Kategorie: Deutschland

Joseph von Eichendorff – Zitat

„Und das sind die rechten Leser, die mit und über dem Buche dichten. Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel; er stellt nur die Himmelsleiter auf von der schönen Erde. Wer, zu träge und unlustig, nicht den Mut verspürt, die goldenen, losen Sprossen zu besteigen, dem bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot, und er täte…

Peter Rühmkorf – Gedicht

Drei Variationen über das Zeitgedicht Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht, ist schon ein Tutmirleidgedicht, mit Kunst geschliffen und gefeilt, entgeht ihm, wie die Zeit enteilt, ojeh! Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht, so schnell wie Zeitung kann es nicht, weil wo es sich mit Sinn verfaßt, ist prompt der Drucktermin verpaßt, oweh! Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht, hat nur…

Durchgelesen – „Das Zimmermädchen“ v. Markus Orths

„Das Zimmermädchen“ ist die ideale Lektüre für eine schlaflose Nacht in einem Hotelbett. Vielleicht werden Sie dann gar nicht mehr schlafen, denn spätestens nach den ersten dreissig Seiten verspüren Sie eine gewisse Unruhe! Markus Orths präsentiert uns einen verrückten Roman, oder sollte man besser sagen – eine groteske Novelle bei knapp 140 Seiten- , der…

Joachim Ringelnatz – Gedicht

Silvester Daß bald das neue Jahr beginnt, Spür ich nicht im geringsten. Ich merke nur: Die Zeit verrinnt Genauso wie zu Pfingsten, Genau wie jährlich tausendmal. Doch Volk will Griff und Daten. Ich höre Rührung, Suff, Skandal, Ich speise Hasenbraten. Mit Cumberland, und vis-à-vis Sitzt von den Krankenschwestern Die sinnlichste. Ich kenne sie Gut, wenn…

Johann Wolfgang Goethe – Gedicht

Der Tod der Tanne Knecht Ruprecht peitscht im Winterwalde die Försterbuben wie ein Hirt, und manche Tanne ahnt, wie balde sie rüde abgeschlagen wird. Noch hofft sie. Sie lauscht bang hinaus. Doch dann – zu spät! Gleich ist es aus! Dort schreit die Säge, und die Axt ertönt! „Erbarm dich, Förster!“ Doch der Förster höhnt:…

Durchgelesen – „Merry Fishmas“ v. Arezu Weitholz

Haben Sie schon Ihr Weihnachtsmenü zusammengestellt? Falls nicht, sollten Sie auf keinen Fall den Fischgang vergessen! Nachdem Arezu Weitholz uns bereits mit ihrem ersten Band „Mein lieber Fisch“ das Leben und Leiden von Fischen auf witzige Weise erklärt hat, erscheint nun passend zum Weihnachtsfest ein zweiter Gedichtband mit 44 Fischgedichten. Doch die Gedichte sind nicht nur…

Arno Schmidt – Zitat

„Das Leben ist so kurz! Selbst wenn Sie ein Bücherfresser sind, und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahr nur siebzig. Und für die fünfundvierzig Jahre, von fünfzehn bis sechzig, die man aufnahmefähig ist, ergibt das 3150 Bände: die wollen sorgfältig ausgewählt sein.“

Erich Kästner – Gedicht

Wintersport Wohin man sieht, sieht man Hotels. Und ringsherum liegt Schnee. Die Tannen tragen weissen Pelz, Die Damen Seal und Feh. Die Leute fahren Bob und Ski am Hange hinterm Haus. Ja, und von weitem sehen sie wie Sommersprossen aus. Das Publikum ist möglichst laut. Was tut das der Natur? sie wurde nicht für es…

Christian Morgenstern – Gedicht

Der Werwolf Ein Werwolf eines Nachts entwich von Weib und Kind, und sich begab an eines Dorfschullehrers Grab und bat ihn: Bitte, beuge mich! Der Dorfschulmeister stieg hinauf auf seines Blechschilds Messingknauf und sprach zum Wolf, der seine Pfoten geduldig kreuzte vor dem Toten: „Der Werwolf“, – sprach der gute Mann, „des Weswolfs“- Genitiv sodann,…

Durchgelesen – „Das finstere Tal“ v. Thomas Willmann

„Das finstere Tal“ ist ein ungewöhnlicher Roman. Ein Roman, der sich zwischen den drei Genres Heimatroman, Krimi und Western manchmal nicht entscheiden kann und deshalb den Leser extrem in seinen Bann zieht. Die Dramatik dieser Rachegeschichte wird langsam und äusserst subtil aufgebaut, was Thomas Willmann in seinem Debüt-Roman wahrlich grandios gelingt. Thomas Willmann studierte Musikwissenschaft…

H.C. Artmann – Gedicht

Wenn die herbstesnebel …. Wenn die herbstesnebel wallen wie ein kleid aus fahler seide, bäckt die hamstrin ihr getreide, humphrey hamster zum gefallen. oh, auch hamster lieben kipfel, trinken tee aus zarten schalen, rechnen kopf mit hohen zahlen, schütteln ihre Mützenzipfel. sparsamkeit, du hehre tugend, bist dem hausmann goldner orden, so im süden, so im…

Durchgelesen – „Das amerikanische Hospital“ v. Michael Kleeberg

Das Leben schreibt viele Geschichten, traurige, mutige, schöne und intensive. „Das amerikanische Hospital“ ist eine von diesen nachhaltigen Lebensgeschichten, die besonders sanft, einfühlsam, aber auch unglaublich informativ und authentisch von Michael Kleeberg erzählt wird. Er selbst studierte Politische Wissenschaften, Geschichte und Visuelle Kommunikation. Sein literarisches Werk wurde mit dem Anna-Seghers-Preis (1996), dem Lion-Feuchtwanger-Preis (2000) und…

Joachim Ringelnatz – Gedicht

Der Bücherfreund Ob ich Biblio- was bin? Phile? »Freund von Büchern« meinen Sie? Na, und ob ich das bin! Ha! und wie! Mir sind Bücher, was den andern Leuten Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel, Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten. Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel? Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.…

Rose Ausländer – Gedicht

Herbstlicher Ausschnitt Eine schräge Strahlengarbe schoss vom Himmel wie ein Pfeil, zeichnete mit goldner Farbe auf die Erde neues Heil, sprang im Jubel auf die Dächer, dass sie wogten wie ein See, schwang liebkosend einen Fächer über Dunkelheit und Weh. Sieh, der Himmel scheint gespalten: Dort ein düstrer Wolkenstrom geisterhafter Nachtgestalten; hier: ein stolzer Sonnendom.…

Durchgelesen – „Mein Leben in Aspik“ v. Steven Uhly

„Mein Leben in Aspik“ ist der grandiose Debütroman von Steven Uhly. Er selbst ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur, war Leiter eines Instituts in Brasilien und übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Zur Zeit lebt er in München. Dieses Stück Literatur handelt von einer sehr schrägen und lügenbehafteten Familiengeschichte, bei der…

Wolfgang Borchert – Gedicht

Regen Der Regen geht als eine alte Frau mit stiller Trauer durch das Land. Ihr Haar ist feucht, ihr Mantel grau, und manchmal hebt sie ihre Hand und klopft verzagt an Fensterscheiben, wo die Gardinen heimlich flüstern. Das Mädchen muss im Hause bleiben und ist doch grade heut so lebenslüstern! Da packt der Wind die…

Max Dauthendey – Gedicht

Jetzt ist es Herbst Jetzt ist es Herbst, Die Welt ward weit, Die Berge öffnen ihre Arme Und reichen Dir Unendlichkeit. Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub, Die Bäume sehen in den Staub, Sie lauschen auf den Schritt der Zeit. Jetzt ist es Herbst, das Herz ward weit. Das Herz, das viel gewandert…

Karl Henckell – Gedicht

Seinestimmung in Paris Es schwanken im Flusse die roten Lichter von kreuzenden Booten, Die zitternde Spiralen In tiefschwarze Wasser malen, Mit glimmenden Spuren die Ufer verbinden, Von Brücke zu Brücke hinhuschen und schwinden. Durch hundert Brücken und Bogen Geheimnisschauernd geflogen, Wo die Laute rauschend verschwimmen Und von wirrphantastischen Stimmen Hohldunkle Wölbungen wiederhallen Wie von Opfern,…

Ludwig Uhland – Gedicht

Der Sommerfaden Da fliegt, als wir im Felde gehen, Ein Sommerfaden übers Land, Ein leicht und licht Gespinst der Feen, Und knüpft von mir zu ihr ein Band. Ich nehm‘ ihn für ein günstig Zeichen, Ein Zeichen, wie die Lieb‘ es braucht. O Hoffnungen der Hoffnungsreichen, Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!

Bertolt Brecht – Gedicht

Vom Schwimmen in Seen und Flüssen Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben Nur in dem Laub der großen Bäume sausen, Muß man in Flüssen liegen oder Teichen Wie die Gewächse, worin Hechte hausen. Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt, Wiegt ihn der kleine…

Joachim Ringelnatz – Gedicht

Morgenwonne Ich bin so knallvergnügt erwacht. Ich klatsche meine Hüften. Das Wasser lockt. Die Seife lacht. Es dürstet mich nach Lüften. Ein schmuckes Laken macht einen Knicks Und gratuliert mir zum Baden. Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs Betiteln mich „Euer Gnaden“. Aus meiner tiefsten Seele zieht Mit Nasenflügelbeben Ein ungeheurer Appetit Nach Frühstück und…

Clemens Brentano – Gedicht

„Du verstecktes“ Du verstecktes Zugedecktes Eingeschnecktes Ausgehecktes Schwarzgelocktes Leichtgesocktes Heiß geminntes Weis gesinntes Leis, geschwindes Spiel des Windes Sehend blindes Fein geschnürtes Bein geziertes Heiß ersehntes Leis versöhntes Gold verwöhntes Hold verschöntes Huld gekröntes Viel geprüftes Nur verbrieftes Und vertieftes Nie verschieftes All geliebtes Mir betrübtes Und geübtes Viel gereistes Mehl gespeistes Seel umkreistes Nie…

Durchgelesen – „Schwüle Tage“ v. Eduard von Keyserling

Eduard von Keyserling (1855-1918) stammt aus einem alteingesessenen baltischen Geschlecht. Er wurde im heutigen Lettland geboren, wo er seine Jugend verbrachte. Er ging als Zwanzigjähriger nach Wien , da er in seiner Heimat als gesellschaftlicher Aussenseiter galt. Er studierte an der Universität Wien Kunstgeschichte und Philosophie. Nach seinem Studium verwaltete er die Güter in seiner…