Kategorie: Gedicht

Arthur Rimbaud – Gedicht

Der März Sonne lag krank im Bett. Sitzt nun am Ofen. Liest, was gewesen ist. Liest Katastrophen. Springflut und Havarie, Sturm und Lawinen, – gibt es denn niemals Ruh drunten bei ihnen. Schaut den Kalender an. Steht drauf: “ Es werde!“ Greift nach dem Opernglas. Blickt auf die Erde. Schnee vom vergangenen Jahr blieb nicht…

Peter Rühmkorf – Gedicht

Drei Variationen über das Zeitgedicht Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht, ist schon ein Tutmirleidgedicht, mit Kunst geschliffen und gefeilt, entgeht ihm, wie die Zeit enteilt, ojeh! Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht, so schnell wie Zeitung kann es nicht, weil wo es sich mit Sinn verfaßt, ist prompt der Drucktermin verpaßt, oweh! Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht, hat nur…

Thomas Bernhard – Gedicht

Mein Weltenstück Vieltausendmal derselbe Blick Durchs Fenster in mein Weltenstück. Ein Apfelbaum im blassen Grün, Und drüber tausendfaches Blühn, So an den Himmel angelehnt, Ein Wolkenband, weit ausgedehnt … Der Kinder Nachmittagsgeschrei, Als ob die Welt nur Kindheit sei; Ein Wagen fährt, ein Alter steht Und wartet bis sein Tag vergeht. Leicht aus dem Schornstein…

Robert Walser – Gedicht

Der Schnee Der Schnee fällt nicht hinauf sondern nimmt seinen Lauf hinab und bleibt hier liegen, noch nie ist er gestiegen. Er ist in jeder Weise in seinem Wesen leise, von Lautheit nicht die kleinste Spur. Glichest doch du ihm nur. Das Ruhen und das Warten sind seiner üb’raus zarten Eigenheit eigen, er lebt im…

Henrik Ibsen – Gedicht

Baupläne Ich weiß noch wie heut, ob auch Jahr um Jahr schwand, Den Abend, da mein Erstling im Blatt gedruckt stand. Da saß ich auf meiner Kammer, den Knaster in Glut, Und paffte und träumte in seligem Hoffemut. »Ein Wolkenschloß bau‘ ich, voll Sonnenschein, Ein Schloß mit zwei Flügeln, von Himmelssturm umweht; In dem großen, da hause…

Joachim Ringelnatz – Gedicht

Silvester Daß bald das neue Jahr beginnt, Spür ich nicht im geringsten. Ich merke nur: Die Zeit verrinnt Genauso wie zu Pfingsten, Genau wie jährlich tausendmal. Doch Volk will Griff und Daten. Ich höre Rührung, Suff, Skandal, Ich speise Hasenbraten. Mit Cumberland, und vis-à-vis Sitzt von den Krankenschwestern Die sinnlichste. Ich kenne sie Gut, wenn…

Johann Wolfgang Goethe – Gedicht

Der Tod der Tanne Knecht Ruprecht peitscht im Winterwalde die Försterbuben wie ein Hirt, und manche Tanne ahnt, wie balde sie rüde abgeschlagen wird. Noch hofft sie. Sie lauscht bang hinaus. Doch dann – zu spät! Gleich ist es aus! Dort schreit die Säge, und die Axt ertönt! „Erbarm dich, Förster!“ Doch der Förster höhnt:…

Durchgelesen – „Merry Fishmas“ v. Arezu Weitholz

Haben Sie schon Ihr Weihnachtsmenü zusammengestellt? Falls nicht, sollten Sie auf keinen Fall den Fischgang vergessen! Nachdem Arezu Weitholz uns bereits mit ihrem ersten Band „Mein lieber Fisch“ das Leben und Leiden von Fischen auf witzige Weise erklärt hat, erscheint nun passend zum Weihnachtsfest ein zweiter Gedichtband mit 44 Fischgedichten. Doch die Gedichte sind nicht nur…

Erich Kästner – Gedicht

Wintersport Wohin man sieht, sieht man Hotels. Und ringsherum liegt Schnee. Die Tannen tragen weissen Pelz, Die Damen Seal und Feh. Die Leute fahren Bob und Ski am Hange hinterm Haus. Ja, und von weitem sehen sie wie Sommersprossen aus. Das Publikum ist möglichst laut. Was tut das der Natur? sie wurde nicht für es…

Christian Morgenstern – Gedicht

Der Werwolf Ein Werwolf eines Nachts entwich von Weib und Kind, und sich begab an eines Dorfschullehrers Grab und bat ihn: Bitte, beuge mich! Der Dorfschulmeister stieg hinauf auf seines Blechschilds Messingknauf und sprach zum Wolf, der seine Pfoten geduldig kreuzte vor dem Toten: „Der Werwolf“, – sprach der gute Mann, „des Weswolfs“- Genitiv sodann,…

H.C. Artmann – Gedicht

Wenn die herbstesnebel …. Wenn die herbstesnebel wallen wie ein kleid aus fahler seide, bäckt die hamstrin ihr getreide, humphrey hamster zum gefallen. oh, auch hamster lieben kipfel, trinken tee aus zarten schalen, rechnen kopf mit hohen zahlen, schütteln ihre Mützenzipfel. sparsamkeit, du hehre tugend, bist dem hausmann goldner orden, so im süden, so im…

Joachim Ringelnatz – Gedicht

Der Bücherfreund Ob ich Biblio- was bin? Phile? »Freund von Büchern« meinen Sie? Na, und ob ich das bin! Ha! und wie! Mir sind Bücher, was den andern Leuten Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel, Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten. Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel? Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.…

Rose Ausländer – Gedicht

Herbstlicher Ausschnitt Eine schräge Strahlengarbe schoss vom Himmel wie ein Pfeil, zeichnete mit goldner Farbe auf die Erde neues Heil, sprang im Jubel auf die Dächer, dass sie wogten wie ein See, schwang liebkosend einen Fächer über Dunkelheit und Weh. Sieh, der Himmel scheint gespalten: Dort ein düstrer Wolkenstrom geisterhafter Nachtgestalten; hier: ein stolzer Sonnendom.…

Wolfgang Borchert – Gedicht

Regen Der Regen geht als eine alte Frau mit stiller Trauer durch das Land. Ihr Haar ist feucht, ihr Mantel grau, und manchmal hebt sie ihre Hand und klopft verzagt an Fensterscheiben, wo die Gardinen heimlich flüstern. Das Mädchen muss im Hause bleiben und ist doch grade heut so lebenslüstern! Da packt der Wind die…

Max Dauthendey – Gedicht

Jetzt ist es Herbst Jetzt ist es Herbst, Die Welt ward weit, Die Berge öffnen ihre Arme Und reichen Dir Unendlichkeit. Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub, Die Bäume sehen in den Staub, Sie lauschen auf den Schritt der Zeit. Jetzt ist es Herbst, das Herz ward weit. Das Herz, das viel gewandert…

Karl Henckell – Gedicht

Seinestimmung in Paris Es schwanken im Flusse die roten Lichter von kreuzenden Booten, Die zitternde Spiralen In tiefschwarze Wasser malen, Mit glimmenden Spuren die Ufer verbinden, Von Brücke zu Brücke hinhuschen und schwinden. Durch hundert Brücken und Bogen Geheimnisschauernd geflogen, Wo die Laute rauschend verschwimmen Und von wirrphantastischen Stimmen Hohldunkle Wölbungen wiederhallen Wie von Opfern,…

Ludwig Uhland – Gedicht

Der Sommerfaden Da fliegt, als wir im Felde gehen, Ein Sommerfaden übers Land, Ein leicht und licht Gespinst der Feen, Und knüpft von mir zu ihr ein Band. Ich nehm‘ ihn für ein günstig Zeichen, Ein Zeichen, wie die Lieb‘ es braucht. O Hoffnungen der Hoffnungsreichen, Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!

Bertolt Brecht – Gedicht

Vom Schwimmen in Seen und Flüssen Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben Nur in dem Laub der großen Bäume sausen, Muß man in Flüssen liegen oder Teichen Wie die Gewächse, worin Hechte hausen. Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt, Wiegt ihn der kleine…

Joachim Ringelnatz – Gedicht

Morgenwonne Ich bin so knallvergnügt erwacht. Ich klatsche meine Hüften. Das Wasser lockt. Die Seife lacht. Es dürstet mich nach Lüften. Ein schmuckes Laken macht einen Knicks Und gratuliert mir zum Baden. Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs Betiteln mich „Euer Gnaden“. Aus meiner tiefsten Seele zieht Mit Nasenflügelbeben Ein ungeheurer Appetit Nach Frühstück und…

Clemens Brentano – Gedicht

„Du verstecktes“ Du verstecktes Zugedecktes Eingeschnecktes Ausgehecktes Schwarzgelocktes Leichtgesocktes Heiß geminntes Weis gesinntes Leis, geschwindes Spiel des Windes Sehend blindes Fein geschnürtes Bein geziertes Heiß ersehntes Leis versöhntes Gold verwöhntes Hold verschöntes Huld gekröntes Viel geprüftes Nur verbrieftes Und vertieftes Nie verschieftes All geliebtes Mir betrübtes Und geübtes Viel gereistes Mehl gespeistes Seel umkreistes Nie…

Bertolt Brecht – Gedicht

Der Pflaumenbaum Im Hofe steht ein Pflaumenbaum, Der ist so klein, man glaubt es kaum. Er hat ein Gitter drum, So tritt ihn keiner um. Der Kleine kann nicht größer wer’n, Ja – größer wer’n, das möcht‘ er gern! ’s ist keine Red davon: Er hat zu wenig Sonn‘. Dem Pflaumenbaum, man glaubt ihm kaum,…

Durchgelesen – „Mein lieber Fisch“ v. Arezu Weitholz

Sie lieben Fisch, gehen gerne zum Angeln? Nein?! Aber Sie lieben dafür Gedichte, dann ist dieser entzückende Lyrikband mit vierundvierzig Fischgedichten der richtige „Fang“ für Sie! Arezu Weitholz, die Autorin und gleichzeitig noch Illustratorin dieses wunderbaren Büchleins lebt in Berlin. Sie machte eine Ausbildung bei einer Bank und legte eine Zeit lang in Südafrika Platten…

Robert Gernhardt – Gedicht

Verliebter Dichter Freude in der Strasse: Dichter ist verliebt! Ja, wenn das nicht einen Haufen schöne Gedichte ergibt! Jubel in der Strasse: Frau hat ihn verschmäht! Na, wenn da nicht mehr als eine Elegie entsteht! Zweifel in der Strasse: Frau hat ihm gewinkt! Tja, ob das wohl etwas für die Dichtung bringt? Kummer in der…

Ernst Jandl – Gedicht

“ ottos mops “ von Ernst Jandl ottos mops trotzt otto: fort mops fort ottos mops hopst fort otto: soso otto holt koks otto holt obst otto horcht otto: mops mops otto hofft ottos mops klopft otto: komm mops komm ottos mops kommt ottos mops kotzt otto: ogottogott

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Lesende Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag, mit Regen rauschend, an den Fenstern lag. Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr: mein Buch war schwer. Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen, die dunkel werden von Nachdenklichkeit, und um mein Lesen staute sich die Zeit. – Auf einmal sind die Seiten…

Friedrich Schiller – Gedicht

Hoffnung Es reden und träumen die Menschen viel Von bessern künftigen Tagen, Nach einem glücklichen goldenen Ziel Sieht man sie rennen und jagen; Die Welt wird alt und wird wieder jung, Doch der Mensch hofft immer Verbesserung. Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, Sie umflattert den fröhlichen Knaben, Den Jüngling locket ihr Zauberschein, Sie…