Kategorie: Psychologie

Durchgelesen – „Eine Frau am Telefon“ v. Carole Fives

Frauen und Telefonieren gehört sicher zusammen. Und wenn es sich dann bei dem Telefonieren auch noch um Mütter handelt, die ihre Kinder anrufen, wird alles noch viel interessanter. Und ganz besonders aufregend sind sicherlich die Gespräche zwischen Mutter und Tochter. Wie gerne möchte man da nicht mithören ohne betroffen zu sein. Diese Gelegenheit gibt uns nun die französische Autorin Carole Fives mit ihrem gerade aktuell auf Deutsch erschienen Roman „Eine Frau am Telefon“.

Carole Fives, geboren 1971, ist Schriftstellerin und Künstlerin. Diplomiert mit einem Abschluss in Philosophie und Kunst hat sie 2010 ihre ersten Texte veröffentlicht. Sie wurde mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet und war für ihren Roman „Une femme au téléphone“ – erschienen 2017 bei L’Arbalète/Gallimard – Finalistin für den Grand Prix RTL Lire. Dieses Buch ist nun ihr erstes Werk in deutscher Übersetzung.

Die Hauptfigur in diesem Roman ist Charlène, eine doch eher sehr lebenslustige, aber nicht ganz einfache Frau. Anfang sechzig, schlägt sich Charlène so durch ihr Leben, sie hat zwei Kinder und ist Witwe. Doch so einfach ist das mit dem Alleinsein nicht, was wir als Leser quasi live miterleben können. Sie nervt ihre Tochter mit ständigen Anrufen, doch diese nimmt die Gespräche aus welchen Gründen auch immer nicht an.

Das hält aber Charlène nicht im Geringsten davon ab, Ihre Probleme laut kundzutun. Der Anrufbeantworter der Tochter wird somit zum besten Freund von Charlène. Alle Probleme werden besprochen: es geht teilweise um eher einfachere Themen wie ihr Hund und Fernsehserien, die immer wieder so nebenbei einfliessen. Die grossen Themen wie die überwundene Krebserkrankung, das ewige Alleinseins, die erfolglose Suche nach einem neuen Mann im Internet und eine angebliche bipolare Störung bieten enorme Abwechslung in diesen rasanten Monologen:

„Ich bin normal, das sind wir übrigens alle. Dass wir hier sind, bedeutet nur, dass wir normaler sind als die anderen, die draussen rumlaufen, und die alle verrückt sind.“

Charlène lässt sich nichts gefallen, kämpft sich aus den unmöglichsten und teilweise manchmal fast schon ausweglosen Situationen heraus, ohne jemals an Kraft und Humor zu verlieren. Trotzdem vergeht kein Anruf, bei dem sie sich nicht beschwert, dass ihre Kinder sich nicht um sie kümmern. Dass vor allem auch ihre Tochter nie für sie Zeit hat, obwohl diese ja nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Bei ihrem Sohn ist es ja etwas anderes, verheiratet und Kind. Auch wenn sie bei Ihrem wörtlichen „Auskotzen“ immer nur den Anrufbeantworter vor sich hat, fühlt Charlène sich von ihrer Tochter nicht richtig behandelt:

„Wir wollen hier nicht die Rollen vertauschen. Die Mutter bin immer noch ICH. Du bist nur die Tochter. Ich erlebe es immer wieder, dass Kinder mit Ihren Eltern reden, als wären diese erst vier, man könnte meinen, sie wollten sich rächen.“

Letztendlich tröstet sich Charlène mit Zigaretten und Whiskey, stärkt sich hin und wieder mit Antidepressiva, bevor sie sich vielleicht doch manchmal eine gewisse Übertreibung und Schuldgefühle eingestehen muss.

„Eine Frau am Telefon“ ist ein wunderbares Buch, trotz ernster Themen ist es sehr amüsant. Man schüttelt den Kopf, lacht laut, wundert sich und freut sich auf jeden neuen Anruf bzw. auf jede neue Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Es zeigt eine Frau, die so verrückt und gleichzeitig vielleicht auch wieder so normal ist. Das Schweigen der Tochter und diese grandiosen Monologe, zaubern aus diesem kleinen Roman ein Feuerwerk an Dynamik, Vehemenz und Ehrlichkeit, das man unbedingt erleben bzw. erlesen muss!

Durchgelesen – „Deutschland à la française“ v. Pascale Hugues

Wie französisch ist Deutschland? Eine interessante Frage, die man sich, sei es als frankophiler Deutscher, oder deutschliebender Franzose vielleicht stellen sollte.

Pascale Hugues, geboren in Straβburg, arbeitet seit 1989 als Korrespondentin in Deutschland zuerst für die französische Zeitung „Libération“ und aktuell für das französische Magazin „Le Point“. Gleichzeitig schreibt sie die sehr bekannte Kolumne „Mon Berlin“ im Tagesspiegel, für die sie mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Pascale Hugues hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, „Marthe & Mathilde. Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland“ (2008) und „Ruhige Strasse in guter Wohnlage“ (2013) – prämiert mit dem „Prix Simone Veil“ und dem Europäischen Buchpreis. In ihrem neuen Buch „Deutschland à la française“ (wunderbar übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke) geht Pascale Hugues dieser potentiellen Frage nicht nur nach, sondern sie schildert uns voller Charme ihre eigenen Beobachtungen.

Pascale Hugues lebt als Französin zwar schon seit vielen Jahren in Berlin, fühlt sich manchmal immer noch ein wenig fremd und ist des Öfteren verwundert über so manche deutsche Eigenheit im Alltag, in der Sprache und in der Mentalität.

Bereits ganz aktuell im Hinblick auf die Amtseinführung von Emmanuel Macron sieht man die ersten grossen Unterschiede zwischen den beiden Ländern Deutschland und Frankreich. Vergleicht man dazu die Abgabe des Amtseides von Angela Merkel vor dem Bundestag, wird die deutsche Schlichtheit mehr als deutlich. „Ein feierliches Ritual, aber ohne Pathos“ laut Pascale Hugues, im Gegensatz zur „Machtübergabe in Paris mit ihrem monarchistischen Pomp: Man könnte glauben, Frankreich würde den Präsidenten zum König weihen.“ Und so kann man diesen königlichen Stil auch im „Élysée Palast“, dem Amtssitz des französischen Präsidenten, beim einmal im Jahr stattfinden Tag der offenen Tür im Detail erleben. Man denke nur an die goldenen Wasserhähne, prunkvollen Lüster und edlen Möbel, Teppiche und Kamine, wie es sich für ein Schloss eben gehört. Da fühlt sich das Kanzleramt sehr schlicht, aber vielleicht doch funktionaler an. „Eher Bauhaus als Rokoko“, schreibt P. Hugues.

Aber nicht nur im Machtzentrum der einzelnen Länder gibt es Unterschiede, auch im Alltag lässt sich so einiges an Verschiedenheiten feststellen. Da wäre zum Beispiel die „Mülltrennung“. Ein wunderbares klischeebehaftetes Thema, das sich für viele Ausländer perfekt eignet, sich über Deutschland lustig zu machen. Natürlich ist es beispielsweise für Franzosen bereits ein gewisser „Fort-Schritt“, in Frankreich zwischen Restmüll (schwarze Tonne) und Papier/Plastik (gelbe Tonne) zu trennen. Doch letztendlich wird nicht wirklich kontrolliert, weder von Nachbarn noch einer übergeordneten Stelle.

Pascale Hugues hat in Deutschland ihre ersten traumatischen Erfahrungen mit der Mülltrennung gemacht. Sie war gerade ganz neu nach Bonn gezogen und „eines Morgens trommelte es an meine Tür. … Ich öffnete die Tür. Sie hielt die graue Mülltüte in der Hand, die ich gerade in den Müllkeller gebracht hatte. Ich verstand nicht. Sie kippte den gesamten Inhalt der Tüte auf meinen Küchenboden aus.“ Das war der Grund, dass P. Hugues die Richtlinien des Umweltbundesamtes nicht nur studierte, sondern quasi auswendig lernen wollte bzw. musste. Aber letztendlich beobachtet sie auch hin und wieder Deutsche, die sich nicht immer an all diese Richtlinien halten. Ein kleiner Grund für P. Hugues, sich in gewissen regelmässigen Abständen einen kleinen Verstoss zu erlauben.

Neben vielen Alltagssituationen und gesellschaftlichen Unterschieden, liegen natürlich auch die Besonderheiten in der Sprache und in ihren Bedeutungen. Viele deutsche Wörter haben eine unglaubliche Kraft und Klarheit – denke man beispielsweise an das deutsche Wort „Donnerwetter“ -, die Franzosen wie Pascal Hugues begeistern und beeindrucken. Es gibt auch viele verdeutschte französische Wörter, die jedoch so manchen Franzosen fast schon zur Verzweiflung bringen. Nehmen wir das Wort „Niveau“. Im Französischen ist „Niveau“ ein Ergebnis-Mess-Intrument in der Schule. Doch im Deutschen gibt es Niveau fast überall. Bereits im Kaufhaus gibt es das 1. oder 2. Niveau, was wesentlich schicker klingt, als Etage. Interessant ist auch die Verwendung des deutschen „Niveaus“ hinsichtlich einer gesellschaftlichen Ebene bei der Suche eines geeigneten Lebenspartners, wie P. Hugues treffend auf den Punkt bringt: „Aber nirgends ist „mit Niveau“ schöner als auf der Website von ElitePartner: Partnersuche für Akademiker mit Niveau.“

Pascale Hugues durchforstet die deutschen, aber natürlich auch die französischen Eigenarten. Sie vergleicht und entdeckt interessante Unterschiede, aber auch kleine Anpassungsmerkmale von beiden Seiten, die das Leben vereinfachen, verbessern, und/oder bereichern können. Sie lässt kein aktuelles Thema aus, wie beispielsweise Streik und Korruption. Ihr messerscharfer Blick für die Feinheiten aus diesen Nachbar-Welten zeigt den Leser einen wunderbaren Querschnitt des Lebens auf beiden Seiten des Rheins. Durch ihren unglaublich subtilen, aber auch unheimlich direkten klugen Witz taucht der Leser in die doch manchmal schwere deutsche Seele aus Sicht einer Französin mit schwungvoller Leichtigkeit ein und spürt im gleichen Lese-Atemzug den koketten französischen Esprit.

„Deutschland à la française“ ist ein sehr kompetentes, amüsantes und aber vor allem  wichtiges Buch in den aktuell nicht einfachen Zeiten einer neu zu belebenden und vertiefenden deutsch-französischen Freundschaft!

Durchgeblättert – „Das Problem mit den Frauen“ v. Jacky Fleming

Frauen sind ein Problem und machen Probleme, nicht nur in den unterschiedlichen zwischenmenschlichen Beziehungen. Bereits in der Geschichtsschreibung liegt das Problem mit den Frauen, somit ist es nicht verwunderlich, sondern höchste Zeit, dieses zeitlose Problem zu nennen.

Jacky Fleming nimmt sich diesem « Problem » an und weiss wovon sie spricht und zeichnet. Geboren 1955 in London hat sie sich bereits während ihres Kunststudiums an der Leed University mit dem Feminismus beschäftigt. Seit 1978 erscheinen ihre Comicstrips , die sie unter anderem für verschiedene Zeitungen wie The Guardian und The Observer kreiert. Ganz aktuell ist nun ihr neuestes Comic-Werk « Das Problem mit den Frauen » in Deutschland erschienen.

Frauen hatten es schwer in der Geschichte, es gibt nur wenige grossen Namen, wenn man beispielsweise an Marie Curie denkt. Doch bis diese Frau aus ihrem weiblichen Schatten treten konnte, blieben viele Frauen auf der Strecke. Sie waren in der Minderzahl, « aber sie hatten sehr kleine Köpfe, weswegen sie zu nichts nütze waren, ausser zu Handarbeit und Krocket ». Und so nimmt das weibliche Drama seinen Lauf. Es gab « keine schwarzen Frauen », es gab « Frühfrauen » wie Queen Victoria und « gefallene Mädchen ». Und nicht unschuldig daran waren natürlich die genialen Männer, von denen es mehr als genug gab. Bereits Jean-Jacques Rousseau fand es richtig, dass « Mädchen zeitig lernen müssten, sich zu fügen… ».

Die Probleme mit den Frauen weiteten sich aus, bedenke man schon allein die Kleidung, die sie trugen bzw. tragen mussten. Wie sollte man da Fahrrad fahren können, geschweige denn andere sportliche Leistungen erbringen, von geistigen Aufgaben wie Denken und Schreiben ganz zu schweigen. Bei den Frauen war alles klein, nicht nur das Gehirn, sondern auch die Ergebnisse daraus. So entstand bei Frauen nur kleine Kunst. Es fehlte den Frauen an Geniehaaren und intellektuellen Bärten. Doch besonders markant war letztendlich laut dem Assistenten von Darwin : «  Frauen besitzen nur wenig von jener beharrlichen Zielstrebigkeit und Durchsetzungskraft, die für den mannhaften Geist charakteristisch sind. »

Dazu bleibt nur noch hinzuzufügen, dass glücklicherweise auch wenn es manchmal nicht so scheint, die Entwicklung der Frauen stetig voranschreitet und das Problem mit den Frauen ein Problem der Männer ist und bleiben wird.

Das Buch zeigt in schwarz-weiss die Vergangenheit ohne dabei die Gegenwart indirekt nicht zu vergessen. Denn irgendwo fragt man sich, wie konnten sich Frauen dies alles zur damaligen Zeit so gefallen lassen. Aber letztendlich könnten sich heute Frauen diese Frage immer noch bzw. wieder stellen. Im 21. Jahrhundert tragen Frauen zwar kein Kleiderkorsett mehr, aber so manch anderes gesellschaftliche Korsett lässt sich nicht leugnen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Frauen wie Jacky Fleming mit Ihrem Können und Ihrer Hartnäckigkeit, dazu beitragen, die Unsichtbarkeit der Frau in der Geschichte sichtbar zu machen.

Jacky Fleming hat mit grandioser Zeichenfeder im viktorianischen Stil einen so bösartigen, originellen, amüsanten und bissigen Comic geschaffen, der wirklich für alle Frauen und Männer jeglicher Couleur und Gesinnung zu Pflichtlektüre werden sollte. Das bekräftigte auch die Zeitung « The Independent », die dieses Buch unbedingt auf dem Schullehrplan sehen möchte. Das kann man nur bestätigen !

Durchgelesen – „Die Kunst des Wartens“ v. Catherine Charrier

Das „Warten“ kann so viele Bedeutungen haben, dass man nicht immer genau sagen kann, ob das „Warten“ nun eher positive oder negative Dinge vermittelt. Wer wartet schon gerne auf etwas und empfindet dabei ein eher wohliges und vielleicht sogar meditatives Gefühl. Selten wird dies eintreffen, aber es ist durchaus möglich. Doch wenn wir nicht nur durch das Warten Gefühle erzeugen können und wollen, so ist es um so schwieriger aufgrund von Gefühlen oder wegen Gefühlen zu warten. In Liebesbeziehungen hat das Warten eine nochmals ganz andere Bedeutung und kann zu unglaublich überraschenden Wendungen führen. Und was das Warten nun in Liebesangelegenheiten auslöst, zeigt uns Catherine Charrier äusserst ausdrucksstark in ihrem Erstlingsroman „Die Kunst des Wartens“.

Catherine Charrier, geboren 1961 in Alençon, studierte Kunstgeschichte und Kunst an der École du Louvre. Sie arbeitet in Paris im Bereich der Werbung. „Die Kunst des Wartens“ wurde in Frankreich 2012 unter dem Titel „L’Attente“ veröffentlicht und ist nun dank der wunderbaren Übersetzung von Claudia Steinitz aktuell in deutscher Sprache erschienen.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in Frankreich, in verschiedenen Städten, wie beispielsweise Nantes und Paris. Die Hauptprotagonisten sind Marie, eine moderne, selbständige und verheiratete Frau mit zwei Kindern, und Roch, ein ebenfalls verheirateter Mann mit einem Kind. Beide kennen sich durch ihre Arbeit und haben ein Verhältnis. Roch kündigt seiner Geliebten Marie an, dass er seine Frau verlassen und sie heiraten wird, sollte ihre Affäre noch ein Jahr überdauern. Marie ist überrascht, konnte sich dazu nicht einmal äussern und entscheidet sich vollkommen unvorhergesehen, ein Jahr zu warten. Sie zählt ab sofort die Tage (X plus). Das Warten wird zum Inhalt ihres Lebens: sie organisiert alles um dieses Warten herum, ihren Beruf, ihren Mann, ihre Kinder und sich selbst. Denn das Warten ist mehr, als nur das Warten auf einen Anruf oder auf ein Treffen mit Roch:

„Das Warten ist eine Geschichte von sich erlauben und sich verbieten. Das Warten ist beherrschend. Man unterwirft sich ihm, seine Belanglosigkeiten werden zum Zwang.“

Jede Gelegenheit versucht Marie zu nützen, um sich mit Roch zu treffen. Doch Paul, Maries Mann, merkt, dass Marie sich verändert, zum Telefonieren beispielsweise die Garage aufsucht und somit unsicher wird. Marie zerstreut alle Zweifel von Paul und plant das nächste Tête-à-Tête mit Roch. Und dann passiert es. Marie merkt nicht, dass das Jahr, dieses eine Jahr, das sie warten wollte, bereits seit längerer Zeit schon vorbei ist. Inzwischen bei Tag X plus 498 angekommen wird die Affäre immer noch ausgelebt. Die Begegnungen häufen sich, da sie beide jetzt auch noch im Verhältnis Unternehmen = Marie und Kunde = Roch zusammenarbeiten und immer weniger von einander lassen können. Das Warten wird unbewusst verlängert und dadurch schleicht sich eine Angst ein, die anfängt zu dominieren, obwohl die Lust bis zu diesem Zeitpunkt immer noch stärker ist.

Marie wartet weiter unbewusst oder auch bewusst. Die Tage verstreichen und die Seele von Marie rebelliert. Seit einer gewissen Zeit muss sie sich ständig übergeben, selbst wenn sie mit Roch zusammen ist oder mit ihrem Mann. Liegt es daran, dass sie sich nicht entscheiden kann, weder für den einen noch für den anderen Mann? Marie ist nicht mehr in der Lage ihr Gefühls- und Liebesleben gut selbst zu steuern. Sie kann weder von Roch lassen und sich zu ihrem Mann bekennen, oder sich von ihrem Mann trennen und frei für Roch zu sein. Und ausgerechnet dann wird auch noch ihrem Mann ein neuer Job in Paris angeboten:

„Heute reisst mich ein Mann aus Nantes weg, mein Ehemann, während ein anderer nicht imstande ist, mich hier zu halten.“

Das Warten wird zur Hauptaufgabe für Marie, die Tage rennen vorüber und nichts hat sich geändert, oder vielleicht doch? Sie lebt jetzt in Paris und Roch nach wie vor in Nantes, doch bald wird auch Roch nach Paris fahren…

Catherine Charrier schreibt in ihrem Erstlingsroman mit einer wahrlich präzisen und gleichzeitig so unglaublich sensiblen und empathischen Feder, dass bereits zu Beginn der Lektüre eine Faszination von diesem Buch ausgeht, der man sich nicht entziehen kann. Mit sprachlicher Raffinesse werden die eingefügten Sequenzen über das Warten aus der ganz persönlichen Sicht von Marie zu einem fast schon philosophischen Leseerlebnis. Aber auch die durchdringende Lustbesessenheit kombiniert mit der mehr und weniger dominierenden Angst geben der Euphorie und der Hoffnung ein nicht kaum zu erreichendes Ziel.

„Die Kunst des Wartens“ zeigt ein so bewegendes und aufwühlendes Psychogramm einer Frau, die sich nach Liebe sehnt und ein Gefühl des Wartens erhält und lebt. Dieses Buch ist keine simple Lovestory zwischen einer Frau und zwei Männern. Es ist ein so emotional klug konzipiertes Stück Literatur, das den Leser nachhaltig zum Nachdenken anregt und das Begehren und die Lust in eine ganz neue und absolut authentische Form, nämlich die des „Wartens“ mit ehrlicher Direktheit und charmanten Fingerspitzengefühl, verwandelt.

Catherine Charrier hat mit ihrem Erstlingsroman absolutes Schreibtalent bewiesen, in dem sie klar dem Leser vor Augen führt, wie wenig sich die Schnelllebigkeit und das Alltägliche in unserer Zeit mit besitzergreifender Liebe und besessener Leidenschaft weder erleichtern, geschweige denn verdrängen lässt. „Die Kunst des Wartens“ ist ein wunderbares Buch über Liebeslügen und Gefühlsabhängigkeiten, das dem Leser ganz subtil die richtigen Fragen stellt und ihm gleichzeitig die Freiheit gibt, sie ganz für sich allein zu beantworten.

Durchgeblättert – „FREUD“ v. Corinne Maier u. Anne Simon

Geniessen Sie auch so gerne Ihre Couch, um sich zu entspannen, nachzudenken, zu schlafen oder zu lesen ? Es gibt viele Gründe, dieses sehr bequeme, praktische und « kluge » Möbel besonders im Hinblick auch auf die Psychoanlayse für sich zu entdecken. Vielleicht wäre dies somit der perfekte Anlass, sich « FREUD » zu widmen bzw. ihn erstmals « persönlich » richtig kennenzulernen. Bei « FREUD » handelt es sich um die genial umgesetzte Graphic Novel über das Leben und Arbeiten von Sigmund Freud, welche den Leser in ironisch unterhaltsamer Manier in die Welt der Psychoanalyse einführt und auf eine Reise von Wien über Paris nach London mitnimmt.

Zwei besondere Frauen haben sich Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanlayse, auf ganz aussergewöhnliche Weise genähert, so dass sowohl der interessierte Laie als auch der Kenner begeistert sein werden:
Die « Textarbeit » für dieses ungewöhnliche Projekt übernahm Corinne Maier (geb. 1963 in Genf). Nach verschiedenen Studiengängen vollendete sie ihren Abschluss am Institut d’études politiques de Paris und ergänzte ihre universitäre Karriere mit zwei Diplomen in Internationale Beziehungen und Wirtschaft. Sie ist Historikerin, Soziologin und Psychoanalytikerin, inzwischen praktizierend in Brüssel und Paris. Berühmt wurde sie durch ihren Welterfolg « Bonjour Paresse » (« Die Entdeckung der Faulheit »), das die Strukturen eines grossen französischen Energie-konzerns anprangert. Kurz nach Erscheinen dieses Titels wurde sie von ihrem damaligen Arbeitgeber entlassen und widmet sich seitdem nur noch dem Schreiben und der Arbeit als Psychoanalytikerin.
Für die « Bild- und Zeichenarbeit » bei dieser Graphic Novel ist Anne Simon verantwortlich. Nach ihrem Studium an der École Supérieure de l’Image in Angoulême und bei « Arts Décoratifs » in Paris wurde sie als « Junges Talent » auf dem Féstival d’Angoulême 2004 ausgewählt. Sie hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher bebildert und gehört zu den bekanntesten Illustratorinnen und Comiczeichnerinnen Frankreichs.

Mit ihrem Gemeinschaftswerk « FREUD », das bereits in Frankreich 2011 erschienen ist, geben das Duo Maier und Simon – dank der Übersetzung von Anja Kootz – glücklicherweise endlich ihr Debüt für die deutschsprachige Leserschaft.

Corinne Maier lässt Sigmund Freud sein Leben selbst erzählen. Es ist eine Biographie – bzw. eine « Autobiographie » der Sonderklasse, da Freud zum Ich-Erzähler wird und sich dadurch dem Leser besonders authentisch und greifbar vorstellt :

« Ich bin Freud. Ich bin der Erfinder der Psychoanalyse… Und das war kein Zuckerschlecken, kann ich Euch sagen ! Und kein Strudel… Ihr wisst schon dieses Gebäck aus Wien. »

Natürlich werden wir in diesem Band bei nur 55 Seiten nicht das detaillierte Schaffen dieses Mannes lesenderweise erfassen können. Hier werden die Eckpunkte seines Lebens und die herausragenden wissenschaftlichen Erkenntnisse raffiniert und äusserst klug komprimiert, so dass man trotz der Kürze einen doch sehr kompetenten ersten Eindruck über das Wirken von Sigmund Freud erhält.

Corinne Maier beginnt chronologisch und setzt, wie bereits erwähnt, ihren Schwerpunkt auf die wichtigsten Ereignisse in Freuds Leben. Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Sohn jüdischer Eltern in Freiberg (Mähren, damals Kaisertum Österreich) geboren. Er studierte an der Universität Wien Medizin, lernte Martha – seine erste Frau – kennen, verliebte sich in sie, wollte sie unbedingt sofort heiraten, aber ihre Mutter fand einen Studenten als Schwiegersohn eher unpassend. Somit musste Martha noch etwas warten. Freud forschte weiter, machte mit Kokain seine ersten Experimente und erhielt ein Forschungsstipendium für Paris. Er traf auf Charcot, einem weltbekannten Neurologen, der mit Hypnose bereits Patienten behandelte. Nach der Rückkehr arbeitete er kurzzeitig mit Professor Breuer zusammen, der bereits die Hypnose in einer verfeinerten Form an dem Fall Anna O. ausprobierte, der jedoch nicht so erfolgreich endete, wie man gedacht hatte. Freud dagegen entwickelte seine eigene Methode bei der die Patienten sich auf einen Diwan legen sollten:

« Sprechen Sie aus, was Ihnen durch den Kopf geht. »… « Die Hypnose ist gar nicht nötig. Es genügt den Patienten frei reden zu lassen.»

Dies war die « Geburt » der Psychoanalyse, eine « revolutionäre » Erfindung zur Heilung von Nervenkrankheiten, die nicht nur für das Leben von Sigmund Freud, sondern auch für die ganze Menschheit eine damals noch nicht vorhersehbare Bedeutung erlangen würde.

Corinne Maier und Anne Simon erklären uns auf so humorvolle und intelligente Weise spielerisch die Theorien Sigmund Freuds. Wir lernen u.a. den Ödipus-Komplex kennen, den Todestrieb und den Penisneid. Die erstaunlich prägnanten und kurzweiligen Sprechblaseninhalte von Corinne Maier und die grandiose zeichnerische Plastizität erzeugt durch einen Hauch naiver Malkunst durch Anne Simon machen diese Graphic Novel zu einem echten Hingucker und schenken uns ein sehr grosses Lesevergnügen.

Es gelingt den beiden Künstlerinnen die Komplexität der Welt Sigmund Freuds in eine gleichzeitig absolut vergnügliche und lehrreiche Form zu packen. Dieses Album ist eine perfekte kleine Einführungsstunde in die Psychoanalyse und ihren Erfinder. Es gibt Einblicke in die damalige Zeit und zeigt einen Mann, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu den grössten Visionären seiner Epoche gehörte und dadurch ein sehr nachhaltiges und wichtiges Erbe hinterlassen konnte. Selbst im 21. Jahrhundert, wie er selbst sagt: « …braucht man mich immer noch… ».

Dieses Buch ist sowohl ein wunderbarer Einstieg für diejenigen, die Freud noch nicht wirklich kennen, als auch ein nicht minder amusantes und interessantes Werk für den echten Insider. Lebendig und bunt – wobei hauptsächlich die Farben rot, orange, braun und grün im Vordergrund stehen – präsentiert sich diese sehr gelungene « Kontaktaufnahme » mit einem der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Worauf warten Sie noch, verehrter Leser ? Sie dürfen sich jetzt mit « FREUD » auch auf den Diwan legen und Sie werden es nicht bereuen, denn selten konnte man mit so viel Spass Information und Wissen durch Bilder und Wörter erlesen, wie bei diesem äusserst gelungenen und gestalterisch sehr ansprechenden Buch-Projekt!

Durchgelesen – „Der gute Psychologe“ v. Noam Shpancer

Gehen Sie bereits regelmässig zur Ihrem Psychotherapeuten ? Oder leben Sie mit Ihren Sorgen und Ängsten ganz alleine ? Vielleicht haben Sie bereits ernsthaft über eine Psychotherapie nachgedacht, doch Ihr Vertrauen gegenüber Psychologen ist nur noch nicht gross genug. Dies wird sich jedoch spätestens durch die Lektüre dieses äusserst informativen, klugen und humorvollen Romans « Der gute Psychologe » ändern.

Noam Shpancer wurde 1959 in einem Kibbuz geboren. Er ist Professor für klinische Psychologie an der Universität Ohio und arbeitet daneben als Therapeut in einer Klinik für Kognitive Therapie. Noam Shpancer ist spezialisiert auf Ängste, die in seinem Erstlingsroman « Der gute Psychologe »  – welcher nun ganz aktuell in deutscher Übersetzung vorliegt – erläutert und erfolgreich behandelt werden.

Die Hauptfigur in Noam Shpancer’s Roman ist – wie sollte es auch anders sein – der Psychologe, dessen Namen wir als Leser jedoch nie erfahren werden. Der Psychologe ist nicht nur Therapeut mit Spezialisierung auf Angstpatienten, die er in seiner eigenen Praxis empfängt. Er unterrichtet auch an der Universität als Dozent und versucht seinen Studenten zu erklären, was es bedeutet, ein « guter » Psychologe zu sein. Doch darüber hinaus ist er einfach Mensch, Mann und Single. Wobei er jedoch eine Tochter mit einer verheirateten Kollegin (Nina) hat, seine ehemalige grosse Liebe, die sich von ihrer Seite seit einigen Jahren aus privaten Gründen in eine rein fachliche Freundschaft verwandelte.

Der Psychologe kämpft oft mit seinen Gefühlen, vor allem dann wenn er an seine Tochter denkt. Aber Emotionen sind in der Praxis als Therapeut kein hilfreicher Ratgeber, sie sollten eher in den Hintergrund treten, damit er sich ganz neutral seinen Patienten widmen kann. Er arbeitet in der Regel nur bis drei Uhr nachmittags. Doch für eine neue Patientin, die als Tänzerin in einem Nachtclub arbeitet, macht er eine Ausnahme und empfängt sie Freitags um 16.00 Uhr :

« « Die Erfahrung einer Panikattacke ist sehr verstörend und abrupt, ohne erkennbaren Grund. Es gibt eine natürliche Neigung, einen äusseren Grund für diese Gefühle zu suchen. »
« Sie glauben, ich sei verrückt ? »
« Ich weiss nicht, was das ist. »
« Sie sind Psychologe und wissen nicht, was verrückt ist ? » »

Die Nachtclub-Tänzerin braucht Hilfe, sie kann nicht mehr tanzen, sie hat Angst vor jedem Auftritt. Der Psychologe ist mehr als gefordert, seine Patientin wieder in das « Leben » zurückzuführen. Er ist selbst überrascht, wie sehr ihn dieser Fall beschäftigt und auch sein ganz persönliches Leben beeinflusst. Glücklicherweise kann er sich immer bei Nina einen psychologischen Rat holen, der ihm hilft, selbst die richtigen Therapie-Entscheidungen zu treffen. Auch seine Studenten holen ihn sozusagen wieder auf den theoretischen Boden zurück, denn sie erwarten von ihrem Dozenten, nicht nur praktische Tipps, sondern eine fundierte psychologische Theorie. Und genau zwischen diesen doch sehr unterschiedlichen Welten – zwischen Praxis und Theorie –  lebt und arbeitet ein Psychologe. Er sollte stets bestimmte Richtlinien befolgen, um nicht seinen Gefühlshaushalt und den seiner Patienten vollkommen durcheinander zu bringen :

« Ein guter Psychologe hält Distanz und lässt sich nicht in die Ergebnisse seiner Arbeit verstricken. Die richtige Distanz erlaubt einen genauen und klaren Blick. Ein guter Psychologe überlässt die Sache mit der Nähe Familienangehörigen und geliebten Haustieren, und die Sache mit der Rettung überlässt er religiösen Bürokraten und Exzentrikern an Straßenecken. »

Diese und viele weitere theoretische Erkenntnisse erklärt er seinen Studenten. Doch auch ein guter Psychologe ist nicht davon gefeit, das Persönliche und das Professionnelle zu verwischen, was ungeahnte und gefährliche Konsequenzen mit sich bringen kann…

« Der gute Psychologe » ist ein ganz besonderes Buch. Verpackt in eine Art Sachbuch-Roman werden wir in die spannende Welt der Psychotherapie und der Ängste entführt. Brillant konzipiert erzählt uns Noam Shpancer die Geschichte einer Frau, einer Nachtclub-Tänzerin, die mutig genug ist, sich Hilfe bei einem Psychologen zu holen, um zu lernen, mit ihren Ängsten zu leben, statt sie zu unterdrücken. Wir werden Zeuge verschiedenster Therapiestunden, entdecken psychologische Zusammenhänge, spüren die Ohnmacht und das Gefühlsdurcheinander, aber auch die Hilfestellung und die psychologische « Heilung ». Der Leser entdeckt aber auch das Gefühlsleben – was übrigens auch Ängste beinhaltet –  des Psychologen, welches in der Regel jedem Patienten während der realen Therapie eher verborgen bleibt.

Und gleichzeitig habe wir die Möglichkeit an einem Mini-Studium in Psychologie teilzunehmen, was nicht nur Wissen und Informationen über Psychotherapie und Psychologie im Allgemeinen von Seiten des Dozenten beinhaltet, sondern wir werden Student und verfolgen die Probleme unserer Kollegen, die nicht nur psychologischer Natur sind.

Noam Shpancer ist ein brillantes Werk gelungen. « Der gute Psychologe » ist ein Roman, der die geheimnisvolle Welt der Psychotherapie öffnet, für jeden Menschen zugänglich macht, auch wenn er noch mutlos und voreingenommen sein sollte. Ein Roman, der verblüfft, Neugierde auslöst und hilft. Denn selten ist eine Psychotherapie so günstig, humorvoll, transparent und praktisch wie in diesem Buch. Lassen Sie sich einen « Lese-Termin » geben, Sie werden sehen, wie angenehm und befreiend es ist, bei diesem « guten Psychologen » Patient sein zu dürfen…