Durchleser- unterwegs in Brüssel

Brüssel bietet nicht nur Europa-Rat, sondern auch eine Fülle von interessanten Buchhandlungen. Die größte Buchhandlung Belgiens sitzt, wie sollte es anders sein, natürlich auch in Brüssel. „Filigranes“ ein Ort nicht nur für Bücher, sondern auch der Begegnung. Die Tatsache, dass diese Grossbuchhandlung mit nur einem Haus an einem Standort sich in einer zwar sehr befahrenen Strasse, aber weit entfernt von anderen Geschäften befindet, lässt so manchen Buchhauskenner den Kopfschütteln. Kann das funktionieren, kommen da überhaupt Kunden? Es funktioniert, und zwar so gut, dass diese Buchhandlung sage und schreibe 365 Tage im Jahr geöffnet hat. Das heisst: jeden Tag, Feiertage, Sonntage, Ferienzeiten, einfach immer. Na, wenn das nicht für diesen Ort spricht. Und genau diese Anziehung kann man bereits an einem Sonntag wunderbar beobachten. Die Buchhandlung ist gut über die Metro erreichbar, da die Station direkt vor der Tür liegt, und vor dem Haus sieht man eine Menge von Fahrrädern. Sonntag Vormittag zwischen Bücherregalen, Bücherstapeln, einem Flügel (zugedeckt und geschützt vor Kaffeeflecken) sitzt man in der Mitte des Erdgeschosses dieser Buchhandlung in einem sehr atmosphärischen Café. Wählt aus der tollen Theke entweder ein leckeres Stück Kuchen oder eine der köstlich duftenden Quiche und besorgt sich noch eine Zeitung aus der riesigen Presseabteilung bzw. den aktuellen Roman von Amélie Nothomb. Was will man mehr, außer Lesen und Geniessen! Glücklicherweise hat man bereits vor 11 Uhr dieses Café erobert, denn bereits eine Stunde später sind alle Plätze (ca. 10 Tische) besetzt. Unabhängig der kulinarischen Erlebnisse bietet „Filigranes“ eine riesige Auswahl an Literatur, Kunst und Kinderbuch. Die Buchhändler sind aufmerksam, sehr schnell und äußerst kompetent. Und sie ist den neuen Medien gegenüber mehr als aufgeschlossen. Eine innovative Internetseite, ein App fürs iPhone, Facebook, überall findet man „Filigranes“.

Die zweite berühmte Buchhandlung in Brüssel zählt laut Rainer Moritz zu den „Schönsten Buchhandlungen Europas“. Sie liegt in einer wunderschönen historischen Passage mitten in der Altstadt in der Nähe der Ilot Sacré und befindet sich an einem Ort, der früher einen edlen Jazz-Club beherbergt hat, in dem auch bereits Jacques Brel aufgetreten war. Die Adresse allein ist schon sehr nobel – Galerie des Princes. Betritt man die Buchhandlung „Tropismes“ in der Galerie du Roi (ein Seitenarm der Hauptpassage), fühlt man sich in die Jahrhundertwende zurückversetzt. Ein atemberaubendes Ambiente, Säulen, Spiegel, Stuck und dazwischen Buchregale, Büchertische und im Hintergrund traumhafte Barockmusik. Man möchte bleiben und sich am Liebsten über Nacht einsperren lassen. Schmökern, Schauen, Lesen, Träumen! Den besten Blick auf diesen „Spiegelsaal“ hat man von der so genannten Mezzanine (Zwischenebene), welche unter anderem eine sehr ausgewählte Kunstabteilung präsentiert. Der Spiegelsaal gehört der Literatur mit seiner grossen Auswahl an Lyrik, dem Theater, der Politik und dem Zeitgeschehen. Die Buchhandlung erstreckt sich weiter im Souterrain und mit einem zweiten Eingang in der Galerie du Roi für die separate und entzückende Kinder- und Jugendbuchabteilung. Doch der schönste Ort in dieser Buchoase ist und bleibt der „Spiegelsaal“. Deshalb streift man durch die Buchhandlung und kommt am Schluss immer wieder in diesen Raum zurück und ist von Neuem fasziniert. Stöbert noch ein wenig in den Regalen, beobachtet die Buchhändler und Kunden, die sich alle irgendwie kennen, hier wiedertreffen und über die neueste Literatur diskutieren. Kauft sich vor dem endgültigen Verlassen dieses „königlichen“ Ortes von Natalie Sarraute „Tropismes“, nach deren Prosadebüt diese Buchhandlung benannt wurde. Eine echte Hommage an diese Schriftstellerin und auch ein klarer Fingerzeig auf das hohe literarische Niveau dieser traumhaft schönen Buchhandlung.

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