Kategorie: Grossbritannien

Durchgeblättert – „Das Problem mit den Frauen“ v. Jacky Fleming

Frauen sind ein Problem und machen Probleme, nicht nur in den unterschiedlichen zwischenmenschlichen Beziehungen. Bereits in der Geschichtsschreibung liegt das Problem mit den Frauen, somit ist es nicht verwunderlich, sondern höchste Zeit, dieses zeitlose Problem zu nennen.

Jacky Fleming nimmt sich diesem « Problem » an und weiss wovon sie spricht und zeichnet. Geboren 1955 in London hat sie sich bereits während ihres Kunststudiums an der Leed University mit dem Feminismus beschäftigt. Seit 1978 erscheinen ihre Comicstrips , die sie unter anderem für verschiedene Zeitungen wie The Guardian und The Observer kreiert. Ganz aktuell ist nun ihr neuestes Comic-Werk « Das Problem mit den Frauen » in Deutschland erschienen.

Frauen hatten es schwer in der Geschichte, es gibt nur wenige grossen Namen, wenn man beispielsweise an Marie Curie denkt. Doch bis diese Frau aus ihrem weiblichen Schatten treten konnte, blieben viele Frauen auf der Strecke. Sie waren in der Minderzahl, « aber sie hatten sehr kleine Köpfe, weswegen sie zu nichts nütze waren, ausser zu Handarbeit und Krocket ». Und so nimmt das weibliche Drama seinen Lauf. Es gab « keine schwarzen Frauen », es gab « Frühfrauen » wie Queen Victoria und « gefallene Mädchen ». Und nicht unschuldig daran waren natürlich die genialen Männer, von denen es mehr als genug gab. Bereits Jean-Jacques Rousseau fand es richtig, dass « Mädchen zeitig lernen müssten, sich zu fügen… ».

Die Probleme mit den Frauen weiteten sich aus, bedenke man schon allein die Kleidung, die sie trugen bzw. tragen mussten. Wie sollte man da Fahrrad fahren können, geschweige denn andere sportliche Leistungen erbringen, von geistigen Aufgaben wie Denken und Schreiben ganz zu schweigen. Bei den Frauen war alles klein, nicht nur das Gehirn, sondern auch die Ergebnisse daraus. So entstand bei Frauen nur kleine Kunst. Es fehlte den Frauen an Geniehaaren und intellektuellen Bärten. Doch besonders markant war letztendlich laut dem Assistenten von Darwin : «  Frauen besitzen nur wenig von jener beharrlichen Zielstrebigkeit und Durchsetzungskraft, die für den mannhaften Geist charakteristisch sind. »

Dazu bleibt nur noch hinzuzufügen, dass glücklicherweise auch wenn es manchmal nicht so scheint, die Entwicklung der Frauen stetig voranschreitet und das Problem mit den Frauen ein Problem der Männer ist und bleiben wird.

Das Buch zeigt in schwarz-weiss die Vergangenheit ohne dabei die Gegenwart indirekt nicht zu vergessen. Denn irgendwo fragt man sich, wie konnten sich Frauen dies alles zur damaligen Zeit so gefallen lassen. Aber letztendlich könnten sich heute Frauen diese Frage immer noch bzw. wieder stellen. Im 21. Jahrhundert tragen Frauen zwar kein Kleiderkorsett mehr, aber so manch anderes gesellschaftliche Korsett lässt sich nicht leugnen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Frauen wie Jacky Fleming mit Ihrem Können und Ihrer Hartnäckigkeit, dazu beitragen, die Unsichtbarkeit der Frau in der Geschichte sichtbar zu machen.

Jacky Fleming hat mit grandioser Zeichenfeder im viktorianischen Stil einen so bösartigen, originellen, amüsanten und bissigen Comic geschaffen, der wirklich für alle Frauen und Männer jeglicher Couleur und Gesinnung zu Pflichtlektüre werden sollte. Das bekräftigte auch die Zeitung « The Independent », die dieses Buch unbedingt auf dem Schullehrplan sehen möchte. Das kann man nur bestätigen !

Durchgeblättert – „Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ v. Tania Schlie

Schreiben und Glück gehört irgendwie zusammen. Bereits Jean Paul konnte dies mit seinem wunderbaren Zitat – „Solange ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein“ – perfekt bestätigen. Doch wo schreiben eigentlich Menschen und insbesondere Frauen ihre Bücher? Eine nicht ganz unwichtige Frage, die sich dank der enthusiastischen Recherche und dem guten Gespür an biographischen Entdeckungen nun mit dem sehr interessanten und anspruchsvoll gestalteten Buch „Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ sehr gut beantworten lässt.

Tania Schlie (geb. 1961 in Hamburg), Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin hat mit ihrem neuen Werk ein wahrlich wissenswertes Thema rund um das Schreibverhalten von Frauen sehr ansprechend und äusserst informativ aufbereitet. Es geht um den Ort des Schreibens, konkret nicht nur um ein Land, eine Stadt oder ein Dorf, nein es geht um den Arbeitsplatz oder besser gesagt um den Schreibort. Das kann ein – kombiniert mit unterschiedlichen Ritualen – immer festgelegter Platz sein, der verschiedenster räumlicher und psychologischer Begleitumstände bedarf, die das Schreiben nicht nur erleichtern und vereinfachen, sondern auch effizienter und erfolgreicher gestalten können.

Elke Heidenreich hat hier in ihrem sehr persönlichen Vorwort ihren Schreibort wunderbar erläutert und wir können erstaunt feststellen, dass sie über den besonderen Luxus verfügt, drei Schreibtische zu besitzen, die für die unterschiedlichsten Arten des Schreibens von ihr dementsprechend eingesetzt werden. Doch dieses Privileg hatten in früheren Zeiten leider nur sehr wenige Schriftstellerinnen; sie mussten zum Teil mit dem Küchen- bzw. Esstisch vorlieb nehmen, wie zum Beispiel Jane Austen oder Charlotte Brontë, die sogar mit ihren zwei Schwestern gemeinsam im Esszimmer ihre Bücher schrieb.

Aber auch das Café zählte zu einem der wichtigsten und beliebtesten Schreibplätze für viele Autorinnen. Während der Besatzungszeit beispielsweise war es der wesentlich besser geheizte Ort. Und für Simone de Beauvoir, die alle ihre Bücher in Cafés geschrieben hatte, nicht nur ein Arbeits- genauso eine Art Lebensort zum Essen und zum Freunde treffen. Auch Nathalie Sarraute ging jeden Tag für vier Stunden in ein libanesisches Café in Paris, um ihren Kindern und dem Anwaltsalltag ihres Mannes zu entfliehen. Dorothy Parker konnte über viele Jahre hinweg nur in möblierten Hotelzimmern arbeiten. Ja und nicht nur für François Sagan war die brennende Zigarette ein unabdingbares „Konzentrationsmittel“. Viele andere Schriftstellerinnen, wie beispielsweise Elizabeth Bowen, fühlten sich im Tabakduft irgendwie wohl und aufgehoben. Gertrude Stein dagegen brauchte noch etwas ganz anderes, das sie in ihrem Schreiben unterstützte und beflügelte, nämlich Kunst. Sie sammelte bereits früh die unterschiedlichsten Meisterwerke der Moderne und wurde durch die Kunst, die an ihren Wänden ihres Arbeitszimmers hing, nicht immer nur positiv inspiriert und musste sich deshalb sogar von so manchem Kunstwerk trennen, da es ihren Schreibprozess eher zu blockieren schien.

Einige Autorinnen konnten überall schreiben, reisten viel, benötigten ihre Schreibmaschine als klassisches Arbeitsmittel und der Arbeitsort war völlig gleichgültig, ob in der Wiese, auf der Terrasse oder in einem Raum an einem beliebigen Tisch. Es gibt aber auch Schriftstellerinnen, die ihren eigenen konkreten Ort zum Schreiben brauchten. Sei es ein separates Zimmer wie bei Virginia Woolf und Alice Walker, oder aber auch nur der einzig wahre Schreibtisch bzw. Schreibort, wie bei Nadine Gordimer oder Colette, die nur im Bett auf ihrem dafür eigens konzipierten Schreibpult produktiv sein konnte.

Viele oder man könnte fast schon sagen, die meisten dieser Autorinnen sind dem Schreiben so zugetan, dass es für sie das eigentliche, ja das wahre Leben bedeutete, aber es gibt auch Ausnahmen, bei denen das Schreiben, ein echter Brotberuf war und vor allem das Geld zählte. George Sand gehörte zu dieser Kategorie. Sie konnte sage und schreibe bis zu dreizehn Stunden am Tag arbeiten und versuchte sich dabei nachts mit Unmengen von Kaffee und Zigaretten wachzuhalten. Aber auch Agatha Christie, die mehr als 70 Bücher geschrieben hatte, arbeitete für eine neue Loggia an ihrem Haus. Es ging ihr um die pragmatischen Aspekte und keineswegs um die Verklärung des Schreibens.

Fast 40 schreibende Frauen und ihre Arbeitsplätze mit den dazu verbundenen Arbeitsgewohnheiten dürfen wir in diesem so fabelhaft konzipierten Buch – dank auch der faszinierenden Fotos von einigen dieser Schreiborte – erstmals kennenlernen. Tania Schlie hat nicht nur intensiv geforscht, sie hat auch sehr subtil und ganz vorsichtig die Türen zu den Schreibplätzen dieser aussergewöhnlichen Frauen geöffnet. Wir spüren die unterschiedlichen Plätze auf, fühlen uns sofort eingeladen in die verschiedenen „Arbeitszimmer“ dieser ausgewählten Schriftstellerinnen und erkunden die Einrichtung, drücken die Tasten der Schreibmaschine oder nehmen die Bleistifte bzw. Füllfederhalter zur Hand, riechen den Tabakrauch oder hören auch die Nebengeräusche in den Cafés. Kurzum der Leser wird Teil einer ganz besonderen Welt, der sogenannten weiblichen Schreibwelt. Ja und somit müssen wir uns nicht im Geringsten wundern, wenn wir, selbst als Leser, uns vielleicht auch nach einem genauso vergleichbaren „Ort“ des Schreibens bzw. Arbeitens sehnen!

„Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ ist ein glanzvoll illustrierter Bild- und Textband, der nicht nur Schreiborte, sondern ganze und vor allem auch in gewisser Weise sehr persönliche und intime geistige Lebensräume von beeindruckenden Schriftstellerinnen präsentiert. Seien Sie gewiss, verehrter Leser, spätestens nach der Lektüre dieses Buches werden Sie Ihre Neugierde bezüglich der Frage nach dem „Wo“ Frauen schreiben stillen können, doch gleichzeitig werden die neuen Fragen nach dem „Was“ und „Wie“ sie schreiben nicht lange auf sich warten lassen und das literarische Verlangen, diese Schriftstellerinnen auch in ihrem Werk kennenzulernen, kaum mehr zu bändigen sein!

Durchgelesen – „Zum Zeitvertreib – Vom Lesen und Malen“ v. Winston Churchill

Winston Churchill (1874 – 1965) kennen wir als einen der bedeutendsten britischen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Er bekleidete mehrere Regierungsämter, war von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 Premierminister von Grossbritannien. Doch unabhängig von seiner grossen politischen Karriere war Winston Churchill ein überaus erfolgreicher Autor verschiedenster politischer, aber auch historischer Schriften. So dass er 1953 mit dem Literaturnobelpreis „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“, ausgezeichnet wurde. Somit ist es kaum verwunderlich, dass Churchill nicht nur Autor, sondern auch Leser war. Das Lesen gehörte neben der Malerei zu einer seiner wichtigsten „Freizeitbeschäftigungen“. Nun dürfen wir uns als Leser erfreuen und an diesem doch für ihn so wichtigen „Zeitvertreib“ ein wenig zu partizipieren.

Für Churchill ging es in erster Linie überhaupt erst mal darum, eine Alternative zu seiner politischen Tätigkeit zu finden, denn das wichtigste war:

„Abwechslung ist der Schlüssel schlechthin.“

Es sollte ein Hobby sein, welches zwar anspruchsvoll, aber gleichzeitig auch die politischen Gedanken etwas verdrängen konnte. Und so war es für Churchill ganz klar:

„Die beliebteste Art der Zerstreuung ist das Lesen.“

Das Lesen führte Churchill in vielerlei Hinsicht in eine Art geistige Selbstzufriedenheit, es bereicherte den Wortschatz, vor allem dann, wenn man auch noch neben seiner Muttersprache in einer anderen Sprache richtig lesen konnte. Doch gleichzeitig sollte man es in jungen Jahren nicht mit der Lektüre übertreiben, eher vorsichtig vorgehen und alles mit Bedacht und Muse ausführen.

Doch neben dem Lesen gab es noch einen weiteren sehr wichtigen Aspekt in Bezug auf den „Zeitvertreib“, nämlich die Malerei. Für Churchill war das Malen fast noch mehr „Ablenkung“ als das Lesen.

Dabei ist nicht ganz unwichtig zu wissen, dass Winston Churchill das Malen erst mit 40 Jahren für sich entdeckt hatte und damit in diesem Alter zum ersten Mal einen Pinsel führte. Der Anfang forderte auch so manchen Mut ab, bis er sich traute die weisse Leinwand mit Farbe zu beglücken:

„So ein verwegener Beginn, oder mitten hinein geworfen zu werden, macht bereits einen grossen Teil der Malkunst aus. Ab das ist beileibe nicht alles.

Le peinture à l’huile
Est bien difficile,
Mais c’est beaucoup plus beau
Que la peinture à l’eau.

Es liegt mir fern, Wasserfarben herabsetzen zu wollen. Aber es geht wirklich nichts über Ölfarben. Mit ihnen hat man ein Mittel zur Hand, das wahre Macht verleiht; man muss nur herausfinden, wie man es einsetzt.“

Ja, Churchill war sehr leidenschaftlich vor allem, was das Lesen und sehr produktiv und zielstrebig, was das Malen betrifft, somit ist es nicht überraschend, dass über 500 Gemälde entstanden sind, die teilweise bereits in einigen Ausstellungen präsentiert wurden und inzwischen auch bei Auktionen unerwartet hohe Preise erzielen konnten.

Dieser wunderbare Essay aus der Feder von Winston Churchill ist ein wahrer Lesegenuss. Mit Charme, Intelligenz, aber auch einer gewissen geradlinigen und strategischen Prägnanz zeigt uns Churchill seine Hobbys, seine „Abwechslungen“ – kurzum seinen „Zeitvertreib“! Man spürt bei jeder Zeile die echte Überzeugung hinsichtlich dieser vergnüglichen Tätigkeiten und die daraus resultierenden kaum zu übertreffenden positiven Ergebnisse. Diese Hobbys lenken ab, sie zerstreuen und sie begleiten durch ein nicht ganz einfach zu führendes Leben. Churchill suchte Kraft, er wollte, dass seine nur auf politische Entscheidungen getrimmten Gehirnzellen sich entspannen konnten und wurde – wie bereits viele andere Suchende – beim Malen und Lesen fündig.

Dieses kleine Leinenbüchlein mit gerade mal 60 Seiten ist ein perfekter und mehr als kurzweiliger „Zeitvertreib“ für jeden Menschen. Selbst der Nichtleser und Nichtmaler wird daran seine grosse Freude haben und entweder dabei die Lust am Lesen und Malen entdecken oder sich mit Enthusiasmus auf die Suche nach einer passenden Ablenkung begeben. Winston Churchills „Zeitvertreib“ amüsiert, bereichert und informiert auf so wundervolle Weise, dass man fast geneigt ist, jeden Satz darin unterstreichen zu wollen, viele Zitate am Liebsten auswendig lernen und somit für immer in seiner Seele behalten möchte.

„Zum Zeitvertreib“ ist sicherlich eines der schönsten und intellektuellsten „Geschenkbücher“, welches in den letzten Jahren veröffentlicht wurde, denn jede Zeile von Winston Churchill in diesem Essay ist ein wahres Geschenk!

Durchgelesen – „Das Papierhaus“ v. Carlos Maria Dominguez

Bücher haben Macht! Sie können das Leben bestimmen, verändern und massgeblich beeinflussen, selbst dann, wenn wir es als Leser gar nicht bewusst zulassen wollen. Und genau über diese doch eher unterschätzten „Charakterzüge“ des Buches berichtet uns Carlos Maria Dominguez in seiner Erzählung „Das Papierhaus“.

Carlos Maria Dominguez, geboren 1955 in Buenos Aires, gehört zu den wichtigsten und berühmtesten Schriftstellern Lateinamerikas und hat laut der Zeitung „Der Welt“ mit seinem Romanwerk „Literatur von Weltrang“ geschaffen. Anfangs hat er für verschiedene Zeitungen als auch für die Kulturbeilage von „El Pais“ geschrieben. Inzwischen wurden von Carlo Maria Dominguez mehr als 20 Bücher veröffentlicht. In Deutschland wurde er mit seinem kleinen feinen Werk „Das Papierhaus“ bekannt, das unter dem Originaltitel „La casa de papel“ 2002 erschienen ist und zum ersten Mal in deutscher Übersetzung 2004 in Deutschland vorgestellt wurde. Jetzt nach 10 Jahren ist dieses faszinierende Buch nochmals neu und aktualisiert aufgelegt und mit den wundervollen Illustrationen von Jörg Hülsmann ausserordentlich feinsinnig und beeindruckend kunstvoll gestaltet worden.

Die Geschichte wird von einem jungen Literaturdozenten der Universität Cambridge in der Ich-Form erzählt und spielt in Südamerika. Eine junge Kollegin von ihm – Bluma Lennon – wird, als sie mehr als vertieft in einem Gedichtband von Emily Dickinson liest, von einem Auto erfasst und dabei tödlich verletzt. Bei der Beerdigung erfährt man nicht nur etwas über ihre brillante Universitätslaufbahn, sondern auch über ihre intensive Nähe zur Literatur, die doch auch etwas überspitzt von einem anderen Kollegen dargestellt wird:

« „ Bluma hat ihr Leben der Literatur geweiht, ohne sich vorzustellen, dass sie durch diese ums Leben kommen würde.“ »

Doch letztendlich sollte man nicht vergessen, dass – auch wenn Bücher das Schicksal nachhaltig verändern können – sie ein Auto überfahren hat und nicht der Gedichtband.

Nach diesem tragischen Vorfall fällt eines Tages dem Ich-Erzähler ein Päckchen in die Hand, frankiert mit Briefmarken aus Uruguay, was an Bluma adressiert war. Beim Öffnen entdeckt er « das zerlesene alte Exemplar von Joseph Conrads Roman Die Schattenlinie ». Das Buch war vollkommen verdreckt und verklebt mit Zementresten. Beim Aufklappen sieht er eine Widmung von Bluma:

« „Für Carlos als Andenken an die verrückten Tage in Monterrey: ein Roman, der mich von Flughafen zu Flughafen begleitet hat. Es tut mir leid, aber in meiner Seele wohnt eine Hexe und ich habe es sofort gewusst: Egal was Du tust, Du wirst mich nie überraschen können. 8. Juni 1996.“ »

Der Ich-Erzähler startet seine Nachforschungen, hinsichtlich dieses mysteriösen Mannes. Nach einiger Zeit und mit Hilfe verschiedenster Kontakte wird das Geheimnis gelüftet: es handelt sich um einen bibliophilen Mann namens Carlos Brauer, der inzwischen in eine eher verlassene Gegend am Atlantischen Ozean gezogen ist. Der Ich-Erzähler entschliesst sich nach Buenos Aires zu reisen, um diesen Carlos ausfindig zu machen. Von dort aus fährt er mit dem Schiff nach Montevideo und sucht den Inhaber einer Buchhandlung mit angeschlossenem grossen Antiquariat – Jorge Dinarli – auf, der mit Carlos beruflich in Kontakt stand. Dinarli empfiehlt dem Literaturdozenten aus Cambridge, doch am besten mit Brauers Freund Augustin Delgado zu sprechen.

Das Treffen mit Delgado ist ein wahres Ereignis. Der Ich-Erzähler wird in Delgados grandioser Wohnung, die einer gigantischen Bibliothek (ca. 18.000 Bände) gleicht, empfangen und somit beginnt sofort ein Gespräch über die Leidenschaft für Bücher, aber auch die Kunst und Schwierigkeit mit Büchern das Leben zu gestalten. Delgado berichtet von seiner Art mit Büchern umzugehen, aber vor allem auch von der Besessenheit, jedes Buch besitzen zu wollen, das hauptsächlich bei Carlos Brauer der Fall war. Bei diesen Diskussionen zwischen Delgado und Brauer, ging es aber auch um das Thema „Anmerkungen“, die man während des Lesens vornehmen darf, soll oder kann. Brauer war da sehr konsequent:

« „Ich vögele mit jedem Buch, keine Markierung bedeutet für mich kein Orgasmus.“ »

Für Delgado war dies absolut keine Option, ganz im Gegenteil er war für das eher unberührte und jungfräulich bleibende Buch. Aber nicht nur dieses Thema auch die Problematik der Ordnung von Büchern war vor allem für Brauer ein sehr schwerwiegendes und kaum zu lösendes Problem:

« „…wie mühselig es sei, die zerstrittenen Autoren in verschiedenen Regalfächern unterzubringen.“ »

Delgado wurde sich immer mehr bewusst, dass diese Besessenheit in puncto Bücher, doch mehr und mehr zu einer geistigen Störung bei Brauer mutierte und es kaum abzusehen war, wie sich das alles weiter entwickeln würde…

Bereits während der Lektüre dieser so inspirierenden Geschichte, denkt man an das kleine und trotzdem sehr imposante Werk von Gustave Flaubert „Bücherwahn“, das die negativen Konsequenzen einer sogenannten Bibliomanie sehr deutlich beschreibt. Doch „Das Papierhaus“ ist weniger eine Kriminalerzählung, die ja Flauberts Werk zu Grunde liegt, sondern eher ein sehr persönliches und charmantes Prosastück unter anderem über die Problematik, der kaum zu bändigenden und vor allem trotzdem zu besitzen wollenden Menge an Büchern. Welcher Leser stellt sich nicht oft die Frage, wie ordne ich meine Bibliothek. Heutzutage könnte man natürlich sofort antworten, gar nicht! Kaufen Sie sich einen E-Reader und alle Probleme sind gelöst. Das mag vielleicht für den einen oder anderen Leser gelten und funktionieren, aber ein bibliophiler Mensch möchte seine Bücher besitzen, an ihnen riechen, das Papier spüren und sich an einer realen Bibliothek sein Leben lang erfreuen.

Carlos Maria Dominguez zeigt hier auf sehr stimmungsvolle, aber durchaus intellektuell literarische Weise, wie das Schicksal durch Bücher nicht nur verändert und eingeschränkt, aber vor allem auch bereichert werden kann, selbst dann wenn man bei Umzügen ab hundert gepackten Kiste jeden weiteren Bücherkarton am Liebsten verbrennen möchte. Bücher sind die Basis für jede Art von Bibliothek und deshalb sollte man nie den Satz von Delgado aus dieser mehr als zeitlosen Erzählung vergessen:

« „Wer sich eine Bibliothek aufbaut, der baut sich ein ganzes Leben auf. Sie ist nämlich nie die Summe ihrer einzelnen Exemplare.“»

Dieses eindrucksvolle Zitat lädt ein über sein eigenes Leben, ob mit oder ohne kleiner bzw. grosser Bibliothek nachzudenken. Und es zeigt uns, wie wichtig die Liebe zu Büchern doch sein kann. Carlos Maria Dominguez kann mit seiner wunderschön bildhaften Sprache all dies bereits spielerisch und trotzdem unaufdringlich empathisch erzählen. Doch die mehr als faszinierenden Illustrationen von Jörg Hülsmann in dieser neu aufgelegten Ausgabe und natürlich auch der ebenso bibliophil ästhetisch und kunstreich gestaltete Buchumschlag, verstärken die betörende und magische Anziehungskraft nicht nur hinsichtlich dieses Werks sondern Büchern gegenüber ganz allgemein, der Sie sich, verehrter Leser, bestimmt niemals entziehen wollen und können!

Durchgelesen – „Die Reisen mit meiner Tante“ v. Graham Greene

Graham Greene (1904 – 1991) zählt zu den wichtigsten englischen Schriftstellern der 20. Jahrhunderts. Geboren als Viertes von sechs Kindern waren die Kindheit und vor allem die Schulzeit  für ihn sehr schwierig, da sein Vater auch gleichzeitig der Schuldirektor war. Greene studierte Geschichte und musste bereits wegen seiner Vorliebe zu Russischem Roulette im Jugendalter in psychiatrische Behandlung. Nach seinem Studium arbeitete Greene als Journalist bei der Tageszeitung « The Times ». Obwohl er zum Katholizismus wechselte, bleib er zeitlebens ein grosser Kritiker hinsichtlich der Amtskirche. In den dreissiger Jahren arbeitete er als Filmkritiker und während des zweiten Weltkriegs war er beim Auslandsgeheimdienst für das Aussenministeriums in Westafrika tätig. Eine Vielzahl seiner Romane befassen sich immer wieder mit dem Thema Schuld und Verrat, was Graham Greene in grandiose Abenteuergeschichten verwandelte. Sein erster Roman « Schlachtfeld des Lebens » wurde 1934 veröffentlicht. Er war aber nicht nur Romancier, sondern auch Drehbuchautor, was der mehr als berühmte Film « Der Dritte Mann » (1949) beweist. Jetzt gibt es die Gelegenheit, einen Klassiker in Neuübersetzung wieder zu entdecken, der die Reise- und Abenteuerlust von Graham Greene literarisch wunderbar widerspiegelt. « Die Reisen mit meiner Tante » erschienen zum ersten Mal unter dem Titel « Travel with my Aunt » 1969 und sind nun dank der angenehm modernen Übertragung ins Deutsche durch Brigitte Hilzensauer aktuell erschienen.

Der Roman wird in der Ich-Form aus der Sicht des pensionierten Bankbeamten, Dahlienzüchter und Junggesellen Henry Pulling erzählt. Seine Mutter ist gestorben und ganz zufällig trifft er nach einer sehr langen Zeit bei der Beerdigung seine Tante Augusta wieder. Bei diesem Ereignis werden, während die Leiche seiner Mutter gerade eingeäschert wird, erste und unerwartete Informationen ausgetauscht und ungewöhnliche Familienerinnerungen wachgerufen. Tante Augusta hat auch in ihrem Alter (75 Jahre) noch mehr Temperament als Henry in seiner Jugend, was ihn zunächst mehr als irritiert, aber trotzdem irgendwie anzieht. Henry begleitet seine Tante zu sich nach Hause und spätetens in dem Moment als er Wordsworth – ihr « Kammerdiener » -kennenlernt, wird sich das Leben von Henry schlagartig ändern. Tante Augusta beginnt zu erzählen, während Wordsworth sich um die Asche von Henrys Mutter kümmert, allerdings nicht im besten Sinne. Denn kaum als Henry wieder bei sich zu Hause war, sich intensiv mit seinen Dahlien beschäftigte, rief ganz aufgeregt seine Tante an, um ihm von einer Razzia bei ihr in der Wohnung zu berichten und ihn gleichzeitig vorzuwarnen, dass die Polizei unbedingt die Asche seiner Mutter anlysieren will. Und tatsächlich wird doch in der Urne nicht nur die Asche gefunden, sondern ein grosser Anteil Haschisch. Der « Kammerdiener » setzt sich daraufhin nach Paris ab und somit ist die liebe Tante Augusta plötzlich ganz allein.

Was könnte ihr Besseres einfallen, als ihren neu bzw. wiedergewonnen Neffen als Reisebegleiter zu engagieren. Tante Augusta hatte einen Plan. Sie wollte von Paris aus mit dem Orientexpress nach Istanbul fahren angeblich wegen nicht ganz durchschaubarer Geldgeschäfte. Doch Henry, der eher sesshafte, unbewegliche Dahlienliebhaber, war nicht nur von den Reiseideen seiner Tante überrascht, sondern wunderte sich unter welchen schrägen Reisevorkehrungen und Sicherheitsmassnahmen sie so manchen Zollbeamten um die Nase herumgeführt hatte. Doch bei all diesen undurchsichtigen Unternehmungen hatte Tante Augusta aufgrund ihres Alters inzwischen einen Hang zum Luxus entwickelt. Somit war es nicht im Geringsten verwunderlich, dass sie gleich eine ganze Suite im Hotel Saint James und Albany direkt gegenüber vom Jardin des Tuileries gebucht hatte. Für Henry eine unnötige Geldausgabe, vor allem nur für eine Nacht. Doch Tante Augusta klärte ihn auf :

« « Zuerst must du lernen, Verschwendung zu geniessen », erwiderte meine Tante. « Armut befällt einen so plötzlich wie die Grippe ; da ist es gut, wenn man für schlechte Zeiten ein paar Erinnerungen an Extravaganz auf Lager hat. » »

Dies war eine klare Botschaft für Henry und er versuchte ab sofort all die kuriosen Ideen seiner Tante so wenig wie möglich zu hinterfragen und begab sich trotzdem nicht ganz unfreiwillig mit ihr auf gemeinsame Reise nach Istanbul. Eine Reise, die mehr als ein Abenteuer ist, denn es werden Goldbarren in einer Kerze geschmuggelt und der türkische Geheimdienst ist in Alarmbereitschaft. Abgesehen von schlüpfrigen Devisengeschäften, raucht Henry auch noch seinen ersten Joint und wird mehr und mehr in die nicht ganz ungefährlichen Eskapaden seiner Tante mithineingezogen…

Graham Greene beweist in diesem grandiosen und wahrlich literarisch spannenden « Unter-haltungsroman » sein komödiantisches Talent. Er hat mit Tante Augusta eine Hauptfigur geschaffen, die uns mit ihrer Art, ihrem Humor, aber auch mit ihrer Direktheit und Nonchalence auf eine unvergleichliche Abenteuerreise mitnimmt, die nur so von Lebensfreude erfüllt ist. Hier denkt man sofort an das bekannte Bonmot « Alter schützt vor Torheit nicht ». Jugendlichkeit kombiniert mit Lebensefahrung wird hier ganz grossgeschrieben. Und somit bleibt dieser Roman mehr als zeitgemäss und ist durch seine Lebendigkeit und Individualität aktuell und äusserst modern.

« Die Reisen mit meiner Tante » ist ein wahrer Schatz der Weltliteratur. Gekrönt durch eine unvergleiche Komik wird Tante Augusta nicht nur bei Henry im Herzen bleiben, sondern auch bei Ihnen, verehrter Leser. Stürzen Sie sich lesenderweise in ein paar wundervolle Abenteuer, entdecken Sie mit Tante Augusta interessante Länder und Städte und lassen Sie sich anstecken von diesem herrlich schwarzen Humor…

Durchgelesen – „Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe“ v. Andrew O’Hagan

Wer kennt sie nicht, Marilyn Monroe, eine Ikone, ein Mythos, eine Schauspielerin, aber auch eine sehr verletzliche Frau, die immer auf der Suche war! Bestimmt wären viele Menschen ihr sehr gerne nahe gewesen, wie eine Freundin bzw. ein Freund oder besser noch wie ein Hund, der er ihr treu ergeben wäre, aber auch sich instinktiv um ihr Seelenheil kümmern würde. Umso mehr freuen wir uns als Leser, nun die literarische Bekanntschaft mit genau so einem vierpfotigen und bellenden Begleiter machen zu dürfen, der uns das Leben an der Seite von Marilyn Monroe auf äusserst intellektuelle und empathische Weise erläutert.

Dieses grandiose Buch über eine unglaubliche « Freundschaft » schenkt uns Andrew O’Hagan (geboren 1968 in Glasgow). Er zählt zu den neuen aufstrebenden und inzwischen auch wichtigsten Schriftstellern Grossbritanniens und ist Creative Writing Fellow am King’s College London. Seine Erzählungen und Romane wurden bereits in 15 Sprachen übersetzt und seine Essays und Artikel erscheinen unter anderem in der London Review of Books, New York Review of Books, The Guardian und im New Yorker. Darüberhinaus ist er auch noch als Botschafter bei UNICEF tätig. Mit seinem Roman « Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe », der bereits 2010 in Grossbritannien erschienen ist, gewann er den Glenfiddich Spirit of Scottland Award.

Die Geschichte wird aus der Sicht des Hundes rückwirkend erzählt und beginnt 1960 in Grossbritannien. Ein kleiner weisser, reinrassiger Malteserhund erblickte das Licht der Welt in Charleston. Er wuchs bei der Schwester von Virginia Woolf auf und wurde liebevoll von deren Haushälterin Mrs Higgins betreut. Doch lange sollte er nicht in England bleiben, sondern nach Amerika reisen. Eines Tages erwartete man die Hundeliebhaberin Mrs. Gurdin, eine russische Emigrantin und Mutter des Filmstars Natalie Wood, die sich sehr für Malteser interessierte, denn bei dieser Rasse handelte es sich um ganz besondere Hunde:

« Jeder Hund, der sein Futter wert ist, ist ein Quell der Expertise, was seinen Stammbaum angeht. Uns Maltesern – dem bichon maltais, dem Hund der römischen Damen, dem alten King Charles Spaniel, dem Malteser Löwenhund oder Malteser Terrier – lässt man es durchgehen, das wir uns für die Aristokraten der Hundewelt halten. »

Mrs. Gurdin brachte den weissen Malteser mit einem kleinen Zwischenstopp in London per Pan-American-Flug nach Los Angeles. Aber nicht nur der Malteser noch ein paar andere Hunde wurden von Mrs. Gurdin aufgenommen. Die Fahrt von der Quarantänestation entwickelte sich zu einem interessanten « Gesprächsaustausch » so unter Vierbeinern, ein Schnauzer äusserte sich dabei ganz konkret :

« “ In Wahrheit wissen die Menschen, dass wir sie studieren“, sagte er, “ und die schlauen wissen auch, dass wir über sie reden. Die Menschen sind nicht dumm. Sie verhalten sich nur so, als ob sie es wären.“ »

Jetzt galt es die Zeit ein wenig zu überbrücken, bis dieser Malteser endlich sein neues Frauchen kennenlernen durfte. Es dauerte nicht lange und Natalie Wood – Tochter v. Mrs. Gurdin – erklärte ihrer Mutter, dass Frank Sinatra einen Hund kaufen möchte und bald vorbeikäme. Frank holte den Hund persönlich ab :

« „He, ich war etwas daneben, Freund“ sagte er, streichelte und schnippte mein Ohr. “ Ich hätte hallo sagen sollen, als ich gekommen bin. He, Junge. Du bist das Geschenk für Marilyn.“ »

Und so begleitete der Malteser zuerst Frank in sein Haus und war mehr als pikiert über die Wohnsituation, die Farben und den Umgangston von Frank. Da konnte man als Hund nur noch überleben, wenn man sich an die grossen Philosophen wie beispielsweise Descartes erinnerte und Autoren wie Adorno einem immer wieder in den Sinn kamen. Endlich ging es nach ein paar Tagen per Privatflugzeug mit Frank Sinatra nach New York und der Malteser konnte nun bald seine neue « Freundin » treffen. Bereits die Dienstboten hatten bei der Begrüssung von Frank ihre Entzückungsrufe über diesen Hund ausgedrückt und auch Marilyn konnte ihre Begeisterung kaum zurückhalten und freute sich sehr über dieses « tierische » Geschenk. Er gefiel ihr sofort, sie meinte er hätte Stil und Charme und wäre ein stattlicher kleiner Bursche. Jetzt fehlte nur noch der passende Name :

« „Er ist ein hartgesottener kleiner Kerl, nicht war ? Ich werde ihn Mafia nennen – Mafia Honey.“ »

Der Malteser wurde nun Mafia Honey genannt, kurz einfach nur Maf. Er war glücklich, endlich nach so vielen Reisen bei seinem richtigen Frauchen angekommen zu sein. Er hatte sich schnell heimisch gefühlt, wurde buchstäblich mit den besten Köstlichkeiten verwöhnt, als würde er im Paradies leben. Doch trotz dieser vielen Annehmlichkeiten, liess er sich nicht ablenken und versuchte Marilyn und ihre drei « Leben » als Mensch, Frau und Filmstar genauer unter die Lupe zu nehmen, sie zu beobachten, zu verstehen und in schwierigen Situationen zu unterstützen und zu trösten. Nach kurzer Zeit spürte Maf, dass die Trennung zwischen Arthur Miller und Marilyn Monroe nicht spurlos an seinem Frauchen vorübergegangen war. Doch trotz allem wurde auch ein Hauch von Befreiung erkennbar, der sowohl Marilyn als auch ihm, als Hund und treuen Gefährten gut tat :

« Marilyn nahm mich überallhin mit. Wir hatten grossen Spass dabei, die Avenues entlangzugehen, Marilyn trug manchmal ein Kopftuch und eine Sonnenbrille, niemand erkannte sie, und wir liefen mit offenen Mündern gegen den Wind und hungerten nach Erfahrungen. Ich glaube, uns war ein Gespür für die Nöte der Zeit gemeinsam, der Instinkt, die Distanz zwischen oben und unten aufzuheben, etwas, was sich im Lauf der entwickelte und die Tiefe unserer Freundschaft erklärte. »

Und so begann die fast zwei Jahre andauernde « Freundschaft » zwischen Marilyn Monroe und dem Malteser Maf, die geprägt war durch absolutes Vertrauen, da Maf ein wahrer « Hunde-besitzerinnenversteher » war, und sich auszeichnete durch eine bedingungslose Offenheit, die es sicherlich in dieser Form selten unter Menschen geben kann und wird…

Maf, der Hauptprotagonist, dieses Romans hatte nun die Ehre einer Ikone, eines Stars wie Marilyn Monroe, sehr nahe zu sein. O’Hagan hat mit dieser vierbeinigen « Figur » einen wahren Glücksgriff erzielt. Es ist eine absolut grandiose Idee, Marilyn Monroe aus der Sicht eines Hundes zu charakterisieren, zu erleben, zu beschreiben, quasi hautnah kennenzulernen. Unvoreingenommen kann der Hund all seine Gedanken in den Raum stellen, über die Filmbranche, die Politik und vieles andere nicht nur Tacheles reden, sondern sich auch auf philosophische Weise lustig machen. Es wird ihm keiner verüblen, vor allem nicht sein Frauchen, selbst dann nicht, wenn er aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen Hund und Mensch – seine « Freundin » natürlich ausgeschlossen -, dem « Zweibeiner » als Reaktion mit seinen Zähnen einen klaren « Kommentar » in der Wade hinterlässt.

Diese Kunst, den Hund sprechen, ja fast schon « Mensch » werden zu lassen, mag ein Autor in dieser brillanten Form nur dann zu realisieren, wenn er sich in der Hunde- und Filmwelt auskennt. Dieser Roman ist keinesfalls eine leichte Geschichte aus Hundeperspektive. Umso wichtiger ist es, dieses Buch nicht falsch einzuschätzen. Dieses Werk ist äusserst anspruchsvoll, das mit Ruhe und Aufmerksamkeit gelesen werden sollte. Denn nur dann kann man die Affinität von Maf zur europäischen Kultur, die vielen Literatur-Zitate und die « belesene » Dekadenz dieses Hundes verstehen und aufnehmen. Und dieser Roman ist nicht nur eine Teilbiographie von Marilyn Monroe als Einzelperson, es die Geschichte des intellektuellen Amerikas Anfang der 60ziger Jahre, die durch viele Persönlichkeiten aus Literatur, Film und Politik beeinflusst wurde.

« Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe » ist ein absolut unvergleiches, aussergewöhnliches und faszinierndes Porträt einer der brühmtesten Blondinen der Welt. Es eignet sich nicht nur für jeden Literaturliebhaber, der auch einen Faible für Marilyn Monroe hegt, Hunde als die besten Freunde des Menschen ansieht und offen ist für einen subtil intelligenten Witz und philosophischen Sarkasmus. Besonders aktuell anlässlich des 50. Todestages am 5. August 2012 von Marilyn Monroe ist dies ein ideales Buch für besonders kulturinteressierte Menschen, welche dieser Frau auf einer sehr klaren, aber äusserst liebenswerten und literarisch empathischen Weise nochmals oder vielleicht auch zum ersten Mal lesenderweise begegnen möchten.

Durchgelesen – „Mozarts letzte Arie“ v. Matt Beynon Rees

Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, vielleicht zünden Sie sich eine Kerze an, aber legen Sie auf jeden Fall Mozart auf ! Ab jetzt wird Sie nichts mehr daran hindern, sich für etwas mehr als 300 Seiten in das Wien des 18. Jahrhunderts versetzen zu lassen und in Verbrechen, Intrigen, Komplotte und Lügen begleitet von traumhafter Musik zu versinken.

Matt Beynon Rees (geb. 1967 in South Wales) arbeitete lange Zeit als Jerusalemer Bürochef der Time, für die er auch weiterhin freiberuflich tätig ist. Bekannt wurde Rees durch seine Krimis rund um den palästinensischen Lehrer Omar Jussuf. Für den Roman « Der Verräter von Bethlehem » wurde er sogar mit dem New Blood Dagger Award ausgezeichnet. Nach vier Krimis aus der Jussuf-Reihe ist nun sein aktuellstes Werk « Mozarts letzte Arie » dank der hervoragenden Übersetzung von Klaus Modick (u.a. Bettina-von-Arnim-Preisträger) erstmals in deutscher Sprache erschienen.

« Mozarts letzte Arie » ist ein historischer Kriminialroman, der sich vor allem um die Musik eines der grössten österreichischen Komponisten und insbesondere um dessen letzte Oper « Die Zauberflöte » dreht. Die Geschichte beginnt mit einem nicht ganz unwichtigen Prolog : Nannerl, die Schwester von Wofgang Amadeus Mozart, lässt ihren Neffen Franz Xaver Mozart (Mozarts Sohn) zu sich rufen, um ihm etwas sehr Wichtiges zu übergeben. Es handelt sich um ein Tagebuch, das vor vierzig Jahren seine Tante (Nannerl) während einer Reise nach Wien kurz nach dem Tod Mozarts geführt hat. Und genau hier – also kurz vor dieser Reise – setzt nun die eigentliche Kriminalgeschichte ein.

Wir befinden uns im Jahre 1791. Nannerl ist mit Johann Berchtold von Sonnenburg verheiratet und lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Salzburg. Sie führt ein eher ruhiges, um nicht zu sagen fast schon beschauliches und sehr zurückgezogenes Leben. Doch spätestens ab dem Moment, als sie einen Brief von Constanze (Mozarts Frau) erhält, ist ihr Leben von einer Sekunde auf die andere vollkommen durcheinandergewirbelt. Der Brief enthält eine sehr traurige Nachricht : Wolfgang, ihr Bruder, ist am 5. Dezember gestorben und liegt bereits beerdigt in einem einfachen Grab auf dem Sankt Marxer Friedhof in Wien. Constanze schreibt von der Premiere der « Zauberflöte », von Klatschgeschichten bezüglich einer eventuellen Untreue ihres Mannes, von einem Freund namens Hofdemel, der seine Frau mit einem Messer misshandelt und sich dann selbst getötet hat, weil sie eventuell die Geliebte Mozarts gewesen sei. Constanze erklärt ergänzend, dass dieser Mensch auch noch Mozart mit Gift ermordert haben soll.

Nannerl ist erschüttert von dieser traurigen Nachricht und gleichzeitig voller Erregung im Hinblick auf die Mordgerüchte, da sich dahinter nicht nur verlogenes Getuschel, sondern auch eine gewisse Wahrheit verstecken könnte. Denn Mozart selbst war – laut Constanze – bereits einige Wochen vor seinem Tod der Überzeugung, dass man ihn vergiftet hätte. Er sei angeblich an einem Fieber gestorben, das jedoch nicht mehr behandelt werden konnte. Nannerl ist verwirrt und versucht sich alle nur erdenklichen Mordmotive vorzustellen, doch letztendlich gibt es nur eine Möglichkeit, um die echte Wahrheit herauszufinden : sie muss nach Wien reisen und das Grab von ihrem Bruder aufsuchen. Nannerls Mann reagiert alles andere als tröstend und verständnisvoll, doch sie lässt sich nicht abbringen und fährt mit ihrem Dienstmädchen nach Wien.

Sie steigt in einem Gasthof ab und besucht gleich nach ihrer Ankunft ihre Schwägerin. Sie trösten sich gegenseitig und Constanze berichtet von dem grossen Erfolg, welche « Die Zauberflöte » auslöste. Es war nämlich nicht nur die Musik, welche die Menschen so angesprochen hatte, es war mehr :

“ « Die Zauberflöte ? Sie wird mehr gelobt als jedes andere seiner Werke. Nicht nur der Musik wegen, so erstaunlich das sein mag. »
« Für was denn noch ? »
« Für ihre Philosophie. Dass jedermann friedlich und brüderlich miteinander leben kann. Wolfgang hat sie zusammen mit seinem Freund Schikaneder geschreiben, dem Intendanten des Freihaustheaters. Nun ja, du solltest dich besser mit Schikaneder darüber unterhalten ; aber für mich steht fest, dass Die Zauberflöte Wolfgangs Glauben an Gleichheit und brüderliche Liebe zum Ausdruck bringt. »“

Die beiden Frauen diskutieren über die Mordgerüchte und dabei erwähnt Constanze, dass Wolfgang sich ganz sicher war, dass er mit Acqua Toffana – einer ganz besonderen Mischung verschiedener Giftstoffe – vergiftet wurde. Constanze glaubt es nach wie vor nicht und denkt, dass ihr Mann einfach trübsinnig war und seine hohen Schulden ihn vollkommen aus der Bahn geworfen hätten. Doch Genaues wusste sie nicht, denn seine Probleme vertraute Mozart nur seinen Logenbrüdern, wie zum Beispiel dem Prinzen Karl Lichnowsky, an. Nannerl war nicht im geringsten überrascht, dass sich ihr Bruder mit Freimaurern eingelassen hatte. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass ihm in Hinblick auf seine letzte Oper eine Bruderschaft, die sich um Gleichheit bemühte, als sehr anziehend erscheinen musste.

Inzwischen ist die emotionale Nähe zu ihrem verstorbenen Bruder Wolfgang wieder aufgeblüht, nachdem sie sich ja einige Jahre vor seinem Tod nicht mehr gesehen hatten, aber auch ihr starkes Bedürfnis nach endgültiger Wahrheit lässt sich nicht mehr unterdrücken. Nannerl stürzt sich in die Wiener Gesellschaft, trifft sich mit Emanuel Schikaneder und Anton Stadler (Musiker und Freund Wolfgangs), lernt den Schauspieler Karl Gieseke kennen und macht die Bekanntschaft des Baron Gottfried van Swieten (Direktor der kaiserlichen Bibliothek und Leiter der Zensurbehörde). Sie erkennt immer mehr die Verstrickungen nicht nur im Wiener Hochadel, sondern auch in den Geheimlogen. Nannerl kann gerade noch einem Überfall entkommen, muss bei einem Besuch der Oper « Die Zauberflöte » mitansehen, wie Gieseke tot im Bühnenbild hängt und entdeckt dazu noch Komplotte mit den österreichischen und preussischen Geheimdiensten. Raffiniert setzt sie ihre wundervollen Klaviermusik-Künste kriminalistisch ein und ist somit dem Mörder oder den Mördern ihres Bruders mehr und mehr auf der Spur…

« Mozarts letzte Arie » ist – wie Matt Beynon Rees im Anhang selbst erläutert – ein auf die historischen Ereignisse ruhender Roman, bei dem er nur bei einigen Figuren die Fiktion ein wenig hat einfliessen lassen. Aber genau dies macht diesen Krimi zu einem ganz besonders informativen und mitreissenden Werk. Rees verleiht den einzelnen Figuren eine so intensive und markante Persönlichkeit, dass man sich bei der Lektüre fast wie bei einer Filmvorführung fühlt. Man taucht dadurch so tief in die Geschichte ein, so dass das Buch zu einer Art « Opernbühne » wird und der Leser sich nicht mehr wundern muss , wenn er glaubt, die kristallklare Sopranstimme der « Königin der Nacht » wirklich zu hören.

Dieser Krimi entwickelt einen unvergleichlichen Sog und zieht den Leser auf subtilste Weise in besondere Sphären hinein, die voller Musik sind, aber eben nicht nur. Denn Politik, Gesellschaft und Geheimlogen spielen in diesem Werk eine sehr wichtige Rolle und werden äusserst galant und fesselnd – als wäre die Geschichte ein grosses Spinnennetz – miteinander verwoben. Matt Beynon Rees fängt den Leser durch seinen fantastisch gelungenen Spannungsbogen sofort ein und man spürt parallel nicht nur die musikalische, sondern auch die emotionale Kraft bezüglich der grossen Geschwisterliebe zwischen Nannerl und ihrem Bruder Wolfgang. Somit ist man als Leser einerseits sensibel berührt, aber andererseits in der unerbittlichen Suche nach dem Mörder unglaublich stark gefesselt.

Matt Beynon Rees bietet darüberhinaus in seinem Roman ein sehr beeindruckendes und atmosphärisch dichtes gesellschaftliches und musikalisches Porträt der Stadt Wien Ende des 18. Jahrhunderts. « Mozarts letzte Arie » ist ein perfektes Buch für jeden Krimifreund, der das Besondere sucht! Hier geht es eben nicht nur um den klassischen Mord und Totschlag, sondern um gesellschaftliche und politische Intrigen und vor allem um die Bedeutung und Auswirkungen der Musik bzw. bestimmter Kompositionen. Man kann diesen Roman bestimmt auch als Lehrstück in Punkto Wahrheit verwenden und lernt dabei auch, was es heisst, wenn man von der Macht der Musik spricht. Kurzum « Mozarts letzte Arie » ist ein sehr kluger und spannender Musik-Krimi, der nicht nur Reiselust erzeugt, sondern vor allem als eine Art musikalisches « Amuse-Gueule » richtig « Appetit » auf Mozarts Opern macht!

Alan Bennett – Zitat

“ … Informieren ist nicht gleich Lesen. Es ist im Grunde sogar der Gegenpol des Lesens. Information ist kurz, bündig und sachlich. Lesen ist untergeordnet, diskursiv und eine ständige Einladung. Information schliesst ein Thema, Lesen eröffnet es.“

(aus Die souveräne Leserin v. Alan Bennett)

Durchgelesen – „Airport“ v. Alain de Botton

„Airport – Eine Woche in Heathrow“ ist kein Roman, sondern eine philosophisch literarische Auftragsarbeit, die Alain de Botton von einer Firma, die Flughäfen besitzt, angeboten bekam. Selten, dass sich Flughafenbetreiber für Literatur interessieren, doch in diesem Fall traf es zu. Die Firma lud einen Schriftsteller zu einer Woche Aufenthalt im neu gebauten Terminal 5 ein. Und somit wurde Alain de Botton – Philosoph und Schriftsteller –  der erste „Heathrows Writer-in-Residence“. Gemeinsam mit dem berühmten Fotografen Richard Baker hatte Botton nun freien Zugang zum gesamten Bereich des Terminal 5, zu den Shops, zu den Lounges und vor allem auch zu den Bereichen hinter den Sicherheits-absperrungen. Einquartiert im Flughafenhotel für sieben Tage nahm dieses Abenteuer nun seinen Lauf.

Alain de Botton beobachtet wohlwollend die Vorgänge auf dem Terminal. Mit Charme und Leichtigkeit beschreibt er die alltäglichsten Gegebenheiten, die Begegnungen mit Reisenden, die Freude bei den Wartenden, die Ungeduld bei den Abfliegenden. Er taucht ein in die kleine und gleichzeitig grosse Welt zwischen Check-in-Bereich und Duty-Free. Er spricht mit Personal, Chefs und Seelsorgern und er freut sich sehr über seinen Arbeitsplatz: ein Schreibtisch, der sich in der Mitte eines Abschnitts des Terminals 5 befand:

„Für die meisten Besucher des Terminals aber war der Tisch eines Schriftstellers wie eine offene Herausforderung, sich ihrer Umgebung mit grösserer Phantasie und Aufmerksamkeit zuzuwenden und genauer auf jene Empfindungen zu achten, die der Flughafen in ihnen hervorrief, mit denen sie sich jedoch in ihrer Hektik auf dem Weg zum richtigen Flugsteig nur selten näher befassen konnten.“

Von Seite zu Seite spürt man immer intensiver den Flughafenbetrieb. Der Leser  verschwindet quasi im Terminal 5, überlegt, ob er nun abfliegen, ankommen oder lieber einkaufen gehen soll. Er lernt die vetraute Putzfrau kennen, den Schuhputzer und den Vorstandschef einer der grössten Fluggesellschaften. Man möchte am Liebsten eine Woche im Flughafenhotel verbringen und sich auch mitten in ein Terminal setzen – umgeben von Lärm, Getöse und Tumulten – und nur beobachten, mit den Leuten sprechen und bleiben!

Das Buch ist ein kluges und witziges Gesellschaftsessay, das sich durch eine unglaubliche Beobachtungsschärfe und Sensiblität auszeichnet. Ein kleines schmales beeindruckendes Werk, ergänzt mit wunderbaren Momentaufnahmen des Fotografen R. Baker,  für Vielflieger, Gelegenheitsflieger und alle, die sich für besondere Orte und Menschen interessieren.

William Shakespeare – Gedicht

„Sonette 146“ – von William Shakespeare

Ach Seele, Mitte meiner sünd’gen Erde,
umgeben rings von feindlicher Gewalt,
was darbst im Innern du, erträgst Beschwerde
und zierst doch deine äussere Gestalt?

Was willst du bei so kurz bemessner Pacht
auf dein zerfallend Haus so viel verschwenden?
Soll denn der Wurm als Erbe dieser Pracht
dein Gut verzehren? Derart musst du enden?

Nein, lebe du auf deines Knechtes Kosten;
soll er nun darben, du hast den Gewinn;
lass Himmelszeit dich Trödelstunden kosten,
sei innen satt, den äussern Prunk wirf hin:

Vom Tode zehrst du, wie vom Leben er,
und starb der Tod, so ist kein Sterben mehr.

Durchgelesen – „Mord auf ffolkes Manor“, „Ein stilvoller Mord“ u. „Und dann gab’s keinen mehr“ v. Gilbert Adair

Eine echte Entdeckung sind die drei aufeinander folgenden Bände „Mord auf ffolkes Manor“, „Ein stilvoller Mord“ in Elstree“ und „Und dann gab’s keinen mehr“ von Gilbert Adair. Er bezeichnet jeden Einzelnen selbst als „eine Art Kriminalroman“.

Der erste Fall „Mord auf ffolkes Manor“ spielt an Weihnachten 1935. Bei einem Abendessen im Hause des Colonel Roger ffolkes treffen sich nicht nur Freunde, sondern es gibt auch eine Leiche im Dachzimmer, das von innen verschlossen war. Ein mysteriöser Fall, doch glücklicher Weise ist unter den Gästen die berühmte Krimiautorin Evadne Mount. Die ganze Angelegenheit könnte man auch in einem ihrer Krimis lesen, und somit ist sie gefragt.

Der zweite Fall „Ein stilvoller Mord in Elstree“ spielt gut 10 Jahre später, 1946. Hier ist Evadne Mount gefordert. Denn ihre beste Freundin, die Schauspielerin Cora Rutherford, wird vor laufender Kamera, während eines Filmdrehs vergiftet. Ein sehr verzwickter Fall, der bis zum Schluss sehr rätselhaft und fast unlösbar bleibt.

Und der dritte und letzte Fall „Und dann gab’s keinen mehr“ spielt im Jahr 2011. Der gefeierte Schriftsteller und Störenfried Gustav Slavorigin wird auf dem Gelände des Sherlock-Holmes-Festival in Meiringen (Schweiz) ermordet aufgefunden. Da auf Slavorigin auch noch ein Kopfgeld von 100 Millionen Dollar ausgesetzt war, erscheinen alle Anwesenden des Festivals verdächtig zu sein. Ja und Evadne Mount versucht alles um diesen Fall zu lösen, aber es kommt ihr ein absolut unerwarteter Partner zu Hilfe, der dem Fall zu einer äusserst überraschenden Wendung verhilft. Der letzte Band und auch sein Titel sind ein klarer Hinweis, dass Gilbert Adair keinen Krimi mehr schreibt. Zumindest bis jetzt. Selten kann man so intellektuelle, kurzweilige, verrückte und sprachlich äusserst anspruchsvolle Krimis lesen. Sie sind eine Art Krimi im Stile von Agatha Christie. Das Ganze ist eine sehr spannende, aber amüsante Hommage an die Zeit der englischen Kriminalromane. Die Handlungen sind so konstruiert, dass sie fast schon wieder perfekt sind und die Sprache ist wirklich ein grosses Vergnügen.

Durchgelesen – „Die souveräne Leserin“ v. Alan Bennett

„Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett ist zu aller erst eine wunderbare Hommage an das Lesen, die Literatur und die englische Königin.

Die Queen wird mittels eines Spazierganges mit ihren Hunden zu einem Bibliotheksbus geführt, der einmal wöchentlich vor ihrem Schloss parkt. Sie ist neugierig und betritt den Bus, und sieht auch noch einen ihrer Mitarbeiter ( der Küchenjunge Norman), der begeistert in den Büchern schmökert und sich etwas ausleiht. Sie zeigt sich höflich und leiht sich auch ein Buch aus, obwohl sie sich nie so richtig fürs Lesen interessiert hat und eigentlich ja selbst eine sehr bedeutende Bibliothek besitzt.

Ja und so begibt sich der Leser und „die souveräne Leserin“ (Queen) auf eine gemeinsame Reise durch die Literatur gespickt mit entzückenden Anspielungen, verpackt in sehr schöner Sprache und gewürzt mit einer guten Portion englischen Humors.

Eines der schönsten Zitate in diesem Werk ist:

„«Hat jemand von Ihnen Proust gelesen?», fragte die Queen in die Runde.“

Dieses 115 Seiten literarisch starke Büchlein bietet einen vergnüglichen, teilweise auch was die Literaturgeschichte betrifft sehr lehrreichen, aber vor allem unverwechselbaren Lesegenuss.

„«Man liest zum Vergnügen», sagte die Queen. «Lesen ist keine Bürgerpflicht.»“