Kategorie: Gedicht

Heinrich Heine – Gedicht

Die Liebe begann im Monat März Die Liebe begann im Monat März, Wo mir erkrankte Sinn und Herz. Doch als der Mai, der grüne, kam: Ein Ende all mein Trauern nahm. Es war am Nachmittag um Drei Wohl auf der Moosbank der Einsiedelei, Die hinter der Linde liegt versteckt, Da hab ich ihr mein Herz…

Bertolt Brecht – Gedicht

Die Liebenden Seht jene Kraniche in großem Bogen! Die Wolken, welche ihnen beigegeben Zogen mit ihnen schon als sie entflogen Aus einem Leben in ein anderes Leben. In gleicher Höhe und mit gleicher Eile Scheinen sie alle beide nur daneben. Daß so der Kranich mit der Wolke teile Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen…

Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Besitz Großer Garten liegt erschlossen, Weite schweigende Terrassen: Müßt mich alle Teile kennen, Jeden Teil genießen lassen! Schauen auf vom Blumenboden, Auf zum Himmel durch Gezweige, Längs dem Bach ins Fremde schreiten, Niederwandeln sanfte Neige: Dann erst komme ich zum Weiher, Der in stiller Mitte spiegelt, Mir des Gartens ganze Freude Träumerisch vereint entriegelt. Aber…

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Guter Tag Guter Tag. Da prüft man doch: was bringt er? Und wie langsam liest man seine Schrift. Rascher, reiner, kühner, unbedingter: oh wie uns die Freude übertrifft. Ist uns als Künftigste zuvor, wendet sich und blickt und macht uns schneller, und wir folgen wie die Vogelsteller, und das Herz klingt oben bis ins Ohr.…

Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Weihnacht Weihnachtsgeläute Im nächtigen Wind… Wer weiß wo heute Die Glocken sind, Die Töne von damals sind? Die lebenden Töne Verflogener Jahr` Mit kindischer Schöne Und duftendem Haar, Mit tannenduftigem Haar, Mit Lippen und Locken Von Träumen schwer?… Und wo kommen die Glocken Von heute her, Die wandernden heute her? Die kommenden Tage, Die wehn…

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Tod des Dichters Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war bleich und verweigernd in den steilen Kissen, seitdem die Welt und dieses von-ihr-Wissen, von seinen Sinnen abgerissen, zurückfiel an das teilnahmslose Jahr. Die, so ihn leben sahen, wußten nicht, wie sehr er Eines war mit allem diesen; denn Dieses: diese Tiefen, diese Wiesen und diese…

Ludwig Uhland – Gedicht

Morgenlied Noch ahnt man kaum der Sonne Licht, noch sind die Morgenglocken nicht im finstern Tal erklungen. Wie still des Tales weiter Raum! Die Vögel zwitschern nur im Traum, kein Sang hat sich erschwungen. Ich hab‘ mich längst ins Feld gemacht und habe schon dies Lied erdacht und hab‘ es laut gesungen.

Theodor Storm – Gedicht

Das ist der Herbst Das ist der Herbst; die Blätter fliegen, Durch nackte Zweige fährt der Wind; Es schwankt das Schiff, die Segel schwellen – Leb wohl, du reizend Schifferkind! — Sie schaute mit den klaren Augen Vom Bord des Schiffes unverwandt, Und Grüße einer fremden Sprache Schickte sie wieder und wieder ans Land. Am…

Friedrich Hölderlin – Gedicht

Der Sommer Das Erntefeld erscheint, auf Höhen schimmert Der hellen Wolke Pracht, indes am weiten Himmel In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert, Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel. Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben, Es zeiget sich auf Meeren unverborgen, Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben Ein…

Emily Dickinson – Gedicht

Wenn ich ein Buch lese … Wenn ich ein Buch lese und es macht meinen ganzen Körper so kalt, dass kein Feuer jemals mich wärmen könnte, weiß ich, das ist Dichtung. Wenn ich es physisch spüren kann, dass meine Schädeldecke abgenommen wird, weiß ich, das ist Dichtung. Nur auf diese Art weiß ich es. Gibt…

Hermann Hesse – Gedicht

Regen Lauer Regen, Sommerregen Rauscht von Büschen, rauscht von Bäumen. O wie gut und voller Segen, Einmal wieder satt zu träumen! War so lang im Hellen draussen, Ungewohnt ist mir dies Wogen: In der eignen Seele hausen, Nirgends fremdwärts hingezogen. Nichts begehr ich, nichts verlang ich, Summe leise Kindertöne, Und verwundert heim gelang ich In…

Karl Kraus – Gedicht

Der Reim Der Reim ist nur der Sprache Gunst, nicht nebenher noch eine Kunst. Geboren wird er, wo sein Platz, aus einem Satz mit einem Satz. Er ist kein eigenwillig Ding, das in der Form spazieren ging. Er ist ein Inhalt, ist kein Kleid, das heute eng und morgen weit. Er ist nicht Ornament der…

Pierre de Ronsard – Gedicht

Die Rose Wie man an ihrem Zweig im Monat Mai die Rose In ihrer Jugend sieht, in ihrer ersten Pracht, Wie sie mit ihrer Glut den Himmel neidisch macht, Der morgens sie besprengt, der weinend wolkenlose: Die Anmut ruht sich aus, die Lieb´auf ihrem Blatte, Erfüllend Busch und Baum mit ihren süßen Hauch; Doch martert…

Georg Heym – Gedicht

März Aus der Erde quollen Kräfte, Die in dunkler Enge schliefen, In den Wolken gingen Stürme, Graue Wogen in den Tiefen. Lange Tage fuhren Winde Regenschwer vom nahen Meere, Große Vögel kamen nächtlich Und verschwanden schnell ins Leere. Auf dem halbgeborstnen Eise Schoben sich die schweren Schollen, Oft wir schraken auf aus Träumen Von des…

Heinrich Heine – Gedicht

Winter Die Kälte kann wahrlich brennen Wie Feuer. Die Menschenkinder Im Schneegestöber rennen Und laufen immer geschwinder. Oh, bittre Winterhärte! Die Nasen sind erfroren, Und die Klavierkonzerte Zerreißen uns die Ohren. Weit besser ist es im Summer, Da kann ich im Walde spazieren, Allein mit meinem Kummer, Und Liebeslieder kandieren.

Pablo Neruda – Gedicht

Der Mensch möchte Fisch sein und Vogel, die Schlange hätte gerne Schwingen, der Hund ist ein fehlgeleiteter Löwe, der Ingenieur wäre lieber Dichter; die Fliege übt den Flug der Schwalbe, der Dichter eifert nach der Fliege, nur die Katze will nichts als Katze sein.

Paul Verlaine – Gedicht

Herbstgesang Wie Seufzer lang und herbstesbang Geigenton schlägt mein Herz in dumpfem Schmerz monoton. Ganz atemlos und blich und bloß die Sehnsucht mein beim Stundenschlag weckt fernen Tag und ich wein, und geh hinaus in´s Sturmgebraus das mich hat: Ein immerfort (bald hier, bald dort) totes Blatt.

Ada Christen – Gedicht

In der Kunstausstellung Was drängt sich die bunte Menge Sich gaffend um dies Bild? Es ist ein junges Mädchen Mit Zügen krampfhaft wild. Ihr alten eitlen Gecken Dränget euch nicht so nahe hin, Reizt nicht an den zarten Formen Den abgestumpften Sinn. Seht hinter euch – o sehet! Dort an der dunkelsten Stell‘ Lehnt ohnmächtig…

Marie von Ebner-Eschenbach – Gedicht

Zigarette Gewidmet sei das erste der Sonette, In dem ich völlig mich der Form bemeistert, Der Zauberin, die mich dazu begeistert: Der duftenden Havannazigarette. Nicht mühsam ward zusammen es gekleistert. Es floss, ein Strom im selbstgegrabnen Bette, Indessen ich des Rauches Wolkenkette Gen Himmel blies, vor Wonne halb entgeistert. Mir zaubert, Feine, deines Dufts Narkose Des Traumes Blüte ins…

Charles Baudelaire – Gedicht

Der Albatros Oft kommt es dass das schiffsvolk zum vergnügen Die albatros – die grossen vögel – fängt Die sorglos folgen wenn auf seinen zügen Das schiff sich durch die schlimmen klippen zwängt. Kaum sind sie unten auf des deckes gängen Als sie – die herrn im azur – ungeschickt Die grossen weissen flügel traurig…

Hugo Ball – Gedicht

Der Literat Ich bin der große Gaukler Vauvert. In hundert Flammen lauf ich einher. Ich knie vor den Altären aus Sand, Violette Sterne trägt mein Gewand. Aus meinem Mund geht die Zeit hervor, Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr. Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet, Der hinter den Rädern der Sonne steht. Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete,…

Theodor Fontane – Gedicht

Nur nicht loben Schreibt wer in Deutschland historische Stücke, So steht er auf der Schiller-Brücke. Macht er den Helden zugleich zum Damöte, So heißt es: Egmont, siehe Goethe. Schildert er Juden, ernst oder witzig, Ist es Schmock oder Veitel Itzig. Schildert er einige hübsche Damen, Heißt es: Dumas … Ehebruchsdramen. Jeder Einfall, statt ihn zu loben, Wird…

Alfred de Musset – Gedicht

Was Poesie ist? Erinnrung scheuchen, doch ergreifen den Gedanken, Ihn sanft um goldene Axe brechen ohne Wanken, Unruhig, ungewiss, zugleich doch unbeweglich; Verewigen einen Traum von wenigen Minuten, Aufsuchen zwischen Gut und Schön die Harmonie, Uns aus dem Herzen sich erhorchen sein Genie; Hell singen, lachen, weinen, ziellos, leicht erreglich; Aus bloßem Lächeln, Seufzern, Worten, Blickesgluten Ein…

Annette v. Droste-Hülshoff – Gedicht

Der Frühling ist die schönste Zeit Der Frühling ist die schönste Zeit! Was kann wohl schöner sein? Da grünt und blüht es weit und breit Im goldnen Sonnenschein. Am Berghang schmilzt der letzte Schnee, Das Bächlein rauscht zu Tal, Es grünt die Saat,  es blinkt der See Im Frühlingssonnenstrahl. Die Lerchen singen überall, Die Amsel…

Max Kruse – Gedicht

Hundewelt Die ganze Welt riecht lasterhaft nach Hunden Katzen Schnecken nach Käse Wurst und Leidenschaft an Sträuchern Steinen Ecken Die ganze Welt ist ein Roman der aufgewühlten Seelen Ich hebe auch das Hinterbein um meinen zu erzählen Die ganze Welt ist ein Gericht der schnupperndsten Ekstase An jedem Baum steht ein Gedicht das les‘ ich…