Heinrich Heine – Zitat

„Ausserdem wirkt nicht jede Liebe blitzartig; manchmal lauert sie, wie eine Schlange unter Rosen, und erspäht die erste Herzenslücke, um hineinzuschlüpfen; manchmal ist es nur ein Wort, ein Blick, die Erzählung einer unscheinbaren Handlung, was wie ein lichtes Samenkorn in unser Herz fällt, eine ganze Winterzeit ruhig darin liegt, bis der Frühling kommt, und das kleine Samenkorn aufschiesst zu einer flammenden Blume, deren Duft den Kopf betäubt.“

Novalis – Gedicht

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,

Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Weihnacht

Die Winterstürme durchdringen
die Welt mit wütender Macht.
Da sinkt auf schneeigen Schwingen
die tannenduftende Nacht.
 
Da schwebt beim Scheine der Kerzen
ganz leis nur, kaum, dass du´s meinst,
durch arme irrende Herzen
der Glaube – ganz so wie einst.
 
Da schimmern im Auge Tränen,
du fliehst die Freude – und weinst,
der Kindheit gedenkst du mit Sehnen,
oh, wär es noch so wie einst!
 
Du weinst! Die Glocken erklingen
es sinkt in festlicher Pracht
herab auf schneeigen Schwingen
die tannenduftende Nacht.

Durchgeblättert – „Literaturhotels“ v. Barbara Schaefer

Friedrich Hebbel brachte es mit diesem Zitat auf den Punkt: „Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens“.

Nur leider kann in den aktuellen komplexen Zeiten sich kaum jemand an diesem so essentiellen und lebenswichtigen Trunk laben. Glücklicherweise vermögen Bücher ein wenig hinwegtrösten und dem Leser eine andere Art des „Reisens“ erlauben.

Gut geeignet sind dazu Bildbände, die sich auch noch mit dem Reisen und insbesonderen mit dem literarischen Reisen beschäftigen. Barbara Schaefer, inzwischen als freie Autorin aktiv, hat Theaterwissenschaften und Germanistik in München und Italien studiert. Sie hat eine grosse Vorliebe für ungewöhnliche Hotels, im Besonderen Literaturhotels, denen sie ihr aktuell erschienenes Buch widmet. 

Charmant eingeführt über die Vorzüge in einem Hotel zu schreiben oder als Schriftsteller doch lieber das eigene Heim zu preferieren, begleitet uns Barbara Schaefer mit ihren sehr informativen und charmanten Texten durch eine Reise von 19 Hotels, in denen Literatur und Bücher entstanden sind, die aber auch Fluchtort und Heimat für viele bedeutende Schrifsteller wurden.

Die Reise beginnt in Deutschland, über Österreich in die Schweiz, dann nach Italien und Frankreich. Sie führt weiter nach England, Schottland und Polen. Lässt den Leser einen Abstecher in die Türkei machen, wirft gleich zwei Blicke nach Thailand und einen in die USA. 

Ein paar Hotels, wie das Adlon in Berlin und das Waldhaus Sils Maria in der Schweiz sind sicher bei vielen literarisch Interessierten bekannt. Doch wir entdecken viel Neues, wie das Bauhaus-Hotel Albergo Fondazione Monte Verità im schweizerischen Tessin, in dem Hermann Hesse einige Zeit verbrachte. Oder das Belmond Hotel Timeo in Südsizilien, auf dessen Terrasse D.H. Lawrence gelegentlich gesehen wurde. 

Wer noch nicht das berühmte Werk „Hotel Savoy“ von Joseph Roth gelesen hat, sollte unbedingt im gleichnamigen Hotel in der Altstadt von Lodz (Polen) Roth-Luft schnuppern. Am Ende dieser „Buch-Reise“ besuchen wir noch ein im ersten Moment eher unbekanntes Hotel – „The Algonquin“, das älteste Hotel von New York City. Berühmt wurde dieses Hotel durch seinen legendären Literaturzirkel, den „Algonquin Round Table“ und bei dem die Theaterkritikerin Dorothy Parker eine zentrale Rolle spielte.

„Literaturhotels“ ist ein wirklich schön gestaltetes Werk, einladend natürlich auch durch diverse wundervolle Bilder aus den Hotels und den dazugehörigen Landschaften und Städten. Ein Buch, das die Sehnsucht nach Ferne, nach Flucht, nach Ankommen und nach Genuss zu einem gewissen Punkt erfüllen kann. Doch am Ende hilft nur die wahre Reise selbst, wie Gogol treffend formulierte: „Wie schön ist eine lange, lange Reise! Wie oft habe ich danach wie nach einem Rettungsanker gegriffen! Und wie oft hat mich so eine Reise errettet!“

Geniessen wir fürs Erste diesen schönen Bildband und gleichzeitig hoffen wir, dass uns bald eine echte Reise zu diesen besonderen Literaturhotels im Sinne von Gogol „erretten“ kann!

Heinrich Heine – Gedicht

Sie erlischt

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und Herrn und Damen gehn nach Haus.
Ob ihnen auch das Stück gefallen?
Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.
Ein hochverehrtes Publikum
Beklatschte dankbar seinen Dichter.
Jetzt aber ist das Haus so stumm,
Und sind verschwunden Lust und Lichter.
Doch horch! ein schollernd schnöder Klang
Ertönt unfern der öden Bühne; –
Vielleicht, daß eine Saite sprang
An einer alten Violine.
Verdrießlich rascheln im Parterr‘
Etwelche Ratten hin und her,
Und alles riecht nach ranz’gem Öle.
Die letzte Lampe ächzt und zischt
Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.
Das arme Licht war meine Seele.

Durchgeblättert – „Do You Read Me“ – Besondere Buchläden und ihre Geschichten

Philippe Djian hatte bereits klar erkannt: „Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“

Und um dieses kaum zu übertreffende Zitat noch konkreter zu erleben, sollte es im wahrsten Sinne des Wortes Bücher auf Rezept geben, die das Leben herausfordern, hinterfragen und bereichern. Ja und genau so ein Buch hat gerade das „Licht der Welt“ erblickt, einer ganz besonderen Welt – der Welt der Buchläden. 

Buchhandlungen sind Orte, die Fragen zu lassen, in denen man Antworten findet, die zu literarischen Reisen einladen, die Informationen und Kultur vermitteln, die Möglichkeiten des Austausches bieten, die Ablenkung nicht nur vortäuschen und die Aktualität mit Beständigkeit elegant verknüpfen.

„Do You Read Me“, ein wunderschön gestalteter Bildband über genau diese Buch-Orte, ist zur Zeit das interessanteste und abwechslungsreichste Buch über Buchläden und ihre dazugehörigen unerlässlich spannenden Geschichten. Der Titel des Buches wurde der Buchhandlung „Do You Read me“ aus Berlin „entliehen“, die ein eher ungewöhnliches Buchhandlungskonzept vorweist, welches Magazinen aus aller Welt mehr Bedeutung in Auswahl und Platz schenkt, als dem zusätzlich angebotenen aussergewöhnlichen Buchsortiment.

Über 60 Buchhandlungen bzw. Buchläden werden in diesem Werk mit grandiosem Bildmaterial und fein kuratierten Texten vorgestellt. Die Auswahl ist absolut international, neben bereits auch berühmt bekannten Buchhandlungen wie „Shakespeare & Company“ in Paris oder der „Boekhandel Dominicanen“ in Maastricht, entdecken wir bezaubernde und atemberaubende Buch-Paradiese und Buch-Kleinode, die ihresgleichen suchen.

Da gibt es beispielsweise ein charmant in Türkisfarben gehaltenes Buchladen-Café in Istanbul oder ein spektakuläres Buchhandlungskonzept in Mexiko-Stadt, bei der im jüngsten Buchhandlungprojekt „Cafebreria El Péndulo“ eine riesige Palme mitten in der Buchhandlung steht und aus deren Dach ragen darf. In Island wird ein entzückendes kleines Antiquariat „Bokin“ zum Kulturbotschafter. Die USA zeigt eine Fülle von faszinierenden unabhängigen Buchhandlungen, die mehr als klassisches Engagement beweisen, wie zum Beispiel der Initiator „Michael Seidenberg“ seines vollkommen „geheimen“ Buchladens – „Brazenhead Books“ in New York City -, den er aus und mit seinem eigenen Appartement gemacht hatte. Aber auch eine schwimmende Buchhandlung mit dem Titel „The Book Barge“, die am Canal du Nivernais in Frankreich liegt, sorgt für Erstaunen.

Richtig spektakulär darf es natürlich auch sein, vor allem wenn man die Bilder der Buchhandlung „WUGUAN BOOKS“ aus Kaohsiung (Taiwan) bewundert, denn in dieser Buchhandlung werden ungefähr 400 Bücher in absoluter Dunkelheit mit jeweils eigenem Licht präsentiert. Oder vollkommen unverwechselbar, wenn man sich die Buchhandlung „Morioka Shoten“ in Tokio ansieht. Hier wird nur ein einziges Buch zum Verkauf angeboten!

Die vielfältige Auswahl an Buchläden in diesem Werk ist beeindruckend, inspirierend und motivierend zugleich. Die hier präsentierten Buchhandlungen sind auf verschiedenste Weise und in  ihrer Kombination inhaltlich, aber auch gestalterisch und architektonisch die wundervollsten „Meisterwerke“ in Punkto Lese-Paradiese!

Kaum verwunderlich, dass bereits in einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung dieses Buch als „Verneigung vor einer fantastischen Institution: der Buchhandlung“ bezeichnet wird. Es könnte sogar noch mehr sein als „nur“ die Verneigung vor der Institution Buchhandlung. 

Selbstverständlich ist es auch die Verneigung vor den buch-begeisterten Köpfen, kreativen Initiatoren und kompetenten Buchhändlern, die diese Lese-Orte mit gebührendem Engagement und grosser Leidenschaft geschaffen haben und weiterhin alles dafür tun, sie langfristig anziehend und lebendig zu halten. Doch vergessen wir nicht den Leser, Buchliebhaber und potentiellen Kunden, der genau diese Buchläden regelmässig frequentiert, schätzt, liebt, verehrt und belebt. Und genau diesem Bücherfreund gebührt gleichwohl eine eben so grosse Verneigung, die man in der aktuellen Zeit auf keinem Fall unerwähnt lassen sollte!

„Do You Read Me“ ist ein grandioses „Sammelsurium“ der unterschiedlichsten Buchhandlungen jedoch mit einer grossen Gemeinsamkeit: diese Buchläden geben eine Art „Zuhause“, erfüllen Wünsche und schenken uns – wie bereits Mark Forsyth in seinem Essay erläuterte – eine besondere und unverwechselbare Art des Glücks, nämlich „das große Glück, das zu finden, wonach man gar nicht gesucht hat“!

Friedrich Nietzsche – Gedicht

Vogel – Urtheil

Als ich jüngst, mich zu erquicken,
Unter dunklen Bäumen sass,
Hört’ ich ticken, leise ticken,
Zierlich, wie nach Takt und Maass.
Böse wurd’ ich, zog Gesichter,
Endlich aber gab ich nach,
Bis ich gar, gleich einem Dichter,
Selber mit im Tiktak sprach.

Wie mir so im Versemachen
Silb’ um Silb’ ihr Hopsa sprang,
Musst ich plötzlich lachen, lachen
Eine Viertelstunde lang,
Du ein Dichter? Du sein Dichter?
Stehts mit deinem Kopf so schlecht? —
«Ja, mein Herr! Sie sind ein Dichter!»
— Also sprach der Vogel Specht.

Hermann Hesse – Gedicht

Spätsommer

Noch schenkt der späte Sommer Tag um Tag
Voll süßer Wärme. Über Blumendolden
Schwebt da und dort mit mildem Flügelschlag
ein Schmetterling und funkelt sammetgolden.

Die Abende und Morgen atmen feucht
Von dünnen Nebeln, deren Naß noch lau.
Vom Maulbeerbaum mit plötzlichem Geleucht
Weht gelb und groß ein Blatt ins sanfte Blau.

Eidechse rastet auf besonntem Stein,
Im Blätterschatten Trauben sich verstecken.
Bezaubert scheint die Welt, gebannt zu sein
In Schlaf, in Traum, und warnt dich, sie zu wecken.

So wiegt sich manchmal viele Takte lang
Musik, zu goldener Ewigkeit erstarrt,
Bis sie erwachend sich dem Bann entrang
Zurück zu Werdemut und Gegenwart.

Wir Alten stehen erntend am Spalier
Und wärmen uns die sommerbraunen Hände.
Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,
Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier.

Christian Friedrich Hebbel – Gedicht

Dies ist ein Herbsttag…

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.

Erich Kästner – Gedicht

Der März

Sonne lag krank im Bett.
Sitzt nun am Ofen.
Liest, was gewesen ist.
Liest Katastrophen.

Springflut und Havarie,
Sturm und Lawinen, –
gibt es denn niemals Ruh
drunten bei ihnen.

Schaut den Kalender an.
Steht drauf: „Es werde!“
Greift nach dem Opernglas.
Blickt auf die Erde.

Schnee vom vergangenen Jahr
blieb nicht der gleiche.
Liegt wie ein Bettbezug
klein auf der Bleiche.

Winter macht Inventur.
Will sich verändern.
Schrieb auf ein Angebot
aus andern Ländern.

Mustert im Fortgehn noch
Weiden und Erlen.
Kätzchen blühn silbergrau.
Schimmern wie Perlen.

In Baum und Krume regt
sich’s allenthalben.
Radio meldet schon
Störche und Schwalben.

Schneeglöckchen ahnen nun,
was sie bedeuten.
Wenn Du die Augen schließt,
hörst Du sie läuten.

Theodor Storm – Gedicht

Kritik

Hör mir nicht auf solch Geschwätze,
Liebes Herz, daß wir Poeten
Schon genug der Liebeslieder,
Ja zuviel gedichtet hätten.

Ach, es sind so kläglich wenig,
Denn ich zählte sie im stillen,
Kaum genug, dein Nadelbüchlein
Schicklich damit anzufüllen.

Lieder, die von Liebe reimen,
Kommen Tag für Tage wieder;
Doch wir zwei Verliebte sprechen:
Das sind keine Liebeslieder.

Johann Peter Hebel – Gedicht

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zu Zeiten.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch e wir’s bitten,
ist für Throne und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

War’s nicht so im alten Jahr?
Wird’s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder
und kein Mensch wird’s wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,

jedem auf dem Lebenspfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

Durchgelesen – „KL – Gespräch über die Unsterblichkeit“ v. John von Düffel

Wollen wir nicht alle unsterblich sein, oder es zumindest versuchen ? In der heutigen Zeit könnten aus medizinischer Sicht die Chancen auf eine gewisse körperliche Unsterblichkeit gar nicht so klein sein. Aber ist diese Unsterblichkeit auch wirklich erstrebenswert, sowohl für sich selbst als für die Gesellschaft, in der wir uns bewegen ? Fragen über Fragen, die sich nicht sofort und vielleicht auch nur unter philosophischen Aspekten beantworten lassen. Wäre da nicht ein perfekter Kandidat für diese Fragen bereits vorhanden, der uns sicher weiterhelfen kann. John von Düffel hat diesen Menschen « getroffen » und zeigt uns in seinem neuesten Werk « KL – Gespräch über die Unsterblichkeit » das unglaublich beeindruckende Ergebnis.

John von Düffel, geboren am 20. Oktober 1966 in Göttingen, hat nach seinem Abitur Philosophie, Germanistik und Volkswirtschaftslehre studiert. Nach seiner Promotion arbeitete er als Filmjournalist und Theaterkritiker. Er war und ist Dramaturg an mehrerer deutschen Bühnen und ist derzeit am Deutschen Theater Berlin tätig. Nebenbei ist er Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Romane « Vom Wasser » (1998), « Beste Jahre » (2007) und « Goethe ruft an » (2011). John von Düffel wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet unter anderen mit dem Aspekte-Literaturpreis 1998 und dem Nicolas-Born-Preis 2006.

John v. Düffel begibt sich in seinem aktuellen Werk auf den Weg zu einem ganz besonderen « Interviewpartner » um ein nicht ganz einfaches Thema « Die Unsterblichkeit » erstmals so richtig zu durchleuchten. Wer könnte es nicht anderes sein als KL, den wir – selbst wenn wir mit Mode nicht das geringste zu tun haben oder uns dafür nur rudimentär interessieren –  als eine « unsterbliche » Persönlichkeit wahrnehmen. Gerade erst hatte er seinen angeblich 80. Geburtstag, denn so keiner weiss sein wirkliches Geburtsdatum, aber vielleicht macht genau dies die Unsterblichkeit aus, die KL so perfekt lebt und inszeniert.

Der Ich-Erzähler, das alter Ego von John v. Düffel – nennen wir ihn den Journalisten – wird standesgemäß vom einem Fahrer am Bahnhof in Paris abgeholt und es geht direkt in das Atelier von KL. Es folgt eine sehr lange Wartezeit. Natürlich kommt KL nicht gleich, es ist der Assistent, der zu erst einmal viele Punkte klarstellen muss, bevor das anberaumte Interview überhaupt stattfinden kann. Die Bedingungen sind schwierig, es gibt viele Gebote, wenig journalistische Freiheit, letztendlich kann man eigentlich fast keine Fragen stellen und die Interviewzeit darf dreissig Minuten nicht überschreiten. Der Journalist bereits desillusioniert von den komplizierten Umständen ist mehr als überrascht als KL plötzlich vor ihm steht.

KL gibt sofort klar zu verstehen, dass er grundsätzlich keine Interviews gibt und keine Gespräche mit Menschen führt, die er nicht kennt. Doch KL lässt seine Gedanken sprechen und es sprudelt nur so aus ihm heraus. Es geht über Kultur, Erziehungsfragen, Disziplin und deutsche Mentalität :

« Ich bin ein deutsches Mentalitätsmuseum, ein Vatikan der deutschen Tugenden, die wandelnde deutsche Tugend-Enklave – lachen Sie nicht ! »

Aber das ist nicht alles. Der Journalist versucht ein philosophisches Gespräch mit KL zu führen. Es drängt sich im Hinblick auf so viel Disziplin die Frage nach dem Genie auf. Denn für ein Genie wird KL of gehalten. Aber genau diese Bezeichnung wendet er vehement ab :

« Ich sage Ihnen, ich kenne Kollegen – hochtalentierte, begnadete Künstler ! – , die so mit dem Genialsein beschäftigt sind, dass sie überhaupt keine Zeit mehr haben zu arbeiten. Genie ist ein full-time-job. Mir persönlich ist das zu anstrengend. »

Kurzum, KL ist kein Genie und will auch keines sein und somit ist es kaum verwunderlich, dass er dem Journalisten eindringlich erläutert, wie hart er arbeitet, nicht konsumiert, was aber nichts mit Enthaltsamkeit zu tun hat und er nichts anderes als ein Produzent ist : « Ich bin ein Fließbandarbeiter im Luxussegment. »

Das Gespräch ist nach 27 Minuten und 30 Sekunden beendet und KLs Assistent begleitet den Journalisten wieder aus dem Atelier. Doch es bleibt nicht bei dieser einzigen Begegnung mit KL, davor trifft der Journalist noch ganz zufällig während zweier Zugfahrten BS und HS, zwei Damen – die eine im Show-Business eine mehr als beliebt bekannte Grösse und die andere eine « Politpensionärin » aus Schleswig-Holstein, die im Bezug auf Unsterblichkeit so einige Aspekte beisteuern können und könnten. Doch letztendlich wird das Gesprächs-Finale mit KL – ausgerechnet in Deutschland und nicht in Frankreich – der philosophische Höhepunkt und dadurch werden nicht nur komplexe Fragen in puncto Unsterblichkeit sondern auch weitaus einfachere in Bezug auf die kaum zu bändigende Müdigkeit etc. beantwortet.

Dieses Buch befreit uns so unglaublich charmant vor Überheblichkeit, Unnahbarkeit und lässt die Hüllen der Distanz fallen, ohne jedoch unangenehm aufdringlich zu werden. Wir begegnen durch John v. Düffels KL einen Mann, den wir vielleicht – dank der Regenbogenpresse – glauben zu kennen, der deutscher ist als wir denken, der disziplinierter ist, als wir es uns je vorzustellen wagen und weder eine Ikone noch ein Genie sein möchte. Wie schön, dass von Düffel diese grandiose Kunstfigur KL geschaffen hat, die doch sehr viel mit einem gewissen Modedesigner namens Karl Lagerfeld gemeinsam hat bzw. haben könnte, er es aber nicht ist, oder vielleicht doch?

John v. Düffel kann mit seiner raffinierten Technik des literarisch-kunstvollen Interviews nicht nur tiefgreifende Probleme der profanen Übermüdung, sondern auch die Relevanz der kaum zu überbietenden Selbstvermarktung treffsicher analysieren. Er lässt seine Protagonisten, KL, aber auch die Damen BS – alter Ego vielleicht von Barbara Schöneberger – und HS – Heide Simonis – immer in einer respektvollen und fürsorglichen Umgebung agieren, somit ist dieses Buch keine böse und mit übler Nachrede gespickte Satire. Es ist ein sehr amüsantes, frech bissiges Werk, das die Disziplin und einige andere doch eher deutsche Tugenden gekonnt verpackt und in so manch anderes Licht rückt.

« KL- Gespräch über die Unsterblichkeit » ist ein mutiges Buch, ein Buch zum Lachen, Schmunzeln, aber eben auch zum Nachdenken. Es überrascht mit Begegnungen, gibt interessante und unerwartete Einblicke in eine Gesellschaft, die alles versucht, der Unsterblichkeit mit welchen Mitteln auch immer näher zu kommen !

Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Wolken

Am nächtigen Himmel
Ein Drängen und Dehnen,
Wolkengewimmel
In hastigem Sehnen,

In lautloser Hast
— Von welchem Zug
Gebietend erfasst? —
Gleitet ihr Flug,

Es schwankt gigantisch
Im Mondesglanz
Auf meiner Seele
Ihr Schattentanz,

Wogende Bilder,
Kaum noch begonnen,
Wachsen sie wilder,
Sind sie zerronnen,

Ein loses Schweifen …
Ein Halb-Verstehn …
Ein Flüchtig-Ergreifen …
Ein Weiterwehn …

Ein lautloses Gleiten,
Ledig der Schwere,
Durch aller Weiten
Blauende Leere.