Kategorie: Russland

Durchgelesen – „Riviera Express“ v. Gaëlle Josse

Wie elegant hat uns bereits Marcel Proust mit seinem Zitat « Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen » auf die eigentliche Bedeutung einer Reise aufmerksam gemacht. Doch nicht weniger charmant und poetisch dürfen wir mit dem gerade aktuell erschienenen Roman « Riviera Express » von Gaëlle Josse eine ganz besondere Reise antreten, die nicht nur für die Hauptfiguren dieses Werks, sondern auch für uns Leser schöne, unerwartete und spannungsreiche Überraschungen bereit hält.

Gaëlle Josse, geboren 1960, hat Jura, Journalismus und klinische Psychologie studiert. Sie schreibt ab 2005 ihre ersten Gedichte. 2011 erscheint ihr erster Roman « Les Heures silencieuses »  und 2015 wird sie für ihren Roman « Le Dernier Gardien d’Ellis Island » mit verschiedenen Preisen, wie den Prix de Littérature de L’Union Européenne, ausgezeichnet. Nun endlich können wir auch auf Deutsch – dank der wunderbaren Übersetzung von Mayela Gerhardt – den in Frankreich 2013 veröffentlichten Roman « Noces de neige » unter dem deutschen Titel « Riviera Express » entdecken.

Der Roman ist komponiert wie eine Art « Spiegel-Roman », der in zwei verschiedenen Jahrhunderten und in einem besonderen Zug, der jedoch auf der gleichen Strecke zwischen St. Petersburg und Nizza verkehrt, spielt. Eine russisch-französische Geschichte mit zwei Frauen als Schlüsselpersonen, die sich in vielen Bereichen unterscheiden und trotzdem in wenigen Dingen gleichen. Sie sind beide auf der Suche nach dem Glück, verbunden mit der grossen Liebe. Die Unterschiede mögen im ersten Moment sehr markant erscheinen, wenn man bedenkt, dass Anna – Tochter einer reichen russischen aristokratischen Familie – in Nizza im März 1881 in den Zug steigt und die Heimreise nach St. Petersburg mit ihrer Familie antritt. Ja und Irina, eine eher mittellose Frau ohne Familie, im März 2012 die Reise in St. Petersburg in Richtung Nizza beginnt.

Die Reise in diesem besonderen Zug dauert mehr als 2 Tage, ist je nach Vermögen und Klasse entweder eine Luxusreise oder nur eine « normale » Reise von A nach B, so in dem Fall für Irina. Doch Irina hat dieses Fortbewegungsmittel für sich gewählt, weil sie Flugangst hat und nun endlich nach über sechs Monaten äusserst regen Email-Austausch ihren zukünftigen Mann persönlich kennenlernen möchte, der in Nizza lebt und laut Internet-Kontakt-Börse ein in London arbeitender erfolgreicher Banker sein soll. Irina hat nur ein Ziel, sie möchte endlich ein besseres Leben führen und geliebt werden.

Bei Anna sind die Voraussetzungen für die Reise etwas anders, denn sie kann in der Luxusklasse diesen vielen Kilometer nach St. Petersburg wesentlich entspannter entgegensehen. Sie träumt nicht von einem besseren Leben im Allgemeinen, da sie ja nicht ums Überleben kämpfen muss, nein sie träumt von einem Leben, das mit Pferden zu tun hat, denn nur auf dem Rücken der Pferde hat sie das Gefühl zu existieren. Und auch sie möchte geliebt werden, von einem Mann, in den sie sich bereits verliebt hat und den sie so bald als möglich nach Ankunft in St. Petersburg zu heiraten erhofft.

Zwei Frauen auf dem Weg zu ihrer potentiellen Hochzeit, auf dem Weg in ein unbeschreibliches Glück, obwohl sie sich beide gar nicht schön finden, vielleicht ein wenig begabt, jede auf ihre Weise. Doch eine lange Reise in einem Zug, der keine Fluchtmöglichkeiten bietet, der eine Art « rollender silberner oder goldener Käfig » darstellt, kann so manche unvorhergesehene emotionale « Reise-Ziel-Änderung » auslösen, die nicht nur für befreiende und beglückend erkenntnisreiche sondern auch für absolut unerwartet dramatische Entwicklungen sorgt…

Gaëlle Josse gelingt es kunstvoll und feinfühlig auf gerade mal 140 Seiten nicht nur zwei Jahrhunderte, sondern auch Russland und Frankreich trotz der mehreren tausend Kilometer langen Entfernung zu verknüpfen und sie gleichzeitig auch gegenüber zu stellen. Das Thema « Leben » wird übertragbar und somit auch zeitlos. Es geht um die gleichen Fragen der Identität, der Entscheidung und der Wahrheit, die letztendlich auch noch viele eher im ersten Moment unwichtig erscheinen Punkte, wie die Schönheit betrifft. Die äussere Schönheit an die wir denken ist oft von grosser Bedeutung. Doch eine Schönheit, die durch ein eben geformtes Gesicht, prachtvolle Haare und eine zarte Figur definiert wird, ist nicht immer die Schönheit, die uns hilft ein glückliches und ehrlich erfülltes Leben zu führen. Der Vater von Anna hat es mit diesem Satz, den er ihr nach einem dramatischen Vorfall im Zug nahe legt, auf den Punkt gebracht :

« Geben Sie auf Ihre Seele acht, sie allein ist es, die uns Schönheit verleiht. »

« Riviera Express » ist eine intensive Reise über viele Länder und während unterschiedlicher Zeiten. Und es ist eine Reise, voller Poesie und Erstaunen durch die Seelen besonderer Menschen. Mit sensibelster Selbstbeobachtung der einzelnen Hauptdarsteller gelingt es Gaëlle Josse den Leser, in eine unglaublich subtil entstehende und berührend dramatische Geschichte zu verwickeln, ohne auch nur einen Hauch sentimental zu werden. Der Roman ist eine wunderbare literarische Entdeckung und deshalb sehr empfehlenswert!

Durchgelesen – „Lied ohne Worte“ v. Sofja Tolstaja

Sofja Tolstaja war eigentlich geprüfte Hauslehrerin und begann bereits in jungen Jahren mit ihren ersten Schreibversuchen. Doch mit 18 lernte sie den 16 Jahre älteren Grafen Lew Tolstoi kennen, der bereits seine ersten literarischen Erfolge verzeichnen konnte. Sie heiratete ihn am 23. September 1862 und zog danach mit ihm auf sein Landgut. Das Schreiben hatte sie aufgehört, dafür widmete sich Sofja Tolstaja den Tagebücher ihres Mannes, wobei sie feststellte, dass er dem weiblichen Geschlecht vor ihrer Zeit nicht im Geringsten abgeneigt war. Sofja wurde sechzehnmal schwanger, davon waren drei Fehlgeburten und von den 13 Kindern, die sie gebar, hatten 8 Kinder das Erwachsenenalter erreicht. Das Schicksal ging nicht spurlos an ihr vorüber: der Tod von drei Kindern und eine schwere Karnkheit trafen sie schwer. Auch die Ehe mit Tolstoi wurde immer schwieriger, seine Eifersucht entfernte das Paar mehr und mehr. Sofja fing wieder an zu schreiben, jedoch wurden ihre Werke zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht, im Gegenteil sie verstaubten über Jahrzehnte in Moskauer Archiven.

„Lied ohne Worte“ ist der zweite Roman von Sofja Tolstaja (nach „Eine Frage der Schuld“), der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Ein literarisches Kleinod, das sich um Leidenschaft, Pflichtbewusstsein und um die Kraft der Musik dreht und das Leben einer Ehefrau im Russland des 19. Jahrhunderts sehr feinfühlig beschreibt.

Sascha, eine junge Frau, Mutter eines kleinen Sohnes, verheiratet mit dem gutmütigen, aber eher wenig sensiblen Versicherungsbeamten Pjotr, ist in einer tiefen seelischen Krise. Ihre Mutter stirbt – bereits seit einiger Zeit schwer krank –   als sie gerade noch rechtzeitig auf der Insel Krim ankommt:

„Die Trauer verzehrte Sascha so sehr, dass sie den ganzen Winter über krank darniederlag und zu Beginn des Frühlings wie ein Schatten ihrer selbst sich dahinschleppte, empfindlich, mager, finster.“

Ihr Mann kann sie nicht trösten, versucht sie jedoch mit dem Vorschlag, in das Landhaus ihrer Mutter zu fahren, aufzuheiteren. Doch auch dies lehnt Sascha ab, da die Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter sie dort nie loslassen würden. Das Einzige, was sie sich noch vorstellen kann, ist ein Sommerhaus anzumieten. Pjotr kümmert sich um alles und findet ein wunderschönes Sommerhaus, das auf einer Anhöhe liegt und durch zwei Badehäusschen am Fluss gekrönt wird. Die Familie fährt somit endlich aufs Land,  und Pjotr blüht auf, denn seine liebste Beschäftigung ist Gärtnern. Sascha dagegen ist immer noch verloren in ihrer Trauer und fühlt sich niedergeschlagen und verwirrt. Doch eines Tages hört sie aus dem benachbarten Sommerhaus die Interpretation von Mendelssohn Bartholdy:

„In allen Variationen klang das «Lied ohne Worte» wunderschön, und es war, als ob es der kranken Seele Saschas etwas Empfindsames und Zärtliches erzählte, das sie beruhigte und erfreute. Doch dann das Ende – im Pianissimo – erklang derselbe Akkord dreimal wie ein Seufzen, und alles war still. Auch Sascha seufzte auf, ihr war, als hätten die Klänge des Klaviers eine schwere Last von ihrer Seele genommen.“

Dieses Klavierspiel verzaubert sie so sehr, dass sie zum ersten Mal wieder das Leben spüren kann. Auf einem Spaziergang lernt sie den Nachbarn und Pianisten Iwan Iljitsch persönlich  kennen, der ihr durch seine Spiel so viel Glück schenken konnte. Anfangs war es nur die Musik, doch es dauert nicht lange, und die Begeisterung bezieht sich nun auch auf den Pianisten. Sie kämpft zwischen künstlerischer Verehrung und leidenschaftlicher Liebe, gegen die sie sich ständig wehrt. Doch der Konflikt wird immer grösser und führt sie direkt in die Nervenheilanstalt….

Dieser Roman ist ein romantisches Meisterwerk, das die Stimmungen und Ängste einer Frau wunderbar und sehr feinsinnig umschreibt. „Lied ohne Worte“ ist eine sehr anregende literarische Lektüre, die zeigt, wie nah sich doch Liebe und Genie im Lebensalltag wiederfinden können. Ein Werk voller Musik, welche durch die sensible Sprache Tolstajas eine ganz besondere Bedeutung und Intensität erreicht.