Kategorie: Philosophie

Durchgelesen – „Deutschland à la française“ v. Pascale Hugues

Wie französisch ist Deutschland? Eine interessante Frage, die man sich, sei es als frankophiler Deutscher, oder deutschliebender Franzose vielleicht stellen sollte.

Pascale Hugues, geboren in Straβburg, arbeitet seit 1989 als Korrespondentin in Deutschland zuerst für die französische Zeitung „Libération“ und aktuell für das französische Magazin „Le Point“. Gleichzeitig schreibt sie die sehr bekannte Kolumne „Mon Berlin“ im Tagesspiegel, für die sie mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Pascale Hugues hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, „Marthe & Mathilde. Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland“ (2008) und „Ruhige Strasse in guter Wohnlage“ (2013) – prämiert mit dem „Prix Simone Veil“ und dem Europäischen Buchpreis. In ihrem neuen Buch „Deutschland à la française“ (wunderbar übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke) geht Pascale Hugues dieser potentiellen Frage nicht nur nach, sondern sie schildert uns voller Charme ihre eigenen Beobachtungen.

Pascale Hugues lebt als Französin zwar schon seit vielen Jahren in Berlin, fühlt sich manchmal immer noch ein wenig fremd und ist des Öfteren verwundert über so manche deutsche Eigenheit im Alltag, in der Sprache und in der Mentalität.

Bereits ganz aktuell im Hinblick auf die Amtseinführung von Emmanuel Macron sieht man die ersten grossen Unterschiede zwischen den beiden Ländern Deutschland und Frankreich. Vergleicht man dazu die Abgabe des Amtseides von Angela Merkel vor dem Bundestag, wird die deutsche Schlichtheit mehr als deutlich. „Ein feierliches Ritual, aber ohne Pathos“ laut Pascale Hugues, im Gegensatz zur „Machtübergabe in Paris mit ihrem monarchistischen Pomp: Man könnte glauben, Frankreich würde den Präsidenten zum König weihen.“ Und so kann man diesen königlichen Stil auch im „Élysée Palast“, dem Amtssitz des französischen Präsidenten, beim einmal im Jahr stattfinden Tag der offenen Tür im Detail erleben. Man denke nur an die goldenen Wasserhähne, prunkvollen Lüster und edlen Möbel, Teppiche und Kamine, wie es sich für ein Schloss eben gehört. Da fühlt sich das Kanzleramt sehr schlicht, aber vielleicht doch funktionaler an. „Eher Bauhaus als Rokoko“, schreibt P. Hugues.

Aber nicht nur im Machtzentrum der einzelnen Länder gibt es Unterschiede, auch im Alltag lässt sich so einiges an Verschiedenheiten feststellen. Da wäre zum Beispiel die „Mülltrennung“. Ein wunderbares klischeebehaftetes Thema, das sich für viele Ausländer perfekt eignet, sich über Deutschland lustig zu machen. Natürlich ist es beispielsweise für Franzosen bereits ein gewisser „Fort-Schritt“, in Frankreich zwischen Restmüll (schwarze Tonne) und Papier/Plastik (gelbe Tonne) zu trennen. Doch letztendlich wird nicht wirklich kontrolliert, weder von Nachbarn noch einer übergeordneten Stelle.

Pascale Hugues hat in Deutschland ihre ersten traumatischen Erfahrungen mit der Mülltrennung gemacht. Sie war gerade ganz neu nach Bonn gezogen und „eines Morgens trommelte es an meine Tür. … Ich öffnete die Tür. Sie hielt die graue Mülltüte in der Hand, die ich gerade in den Müllkeller gebracht hatte. Ich verstand nicht. Sie kippte den gesamten Inhalt der Tüte auf meinen Küchenboden aus.“ Das war der Grund, dass P. Hugues die Richtlinien des Umweltbundesamtes nicht nur studierte, sondern quasi auswendig lernen wollte bzw. musste. Aber letztendlich beobachtet sie auch hin und wieder Deutsche, die sich nicht immer an all diese Richtlinien halten. Ein kleiner Grund für P. Hugues, sich in gewissen regelmässigen Abständen einen kleinen Verstoss zu erlauben.

Neben vielen Alltagssituationen und gesellschaftlichen Unterschieden, liegen natürlich auch die Besonderheiten in der Sprache und in ihren Bedeutungen. Viele deutsche Wörter haben eine unglaubliche Kraft und Klarheit – denke man beispielsweise an das deutsche Wort „Donnerwetter“ -, die Franzosen wie Pascal Hugues begeistern und beeindrucken. Es gibt auch viele verdeutschte französische Wörter, die jedoch so manchen Franzosen fast schon zur Verzweiflung bringen. Nehmen wir das Wort „Niveau“. Im Französischen ist „Niveau“ ein Ergebnis-Mess-Intrument in der Schule. Doch im Deutschen gibt es Niveau fast überall. Bereits im Kaufhaus gibt es das 1. oder 2. Niveau, was wesentlich schicker klingt, als Etage. Interessant ist auch die Verwendung des deutschen „Niveaus“ hinsichtlich einer gesellschaftlichen Ebene bei der Suche eines geeigneten Lebenspartners, wie P. Hugues treffend auf den Punkt bringt: „Aber nirgends ist „mit Niveau“ schöner als auf der Website von ElitePartner: Partnersuche für Akademiker mit Niveau.“

Pascale Hugues durchforstet die deutschen, aber natürlich auch die französischen Eigenarten. Sie vergleicht und entdeckt interessante Unterschiede, aber auch kleine Anpassungsmerkmale von beiden Seiten, die das Leben vereinfachen, verbessern, und/oder bereichern können. Sie lässt kein aktuelles Thema aus, wie beispielsweise Streik und Korruption. Ihr messerscharfer Blick für die Feinheiten aus diesen Nachbar-Welten zeigt den Leser einen wunderbaren Querschnitt des Lebens auf beiden Seiten des Rheins. Durch ihren unglaublich subtilen, aber auch unheimlich direkten klugen Witz taucht der Leser in die doch manchmal schwere deutsche Seele aus Sicht einer Französin mit schwungvoller Leichtigkeit ein und spürt im gleichen Lese-Atemzug den koketten französischen Esprit.

„Deutschland à la française“ ist ein sehr kompetentes, amüsantes und aber vor allem  wichtiges Buch in den aktuell nicht einfachen Zeiten einer neu zu belebenden und vertiefenden deutsch-französischen Freundschaft!

Durchgeblättert – „Mehr Musenküsse“ v. Mason Curry/Arno Frank

Jetzt sind sie wieder da, die wunderbaren « Musenküsse » diesmal geschrieben und zusammengestellt von Mason Currey und Arno Frank. Bereits im ersten Band wurden berühmte Künstler und ihre Rituale treffend und mehr als kurzweilig vorgestellt. Im aktuell veröffentlichten zweiten Band « Mehr Musenküsse » bekommt Mason Currey durch Arno Frank die perfekte Unterstützung.

Mason Currey, in Pennsylvania geboren, studierte an der University of North Carolina und war einige Jahre Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Der erste Band « Musenküsse », der 2014 erschien, ist durch seinen Blog « Daily Routines » entstanden. Arno Frank, der nun die Ehre hat, bei der Fortsetzung mitzuwirken, war elf Jahre als Redakteur bei der taz in Berlin tätig und arbeitet nun als freier Journalist für Spiegel Online, Die Zeit und Musikexpress.

Lesen wir nicht alle gerne über Menschen und ihre Rituale, Alltagsgewohnheiten, ja vielleicht so gar auch über ihre Marotten und Eigenarten. Es hat doch einen gewissen, wenn nicht so gar starken Reiz, als Leser seine Nase in die Gewohnheiten berühmter und vielleicht sogar verehrender Künstler hineinzustecken. Bei den « Musenküssen » handelt es sich keinesfalls um eine Art Klatschpresse auf intellektuellem Niveau. Nein, es sind die richtig spannend zu lesenden Arbeitsrituale, die wir hier in knapper und nicht weniger präziser Manier kennenlernen dürfen, sei es von sowohl noch lebenden und als auch bereits verstorbenen Künstlern.

Wer hätte gedacht, dass zum Beispiel der Philosoph Peter Sloterdijk sich nicht nur nach getaner Schreibarbeit auf seinen Hometrainer schwingt und lange « Fahrradtouren » unternimmt, sondern sich auch gerne mal vom Fernseher berieseln lässt :

« Ich benutze das Fernsehen als Gleichgültigkeitsmaschine. »

Genau so wenig vorstellbar ist, dass der berühmte Tänzer und Choreograph George Balanchine sich sehr gerne mit Hausarbeit insbesondere mit seiner Wäsche beschäftigte :

« Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle. »

Peter Handke dagegen schreibt nur mit Bleistift. Der Grund war eine nicht vorhandene Schreibmaschine während eines Andalusienaufenthalts :

« Über das Geräusch eines Bleistifts könnte ich fast eine Ballade schreiben. Es ist auch schön und richtig zu radieren. »

Viele Künstler nutzen ihre Schlaflosigkeit als Schreib- und Arbeitspotential. Doch andere wiederum brauchen viel Schlaf und gehen äusserst früh zu Bett, um sich bereits in den frühen Morgenstunden in die Arbeit stürzen zu können. Für einige Schriftsteller ist ein Leben ohne Schreiben nicht vorstellbar. Andere brauchen Drogen und Alkohol damit sie überhaupt in Fahrt kommen. Und der Kaffee geht bei manchen als einziges Nahrungsmittel direkt durch den Magen. Aber auch Rituale wie kalte Bäder am Morgen oder bestimmte Speisen gehören zu den absolut notwendigen Gepflogenheiten, die zu einer erhöhten Produktivität beitragen können.

« Mehr Musenküsse » ist ein Vademekum der Sonderklasse, ein Panoptikum der Künste und Kultur. Mehr als 80 Persönlichkeiten lassen uns an ihren Alltagsritualen oder sollte man eher sagen Überlebens- und Arbeitsstrategien teilhaben. Mason Currey und Arno Frank haben ein Buch konzipiert, in dem man sich festliest und es so schnell nicht wieder aus der Hand legen kann. Die Prägnanz der Texte ist wie bereits beim ersten Mal wieder vom Feinsten und der Unterhaltsamkeitswert mehr als gegeben.

« Mehr Musenküsse » ist ein handlich gestaltetes Buch-Kunstwerk über und mit den verschiedensten Künstlern, Schriftstellern, Philosophen, Musikern, Komponisten und anderen Kreativen, das nur so vor Lebendigkeit sprüht, für Überraschungen sorgt und die Neugierde nach mehr steigert!

Durchgelesen – „Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ v. Eric-Emmanuel Schmitt

Der Umgang mit der Wahrheit ist nicht immer ganz einfach. Bereits in jungen Jahren lernen wir oft ehrlich zu sein und die Wahrheit zu sagen. Doch ist das hilfreich im Leben, bringt uns diese Wahrheit wirklich weiter, oder wäre nicht manchmal ein wenig Unwahrheit besser? Emile M. Cioran bringt es in seinem Zitat auf den Punkt: „Wir haben nur die Wahl zwischen unerträglichen Wahrheiten und heilsamen Mogeleien.“ Ja und genau diese Wahl greift Eric-Emmanuel Schmitt in seiner neuen Erzählung „Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ sehr gekonnt auf!

Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyon (Rhône Alpes), ist als Romancier, Novellenschreiber, Dramaturg und Regisseur tätig. Er zählt zu den wichtigsten französischen Autoren. Seine Eltern waren Sportlehrer und erfolgreiche Sportler – der Vater Frankreichmeister im Boxen und die Mutter im Gehen. Seine Mutter nahm Eric-Emmanuel Schmitt in jungen Jahren ins Theater mit und er war von seinem ersten Stück „Cyrano de Bergerac“, das er dort sehen durfte, so begeistert, dass er fortan nur noch schreiben wollte und mit 16 Jahren entschied, Schriftsteller zu werden. Nach seinem Abschluss an der École normale supérieure studierte er von 1980 bis 1985 Philosophie und promovierte 1987 über „Diderot et la métaphysique“. Anfänglich schreibt er viele Theaterstücke, für die er unter anderem 1994 mit zwei „Molière“ (bestes Theaterstück und bester Theater-Autor) für „Le Visiteur“ ausgezeichnet wurde. Er erhält eine Vielzahl von Auszeichnungen in Frankreich – den Prix de la Sélyre, Prix Chronos und den Prix Goncourt pour la Novelle 2010 („Concerto à la mémoire d’un ange“). Aber auch international wird Eric-Emmanuel Schmitt sehr geehrt, wie beispielsweise der Deutsche Bücherpreis 2004 für seine Erzählung „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, welche mit Omar Sharif in der Hauptrolle verfilmt wurde. Dieses letztgenannte Werk gehört zu einer Reihe, dem „Cycle de l’Invisible“, wie auch „Der Sumo, der nicht dick werden konnte“ und die nun aktuell – dank der hervorragenden Übersetzung von Marlene Frucht – veröffentlichte Erzählung „Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“.

Die Erzählung spielt in China. Der namenlose Ich-Erzähler – ein französischer Handelsvertreter – muss in regelmässigen Abständen wichtige Geschäftsverhandlungen mit einem chinesischen Spielzeughersteller vor Ort führen. Während der Verkaufsgespräche in einem Hotel versucht er sich immer ein wenig „Auszeit“ zu gönnen in dem er die Toiletten aufsucht und dabei Frau Ming kennenlernt. Sie ist die Toilettenfrau – in Frankreich auch „dame pipi“ genannt:

„Frau Ming war also für die Männertoilette im Grandhotel in Yunhai zuständig, eine Position, die, ihrem stolzen Auftreten nach zu urteilen, von ihrem Erfolg kündete. Hätte sie dagegen am Ende des Ganges die Frauentoilette sauber zu halten gehabt, so hätte das in dieser Nation, in der das männliche Geschlecht bevorzugt wurde, bedeutet, tief zu sinken; dort wäre sie Dienerin gewesen, hier aber war sie Herrscherin, weil die Männer in Scharen an ihr vorbeizogen, ihr zunickten, darauf warteten, dass sie ihnen gütig das Recht einräumte, sich zu erleichtern.“

Es dauert nicht lange und der Ich-Erzähler und Frau Ming freunden sich an. Sie hilft ihm, Flecken aus seiner Krawatte und seinem Hemd zu entfernen, und dabei erzählt Frau Ming von ihren zehn Kindern, was doch etwas ungewöhnlich war, vor allem im Hinblick auf die sogenannte Ein-Kind-Politik in China. Der französische Handelsvertreter ist überrascht und überzeugt, dass dies eine grosse Lüge sein muss. Doch als Frau Ming immer intensiver von ihren Kindern spricht und unglaubliche Details zum Vorschau kommen, wie zum Beispiel die unerschrockenen Zwillinge Kun und Kong, die beim Zirkus auftreten, oder Wang, der aufgrund seiner grossen Begeisterung für Gärten nun als Gartenarchitekt imaginären Gartenbau verkauft, wird auch der Ich-Erzähler unsicher. Gibt es nun die zehn Kinder oder ist alles ein Lügenmärchen?

Die Geschichte spitzt sich zu, als eines Tages Frau Ming nicht wie gewohnt an ihrem Arbeitsplatz erscheint und wegen eines Unfalls – sie wurde von einem Auto angefahren und verletzt – im Krankenhaus liegt. Der Ich-Erzähler versucht alles, sie zu finden und besucht sie am Krankenbett, wo er ganz überraschend auch auf ihre Tochter Ting Ting trifft. Doch Frau Ming ist deprimiert, da sie ihren Geburtstag im Krankenhaus verbringen muss und wünscht sich nur eins, alle zehn Kinder sollen sie an diesem Tag besuchen…

„Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ ist, wie bereits oben kurz erwähnt, ein Teil aus dem „Cycle de l’Invisible“, der sich mit anderen Kulturen und Weltreligionen literarisch beschäftigt. Hier wird uns so en passant die chinesische Kultur spielerisch und sehr charmant, dank der Unterstützung von Konfuzius näher gebracht. Es ist einfach sehr erstaunlich, aber auch die Kunst des Eric-Emmanuel Schmitt, wie viel wir doch in dieser Erzählung – auf gerade mal ungefähr hundert Seiten – über die chinesische Denkweise erfahren können. Schmitt schreibt spannend, einnehmend und raffiniert emotional. Sein Stil ist unglaublich flüssig, frei von behäbigen Pathos und dadurch besonders frisch und unverbraucht. Dass er dabei noch gekonnt die Weisheiten von Konfuzius integriert ist keineswegs überraschend, sondern Philosophie pur, die wir, als Leser, hier so leichtfüßig bei dieser Lektüre aufsaugen dürfen.

Und ganz besonders wichtig ist es, dass wir in dieser wundervollen Erzählung endlich erfahren werden: „Warum ertragen die Menschen die Wahrheit nicht“. Frau Ming erläutert es ganz klar und direkt ihrem „zehnten“ Kind, das durch die Wahrheitsliebe in seinem Leben nicht weiterkommt. Schmitt lässt Frau Ming mit so viel Liebe von ihren Kindern, welche ihr grosses, aber nicht unbedingt reales Glück bringen, sprechen, das nicht nur den französischen Handelsvertreter sondern auch uns Leser sehr berührt und ein wenig nachdenklich stimmt. Doch letztendlich ist diese kleine feine Erzählung, die vielleicht im ersten Moment auch ein wenig einfach erscheint, ein literarisch philosophisches Meisterwerk im Kleinformat.

„Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ ist eine so verführungsstarke Geschichte mit einer grandios verpackten Botschaft, in der die Wahrheit dank der gekonnt eingesetzten Lüge eine ganz andere Bedeutung bekommt und Sie, verehrter Leser, in einen unvorstellbar schönen und beglückenden Lebenstraum eintauchen, der hoffentlich nie enden möge!

Durchgelesen – „Sire, ich eile: Voltaire bei Friedrich II.“ v. Hans Joachim Schädlich

Spätestens seit dem 300. Geburtstag am 24. Januar 2012 ist der Preußenkönig Friedrich II. wieder in aller Munde. Und genau dieses Jubiläum könnte Hans Joachim Schädlich als Anlass genommen haben, auf die ganz besonders ungewöhnliche « Beziehung » zwischen Friedrich II. und Voltaire aufmerksam zu machen. Erwarten Sie jetzt kein neues Sachbuch über den Preußenkönig. Ganz im Gegenteil, Sie werden von Hans Joachim Schädlich mit einer äusserst kurzweiligen und espritvollen Novelle über die « Freundschaft » Friedrichs II. zu Voltaire, wie sie es in dieser literarischen Form sicherlich noch nicht gegeben hat, überrascht.

Hans Joachim Schädlich (geboren 1935 in Reichenbach im Vogtland) studierte Germanistik und Linguistik an der Humboldt-Universität Berlin und an der Universität Leipzig. Nach seiner Promotion arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin, bevor er 1977 aufgrund eines Ausreiseantrags in die Bundesrepublik übersiedeln konnte. Er wurde für seine Werke mit einer Fülle von Auszeichnungen geehrt, unter anderem 1992 den Heinrich-Böll-Preis, 1996 den Kleist-Preis, 1998 den Schiller-Gedächtnispreis und 2007 den Literaturpreis der Stadt Bremen. Heute lebt und arbeitet Hans Joachim Schädlich in Berlin. Ganz aktuell ist nun sein neuestes Werk « Sire, ich eile » erschienen, welches den Leser durch seine sprachliche Brillanz begeistern und neugierig machen wird.

« Sire, ich eile », erzählt die schwierige und irgendwie auch merkwürdige Konstellation zwischen Friedrich II. und Voltaire. Friedrich II. ist durch sein Geburtstags-Jubiläum wieder mehr ins Gedächtnis gerückt, wir wissen um seine Taten, « Erfolge » und Probleme, kennen sein Faible für die Philosophie und die Leidenschaft zur Musik, insbesondere zur Flötenmusik. Doch wer ist eigentlich Voltaire und warum wird er so stark von Friedrich II. umworben ?

Voltaire (1694 – 1778), heisst eigentlich François-Marie Arouet, gehörte zu den meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In erster Linie schrieb er als Lyriker, Dramatiker und Epiker für die intellektuelle Oberschicht Frankreichs. Und nicht nur für diese, auch die Adelschicht in ganz Europa, welche aufgrund ihrer Erziehung die französische Sprache lernte, war begeistert von seinen philosophischen Werken. Er beherrschte selbst mehrere Sprachen wie Englisch und Italienisch, reiste viel und lebte in Ländern wie Niederlande, Deutschland, England und der Schweiz. Er äusserte sich kritisch über den Absolutismus, die feudalistischen Zustände und die Monopolherrschaft der katholischen Kirche, deshalb wird er auch als Wegbereiter der Französischen Revolution bezeichnet. Zu seinen wichtigsten, bekanntesten und beliebtesten Werken – vor allem auch in deutscher Übersetzung – zählt « Candide oder der Optimismus », welches 1759 erstmals veröffentlicht wurde.

Hans Joachim Schädlich’s Novelle beginnt im Jahre 1732. Voltaire’s Theaterstück « Zaire » feiert grosse Erfolge in der Comédie Française (Paris). Er lernt durch den Comte de Forcalquier und zwei anderen Bekannten seine zukünftige Geliebte kennen. Es ist die Marquise du Châtelet, mit dem zarten Vornamen Émilie :

« Die vier fuhren nach Charonne und kehrten in einem Landgasthof ein. Auch im Gasthaus sass Voltaire neben Madame Châtelet. Seit diesem Abend konnten die beiden nicht mehr voneinander lassen.
Es war Liebe.
François und Émilie. »

Ein Jahr später finden François und Émilie endgültig zusammen und sie wird die Geliebte und Gefährtin von Voltaire, obwohl sie bereits seit 1725 mit dem Marquis du Châtelet-Lomont verheiratet und auch Mutter von einer Tochter ist. Davor war sie übrigens auch noch die Geliebte vom Herzog von Richelieu (ein Großneffe des Kardinals Richelieu). Émilie ist eine durchsetzungsstarke und sehr intelligente Frau. Sehr belesen und von philosophischen und metaphysischen Werken angezogen, beschäftigt sie sich intensiv mit Mathematik und Physik. Um einem Haftbefehl zu entgehen, verlässt Voltaire Paris und reist 1734 nach Cirey-sur-Blaise. Er zieht in das Schloss, das schon immer seiner Familie gehörte. Émilie kommt nach, hilft ihm beim Einrichten und Dekorieren. Widmet sich aber bald wieder ihren physikalischen Experimenten im eigenen Labor. Voltaire und Émilie arbeiten gemeinsam an verschiedenen naturwissenschaftlichen Werken.

Friedrich, noch Kronprinz, versucht sich mit philosophischen Werken abzulenken und mit dem Gedanken anzufreunden, dass er bald preußischer König wird. Er hasst die deutsche Sprache und Literatur und beginnt mit seinen ersten Kompositionen. Zum ersten Mal im Jahre 1736 erreicht Voltaire ein Brief des preussischen Kronprinzen. Und ab diesem Zeitpunkt beginnt ein nicht zu enden wollendes Umwerben von Seiten Friedrichs. Der zukünftige Preußenkönig wünscht nichts sehnlicheres als den Schöpfer dieser herausragenden philosophischen Werke bei sich zu haben. Er ist auf der Suche nach einem adäquaten Gesprächspartner und nach einem geeigneten Korrektor für seine philosophischen und poetischen Schriften.

1740 besucht Voltaire Friedrich zum ersten Mal in Kleve. Weitere Treffen folgen, doch Émilie ist skeptisch und spürt, dass Friedrich « ihren » Voltaire eigentlich nur « besitzen » möchte. Das belastet natürlich die Beziehung zwischen Émilie und Voltaire. Sie lässt sich auf einen anderen Mann ein, der ihr neuer Liebhaber wird und sie bald darauf auch schwängert. Und auch Voltaire hat eine neue Geliebte, seine Nichte Louise Denis. Friedrich drängt zunehmend, doch Voltaire vertröstet ihn, denn trotz der neuen « Liebesumstände » ist Voltaire nach wie vor für seine Gefährtin Émilie da und will ihr auch bei der Geburt beistehen. 1749 bekommt Émilie ihr Kind, sie stirbt jedoch einige Tage später und auch das Kind überlebt nicht.

1750 bricht Voltaire nun endgültig in Richtung Potsdam auf. Seine Reise gestaltet sich sehr schwierig und ist begleitet von vielen Hindernissen. Doch er versichert Friedrich sein Kommen in einem Brief :

« “ Sire, ich eile, ich werde kommen, tot oder lebendig. “ »

Voltaire wird am preussischen Hof von Friedrich empfangen und zu seinem Kammerherrn ernannt. Es dauert jedoch nicht lange und die beiden Männer stellen ihre unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und Charakterzüge fest. Die Situation eskaliert immer mehr. Es kommt zum « Freundschafts » – Bruch zwischen dem König und dem Philosophen. Voltaire möchte so schnell als möglich wieder abreisen, da die Lage sehr brenzlig wird. Er flieht, wird jedoch durch preussische Beauftragte auf Befehl von Friedrich in der Freien Reichsstadt Frankfurt festgehalten und unter Hausarrest gestellt…

Diese atemberaubende Geschichte – äusserst genau und präzise im Hinblick auf die Historie recherchiert – wird von dem Sprachkünstler Hans Joachim Schädlich auf gerade mal 140 Seiten erzählt. Eine Novelle voller Kraft und Genauigkeit, die ihren Glanz durch die minimalistischen und klaren Formulierungen erhält. Die Süddeutsche Zeitung schreibt über Hans Joachim Schädlich : « Ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreicht. »

Ja und genau diese Reduktion hat für den Leser viele Vorteile. Er muss sich nicht durch ein 500 Seiten starkes historisches Werk quälen. Die Novelle bietet klare Fakten und Informationen auf sprachlich höchstem Niveau. Mit Hilfe dezent versteckter Ironie spüren wir als Leser, wie schwierig es doch erscheint, als freiheitlich denkender Philosoph Freund eines von absoluter Macht gelenkten Königs – trotz musischer und philosophischer Ambitionen – zu sein. Ergänzend wird uns in diesem kleinen grossen Werk die wunderbare Gefährtin Émilie du Châtelet vorgestellt und wir lernen durch sie viel über die aufgeklärte Liebe.

Mit Raffinesse erzeugt Hans Joachim Schädlich beim Leser einen nicht zu erwartenden Wissensdurst. Man möchte sich am Liebsten nach dieser Lektüre in eine Biographie von Voltaire stürzen, sucht nach mehr Informationen über seine beeindruckende Geliebte und entdeckt wiederum interessante Seiten bei Friedrich II. Hans Joachim Schädlich ist somit das gelungen, was selten historische Werke vollbringen können : mit Knappheit und literarischer Kunst den Leser zu beglücken, nicht im geringsten zu langweilen, sondern ihn mit grosser Neugierde auf mehr zu entlassen. Kurzum, es macht nicht nur sehr grosse Freude, sondern es ist auch ein äusserst bereicherndes Vergnügen, diese wunderbare Novelle zu lesen !

Arthur Schopenhauer – Zitat

Der Leser hat das Buch für baares Geld gekauft und frägt, was ihn schadlos hält? Meine Zuflucht ist jetzt, ihn zu erinnern, dass er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiss. Es kann, so gut wie viele andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiss gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiss das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensieren.

Durchgeblättert – „Nietzsche“ v. Michel Onfray u. Maximilien Le Roy

« Das Kunststück der Lebensweisheit ist, den Schlaf jeder Art zur rechten Zeit einzuschieben zu wissen. » Diesem Aphorismus versuchte Friedrich Nietzsche so oft wie möglich zu folgen, vor allem als seine kranke Seele immer mehr Ruhe forderte. Und in dieser zur Ruhe gezwungenen Verfassung beginnt eine ganz besondere und ungewöhnliche Biographie –in Form einer Graphic Novel  – über den Philosophen Friedrich Nietzsche.

Michel Onfray, geboren 1959, selbst Philosoph, unterrichtete 20 Jahre lang an einem technischen Gymnasium philosophische Fächer, bevor er 2002 in Caen eine Privatuniversität (Université Populaire de Caen) ins Leben ruf, bei welcher ohne Zulassungsbeschränkungen und Studiengebühren jeder studieren kann – eine sogenannte Volksuniversität. 2006 gründete er eine zweite Universität in seiner Geburtsstadt Argentan (Université Goût d’Argentan). Onfray’s Denken begründet sich eher auf die hedonistische Philosophie, wodurch er die transzendentale Philosophie und die Religionen im Allgemeinen deutlich kritisiert. Seine publizistische Tätigkeit beginnt Onfray 1989. Mit dem Werk « Traité d’athéologie » (« Wir brauchen keinen Gott ») konnte er seinen grössten Erfolg mit einer Auflage von über 200.000 Exemplaren verzeichnen. 2010 erschien in Frankreich die Biographie über Nietzsche in Zusammenarbeit mit dem Zeichner Maximilien Le Roy unter dem Titel « Nietzsche. Se créer liberté », die wir nun erstmals in deutscher Sprache – dank der ausgezeichneten Übersetzung von Stephanie Singh – vorliegen haben.

Maximilien Le Roy, wurde 1985 in Paris geboren. Er absolvierte 2004 ein Jahr an der Kunstakademie, ging anschliessend nach Lyon und konzentrierte sich nur noch auf das Zeichnen von Comics. Er versuchte über zwei Jahre lang nach der Lektüre von Nietzsches « Also sprach Zarathustra » seine Philosophie in Illustrationen umzusetzen. Doch erst durch das Drehbuch von Michel Onfray über Leben und Werk Nietzsches entwickelte sich die eigentliche Idee für diese Graphic Novel. Le Roy reiste per Zug quer durch Deutschland, Italien und der Schweiz, immer auf den Spuren des Philosphen, um die notwendigen Eindrücke für dieses Comic-Vorhaben zu sammeln.

Diese intensive Beschäftigung mit Nietzsche von seitens Le Roy und das konkrete Textmaterial von Onfray ergeben in ihrer Summe eine perfekt konzipierte und fantastisch illustrierte Biographie von Friedrich Nietzsche in Comic Version.

Nietzsche ist der größte Denker der Menschheitsgeschichte. Er fasziniert, auch wenn wir ihn eigentlich gar nicht wirklich kennen. Er löst Fragen aus, die unbeantwortet bleiben. Und er ist menschlicher als wir uns je vorzustellen gewagt haben. Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 geboren. Er war ein musikalisches Kind, liebte die Musik und wäre auch sehr gerne Komponist geworden, obwohl er eigentlich das Pastorenamt anstreben sollte. Letztendlich wurde er im Alter von 24 Jahren bereits Professor für klassische Philologie in Basel. Le Roy zeichnet die Kindheit, Jugend und seine erste Begegnung mit Schopenhauer, den er anfangs sehr verehrte, aber sich nach einigen Jahren wegen dessen Pessimismus von ihm wieder abwandte. Wir lernen Nietzsche’s Schwester Elisabeth kennen und spüren seine nicht ganz unproblematische Beziehung zu ihr. Wir erleben, wie die Freundschaft zwischen Richard Wagner und ihm zerbricht. Im Gegenzug fühlen wir seine grosse Bewunderung für Georges Bizet. Und wir beobachten ihn bei der berühmten Szene, in der Nietzsche bei Paul Rée  – ein Freund von Lou von Salomé –  auf eher ungewöhnliche Weise um deren Hand anhält.

Michel Onfray und Maximilien Le Roy zeichnen ein prägnantes Porträt von Nietzsche. Wir werden Zeuge seiner vielen Reisen nach Venedig, Sils Maria, Nizza und Turin. Gleichzeitig fühlen wir durch die teilweise düsteren und dunklen Bilder, die Einsamkeit seiner Seele. Dieses Gefühl dürfte bereits durch den frühen Tod seines Vaters ausgelöst worden sein und setzte sich in der Tatsache, dass seine Werke sich sehr schleppend verkauften, weiterhin fort. Erst am Ende seines Lebens und nach dem Tod war sein Oeuvre wirklich gefragt. Nietzsche starb im Alter von 55 Jahren, nachdem sein Körper und sein Geist über zehn Jahre lang – im wahrsten Sinne des Wortes – zerfallen sind.

Mit feinster Zeichentechnik werden Nuancen in der Mimik der einzelnen Darsteller dieser Graphic Novel so differenziert und plastisch hervorgehoben, als stünde man nicht vor statischen Bildern, sondern habe den Eindruck, aktiver Teil eines « Films » zu sein. Jede Sprechblase ist konkret auf die Szene abgestimmt und absolut perfekt positioniert. Der Leser fühlt sich animiert durch die Dialoge und verspürt eine tiefe Lust Nietzsche bei all seinen vielen Spaziergängen zu begleiten und sich mit ihm ganz persönlich – inspiriert durch viele berühmte Zitate  – über seine philosophischen Ansätze zu unterhalten.

« Nietzsche » ist die visuell starke und unvergleichliche Biographie eines der grössten deutschen Philosophen. Dieses Buch eignet sich ideal als Einführungs-werk, nimmt die Unsicherheit vor der Komplexität der Philosophie und macht neugierig auf den Menschen und Dichter Friedrich Nietzsche. Aber auch der Kenner wird sich bei dieser Lektüre ausgesprochen wohlfühlen und keineswegs langweilen. Michel Onfray und Maximilien Le Roy ist ein brillantes Projekt gelungen. Deshalb gilt ab sofort : keine Angst mehr vor Nietzsche ! Wagen Sie Ihren ersten Versuch, Sie werden es nicht bereuen, denn auf schönere Weise könnte man Nietzsche und sein Werk nicht entdecken.

Friedrich Nietzsche – Gedicht

Das nächtliche Geheimnis

Gestern Nachts, als Alles schlief,
Kaum der Wind mit ungewissen
Seufzern duch die Gassen lief,
Gab mir Ruhe nicht das Kissen,
Noch der Mohn, noch, was sonst tief
Schlafen macht – ein gut Gewissen.

Endlich schlug ich mir den Schlaf
Aus dem Sinn und lief zum Strande.
Mondhell war’s und mild – ich traf
Mann und Kahn auf warmem Sande,
Schläfrig beide, Hirt und Schaf: –
Schläfrig stiess der Kahn vom Lande.

Eine Stunde, leicht auch zwei,
Oder war’s ein Jahr? – da sanken
Plötzlich mir Sinn und Gedanken
In ein ew’ges Einerlei,
Und ein Abgrund ohne Schranken
That sich auf: – da war’s vorbei! –

Morgen kam: auf schwarzen Tiefen
Steht ein Kahn und ruht und ruht —
Was geschah? so riefs, so riefen
Hundert bald – was gab es? Blut? –
Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen
Alle – ach, so gut! so gut!