Durchgeblättert – „Do You Read Me“ – Besondere Buchläden und ihre Geschichten

Philippe Djian hatte bereits klar erkannt: „Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“

Und um dieses kaum zu übertreffende Zitat noch konkreter zu erleben, sollte es im wahrsten Sinne des Wortes Bücher auf Rezept geben, die das Leben herausfordern, hinterfragen und bereichern. Ja und genau so ein Buch hat gerade das „Licht der Welt“ erblickt, einer ganz besonderen Welt – der Welt der Buchläden. 

Buchhandlungen sind Orte, die Fragen zu lassen, in denen man Antworten findet, die zu literarischen Reisen einladen, die Informationen und Kultur vermitteln, die Möglichkeiten des Austausches bieten, die Ablenkung nicht nur vortäuschen und die Aktualität mit Beständigkeit elegant verknüpfen.

„Do You Read Me“, ein wunderschön gestalteter Bildband über genau diese Buch-Orte, ist zur Zeit das interessanteste und abwechslungsreichste Buch über Buchläden und ihre dazugehörigen unerlässlich spannenden Geschichten. Der Titel des Buches wurde der Buchhandlung „Do You Read me“ aus Berlin „entliehen“, die ein eher ungewöhnliches Buchhandlungskonzept vorweist, welches Magazinen aus aller Welt mehr Bedeutung in Auswahl und Platz schenkt, als dem zusätzlich angebotenen aussergewöhnlichen Buchsortiment.

Über 60 Buchhandlungen bzw. Buchläden werden in diesem Werk mit grandiosem Bildmaterial und fein kuratierten Texten vorgestellt. Die Auswahl ist absolut international, neben bereits auch berühmt bekannten Buchhandlungen wie „Shakespeare & Company“ in Paris oder der „Boekhandel Dominicanen“ in Maastricht, entdecken wir bezaubernde und atemberaubende Buch-Paradiese und Buch-Kleinode, die ihresgleichen suchen.

Da gibt es beispielsweise ein charmant in Türkisfarben gehaltenes Buchladen-Café in Istanbul oder ein spektakuläres Buchhandlungskonzept in Mexiko-Stadt, bei der im jüngsten Buchhandlungprojekt „Cafebreria El Péndulo“ eine riesige Palme mitten in der Buchhandlung steht und aus deren Dach ragen darf. In Island wird ein entzückendes kleines Antiquariat „Bokin“ zum Kulturbotschafter. Die USA zeigt eine Fülle von faszinierenden unabhängigen Buchhandlungen, die mehr als klassisches Engagement beweisen, wie zum Beispiel der Initiator „Michael Seidenberg“ seines vollkommen „geheimen“ Buchladens – „Brazenhead Books“ in New York City -, den er aus und mit seinem eigenen Appartement gemacht hatte. Aber auch eine schwimmende Buchhandlung mit dem Titel „The Book Barge“, die am Canal du Nivernais in Frankreich liegt, sorgt für Erstaunen.

Richtig spektakulär darf es natürlich auch sein, vor allem wenn man die Bilder der Buchhandlung „WUGUAN BOOKS“ aus Kaohsiung (Taiwan) bewundert, denn in dieser Buchhandlung werden ungefähr 400 Bücher in absoluter Dunkelheit mit jeweils eigenem Licht präsentiert. Oder vollkommen unverwechselbar, wenn man sich die Buchhandlung „Morioka Shoten“ in Tokio ansieht. Hier wird nur ein einziges Buch zum Verkauf angeboten!

Die vielfältige Auswahl an Buchläden in diesem Werk ist beeindruckend, inspirierend und motivierend zugleich. Die hier präsentierten Buchhandlungen sind auf verschiedenste Weise und in  ihrer Kombination inhaltlich, aber auch gestalterisch und architektonisch die wundervollsten „Meisterwerke“ in Punkto Lese-Paradiese!

Kaum verwunderlich, dass bereits in einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung dieses Buch als „Verneigung vor einer fantastischen Institution: der Buchhandlung“ bezeichnet wird. Es könnte sogar noch mehr sein als „nur“ die Verneigung vor der Institution Buchhandlung. 

Selbstverständlich ist es auch die Verneigung vor den buch-begeisterten Köpfen, kreativen Initiatoren und kompetenten Buchhändlern, die diese Lese-Orte mit gebührendem Engagement und grosser Leidenschaft geschaffen haben und weiterhin alles dafür tun, sie langfristig anziehend und lebendig zu halten. Doch vergessen wir nicht den Leser, Buchliebhaber und potentiellen Kunden, der genau diese Buchläden regelmässig frequentiert, schätzt, liebt, verehrt und belebt. Und genau diesem Bücherfreund gebührt gleichwohl eine eben so grosse Verneigung, die man in der aktuellen Zeit auf keinem Fall unerwähnt lassen sollte!

„Do You Read Me“ ist ein grandioses „Sammelsurium“ der unterschiedlichsten Buchhandlungen jedoch mit einer grossen Gemeinsamkeit: diese Buchläden geben eine Art „Zuhause“, erfüllen Wünsche und schenken uns – wie bereits Mark Forsyth in seinem Essay erläuterte – eine besondere und unverwechselbare Art des Glücks, nämlich „das große Glück, das zu finden, wonach man gar nicht gesucht hat“!

Durchgelesen – „Versuch über den Stillen Ort“ v. Peter Handke

Ein klein wenig verunsichert betrachtet man den Titel dieses Buches, wundert sich über die Rechtschreibung und fragt sich ganz vorsichtig, warum das Adjektiv « still » in diesem Fall gross geschrieben wird ? Das lässt sich schnell erklären : stille Orte – man beachte die Kleinschreibung – sind Orte, an denen es in der Regel ruhig und lautlos ist , das könnten zum Beispiel Bibliotheken, Kirchen, aber auch Wälder sein. Doch bei Peter Handkes « Stillen Ort » handelt es sich ganz profan um die Toilette oder auch WC genannt. Im gewissen Sinne ist dies auch ein stiller Ort, wenn mal von den üblicherweise dazugehörigen Geräuschen absieht, aber eben in einer etwas anderen Bedeutung. Und genau diese differenzierte Bedeutung des hier behandelten Stillen Örtchens, wie wir es selbst gerne oft nennen, wenn wir die klassischen Begriffe vermeiden wollen, werden wir dank Peter Handke nun in seinem neuesten Werk herausfinden.

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Er wächst bei seiner Mutter, einer Kärntner Solwenin und bei seinem Stiefvater, einem Berliner Strassenbahn-schaffner auf, den seine Mutter bereits kurz vor seiner Geburt geheiratet hatte. Er verbringt die ersten Lebensjahre in Griffen, dann in Berlin Pankow und ab 1948 wieder in Griffen. Seine Schulzeit absolvierte er zu erst an der Hauptschule und wechselte dann auf eigenem Betreiben hin in das beim Priesterseminar angegliederte humanistische Gymnasium in Maria Saal. Doch nach zwei Jahren wurde ihm die katholische Erziehung dort zu eng und er organisierte wiederum selbst einen erneueten Wechsel auf eine andere Schule und machte schiesslich 1961 seinen Schulabschluss (Matura). Bereits während der Schulzeit schrieb er Texte unter anderem für die Internatszeitschrift. Doch nach dem Abitur begann Peter Handke erstmal ein Jurastudium in Graz, obwohl er sich bereits während der Studienzeit immer mehr für das Schreiben, sei es für das Feuilleton eines Grazer Radiosenders in Punkto Rockmusik oder auch für wichtige Buchbesprechungen, engagierte. 1964 begann er mit seinem ersten Roman « Die Hornisse », welcher 1965 aufgrund der Ablehnung durch den Luchterhand Verlag erfreulicherweise von Suhrkamp veröffentlicht wurde. Dies war auch gleichzeitig der Beginn seiner schriftstellerischen Karriere und das Ende seines Jurastudiums. Nach vielen Umzügen (Düsseldorf, Paris, Salzburg) und einer Weltreise Ende der Achtziger Jahre, lebt Peter Handke nun seit 1990 in Frankreich (Chaville). Sein Gesamtoeuvre umfasst eine sehr grosse Auswahl an Gedichten, Theaterstücken, Drehbüchern, Übersetzungen, Romanen und Essays. Peter Handke gehört zu den meist geehrten deutschprachigen Schriftstellern und wurde unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis (1973), dem Schiller-Gedächtnis-Preis (1995), dem Thomas-Mann-Literaturpreis der bayerischen Akademie der Schönen Künste (2008) und dem Nestroy-Theater-Preis (2011) ausgezeichnet. Nach über zwanzig Jahren erscheint nun zur Freude vieler Leser ganz aktuell wieder ein neuer « Versuch » von Peter Handke, eine hoffentlich nicht enden wollende Wiederaufnahme bzw. Weiterführung der jeweils ersten drei « Versuche » über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag.

In seinem neuen « Versuch über den Stillen Ort » erzählt Peter Handke seine ganz private, ja wahrlich sehr persönliche Geschichte über seine Erfahrungen mit den verschiedensten Stillen Orten und die daraus entstehenden Bedeutsamkeiten. Bereits in der Kindheit erinnert er sich an den « Abort » im Haus des Grossvaters. Am Meisten jedoch blieb ihm das Licht im Gedächtnis :

« Seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus ; indirekt, das heisst ohne Fenster, dafür umso stofflicher ; Licht, das umgab – von dem man sich in dem Stillen Ort umgeben fand – man ? – ich, also doch schon damals « ich » dort ? »

Auch in seiner Internatszeit ist für ihn der Stille Ort mehr als nur der Ort für gewisse natürliche « Erledigungen », es ist fast schon eine Art Rückzugsort :

« Das Klosett, und nicht nur dies eine in dem Gelände, bedeutete für mich während der Jahre im geistlichen Internat einen möglichen Asylort, wenn ich mich zu dem auch mehr geflüchtet habe. »

Aber der Stille Ort wurde nicht nur ein Fluchtort, er wurde kurz über Hand nach den Lehrjahren auch der spontane und provisorische Übernachtungsplatz für einen noch unbedarften Reisenden. Auch wenn der Sommer damals so seine Reize hatte und ein Schlafen im Freien sehr abenteuerlich erschien, trieb die Nachtkälte den jungen Handke doch eher auf den Bahnhof, wo dann die Müdigkeit ein Schlafgemach forderte:

« Ich schloss mich ein in eine der Kabinen der Bahnhofstoilette, welche sich, wenn auch abseits, irgendwo im Inneren der Anlage befand.
Die Tür war zu öffnen mit einer Schilling-Münze, und als ich sie absperrte, spürte ich erst einmal eine gewisse Geborgenheit oder Aufgehobenheit. »

Er blieb die ganz Nacht über in seinem besonderen « Hotelzimmer », obwohl ihn die Müdigkeit übermannte, wollte er nicht schlafen, aber er wollte diesen Ort auch nicht mehr bis zum nächsten Morgen verlassen.

Erst während seiner Studienzeit verlor der Stille Ort, als « Asylort » seine Bedeutung und wurde von anderen Orten wie Gebäuden, Stätten etc. abgelöst und dabei stellte der Autor noch etwas ganz Anderes, äusserst Bemerkenswertes fest :

« Noch merkwürdiger, dass man, ohne Vorsatz oder gar Plan, die stillen Orte allein aus sich selber heraus schaffen konnte, von Fall zu Fall inmitten eines Tumults (gerade im Tumult), inmitten von dem zeitweise noch ungleich stärker geisttötenden Gerede. Solche Orte bauten sich auf und schirmten einen ab, indem man während der und der Vorlesung die grossen und sogar die weniger grossen Texte, ja, der Literatur las. »

Aber der Stille Ort bekommt trotz der veränderten Bedeutung eine neue Rolle, er wird für praktische Dinge wie Haare waschen eingesetzt, was auch so manche Professoren auf der Fakultätstoilette erledigten. Und nach einer grösseren Stille-Ort-Pause von über zwanzig Jahren, taucht der Stille Ort von einer japanischen Tempelanlage wieder in seinem Gedächtnis auf, und er selbst wundert sich, dass es nicht der Tempel ist, der eine bleibende Erinnerung bei ihm hinterlassen hat, sondern die Tempeltoilette.

Und so verfolgen wir weiter Peter Handkes Reise zu seinen Stillen Orten und erhalten gleichzeitig bezüglich der gestellten Bedeutungsfrage sehr aufschlussreiche Antworten…

« Versuch über den Stillen Ort » ist keineswegs eine Satire, noch wird hier irgendeine Form von Ironie eingesetzt, von der Peter Handke selbst schreibt, dass er dafür nicht so gut geeignet ist. Nein, dieses Werk ist eine Art autobiographisches Essay. Und wer weiss, was « essai » im Französischen bedeutet, nämlich « Versuch », versteht den Titel gleich viel besser. Peter Handke versucht sich, aber auch dem Leser zu erklären, was so ein simpler Ort wie eine Toilette, doch für tiefgehende „Funktionen“ hat, ausser der Klassischen, über die wir weder hier sprechen wollen, noch jemals Peter Handke ein Wort darüber verliert, geschweige denn von irgendwelchen Gerüchen etc. schreibt. Es geht hier mehr um eine psychologische bzw. philosophische Relevanz-Analyse. Der Stille Ort ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort, ein Schlafplatz, ein Ort der Reinigung, ein Ort zum Nachdenken, Meditieren, Lesen, sich Besinnen, vor etwas Schützen, des Alleinseins und somit ein wahrer Ort der Ruhe und der Stille.

Peter Handke beschreibt  nicht nur mit seiner unverwechselbaren magischen Sprache diese besonderen „Stillen“ Erfahrungen, sondern er spielt quasi auf höchst literarischem Niveau mit den Wörtern, lässt sie zu einer Art Kunstwerk verschmelzen und kreiert dabei ein essayistisches Gemälde von einem « Stillen Ort », wie wir uns als Leser diesen vielleicht in dieser Bedeutungtiefe und Tragweite nie hätten vorstellen können.

Spätestens nach dieser mehr als lebensbereichernden und äusserst eindrucksvollen Lektüre werden Sie, verehrter Leser, Ihren Stillen Ort mit ganz anderen Augen betrachten. Sie werden ihn neu bewerten, ihn in ganz überraschender Form neu schätzen lernen, aber Sie werden auch – dank Peter Handke – feststellen, dass es nicht nur einen einzigen « Stillen Ort » braucht, sondern viele verschiedene,  um stille Orte für sich und bei sich finden zu können!

Durchgeblättert – „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard v. Nicolas Mahler

Erinnern Sie sich noch an den Musikphilosophen Reger, an seinen Freund Atzbacher und an den Museumswärter Irrsigler ? Es handelt sich hier um die drei Hauptprotagonisten aus der bitterbösen Prosa-Komödie « Alte Meister » von Thomas Bernhard, die 1985 erstmals veröffentlicht wurde. Ein Werk, besser eine Kritikschrift, die sich mit den kulturellen « Schönheiten » unserer Gesellschaft beschäftigt, sei es in der Kunst, Musik, Literatur, Philosophie und Religion. Aber auch die Themen Liebe,Kitsch und Dummheit spielen eine grosse Rolle.

Der Schauplatz des Romans ist die Kunst- und Musikstadt Wien. Reger sitzt im Kunsthistorischen Museum auf einer Bank im Bordone-Saal genau gegenüber von Tintorettos « Weissbärtigen Mann ». Er ist über 80 Jahre alt, schreibt immer noch Musik-Kritiken für die Times und besucht seit mehr als 30 Jahren diesen für ihn ganz besonders wichtigen Ort. Für Reger ist dies aber auch der perfekte Platz, um nicht nur über alles nachzudenken, sondern auch die ganze Welt zu kritisieren. Mit Irrsigler, dem Museumswärter, verbindet ihn seit seinem ersten Besuch ein ungewöhnliches Verhältnis. Für Reger ist er nur ein « Staatstoter » und passt deshalb sehr gut auf diesen Wärter-Posten, obwohl es bereits als Kind sein grösster Wunsch gewesen wäre, zur Polizei zu gehen. Übrigens weilt Reger gewöhnlich jeden zweiten Vormittag im Museum. Montags nie, denn da ist geschlossen und auch die eintrittfreien Samstage meidet er bewusst. Doch eines Tages bittet er seinen Freund Atzbacher – ein Privatgelehrter, der übrigens auch der Erzähler dieser Geschichte ist, – zu einem Treffen ausgerechnet am Samstag. Atzbacher ist mehr als überrascht und neugierig, was dies wohl für einen Grund haben könnte. Doch bis es zu dessen Enthüllung kommt, wettert Reger erst einmal ohne Unterlass gegen alles, gegen die Kunst, die Literatur, die Komponisten, die Philosophen und natürlich auch gegen die Wiener…

Thomas Bernhard (1931 – 1989) gehört zu den bedeutendsten österreichischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er war der Meister der Übertreibung, die durch seine elegante Sprache, eingebaut in atemberaubende Schachtelsätze, den parodistischen und karikaturistischen Elementen eine unglaublich starke Bedeutung verleihen konnte. Er war ein Gesellschaftskritiker, manchmal ein wenig größenwahnsinnig und radikal, aber im Kern letztendlich auch ehrlich und irgendwie berührend.

Und genau diese Mischung aus Bösartigkeit und Sentimentalität öffnet die Türen für eine ganz neue Form der visuellen Erweckung dieses nörglerischen Prosa-Stücks. Bernhard’s Werk erfährt eine zeichnerische Wiederbelebung und somit entsteht die grandiose Neu-Adaption von « Alte Meister » als Comic bzw. Graphic Novel.

Dies könnte ein schwieriges Unterfangen für manche Bernhard-Verehrer bedeuten oder im schlimmsten Fall sogar ein abwehrendes Kopfschütteln auslösen. Mut ist sicherlich eine der wichtigsten Voraussetzungen für dieses Projekt, und Kopfschütteln darf man auch, aber vor Begeisterung. Nicolas Mahler ist der heldenhafte Künstler, oder soll man besser sagen Zeichen-Magier dieser neuen « Alten Meister », die er in einer wirklich genialen Adaption perfekt umgesetzt hat. Bernhard’s Werk, das ja hauptsächlich aus Schimpf -Monologen besteht, wird hier von 300 Seiten auf ungefähr die Hälfte reduziert. Der Inhalt ist quasi zeichnerisch zusammengefasst und die ausgewählten Sätze Bernhards werden in die einzelnen Karikatur-Zeichnungen virtuos eingebaut.

Ab jetzt sind die drei Protagonisten lebendig, irgendwie real : Reger dargestellt als kleiner dicker Mann mit schwarzem Mantel, Hut und Stock. Atzbacher dagegen gross, hager, mit Brille und übergroßer Nase. Und wenn man Irrsiger – eher klein, rund und mit unproportional langer Nase – betrachtet, versteht man sehr gut, dass er im Museum sicherlich besser aufgehoben ist, als bei der Wiener Polizei. Nicolas Mahler zeichnet schwarz – weiss mit einer einzigen farblichen Pointierung in Gelbgold. Eine Farbe, die hervorhebt – nicht immer nur zum Vorteil -, einen veredelten Rahmen schafft und wie ein « goldener » Faden verbindet. Bernhard’s Worte und Mahler’s Striche provozieren gemeinsam und ergänzen sich dadurch perfekt. Bernhard übertreibt, wo er nur kann, und Mahler untertreibt, wie er nur kann. Denn seine Hauptdarsteller sind quasi gesichtslos, keine Ohren, Augen und Münder, dafür manchmal charakterstarke Nasen. Hier treffen absurde Prosa auf absurde Zeichenkunst.

« Alte Meister », ein Klassiker, wird minimalistisch und mit sehr kunstvoll reduzierten Humor zum Leben erweckt, durch einen bemerkenswerten österreichischen Comic-Zeichner. Nicolas Mahler (geb. 1969) lebt in Wien und arbeitet für österreichische, deutsche und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften und publizierte in den letzten Jahren mehr als 20 Bücher in Frankreich, Kanada und USA. In Deutschland kennt man ihn seit 2006 durch Veröffentlichungen im Satiremagazin Titanic. Er wurde mit einigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Max-und-Moritz-Preis 2010 als bester deutscher Comic-Künstler.

« Alte Meister » als Comic bzw. Graphic Novel ist ein sehr gelungenes und faszinierend bös-skuriles Projekt. Thomas Bernhard bleibt der unvergesslicher Meister des literarisch tragikomischen Höhenflugs und Nicolas Mahler ist der neu zu entdeckende Meister der minimalistisch-parodistischen Zeichenfeder. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen, ausser : Unbedingt lesen !

Ada Christen – Gedicht

In der Kunstausstellung

Was drängt sich die bunte Menge
Sich gaffend um dies Bild?
Es ist ein junges Mädchen
Mit Zügen krampfhaft wild.

Ihr alten eitlen Gecken
Dränget euch nicht so nahe hin,
Reizt nicht an den zarten Formen
Den abgestumpften Sinn.

Seht hinter euch – o sehet!
Dort an der dunkelsten Stell‘
Lehnt ohnmächtig von Hunger,
Des schönen Bildes Modell.

Durchgelesen – „Angst“ v. Stefan Zweig

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb durch einen Suizid am 23. Februar 1942. Er gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Er pflegte einen grossbürgerlichen Lebensstil und reiste sehr viel, wobei er 1910 Indien und 1912 Amerika besuchte. Wie er in seiner Autobiographie „Die Welt von gestern“ erläutert, konnte er aufgrund seiner Untauglichkeit nicht am aktiven Militärdienst teilnehmen, und wurde daraufhin während des Ersten Weltkrieges in das Pressequartier versetzt bis er 1917 als Journalist für die „Neue Freie Presse“ nach Zürich gehen konnte.

Seine Hauptwerke hat er von 1919 bis 1934 in Salzburg geschrieben unter anderen seine berühmten Biographien, Erzählungen und Essays. Nach einer Hausdurchsuchung kurz nach Beginn der Machtergreifung der National-sozialisten im Februar 1934 stieg der bekennende Pazifist Zweig in den Zug und emigrierte nach London. Er nahm nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die britische Staatsbürgerschaft an und reiste  nach New York, von dort über Argentinien und  Chile und erreichte 1940 Brasilien.

Beeinflusst durch Balzac und durch die Erzähltradition der Wiener Schule – man denke an Arthur Schnitzler –  war auch eine starke psychologische Kraft in seinen Werken zu erkennen, die sicherlich vor allem durch Sigmund Freud mitgeprägt wurde. Besonders deutlich wird dies in seiner Novelle „Angst“.

„Angst“ wurde 1910 von Stefan Zweig verfasst und zeigt die Gefühle und Ängste einer Ehebrecherin. Die Hauptprotagonistin in dieser Novelle ist Irene Wagner, eine gut situierte, mit einem Juristen verheiratete Frau und Mutter zweier Kinder. Aus einer Laune der Langeweile und einer Art Ehemüdigkeit heraus beginnt sie ein Verhältnis mit einem jungen Musiker. Jedes Mal, wenn sie die Wohnung ihres Geliebten verlässt, steigt in ihr eine Angst auf, die sie nicht kontrollieren kann. Es ist die Angst, von ihrem Mann entdeckt zu werden:

„Als Frau Irene die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabstieg, packte sie mit einem Male wieder jene sinnlose Angst. Ein schwarzer Kreisel surrte plötzlich vor ihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre, und hastig musste sie sich am Geländer festhalten, um nicht jählings nach vorne zu fallen.“

Diese Angst wird grösser, fast unerträglich, als sie von einer Frau auf der Strasse aufgehalten wird, die ihr vorwirft,  sich an ihren Geliebten heran-zumachen. Sie ist verzweifelt, schreibt dem Geliebten einen Brief, dass sie sich nicht mehr sehen können. Trifft ihn aber trotzdem am nächsten Tag in einem Café wieder. Sie wird in dieser Zeit von der Frau beobachtet, nach Hause verfolgt und erpresst. Frau Irene zahlt ihr Geld, um Ruhe zu bekommen. Sie verlässt daraufhin drei Tage nicht mehr die Wohnung aus Angst wieder erpresst zu werden.

Ihre Familie ist verwundert über ihre lange Anwesenheit. Ihr Mann spürt ihren inneren seelischen Druck und versucht ihr eine erleichternde Hilfestellung zu geben im Hinblick auf ein eventuelles Geständnis, in dem er ihre Tochter drängt eine Dummheit zu gestehen, um dann wiederum Nachsicht üben zu können. Nur geht dieser Schachzug nicht auf. Einige Tage später klingelt die Erpresserin an der Tür und verlangt den Verlobungsring von Frau Irene. Sie gibt ihn ihr aus einer Notsituation heraus, bereut es aber kurz darauf wieder und versucht nun mit ihrem Geliebten ein Gespräch zu suchen, im Hinblick auf dessen Erpresser-Freundin. Dabei stellt sie fest, dass dieser bereits eine neue Geliebte hat und die Erpresserin gar nicht kennt.

Frau Irene ist verwirrt und am Boden zerstört. Sie fährt zur nächsten Apotheke und besorgt sich Gift. Wird sie sich aus Angst das Leben nehmen oder ist sie bereit für ein Geständnis?

„Angst“ ist im Grunde genommen eine einfach erscheinende Geschichte über Ehebruch. Doch der Handlungsverlauf nimmt von der ersten Zeile an eine Dramatik an und entwickelt sich hin bis zur höchsten Spannung, bevor dann die unerwartete Wendung bzw. Auflösung dieses „Falles“ kommt. Ja, diese Novelle hat die Kraft eines Psychothrillers. Der Leser spürt die zerstörerische Gewalt der seelischen Qualen von Irene Wagner, die Stefan Zweig gerade mit dieser doch sehr klaren, aber gleichzeitig magischen Sprache brillant und elegant beschreibt.

„Angst“ ist eine zeitlose Geschichte, welche die Kommunikationslosigkeit in der Ehe, das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau und die Befreiung von Angst durch Ehrlichkeit und Gespräch nicht besser und prägnanter darstellen könnte. Stefan Zweig hat uns eine äusserst menschliche Novelle hinterlassen, die den Leser an den psychodynamischen Entwicklungen der Hauptperson teilhaben, ja fast schon mitleiden und mitzittern lässt. „Angst“ ist ein grandioses sprachliches und psychologisches Bravourstück der deutschsprachigen Literatur!

Thomas Bernhard – Gedicht

Mein Weltenstück

Vieltausendmal derselbe Blick
Durchs Fenster in mein Weltenstück.
Ein Apfelbaum im blassen Grün,
Und drüber tausendfaches Blühn,
So an den Himmel angelehnt,
Ein Wolkenband, weit ausgedehnt …
Der Kinder Nachmittagsgeschrei,
Als ob die Welt nur Kindheit sei;
Ein Wagen fährt, ein Alter steht
Und wartet bis sein Tag vergeht.
Leicht aus dem Schornstein auf dem Dach
Schwebt unser Rauch den Wolken nach …
Ein Vogel singt, und zwei und drei,
Der Schmetterling fliegt rasch vorbei,
Die Hühner fressen, Hähne krähn,
Ja lauter fremde Menschen gehn
Im Sonnenschein, jahrein, jahraus
Vorbei an unserem alten Haus.
Die Wäsche flattert auf dem Strick
Und drüber träumt ein Mensch vom Glück,
Im Keller weint ein armer Mann,
Weil er kein Lied mehr singen kann …
So ist es ungefähr bei Tag,
Und jeder neue Glockenschlag
Bringt tausendmal denselben Blick,
Durchs Fenster in mein Weltenstück …

Robert Walser – Gedicht

Der Schnee

Der Schnee fällt nicht hinauf
sondern nimmt seinen Lauf
hinab und bleibt hier liegen,
noch nie ist er gestiegen.

Er ist in jeder Weise
in seinem Wesen leise,
von Lautheit nicht die kleinste Spur.
Glichest doch du ihm nur.

Das Ruhen und das Warten
sind seiner üb’raus zarten
Eigenheit eigen,
er lebt im Sichhinunterneigen.

Nie kehrt er je dorthin zurück,
von wo er niederfiel,
er geht nicht, hat kein Ziel,
das Stillsein ist sein Glück.

Durchgelesen – „Meine Preise“ v. Thomas Bernhard

Im Februar 2009 wurde dieses Buch anlässlich des 20. Todestages von Thomas Bernhard zum ersten Mal veröffentlicht. Bereits 1980 hat er diese Prosaarbeit geschrieben, die sich in neun Kapiteln und einen Anhang gliedert. Sie handelt um die Umstände und Gegebenheiten bezüglich der ihn verliehenen literarischen Auszeichnungen.

Thomas Bernhard bekannt für seine Boshaftigkeit und Lakonie, erklärt dem Leser auf unglaublich witzige und skurille Weise den Sinn oder auch Unsinn dieser Preise und die dazugehörige Probleme.

Bei der Verleihung des Grillparzerpreises steht Thomas Bernhard vor einer grossen Herausforderung, nämlich einen passenden Anzug zu kaufen. Dieser ganze Aufwand wurde dann nicht einmal belohnt, da er von keinem der hohen Wiener Würdenträger in der Akademie der Wissenschaften empfangen wurde und zu seinem Platz geführt wurde. Ergänzend muss man noch erklären, dass in der Regel seine Tante ihn bei all diesen Preisverleihungen begleitete. Er war um so empörter über diesen Mangel an Höflichkeit, so dass er sich einfach selbst einen Platz gesucht hatte, was dann zu grossen Verwirrungen innerhalb des Saales kurz vor der Preisvergabe führte.

Die Umstände der Verleihung des Literaturpreises der Freien und Hansestadt Bremen waren nicht weniger kompliziert. Der einzige positive Aspekt lag darin, dass dieser Preis mit 10 000.- DM dotiert war, was Thomas Bernhard aus seiner schwierigen finanziellen Lage retten konnte. Er wollte sich nämlich unbedingt einen eigenen Bauernhof kaufen, und wenn es nur eine Ruine wäre, aber dafür etwas Eigenes. Deshalb nahm er die Strapazen bezüglich der Verleihung in Kauf, obwohl er die Stadt Bremen hasste:

„Ich reiste also nach Bremen, das ich nicht kannte. Hamburg kannte ich und liebte ich immer wie auch heute, Bremen verabscheute ich vom ersten Moment an, es ist eine klein-bürgerliche unzumutbare sterile Stadt.  Gleich gegenüber dem Bahnhof war in einem neuerbauten Hotel für mich ein Zimmer bestellt, ich weiss nicht mehr, wie das Hotel geheissen hat. Ich verkroch mich in meinem Hotelzimmer, um die Stadt Bremen nicht sehen zu müssen und wartete den Morgen der Preisverleihung ab.“

Es gab ständig Skandale bei diesen Feierlichkeiten, er regte sich immer über irgendetwas auf, er schimpfte auf die Gesellschaft, auf die Politik und er ironisierte die Welt und sich selbst. Mit Witz und sprachlicher Brillanz gelingt es Thomas Bernhard den Leser auf intellektuelle und anspruchs-volle Weise wunderbar zu unterhalten. Diese Prosaarbeit gehört sicherlich zu seinen vergnüglichsten Werken.