Durchgelesen – „Die Bibliothek des Monsieur Proust“ v. Anka Muhlstein

Lesen ist für viele Schriftsteller eine unabdingbare Voraussetzung für das Schreiben. Dies gilt auch für Marcel Proust, der sich ein Leben ohne Lesen und Bücher nicht im geringsten vorstellen konnte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch Marcel Proust über eine umfangreiche Bibliothek verfügen musste. Es war eine besondere Bibliothek, denn jeder Leser hatte damals wie auch heute absolut unbegrenzten Zugang zu diesem « Literaturort », einem Bücherschatz der sich nicht zwischen Regalen und Buchstützen befindet, sondern sich in seinem Werk subtil versteckt. Spätestens beim Eintauchen in den Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » (« Recherche ») dürfen wir diese imaginäre Bibliothek so en passant lesender Weise erobern und kennenlernen.

Anka Muhlstein, französische Historikerin, mit ihrem Mann Louis Begley in New York lebend, – wir kennen sie bereits durch ihre fantastische kulinarische Biographie « Die Austern des Monsieur Balzac » – hat sich dieser aussergewöhnlichen Aufgabe gestellt, Prousts Bibliothek in essaystischer Form zu erforschen und dem Leser charmant und äusserst kurzweilig aufzubereiten.

Laut Anka Muhlstein, war für Marcel Proust das Lesen « die erste und wichtigste Quelle der Freude und der Anregung. Von anderen Autoren unterscheidet er sich jedoch dadurch, dass die Literatur auch in seinen Werken eine ungeheuer wichtige Rolle spielt. » Und das geht soweit, dass Proust fast jeder Romanfigur der « Recherche » eine Lektüre bzw. ein Buch verordnet hatte. Anka Muhlstein tastet sich vorsichtig, aber gleichzeitig analytisch an das Leseverhalten von Proust und an seine Literaturvorlieben heran. Sie zeigt uns als erstes die Leseeinflüsse während seiner Kindheit.

Hier spürt man, dass Proust bereits in sehr jungen Jahren die Literatur und das Lesen auch als eine Art Fluchtmittel gebrauchte. Er durfte als Kind sich die Lektüre aussuchen und da gehörte zum Beispiel der Roman « François le Champi » von George Sand zu einem gewissen Schlüsselwerk, das ganz raffiniert in die « Recherche » eingebaut wurde, in dem der Ich-Erzähler dieses Buch von seiner Mutter vorgelesen bekommt. Proust begeisterte sich auch in seiner Kindheit und Jugend für Théophile Gautiers « Capitaine Fracasse », Alexandre Dumas oder Balzacs « Eugénie Grandet ». Er war auch als Schuljunge ein leidenschaftlicher Lyrikleser von Stéphane Mallarmés und Leconte de Lisle und zeichnete sich dadurch aus, dass er die Gedichte auswendig lernte und jederzeit rezitieren konnte.

Proust wurde als junger Schriftsteller stark von Racine und Saint-Simon beeinflusst, studierte deren Grammatik und Syntax, um mit seiner eigenen Sprache und seinem Stil noch raffinierter spielen zu können : « Fragen des Stils trieben Proust um, aber von der Erinnerung, vor allem dem Phänomen der unwillkürlichen Erinnerung und ihrer potentiellen Rolle für das künstlerische Schaffen, war er wie bessen. » Auch den Einfluss von Charles Baudelaire sollte man keinesfalls unterschätzen, vor allem in Bezug auf die verschiedensten Vorstellungen von Liebe. Diesen Einfluss spürt man deutlich in der « Recherche », jedoch wird er nie offensichtlich dargelegt.

Aber nicht nur französische Autoren finden wir in Prousts Bibliothek, wobei die deutsche Literatur doch leider eher vernachlässigt wurde und ausser Goethe kein deutschprachiger Autor für Proust eine nachhaltige Rolle spielte. Doch dafür hatten es ihm besonders russische und britische Autoren angetan, allen voran John Ruskin, einer der wichtigsten Kunstkritiker des 19. Jahrhunderts : « Prousts Begeisterung für Ruskin ging so weit, dass er die Arbeit an seinem Roman Jean Santeuil aufgab – der unvollendet und unveröffentlicht liegenblieb -, um Ruskins Werk zu übersetzen. » Genauso fasziniert wie von den englischen Schriftstellern, war Proust von russischen Romanciers wie Tolstoj und Dostojewski. Und auch da erkennen wir die Einflüsse in der « Recherche » und das Sichtbarwerden konkreter Anspielungen.

Doch Anka Muhlstein zeigt uns auch in ihrer « bibliothekarischen » Spurensuche, wie wichtig das Lesen und Leben mit Büchern für Marcel Proust war und welche unterschiedlichen Arten von Lesern in der « Recherche » sich wiederfinden. Sie entdeckt, dass Proust in seinem Romanzyklus eine « sogenannte Rangordnung der Leser » aufstellt, wodurch sehr klar erkennbar wird, wieviele schlechte Leser es in Wirklichkeit gibt : « Einige wenige von Prousts Romanfiguren sind leidenschaftliche Leser. Sie bilden une franc-maçonnerie des lettrés, wie Proust sagt, einen Geheimbund, der eine unmittelbare, anders unerklärliche Komplizenschaft stiftet. »

Und genau zu diesen wenigen leidenschaftlichen und engagierten Lesern gehört – eine der wichtigsten Figuren der « Recherche » – Baron Palmède de Charlus. Er ist wahrlich belesen, beeinflusst auch von Balzac, Mme de Sévigné und Racine, denn irgendwo muss auch seine sehr zerrissene Psyche halt und Zuflucht finden. Auch wenn Proust Balzac nicht unbedingt als bevorzugten Schriftsteller bezeichnen würde, erkennt man laut Anka Muhlstein die « fundamentale Bedeutung der Themen Balzacs in der Recherche ». Besonders wichtig ist noch zu erwähnen, dass der Erzähler – Marcel – in der Recherche so gut wie keine literarische Bildung vorweisen kann im Vergleich zu Baron de Charlus. Neben Charlus ist sicherlich auch Bergotte – erfundener Schriftsteller – eine gewisse Schlüsselfigur im Romanzyklus : « Proust spricht für den Erzähler, wenn er darauf hinweist, dass dieser nach ein, zwei Jahren Bergottes Denkweise und Stil ganz in sich aufgenommen hatte und ihn nichts mehr im Werk verblüffte. »

Dass Racine für die Stilistik der « Recherche » den stärksten Einfluss hatte, wurde bereits erwähnt, doch dass gerade die Gebrüder Goncourt eine eher negative Beachtung für Proust auslösten, ist im ersten Moment etwas verwunderlich, da Proust doch der nach diesem Brüderpaar benannten Literaturpreis (Prix Goncourt) für den Romanteil « Im Schatten junger Mädchenblüte » im Jahre 1919 verliehen wurde. Die Goncourts stehen in der « Recherche » für die « Abteilung » Anekdote, wobei man wissen muss, dass Edmond, der Ältere, und Jules alle ihre Werke immer gemeinsam verfassten und schliesslich neben Romanen auch Kunst- und Theaterkritiken publizierten und eigentlich nur durch ihr Tagebuch (« Journal ») und den von ihnen gestifteten Literaturpreis bekannt wurden.

Anka Muhlstein hat auf intensive und gleichzeitig unterhaltsam prägnante Weise – gerade mal 150 Seiten, im Vergleich zu 5000 Seiten « Recherche » – eine kleine feine Einführung in die Literatur- und Lesewelt von Marcel Proust und seinem Romanzyklus mit ihrem – übersetzt durch Christa Krüger –  im Herbst erschienen Buch vorgelegt. Es zeigt, welche Vielzahl an Literatur, die Proust ganz spielerisch in die « Recherche » eingefügt, ja quasi eingebettet hat, ohne den Leser im negativen Sinne unterrichten zu wollen, sondern ihn auf die literarischen Schönheiten und Kuriositäten seiner verehrten Bücher und deren Schriftsteller aufmerksam zu machen. Mit Esprit und hochkarätigem Literaturverstand bietet Anka Muhlstein mit der « Bibliothek des Monsieur Proust » einen geradezu mehr als aussergewöhlichen und spannenden Leitfaden für die komplexe und vor allem auch literarische Welt innerhalb der « Recherche » und präsentiert bereits zu Beginn des Buches eine äusserst praktische Auflistung der wichtigsten Romanfiguren, welche noch durch kleine Erläuterungen ergänzt werden. Somit ist der Leser mit den Hauptpersonen des Romanzyklus sofort vertraut, die auch in Anka Muhlsteins wunderbarem Buch eine grosse Rolle spielen.

Anka Muhlstein öffnet mit dieser « Bibliothek  des Monsieur Proust » viele neue oder unbekannte Werke von Schriftstellern, die wir vielleicht gar nicht kennen, oder nur am Rande von ihnen gehört bzw. gelesen haben. Man spürt beim Lesen richtig, wie auch Marcel Proust seine Bücher und Autoren entdeckt, mit ihnen gelebt und gelitten hat, teilweise vom Lesen besessen war und diese Erlebnisse direkt oder verspielt subtil in die « Recherche » integrieren konnte. Somit darf der Leser dieses siebenbändigen Oeuvres gleichzeitig in einer gewissen Weise in der « Bibliothek von Monsieur Proust » stöbern und sich literarisch verführen lassen. Anka Muhlstein hat mit ihrem faszinierenden Buch ein wahrlich grandioses literarisch proustsches Lese-Erlebnis geschaffen, das sich im aktuellen Proust-Jubiläumsjahr ( 100. Geburtstag – « In Swanns Welt ») Proustentdecker und Proustkenner keinesfalls entgehen lassen sollten!

Durchgeblättert – „Marcel Proust“ v. Patricia Mante-Proust u. Mireille Naturel

« Um Proust wirklich Tribut zu zollen, müssen wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten, nicht seine Welt mit unseren Augen. » So schreibt Alain de Botton in seinem Buch « Wie Proust ihr Leben verändern kann » und damit hat er in vieler Hinsicht Recht. Damit wir diese proustsche Welt vielleicht noch etwas besser verstehen und sie für uns Leser noch transparenter wird, erscheint nun ganz aktuell zu seinem 90. Todestag am 18. November 2012 ein nicht nur unglaublich repräsentativer und grossformatiger Bildband, sondern damit auch ein traumhaft schönes und sehr informatives Buch, das Marcel Proust und sein Werk « in Bildern & Dokumenten » auf 200 Seiten kompetent und kompakt erläutert.

Vor 90 Jahren ist Marcel Proust nun von uns gegangen, und ist durch sein Werk trotzdem immer bei uns geblieben. Dieser wichtige Jahrestag gibt natürlich Anlass zu erinnern, aber auch das erste Erscheinen der Fragmente  von « Du côté de chez Swann » (« Unterwegs zu Swann ») zwischen März 1912 und März 1913 im Le Figaro und die Buch-Veröffentlichung bei Grasset im November 1913 sind im nächsten Jahr ein weiteres grosses literarisches Ereignis, sich wieder einmal aufs Neue oder auch vielleicht zum ersten Mal diesem berühmten Schriftsteller zu widmen.

Dieser neue Bildband wurde von Patricia Mante-Proust, der Grossnichte von Marcel Proust herausgegeben und mit Texten von Mireille Naturel perfekt ergänzt. Patricia Mante-Proust kümmert sich seit Jahren um den Nachlass ihres Onkels und somit können wir als Leser zum ersten Mal viele bis jetzt noch unveröffentlichte Dokumente im Bezug auf die Geschichte seiner Familie und seines Werkes in gedruckter Form bewundern. Zahlreiche Photographien, besondere Schriftstücke aus der Familiensammlung, Briefwechsel und Auszüge seiner Manuskripte können hier studiert und bestaunt werden. Dieses Buch öffnet geheime Schubladen und unter anderem auch die Archive aus dem Hause der berühmten Tante Leonie (Illiers-Combray), die nun nicht nur für die Besucher vor Ort sondern für jeden Leser zugängig gemacht werden können.

Nach einem sehr persönlichen Vorwort von Patricia Mante-Proust und einer charmanten Einführung von Mireille Naturel, die sich übrigens 2007 mit einer Arbeit zu Proust habilitiert hat, inzwischen an der Universität Sorbonne unterrichtet und als Generalsekretärin der Société des Amis de Marcel Proust und Redakteurin des Bulletin Marcel Proust tätig ist, entdecken wir auf über 6 Kapiteln verteilt, das Leben und Werk Marcel Prousts.

Es beginnt eine proustsche Lebensreise, geboren am 10. Juli 1871 in Auteuil (inzwischen ein Pariser Viertel – 16. Arrondissement), die ersten wichtigen Gefühle zwischen Proust und seiner Mutter werden wach, die Kindheit oft verbringend bei seiner Tante in Illiers-Combray, leichte und schwere Asthmaanfälle, eine Jugend zwischen Paris und auf dem Land, die ersten Antworten auf den berühmten Fragebogen, Schulzeit (wunderbare Dokumente zum Zensurenspiegel), die Studien- und Militärzeit und die gute Luft und wunderbare Landschaft von Cabourg.

Es folgen wichtige künstlerische Momentaufnahmen bezüglich Leben und Werk, die Begegnung mit seinem Verleger Gallimard, Aufenthalte in der Normandie, die Fürsorge von Céleste Albaret, Erläuterungen über seine wichtigen Jugendwerke, wie « Les Plaisir et les Jours » (« Freuden und Tage »), der Eintritt in die Salons und das mondäne Leben und der zweite Proustfragebogen. Zum Ende hin lernen wir viel « über das Lesen », die Bedeutung von kulinarischen und malerischen Meisterwerken in seiner « Suche nach der verlorenen Zeit », über Düfte, Farben und den Symbolismus, begleiten Marcel Proust auf Reisen in die Bretagne, nach Venedig, Belgien und Holland, hören wundervolle Musik von Saint-Saëns und César Franck, geniessen am Schluss eine köstliche Madeleine und verstehen die Bedeutung des Weissdorn und warum Rosa, die Lieblingsfarbe von Marcel Proust war.

Dieses Buch, ist nicht nur ein im herstellerischen Sinne äusserst hochwertiger Bildband, der sich durch seine besonders beeindruckende Reproduktionqualität der zahlreichen Photographien und Dokumente auszeichnet, sondern es ist auch ein wahrlich elegant anmutendes, aufklärendes und anspruchsvoll konzipiertes Panoptikum eines der wichtigsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mireille Naturel verbindet mit ihren Texten auf grandiose Weise das Bildmaterial mit den Zitaten aus dem Werk von Marcel Proust, so dass ein sehr persönliches Lebenszeugnis entsteht, das bis jetzt in dieser Form noch nicht da gewesen ist. Somit werden nicht nur allein der Mensch und das Werk Marcel Proust gezeigt, sondern auch eine ganze Epoche dem Leser näher gebracht. Ab der ersten Seite taucht der Leser in eine neue, aber irgendwie auch zeitlose Welt ein, die vor allem durch den unvergleichen Schreibstil von Marcel Proust gekennzeichnet wurde.

Der Leser kann beim Betrachten der Photographien, Dokumentationen und gemalten Portäts, vor allem wenn man das berühmte Gemälde von Jacques-Émile Blanche vor Augen hat, das man heute im Musée d’Orsay jederzeit bewundern kann, die Verschmelzung zwischen Leben und Roman nachempfinden. Man lässt sich leserisch und betrachtender Weise treiben, blättert, liest, schwärmt und ist erstaunt über das Zusammenspiel von Erlebten, Erträumten und Geschriebenen. Dieses Buch hilft auf ganz wunderbare Weise den Menschen Marcel Proust vor allem auch in Bildern und nicht nur im Text kennenzulernen und sich dadurch ganz vorsichtig dem eigentlichen « Gesamtkunstwerk » nähern zu können. Denn letztendlich sind das Leben und das Werk von Marcel Proust in keinster Weise trennbar :

« Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. Dieses Leben bewohnt in gewisser Weise jeden Augenblick aller Menschen, nicht nur der Künstler. Aber sie sehen ihn nicht, weil sie sich nicht bemühen, ihn zu erhellen. » ( aus « Die wiedergefundene Zeit »)

« Marcel Proust » ist eine sehr beeindruckende und ambitionierte Bild-Biographie, die sich sowohl in der Opulenz des Bildmaterials, als auch durch die sehr profunde und gleichzeitig sensible Textgestaltung auszeichnet. Dank Patricia Mante-Proust dürfen wir nun ein Buch in den Händen halten, das sich natürlich für jeden Proust-Anfänger bestens eignet, aber gleichzeitig auch dem Kenner noch viele neue dokumentarische Aspekte zeigt, die bis jetzt im Familienbesitz waren oder hinter verschlossen Türen im französischen Nationalarchiv schlummerten.

Nehmen Sie sich Zeit, verehrter Leser, verbringen Sie mit « Marcel Proust » einen Nachmittag – die Tasse Tee trinkend in Begleitung von einer köstlichen Madeleine – und Sie werden erkennen, wie nahe Sie dem Menschen Proust, aber auch seinem Werk, durch diesen prachtvollen Bildband kommen. Ja und vielleicht verspüren Sie dann ganz plötzlich die Lust, inspiriert durch den ersten und allseits berühmten Satz « Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. », Marcel Proust in seine ganz besondere, unverwechselbare und einmalige literarische Welt zu folgen…

Durchgeblättert – „Marcel Proust für Boshafte“

Boshaftigkeit ist ja nicht gerade eine wirklich positive Tugend. Boshafte Menschen sind nicht leicht zu ertragen, verfolgen in der Regel böse Absichten, haben einen bösen Charakter und agieren in spöttischer Manier zur « Freude » der Umwelt. Man möge es deshalb gar nicht glauben, dass ausgerechnet Marcel Proust, der nur in den höheren Kreisen verkehrte, für « Boshafte » geeignet ist ? Wir werden spätestens nach der Lektüre dieses schmalen Bändchens eines Besseren belehrt.

Rainer Moritz hat sich der « boshaften » Thematik bei Proust angenommen und klärt uns mit diesem kompakten Zitatbüchlein ein wenig auf, das er als Herausgeber und Proustkenner begleitet hat. Wir kennen Rainer Moritz bereits als Autor von anderen Werken, wie zum Beispiel die Romane um Madame Cottard und von seiner Reise zu den « schönsten Buchhandlungen Europas ». In « Marcel Proust für Boshafte » versucht er uns ganz charmant in seinem Nachwort zu erläutern, was eigentlich so alles in der Person Marcel Proust, aber vor allem in seinem grossen Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » an Boshaftigkeit versteckt ist. Man muss wissen, dass die « Recherche » nicht nur ein Roman, sondern auch eine Art Gesellschaftsstudie ist und sich teilweise durch sehr spöttische und ironische Passagen auszeichnet. (Die hier mit Seitenzahl angegebenen Zitate stammen aus der 7-bändigen Ausgabe!)

Damit wir als Leser den Überblick über das Boshafte nicht verlieren, wurde hier in diesem kleinen Œuvre alles ganz ordentlich nach Rubriken eingeteilt. Es beginnt, wie sollte es auch anders sein, mit dem Thema « Die Frauen » :

« Sie war wie fast alle Frauen : Sie bilden sich ein, ein Kompliment, das man ihnen macht, müsse der reinste Ausdruck der Wahrheit sein und stelle ein Urteil dar, das man unparteiisch fällt und ganz unweigerlich, als handle es sich um einen Kunstgegenstand ohne Beziehung auf eine Person.» (Die Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, 511f.)

Wunderbar spöttisch, ja quasi boshaft kann man natürlich jederzeit auch auf « Bekleidungsfragen » reagieren :

« „Irgendwo muss er doch einfältig sein. Sie hat Füsse wie Schleppkähne, einen Bart wie eine Amerikanerin und schmutzige Unterwäsche ! Ich glaube, nicht mal ein kleines Fabrikmädchen würde so etwas anziehen wollen.“ » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 2, 564)

Bereiche wie « In bester Gesellschaft », « Gesundheitsprobleme », « Ewige Weisheiten », « Die edlen Künste », « Speis & Trank » und « Land & Leute » kommen keinesfalls zu kurz.

Doch äusserst wichtig sind natürlich auch Themenschwerpunkte, wie zum Beispiel « Die Männer ». Auch « Der Körper » wird nicht verschont, sodass manches Problem ohne Umscheife, aber trotzdem mit einer gewissen Contenance angesprochen wird:

« Doch seine Nase hatte, um sich schief über seinen Mund zu stellen, unter allen verfügbaren schrägen Linien vielleicht die einzige gewählt, die auf diesem Gesicht zu ziehen einem selbst nie eingefallen wäre und die ihm eine gewisse Note vulgärer Dummheit gab, die durch die Nachbarschaft eines normannischen apfelroten Teints noch bekräftigt wurde. » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, 459)

Marcel Proust äusserst sich durch seine Helden ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, versucht selbstverständlich immer das gesellschaftliche und sprachliche Niveau zu wahren, kommt aber gerne konkret zur Sache, wie auch das folgende Zitat aus der Rubrik « Liebe, Sex & Co. » bestätigt :

« „Liebe ?“ hatte sie einmal einer prätentiösen Dame auf deren Frage „Was halten Sie von der Liebe ?“ geantwortet. „Liebe ? Mache ich oft, doch drüber reden tu’ ich nie.“ » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 3, 270)

Tja was können wir da als Leser noch hinzufügen? Wir sollten uns spätestens jetzt nach der Lektüre dieser hervorragend zusammengestellten Zitatauswahl von Rainer Moritz bewusst werden, dass es nun an der Zeit wäre – falls Sie es nicht bereits schon getan haben – , die « Recherche » endlich in Angriff zu nehmen. Sie werden erstaunt sein, wie kurzweilig dieses Mammut-Werk letztendlich ist. Marcel Proust hat eine besondere Gabe, seinen subtilen Spott, als auch seine Geschmacklosigkeiten feinfühlig direkt und äusserst elegant zu formulieren. Dank seiner extrem scharfen Beobachtungen gelingt es Proust, jedes Detail, und wenn es nur ein ganz banaler Smalltalk in der feinen Gesellschaft ist, so zu analysieren, dass dabei gewisse Bosheiten und eine raffiniert verpackte Schadenfreude einem nicht nicht wie ein Orkan um die Ohren fliegen, sondern genau positioniert am richtigen Punkt wie ein Nadelstich ganz „leise“ treffen.

Dieses kleine Buch ist eine ideale Nachttisch-Lektüre, die gerade dann ihren Einsatz findet, wenn man nicht mehr in der Lage ist, lange Passagen bzw. Kapitel zu lesen und man vor dem Einschlafen noch einen literarisch « bösen » Gute-Nacht-Kick benötigt. Auch Marcel Proust konnte ohne Bosheiten nicht leben, wie er hier selbst durch seine « Recherche » erklärt :

« Ich für meine Person muss gestehen, dass mich nichts so amüsiert wie diese kleinen Bosheiten, ohne die ich das Leben einfach öde fände. » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 2, 248)

Durchgelesen – „Monsieur Proust“ v. Céleste Albaret

« Man hat von einem literarischen Ereignis gesprochen. Und ein Ereignis ist dieses Buch wohl wirklich. Was man bisher nur gewusst hat, das sieht man jetzt », so Hanno Helbling in der Neuen Zürcher Zeitung. Mehr als über 50 Jahre nach dem Tod von Marcel Proust am 18. November 1922 erschien in Frankreich 1973 ein Werk mit dem schlichten Titel « Monsieur Proust ». Die deutsche Erstausgabe wurde 1974 veröffentlicht und mit grosser Spannung erwartet.

Céleste Albaret (1891 – 1984) heiratete 1913 Odilon Albaret, einen Pariser Taxi-Fahrer, dessen wichtigster Kunde Marcel Proust war. Als Céleste nach der Hochzeit nach Paris zog, fühlte sie sich sehr einsam. Auf Initiative ihres Mannes bekam sie eine kleine Stelle zur Erledigung bestimmter Botengänge für Marcel Proust. 1914 wurden Odilon Albaret und das ganze männliche Dienstpersonal zu Kriegsdiensten eingezogen, so dass Céleste Albaret nun von der kleinen Botin zur Haushälterin aufsteigen konnte. Sie war nicht nur die Frau im proust’schen Haushalt, die sich um das Frühstück und die Garderobe kümmerte, sondern sie wurde auch seine unerlässliche Vertraute und ganz persönliche « Lektorin ». Céleste begleitete Proust zu seinem letzten Ausflug nach Cabourg, und arbeitete danach bei ihm  nur noch « eingesperrt » in seiner Wohnung am Boulevard Haussmann. Proust verliess sein mit Kork ausgelegtes Zimmer nur noch ganz selten und meistens nachts. Céleste passte sich dem äusserst ungewöhnlichen Lebensrhythmus an und stand ihm jederzeit, natürlich auch bei seinen schweren Asthmaanfällen mit grosser Fürsorge bei.

Céleste war inzwischen mehr als nur eine einfache Hausangestellte, sie war seine « Unersetzliche ». Proust versuchte sie an die Kunst, Musik und Literatur heranzuführen. Er empfahl ihr beispielsweise die « Drei Musketiere » von Dumas, welches sie als einziges der von Proust vorgeschlagenen Bücher las. Sie kümmerte sich lieber um seine Speisen (am Liebsten Hühnchen), welche oft zu den ungewöhnlichsten Zeiten zubereitet werden mussten. Anfangs ging alles noch eher schweigend von statten, doch nach einer gewissen Zeit sprach Marcel Proust mit ihr über seine Kindheit, über die Liebe, insbesondere die zu seiner Mutter. Er berichtete aber auch von seinen Erlebnissen, die er bei seinen Salonbesuchen nachts beobachtet hatte und die ihn nach seiner Rückkehr oft  stark beschäftigten :

 “ Nach einem erfreulichen Abend war es grossartig – ein wahres Feuerwerk. Sein Gesicht strahlte innere Fröhlichkeit aus.
« Bei mir ist alles fertig, Céleste ? »
« Ja, Monsieur, es ist alles bereit. »
« Gut, dann kommen Sie schnell, folgen Sie mir. Ich habe Ihnen viel zu erzählen. »
Ich folgte ihm in sein Zimmer. Er setzte sich gleich aufs Fußende seines Bettes, ich blieb vor ihm stehen, und es ging los.“

Trotz dieser fast schon innigen Vertrautheit und Nähe war ihr gemeinsamer Umgang – während dieser neun Jahre, die sie in einer ganz besonderen Form « miteinander « gelebt hatten, – geprägt von einer herzlichen und gleichzeitig sehr stilvollen Distanziertheit. Céleste stand grundsätzlich am Fusse seines Bettes, und hätte es nie gewagt, sich auf einen Stuhl in seinem Zimmer zu setzen, während Proust von der mondänen Pariser Gesellschaft erzählte.

Marcel Proust arbeitete intensiv an seinem grossen Œuvre: « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ». Céleste unterstützte ihn, so weit sie konnte und durfte. Sie organisierte Literatur in der nächsten Buchhandlung und diskutierte mit ihm über die Vorbilder seiner Romanfiguren. Céleste war der Mensch, dem Marcel Proust alles auch im Bezug auf seine literarische Arbeit anvertraute. Sie war auch die Einzige, die wusste, dass der Gallimard Verlag Proust’s ersten Band der Recherche « Du côté de chez Swann » nicht veröffentlichte, weil der damalige Gallimard-Lektor André Gide das Werk gar nicht gelesen hatte. Das Manuskript war durch einen ganz besonderen Knoten zusammengepackt, und genau so verschnürt kam dieses Päckchen auch wieder zu Proust zurück. Céleste hatte dies sofort erkannt. Damit war der Grund für das Nichterscheinen eindeutig und deshalb wurde der erste Band auf Proust’s Kosten bei Grasset veröffentlicht, was Gallimard später noch bitter bereut hatte.

Die Bedeutung von Céleste Albaret war eindeutig nicht mehr steigerbar. Sie stand Proust nicht nur im « normalen » – sprich alltäglichen Leben bei, egal, in welchem physischen und psychischen Zustand er auch war. Sie versuchte ihn auch vor allen Widrigkeiten der Welt auf ihre Weise zu schützen. Vielleicht war sie für ihn eine Art Mutterersatz trotz ihres jugendlichen Alters. Marcel Proust öffnete ihr gegenüber immer mehr sein Herz und seine Seele. Er vertraute ihr und legte sehr viel Wert auch auf ihre Meinung. So ist es nicht verwunderlich, dass er selbst ihr den Vorschlag unterbreitete, ein Tagebuch zu führen und all diese Gespräche und Ereignisse festzuhalten :

„Eine Abends – es muss gegen Ende des Krieges gewesen sein, als ich schon drei oder vier Jahre bei ihm war – sagte er : « Liebe Céleste, ich frage mich, worauf Sie warten, um Ihr Tagebuch zu schreiben. »
Ich habe angefangen zu lachen :
« Ah, ich sehe schon, Monsieur, Sie machen sich wieder über mich lustig, wie Sie es so gern tun. »
« Ich meine es ernst Céleste. Niemand ausser Ihnen kennt mich wirklich. Niemand weiss so gut wie Sie, was ich tue, niemand kann all das wissen, was ich Ihnen sage. Nach meinem Tode wird sich Ihr Tagebuch besser verkaufen als meine Bücher. »“

Céleste Albaret war eine einfache herzensgute Frau, eine Frau voller Empathie und emotionaler Intelligenz und besonders reich an einer sehr unbefangenen und ehrlichen Verehrung gegenüber « ihrem » Marcel Proust. Genau aus diesem Grund hatte sie kein Tagebuch geschrieben und sowohl während ihrer Anstellung und als auch direkt nach dem Tode von Marcel Proust nie ein Interview gegeben. Sie zog sich nach der Beerdigung für lange Zeit zurück, führte ein kleines Hotel im 6. Arrondissement von Paris, das ihr Mann 1924 gekauft hatte. Erst in den Siebziger Jahren wurde sie durch den Sammler Jacques Guérin – den wir bereits in dem Werk « Prousts Mantel » von Lorenza Foschini kennengelernt haben – wiederentdeckt. Céleste Albaret verkaufte einige sehr wertvolle bibliophile Kostbarkeiten, die sie von Marcel Proust geschenkt bekam, an Jacques Guérin. Auf sein Anraten hin, hat sie ihre Erinnerungen an die Zeit mit Marcel Proust zum ersten Mal jemanden anvertraut, nämlich dem Lektor von Laffont – Georges Belmont -. Somit entstand dieses beeindruckende und einmalige Zeitdokument, das man mit keiner der vielen wissenschaftlichen Biographien vergleichen sollte, da es wesentlich mehr ist, als eine klassische Biographie.

« Monsieur Proust » ist « die Geschichte einer Faszination », so urteilte ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung nach Erscheinen dieses Buches, das übrigens hervorragend von Margret Carroux übersetzt wurde. Nach fast vierzig Jahren hat dieses ganz besondere Werk seine Anziehungskraft nicht im Geringsten verloren. « Monsieur Proust », das sind die biographischen Erinnerungen einer sensiblen und sehr intelligenten Frau. Es sind selbst erlebte Gespräche und Beobachtungen mit und über einen der wichtigsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Man könnte dieses Werk – auch wenn es manchmal ein wenig naiv erscheint und viele kritische Aspekte charmant ignoriert – als die schönste und privateste Annäherung an den grossen Schöpfer der «Recherche » bezeichnen.

« Monsieur Proust » eignet sich wirklich ganz besonders gut als Einstieg, um den Autor und vor allem den Menschen Marcel Proust kennenzulernen. Mit literarischem Fingerspitzengefühl und französischer Eleganz wurden diese Erinnerungen äusserst genau von Georges Belmont zu Papier gebracht. Es entstand ein kostbares Lebenszeugnis, welches man keinesfalls nur einmal lesen sollte. Dieses Buch ist wie ein lebenslanger Begleiter auf einen vielleicht daraus entstehenden und weiterführenden proust’schen Weg. Ab der ersten und bis zur letzten Seite von « Monsieur Proust » werden Sie ein verzückendes Gefühl verspüren, als könnten Sie gerade vor Marcel Proust’s Zimmer durch ein Schlüsselloch schauen und ganz tief in die Welt der « Erinnerung » eintauchen.

Durchgelesen – „Prousts Mantel“ v. Lorenza Foschini

Ein Mantel muss nicht nur ein rein schmückendes und wärmendes Kleidungsstück sein. Nein, ein Mantel kann viel mehr bedeuten. Er ist das Markenzeichen eines Menschen. Und genau dieses Attribut wurde dem Mantel von Marcel Proust zugeschrieben.

Dieser Mantel ist aber auch die Krönung der unbeschreiblich intensiven, ja fast ungebremsten Sammelleidenschaft des Pariser Parfümfabrikanten Jacques Guérin, von welcher uns die italienische Journalistin Lorenza Foschini in ihrem Buch « Prousts Mantel » auf hinreißende Weise in einer Art Reportagen-Geschichte erzählt.

Lorenza Foschini, geboren 1949 in Neapel, lebt und arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin in Rom. Sie war bereits für das Staatsfernsehen RAI und als Vatikan-Korrespondentin tätig. Sie hat für ihr 1998 veröffentlichtes Buch « Nachforschungen zur Jahrtausendwende » den renommierten Journalismus-Preis Scanno erhalten.

« Prousts Mantel » ist « die Geschichte einer Leidenschaft » : « Alles, was hier erzählt wird, hat sich tatsächlich ereignet, und die Figuren dieser Geschichte haben reale Vorbilder. »

Lorenza Foschini trifft sich für ein Interview mit Piero Tosi, dem berühmten Kostümbildner des Regisseurs Luchino Visconti. Tosi berichtete von seiner Reise nach Paris wegen einer eventuellen Verfilmung von Prousts Werk. Er begann nachzuforschen und begegnete dem Besitzer einer Parfümfabrik, der ihm eine unglaubliche und gleichzeitig faszinierende Geschichte erzählte :

Jacques Guérin, war nicht nur Parfümeur, er war auch ein sehr leiden-schaftlicher Büchersammler. Seine grosse Liebe zu Proust begann durch seine Krankheit. Er litt an einer Blinddarmentzündung, und der Arzt, der ihn operierte war kein geringerer als Dr. Robert Proust, der Bruder des berühmten Marcel Proust. Dies löste bei Guérin einen wahren Nachforschungs-zwang aus, so dass er ab diesem Ereignis alles über Proust erfahren wollte. Es ging so gar soweit, dass er Kontakt zur Familie aufnahm, in dem er sich nach seiner Heilung bei Dr. Robert Proust persönlich für seinen Einsatz bedankte, was übrigens zur damaligen Zeit nicht unüblich war. Doch bei diesem Besuch entdeckte er den alten Schreibtisch von Marcel Proust und lässt sich die darin aufbewahrten Schriftstücke von seinem Bruder Robert zeigen, die er am Liebsten alle sofort in seine Obhut nehmen wollte. Was sicherlich das beste gewesen wäre.

Denn im Laufe der Recherchen von Jacques Guérin stellte sich immer mehr heraus, das Marcel Proust es in seiner Familie doch sehr schwer hatte. Dr. Robert Proust war wie Vater Adrien Proust Arzt geworden und konnte mit Literatur nicht wirklich viel anfangen. Die Ehe zwischen Robert Proust und Marthe Dubois-Amiot wurde von seinem Vater arrangiert. Und Marthe hatte eine noch ganz andere Verbindung zu Adrien Proust. Doch das Schlimmste war, dass Marthe ihren Schwager überhaupt nicht akzeptieren konnte. Sie hatte nicht eine einzige Zeile von ihm gelesen, deshalb verbrannte sie ganz ohne Scheu viele seiner Briefe, Schriften und Photos nach dem Tode ihres Mannes.

Doch glücklicherweise gab es Jacques Guérin, der wie eine Art Privatdetektiv  – immer auf der Suche nach neuen Schätzen –  einige dieser mehr als wertvollen Papiere aus dem Flammenmeer befreien konnte. Und nicht nur das, auch Möbelstücke wurden gerettet. Per Zufall entdeckte Guérin bei seiner unermüdlichen Suche noch eines der wichtigsten Erinnerungsstücke von Marcel Proust, seinen Mantel…

Es gibt ihn wirklich. Dieser Mantel liegt inzwischen in den Archiven des Musée Carnavalet in Paris. Übrigens ein wunderschönes Palais im Marais Viertel, in dem man heute noch das Schlafzimmer von Marcel Proust bewundern kann. All diese Möbel sind ein Geschenk von Jacques Guérin, auch der Mantel, der jedoch wegen seines schlechten Zustands nun in Seidenpapier eingewickelt in einer Schachtel verbleiben muss.

« Prousts Mantel » ist mehr als nur eine Reportage. Dieses Buch ist eine sehr intensive, aber auch äusserst spannende und sehr leidenschaftliche Geschichte des Fabrikbesitzers und Buchsammlers, der zu einem der grössten Proustverehrer wurde und seinem Drang, Dinge berühmter Persönlichkeiten zu besitzen, nachgeben musste. Faszinierend komponiert mit Texten aus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » und Photographien wird dieses Werk zu einem absoluten Muss für jeden Proustkenner und Proustliebhaber.

Lorenza Foschini hat mit ihrer literarischen Detektivarbeit ein neues kleines Kapitel in der Proustbiographie aufgeschlagen, das nicht nur das Leben Marcels Bruder Robert etwas neu beleuchtet, sondern sie spricht auch ganz direkt die homosexuellen Neigungen von Marcel und die daraus entstehenden Probleme innerhalb der Familie  – vor allem was seine Schwägerin Marthe betrifft – an. Dieses Buch lässt den Leser vieles entdecken, aber auch zur Freude des Proustspezialisten wiedererkennen.

«Prousts Mantel » macht sehr neugierig auf das Leben von Marcel Proust und sein Werk, deshalb ist es auch für den noch unbedarften Proustleser ein ideales kleines biographisches Einführungswerk. Es öffnet die Türen zur Proustschen Welt der Erinnerung und der Leidenschaft. Lorenza Foschini schenkt dem Leser mit dieser Geschichte ein wundervolles Souvenir an Marcel Proust : ein Buch wie ein « literarischer » Mantel, der einen begleitet und wärmt, wie einst Marcel Proust, der in seinem Mantel nicht nur spazieren ging, sondern auch arbeitete und schlief !

Durchgeblättert – „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Combray“ nach Marcel Proust v. Stéphane Heuet

„Die Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust gibt es nun nach 12 Jahren zum ersten Mal als Comic-Version in deutscher Sprache, dank der wunderbaren Unterstützung des Übersetzers Kai Wilksen. Das könnte vielleicht so manchen Proustianer in eine gewisse Schockstarre versetzen, was bereits die französische Kritik bei der Erscheinung des ersten Bandes in Frankreich 1998 in Worten scharf auszudrücken vermochte. Doch inzwischen haben sich die Gemüter mehr als gelegt, wenn man an die Lobeshymnen aus der französischen Presse denkt. Dieser Comic, der auch als Graphic-Novel bezeichnet wird, hat nicht nur Freunde unter den klassischen Comic-Liebhabern gefunden, auch der konservative Buchleser und Proustverehrer entdeckt mit dieser neuen Technik wie genial doch ein Klassiker illustriert und mit bzw. sogar trotz des besonderen, ja einzigartigen Erzählstil Prousts als Comic umgesetzt werden kann.

Stéphane Heuet, geboren 1957 in Brest, war zuerst Seemann und arbeitete danach als Art-Director in der Werbebranche. Seine Liebe zu Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hat er mit 35 Jahren entdeckt und sich seit diesem Zeitpunkt vorgenommen, dieses Mammutwerk als Comic anzupassen und zu zeichnen. Inzwischen sind in Frankreich 5 Bände erschienen. Übersetzungen ins Englische, Chinesische, Holländische, Italienische, Kroatische und Spanische sind bereits schon lange auf dem Markt. Glücklicherweise können wir uns seit letztem Herbst nun auch hier in Deutschland dieses aussergewöhnlichen Literatur-Comis erfreuen.

Der erste Teil der „Suche“ unter dem Titel „Combray“ bekannt, lässt den Proustkenner sofort an den ersten und sehr berühmten Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ erinnern. Ja und genau um Erinnerung geht es hauptsächlich in diesem Werk. Der erste Romanteil spielt in dem kleinen Örtchen Combray, das übrigens in Wirklichkeit Illiers heisst und ca. 110 km südwestlich von Paris liegt. Auf dem Ortsschild steht auch tatsächlich Illiers-Combray und im Zentrum befindet sich in der Nähe der Kirche das Haus von Tante Leonie (La Maison de Tante Léonie), das jeder Proustliebhaber zu bestimmten Zeiten besichtigen kann. Der Ich-Erzähler – Marcel –  öffnet für uns das Haus, wo er seine Kindheit und Jugend in den Ferien verbracht hat und uns unter anderem seine grosse Sehnsucht nach seiner Mutter erklärt. Stéphane Heuet zeichnet mit sehr klaren Linien und viel Raum für die Landschaft äusserst naturgetreu dieses Haus und seine Umgebung, wie man sie sich nicht besser hätte vorstellen können, vor allem dann, wenn man bereits das Original in Illiers-Combray besucht hat.

Die berühmte Szene um die köstliche Madeleine, die bei Proust diese Erinnerungen ausgelöst hat, lässt nun den Kenner oder auch Neuentdecker hier sehr schnell auf den Geschmack kommen. Wir lernen Marcel und seine Tante kennen, sehen zum ersten Mal in Bildern, wie die Hauptpersonen – Françoise, Maman, Papa, Monsieur Swann, Gilberte usw. –  zu Leben erweckt werden.

Der Künstler Stéphane Heuet malt die Szenen wie ein grosses Fest, schenkt uns Bilder mit vielen Details, vor allem was das Essen betrifft. Wenn es – wie so oft bei Proust – um Spargel geht, sehen wir diesen in Grossformat und spüren dadurch die unglaublich tiefe Bedeutung dieses Gemüses in seinem Werk:

„Mein Entzücken galt den Spargeln, getränkt in Ultramarin und Rosa und mit blasslila und himmelblau angehauchten Spitzen, die sich unmerklich bis zu den Enden abstufen. Mir schien, dass diese himmlischen Schattierungen die köstlichen Geschöpfe verrieten, die sich zum Spasse in Gemüse verwandelt hatten und die durch diese Verkleidung ihres essbaren und festen Fleisches hindurch in diesen zarten Tönungen der Morgenröte, in dieser Andeutung des Regenbogens, in diesem dahinschwindenden Abendblau die kostbare Essenz erspüren liessen, die ich noch die ganze Nacht hindurch wiedererkannte, wenn ich abends davon gegessen hatte und sie in ihren poetischen und derben Possen wie in einem Märchenspiel von Shakespeare meinen Nachttopf zu einem Parfümgefäss machten.“ (nach Marcel Proust adaptiert v. Stéphane Heuet, übersetzt Kai Wilksen)

Aber nicht nur beim Gemüse wird die Proustsche Sprache mit diesen sagenhaften Bildern von Heuet ergänzt, auch beispielsweise bei der zeichnerischen Umsetzung des Kirchenschiffs von Combray, bei Naturereignissen wie Gewitter bzw. Regen spüren wir dieses brillante Kunsthandwerk, wie es sicher selten in Comics zu finden ist. Besonders gelungen ist auch die visuelle Adaption der Träume des Erzählers, bei denen der Leser die melancholisch blickenden und tiefliegenden Augen von Marcel Proust immer wieder erkennen kann.

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Comic ist eine sehr gelungene Umsetzung und versprüht nicht weniger tiefgründigen Charme als der Originaltext. Im Gegenteil es öffnet neue Türen im Proustschen Oeuvre. Die Proustianer sind entzückt und die Neuentdecker haben nun endlich die Gelegenheit sich diesem literarischen Mammutprojekt zu nähern, ohne sich von 7 Bänden mit insgesamt über 6000 Seiten abschrecken zu lassen. Denn hier lesen wir in einer sehr überzeugenden Kurzfassung den ersten Teil gerade mal auf  nur 72 Seiten. Das sollte jeden Leser und Literaturinteressierten, der sich noch nicht an Proust und seine „Suche“ heran wagte, einen neuen und etwas leichteren Zugang bereiten. Die Lektüre dieses Comics ist ein unvergessliches Vergnügen und mehr als empfehlenswert, deshalb freuen wir uns sehr auf die Fortsetzung …

Durchgeblättert – „Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit“

Marcel Proust, berühmt geworden durch seinen siebenbändigen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wusste wie kein anderer Autor seine Fähigkeit, die Kunst als Stilmittel in der Literatur zu verwenden, einzusetzen. Seine Figuren und Protagonisten lässt er mit Hilfe erinnerter Bilder Neues erleben. Somit entsteht nicht nur ein Roman, sondern ganz nebenbei noch eine Kunstgeschichte, die den Leser in faszinierende Welten begleitet.

„Mein Buch ist ein Gemälde“, hat Proust an Jean Cocteau geschrieben.

Und eben genau diesen Welten in Form von Bildern berühmter Meisterwerke, hat  sich Eric Karpeles gewidmet und eine beeindruckende Zusammenstellung dieser Gemälde aus Proust’s Verlorener Zeit dem Proustkenner, aber auch dem Proustneuentdecker geschenkt.

Dieses Buch ist ein sehr umfassendes Kunstbuch, das sich auf aussergewöhnliche Weise zum ersten Mal mit der engen Beziehung zwischen Malerei und Literatur in Proust’s Meisterwerk auseinandersetzt. Der Leser lernt beispielsweise die „Engel“ von Botticelli, die „Kurtisanen“ von Manet und die „Seerosen“ von Monet kennen.

Über 200 Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen und Stichen kann man entdecken, die ergänzt werden durch ein sehr informatives Einführungsessay und durch weiterführende zum Teil sehr amüsante Erläuterungen. Das Besondere jedoch an dieser Kunstgeschichte ist, dass jedes Kunstwerk mit dem passenden Zitat aus „Der Suche nach der verlorenen Zeit“ ergänzt bzw. kommentiert wird.

„Ich ging auf die Allée des Acacias zu. … Denn die Bäume lebten ihr Eigenleben weiter, und wenn sie keine Blätter mehr hatten, so strahlte es nur um so leuchtender aus der Hülle von grünem Samt, die ihre Stämme umgab, oder dem weissen Email der kugeligen Misteln, die hier und da in den Kronen der Pappeln hingen, rund wie Sonne und Mond in Michelangelos Erschaffung der Welt.“ (aus „In Swanns Welt“ und Michelangelo, „Gott erschafft Sonne und Mond“)

Eric Karpeles ist selbst Maler, studierte unter anderem an der Oxford University und lebte in den siebziger Jahren als Stipendiat an der Cité Internationale des Arts in Paris. Er wohnt in Kalifonieren und widmet sich dem Schreiben über Malerei.

Dies ist mehr als ein faszinierendes und besonders ästhetisches Kunstbuch, denn in diesem Werk werden die Bilder aus dem proustschen Universum zum ersten Mal lebendig und sichtbar. Ein Handbuch der europäischen Kunstgeschichte, eine proustsche Bibel der Malerei und vorallem ein ganz persönliches und intimes Museum!