Kategorie: Schweiz

Durchgelesen – „Das Päckchen“ v. Franz Hohler

Kann ein kleines Päckchen ein eher beschaulich friedvolles Leben durcheinanderbringen? Natürlich! Und wie es das kann, zeigt uns mit seiner wundervollen Erzählkunst Franz Hohler mit dem gerade aktuell erschienen neuen Roman „Das Päckchen“.

Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, ist nicht nur Liedermacher und Kabarettist, sondern auch Schriftsteller. Bereits während seines Germanistik- und Romanistik-Studiums hat er sein erstes Kabarettprogramm aufgeführt. Er hat mit Grössen aus der Kabarett-Szene wie zum Beispiel Hanns Dieter Hüsch und Emil Steinberger zusammengearbeitet. Sein umfangreiches Gesamtwerk bietet neben vielen Kabarettprogrammen, Theaterstücken, Film- und Fernseh-Produktionen, auch Kinderbücher und natürlich Kurzgeschichten und Romane. Franz Hohler wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Kassler Literaturpreis 2002, dem Kunstpreis der Stadt Zürich 2005, dem Solothurn Literaturpreis 2013 und dem Johann-Peter-Hebel-Preis 2014. Er ist Mitglied beim International PEN und lebt in Zürich. Zu seinen wichtigsten Prosawerken zählen beispielsweise „Tschipo“ (Kinderroman) 1978, „Der neue Berg“ (Roman) 1989, „Es klopft“ (Roman) 2007 und „Gleis 4“ (Roman) 2013“. In diesem Leseherbst beschenkt uns Franz Hohler mit seinem neuen Roman „Das Päckchen“.

Die Geschichte spielt in verschiedenen Städten und Orten, wie Zürich, Bern, St. Gallen, in den Schweizer Bergen, aber auch in der Nähe von Regensburg nämlich im Kloster Weltenburg und in kleinen Orten Italiens. Das Besondere an diesem Werk sind die unterschiedlichen Zeitebenen, zwischen dem „Jetzt“ im 21. Jahrhundert und dem „Früher“ im 8. Jahrhundert, in die uns der Autor entführt.

Die Erzählung beginnt in Bern, in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo sich Ernst Stricker befindet und gerade dabei war, seine Frau anzurufen. Just in diesem Moment klingelt ein anderer öffentlicher Telefonapparat und Ernst nimmt das Gespräch entgegen.

„Und auf einmal war er unterwegs zu seiner alten Frau namens „Ich“, die Hilfe brauchte, seine Hilfe.“

Normalerweise war Ernst kein Mann der spontanen Tat. Er war 48 Jahre alt, arbeitete als Bibliothekar in der Zentralbibliothek Zürich. Mit seiner Frau Jacqueline ebenfalls Bibliothekarin in der Kantonsbibliothek St. Gallen, wohnte er in Winterthur. Er führte ein zufriedenes, aber letztendlich doch sehr unaufgeregtes und geordnetes Leben. Es war eine Überraschung, dass Ernst zielstrebig, diese alte Dame – unbekannterweise – in Bern aufsuchte. Die Dame wirkte etwas verwirrt, nannte ihn Ernst, verwechselte ihn mit ihrem Neffen und gab Ernst Stricker ein Päckchen zur Aufbewahrung, da sie Sorge hatte, es käme sonst in falsche Hände.

Er nahm das Päckchen mit nach Hause, versteckte es erst einmal, damit auch seine Frau nichts mit bekam. Doch lange konnte er seine Neugierde nicht unterdrücken und packte ganz vorsichtig, dieses kleine Päckchen aus.

„Zum Vorschein kam tatsächlich ein Buch, ein Buch, bei dessen Anblick Ernst eine Gänsehaut bekam.“

Das war auch kein Wunder, denn bei diesem besonderen Buch handelte es sich um das „Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Synonymwörterbuch, von dem man behauptet, dass es das älteste Buch der deutschen Sprache sei. Das meinte auch Ernst Stricker, dem diese Kostbarkeit sofort ein Begriff war und die – in seiner Erinnerung – neben zwei anderen sogenannten Abschriften zu den Schätzen der Stiftsbibliothek St. Gallen gehören musste. Das Original galt als verschollen. Vielleicht hielt er nun genau dieses Exemplar in seinen Händen? Ernst Stricker war berührt, betroffen und verwirrt zu gleich, er wusste im ersten Moment nicht, was zu tun war. Doch er forscht nach und taucht in die Welt des 8. Jahrhunderts ein, „trifft“ den neunzehnjährigen Novizen „Haimo“, der im Kloster Weltenburg – in der Nähe von Regensburg – mit der Abschrift dieses Wörterbuchs beauftragt wurde…

Und so beginnt eine wundervolle, spannende Geschichte, die mit Ernst Stricker einen perfekten „Detektiv“ gefunden hat. Franz Hohler lässt seine Haupt- und Nebenfiguren mit unglaublicher Vorsicht, aber auch mit grosser Intelligenz handeln und wirken. Trotz der grossen Zeitspannen wird man als Leser so persönlich vertraut durch die Handlung geführt, so dass man sich nie verloren, sondern ganz im Gegenteil fast schon als Teil oder „Assistent“ dieses Privatermittlers im Sinne der Buchkunst fühlt. Ja, man leidet mit, hofft endlich auf neue Erkenntnisse, freut sich über die nächsten Erfolgsschritte und überlegt, ob dieses besondere Buch, jemals da ankommen wird, wo es eigentlich hingehört.

Franz Hohler beweist wieder einmal zartes Feingefühl hinsichtlich eines schönen Themas, das ganz unerwartet, aber sicher nicht unabsichtlich Interesse auf mehr Details entfacht. Franz Hohler schreibt einfach brillant. Die Klarheit und Einfachheit in seinem unverwechselbaren Stil erwecken eine so elegant und kluge Leidenschaft, die den Leser mehr als beglückt.

Das „Päckchen“ ist ein literarisches Bijou und zählt sicherlich zu den wichtigsten und schönsten Entdeckungen in diesem Literaturherbst.

 

Gottfried Keller – Gedicht

Trübes Wetter

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.

Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.

Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.

Ich aber, mein bewußtes Ich,
Beschau‘ das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Max Frisch – Zitat

« (Warum ich Schriftsteller bin:) weil Schreiben noch eher gelingt als Leben, und weil für diesen Versuch, das Leben schreibend zu bestehen, der Feierabend nicht ausreicht. »

Durchgelesen – „Soutines letzte Fahrt“ v. Ralph Dutli

Kennen Sie Chaim Soutine, den weissrussischen Maler jüdischer Abstammung, den Zeigenossen Chagalls, der gute Freund von Modigliani… ? Falls nicht, sollten Sie spätestens jetzt zu dem fantastischen Erstlingsroman von Ralph Dutli greifen und sich mit ihm auf die « letzte Fahrt » von Soutine begeben.

Chaim Soutine wurde in einem kleinen Dorf in der Nähe von Minsk 1893 geboren. Obwohl die Familie sehr arm war, konnte Chaim – das elfte Kind – während seiner Ausbildung Kurse in Zeichnen belegen. Eigentlich sollte er Schuster oder Schneider werden. In der Schulzeit traf er Michel Kikoïne, der sein bester Freund wurde. 1910 verliess Soutine seinen Geburtsort und schrieb sich an der Kunstakademie in Vilnius ein zusammen mit seinem Freund Michel. Drei Jahre dauerte das Studium, das er erfolgreich abschloss. Kurz darauf reiste er nach Paris. Dort wurde er von einem Malerkollegen in ein Atelier eingeführt, wo zeitweise auch Künstler wie Marc Chagall, Fernand Léger und Amedeo Modigliani arbeiteten und lebten. 1918 reiste er mit Modigliani nach Südfrankreich und 1919 besuchte er die Region Longuedoc-Roussillon nähe der spanischen Grenze und blieb fast drei Jahre. In dieser Zeit entstanden fast 200 Bilder, hauptsächlich Landschaften und einige Porträts. Sein Stil hatte sich sehr weiterentwickelt, beeinflusst durch Cézanne, van Gogh und Bonnard und inspiriert durch sein Vorbild Rembrandt, konnte er aufgrund von Bilderverkäufen an einen amerikanischen Arzt und verschiedene Sammler endlich seine Armut überwinden. Ab 1925 lebte Soutine wieder hauptsächlich in Paris und sein Werk wurde nun durch Stilleben erweitert. Er wurde unterstützt von verschiedenen Mäzenen und konnte deshalb von 1930 – 1935 in einem noblen Landschloss in der Nähe von Chartres sich ganz seiner Kunst widmen. 1935 hatte er seine erste Ausstellung in den USA und 1937 lernte er die Jüdin Gerda Groth (Mlle Garde – Spitzname) kennen, sie wurde jedoch im Mai 1940 in ein Konzentrationslager in den Pyrenäen gebracht. Im November des gleichen Jahres lernte er die ehemalige Frau von Max Ernst kennen, Marie-Berthe Aurenche – kurz Ma-Be genannt -, die bis zum Tode seine Lebensgefährtin blieb. Soutine musste ständig nach einem Versteck suchen, um der deutsche Besatzungsmacht in Paris zu entkommen. Soutine hatte schon seit Jahren mit Magengeschwüren zu kämpfen und im August 1943 erlitt er infolgedessen einen Magendurchbruch und sollte schnellstens in einer Klinik operiert werden.

Ja und genau da beginnt nun dieser äusserst spannende und wahrlich dramatisch kunstvolle Roman « Soutines letzte Fahrt » von Ralph Dutli. Soutine muss – auf Anraten und Wunsch von seiner Frau Ma-Be – aus einem kleinen Provinzkrankenhaus nach Paris in die Spezialklinik gebracht werden, aber die Gefahr von den Deutschen entdeckt zu werden, ist sehr gross. Aus diesem Grund wird Soutine auf ganz besondere Weise diesen Weg antreten, vollgepumpt mit Morphium wird er als « lebender Toter » in einem Leichenwagen diese Strecke absolvieren mit Ma-Be an seiner Seite. Eine Frau ,die einen grossen Einfluss auf Soutine hatte, jedoch nicht immer nur im Positiven :

« Sie gilt als eine der halbverrückten Musen, nach denen die Surrealisten gierig waren. Jetzt ist sie vierunddreissig, hat dieses schöne traurige, milchige Gesicht und scheint grenzenlos unglücklich… Er weiss, dass sie neun Jahre mit dem deutschen Maler verheiratet war, am Montparnasse kennt jeder jeden, und was man über den einen oder den anderen nicht weiss, ergänzt das allgegenwärtige Gerücht. »

Während dieser Fahrt von Chinon an der Loire nach Paris versteckt in einem Leichenwagen und in einem delirumartigen Zustand durch das viele Morphium, um die Schmerzen irgendwie ertragen zu können, fantasiert Soutine und erzählt in wirren Einschüben von seiner Kindheit in der Nähe von Minsk, von seinem Kunststudium und von der nie aufhörenden Sehnsucht nach Paris zu gehen. Für ihn war dies die Stadt der Malerei, der Kunst :

« Paris wartet doch schon, sie wissen es. Paris ist ungeduldig, sie endlich zu sehen. Sie malen alles, was sie um sich sehen, Hundekadaver, elende Höfe, Begräbnisse, faltige, zitternde Gesichter und ringende Hände alter Krämerinnen. »

Doch ob Soutine nun wirklich auch jetzt in diesem « lebendig toten » Zustand noch nach Paris kommt, ist mehr als fraglich. Spätestens dann, als der Leichenwagen ohne Ankündigung stehen bleibt und er sich plötzlich in einem sogenannten « weissen Paradies » befindet, das eine Mischung aus Krankenhaus und Gefängnis ist, bleibt dies ungewiss. Hier soll Soutine nun geheilt werden von seinem Magengeschwür und das ganz ohne Operation :

« Was ist Weiss ? Die hellste Farbe, alle sichtbaren Farben, die meisten Lichtstrahlen reflektierend. Die umfassende Farbe, die unbunte Allesfarbe, in der alle anderen aufgehoben sind. Die Farbe des Himmels vor dem Blau. Des Himmels, der nur ein grosser geblähter weisser Magen ist.
Doch hier im Hangar ? in der Klinik ? ist alles anders. Pures blendendes kaltes Weiss ist alles um ihn her, was ihn nur verwundert. Er war hineingeglitten in eine weisse Schuhschachtel. »

Und in diesem « Krankenhaus » gibt es nicht nur normale Ärzte, sondern einen äusserst mysteriösen « Gott in Weiss », der ihn für geheilt hält und ihm gleichzeitig auch noch das Malen verbietet, doch das wird sich Soutine nicht gefallen lassen und fängt heimlich wieder an, sich dem Pinsel und den Farben zu widmen…

Ralph Dutli ist mit « Soutines letzte Fahrt » ein wahrlich sensationeller Kunstroman gelungen, der auf grandiose Weise historische und fiktive Elemente vermischt. Man spürt die intensive Auseinandersetzung mit Soutine, seiner Kunst und seinem Leben, aber gleichzeitig erkennt man die poetische Begabung Dutlis, die seinen ersten Roman zu einem unvergesslichen Leseerlebnis machen. Ralph Dutli (geb. 1954) studierte Romanistik und Russistik in Zürich und Paris. Er ist Herausgeber der zehnbändigen Ossip-Mandelstam-Gesamtausgabe und auch Autor der Mandelstam-Biographie « Meine Zeit, mein Tier ». Dutli wurde mit zahlreichen Preisen u.a. dem Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, geehrt.

« Soutines letzte Fahrt » ist ein mit Sprach – und Bildgewalt elegant durchkomponiertes literarisches « Kunstwerk », das durch seine Dynamik und Spannung auf äusserst raffinierte Weise den Leser einen beeindruckenden Einblick in das Leben von Chaim Soutine ermöglicht. Selten konnte man auf so anspruchsvolle, aber trotzdem auch mitreissende Weise sein Kunstwissen spielerisch erweitern und in eine Zeit eintauchen, die von Krieg, Besatzung, Verfolgung, vom Ende der Goldenen zwanziger Jahre in Paris und von einer durch Schmerz und Leid geprägten Kunst erzählt. Dieses Werk fordert Konzentration, lehrt über « Farben und Narben » und es hinterlässt einen so nachhaltig intensiven Eindruck, dass man nach der Lektüre, das sehr starke Bedürfnis, Soutines Bilder endlich – in welchem Kunstmuseum auch immer – mit eigenen Augen zu « erleben », kaum mehr unterdrücken kann!

Durchgelesen – „Paris. Eine Liebe“ v. Urs Faes

Paris, bekannt und oft erwähnt als Stadt der Liebe, werden wir hier nicht nur als Schauplatz, ja sondern auch als Protagonistin erleben können, die anderen Menschen einen Raum bietet, die gegenwärtige Wirklichkeit mit der Vergangenen zu vergleichen, zu vermischen und neu zu entdecken.

Urs Faes (geboren am 13. Februar 1947 in Aarau) wuchs im Suhrental auf und absolvierte am Klosterinternat Wettingen sein Abitur. Danach studierte er Geschichte, Germanistik, Philosophie und Ethnologie. Unterbrochen durch verschiedene Auslandsaufenthalte in Irland, Nord- und Südamerika, schliesst er 1978 seine Dissertation an der Universität Zürich ab. Er arbeitet als Journalist u.a. beim Tagesanzeiger und der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt seine ersten Gedichte und Prosatexte, die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht werden. 1983 erscheint sein erster Roman « Webfehler ». Es folgen Theaterstücke, Hörspiele, Erzählungen und weitere Romane. Geehrt mit vielen Preisen, wie zum Beispiel dem Literaturpreis des Kanton Solothurns 1999 und dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2001 und 2008 für den Roman « Liebesarchiv » zählt Urs Faes zu den wichtigsten Schweizer Schriftstellern. Aktuell ist nun seine Erzählung « Paris. Eine Liebe » erschienen !

Wie bereits erwähnt und durch den Titel kaum anders vorstellbar, spielt diese sehr stimmungsvolle und intensive Erzählung in Paris. Wir haben September und genau nach fast dreissig Jahren kehrt Eric in « seine » Stadt wieder zurück, in der er damals Student war.

Er kommt am Gare de l’Est an und wird durch den Lärm und die Hektik irritiert, versucht ohne darüber nach zu denken, in diesem Gewühl nach einem grünen Mantel Ausschau zu halten, den Mantel den Claudine immer getragen hattte. Sie war eine junge Studentin, die ihn faszinierte, in die er verliebt war und die ihn bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr losgelassen hat. Doch heute wird er von André abgeholt. Er hat ihm ein Hotel in der Nähe der Sorbonne organisiert. André hat ihn überzeugt, dass er nach so langer Zeit endlich wieder einmal nach Paris kommt. Eric hat Angst, nicht vor der Stadt, aber vor den Erinnerungen, vor den erlebten Szenen mit Claudine, die ihm hier unbewusst wieder in gewisser Weise fast schon real vor Augen erscheinen werden. Eric ist überrascht, wie sehr sich Paris in den dreissig Jahren verändert hat, doch mit Andrés Hilfe entdecken sich noch den Charme von Früher und die alten Jazzkeller. Doch das Wichtigste für Eric ist, die Wege nachzulaufen und die Orte aufzusuchen, die mit Claudine in Verbindung standen.

Claudine war Eric’s grosse Liebe, er der « Lizentiat in Philosophie, verkrallt in eine Dissertation zur Bedeutung von Hegels Herr und Knecht für den marxistischen Diskurs » und sie eine Studentin mit langem blonden Haar, schmalen Händen und kurzgeschnittenen Nägeln. Claudine zeigte ihm Paris, und wenn er nicht da war, beschrieb sie die Stadt in ihren Briefen und erzählte ihm von ihrer Leidenschaft für Kirchen und Friedhöfe.

Mit André schreitet er die Stationen ab, an denen er mit Claudine liebte, lebte und diskutierte. Die Stadt war wie eine Gesamterinnerung an seine Zeit und an seine Liebe :

« Alles war Paris, eine Liebeserklärung an Claudine, die durch die Rue de Rome gegangen war, ihr fiel das Licht zu, das abendlich mild auf der Strasse traf, den Asphalt sprenkelte. Ihr gehörten die Chansons. Bonjour la vie / Bonjour mon vieux soleil / Bonjour ma mie / Bonjour l’automne vermeil… »

Claudine machte ihn glücklich, ihre Stimme faszinierte Eric und er war berauscht durch ihre Erscheinung und ihre Art. Doch in den Februartagen vor dreissig Jahren war Claudine zwar in Paris, sie hatte jedoch wenig Zeit für ihn und schickte ihn mit ihrem Stadtplan allein durch Paris. Und jetzt geht er wieder allein durch die Stadt, zumindest was Claudine betrifft. André begleitet ihn auf seiner Erinnerungswanderung. Er trifft auf eine ehemalige Concierge in der Rue de Sèvres 88, wo er unter dem Dach in einem Chambre de bonne die « schönsten Jahre seines Lebens » verbracht hat. Auch die Concierge wundert sich :

« Und was sie denn suchten, fragt sie und tritt näher an sie heran.
Das, was zurückgeblieben sei von damals. »

Was nun wirklich zurückgeblieben war, konnte bzw. kann Eric dies noch in „seiner“ Stadt der Liebe, in Paris, finden ? Damals, oft bevor Claudine und Eric in die Metro eingestiegen waren, begann sie einen Satz, ohne ihn je zu vollenden, mit : « Ich muss Dir noch etwas sagen ». Wird Eric noch herausfinden, was sie ihm eigentlich immer und schon sehr lange mitteilen wollte…?

Urs Faes hat dem Leser eine traumhaft schöne Erzählung von gerade mal 65 Seiten geschenkt, die durch die zarten sensiblen Zeichnungen von Nanne Meyer nicht nur ergänzt, sondern auch in ihrer Intensität bestärkt wird. Der Leser spürt mit der unglaublichen Feinfühligkeit der Sprache diesen besonderen Zauber und die unsterbliche Magie von Paris, die sich trotz ihrer Veränderung in den letzten dreissig Jahren auch heute noch wiederfinden lässt. Die Liebe zur Stadt und die Liebe zu Claudine sind fast eins. Es ist wie eine verbindende Liebeserklärung, denn wie Claudine ist auch Paris eine « Frau » : geheimnisvoll, direkt, unangepasst, verrückt, charmant, zart, hart und unberechenbar.

« Paris. Eine Liebe » ist ein literarisches Kleinod an Inspiration, Sprache, Atmosphäre und Gefühl. Urs Faes schreibt wie selbst erlebt. Man erkennt kleine autobiographische Annährungen, entdeckt seine Liebe zur Stadt Paris und zu den Frauen und wünscht sich nach dieser emotional berauschenden Lektüre nichts Sehnlicheres als auf den Spuren von Claudine und Eric durch Paris zu flanieren…!

Durchgelesen – „Aus den Fugen“ v. Alain Claude Sulzer

Das Leben geht oft seltsame Wege. Es kreuzen sich Schicksale, Menschen kommen von ihrem eingeschlagenen Kurs ab und befreien sich von praktischen und emotionalen Fesseln. In dem aktuell veröffentlichten Roman « Aus den Fugen » von Alain Claude Sulzer lernen wir gleich verschiedene Personen kennen, deren Leben im wahrsten Sinne des Wortes « aus den Fugen » geraten wird und dabei die musikalische « Fuge » einen wichtigen Beitrag dazu leistet.

Alain Claude Sulzer, geboren 1953 in Riehen bei Basel (Schweiz), absolvierte eine Ausbildung zum Bibliothekar und arbeitete anschliessend als Journalist. Sein erster Prosatext erschien 1983. Darauf folgten viele weitere literarische Arbeiten. Gleichzeitig übersetzte er Texte aus dem Französischen unter anderem von Julien Green, Jean Echenoz und Jules Renard. Er wird mit zahlreichen Preisen geehrt, wie zum Beispiel der « Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank » und 2005 dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung. Seinen grössten Erfolg feierte er mit dem Roman « Ein perfekter Kellner » 2004, welcher 2008 mit dem Prix Medicis étranger ausgezeichnet wurde. Nun dürfen uns über seinen neuen Roman « Aus den Fugen » freuen, der sich als eine äusserst raffinierte symphonische « Literatur-Komposition » präsentiert.

Der Roman spielt in Berlin und hat nicht nur einen Hauptprotagonisten, sondern gleich eine Vielzahl von Figuren, die mehr oder minder eine fast schon tragende, aber zumindest sehr wichtige Rolle in diesem « musikalischen » und unglaublich vielschichtigen Werk spielen werden.

Es beginnt mit dem Pianisten Marek Olsberg, ein sehr berühmter Musiker, der den klaviermusikkennenden Leser vielleicht an Horowitz, Brendel und Alexis Weissenberg erinnern könnte. Gefeiert auf der ganzen Welt, Konzerte wie zum Beispiel in New York und Wien, jedoch Single aufgrund seiner nicht ganz einfachen Lebensweise. Dieses Mal zeigt er seine pianistischen Künste bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie, unter anderem auf dem Programm die « Hammerklaviersonate » von Beethoven. Und dann passiert etwas vollkommen Unterwartetes im letzten Satz, dem zweiten Fugensatz dieser Sonate :

« Etwa drei Minuten vor dem Ende des letzten Satzes der Hammerklaviersonate, diesem Meilenstein der Klaviermusik, etwa nach neun Minuten Spiel, kurz vor Erreichen des Ziels, hielt Marek Olsberg unvermittelt inne und hob langsam die Hände. »

Marek Olsberg beendet ganz unvorhergesehen dieses Stück, steht auf, klappt den Klavierdeckel herunter und murmelt vor sich hin :

« „Das war’s.“ »

Und damit endet eine musikalische Fuge, die nicht nur das live miterlebende Publikum schockiert, sondern auch ganz konkrete Einzel-Lebensschicksale von verschiedenen Menschen, die mit diesem Konzertabend bewusst oder unbewusst, beruflich oder privat miteinander-verknüpft sind, quasi « aus den Fugen » geraten.

Somit lernen wir gleich zu Beginn auch Marek Olsbergs Assistentin Astrid Maurer kennen – eine taffe unverheiratete Frau, die alles für « ihren » Pianisten organisiert, ihn auf Reisen begleitet und keines seiner Konzerte verpasst, bis auf dieses Mal, denn Astrid wurde wie schon so oft genau an diesem Abend von einem Migräneschub überrascht…

Wir treffen auf Esther – verheiratet mit Thomas -, die mit ihrer vom Ehemann verlassen Freundin Solveig in das Konzert geht. Aufgrund des abrupten Endes fährt sie früher nach Hause als ursprünglich geplant und wundert sich, warum ihr Mann nicht in ihrer Wohnung auf sie wartet…

Dann gibt es noch Sophie, die ihre Nichte Klara mit einem klassischen Konzert überraschen möchte und dabei erfährt, warum ihr damaliger Geliebter und jetzt der Freund ihrer Schwester, auch diese betrügt…

Es stossen Johannes, der die Konzertkarten verfallen lässt und Marina, die eigentlich Bettina heisst und als Escort-Service arbeitet, aufeinander. Dadurch wird die Ehefrau von Johannes hellhörig und dummerweise stellt sich auch noch heraus, dass Johannes und Marina sich bereits von früher kennen…

Was wäre ein Konzert nicht ohne anschliessendem Empfang, bei dem der Kellner Lorenz aushelfen sollte, aber es ja aufgrund des Spielabbruchs dazu nicht mehr kommen konnte und er nun aus purer Lust und Langeweile bei dem Sponsorenehepaar in dessen Villa ein paar wertvolle Steine mitgelassen wollte und blöderweise dabei auch noch von der Ehefrau des Sponsors erwischt wird…

Und so kreisen sie alle, die Besucher und Nichtbesucher, um den « verlorenen » Konzertabend und werden sich in ihrem Leben der schmerzvollen, aber gleichzeitig auch hilfreichen Erkenntnisse bewusst, so dass es für viele an der Zeit ist, den Tatsachen ins Auge zu blicken, sich von Ignoranz zu befreien und zu versuchen, einen neuen und anderen Lebensweg einzuschlagen. Alain Claude Sulzer gelingt es meisterlich durch einen wahrlichen musikalischen Kunstgriff, der die Figuren dieses Romans so miteinander verbindet, dass sie zu erst in eine pianistische « Fuge » eintauchen und gleichzeitig aus den Fugen geraten. Man spürt als Leser, wie das vor dem Konzert gelebte Leben plötzlich bei vielen der Romanprotagonisten bröckelt, Risse bekommt, ja fast schon zerfällt.

Alain Claude Sulzer hat diesen Roman so wundervoll feinfühlig, wie ein Komponist seine Musikstücke Note für Note, aufgeschrieben. Jede Figur ist wie ein Instrument in einem grossen Orchester, und nur alle zusammen, auch wenn dadurch die einzelnen Lebensschicksale erst zum Vorschein kommen, bilden letztendlich doch die eigentliche literarische « Symphonie ». Er verwendet eine so klare, sensible, aber trotzdem schnörkelose Sprache. Hier wird nichts romantisiert, ganz im Gegenteil hier wird aufgeräumt und sich befreit von Ballast, schlechten Verhaltensweisen, blöden Gedanken und unguten Gefühlen. Es geht darum, aus dem Schicksal zu lernen und sein Leben in die Hand zu nehmen, wie Marek Olsberg, der endlich aus seinem Programmkorsett entschlüpft ist und sich nun ohne schlechten Gewissens ganz allein in einer Bar ein Bier gönnen kann.

« Aus den Fugen » ist ein ganz besonderer Roman, der sich mehr als zu lesen lohnt, den man nicht nur mit seinen Wort für Wort folgenden Augen aufnehmen sollte, sondern auch mit seinen sehenden « Ohren », denn es handelt sich hier um literarische « Musik » vom Feinsten, die es mit Muse bewusst zu geniessen gilt !

Durchgelesen – „Airport“ v. Alain de Botton

„Airport – Eine Woche in Heathrow“ ist kein Roman, sondern eine philosophisch literarische Auftragsarbeit, die Alain de Botton von einer Firma, die Flughäfen besitzt, angeboten bekam. Selten, dass sich Flughafenbetreiber für Literatur interessieren, doch in diesem Fall traf es zu. Die Firma lud einen Schriftsteller zu einer Woche Aufenthalt im neu gebauten Terminal 5 ein. Und somit wurde Alain de Botton – Philosoph und Schriftsteller –  der erste „Heathrows Writer-in-Residence“. Gemeinsam mit dem berühmten Fotografen Richard Baker hatte Botton nun freien Zugang zum gesamten Bereich des Terminal 5, zu den Shops, zu den Lounges und vor allem auch zu den Bereichen hinter den Sicherheits-absperrungen. Einquartiert im Flughafenhotel für sieben Tage nahm dieses Abenteuer nun seinen Lauf.

Alain de Botton beobachtet wohlwollend die Vorgänge auf dem Terminal. Mit Charme und Leichtigkeit beschreibt er die alltäglichsten Gegebenheiten, die Begegnungen mit Reisenden, die Freude bei den Wartenden, die Ungeduld bei den Abfliegenden. Er taucht ein in die kleine und gleichzeitig grosse Welt zwischen Check-in-Bereich und Duty-Free. Er spricht mit Personal, Chefs und Seelsorgern und er freut sich sehr über seinen Arbeitsplatz: ein Schreibtisch, der sich in der Mitte eines Abschnitts des Terminals 5 befand:

„Für die meisten Besucher des Terminals aber war der Tisch eines Schriftstellers wie eine offene Herausforderung, sich ihrer Umgebung mit grösserer Phantasie und Aufmerksamkeit zuzuwenden und genauer auf jene Empfindungen zu achten, die der Flughafen in ihnen hervorrief, mit denen sie sich jedoch in ihrer Hektik auf dem Weg zum richtigen Flugsteig nur selten näher befassen konnten.“

Von Seite zu Seite spürt man immer intensiver den Flughafenbetrieb. Der Leser  verschwindet quasi im Terminal 5, überlegt, ob er nun abfliegen, ankommen oder lieber einkaufen gehen soll. Er lernt die vetraute Putzfrau kennen, den Schuhputzer und den Vorstandschef einer der grössten Fluggesellschaften. Man möchte am Liebsten eine Woche im Flughafenhotel verbringen und sich auch mitten in ein Terminal setzen – umgeben von Lärm, Getöse und Tumulten – und nur beobachten, mit den Leuten sprechen und bleiben!

Das Buch ist ein kluges und witziges Gesellschaftsessay, das sich durch eine unglaubliche Beobachtungsschärfe und Sensiblität auszeichnet. Ein kleines schmales beeindruckendes Werk, ergänzt mit wunderbaren Momentaufnahmen des Fotografen R. Baker,  für Vielflieger, Gelegenheitsflieger und alle, die sich für besondere Orte und Menschen interessieren.