Kategorie: Deutschland

Hermann Hesse – Gedicht

Spätsommer

Noch schenkt der späte Sommer Tag um Tag
Voll süßer Wärme. Über Blumendolden
Schwebt da und dort mit mildem Flügelschlag
ein Schmetterling und funkelt sammetgolden.

Die Abende und Morgen atmen feucht
Von dünnen Nebeln, deren Naß noch lau.
Vom Maulbeerbaum mit plötzlichem Geleucht
Weht gelb und groß ein Blatt ins sanfte Blau.

Eidechse rastet auf besonntem Stein,
Im Blätterschatten Trauben sich verstecken.
Bezaubert scheint die Welt, gebannt zu sein
In Schlaf, in Traum, und warnt dich, sie zu wecken.

So wiegt sich manchmal viele Takte lang
Musik, zu goldener Ewigkeit erstarrt,
Bis sie erwachend sich dem Bann entrang
Zurück zu Werdemut und Gegenwart.

Wir Alten stehen erntend am Spalier
Und wärmen uns die sommerbraunen Hände.
Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,
Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier.

Christian Friedrich Hebbel – Gedicht

Dies ist ein Herbsttag…

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.

Erich Kästner – Gedicht

Der März

Sonne lag krank im Bett.
Sitzt nun am Ofen.
Liest, was gewesen ist.
Liest Katastrophen.

Springflut und Havarie,
Sturm und Lawinen, –
gibt es denn niemals Ruh
drunten bei ihnen.

Schaut den Kalender an.
Steht drauf: „Es werde!“
Greift nach dem Opernglas.
Blickt auf die Erde.

Schnee vom vergangenen Jahr
blieb nicht der gleiche.
Liegt wie ein Bettbezug
klein auf der Bleiche.

Winter macht Inventur.
Will sich verändern.
Schrieb auf ein Angebot
aus andern Ländern.

Mustert im Fortgehn noch
Weiden und Erlen.
Kätzchen blühn silbergrau.
Schimmern wie Perlen.

In Baum und Krume regt
sich’s allenthalben.
Radio meldet schon
Störche und Schwalben.

Schneeglöckchen ahnen nun,
was sie bedeuten.
Wenn Du die Augen schließt,
hörst Du sie läuten.

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Abend ist mein Buch

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast;
ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, –
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon.

Christian Morgenstern – Gedicht

Der Seufzer

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.

Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein –
und er sank – und ward nimmer gesehen.

Eduard Mörike – Gedicht

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
Im warmen Golde fließen.

Theodor Storm – Gedicht

Kritik

Hör mir nicht auf solch Geschwätze,
Liebes Herz, daß wir Poeten
Schon genug der Liebeslieder,
Ja zuviel gedichtet hätten.

Ach, es sind so kläglich wenig,
Denn ich zählte sie im stillen,
Kaum genug, dein Nadelbüchlein
Schicklich damit anzufüllen.

Lieder, die von Liebe reimen,
Kommen Tag für Tage wieder;
Doch wir zwei Verliebte sprechen:
Das sind keine Liebeslieder.

Johann Peter Hebel – Gedicht

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zu Zeiten.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch e wir’s bitten,
ist für Throne und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

War’s nicht so im alten Jahr?
Wird’s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder
und kein Mensch wird’s wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,

jedem auf dem Lebenspfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

Durchgelesen – „KL – Gespräch über die Unsterblichkeit“ v. John von Düffel

Wollen wir nicht alle unsterblich sein, oder es zumindest versuchen ? In der heutigen Zeit könnten aus medizinischer Sicht die Chancen auf eine gewisse körperliche Unsterblichkeit gar nicht so klein sein. Aber ist diese Unsterblichkeit auch wirklich erstrebenswert, sowohl für sich selbst als für die Gesellschaft, in der wir uns bewegen ? Fragen über Fragen, die sich nicht sofort und vielleicht auch nur unter philosophischen Aspekten beantworten lassen. Wäre da nicht ein perfekter Kandidat für diese Fragen bereits vorhanden, der uns sicher weiterhelfen kann. John von Düffel hat diesen Menschen « getroffen » und zeigt uns in seinem neuesten Werk « KL – Gespräch über die Unsterblichkeit » das unglaublich beeindruckende Ergebnis.

John von Düffel, geboren am 20. Oktober 1966 in Göttingen, hat nach seinem Abitur Philosophie, Germanistik und Volkswirtschaftslehre studiert. Nach seiner Promotion arbeitete er als Filmjournalist und Theaterkritiker. Er war und ist Dramaturg an mehrerer deutschen Bühnen und ist derzeit am Deutschen Theater Berlin tätig. Nebenbei ist er Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Romane « Vom Wasser » (1998), « Beste Jahre » (2007) und « Goethe ruft an » (2011). John von Düffel wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet unter anderen mit dem Aspekte-Literaturpreis 1998 und dem Nicolas-Born-Preis 2006.

John v. Düffel begibt sich in seinem aktuellen Werk auf den Weg zu einem ganz besonderen « Interviewpartner » um ein nicht ganz einfaches Thema « Die Unsterblichkeit » erstmals so richtig zu durchleuchten. Wer könnte es nicht anderes sein als KL, den wir – selbst wenn wir mit Mode nicht das geringste zu tun haben oder uns dafür nur rudimentär interessieren –  als eine « unsterbliche » Persönlichkeit wahrnehmen. Gerade erst hatte er seinen angeblich 80. Geburtstag, denn so keiner weiss sein wirkliches Geburtsdatum, aber vielleicht macht genau dies die Unsterblichkeit aus, die KL so perfekt lebt und inszeniert.

Der Ich-Erzähler, das alter Ego von John v. Düffel – nennen wir ihn den Journalisten – wird standesgemäß vom einem Fahrer am Bahnhof in Paris abgeholt und es geht direkt in das Atelier von KL. Es folgt eine sehr lange Wartezeit. Natürlich kommt KL nicht gleich, es ist der Assistent, der zu erst einmal viele Punkte klarstellen muss, bevor das anberaumte Interview überhaupt stattfinden kann. Die Bedingungen sind schwierig, es gibt viele Gebote, wenig journalistische Freiheit, letztendlich kann man eigentlich fast keine Fragen stellen und die Interviewzeit darf dreissig Minuten nicht überschreiten. Der Journalist bereits desillusioniert von den komplizierten Umständen ist mehr als überrascht als KL plötzlich vor ihm steht.

KL gibt sofort klar zu verstehen, dass er grundsätzlich keine Interviews gibt und keine Gespräche mit Menschen führt, die er nicht kennt. Doch KL lässt seine Gedanken sprechen und es sprudelt nur so aus ihm heraus. Es geht über Kultur, Erziehungsfragen, Disziplin und deutsche Mentalität :

« Ich bin ein deutsches Mentalitätsmuseum, ein Vatikan der deutschen Tugenden, die wandelnde deutsche Tugend-Enklave – lachen Sie nicht ! »

Aber das ist nicht alles. Der Journalist versucht ein philosophisches Gespräch mit KL zu führen. Es drängt sich im Hinblick auf so viel Disziplin die Frage nach dem Genie auf. Denn für ein Genie wird KL of gehalten. Aber genau diese Bezeichnung wendet er vehement ab :

« Ich sage Ihnen, ich kenne Kollegen – hochtalentierte, begnadete Künstler ! – , die so mit dem Genialsein beschäftigt sind, dass sie überhaupt keine Zeit mehr haben zu arbeiten. Genie ist ein full-time-job. Mir persönlich ist das zu anstrengend. »

Kurzum, KL ist kein Genie und will auch keines sein und somit ist es kaum verwunderlich, dass er dem Journalisten eindringlich erläutert, wie hart er arbeitet, nicht konsumiert, was aber nichts mit Enthaltsamkeit zu tun hat und er nichts anderes als ein Produzent ist : « Ich bin ein Fließbandarbeiter im Luxussegment. »

Das Gespräch ist nach 27 Minuten und 30 Sekunden beendet und KLs Assistent begleitet den Journalisten wieder aus dem Atelier. Doch es bleibt nicht bei dieser einzigen Begegnung mit KL, davor trifft der Journalist noch ganz zufällig während zweier Zugfahrten BS und HS, zwei Damen – die eine im Show-Business eine mehr als beliebt bekannte Grösse und die andere eine « Politpensionärin » aus Schleswig-Holstein, die im Bezug auf Unsterblichkeit so einige Aspekte beisteuern können und könnten. Doch letztendlich wird das Gesprächs-Finale mit KL – ausgerechnet in Deutschland und nicht in Frankreich – der philosophische Höhepunkt und dadurch werden nicht nur komplexe Fragen in puncto Unsterblichkeit sondern auch weitaus einfachere in Bezug auf die kaum zu bändigende Müdigkeit etc. beantwortet.

Dieses Buch befreit uns so unglaublich charmant vor Überheblichkeit, Unnahbarkeit und lässt die Hüllen der Distanz fallen, ohne jedoch unangenehm aufdringlich zu werden. Wir begegnen durch John v. Düffels KL einen Mann, den wir vielleicht – dank der Regenbogenpresse – glauben zu kennen, der deutscher ist als wir denken, der disziplinierter ist, als wir es uns je vorzustellen wagen und weder eine Ikone noch ein Genie sein möchte. Wie schön, dass von Düffel diese grandiose Kunstfigur KL geschaffen hat, die doch sehr viel mit einem gewissen Modedesigner namens Karl Lagerfeld gemeinsam hat bzw. haben könnte, er es aber nicht ist, oder vielleicht doch?

John v. Düffel kann mit seiner raffinierten Technik des literarisch-kunstvollen Interviews nicht nur tiefgreifende Probleme der profanen Übermüdung, sondern auch die Relevanz der kaum zu überbietenden Selbstvermarktung treffsicher analysieren. Er lässt seine Protagonisten, KL, aber auch die Damen BS – alter Ego vielleicht von Barbara Schöneberger – und HS – Heide Simonis – immer in einer respektvollen und fürsorglichen Umgebung agieren, somit ist dieses Buch keine böse und mit übler Nachrede gespickte Satire. Es ist ein sehr amüsantes, frech bissiges Werk, das die Disziplin und einige andere doch eher deutsche Tugenden gekonnt verpackt und in so manch anderes Licht rückt.

« KL- Gespräch über die Unsterblichkeit » ist ein mutiges Buch, ein Buch zum Lachen, Schmunzeln, aber eben auch zum Nachdenken. Es überrascht mit Begegnungen, gibt interessante und unerwartete Einblicke in eine Gesellschaft, die alles versucht, der Unsterblichkeit mit welchen Mitteln auch immer näher zu kommen !

Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Wolken

Am nächtigen Himmel
Ein Drängen und Dehnen,
Wolkengewimmel
In hastigem Sehnen,

In lautloser Hast
— Von welchem Zug
Gebietend erfasst? —
Gleitet ihr Flug,

Es schwankt gigantisch
Im Mondesglanz
Auf meiner Seele
Ihr Schattentanz,

Wogende Bilder,
Kaum noch begonnen,
Wachsen sie wilder,
Sind sie zerronnen,

Ein loses Schweifen …
Ein Halb-Verstehn …
Ein Flüchtig-Ergreifen …
Ein Weiterwehn …

Ein lautloses Gleiten,
Ledig der Schwere,
Durch aller Weiten
Blauende Leere.

Durchgelesen – „Adèle“ v. Irene Ruttmann

Die Schlacht an der Somme (Fluss im Norden Frankreichs) vom 1. Juli bis 18. November 1916 zählte zu den grössten Schlachten an der Westfront des Ersten Weltkriegs. Durch die britisch-französische Grossoffensive gegen die deutschen Truppen war dies die mit mehr als einer Million getöteten, verwundeten und vermissten Soldaten verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs. Ist es denn möglich trotz der vielen dramatischen Erlebnisse genau nach dieser Zeit Gefühle für einen Menschen zu entwickeln, der durch Zufall in ein vollkommen zerstörtes und eher zukunftsloses Leben tritt? Ja, denn dank der erzählerischen Kunst von Irene Ruttmann dürfen wir in ihrem neuen Roman „Adèle“ eine solch aussergewöhnliche Begegnung entdecken.

Irene Ruttmann, geboren 1933 in Dresden, studierte in Leipzig, Ost-Berlin und Frankfurt a. Main Germanistik, Anglistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Sie promovierte in Frankfurt und war von 1972 bis 1976 Dozentin an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt. Seit dieser Zeit arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für den Rundfunk und verschiedene Verlage. Bekannt wurde sie durch ihre Kinder- und Jugendbücher. Ihr erster Roman für Erwachsene „Das Ultimatum“ erschien 2001. Sie lebt in Bad Homburg.

Der Roman „Adèle“ ist eine Art Tagebuchroman. Der Hauptprotagonist heisst Max, ein junger zwanzigjähriger Infanterist aus Dresden. Max hätte gerne Medizin studiert, aber sein Vater war dagegen. Als Alternative durfte er eine Lehre als Drogist machen, die seine Begeisterung für Pflanzen und Kräutern im Hinblick auf das Anrühren verschiedensten Salben stillen konnte.

Max erwachsene Tochter entdeckt diese Tagebucheintragungen, die rudimentär im Sommer 1916 beginnen, wo sich ihr Vater Max freiwillig zum Sanitätsdienst gemeldet hatte und glücklicherweise statt an die Front als Hilfspfleger eingesetzt wurde. Dann gibt es Lücken und die Aufzeichnungen setzen Anfang Oktober 1916 wieder ein. Max ist Krankenträger. Danach ist wieder eine Schreibpause und die nun ersten ausführlichen Tagebucheintragungen beginnen am 11.Dezember 1916 und Max beschreibt die kurzfristige Erleichterung nach den dramatischen Tagen bei Chaulnes (eine Stadt an der Somme).

Er war in einem Gutshof, konnte sich endlich etwas ausruhen. Die Bedingungen waren besser als erwartet, es gab Feldbetten, Öfen und so gar ein Kino. Doch Max wollte lieber schreiben und zeichnen. Leider war das Papier so knapp, so dass er immer auf der Suche nach Material war. Dabei lernte er Bruno kennen, einen jungen Maler aus Berlin. Bruno war begeistert von der „guten Bohème“ in Dresden und freute sich, dass Max die Maler Heckel, Kirchner und Schmitt-Rottluff kannte. Bruno besorgte ihm Papier und ein Heft und Max unterhielt sich gerne mit ihm. Er könnte sich jetzt so einfach um seine Geschichten kümmern, wenn nicht die vielen Probleme in der Krankenstation wären. Viele seiner Kameraden litten an extremen Bauchkrämpfen und es gäbe doch nichts besseres, als Kräuter wie Salbei, um diese zu lindern.

Max machte sich auf zur Apotheke, welche jedoch verbarrikadiert war, und entdeckte dabei per Zufall ein Haus mit einem grossen Garten immer auf der Suche nach einem Kräuterbeet. Doch plötzlich hörte er eine Stimme. Max vollkommen irritiert stand einer jungen attraktiven Frau gegenüber, gekleidet in einem für ihn so schönen roten dicken Mantel. Sie war Französin, Max sprach fast kein Französisch und versuchte mit Händen und Füssen zu erklären, dass er nur Salbeikräuter suchen würde. Sie verstand seine Zeichensprache und konnte ihm seine dringend erwünschten Salbeibüschel geben. Wie glücklich er plötzlich war, nicht nur wegen der gesuchten Kräuter. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht mit dieser Begegnung. Die Nacht konnte er nicht schlafen, immer wieder sah er das hübsche Mädchen vor sich. Und am nächsten Tag ging er wieder hin, er holte nochmals Salbeibüschel, diesmal soviel er wollte und war noch entzückter, als sie plötzlich ein paar Worte sagte. Sie war überrascht über seine schwarze Haarfarbe und braunen Augen, so wie sie, obwohl er doch deutsch war. Auch Max sah erstmals ihre Haare und Augenfarbe. Nach diesem kurzen doch eher stillen Austausch ging er wieder in Richtung Gutshof:

„ « À demain », sagte sie und verschwand in der Tür. « Demain » heisst morgen, « aujourd’hui » heisst heute und ist schwierig zu schreiben. Und « gestern » fiel mir nicht ein. Ich brauchte es auch nicht. « Demain » heisst morgen. À demain, à demain, à demain!“

Max war beseelt von dieser so unerwarteten Begegnung und er besuchte das Mädchen wieder, am nächsten Tag. Diesmal lud sie ihn ein, ihr Haus zu betreten, er bekam einen Cognac und etwas zu essen und dabei stellte sich heraus, dass sie eine gewisse Zeit im Elsass verbrachte und ein bisschen Deutsch verstand. Ihr Name war übrigens Adèle. Bis jetzt hatte Max nur wenig Glück bei den jungen Frauen, er langweilte sie mit seinen Gesprächen über Museen und Literatur. Und hier bei Adèle konnte er gar nichts erzählen, es lag nicht an seinen fehlenden Französischkenntnissen, nein selbst in seiner Muttersprache hätte er nichts sagen können. Und vielleicht war genau das ihr Geheimnis, das Besondere zwischen ihm und Adèle…

Irene Ruttmann hat unbeschreibliche Empathie, die sie so wunderbar an ihren Hauptprotagonisten Max weitergibt und dabei gelingt es so raffiniert unaufgeregt die vollkommen unerwartete Begegnung zweier Menschen in Zeiten des Krieges vorsichtig und klar zu entwickeln, dass selbst die Kriegsszenerie für gewisse Momente so erleichternd unwichtig in den Hintergrund rückt. Die Sprache ist sowohl von zarter und unprätentiöser Klarheit und kann dabei der so charmanten Sprachlosigkeit zwischen Max und Adèle und dem daraus so grandios entstehenden Schweigen eine kaum zu übertreffende Intensität verleihen.

Als Leser geniessen wir diese so stilvolle Sinnlichkeit die sowohl von Max als auch von Adèle ausgeht und fühlen uns trotz der wahrlich sehr widrigen Kriegszustände mit ihnen und ihrer Situation so unglaublich wohl. Besonders gelungen ist ein Treffen, bei dem Adèle Max etwas auf Französisch vorliest, da er doch sehr gerne Bücher mag. Und es gibt noch so viele schöne andere Szenen in diesem Roman, der gerade mal 156 Seiten umfasst, dass man bei der letzten Zeile angekommen geneigt ist, das Buch gleich noch ein zweites Mal zu lesen.

„Adèle“ ist ein berührendes, anrührendes und sehr beeindruckendes Buch. Dieser Roman ist ein literarisches Bijou und gehört sicherlich zu den besten Neuerscheinungen in diesem Leseherbst.

Joachim Ringelnatz – Gedicht

Überall

Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband
Wie irgendwo daneben.

Überall ist Dunkelheit.
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
Stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.

Wenn du einen Schneck behauchst,
Schrumpft er ins Gehäuse.
Wenn du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.

Theodor Fontane – Gedicht

Der echte Dichter

Ein Dichter, ein echter, der Lyrik betreibt,
Mit einer Köchin ist er beweibt,
Seine Kinder sind schmuddlig und unerzogen,
Kommt der Mietszettelmann, so wird tüchtig gelogen,
Gelogen, gemogelt wird überhaupt viel,
»Fabulieren« ist ja Zweck und Ziel.

Und ist er gekämmt und gewaschen zuzeiten,
So schafft das nur Verlegenheiten,
Und ist er gar ohne Wechsel und Schulden
Und empfängt er pro Zeile ’nen halben Gulden
Oder pendeln ihm Orden am Frack hin und her,
So ist er gar kein Dichter mehr,
Eines echten Dichters eigenste Welt
Ist der Himmel und – ein Zigeunerzelt.

Novalis – Gedicht

Das Bad

Hier badete Amor sich heute
Der Unvorsichtge entschlief
Da kamen die Nymphen voll Freude
Und tauchten die Fackel ihm tief
Ins Quellchen, da mischten sich Wellen
Und Liebe; sie täuschten sich sehr
Die Nymphen, sie tranken mit hellem
Gewässer die Liebe nur mehr.
O! Mädchen, die Liebe nicht scheuen,
Die trinken die liebliche Flut.
Die Liebe, die wird sie erfreuen
Mit sanfter entzückender Glut.
Ich hab mich hier oftmals gebadet
Mit meiner Laura allein,
Und nach dem Bade so ladet
Der Schlummer im Grase uns ein.

Durchgelesen – „Konzert ohne Dichter“ v. Klaus Modick

Worpswede ist eine niedersächsische Gemeinde nordöstlich von Bremen, gelegen im Teufelsmoor und bekannt als ein Erholungsort. Doch mit diesem Ort verknüpfen wir noch viel mehr und denken in erster Linie an die berühmte Künstlerkolonie Worpswede. Die 1889 gegründete Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Künstlern beheimatete hauptsächlich Künstler des Jugendstils, Impressionismus und Expressionismus. Einer der wichtigsten Orte in Worpswede war der Barkenhoff, der Mittelpunkt für Begegnungen und Feste. 1895 erwarb Heinrich Vogeler (1872 – 1942) diesen Barkenhoff und baute ihn im Jugendstil um. Heinrich Vogeler war Maler, Architekt, Grafiker, Schriftsteller und der „Märchenprinz“ aus dem „Märchen“ Worpswede. Klaus Modick hat dieses „Märchen“ neu erzählt und wir freuen uns sehr, in diese ganz besondere Welt voller Kunst und Literatur, aber auch Liebe, Freundschaft, Macht und Geld eintauchen zu dürfen.

Klaus Modick – geboren 1951 – studierte nach dem Abitur Germanistik, Geschichte und Pädagogik in Hamburg. Nachdem er sein erstes Staatsexamen für Lehramt Gymnasium in Deutsch und Geschichte abgelegt hatte, promovierte er 1980 in Literaturwissenschaft über Lion Feuchtwanger. Seit 1984 ist er als freier Schriftsteller und Übersetzer tätig. Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen, wie zum Beispiel dem Bettina-von-Arnim-Preis und dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet. Zu seinen bekanntesten und erfolgreichsten Werken zählen „Vierundzwanzig Türen“ (2000), „Der kretische Gast“ (2003) und „Sunset“ (2010). Und jetzt ganz aktuell kann uns Klaus Modick mit seinem Roman „Konzert ohne Dichter“ rundum die Künstlerkolonie Worpswede und im Besonderen um die nicht ganz einfache Freundschaft zwischen Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke beglücken.

Der Roman spielt zwei Tage vor und an dem Tag selbst der wichtigen Preisverleihung – Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft – an Heinrich Vogeler, genauer vom 7. bis 9. Juni 1905. Diese wichtige Auszeichnung wird ihm nicht nur für sein gesamtes Werk, sondern auch im Besonderen für das endlich nach fünf Jahren fertiggestellte Gemälde „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ verliehen. Doch dieses Werk ist für Heinrich Vogeler persönlich nicht der Erfolg, wie ihn die Öffentlichkeit feiert. Für ihn steht das Bild in verschiedenster Hinsicht für ein Scheitern. Sowohl sein künstlerisches Selbstbewusstsein gerät ins Wanken, als auch seine Ehe wird von Krisen geschüttelt, aber vor allem bekommt die Freundschaft zwischen ihm und Rilke grosse Risse.

Heinrich Vogeler gehörte zur ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede. Sein Barkenhoff war der Treffpunkt dieser Künstler und die sogenannte Barkenhoff-Familie bestand nicht nur aus ihm und seiner Frau Martha, sondern auch aus Otto Modersohn und dessen Frau und Malerin Paula Modersohn-Becker und Rainer Maria Rilke und dessen Frau und Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff. Ja und genau Rilke war der literarische Stern in Worpswede, ein „Seelenverwandter“ für Vogeler, aber auch ein Mensch, der in seinem – um es diplomatisch auszudrücken – nicht einfachen Charakter weit unterschätzt wurde, vor allem was die Beziehungen zu Frauen betraf.

„Es bedeutete, dass die Dichter das Sagen hatten, die Maler das Zeigen, und den Frauen blieb das Sein. Insbesondere das Da-Sein, das ständige Bereit-Sein für die Dichter und Maler. Rilke brauchte die Frauen. Aber im Grunde liebte er sie nicht.“

Rilke war ein Mann, der im ersten Moment eher schwächlich, leicht blass und in sich versunken wirkte, jedoch eine unglaubliche Anziehungskraft bei Frauen besass, die nicht nur Liebschaften mit adeligen und reichen Damen von Welt zur Folge hatte, denke man nur an die nicht ganz eindeutig zu bewertende Liaison mit Lou Andreas-Salomé. Aber auch Frauen, die sich ganz der Kunst verschrieben hatten, wie Clara Westhoff und Paula Becker, waren hingerissen von Rilkes Dichtung und seiner sensiblen Vortragskunst. Doch Rilke war in seiner Art dominant, konnte und wollte ausser für seine Poesie für nichts anderes verantwortlich sein. Doch ohne jegliche Form von Bewunderung und Liebe, die er zwar nie wirklich für andere geben konnte, war er selbst nicht lebensfähig. Für Rilke zählte nur die Kunst und der Künstler müsste und könnte nur alleine agieren. Die Künstlerkolonie verbarg eine Widersprüchlichkeit schon im Wort direkt:

„Künstler müssen Einzelgänger sein, Eigensinnige jedenfalls, weil nur aus Eigensinn entstehen kann, was ein Werk ausmacht: Stil.“

Trotz der für Heinrich Vogeler nicht immer ganz so verständlichen und nachvollziehbaren Aussagen Rilkes, unterstützte Heinrich Vogeler Rilke wo immer er auch konnte. Er nahm ihn als Gast bei sich im Barkenhoff auf, so lange bis er noch kein eigenes Haus in Worpswede hatte. Und hin und wieder musste er auch kleine finanzielle Hilfen leisten bzw. organisierte Kunsthändler, die sich für die Werke von Rilkes Frau Clara interessieren könnten, damit das Leben wieder weitergehen und Rilke sich auf seine Dichtkunst konzentrieren konnte. Vogeler hingegen durfte bzw. erklärte sich bereit ausgewählte Werke von Rilke zu illustrieren. Somit entstand doch auch eine Art von Kooperation, von der man nicht immer ausgehen konnte. Ja es sah nach einer gewissen Harmonie aus zwischen Vogeler und Rilke, doch leider war diese vielleicht nur am Beginn der Begegnung zwischen den beiden Männern vorhanden und verselbständigte sich im Laufe der Zeit. Das Ergebnis dazu ist sichtbar, wenn man das Bild „Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ betrachtet. Denn ein Platz ist dort frei zwischen den zwei Frauen Clara und Paula. Eigentlich sollte da Rilke erkennbar sein. Vogeler hatte ihn aus dem Bild genommen, doch warum…?

„Konzert ohne Dichter“ ist ein wunderschöner, einfühlsamer und äusserst inspirierender Roman nicht nur über die Künstlerkolonie Worpswede und Heinrich Vogeler. Nein es ist auch ein Roman über die von Klaus Modick so beeindruckend klug und differenziert erzählte Dreiecksbeziehung zwischen Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff und Rainer Maria Rilke. Ein Skandal, welcher der Mal- und Dicht-Kunst untergeordnet wird und genau so schnell wieder entschwindet, wie er auch aufgetaucht ist.

Dieses Buch bietet aber neben den Maler-Frauen und ihren Schwärmereien und erotischen Verwicklungen auch noch eine besondere Männerfreundschaft, die alles andere als stabil ist. Die Selbstliebe von Rainer Maria Rilke und die Selbstzweifel von Heinrich Vogeler lassen die anfängliche Harmonie langsam verblassen. Klaus Modick kann dies mit seinen so spielerisch eingebetteten Rückblenden so klar und ebenso emotional dem Leser vermitteln, dass man Vogeler und Rilke so nahe kommt, als wäre man, als Leser, ein ganz naher Beobachter dieser besonderen Künstler-Freunde .

Durch „Konzert ohne Dichter“ erleben wir nicht nur Rilke von einer doch ganz anderen Seite. Wir werden dadurch auch noch neugieriger auf seine Dichtkunst, verspüren Entdeckerlust auf Bilder von Heinrich Vogeler, Paula Modersohn-Becker und auf Skulpturen von Clara Rilke-Westhoff. Und gleichzeitig sehnen wir uns nach der besonderen Landschaft von Worpswede. Das „Märchen“ Worpswede wird mehr als lebendig durch die so wunderbare Erzählkunst von Klaus Modick! Ein literarisch absolut bemerkenswerter und sehr eindrucksvoller Kunstroman, der mehr als lesenswert ist!

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Durchgelesen – „Weinhebers Koffer“ v. Michel Bergmann

Die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk ist nicht immer ein leichtes Unterfangen, doch wenn plötzlich ein Objekt sich als das potentielle Präsent zu einer vollkommen unerwarteten Entdeckung entpuppt, wird die Neugierde nicht nur bei dem Protagonisten, sondern auch beim Leser geschürt. „Weinhebers Koffer“ ist nicht nur der Titel des neuen Romans von Michel Bergmann, sondern auch der Ursprung eines besonderen Geheimnisses.

Michel Bergmann, geboren 1945 als Kind internierter jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Paris und in Frankfurt am Main. Nach der Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau arbeitete Bergmann als freier Journalist, wechselte aber später in die Filmbranche und ist inzwischen als Regisseur, Filmproduzent und insbesondere als Drehbuchschreiber – unter anderem für die Serien „Polizeiruf 110“ und „Unter Verdacht“ – tätig. Sein erster Roman „Die Teilacher“ erschien 2010 und war so erfolgreich, dass er sogar 2013 verfilmt wurde. Nach verschiedenen Romanen und Erzählungen erscheint nun ganz aktuell sein neuer Roman „Weinhebers Koffer“!

Die Rahmengeschichte spielt in Berlin. Die Hauptfigur ist der Journalist und Filmemacher Elias Ehrenwerth, der wie bereits eingangs kurz erwähnt ein passendes Geschenk für seine Freundin Lisa Winter sucht. In einer Art Trödelgeschäft stöbert Ehrenwerth nach dem richtigen Präsent, entdeckt viel Unbrauchbares, Überflüssiges und Altes. Dabei wird er fündig: ein Lederkoffer mit unglaublich vielen Aufklebern, die subtil und diskret die grossen „Reiseerfahrungen“ dieses Gepäckstückes erzählten. Doch das Besondere an dem Koffer waren vor allem die imprägnierten Initialen L.W.! Ganz klar für Ehrenwerth, das würde perfekt zu Lisa Winter passen und somit kauft er dieses Fundstück.

Bei sich zu Hause öffnet Ehrenwerth den Koffer und findet zu seiner Überraschung eine alte Visitenkarte von einem besagten Dr. phil. Leonard Weinheber, wohnhaft Viktoria-Louise-Platz 14 in Berlin-Wilmersdorf. Ab diesem Zeitpunkt war die Entscheidung getroffen, der Koffer konnte erst als Geschenk eingesetzt werden, wenn Ehrenwerth herausgefunden hätte, wer dieser Leonard Weinheber wirklich war.

Elias Ehrenwerth macht sich auf den Weg an die auf der Visitenkarte angegebene Adresse und erfährt, dass es sich bei Weinheber um einen Schriftsteller handelt, der 1939 auf der Flucht vor den Nazis sein geliebtes Deutschland verlassen musste und es keinen anderen Ausweg mehr für ihn gab, als nach Israel zu fliehen. Ehrenwerth forscht intensiv nach, woher denn nun dieser Koffer als letztes kam und wird über mehrere Ecken einen ersten Anhaltspunkt in Israel finden. Er reist in das Land, das vielleicht der letzte Lebensmittelpunkt von Weinheber sein konnte bzw. auch sein sollte. In Israel trifft er auf den Grossvater (Araber) des Trödelhändlers in Berlin, der diesen Koffer seinem Enkel für seine Reise nach Deutschland mitgegeben hatte. Der alte Mann ist äusserst hilfsbereit. Er entdeckte den Koffer am Hafenkai von Jaffa, wo er früher gearbeitet hatte. Da der Koffer nie vom dortigen Fundbüro von seinem rechtmässigen Besitzer abgeholt wurde, durfte er diesen mit nach Hause nehmen. Der alte Mann passte gut auf den Inhalt auf, die Kleidung trug er ganz vorsichtig und die Dokumente, wie Briefe von Weinhebers grosser Liebe, aber auch ein Buchmanuskript wurden sorgfältig aufgehoben. Elias Ehrenwerth freute sich sehr, dass er nun diese interessanten Papiere gefunden hatte und dadurch hoffentlich dem mysteriösen Geheimnis um Weinhebers Koffer und der damit verknüpften dramatischen Lebensgeschichte endlich auf die Spur kam…

Der Roman hat zwar nur 140 Seiten, enthält aber so viele Geschichten, Erfahrungen, Eindrücke, Emotionen, als würde man vor einem dicken Schmöker sitzen, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Michel Bergmann hat eine besondere Gabe, die sicherlich auch seinem Erfolg als Drehbuchschreiber zuzuordnen ist: er kann in verschiedenen Ebenen, Sprachstilen und äusserst pointierten Dialogen schreiben. Selten wird man ein Werk finden, das so unaufgeregt und fliessend zwischen einer journalistisch lockeren Feder und einer wahrlich elegant literarischen Erzählkunst wechselt. Dadurch wird die Rahmenhandlung in Berlin zu einem amüsant, provokativen Feuerwerk und die eingebettete und eher düstere Geschichte um Leonard Weinheber zu einer sehr emotionalen, aber historisch nicht unwichtigen Recherche, die das Thema Vertreibung aus der Heimat gepaart mit Trauer und Sehnsucht sehr gut darstellt.

„Weinhebers Koffer“ ist ein ganz besonderer Roman. Er beschäftigt sich so raffiniert und prägnant mit der traurigen Vergangenheit, die beim Leser durch diesen eigentlich so banalen Koffer eine so unersättliche Neugierde auslöst, dass wir an dem Text wirklich vom ersten Moment an wahrlich festkleben und unbedingt alles über Leonard Weinheber wissen wollen. Michel Bergmann gelingt es, ein schwieriges Thema der Geschichte spielerisch, aber trotzdem sehr ernsthaft wieder in Erinnerung zu bringen. Der Roman unterhält auf wunderbar intellektuelle Weise, amüsiert uns in mancherlei Hinsicht und lässt uns aber auch gleichzeitig nachdenklich und vor allem sehr nachhaltig berührt am Ende zurück.

Dieses Buch ist erhältlich in der Deutschen Buchhandlung Paris!

Durchgeblättert – „Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ v. Tania Schlie

Schreiben und Glück gehört irgendwie zusammen. Bereits Jean Paul konnte dies mit seinem wunderbaren Zitat – „Solange ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein“ – perfekt bestätigen. Doch wo schreiben eigentlich Menschen und insbesondere Frauen ihre Bücher? Eine nicht ganz unwichtige Frage, die sich dank der enthusiastischen Recherche und dem guten Gespür an biographischen Entdeckungen nun mit dem sehr interessanten und anspruchsvoll gestalteten Buch „Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ sehr gut beantworten lässt.

Tania Schlie (geb. 1961 in Hamburg), Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin hat mit ihrem neuen Werk ein wahrlich wissenswertes Thema rund um das Schreibverhalten von Frauen sehr ansprechend und äusserst informativ aufbereitet. Es geht um den Ort des Schreibens, konkret nicht nur um ein Land, eine Stadt oder ein Dorf, nein es geht um den Arbeitsplatz oder besser gesagt um den Schreibort. Das kann ein – kombiniert mit unterschiedlichen Ritualen – immer festgelegter Platz sein, der verschiedenster räumlicher und psychologischer Begleitumstände bedarf, die das Schreiben nicht nur erleichtern und vereinfachen, sondern auch effizienter und erfolgreicher gestalten können.

Elke Heidenreich hat hier in ihrem sehr persönlichen Vorwort ihren Schreibort wunderbar erläutert und wir können erstaunt feststellen, dass sie über den besonderen Luxus verfügt, drei Schreibtische zu besitzen, die für die unterschiedlichsten Arten des Schreibens von ihr dementsprechend eingesetzt werden. Doch dieses Privileg hatten in früheren Zeiten leider nur sehr wenige Schriftstellerinnen; sie mussten zum Teil mit dem Küchen- bzw. Esstisch vorlieb nehmen, wie zum Beispiel Jane Austen oder Charlotte Brontë, die sogar mit ihren zwei Schwestern gemeinsam im Esszimmer ihre Bücher schrieb.

Aber auch das Café zählte zu einem der wichtigsten und beliebtesten Schreibplätze für viele Autorinnen. Während der Besatzungszeit beispielsweise war es der wesentlich besser geheizte Ort. Und für Simone de Beauvoir, die alle ihre Bücher in Cafés geschrieben hatte, nicht nur ein Arbeits- genauso eine Art Lebensort zum Essen und zum Freunde treffen. Auch Nathalie Sarraute ging jeden Tag für vier Stunden in ein libanesisches Café in Paris, um ihren Kindern und dem Anwaltsalltag ihres Mannes zu entfliehen. Dorothy Parker konnte über viele Jahre hinweg nur in möblierten Hotelzimmern arbeiten. Ja und nicht nur für François Sagan war die brennende Zigarette ein unabdingbares „Konzentrationsmittel“. Viele andere Schriftstellerinnen, wie beispielsweise Elizabeth Bowen, fühlten sich im Tabakduft irgendwie wohl und aufgehoben. Gertrude Stein dagegen brauchte noch etwas ganz anderes, das sie in ihrem Schreiben unterstützte und beflügelte, nämlich Kunst. Sie sammelte bereits früh die unterschiedlichsten Meisterwerke der Moderne und wurde durch die Kunst, die an ihren Wänden ihres Arbeitszimmers hing, nicht immer nur positiv inspiriert und musste sich deshalb sogar von so manchem Kunstwerk trennen, da es ihren Schreibprozess eher zu blockieren schien.

Einige Autorinnen konnten überall schreiben, reisten viel, benötigten ihre Schreibmaschine als klassisches Arbeitsmittel und der Arbeitsort war völlig gleichgültig, ob in der Wiese, auf der Terrasse oder in einem Raum an einem beliebigen Tisch. Es gibt aber auch Schriftstellerinnen, die ihren eigenen konkreten Ort zum Schreiben brauchten. Sei es ein separates Zimmer wie bei Virginia Woolf und Alice Walker, oder aber auch nur der einzig wahre Schreibtisch bzw. Schreibort, wie bei Nadine Gordimer oder Colette, die nur im Bett auf ihrem dafür eigens konzipierten Schreibpult produktiv sein konnte.

Viele oder man könnte fast schon sagen, die meisten dieser Autorinnen sind dem Schreiben so zugetan, dass es für sie das eigentliche, ja das wahre Leben bedeutete, aber es gibt auch Ausnahmen, bei denen das Schreiben, ein echter Brotberuf war und vor allem das Geld zählte. George Sand gehörte zu dieser Kategorie. Sie konnte sage und schreibe bis zu dreizehn Stunden am Tag arbeiten und versuchte sich dabei nachts mit Unmengen von Kaffee und Zigaretten wachzuhalten. Aber auch Agatha Christie, die mehr als 70 Bücher geschrieben hatte, arbeitete für eine neue Loggia an ihrem Haus. Es ging ihr um die pragmatischen Aspekte und keineswegs um die Verklärung des Schreibens.

Fast 40 schreibende Frauen und ihre Arbeitsplätze mit den dazu verbundenen Arbeitsgewohnheiten dürfen wir in diesem so fabelhaft konzipierten Buch – dank auch der faszinierenden Fotos von einigen dieser Schreiborte – erstmals kennenlernen. Tania Schlie hat nicht nur intensiv geforscht, sie hat auch sehr subtil und ganz vorsichtig die Türen zu den Schreibplätzen dieser aussergewöhnlichen Frauen geöffnet. Wir spüren die unterschiedlichen Plätze auf, fühlen uns sofort eingeladen in die verschiedenen „Arbeitszimmer“ dieser ausgewählten Schriftstellerinnen und erkunden die Einrichtung, drücken die Tasten der Schreibmaschine oder nehmen die Bleistifte bzw. Füllfederhalter zur Hand, riechen den Tabakrauch oder hören auch die Nebengeräusche in den Cafés. Kurzum der Leser wird Teil einer ganz besonderen Welt, der sogenannten weiblichen Schreibwelt. Ja und somit müssen wir uns nicht im Geringsten wundern, wenn wir, selbst als Leser, uns vielleicht auch nach einem genauso vergleichbaren „Ort“ des Schreibens bzw. Arbeitens sehnen!

„Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ ist ein glanzvoll illustrierter Bild- und Textband, der nicht nur Schreiborte, sondern ganze und vor allem auch in gewisser Weise sehr persönliche und intime geistige Lebensräume von beeindruckenden Schriftstellerinnen präsentiert. Seien Sie gewiss, verehrter Leser, spätestens nach der Lektüre dieses Buches werden Sie Ihre Neugierde bezüglich der Frage nach dem „Wo“ Frauen schreiben stillen können, doch gleichzeitig werden die neuen Fragen nach dem „Was“ und „Wie“ sie schreiben nicht lange auf sich warten lassen und das literarische Verlangen, diese Schriftstellerinnen auch in ihrem Werk kennenzulernen, kaum mehr zu bändigen sein!