.“

Obwohl Cynthia Ozick in Amerika einen ausgezeichneten Ruf als perfekte Stilistin, charakterstarke Erzählerin und brillante Schriftstellerin hat, ist sie im deutschsprachigen Raum immer noch etwas unbekannt! Das sollten Sie, verehrter Leser, unbedingt ändern. Lesen Sie diesen stilvollen und äussert eindrucksvollen Roman und entdecken Sie eine grandiose Autorin, die uns hoffentlich noch mit weiteren Werken begeistern wird.

Durchgelesen – „Das Papierhaus“ v. Carlos Maria Dominguez

Bücher haben Macht! Sie können das Leben bestimmen, verändern und massgeblich beeinflussen, selbst dann, wenn wir es als Leser gar nicht bewusst zulassen wollen. Und genau über diese doch eher unterschätzten „Charakterzüge“ des Buches berichtet uns Carlos Maria Dominguez in seiner Erzählung „Das Papierhaus“.

Carlos Maria Dominguez, geboren 1955 in Buenos Aires, gehört zu den wichtigsten und berühmtesten Schriftstellern Lateinamerikas und hat laut der Zeitung „Der Welt“ mit seinem Romanwerk „Literatur von Weltrang“ geschaffen. Anfangs hat er für verschiedene Zeitungen als auch für die Kulturbeilage von „El Pais“ geschrieben. Inzwischen wurden von Carlo Maria Dominguez mehr als 20 Bücher veröffentlicht. In Deutschland wurde er mit seinem kleinen feinen Werk „Das Papierhaus“ bekannt, das unter dem Originaltitel „La casa de papel“ 2002 erschienen ist und zum ersten Mal in deutscher Übersetzung 2004 in Deutschland vorgestellt wurde. Jetzt nach 10 Jahren ist dieses faszinierende Buch nochmals neu und aktualisiert aufgelegt und mit den wundervollen Illustrationen von Jörg Hülsmann ausserordentlich feinsinnig und beeindruckend kunstvoll gestaltet worden.

Die Geschichte wird von einem jungen Literaturdozenten der Universität Cambridge in der Ich-Form erzählt und spielt in Südamerika. Eine junge Kollegin von ihm – Bluma Lennon – wird, als sie mehr als vertieft in einem Gedichtband von Emily Dickinson liest, von einem Auto erfasst und dabei tödlich verletzt. Bei der Beerdigung erfährt man nicht nur etwas über ihre brillante Universitätslaufbahn, sondern auch über ihre intensive Nähe zur Literatur, die doch auch etwas überspitzt von einem anderen Kollegen dargestellt wird:

« „ Bluma hat ihr Leben der Literatur geweiht, ohne sich vorzustellen, dass sie durch diese ums Leben kommen würde.“ »

Doch letztendlich sollte man nicht vergessen, dass – auch wenn Bücher das Schicksal nachhaltig verändern können – sie ein Auto überfahren hat und nicht der Gedichtband.

Nach diesem tragischen Vorfall fällt eines Tages dem Ich-Erzähler ein Päckchen in die Hand, frankiert mit Briefmarken aus Uruguay, was an Bluma adressiert war. Beim Öffnen entdeckt er « das zerlesene alte Exemplar von Joseph Conrads Roman Die Schattenlinie ». Das Buch war vollkommen verdreckt und verklebt mit Zementresten. Beim Aufklappen sieht er eine Widmung von Bluma:

« „Für Carlos als Andenken an die verrückten Tage in Monterrey: ein Roman, der mich von Flughafen zu Flughafen begleitet hat. Es tut mir leid, aber in meiner Seele wohnt eine Hexe und ich habe es sofort gewusst: Egal was Du tust, Du wirst mich nie überraschen können. 8. Juni 1996.“ »

Der Ich-Erzähler startet seine Nachforschungen, hinsichtlich dieses mysteriösen Mannes. Nach einiger Zeit und mit Hilfe verschiedenster Kontakte wird das Geheimnis gelüftet: es handelt sich um einen bibliophilen Mann namens Carlos Brauer, der inzwischen in eine eher verlassene Gegend am Atlantischen Ozean gezogen ist. Der Ich-Erzähler entschliesst sich nach Buenos Aires zu reisen, um diesen Carlos ausfindig zu machen. Von dort aus fährt er mit dem Schiff nach Montevideo und sucht den Inhaber einer Buchhandlung mit angeschlossenem grossen Antiquariat – Jorge Dinarli – auf, der mit Carlos beruflich in Kontakt stand. Dinarli empfiehlt dem Literaturdozenten aus Cambridge, doch am besten mit Brauers Freund Augustin Delgado zu sprechen.

Das Treffen mit Delgado ist ein wahres Ereignis. Der Ich-Erzähler wird in Delgados grandioser Wohnung, die einer gigantischen Bibliothek (ca. 18.000 Bände) gleicht, empfangen und somit beginnt sofort ein Gespräch über die Leidenschaft für Bücher, aber auch die Kunst und Schwierigkeit mit Büchern das Leben zu gestalten. Delgado berichtet von seiner Art mit Büchern umzugehen, aber vor allem auch von der Besessenheit, jedes Buch besitzen zu wollen, das hauptsächlich bei Carlos Brauer der Fall war. Bei diesen Diskussionen zwischen Delgado und Brauer, ging es aber auch um das Thema „Anmerkungen“, die man während des Lesens vornehmen darf, soll oder kann. Brauer war da sehr konsequent:

« „Ich vögele mit jedem Buch, keine Markierung bedeutet für mich kein Orgasmus.“ »

Für Delgado war dies absolut keine Option, ganz im Gegenteil er war für das eher unberührte und jungfräulich bleibende Buch. Aber nicht nur dieses Thema auch die Problematik der Ordnung von Büchern war vor allem für Brauer ein sehr schwerwiegendes und kaum zu lösendes Problem:

« „…wie mühselig es sei, die zerstrittenen Autoren in verschiedenen Regalfächern unterzubringen.“ »

Delgado wurde sich immer mehr bewusst, dass diese Besessenheit in puncto Bücher, doch mehr und mehr zu einer geistigen Störung bei Brauer mutierte und es kaum abzusehen war, wie sich das alles weiter entwickeln würde…

Bereits während der Lektüre dieser so inspirierenden Geschichte, denkt man an das kleine und trotzdem sehr imposante Werk von Gustave Flaubert „Bücherwahn“, das die negativen Konsequenzen einer sogenannten Bibliomanie sehr deutlich beschreibt. Doch „Das Papierhaus“ ist weniger eine Kriminalerzählung, die ja Flauberts Werk zu Grunde liegt, sondern eher ein sehr persönliches und charmantes Prosastück unter anderem über die Problematik, der kaum zu bändigenden und vor allem trotzdem zu besitzen wollenden Menge an Büchern. Welcher Leser stellt sich nicht oft die Frage, wie ordne ich meine Bibliothek. Heutzutage könnte man natürlich sofort antworten, gar nicht! Kaufen Sie sich einen E-Reader und alle Probleme sind gelöst. Das mag vielleicht für den einen oder anderen Leser gelten und funktionieren, aber ein bibliophiler Mensch möchte seine Bücher besitzen, an ihnen riechen, das Papier spüren und sich an einer realen Bibliothek sein Leben lang erfreuen.

Carlos Maria Dominguez zeigt hier auf sehr stimmungsvolle, aber durchaus intellektuell literarische Weise, wie das Schicksal durch Bücher nicht nur verändert und eingeschränkt, aber vor allem auch bereichert werden kann, selbst dann wenn man bei Umzügen ab hundert gepackten Kiste jeden weiteren Bücherkarton am Liebsten verbrennen möchte. Bücher sind die Basis für jede Art von Bibliothek und deshalb sollte man nie den Satz von Delgado aus dieser mehr als zeitlosen Erzählung vergessen:

« „Wer sich eine Bibliothek aufbaut, der baut sich ein ganzes Leben auf. Sie ist nämlich nie die Summe ihrer einzelnen Exemplare.“»

Dieses eindrucksvolle Zitat lädt ein über sein eigenes Leben, ob mit oder ohne kleiner bzw. grosser Bibliothek nachzudenken. Und es zeigt uns, wie wichtig die Liebe zu Büchern doch sein kann. Carlos Maria Dominguez kann mit seiner wunderschön bildhaften Sprache all dies bereits spielerisch und trotzdem unaufdringlich empathisch erzählen. Doch die mehr als faszinierenden Illustrationen von Jörg Hülsmann in dieser neu aufgelegten Ausgabe und natürlich auch der ebenso bibliophil ästhetisch und kunstreich gestaltete Buchumschlag, verstärken die betörende und magische Anziehungskraft nicht nur hinsichtlich dieses Werks sondern Büchern gegenüber ganz allgemein, der Sie sich, verehrter Leser, bestimmt niemals entziehen wollen und können!

Theodor Storm – Gedicht

Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz –
Stoß an und laß es klingen!
Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiss,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:

wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.

Durchgelesen – „Die Gierigen“ v. Karine Tuil

Falsche Identität, besessene Liebe, soziale Macht, kompromissloser Erfolg, exzessive Leidenschaft und krankhafter Ehrgeiz bilden neben vielen anderen Themen das Zentrum in diesem herausragenden und äusserst imposanten Gesellschaftsroman von Karine Tuil, der durch seinen Originaltitel „L’invention de nos vies“ (frei übersetzt „Die Erfindung unserer Leben“) den Blick auf die Lebens-Findung bzw. Erfindung noch mehr lenkt, als der deutsche Titel im ersten Moment zu erahnen vermag.

Karine Tuil wurde 1972 geboren und hat Jura studiert und sich auf Medienrecht spezialisiert. Parallel nicht nur neben ihrer Doktorarbeit ist sie als sehr erfolgreiche Schriftstellerin tätig. Inzwischen hat sie neun Romane veröffentlicht. Ihr erster Roman „Pour le pire“ erschien 2000, danach folgten neben Romanen auch ein Theaterstück und verschiedene Kurzgeschichten und Erzählungen. Die ersten Romane zeichneten sich durch ihren komödiantischen Ansatz aus, doch ab 2007 werden die Themen mit ihrem Roman „Douce France“ ernster. Aktuell dürfen wir nun den neunten Roman von Karine Tuil erstmals in deutscher Sprache – dank der fantastischen Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff – mit dem Titel „Die Gierigen“ entdecken. Dieser Roman erschien in Frankreich bereits im Herbst 2013 und stand auf der Auswahlliste für den begehrtesten französischen Literaturpreis – „Prix Goncourt“.

Der Roman spielt teilweise in Paris, hauptsächlich in New York, und ist bei erster Betrachtung wie eine Dreiecksgeschichte aufgebaut, entwickelt sich aber über kurz oder lang zu einem gewaltigen und meisterhaft konstruierten Gesellschaftsroman, der keine sozialen Aspekte auslässt, unterschlägt oder vertuscht. Es gibt drei Personen, die jede für sich allein eine wichtige Rolle in diesem Buch spielen, doch letztendlich ist der eigentliche Hauptprotagonist Samir Tahar. Aufgewachsen in einem Vorort von Paris, Eltern Tunesier, Mutter Schneiderin, Vater Arbeiter (starb nach einer Verhaftung bei einer Vernehmung). Seine Mutter schlägt sich durch und arbeitet bei reichen Leuten im Haushalt, lässt sich auch von einem der reichen Hausherren verführen, wird dabei auch noch schwanger, treibt das Kind jedoch nicht ab und somit bekommt Samir einen Halbbruder.

Samir will raus aus diesem Milieu, strotzt vor fast schon nicht zu bändigendem Ehrgeiz und geht an die Pariser Universität, um Jura zu studieren. Und da trifft er auf Samuel und Nina. Sie sind ein Paar und die zwei weiteren Hauptpersonen dieser unglaublich vielschichtigen Story. Samuel ist der Sohn intellektueller ultra-orthodoxer Juden und träumt von einer Schriftstellerkarriere, die bis jetzt nicht die geringsten Anzeichen erkennen lässt. Nina ist eine unglaublich schöne junge Frau, die sich jedoch für wenig interessieren und engagieren kann und mehr von Tag zu Tag lebt.

Die Freundschaft der Dreien endete nach langem hin und her aufgrund der Affäre zwischen Nina und Samir. Für Samir gab es dann nur ein Ziel, seine Karriere so schnell und gut wie möglich voranzutreiben. Nach erfolgreichen Studienabschlüssen verlässt er Frankreich. Heute ist Samir ein gefeierter Staranwalt in New York, kauft nur noch massgeschneiderte Anzüge, verkehrt in Edelrestaurants und ist mir Ruth Berg – die Mutter seiner zwei Kinder – , einer attraktiven, hoch intelligenten Frau verheiratet, die aus einer der reichsten und einflussstärksten jüdischen Familien Amerikas stammt und die Tochter von Rahm Berg ist. Samir ist durch diese eheliche Verbindung natürlich auch Teil der amerikanischen Elite. Er hätte es nie soweit nach oben geschafft, wenn er nicht bereits vor dem beruflichen Start in den USA seinen Namen den Umständen entsprechend anpasste und sich ab diesem Zeitpunkt Sam Tahar nannte. Er versuchte mit diesem einfachen aber doch sehr wirksamen Schachzug endlich den rassistischen und somit auch karrierefeindlichen Problemen auszuweichen. Den Araber Samir gab es dadurch nicht mehr, sondern nur noch den Juden Sam, denn jeder dachte, das dies die Abkürzung für Samuel war.

Nach zwanzig Jahren sehen nun Samuel und Nina per Zufall im Fernsehen auf dem Sender CNN einen Bericht über Sam Tahar. Und ganz schnell wird Samuel bewusst, dass Samir durch eine geklaute Identität mehr als Erfolg in seinem Leben hat, vom Geld und Ansehen ganz zu schweigen. Samuel dagegen hatte bis jetzt nicht im Ansatz das erreicht, von dem er immer geträumt hatte. Nina und er beschliessen, dass sie diesem Täuschungsmanöver von Samir unbedingt auf die Spur gehen sollten, ja sich sogar rächen wollten und nehmen mit Samir Kontakt auf. Samuel verfolgt gleichzeitig noch einen für ihn zusätzlich sehr wichtigen Test, um endlich herauszufinden, ob seine Freundin Samir immer noch liebt. Es dauert nicht lange und Samir fliegt nach Paris, um Nina und damit auch Samuel zu treffen und spätestens da wird Samir mit seiner erfundenen Identität konfrontiert. Samuel versucht Klartext zu sprechen:

„Du musst mir nichts erklären. Du hast Teile meiner Vergangenheit geklaut und dir daraus eine Biographie zusammengebastelt! Du hast meine Lebensgeschichte geplündert, um deine auszuschmücken. Das ist pervers! Wie konntest du so was nur tun?“

Ab diesem Treffpunkt wird nicht nur das Leben, die Gefühle und die Erwartungen von Samuel und Nina komplett auf den Kopf gestellt, sondern vor allem die Daseinsberechtigung von Samirs Identität einer extremen existentiellen Prüfung unterzogen. Samir hat nämlich nicht nur seinen ehemaligen Freund hinters Licht geführt, sondern er hat alle angelogen, seine Frau, seine Kinder, seinen Schwiegervater und seinen früheren Mentor in Paris. Alle Menschen, mit denen er bis jetzt konfrontiert war, halten ihn für einen beruflich extrem erfolgreichen jüdischen Anwalt, treuen Ehemann und liebevollen Vater. Samir ist jedoch Araber, gibt sich überall als Jude aus, ist karrierebesessen und sexsüchtig. Er betrügt seit Jahren Ruth mit anderen Frauen. Hat sich sogar ein kleines Appartement in der Nähe seiner New Yorker Kanzlei gemietet, um seine Sucht nach hauptsächlich körperlicher Liebe problemlos – zumindest nach Aussen hin – schnell und unkompliziert ausleben zu können.

Die Geschichte nimmt eine mehr und mehr dramatische Wendung an. Nina trennt sich von Samuel und lässt sich von Samir in die USA einladen, er hält sie quasi als Zweitfrau und dann taucht auch noch sein ungeliebter Halbbruder auf, der seine „Unterstützung“ benötigt. Die Situation kippt vollkommen und die Tragödie setzt sich mit hoch brisanten sozialen und „politischen“ Verwicklungen fort…

„Die Gierigen“ ist ein Buch für Leser, die im wahrsten Sinne des Wortes gierig nach dieser Art von Gesellschaftsroman sind und sollte dies noch nicht der Fall sein, es spätestens nach den ersten Seiten auch sein werden. Diese Story erschüttert und erstaunt, während sich aber gleichzeitig auch irgendwie Mitleid einstellt für diese drei Protagonisten, die Karine Tuil in meisterlicher Weise so pointiert charakterisiert, porträtiert und damit zu echtem Leben erweckt. Die Geschichte ist unendlich komplex, mehr als intensiv und genau deshalb wahnsinnig fesselnd.

Dieses Gesellschaftsdrama bringt Migrationsprobleme zu Tage, wirft Fragen über Benachteiligung auf, geht ausgehend von Lügen hinsichtlich der Rettung und der Befreiung von gesellschaftlichen und persönlichen Zwängen über in die Angst der Offenlegung und der Ehrlichkeit sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber. Dieses Buch zeichnet sich durch eine extrem starke Wirksamkeit und Klugheit aus, die nicht im Geringsten verwundern lassen, dass dieses Werk auf der Auswahlliste für den französischen Literaturpreis „Prix Goncourt“ platziert war.

Karine Tuil ist eine begnadete Schriftstellerin, die mit ihrem unglaublich rasanten Stil den Leser packt. Sie schreibt markant, zackig und unterstreicht dies mit raffiniert eingesetzten Techniken, wie beispielsweise die Aneinanderreihung von Wörtern mit Slash- Zeichen(„/“), statt klassisch das Komma zu verwenden. Folglich wird dadurch die Beschreibung der Situation oder der Person noch klarer und bestechender, was die Sogkraft dieses Romans weiterhin steigert. Trotz dieser unerschütterlichen Direktheit und unübertreffbaren Prägnanz, gelingt es Karine Tuil bravourös dieser irrsinnigen Geschichte eine unglaublich betörende Eleganz und äusserst kraftvolle Sensibilität zu verleihen.

„Die Gierigen“, ist ein unvergängliches und vor allem unvergessliches Werk: spannend wie ein Thriller, aufklärend wie eine Gesellschaftsreportage und leidenschaftlich wie eine Liebesgeschichte. Ein Roman, der einen aufwühlt, berührt und verführt und dadurch sicher zu einem der besten Bücher dieses Literaturherbstes in Deutschland avanciert. Mehr als empfehlenswert!!

Durchgeblättert – „Dicht am Paradies – Spaziergänge durch Pariser Parks und Gärten“ v. Rainer Moritz

Es gibt Menschen, die behaupten doch tatsächlich, Paris wäre keine wirklich grüne Stadt. Bei der intensiven Studie eines klassischen Reiseführers stellt man jedoch sehr schnell fest, dass es in Paris mehr als 400 Gärten und Parks gibt. Und spätestens durch die beglückende Lektüre dieses neuen prachtvollen Bild- und Textbandes mit dem geradezu verführerischen Titel „Dicht am Paradies“ tauchen wir richtig ein in die mehr als grünen „Welten“ dieser berauschenden Stadt.

Rainer Moritz, geboren 1958 in Heilbronn, studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik in Tübingen und promovierte über Hermann Lenz. Ab 1989 arbeitete er in verschiedenen Verlagen, unter anderem als Cheflektor beim Reclam Verlag und als Programmgeschäftsführer bei Hoffmann und Campe. Seit 2005 leitet Rainer Moritz das Literaturhaus in Hamburg. Wir kennen ihn bereits durch sein grandioses Werk „Die schönsten Buchhandlungen Europas“. Aktuell dürfen wir uns sehr über den gerade neu erschienen Bild- und Textband „Dicht am Paradies – Spaziergänge durch Pariser Parks und Gärten“ erfreuen. Begleitet wurde Rainer Moritz bei der Entstehung dieses Buches durch den Diplom-Fotodesigner Andreas Licht. Seit 1999 ist Andreas Licht Mitglied in der „Deutschen Gesellschaft für Photographie“. Er lebt in Paris und arbeitet für europäische und asiatische Magazine mit den Schwerpunkten Reportage, Porträts und Mode.

In diesem Buch präsentiert uns Rainer Moritz eine sehr persönliche Auswahl. Er lädt uns ein, 27 Gärten, Parks und Squares zu entdecken, die sich über sehr grosse bis unglaublich klein Flächen erstrecken, die als stille Refugien oder als Prachtanlagen fungieren und die sich durch ihre aussergewöhnliche Atmosphäre, ihre architektonische Raffinesse und ihre besondere Lage auszeichnen.

Natürlich kennen wir den Jardin des Tuileries, mit seinen mehr als 25 Hektar, schon eine wahrlich grosszügige grüne Lunge in Mitten von Paris, ausgehend vom Louvre und angrenzend an den Place de la Concorde, eingerahmt vom Quai des Tuileries und der Rue de Rivoli, in der unter anderem auch einer der schönsten und ältesten Buchhandlungen von Paris, die Librairie Galignani, ansässig ist.

Mindestens genau so bekannt ist uns natürlich der im 6. Arrondissement gelegene Jardin du Luxembourg, der bereits früher ein wichtiger Treffpunkt für Künstler und Dichter war. Heute geniessen vor allem auch Studenten und Professoren der Sorbonne diese wohltuende Oase für eine Pause zwischen den Vorlesungen. Dieser Park ist ein idealer Ort zum Sonnenbaden, Lesen und Verweilen. Auch Familien mit Kindern fühlen sich hier sehr wohl, da man auch heute im 21. Jahrhundert noch die traditionsreichen kleinen Holz-Segelboote mieten kann, welche dann mit einem Stab wie zu alten Zeiten auf den Wasserbassins in Fahrt gebracht werden können.

Doch Rainer Moritz führt uns auch in unbekanntere Gärten, die selbst für manchen Pariser, sollte er nicht im gleichen Quartier wohnen, noch unentdeckt sind, wie zum Beispiel der Jardin Catherine-Labouré, ganz in der Nähe des berühmten Kaufhauses Le Bon Marché, der als eine Art Klostergarten seine Obstbäume pflegt. Aber auch die kleinen Squares, wie der Square du Temple im 3. Arrondissement oder der oft vollkommen übersehene Square de la Place Dauphine, der sich auf der Ile-de-la-Cité befindet und seinen Hauptzugang von der Pont Neuf hat. Doch auch die moderneren Parks wie beispielsweise der Parc André-Citroën (15. Arr.) oder der Parc de Bercy (12. Arr.) haben ihren ganz eigenen Charme und dienen den Parisern als wichtige Erholungsorte.

Dieser Bildband besticht durch sehr viele verschiedene Aspekte. Festgehalten und durch seine starke Ausdruckskraft der grandiosen Fotos, die wir Andreas Licht zu verdanken haben, erleben wir die Natur, das Licht und diese Pariser Luft beim Blättern und Lesen so real, als würden wir in einem Garten flanieren, die Blumen riechen und den durch die Bäume streichenden Wind spüren. Ein ganz besonderes Phänomen, das nur durch echte Fotokunst und die hochqualitative Reproduktion dieser Bilder erreicht werden kann.

Rainer Moritz hat bereits diese unvergleichliche und abwechslungsreiche Auswahl getroffen, die uns teilweise ein ganz neues und unbekanntes Paris eröffnet. Doch die Krönung in diesem Bildband sind neben den wundervollen Bildern, nicht nur die informativen Texte über Entstehung, Geschichte und Entwicklung dieser Gärten, sondern vor allem auch die literarischen Verbindungen und Beziehungen die mit und durch diese Parkanlagen entstanden sind. Rainer Moritz lässt uns an der literarischen und künstlerischen Stimmung teilhaben, die das Leben in dieser Stadt und auch in ihren Gärten charakterisiert. Somit ist es nicht verwunderlich, dass der Titel „Dicht am Paradies“ einem Gedicht von Erich Kästner über den Jardin du Luxembourg entliehen ist. Aber nicht nur Kästner, natürlich auch Rilke und Proust dürfen hier nicht fehlen, und was wäre ein Pariser Garten ohne Rodin und Manet.

„Dicht am Paradies“ gehört zu den wundervollsten Bild- und Textbänden, die es aktuell über Paris gibt. Denn selten wurde diese Stadt auf eine sowohl pittoreske und charmante, als auch künstlerisch und literarisch informative Weise porträtiert. Dank Rainer Moritz und Andreas Licht gibt es keine inspirierendere Einladung zu einem Spaziergang durch die geheimnisvollsten, prachtvollsten, verschwiegensten und architektonisch faszinierendsten Park- und Gartenanlagen in der – auch für den Durchleser – nach wie vor schönsten Stadt der Welt!

August Wilhelm Schlegel – Gedicht

Das Sonett

Zwei Reime heiß ich viermal kehren wieder,
Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
Daß hier und dort zwei eingefaßt von zweien
Im Doppelchore schweben auf und nieder.

Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.

Den wird ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket,
Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.

Doch, wem in mir geheimer Zauber winket,
Dem leih ich Hoheit, Füll in engen Grenzen,
Und reines Ebenmaß der Gegensätze.

Durchgelesen – „6 Uhr 41“ v. Philippe Blondel

Sie sollten sich beeilen, verehrter Leser, sonst fährt der Zug um „6 Uhr 41“ ohne Sie ab, und das wäre doch zu schade. Zugfahrten sind hauptsächlich praktisch. Sie bringen einen von A nach B. Aber sie können auch meditative Wirkung erzeugen und geben uns dadurch Zeit und Muse, Bücher zu lesen, die Landschaft und die Mitreisenden zu beobachten und das Leben Revue passieren zu lassen. Jean-Philippe Blondel lädt uns mit seinem gerade in Deutschland aktuell veröffentlichten Roman „6 Uhr 41“ ein, in diesem Zug mit zu reisen – ganz ohne Gepäck, aber mit viel Neugierde auf die Vergangenheit und die Gegenwart.

Jean-Philippe Blondel, geboren 1964 in Troyes, unterrichtet Englisch an einem Gymnasium in der Nähe von seinem Geburtsort. Seit Jahren ist er nicht nur Lehrer, sondern auch Schriftsteller, sowohl für die Bereiche Belletristik und Jugendbücher. Er wurde mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Prix Charles Exbrayat“ und dem „Prix Amerigo Vespuccio Jeunesse“.

Der Roman „6 Uhr 41“ spielt in einem Zugabteil während der Fahrt von Troyes nach Paris. Erzählt wird aus zwei Ich-Perspektiven, der von Cécile Duffaut und von Philippe Leduc.

Cécile, verheiratet, eine Tochter, lebt und arbeitet in Paris. Sie besucht das Wochenende ihre Eltern in Troyes. Um mit ihren Eltern auch noch den Sonntagabend verbringen zu können, nimmt sie aus praktischen Gründen den Zug am Montag um 6 Uhr 41. Doch das Wochenende gestaltete sich sehr anstrengend und somit sitzt sie mehr als erschöpft in diesem Frühzug. Neben ihr ist noch ein einziger Platz frei, und genau diesen wählt ein Mann aus, den Cécile sofort erkennt. Es ist ihr ehemaliger Freund Philippe Leduc, Vater von zwei Kindern, inzwischen geschieden. Sie verhält sich diskret und tut so als würde sie ihn nicht erkennen. Und genau das hofft Philippe auch für sich:

„Denn als ich sah, dass der einzige freie Platz ausgerechnet neben Cécile Duffaut war, packte mich ein leichter Schwindel, wie diese Romanheldinnen des 19. Jahrhunderts, und ich habe mir gesagt, nein, das gibt’s nicht, und ich war drauf und dran, mein Glück im nächsten Waggon zu versuchen.
Aber ich bin mir so gut wie sicher, dass sie mich nicht erkannt hat. Denn ich bin praktisch nicht wiederzuerkennen.“

Doch auch wenn Philippe nun nicht mehr der ranke und schlanke Mann war, wie vor fast siebenundzwanzig Jahren, als sie beide das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, war sich Cécile vollkommen sicher nun neben ihrem ehemaligen Freund zu sitzen und während der nächsten eineinhalb Stunden die Zugfahrt quasi mit ihm gemeinsam zu verbringen.

Sowohl Cécile als auch Philippe schweigen, trauen sich nicht im Geringsten den anderen anzusprechen, sondern beginnen nun jeder für sich, ihre drei bis viermonatige Beziehungszeit in Gedanken zu rekonstruieren, die sich mit einer Reise nach London sehr dramatisch entwickelte. Jeder der beiden versteckt sich hinter Erinnerungen, um ja nicht mit dem Anderen ins Gespräch kommen zu müssen. Lebenserfahrungen, ehemalige einschneidende Ereignisse, Freuden und Enttäuschungen ziehen vorbei wie die Landschaft, die man aus dem Zug beobachten kann.

Man denkt ganz unbewusst beim Lesen an Sartre und sein Theaterstück „Huis Clos“ („Geschlossene Gesellschaft“). In diesem Roman werden wir nicht wie bei Sartre in einen geschlossenen Raum geführt, sondern in ein Abteil, das durch die Fahrt des Zuges eine ganz besondere  – im wahrsten Sinne des Wortes – bewegende Atmosphäre erhält. Wir lernen neben der kurzen intensiven Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptdarstellern auch andere Frauen kennen, mit denen Philippe sowohl verheiratet als auch liiert war. Cécile stellt uns ihre Eltern vor, die sie nur noch langweilen und Philippe erzählt von seinem Freund Mathieu, der nun – obwohl er  im Vergleich zu ihm der coolere Typ war – auf Philippes Unterstützung angewiesen ist.

Das Besondere an Jean-Philippe Blondels faszinierend subtiler, differenzierter und feinfühliger Erzählperspektive ist, dass man durch genau diese intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von Cécile und Philippe auch ganz automatisch mit seiner eigenen Lebensgeschichte – ob positiv oder negativ – konfrontiert wird. Man fängt sogar an sich beim Lesen selbst Fragen zu stellen, ob man nun Gutes, Richtiges, Schönes, Falsches und Wichtiges bis jetzt erlebt und erfahren hat. Dabei kommt einem doch sofort der Satz von Theodor W. Adorno in den Sinn: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Während Cécile und Philippe erzählen, fühlen auch wir uns genau wie diese zwei Hauptprotagonisten in diesem Zugabteil eingesperrt, fahren mit Ihnen von Troyes nach Paris und lernen aber dabei so en passant, wie wichtig es doch ist, letztendlich Frieden mit seinem ganz persönlichen Leben zu schliessen, egal welche vermeintlichen Fehler wir vor zig Jahren auch begannen haben. Denn sowohl Cécile als auch Philippe spüren durch diese ungewollte Nähe ganz neue Gefühle des Verzeihens und des Bedauerns, so dass dieses Wiedertreffen vielleicht bei Ankunft am Pariser Gare l’Est noch nicht ganz zu Ende sein könnte…

Es ist keinesfalls überraschend, dass dieser Roman von Jean-Philippe Blondel bei Erscheinen in Frankreich 2013 nach kürzester Zeit zum Lieblingsbuch der französischen Buchhändler wurde und es auch bis heute noch ist. „6 Uhr 41“ ist ein raffiniertes, emotionales und literarisch komödiantische Kammerspiel, wie es die Franzosen lieben. Feinsinnig, tiefgehend ohne zu überzeichnen, fesselnd, einnehmend und auf wunderbare Weise inspirierend. Glücklicherweise können wir diesen Roman – dank der hervorragenden Übersetzung von Anne Braun – nun endlich auch auf Deutsch entdecken und das Lesevergnügen mit unseren französischen Nachbarn teilen!

Durchgelesen – „Ein Freund des Hauses“ v. Yves Ravey

Wie oft können festgefahrene und stark verankerte Vorurteile die klare Sicht auf die eigentlichen Probleme verdecken. Yves Ravey zeigt mit seinem aktuell erschienen Roman „Ein Freund des Hauses“ auf beeindruckend transparente und komprimiert puristische Weise, wie schnell doch diese vorurteilbelastete Blindheit erst die wirkliche Gefahr entstehen lassen kann.

Yves Ravey, geboren 1953 in Besançon, ist ein sehr angesehener und bekannter französischer Romancier und Dramaturg. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet er als Professor für bildende Kunst und Französisch in seiner Geburtsstadt. Sein erster Roman „La Table des singes“ wurde bei Gallimard 1989 veröffentlicht. Ab 1992 erscheinen seine Romane und Theaterstücke bei Les Editions de Minuit. Für den Roman „Le Drap“ wird Yves Ravey 2002 mit dem Prix Marcel-Aymé ausgezeichnet und 2011 erhält er für sein gesamtes Werk den Prix Renfer. Yves Ravey bespielt seine Romane hauptsächlich im Genre des „Roman Noir“, wobei es sich dabei nicht nur um den rein klassischen Krimi handelt. Yves Ravey wird oft als Simenon-Nachkomme bezeichnet, was sicherlich auch in seinem neuen – dank der grandiosen Übersetzung von Angela Wicharz-Lindner – auf Deutsch veröffentlichten Roman „Ein Freund des Hauses“ erspürt werden kann.

Der Roman spielt in einer französischen Provinzstadt. Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Form aus der Perspektive des Sohnes von Madame Martha Rebernak, dessen Namen wir nie erfahren. Madame Rebernak ist Witwe, hat, wie bereits erwähnt, einen Sohn und eine Tochter, namens Clémence.

Eines Tages wird Freddy, der Cousin von Martha, aus dem Gefängnis entlassen. Er hat seine Strafe endgültig nach 15 Jahren abgesessen, nachdem er ein kleines Mädchen namens Sonia missbraucht hatte. Die Familie des Mädchens ist bereits seit längerer Zeit weggezogen. Freddy hat niemanden mehr, ausser seiner Cousine. Er wusste nicht mal, dass Marthas Mann tot ist, denn dieser stellte ihn vor seiner Tat zur Probe in der Schlosserei an. Freddy hatte gehofft, dass er nun wieder auf dessen Hilfe zählen könnte, doch jetzt liegt er auf dem Friedhof. Martha sieht in Freddy eine sehr grosse Gefahr, vor allem was ihre Tochter Clémence betrifft. Sie versucht mit allen Mitteln, zu verhindern, dass Freddy Clémence irgendwie zu nahe kommen könnte, denn für Martha war und ist klar, dass Freddy sich nicht geändert hat und sicherlich wieder rückfällig werden würde. Doch die Polizei erklärte Madame Rebernak, dass das Annäherungsverbot aufgehoben war wegen guter Führung, somit konnte der Polizist, den Martha ständig versuchte zu überzeugen, Freddy wieder wegzusperren, erneut betonen:

„Er kann kommen und gehen, wohin er will, wie er will und wann er will.“

Glücklicherweise war Clémence mit Paul, dem Sohn von Notar Maître Montussaint, liiert und somit zählte Martha sehr auf die Unterstützung dieser zwei Männer im Bezug auf die Sicherheit ihrer Tochter. Doch sollte sich Madame Rebernak sich da mal nicht täuschen, denn komischer Weise beobachtete auch sie immer mehr ihre Tochter nicht in Begleitung von Paul, sondern von dessen Vater, was sie nicht nur überraschte, sondern auch mehr und mehr verunsicherte…

„Ein Freund des Hauses“, im Original „Un notaire peu ordinaire“, ist ein sensationell spannender Roman, der sich, wie der Originaltitel erahnen lässt, um eine ganz andere Person dreht, als man zu anfangs je vermuten möchte. Das Vorurteil von Madame Rebernak, dass ein Kinderschänder so bleibt, wie er war, wird niemanden überraschen, eher bestätigen, doch letztendlich führt es die Angst vor einem Verbrechen in eine komplett falsche Richtung, die Yves Ravey hier auf so minimalistisch emotionale Weise beschreibt.

Das Besondere in diesem Roman ist sicherlich der Ich-Erzähler. Der Sohn berichtet über jedes Ereignis, fängt jede Stimmung ein, als wäre er immer im Geschehen dabei. Doch wenn man genau aufpasst, erkennt man, dass er nur in der Anfangs- und End-Szene physisch anwesend ist. Dazwischen leiht sich ein fiktiver Erzähler sein „Ich“ und fügt damit alles ganz wunderbar homogen und schlüssig für den Leser zusammen. Somit hat dieser Sohn und Ich-Erzähler zwei vollkommen unterschiedliche, aber doch auch irgendwie ergänzende Positionen, die des Zeugen und die des Beobachters!

Yves Ravey führt nun den Leser – wie in simenonscher Manier – von dem realen Kinderschänder und somit weiterhin vermeintlichen Verbrecher zu einem neuen Täter, der bis zu letzten Sekunde bzw. letzten Seite, seine Unschuld beteuert und die wahre Schuld dem durch Vorverurteilung gezeichneten Freddy zuschieben möchte. Yves Ravey analysiert hier nicht, sondern beobachtet messerscharf aus einer gewissen Distanz und dadurch werden klare gesellschaftliche Fakten beschrieben, vor allem, was den Besitz, die Macht und den Einfluss eines Notars in einem kleinen Städtchen betrifft, den auch bereits Madame Rebernak positiv beispielsweise im Punkto Stellensuche erfahren konnte.

„Ein Freund des Hauses“ ist mehr – aufgrund des Umfangs von gerade mal 90 Seiten – als ein extrem fesselnder und dramatischer Kurzroman. Es ist eine als Thriller genial verkleidete Gesellschaftsstudie, die durch ihre skizzenhafte und raffiniert genügsame, ja fast schon enthaltsame Schreibweise, den Leser so in den Bann zieht und gleichzeitig aufrüttelt, dass die entstehende Angst beim Lesen, den eigenen Vorurteilen nicht entfliehen zu können, lange nachwirkt. Erzählkunst vom Feinsten – deshalb mehr als empfehlenswert!

Henry David Thoreau – Gedicht

Der Sommerregen

Weg mit den Büchern, bin des Lesens satt,
Mein Geist schweift immer von den Seiten fort
Zur Wiese, wo er reichre Nahrung hat.
Sein wahres Ziel, das trifft er ja nur dort.

Plutarch war gut, Homer ist gut gewesen,
Wie Shakespeare lebte, lebten gern auch wir.
Plutarch hat nichts, was schön und wahr, gelesen,
Selbst Shakespeares Bücher sind ja nur Papier.

Was schert, wenn unterm Walnussbaum ich ruh,
Mich, was in Troja einst die Griechen machten,
Wo sich hier liefern auf dem Hügel nun
Die Ameisen sehr viel gerechtere Schlachten.

Homer mag warten, bis ich hab geklärt,
Gilt Rot der Götter Gunst, gilt Schwarz sie mehr,
Ob Ajax dorthin die Phalanx kehrt,
Den Felsblock stemmend gegen Feindesheer.

Sagt Shakespeare, dass er sich gedulden muss,
Bin just befasst mit einem Tropfen Tau,
Die Wolken, schaut, bereiten einen Guss.
Ich komm zu ihm, sobald der Himmel blau.

Von Waldtrespe und Wiesengras dies Beet
Ist edler als des Königs Park bereit,
Es ruht mein Haupt auf dem Plumeau aus Klee,
Mein Schuh hier zwischen Veilchenbüscheln schreitet.

Ein Wall aus heitren Wolken uns umringt,
Der laue Wind verheisst gelindes Wetter;
Nun fallen Tropfen, spärlich noch, beschwingt
Teils in den Teich, teil auf die Blütenblätter.

Zwar schon durchnässt auf meinem Gräserbett,
Seh ich der Kugel zu, die rollt hinunter
Am Halm, schwebt wie ein einsamer Planet
Und geht in meinem Kleidersaume unter.

Tropf, tropfen alle Bäume ringsherum,
Üppig verströmt sich jeder Ast umher;
Der Wind nur tönet, sonst ist alles stumm.
Kristalle schüttelt von den Blättern er.

Die Sonne, schambleich, kommt nicht mehr heraus;
Strumpf ist ihr Perlenglanz. Mit nasser Locke
Kehr strahlend ich als Elf zurück nach Haus,
Geh lustig hin im perlenbestickten Rocke.

Heinrich Heine – Gedicht

Der Schmetterling

Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
Umflattert sie tausendmal,
Ihn selber aber, goldig zart,
Umflattert der liebende Sonnenstrahl.

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt?
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
Ich aber lieb euch all:
Rose, Schmetterling, Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.

Durchgelesen – „Das Glück, wie es hätte sein können“ v. Véronique Olmi

Wissen wir wirklich, wie sich Glück anfühlt? Vielleicht sehen wir unser Glück gar nicht, oder können es nicht sehen, weil wir in unserem Innersten so eingesperrt sind und gar nicht fähig sind, Glücksgefühle überhaupt zu verspüren. Doch grundsätzlich sollten wir Glück erfahren können und dürfen, obwohl das Leben natürlich auch aus Problemen, Verletzungen und Enttäuschungen, aber vor allem auch aus Überdruss und Routine besteht. Véronique Olmi hat mit ihrem neuen Roman unter dem Originaltitel „Nous étions faits pour être heureux“, was auf Deutsch bedeuten würde – „Wir wären gemacht, um glücklich zu sein“ – dem Thema Glück doch klar eine wichtige Position zugebilligt. Doch leider sieht die fiktive Realität in vielen Fällen anders aus, wie dieser wunderbare Roman hier zeigt.

Véronique Olmi, geboren 1962 in Nizza, gehört zu den wichtigsten und bekanntesten Schriftstellerinnen und Dramatikerinnen Frankreichs. Sie wurde mit zahlreichen Preisen wie zum Beispiel dem Prix Alain-Fournier für ihren ersten Roman „Bord de Mer“ („Meeresrand“) 2002 geehrt. Ihre Theaterstücke werden nicht nur in Frankreich, sondern auch sehr erfolgreich im Ausland gespielt. „Das Glück, wie es hätte sein können“ ist der zehnte Roman von Véronique Olmi der bereits 2012 in Frankreich erschienen ist und nun aktuell – dank der Übersetzung von Claudia Steinitz – den deutschsprachigen Lesern vorgestellt wird.

Der Roman spielt in Paris. Véronique Olmi erzählt aus verschiedenen Perspektiven und schenkt ihr „Ich“ nur einer der Hauptpersonen in diesem Roman, nämlich Suzanne, eine Frau um die 40, nicht sehr attraktiv, eher bodenständig, anpackend und dafür in sich ruhend. Sie arbeitet als selbständige Klavierstimmerin und ist mit Antoine, einem perfekten und sanften Mann, verheiratet.

Suzanne hat einen neuen Auftrag. Sie soll ein Klavier in einem Appartement am Montmartre stimmen. Dort trifft sie auf Lucie, die Hausherrin, eine junge, sehr attraktive Frau, Anfang 30, Mutter von zwei entzückenden Kindern. Sie lebt hier nicht allein, sondern mit ihrem Mann Serge, erfolgreicher Immobilienmakler, 60 Jahre alt. Serge bemerkt Suzanne anfänglich nicht, obwohl sie sich ganz flüchtig am Eingang begegnen, geht zur Arbeit und Lucie widmet sich dem Klavier und der Klavierstimmerin. Erst einige Tage später sehen sich Serge und Suzanne per Zufall in der gleichen Bar am Abend wieder. Serge in Begleitung von Lucie entdeckt Suzanne ganz allein auf der Tanzfläche:

„Das ist es, was Serge packt und schockiert, als er Suzanne zum ersten Mal sieht: wie sehr sie lebt, ohne Angst zu haben. Ihre Hüften sind zu breit, denkt er. Und auch: Sie ist schön. Ohne Rechtfertigung. Ohne Gesetz. Das ist unverständlich und ungerecht…Sie tanzt und kümmert sich nicht darum, ob das vielleicht stören könnte, diese Gestalt ohne Jugend und dennoch diese Kraft, die sie durchströmt, aber sie ist so gewöhnlich, beinahe vulgär. Es ist doch vulgär, oder, sich so zu zeigen, wie man ist?“

Und genau das ist es, was Serge nicht kann, sich so zu zeigen, wie man bzw. er ist. Serge lebt in einer scheinbar perfekten Welt, mit einer dreissig Jahre jüngeren Frau, und wundert sich immer mehr, wie er wohl mit seiner Launenhaftigkeit und den regelmässigen Migräneattacken auf Lucie wirkt. Aber sie liebt ihn, „ obwohl sie doch ganz offensichtlich ein junges, robustes und kampflustiges Fohlen war.“ Serge liebt den Luxus, dennoch hat er nicht alles, wovon er wirklich träumt bzw. geträumt hat. Und es stört ihn, dass seine Frau immer alles glücklich macht:

„Was kann man jemanden sagen, der jeden Tag, der kommt wie eine unerwartete Überraschung empfängt, wenn man selbst sich nur eines wünscht: genau neben seinem eigenen Dasein zu laufen?“

Serge verfolgt Suzanne bei dem nächst besten Wiedersehen, er wartet im Regen vor ihrem Haus, bis sie ihm ohne zu zögern die Tür öffnet. Sie kommen sich näher, sie lieben sich. Er weiss nicht, warum ihn diese Frau so anzieht, obwohl sie gar nicht so schön ist. Auch Suzanne ist irritiert von diesem Mann, der sich nicht öffnet, schweigt, eingesperrt ist in seinen Emotionen und sie trotzdem anzieht. Sie hat Schwierigkeiten diese Stille mit ihm zu ertragen und sie spürt einen Lügenmantel, der Serge umgibt, den er nicht ablegen will. Nicht nur Serge wirkt verloren, auch sie fühlt sich ihm ausgeliefert und dadurch ebenfalls verloren, da sie sich in einen Mann verliebt hat, der ihr nichts anvertrauen kann, gerade weil ihn ein lange gehütetes und dramatisches Kindheitsgeheimnis so sehr belastet.

Kurz vor Weihnachten treffen sie sich ein letztes Mal, erst vor dem Haus seiner Kindheit, bevor sie in eine Wohnung in die Nähe des Gare Saint Lazare gehen. Suzanne hatte sich inzwischen von ihrem Mann Antoine getrennt, was sie Serge nicht anvertraute. Doch Serge kündigte ihr an, etwas Wichtiges erzählen zu müssen. Er berichtete über seine traurige Kindheit, seinen Vater Hubert, Chirurg, der streng, cholerisch und so aggressiv war, dass er Serge Mutter in seinem Beisein regelmässig schlug. Serge erzählte von seiner unendlichen Liebe zu seiner Mutter und deren Liebe zu David und zum Klavierspiel, und ganz besonders zu ihrem Lieblingsstück „Der Liebestraum“ von Franz Liszt. Serge erzählt Suzanne nicht nur ein paar Lebenserinnerungen. Er erläutert bis aufs kleinste Detail seine bitteren Erfahrungen in der Kindheit, die daraus resultierenden tiefen Ängste und die für ihn kaum zu ertragene und mehr als belastende „Mitschuld“ an einem Mord…

Véronique Olmi spielt in diesem Roman wie ein Pianist auf dem Klavier, sie berührt die weissen Tasten der positiven Emotionen, wie Liebe und Geborgenheit, doch genau so stark werden auch die schwarzen Tasten der Melancholie, Lüge und Angst gedrückt. Ihre Sprache ist von unglaublicher Musikalität und Sensibilität, die es trotzdem erlaubt die Probleme beim Namen zu nennen, um der Wahrheit früher oder später wirklich in die Augen schauen zu können. Véronique Olmi geht tief in die menschlichen Abgründe hinein, um das wahre Drama, aber gleichzeitig auch die mögliche Befreiung darin zu entdecken. Sie zeigt gekonnt, wie die Fassade eines bourgeoisen, erfolgreichen und scheinbar glücklichen Lebens schneller bröckeln kann, als einem lieb ist. Und sie macht mehr als deutlich wie wichtig es ist zu erkennen, dass fehlende Liebe in der Kindheit, einem Erwachsenen es wesentlich schwerer macht, selbst Liebe zu schenken. Denn nicht umsonst, hat Serge grosse Schwierigkeiten seine Kinder zu lieben, vor allem sieht er immer wieder die Angstgefühle seines Sohnes in dessen Augen und fühlt sich dadurch mehr als erinnert an seine lähmende Angst vor seinem Vater.

Mit beeindruckender Empathie charakterisiert Véronique Olmi ihre Figuren, die sich trotz ihrer Verschiedenheit, ihrer Konkurrenz und ihrer Liebesfähigkeit bzw. Liebesunfähigkeit durch die Musik, oder sagen wir besser durch das Klavier, als dezent angelegter roter Faden, in einer gewissen Form miteinander verknüpfen lassen. Denn das Klavier war bereits der Dreh- und Angelpunkt in Serges Kindheit, und auch bei seinem Sohn, der nun Klavierspielen lernen soll, taucht dieses Motiv wieder auf. Und das Klavier ist wiederum so mit der Lüge verbunden, dass weder Serge noch Suzanne anfangs den Mut haben, sich gegenseitig zu gestehen, welche sowohl positive als auch negative Bedeutung das Klavier bzw. die Musik hatte und welche unausweichlichen Konsequenzen daraus für ihr jeweiliges Leben entstehen konnten.

Doch sobald die Grenzen des Schweigens zwischen Serge und Suzanne geöffnet werden, zeigt uns Véronique Olmi welche Arten es von Schweigen und Lüge gibt und welche Kraft sich entwickeln kann, wenn die Ketten gesprengt werden und der Mensch sich endlich öffnen und jemanden vertrauen bzw. etwas anvertrauen kann. Véronique Olmi kann sowohl einfühlend und als beobachtend erzählen und schafft es aus einer dramatischen Liebesgeschichte eine vielschichtige Komposition zu kreieren: sie fügt die Motive der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, aber auch der Lüge und Wahrheit so grandios zusammen, dass daraus ein melancholisch bedrückendes und gleichzeitig optimistisch beglückendes Werk entsteht.

„Das Glück, wie es hätte sein können“ ist mehr als die Geschichte um eine aussergewöhnliche „amour fou“, es ist ein Feuerwerk an Gefühlen, Leidenschaft und Dramatik. Es zeigt den Schein, aber auch die Realität und wir lesen uns von der vermeintlich geplanten Zukunft über die verdrängte Vergangenheit in die reale Gegenwart. Wir werden mit dem glücklosen Jetzt unausweichlich konfrontiert, obwohl wir die Gründe dafür nicht gleich kennen. Aber wir spüren als Leser sofort, wie uns die Vergangenheit blockieren kann und sehnen uns während der Lektüre deshalb umso mehr danach, durch den emotionalen unaufhaltsamen Spannungssog von Véronique Olmi in die Vergangenheit mit all ihrem Leid, ihrer Wut und ihrem Unglück eintauchen zu dürfen, um dadurch erleichtert und befreit wieder aufzutauchen.

Dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubend elegante und betörende sensible Roman ist die perfekte „Einladung“ sich mit der eigenen Vergangenheit und den vielleicht dazugehörigen Lebenslügen zu beschäftigen. Dieses Werk macht Mut und regt unglaublich zum Nachdenken und Nachfühlen an. Und besonders wichtig ist, dass uns Véronique Olmi in ihrem Buch auf so meisterliche Art zeigt, vielleicht so gar lehrt, wie wichtig die Musikalität nicht nur in der Sprache sondern auch im wahren Leben ist, denn Musik bedeutet Glück und Glück ist Musik!

Max Frisch – Zitat

« (Warum ich Schriftsteller bin:) weil Schreiben noch eher gelingt als Leben, und weil für diesen Versuch, das Leben schreibend zu bestehen, der Feierabend nicht ausreicht. »

Durchgelesen – „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ v. Dimitri Verhulst

Ist es erstrebenswert, aber vor allem auch realisierbar, eine unheilbare Krankheit, von der man bis jetzt noch verschont wurde, als seelischen Überlebenstrick für sich selbst zu wählen und diese Krankheit auch noch als Befreiungsmittel aus verschiedenen alltäglichen Zwängen einzusetzen? Diese Frage sollte man eigentlich sofort mit Nein beantworten. Auch wenn es noch so verrückt und kurios klingen mag, interessant wäre es trotzdem herauszufinden, ob das auch wirklich gelingen könnte. Und genau diese noch offene Frage versucht Dimitri Verhulst mit seinem tragisch-komischen Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ zu beantworten.

Dimitri Verhulst – geboren 1972 in Aalst (Belgien) – gehört zu den besten flämischen Schriftstellern. Sein autobiographischer Roman „Die Beschissenheit der Dinge“ wurde für den AKO-Literaturpreis nominiert und mit der Goldenen Eule prämiert. 2009 wurde dieser Besteller verfilmt, hochgelobt und in Cannes ausgezeichnet. Und sogar die Irish Times kürte die englische Ausgabe dieses Romans zum „Best Books of 2012“. Und für „Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten“ erhält Dimitri Verhulst den Libris-Literaturpreis. Seine Werke sind in 25 Sprachen übersetzt. Aktuell dürfen wir uns nun – dank der hervorragenden Übersetzung von Rainer Kersten – auf sein neues Buch „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ freuen!

Der Hauptprotagonist dieses Romans ist der ehemalige Bibliothekar Désiré Cordier, ein bescheidener Mann, Anfang 70, verheiratet mit Monique (genannt Moniek) und Vater von zwei erwachsenen Kindern – Hugo und Charlotte -. Er sieht seinem Lebensabend immer mehr mit grossen Zweifeln und Bedenken entgegen. Besonders genervt ist er von seiner Frau Moniek, die ständig an ihm herummäkelt und nichts Gutes an ihm findet. Gleichzeitig soll auch noch das Haus verkauft werden. Da der Umzug in eine kleine Wohnung immer näher rückt, sieht er wahrlich rot. Wie soll er unter diesen Bedingungen noch seiner schwierigen und dominanten Frau ausweichen können, wenn es weder einen Keller noch einen Garten als Rückzugsort geben wird. Da bleibt nur eins, Désiré muss die Flucht nach vorne ergreifen.

Doch wie sieht eine Flucht nach vorne aus, wenn man nicht mehr ganz jung ist und eigentlich das intensive und aktive Leben mehr oder minder schon fast ein wenig abgelaufen ist. Désiré hat eine geniale Idee, er beschliesst ab sofort dement zu werden. Ja genau, er wird einen Demenzkranken spielen und zwar so perfekt, dass die Flucht in die Aufnahme eines Pflegeheims enden kann und sich damit der Umzug in das neue Appartement mit seiner Göttergattin für ihn erübrigt. Ob das wohl gut gehen wird? Es geht gut, oder sagen wir mal so, Désiré bereitet sich gut vor, um dem Ziel näher kommen zu können. Umsonst war er nicht Bibliothekar und hat sich ständig mit Büchern beschäftigt. Somit ist es für ihn ein eher leichtes Spiel, sich mit Hilfe von Literatur auf „seine“ Demenz vorzubereiten. Langsam lässt er die ersten Symptome sichtbar werden: Er sollte eine Torte kaufen und besorgt stattdessen einen neuen Toaster. Auch das Merken von Namen wird zunehmend schwieriger, geschweige denn findet er allein den Weg nach Hause. Désiré kauft in Läden ein ohne zu zahlen, somit ist die Polizei auch schneller involviert als erhofft. Auch die Zugfahrten ohne Ticket werden mehr und mehr zur Gewohnheit. Unabhängig von diesen ersten konkreten Krankheitssymptomen kommen natürlich auch noch Stimmungsschwankungen und Depressionen zum Vorschein, die auch Moniek immer mehr verunsichern. Die Situation spitzt sich zu, so dass Désiré in Begleitung seiner Frau nun endlich eine Ärztin aufsucht, um Klarheit über seinen Zustand zu bekommen. Er muss den sogenannten Mini-Mental-Status-Test (MMST) – auch Idiotentest genannt – machen. Und man möge es im ersten Moment gar nicht glauben, aber Désiré hat doch tatsächlich den Test auf seine Weise „bestanden“:

„Bingo, geschafft! Ich war mit Auszeichnung durchs Examen gerattert, den von vielen Vergesslichen gefürchteten MMS-Test. Es war ein solcher Triumph, dass ich mich beherrschen musste, der Ärztin nicht sofort ein Loch in die Decke zu springen Einen schöneren Preis für Schauspiel kann es doch nicht geben (oder?) als den, dass der Demenzkranken-Darsteller auch offiziell als Demenzkranker anerkannt wird!“

Es war ein echter Erfolg für Désiré. Das „Arbeiten“ dafür hatte sich gelohnt und jetzt musste er zielstrebig weiterspielen, um die angestrebte „Freiheit“ Altersheim bald erreichen zu können. Für seine Frau war diese Situation alles andere als ein Zuckerschlecken, was niemanden verwunderte. Moniek hatte sich ihr zukünftiges Leben einfach anders vorgestellt. Doch Désiré verfeinerte seine Schauspielkunst, erkannte früher oder später seine Familie nicht mehr, wusste weder Uhrzeit noch Datum und fühlte sich gleichzeitig in seiner Verrücktheit trotz allem irgendwie aufgehoben. Ja und bald schon konnte er sein neues Heim beziehen. Es war ein kleines Zimmer im Altersheim „Geriatriezentrum Winterlicht“, welches Moniek ihm aus Rache, weil sie nicht mehr in seiner Erinnerung war und Désiré aus ihrer Sicht so wie so nichts mehr mitbekam, nur mit den ältesten und schäbigsten Möbeln eingerichtet hatte.

Doch auch wenn die Flucht im ersten Moment nun geglückt war und Désiré seine ganz persönliche Freiheit dadurch erreichen konnte, war die Aufgabe doch komplexer und anstrengender als anfangs gedacht. Denn im Heim durfte er keinesfalls nur die geringsten Anzeichen von wachem und absolut intakten Geist zeigen, sonst wäre ja er schneller als erwünscht aufgeflogen. Désiré musste seine Rolle weiterhin mehr als perfekt spielen und dazu gehörten auch Lebensbereiche, die doch so eine gewisse Überwindung abforderten:

„Obwohl die Tat selbst vollkommener Absicht entspringt, geht es mir sehr gegen den Strich, dass ich jede Nacht wieder ins Bett scheisse. Mich zu dieser entwürdigenden Aktion zu erniedrigen ist wahrlich die unangenehmste Konsequenz des ziemlich verrückten Wegs, den ich auf meine alten Tage gewählt habe.“

Auch wenn Désiré diese Aktionen sehr verabscheut, findet er trotz allem so langsam seinen „Platz“ in seinem neuen Zuhause und beginnt zu beobachten, vor allem sich selbst, aber auch Moniek, seine Kinder, die Heimbewohner und das Pflegepersonal. Das Verhalten seiner Familie ist so erschreckend, sehr traurig, aber auch bemerkenswert und teilweise positiv überraschend. Die Heimbewohner – unter anderen eine alte Jugendliebe und ein ehemaliger Nazi – haben auch so manches Geheimnis, das natürlich Désiré in seinem „Zustand“ nicht im Geringsten verborgen bleibt. Doch wie lange wird er diese grosse Rolle noch spielen können und wollen…?

Dieser Roman ist ein wahres „Wunderwerk“ in Punkto Umgang mit Demenz. Hier wird die Krankheit nicht als Dämon hingestellt. Nein, hier wird sie in ein geniales Fluchtmittel für ein vielleicht besseres und unkomplizierteres Leben verwandelt. Ja, verehrter Leser, Sie werden es kaum glauben, auch eine von hoher Dramatik begleitete Krankheit lässt sich als ungewöhnlicher Überlebenstrick instrumentalisieren, herausragende schauspielerische Fähigkeiten natürlich vorausgesetzt. Dimitri Verhulst leistet hier wahre Meisterarbeit, in dem er nicht nur einen Hauptprotagonisten mit grandioser und sehr überzeugender darstellerischer Begabung erfindet, sondern auch noch gleichzeitig dadurch dieser Krankheit das geheimnisvolle Böse entzieht.

Es geht hier trotzdem und vor allem um das wahre Leben, mit all seinen Schattenseiten und seiner Dramatik, welches aber besonders durch das komische Talent von Dimitri Verhulst eine gewisse Unbeschwertheit erfährt und gerade deshalb nicht auf Klarheit verzichten muss, wie es Désiré Cordier hier in diesem Roman sehr treffend zeigt:

„Leute in meinem Alter brauchen kein Facebook oder sonst irgendwelchen Sozialfirlefanz am Computer, um der Einsamkeit ein Schnippchen zu schlagen. Wir sehen uns mit schrecklicher Regelmäßigkeit im real life, auf Beerdigungen, und unterhalten unsere Kontakte zur immer mehr sich lichtenden Aussenwelt auf diese Weise noch ganz persönlich.“

Dimitri Verhulst schafft es mit kaum zu übertreffender Empathie die persönlichsten und intimsten Gedanken, aber auch Aktionen auf so unglaublich nonchalante und satirisch-ironische Art zu beschreiben, so dass sich der Leser ein vollkommen ungezwungenes Lachen kaum verkneifen kann, obwohl ihm im gleichen Moment irritiert der Atem stockt. Ja und der Sprachwitz und die manchmal durchwegs geradlinige und sehr pathosfreie Schonungslosigkeit krönen dieses Werk. Und so entsteht aus dieser schwierigen und bedrückenden Thematik ein sehr unterhaltsames und gleichzeitig nachhaltig berührendes Stück Literatur.

„Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ ist ein besonders empfehlenswerter literarischer „Lebensratgeber“, der unabhängig von der teilweise hoffnungslosen Tragik dieser Krankheit die Vergesslichkeit und Zerstreutheit so einfühlsam und spielerisch amüsant zelebriert, so dass wir ganz unbewusst unsere Augen und unsere Seele im Hinblick auf das Problem Demenz nochmal ein grosses Stück mehr öffnen können, als bei der Lektüre eines eher trockenen und humorlosen Sachbuchs!

Eduard Mörike – Gedicht

Auf ein Ei geschrieben

Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät’s gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.

Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?

Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has gebracht.