Kategorie: Musik

Durchgelesen – „Das Ensemble“ v. Aja Gabel

Das Streichquartett ist eine der wichtigsten Gattungen der abendländischen Musikgeschichte. Es bezeichnet aber auch die Zusammensetzung eines Ensembles, das aus zwei Violinen, einer Bratsche und eines Cellos besteht, die von vier Musikern gespielt werden. Bereits Goethe hatte in einem Streichquartett nicht nur eine Musikgattung, sondern auch eine Zusammenführung von vier musizierenden Menschen gesehen:

„Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“

Und von genau vier solch „vernünftigen“ und in diesem Falle jungen Leuten erzählt dieser besondere Roman „Das Ensemble“ von Aja Gabel, der gerade aktuell dank der wunderbaren Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence in deutscher Sprache erschienen ist. 

Der Roman von Aja Gabel ist nicht nur eine Geschichte von vier Musikern, es sind eigentlich vier Geschichten von vier Mitgliedern eines Streichquartetts – eines Ensembles: die Erfolgsgeschichte, die Leidensgeschichte und vor allem die Liebes- und Freundschaftsgeschichte.

Es gibt vier Hauptcharaktere – vier Freunde –  und jeder hat eine einzelne Stimme, nicht nur im musikalisches Sinne, sondern auch im Lebenssinne und diese vier Einzelstimmen müssen in ihren einzelnen Persönlichkeiten in das komplexe Ensemble integriert und dazu zu einer musikalischen Stimme vereint werden.

Da gibt es Jana, 24 Jahre alt, die erste Geigerin, eine zielstrebige, zeitweise hektische Musikerin, die das absolute Gehör hat, auf Selbstvertrauen baut und sich von ihrer unerlässlich aufstrebenden Mutter, eine berühmte Schauspielerin zu sein, zu distanzieren versucht.

Henry, Bratschist, der jüngste des Quartetts und ein echtes Wunderkind. Dies sorgt nicht nur für Erstauen bei den anderen drei Musikern, sondern hin und wieder auch für Neid und grosse Auseinandersetzungen.

Dann treffen wir auf Daniel, den Cellisten dieses Ensembles, ein Musiker, der spät zur Musik kam, ein Musiker, der viel arbeiten bzw. üben muss, um den musikalischen Ansprüchen der anderen Drei gerecht zu werden.

Und dann gibt es noch Brit, die zweite Violinistin. Sie ist eine unverbesserliche Romantikerin, die manchmal den Schwerpunkt ihres Lebens nicht in die Musik legt, sondern sich lieber mit der Gründung einer eigenen Familie beschäftigt.

Diese vier Personen formen das Van-Ness-Quartett, sie lernen sich im Konservatorium kennen, befreunden sich und vereinen sich zu einem Ensemble, das in einer Zeitspanne von 1994 bis 2010 durch viele Höhen und vor allem auch Tiefen gehen muss. Die Musiker vermasseln einen Wettbewerb, sie streiten, sie kämpfen mit Missgunst und Unverständnis, sie planen die nächsten Konzerte, üben bis zum Umfallen und stehen auch vor vielen menschlichen und ganz persönlichen Entscheidungen…

Aja Gabel hat einen sehr intensiven, emotionalen, spannenden und auch aktionsvollen Debüt-Roman geschrieben, der mehr als nur das vielschichtige Leben und Wirken eines Streichquartetts erzählt. Diese enge Verknüpfung, diese Freundschaft, diese Nähe zwischen diesen vier Musikern, ist jederzeit übertragbar auf andere Freundesgruppen und Familien, die auch wie diese vier Musiker um Akzeptanz, Anerkennung, Wertschätzung und Respekt innerhalb ihres Ensembles hart arbeiten und kämpfen. 

Mit grosser Hingabe und Einfühlungsvermögen werden durch die Musik als Inbegriff der zwischenmenschlichen Kommunikation neue Erlebnisse, Konflikte und Lösungen vermittelt, die den Leser nicht nur in den Bann ziehen, sondern auch emotional berühren und aufrühren. Und trotz des – für den Laien – so unfassbar vorstellbaren Erfolgsdrucks eines Musikers, erleben wir diese vier sehr unterschiedlichen Charaktere, wie stark sie doch – schwankend zwischen spannungsgeladenen Differenzen und tief gehendem Einvernehmen – miteinander eng zusammengehören.

Das „Ensemble“ ist ein grossartiges Buch, das man bereits nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann. Und dieser Roman ist ein besonderes Geschenk, das den Leser nicht nur literarisch, sondern auch musikalisch verführt und man bereits während der Lektüre grosse Lust verspürt, so manch berühmtes Streichquartett sei es von Beethoven, Dvorak, Haydn, Mendelssohn, Mozart, Ravel, Schostakowitsch und Tschaikowski endlich neu oder wieder zu entdecken!

Durchgeblättert – „Mehr Musenküsse“ v. Mason Curry/Arno Frank

Jetzt sind sie wieder da, die wunderbaren « Musenküsse » diesmal geschrieben und zusammengestellt von Mason Currey und Arno Frank. Bereits im ersten Band wurden berühmte Künstler und ihre Rituale treffend und mehr als kurzweilig vorgestellt. Im aktuell veröffentlichten zweiten Band « Mehr Musenküsse » bekommt Mason Currey durch Arno Frank die perfekte Unterstützung.

Mason Currey, in Pennsylvania geboren, studierte an der University of North Carolina und war einige Jahre Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Der erste Band « Musenküsse », der 2014 erschien, ist durch seinen Blog « Daily Routines » entstanden. Arno Frank, der nun die Ehre hat, bei der Fortsetzung mitzuwirken, war elf Jahre als Redakteur bei der taz in Berlin tätig und arbeitet nun als freier Journalist für Spiegel Online, Die Zeit und Musikexpress.

Lesen wir nicht alle gerne über Menschen und ihre Rituale, Alltagsgewohnheiten, ja vielleicht so gar auch über ihre Marotten und Eigenarten. Es hat doch einen gewissen, wenn nicht so gar starken Reiz, als Leser seine Nase in die Gewohnheiten berühmter und vielleicht sogar verehrender Künstler hineinzustecken. Bei den « Musenküssen » handelt es sich keinesfalls um eine Art Klatschpresse auf intellektuellem Niveau. Nein, es sind die richtig spannend zu lesenden Arbeitsrituale, die wir hier in knapper und nicht weniger präziser Manier kennenlernen dürfen, sei es von sowohl noch lebenden und als auch bereits verstorbenen Künstlern.

Wer hätte gedacht, dass zum Beispiel der Philosoph Peter Sloterdijk sich nicht nur nach getaner Schreibarbeit auf seinen Hometrainer schwingt und lange « Fahrradtouren » unternimmt, sondern sich auch gerne mal vom Fernseher berieseln lässt :

« Ich benutze das Fernsehen als Gleichgültigkeitsmaschine. »

Genau so wenig vorstellbar ist, dass der berühmte Tänzer und Choreograph George Balanchine sich sehr gerne mit Hausarbeit insbesondere mit seiner Wäsche beschäftigte :

« Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle. »

Peter Handke dagegen schreibt nur mit Bleistift. Der Grund war eine nicht vorhandene Schreibmaschine während eines Andalusienaufenthalts :

« Über das Geräusch eines Bleistifts könnte ich fast eine Ballade schreiben. Es ist auch schön und richtig zu radieren. »

Viele Künstler nutzen ihre Schlaflosigkeit als Schreib- und Arbeitspotential. Doch andere wiederum brauchen viel Schlaf und gehen äusserst früh zu Bett, um sich bereits in den frühen Morgenstunden in die Arbeit stürzen zu können. Für einige Schriftsteller ist ein Leben ohne Schreiben nicht vorstellbar. Andere brauchen Drogen und Alkohol damit sie überhaupt in Fahrt kommen. Und der Kaffee geht bei manchen als einziges Nahrungsmittel direkt durch den Magen. Aber auch Rituale wie kalte Bäder am Morgen oder bestimmte Speisen gehören zu den absolut notwendigen Gepflogenheiten, die zu einer erhöhten Produktivität beitragen können.

« Mehr Musenküsse » ist ein Vademekum der Sonderklasse, ein Panoptikum der Künste und Kultur. Mehr als 80 Persönlichkeiten lassen uns an ihren Alltagsritualen oder sollte man eher sagen Überlebens- und Arbeitsstrategien teilhaben. Mason Currey und Arno Frank haben ein Buch konzipiert, in dem man sich festliest und es so schnell nicht wieder aus der Hand legen kann. Die Prägnanz der Texte ist wie bereits beim ersten Mal wieder vom Feinsten und der Unterhaltsamkeitswert mehr als gegeben.

« Mehr Musenküsse » ist ein handlich gestaltetes Buch-Kunstwerk über und mit den verschiedensten Künstlern, Schriftstellern, Philosophen, Musikern, Komponisten und anderen Kreativen, das nur so vor Lebendigkeit sprüht, für Überraschungen sorgt und die Neugierde nach mehr steigert!

Durchgelesen – „Mozarts letzte Arie“ v. Matt Beynon Rees

Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, vielleicht zünden Sie sich eine Kerze an, aber legen Sie auf jeden Fall Mozart auf ! Ab jetzt wird Sie nichts mehr daran hindern, sich für etwas mehr als 300 Seiten in das Wien des 18. Jahrhunderts versetzen zu lassen und in Verbrechen, Intrigen, Komplotte und Lügen begleitet von traumhafter Musik zu versinken.

Matt Beynon Rees (geb. 1967 in South Wales) arbeitete lange Zeit als Jerusalemer Bürochef der Time, für die er auch weiterhin freiberuflich tätig ist. Bekannt wurde Rees durch seine Krimis rund um den palästinensischen Lehrer Omar Jussuf. Für den Roman « Der Verräter von Bethlehem » wurde er sogar mit dem New Blood Dagger Award ausgezeichnet. Nach vier Krimis aus der Jussuf-Reihe ist nun sein aktuellstes Werk « Mozarts letzte Arie » dank der hervoragenden Übersetzung von Klaus Modick (u.a. Bettina-von-Arnim-Preisträger) erstmals in deutscher Sprache erschienen.

« Mozarts letzte Arie » ist ein historischer Kriminialroman, der sich vor allem um die Musik eines der grössten österreichischen Komponisten und insbesondere um dessen letzte Oper « Die Zauberflöte » dreht. Die Geschichte beginnt mit einem nicht ganz unwichtigen Prolog : Nannerl, die Schwester von Wofgang Amadeus Mozart, lässt ihren Neffen Franz Xaver Mozart (Mozarts Sohn) zu sich rufen, um ihm etwas sehr Wichtiges zu übergeben. Es handelt sich um ein Tagebuch, das vor vierzig Jahren seine Tante (Nannerl) während einer Reise nach Wien kurz nach dem Tod Mozarts geführt hat. Und genau hier – also kurz vor dieser Reise – setzt nun die eigentliche Kriminalgeschichte ein.

Wir befinden uns im Jahre 1791. Nannerl ist mit Johann Berchtold von Sonnenburg verheiratet und lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Salzburg. Sie führt ein eher ruhiges, um nicht zu sagen fast schon beschauliches und sehr zurückgezogenes Leben. Doch spätestens ab dem Moment, als sie einen Brief von Constanze (Mozarts Frau) erhält, ist ihr Leben von einer Sekunde auf die andere vollkommen durcheinandergewirbelt. Der Brief enthält eine sehr traurige Nachricht : Wolfgang, ihr Bruder, ist am 5. Dezember gestorben und liegt bereits beerdigt in einem einfachen Grab auf dem Sankt Marxer Friedhof in Wien. Constanze schreibt von der Premiere der « Zauberflöte », von Klatschgeschichten bezüglich einer eventuellen Untreue ihres Mannes, von einem Freund namens Hofdemel, der seine Frau mit einem Messer misshandelt und sich dann selbst getötet hat, weil sie eventuell die Geliebte Mozarts gewesen sei. Constanze erklärt ergänzend, dass dieser Mensch auch noch Mozart mit Gift ermordert haben soll.

Nannerl ist erschüttert von dieser traurigen Nachricht und gleichzeitig voller Erregung im Hinblick auf die Mordgerüchte, da sich dahinter nicht nur verlogenes Getuschel, sondern auch eine gewisse Wahrheit verstecken könnte. Denn Mozart selbst war – laut Constanze – bereits einige Wochen vor seinem Tod der Überzeugung, dass man ihn vergiftet hätte. Er sei angeblich an einem Fieber gestorben, das jedoch nicht mehr behandelt werden konnte. Nannerl ist verwirrt und versucht sich alle nur erdenklichen Mordmotive vorzustellen, doch letztendlich gibt es nur eine Möglichkeit, um die echte Wahrheit herauszufinden : sie muss nach Wien reisen und das Grab von ihrem Bruder aufsuchen. Nannerls Mann reagiert alles andere als tröstend und verständnisvoll, doch sie lässt sich nicht abbringen und fährt mit ihrem Dienstmädchen nach Wien.

Sie steigt in einem Gasthof ab und besucht gleich nach ihrer Ankunft ihre Schwägerin. Sie trösten sich gegenseitig und Constanze berichtet von dem grossen Erfolg, welche « Die Zauberflöte » auslöste. Es war nämlich nicht nur die Musik, welche die Menschen so angesprochen hatte, es war mehr :

“ « Die Zauberflöte ? Sie wird mehr gelobt als jedes andere seiner Werke. Nicht nur der Musik wegen, so erstaunlich das sein mag. »
« Für was denn noch ? »
« Für ihre Philosophie. Dass jedermann friedlich und brüderlich miteinander leben kann. Wolfgang hat sie zusammen mit seinem Freund Schikaneder geschreiben, dem Intendanten des Freihaustheaters. Nun ja, du solltest dich besser mit Schikaneder darüber unterhalten ; aber für mich steht fest, dass Die Zauberflöte Wolfgangs Glauben an Gleichheit und brüderliche Liebe zum Ausdruck bringt. »“

Die beiden Frauen diskutieren über die Mordgerüchte und dabei erwähnt Constanze, dass Wolfgang sich ganz sicher war, dass er mit Acqua Toffana – einer ganz besonderen Mischung verschiedener Giftstoffe – vergiftet wurde. Constanze glaubt es nach wie vor nicht und denkt, dass ihr Mann einfach trübsinnig war und seine hohen Schulden ihn vollkommen aus der Bahn geworfen hätten. Doch Genaues wusste sie nicht, denn seine Probleme vertraute Mozart nur seinen Logenbrüdern, wie zum Beispiel dem Prinzen Karl Lichnowsky, an. Nannerl war nicht im geringsten überrascht, dass sich ihr Bruder mit Freimaurern eingelassen hatte. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass ihm in Hinblick auf seine letzte Oper eine Bruderschaft, die sich um Gleichheit bemühte, als sehr anziehend erscheinen musste.

Inzwischen ist die emotionale Nähe zu ihrem verstorbenen Bruder Wolfgang wieder aufgeblüht, nachdem sie sich ja einige Jahre vor seinem Tod nicht mehr gesehen hatten, aber auch ihr starkes Bedürfnis nach endgültiger Wahrheit lässt sich nicht mehr unterdrücken. Nannerl stürzt sich in die Wiener Gesellschaft, trifft sich mit Emanuel Schikaneder und Anton Stadler (Musiker und Freund Wolfgangs), lernt den Schauspieler Karl Gieseke kennen und macht die Bekanntschaft des Baron Gottfried van Swieten (Direktor der kaiserlichen Bibliothek und Leiter der Zensurbehörde). Sie erkennt immer mehr die Verstrickungen nicht nur im Wiener Hochadel, sondern auch in den Geheimlogen. Nannerl kann gerade noch einem Überfall entkommen, muss bei einem Besuch der Oper « Die Zauberflöte » mitansehen, wie Gieseke tot im Bühnenbild hängt und entdeckt dazu noch Komplotte mit den österreichischen und preussischen Geheimdiensten. Raffiniert setzt sie ihre wundervollen Klaviermusik-Künste kriminalistisch ein und ist somit dem Mörder oder den Mördern ihres Bruders mehr und mehr auf der Spur…

« Mozarts letzte Arie » ist – wie Matt Beynon Rees im Anhang selbst erläutert – ein auf die historischen Ereignisse ruhender Roman, bei dem er nur bei einigen Figuren die Fiktion ein wenig hat einfliessen lassen. Aber genau dies macht diesen Krimi zu einem ganz besonders informativen und mitreissenden Werk. Rees verleiht den einzelnen Figuren eine so intensive und markante Persönlichkeit, dass man sich bei der Lektüre fast wie bei einer Filmvorführung fühlt. Man taucht dadurch so tief in die Geschichte ein, so dass das Buch zu einer Art « Opernbühne » wird und der Leser sich nicht mehr wundern muss , wenn er glaubt, die kristallklare Sopranstimme der « Königin der Nacht » wirklich zu hören.

Dieser Krimi entwickelt einen unvergleichlichen Sog und zieht den Leser auf subtilste Weise in besondere Sphären hinein, die voller Musik sind, aber eben nicht nur. Denn Politik, Gesellschaft und Geheimlogen spielen in diesem Werk eine sehr wichtige Rolle und werden äusserst galant und fesselnd – als wäre die Geschichte ein grosses Spinnennetz – miteinander verwoben. Matt Beynon Rees fängt den Leser durch seinen fantastisch gelungenen Spannungsbogen sofort ein und man spürt parallel nicht nur die musikalische, sondern auch die emotionale Kraft bezüglich der grossen Geschwisterliebe zwischen Nannerl und ihrem Bruder Wolfgang. Somit ist man als Leser einerseits sensibel berührt, aber andererseits in der unerbittlichen Suche nach dem Mörder unglaublich stark gefesselt.

Matt Beynon Rees bietet darüberhinaus in seinem Roman ein sehr beeindruckendes und atmosphärisch dichtes gesellschaftliches und musikalisches Porträt der Stadt Wien Ende des 18. Jahrhunderts. « Mozarts letzte Arie » ist ein perfektes Buch für jeden Krimifreund, der das Besondere sucht! Hier geht es eben nicht nur um den klassischen Mord und Totschlag, sondern um gesellschaftliche und politische Intrigen und vor allem um die Bedeutung und Auswirkungen der Musik bzw. bestimmter Kompositionen. Man kann diesen Roman bestimmt auch als Lehrstück in Punkto Wahrheit verwenden und lernt dabei auch, was es heisst, wenn man von der Macht der Musik spricht. Kurzum « Mozarts letzte Arie » ist ein sehr kluger und spannender Musik-Krimi, der nicht nur Reiselust erzeugt, sondern vor allem als eine Art musikalisches « Amuse-Gueule » richtig « Appetit » auf Mozarts Opern macht!

Durchgeblättert – „Lies und Höre – Orte der Dichtung und Musik“ v. Volker Gebhardt

Deutschland, das Land der Dichter und Musiker, aber auch der kulturellen Orte wie Theater, Musikhäuser und Bibliotheken. Ein Land das zwar Vieles bietet, aber leider oft unentdeckt bleibt. Wie wäre es nun mit einer Reise zum Beispiel auf den Spuren von Goethe, Hölderlin, Bach und Beethoven. Da werden Sie nun sagen, alt bekannt und nicht wirklich etwas neues, doch weit gefehlt !

Um die Bedeutung vieler pompöser Villen und Gebäude, aber auch kleiner Gartenhäuschen etc. zu verstehen, werden wir von Volker Gebhardt mit seinem faszinieren Bild- und Textband « Lies und Höre » auf eine Art kulturelle Wanderung durch Deutschland mitgenommen. Volker Gebhardt hat nach seinem Studium der Kunstgeschichte am Warburg Institute in London in verschiedenen Verlagen gearbeitet und ist heute als freier Autor und Publizist tätig. Bei diesem kulturellen Reisebuch wurde er von den zwei Fotografen Horst und Daniel Zielske begleitet, die sich seit über zwanzig Jahren auf Landschafts- und Architekturfotographie spezialisiert haben.

Gleich zu Beginn dieser besonderen « Lies und Höre » – Reise findet man in diesem sehr aufwendig gestalteten Buch direkt neben dem Inhaltsverzeichnis eine äusserst übersichtliche Deutschlandkarte mit den jeweilig gekennzeichneten kulturellen Orten, die in diesem Band besprochen bzw. vorgestellt werden. Man muss fairerweise ergänzen, dass hier aufgrund einer ganz bewussten Auswahl von Volker Gebhardt, ein gewisser Mut zur Lücke im Hinblick auf Dichterhäuser etc. beabsichtigt war. Es geht hier nicht darum alles abzudecken, sondern besondere und bedeutende Repräsentanten der deutschen Kultur in den Mittelpunkt zu rücken.

Somit können wir unsere Reise beispielsweise im Süden starten : Über das Hermann-Hesse-Haus in Gaienhofen oder den Hölderlinturm in Tübingen – weiter in die Mitte Deutschlands nach Leipzig zum Bachmuseum und der Thomaskirche  – mit einem Schlenker nach Osten zu einer Wanderung durch das Ruppiner Land auf den Spuren von Theodor Fontane  – mit dem Endziel im Norden Meeresluft zu schnuppern und dabei das Theodor-Storm Museum in Husum zu besuchen.

Sie können aber auch im Norden mit einem Abstecher ins Buddenbrookhaus in Lübeck beginnen, in den Westen weiterreisen nach Bonn für einen kurzen Besuch im Beethoven-Haus, um dann von dort aus direkt quer durch die Republik im Osten eine Pause in Goethes Gartenhaus in Weimar einzulegen. Weiter geht es dann über einen kleinen Umweg über Bayreuth und Richard Wagner schliesslich nach Meersburg an den Bodensee, um als krönenden Abschluss den schönen Alpenblick vom Domizil der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff aus geniessen zu können.

Wie Sie sehen, kann kulturelles Reisen sehr abwechslungsreich und kurzweilig sein. Volker Gebhardt führt uns mit seinem Buch « Lies und Höre » an Orte, die wir nicht so schnell wieder vergessen, zeigt uns überraschende Details und macht uns durch seine prägnanten Kurzbiographien der Dichter, Musiker und Denker neugierig auf mehr. Dieser gelungene Band besticht durch sehr kompetente Texte und die traumhaften Landschafts- und Architektur-aufnahmen, die eine Reise wunderbar ergänzen, aber natürlich niemals ersetzen würden. Denn wie bereits Goethe treffend formulierte : « Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. » Deshalb zögern Sie nicht länger! Lassen Sie sich durch dieses schöne Buch inspirieren. Reisen Sie auf den Spuren deutscher Philosophen und Literaten und geniessen Sie die dazugehörige Musik in der beeindruckenden Architektur deutscher Konzert- und Opernhäusern !

Durchgelesen – „Die Teufelssonate“ v. Alex van Galen

Musik kann Leidenschaft erzeugen, Musik kann aber auch zur Obsession werden, wodurch die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn kaum mehr erkennbar sind. Will man die Macht der Musik begreifen, braucht man nur die einzelnen Biographien berühmter Musiker und Komponisten studieren, und man wird zu den ungewöhnlichsten Erkenntnissen kommen. Als wahrlich einfachere und unterhaltsamere Alternative dazu empfiehlt sich dieser faszinierende und sehr fesselnde Roman « Die Teufelssonate » !

Alex van Galen wurde 1965 geboren. Bereits als Kind hatte er durch einen ungewöhnlichen Zufall auf seinem Schulweg den Konzertpianisten Jan Beekmans aus Brabant gehört. Van Galen wurde durch einen wunderbaren Kontakt sein einziger Privatschüler. Aus dieser Schüler-Lehrer-Beziehung entwickelte sich eine sehr wichtige Freundschaft, die van Galen noch heute in seiner Arbeit als Schriftsteller beeinflusst. Er studierte Literaturwissenschaft an der Universität Utrecht und arbeitete sehr erfolgreich als Drehbuch-schreiber für das Fernsehen. « Die Teufelssonate » ist sein zweiter Roman, der bereits in den Niederlanden in kürzester Zeit zu einem unglaublich grossen Erfolg wurde.

« Die Teufelssonate » spielt in Paris und Amsterdam. Der Hauptprotagonist ist Mikhael Notovich. Er ist nicht nur ein berühmter Pianist, sondern auch ein Frauenverführer und ungebremster Exzentriker, mit dem Hang zu manisch-depressiven Anwandlungen, die ihm nicht nur sein Musikleben kosten, sondern auch andere Menschen in seinem Umfeld verstören und zerstören.

Notovich ist besessen von der Musik, doch trotzdem lernt er immer wieder besondere Frauen kennen. In diesem Fall ist es die junge unbekannte Künstlerin Senna. Sie macht ihn mit ihrer Art einerseits wahnsinnig, andererseits kann er aber ohne sie nicht leben. Sie selbst ist eine sehr schwierige Persönlichkeit, lässt sich treiben, ist mal da, mal dort. Doch Notovich ist ganz verrückt nach ihr und versucht Liebe und Musik unter einen Hut zu bringen. Doch wenn er sich der Musik und hauptsächlich seinem grossen Idol dem Komponisten Franz Liszt hingibt, vergisst er alles um sich herum. Es spielt sich in Trance und verliert jeglichen Bezug zur Wirklichkeit. Und so kommt es dass er sein letztes öffentliches Konzert in einem Pariser Theater musikalisch sehr riskant, aber trotzdem mutig beginnt :

« Notovich fing an zu spielen. Ein Präludium stand auf dem Programm, aber er hielt sich nie an Programme. Er begann mit der fünften Transzendentalen Etüde von Franz Liszt. Diese Etüde ist schwindelerregend schwierig, beinahe unspielbar. Kein normal denkender Mensch würde ein Konzert damit eröffnen. »

Er spielte sich in einen wahren Rausch und bemerkte keine Sekunde, dass seine Hände voller Blut waren. Der Direktor des Theaters unterbrach das Konzert und zwei Polizisten führten Notovich ab. Er wurde verdächtigt, seine grosse Liebe Senna getötet zu haben. Doch Notovich erinnerte sich an gar nichts, er hatte oft Blackouts, auch beim Spielen. Die Polizei konnte ihm nichts konkretes nachweisen, deshalb verlässt er Paris und geht nach Amsterdam. Doch da taucht plötzlich sein Konkurrent Valdin auf. Er lädt Notovich zu einem geheimen Konzert ein und fordert ihn zu einem Pianisten – Duell heraus. Valdin provoziert ihn in Punkto seiner Besessenheit bezüglich der Liszt’schen Kompositionen und versucht ihn vollkommen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Denn Valdin ist der Einzige, der das Geheimnis um den Tod von Senna in allen Details kennt…

Der Thriller nimmt seinen rasanten Lauf. Wir befinden uns in einem Rausch, der verwoben ist mit Liebe, Leidenschaft, Hass, Enttäuschung und sehr viel emotionaler Musik von Chopin, Rachmaninoff und natürlich von Franz Liszt. Und  nach knapp vierhundert Seiten erwacht der Leser aus einem musikalischen Höllen-Traum, der die Musik nicht nur von seiner freundlich hellen, sondern besonders auch von seiner absolut düsteren Seite zeigt.

Alex van Galen ist mit seiner « Teufelssonate » ein atemberaubendes Buch gelungen, das durch die anspruchsvolle Sprache, die subtile Spannung, die einen immer mal wieder an Alfred Hitchcock erinnert, und durch die sehr fundierten Informationen über Pianisten und Komponisten beeindruckt. Gleichzeitig spürt man bei diesem Buch auch die Kunst des Drehbuch-schreibers, der hier am Werk ist. Rückblenden und Gegenwart im ständigen Wechsel, die feine Charakterisierung der Hauptakteure und die ständige Präsenz der Musik, all dies würde sich ganz wunderbar in einen Film verwandeln lassen. Man sieht die zwei Klaviervirtuosen direkt vor den lesenden Augen, «hört» das Spiel und fühlt sich dadurch immer mal wieder an berühmte Pianisten erinnert, wie beispielsweise Sviatoslav Richter – der auch nur im Dunkeln mit einem kleinen Spot für die Klaviertasten spielte – oder Lazar Berman – der Hände wie ein Bär hatte und mehr als eine Oktave greifen konnte – .

Diese Bildhaftigkeit macht diesen Roman zu einem sehr starken literarischen und extrem spannenden Musikerlebnis. Deshalb ist dieser Pianistenthriller eine richtig gute Lektüre für jeden Klaviermusikliebhaber, der mit Chopin, Liszt und Rachmaninoff vertraut ist. Aber auch der vielleicht nicht ganz so klassik-erfahrene Krimileser wird mit «Der Teufelssonate » auf seine Kosten kommen, denn sie ist mehr als packend und mitreißend. Man könnte von einem echten « Pageturner » sprechen, der darüberhinaus dem Leser noch zusätzlich die wunderbare Welt der Klaviermusik eröffnen kann. Denn was gäbe es nach der Lektüre nicht Schöneres als die berühmte und sehr emotionale Sonate h-moll von Liszt neu oder wieder zu entdecken und dieses grossartige Buch mit all seiner Musikalität nochmals nachwirken zu lassen !

Durchgeblättert – „Tango – Wehmut, die man tanzen kann“ v. Salas & Lato

Tango, was ist das eigentlich? Genau diese Frage wird in diesem aussergewöhnlichen Buch „Tango – Wehmut, die man tanzen kann“ nicht nur beantwortet. Nein, dieser Band ist viel mehr als ein einfaches Sachbuch über Tango, denn hier wird dieser berühmte Tanz – im Jahr 2009 übrigens von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt –  auf ganz besondere Weise durch prägnante Texte und Zeichnungen vorgestellt und fühlbar zum Leben erweckt.

Bereits 1999 wurde dieses Werk in Buenos Aires veröffentlicht und hat sich bis heute zu einem echten Kultbuch entwickelt, das Horacio Salas und Horacio Santana (genannt Lato) in einer wunderbaren Zusammenarbeit erschaffen haben. Glücklicherweise ist „Tango“ nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen, die bei jedem Tango-Begeisterten und Buchliebhaber das Herz höher schlagen lässt.

Horacio Salas – geb. 1938 – wird als der grösste Tangospezialist der Welt bezeichnet. Er hat mehr als dreissig Bücher, unter anderem eine umfangreiche Sozialgeschichte, ein Wörterbuch und ein Buch über die Poesie des Tangos, verfasst. Er ist Gründungsmitglied der Academia Nacional del Tango, Kultursenator von Buenos Aires und Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Lato – geb. 1960 – ist über die argentinischen Landesgrenzen hinaus ein sehr bekannter und erfolgreicher Comiczeichner und Illustrator. Gemeinsam haben sie hier aus einer Mischung von griffigen kurzen Texten und dynamischen Zeichnungen in Real-Comic-Version ein bibliophiles Gesamtkunstwerk voller Leidenschaft, Musik und Tanz komponiert.

Der Leser wird von Salas sensibel und informativ in die Geschichte des Tangos von den Anfängen bis zur Gegenwart eingeführt, in dem er über diesen Tanz-Mythos aufklärt. Dadurch entstehen konkrete Einblicke in die Milieus, wo der Tango entstanden ist und wie er sich im Laufe der Zeit musikalisch weiterentwickelt hat. Das Buch ist auch eine kleine Reise durch die Geschichte Argentiniens . Musiker, Sänger, Poeten, Autoren, Tänzer und die vielen Einwanderer aus Italien, Spanien und aus anderen europäischen Ländern,  alle sind ein Teil des Tangos. Es geht um Heimweh, Liebe und Träume der Menschen. „Tango“ erläutert dem Leser nicht nur die Verknüpfungen zwischen Tanz und Poesie sondern auch zwischen Musik und Buenos Aires bzw. Argentinien:

„Die Gedichte von Jorge Luis Borges und Astor Piazzollas Tangokompositionen gehören neben den Erzählungen von Julio Cortàzar, den Büchern von Roberto Arlt und den Versen von Martìn Fierro, der unvergesslichen Stimme Gardels, der Gitarre von Atahualpa Yupanqui, dem Bandoneon von Troilo und dem dichterischen Schweigen von Goyeneche zum kulturellen Erbe Argentiniens. Ohne die Takte von Adiòs Nonino und Verano porteno wäre das Land nicht das, was es ist. Das neue Buenos Aires ist mit der Musik von Astor Piazzolla verwoben.“

Durch die lebendigen und plastisch temperamentvollen Zeichnungen von Lato fühlt und durchlebt man die magische Atmosphäre, die der Tango ausstrahlt. Die Musik dringt unaufhaltsam durch die sehr prägnanten Worte Salas zum Leser, dass man fast schon ein rythmisches Zucken in den Beinen verspüren mag und sich nur noch schweigend und vollkommen konzentriert dem Tango hingeben möchte.

Der Tango ist viel mehr als nur ein einfacher Tanz. Er ist Lebenskultur, Sehnsucht und Melancholie. Er ist Hingabe und Abweisung zugleich, er ist ernst und er gibt Raum zum Nachdenken.

Der Leser spürt all diese Emotionen in diesem betörenden und verzaubernden Buch. Hier tanzen Buchstaben und Bilder im Rythmus des Tangos, so dass man sich nach dem sinnlichen Lesegenuss nur noch eines wünscht: Tangounterricht in Buenos Aires!

Durchgelesen – „Vindings Spiel“ v. Ketil Bjornstad

Dies ist ein spannender und gleichzeitig sehr einfühlsamer Roman über die Liebe zur Musik und über das Erwachsenwerden.

Die Geschichte spielt in Norwegen in den sechziger Jahren. Der Protagonist in diesem Roman ist der fünfzehnjährige Aksel Vinding, der auch als Ich-Erzähler fungiert. In seiner Familie gibt es immer Ärger, mit seinen Eltern und mit seiner älteren Schwester. Und dann passiert auch noch ein Unglück. Bei einem Badeausflug ertrinkt seine eher lebensfrohe und sorglose Mutter.  Dies ist ein Drama für die ganze Familie, und Aksel kann mit dem Verlust und der Trauer nur sehr schwer umgehen.

Er beschliesst deshalb, die Schule abzubrechen und entscheidet sich nur noch für das Klavierspiel. Mit dieser Entscheidung fühlt er sich ihr am Nächsten, denn seine Mutter hat es ihm beigebracht und die Liebe zur Musik vermittelt. Er spielt Tag und Nacht, um zu vergessen, aber auch um Pianist zu werden. Es dauert nicht lange und er taucht ein in die Welt der jungen Künstler und lernt dabei die junge sensible und hochbegabte Anja Skoog kennen.

Fortan besteht sein Leben aus Ravel, Chopin, Beethoven, aus Konzertdebüts, Wettbewerbe und Konkurrenz. Er verliebt sich in Anja und entdeckt ein Geheimnis in ihrer Familie. Und er spürt auch, dass der Stress mit Konzertagenturen und der Druck im Allgemeinen ihn an seine Grenzen bringt.

Bjornstad beschreibt wunderbar die Liebe zur Musik, was sie aus den Menschen macht und wie weit man mit der Musik gehen kann. Ein Liebesroman, eine brillant erzählte Hommage an die Musik und ein kenntnisreicher Roman über die Musikszene in den Sechzigern. Ein Buch voller Gefühl, Leidenschaft und Melancholie!