Durchgelesen – „Sarahs Schlüssel“ v. Tatiana de Rosnay

Sarahs Schlüssel“ ist kein historisches Werk. Nein, es ist ein sehr bewegender,unglaublich spannender und wichtiger Roman gegen das Vergessen und für das Erinnern an ein dramatisches historisches Ereignis in Frankreich, bzw. in Paris: die Zusammentreibung der Juden im Vélodrome d’Hiver, kurz genannt Vél d’Hiv, am 16. und 17. Juli 1942.

An diesen beiden Tagen wurden ca. 13000 Juden – darunter mehr als 4000 Kinder – aus Paris und aus den Vororten verhaftet und nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet. Das Pariser Vélodrome d’Hiver (eigentlich ein Radsport-stadion) diente dazu, die zusammengetriebenen und von der Polizei der französischen Vichy-Regierung  – auf Befehl der NS-Besatzung –  verhafteten Juden unter extrem menschenunwürdigen Bedingungen bis zu dieser Deportation festzuhalten.

Der Roman spielt in zwei Erzählebenen, die erste Ebene beginnt im Juli 1942 und die zweite im Mai 2002. Die Hauptfiguren sind Sarah Starzynski, ein jüdisches 10-jähriges Mädchen und Julia Jarmond, eine amerikanische Journalistin, die seit 25 Jahren in Paris lebt und mit einem Pariser verheiratet ist.

Sarah erlebte einen unbeschwerten Sommer mit ihren Eltern Rywka und Wladyslaw und ihrem kleinen Bruder, bis am einem Julitag im Jahr 1942 Polizisten vor ihrer Wohnungstür stehen und sie verhaften wollen. Sie ist vollkommen überrascht und erschrocken, aber trotzdem so besonnen, dass sie ihren kleinen Bruder noch zu retten versucht, in dem sie ihn in einen Wandschrank einsperrt, der als Spielversteck eingesetzt wurde. Sie versorgt ihn noch mit Wasser, tröstet ihn und verspricht ihm, ihn so schnell als möglich hier wieder herauszuholen. Den Schlüssel zu diesem Schrank hält sie ab diesem Zeitpunkt in ihrer Jackentasche fest. Sie wird nach entsetzlichen Tagen im Vel d’Hiv mit ihren Eltern in ein Zwischenlager gebracht, aus dem sie – getrieben von der Sorge um ihren kleinen Bruder und den Wunsch ihn aus dem Schrank zu befreien – jedoch fliehen kann. Sie findet Unterschlupf in der Nähe von Orléans in einem Bauernhof, deren Besitzer – ein älteres Ehepaar –  mehr als mutig und entschlossen sind, Sarah zu helfen. Unter höchstem Risiko gelingt es ihnen mit Sarah nach Paris zu fahren und ihre ehemalige Wohnung aufzusuchen, um endlich ihren Bruder in die Arme schliessen zu können. Doch inzwischen wohnt in diesem Appartement eine andere nicht jüdische französische Familie. Sarah ist erstaunt, stürmt durch die Wohnung, den Schlüssel immer noch fest in der Hand, öffnet den Schrank und findet ihren Bruder – verdurstet. Diese Situation ist sowohl für Sarah, als auch für die dort wohnende Familie, eine entsetzliche Tragödie. Und sie wird es immer bleiben…

Julia Jarmond, amerikanische Journalistin, verheiratet mit dem eher sehr egozentrischen und schwierigen Betrand Tézac, lebt seit 25 Jahren in Paris. Ihre Ehe ist auch nicht ganz unbelastet, noch dazu möchte ihr Mann unbedingt in die Wohnung seiner Grossmutter – genannt Mamé – einziehen, die sich im Marais-Viertel – dem jüdischen Zentrum in Paris – befindet. Sie ist davon nicht sehr überzeugt, obwohl sie Mamé als einziges Mitglied der Schwiegerfamilie sehr mag. Denn sie fühlt  sich immer noch nicht richtig zugehörig und bleibt auch für die Familie ihres Mannes immer die „L’Américaine“. Sie arbeitet bei einer kleinen Zeitung, die hauptsächlich von in Paris lebenden Amerikaner gelesen wird. Anlässlich des 60. Jahrestages des Vélodrome d’Hiver bekommt sie einen Auftrag, darüber einen Artikel zu schreiben. Bei den Recherchen entdeckt sie, dass diese Wohnung im Marais-Viertel, genau die Wohnung war, in der Sarah, ihr kleiner Bruder und ihre Eltern gelebt haben. Und diese Tragödie wurde während ihrer Ehe mit Betrand nicht ein einziges Mal angesprochen. Julia spürt diesem Familiengeheimnis immer mehr nach. Sie stösst auf Erkenntnisse, die ihr Leben zwar komplett aus dem Gleichgewicht bringen. Doch sie sorgt dafür, dass diese Erlebnisse zum ersten Mal ausgesprochen werden und diese Tragödie auf gar keinen Fall in Vergessenheit gerät….

Das Buch ist absolut kein Thriller, aber es hat seine Sogkraft!. Tatiana de Rosnay kann durch die parallel verlaufenden Zeitebenen – welche am Ende zusammenfinden –  eine unglaublich intensive Spannung erzeugen, dass es für den Leser fast unmöglich wird, das Buch aus der Hand zu nehmen. Ihre Sprache ist ungekünstelt, direkt und sehr klar. „Sarahs Schlüssel“ ist so berührend und erschreckend, dass man sich nicht wundern muss, wenn beim Lesen einem ganz unbewusst die Augen feucht werden und sich teilweise ein beklemmendes Gefühl einstellt. Dieser Roman wirkt nicht nur sehr lange nach, sondern fordert dazu auf, sich bewusst zu erinnern und niemals zu vergessen!

Durchgelesen – „Und morgen bin ich dran“ v. Laurent Quintreau

Und Morgen bin ich dran – Das Meeting ist ein origineller französischer Roman, der den Leser in die Welt der Manager eintauchen lässt.

Es geht um ein Meeting um 11.00 Uhr mit 11 Manager und Managerinnen eines internationalen Unternehmens. Rorty ist der Vorstandsvorsitzende, er präsentiert wie immmer Zahlen, es geht um Umstrukturierungspläne, Einsparungs-massnahmen etc. Doch seine Manager konzentrieren sich nicht auf das Meeting, sondern schweifen nur zu gern mit ihren Gedanken ab:

„…wenn es nur schon Abend wäre, da seh ich meine kleine Apothekerin wieder, diese Dominique Meyer, ist aber auch sehr sexy, ein bisschen schwermütig vielleicht, aber sehr sexy, definitiv eher sexy als schwermütig, okay krieg dich wieder ein, sonst merkt die noch was, konzentrier dich auf dieses verdammte Meeting….“

Mit Hilfe von 11 inneren Monologen gewährt der Autor Einblicke in das Seelenleben seiner Manager. Der Eine beruhigt sich mit Tranquilizern, der Andere erzählt von seinen Krankheiten, der Nächste wird von Mordgelüsten geplagt oder denkt an sexy Frauen usw. Obwohl die Fantasien so verschieden sind, eins habe alle gemeinsam: Hoffnung auf Karriere und Angst vor Entlassung.

Dieses Buch fühlt sich an wie das Psychogramm einer Krisensitzung. Die Monologe der einzelnen Manager sind als Kreise eingeteilt, die innerhalb dieses Kreis-Kapitels vollkommen ohne Punkt auskommen und zum Schluss immer mit …. enden! Dadurch wird der Leser vollkommen unfreiwillig in einen unglaublich starken Sog gezogen. Die Lesegeschwin-digkeit erhöht sich während der einzelnen Kreis-Kapitel von Zeile zu Zeile immer mehr!

Der Roman ist ein sehr bissiges und amüsantes literarisches Werk über Hierarchiekämpfe und Neurosen. Absolut empfehlenswert, das auch die französische Tageszeitung „Le Monde“ bestätigte: „Das Buch ist erschreckend komisch und zutiefst tragisch. Quintreaus Blick ist so scharf, die Details sind so stimmig und die einzelnen Stimmen so wahrhaftig, dass man beim Lesen lachen muss, aber ziemlich beunruhigt.“

Durchgelesen – „Sommerwogen – Eine Liebe in Briefen“ v. Mark Twain

„Sommerwogen“ ist nicht nur eine Liebesgeschichte in Briefen, sondern ein autobiographisches Vermächtnis, das zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen ist. Der Leser erhält einen aussergewöhnlichen Einblick in das Privatleben von Mark Twain.

Samuel Langhorne Clemens hat in seiner Jugend bereits kleine Reportagen und Anekdoten geschrieben. Nach seiner Druckerlehre verdiente er sich sein Geld mit vielen kleinen Jobs, unter anderem auch als Lotse auf dem Mississipi. Mit einem Leitartikel hatte er dann endlich als Journalist seinen Durchbruch und wurde unter seinem Pseudonym „Mark Twain“ bekannt.

Mit 32 Jahren verliebte er sich zum aller ersten und einzigen Mal in seinem Leben. Immer Sommer 1867 auf der Fahrt mit einem Schaufelraddampfer lernte er den Mitreisenden Charles Langdon kennen, der das Bild seiner Schwester Olivia bei sich hatte. Ab diesem Moment war es um Twain geschehen. Er traf sie zum ersten Mal im Winter des gleichen Jahres in New York. Danach folgten noch zwei weitere Treffen. Und im August 1868 verbrachte er einige Tage im Haus der Eltern von Charles und Olivia Langdon.

Olivia war eine schöne, zarte, mädchenhafte und sehr gebildete junge Frau. Äusserlich wirkte sie auf Twain immer sehr zerbrechlich, doch ihr Inneres war von einer besonderen Stärke. Sie verströmte Mut, Tatkraft, Offenheit und Ehrlichkeit. Sie hatte einen Collegeabschluss und war sehr belesen. Mark Twain dagegen war eher ein rauher Bursche, er fluchte gerne und er liebte Zigarren und Alkohol. Jedoch war er so verliebt in Olivia trotz ihrer Diszipliniertheit und Vernunft. Stürmisch wie er war, hatte er bei seinem Aufenthalt bei Olivias Eltern im Sommer 1868 gleich nach vier Tagen um ihre Hand angehalten. Dieser Heiratsantrag wurde natürlich abgelehnt, doch Olivia wies ihn trotzdem nicht gänzlich zurück, sondern gestattete ihm, weiter Briefe zu schreiben, allerdings unter der Anrede „Schwester“:

„Meine verehrte Schwester, Du bist so gut & so schön, & ich bin so stolz auf Dich! Gib mir ein kleines Zimmer in Deinem grossen Herzen, nur das kleine, das Du mir versprochen hast, & wenn ich mich seiner nicht würdig erweisen sollte, will ich für immer ein heimatloser Vagabund bleiben, der ich bin!“

Mark Twain durfte sich dann endlich im Februar 1869 mit seiner geliebten Olivia verloben, nach dem er seinen Schwiegervater davor noch mit Referenzen überzeugen und sich eine feste Anstellung suchen musste. Ein Jahr später heirateten sie im Hause der Familie Langdon. Die erste Zeit danach war wunderbar für die Beiden. Doch dann wurden sie mit vielen Schicksalsschlägen konfrontiert. Olivias Vater starb, sie bekam ihr erstes Kind (Sohn) und erkrankte danach schwer an Typhus. Olivia wurde ein zweites Mal schwanger und sie gebar eine kleine Tochter.  Kurz darauf starb der Sohn im Alter von fast 2 Jahren an Diphterie. Olivia war  verzweifelt und geschwächt und Mark Twain war oft wegen seiner Vortragsreisen unterwegs. Doch ihre gemeinsame Liebe gab ihnen Kraft und Zuversicht. Twain liebte  seine Frau sehr, was er in jedem seiner Briefe an Olivia (Livy) deutlich zeigte und schrieb:

„Mein lieber kleiner Schatz, meine unvergleichliche Frau, ich sehne  mich wie verrückt nach Dir. Du weisst ja gar nicht, wie sehr ich Dich liebe. Du wirst es nie wissen. Weil immer Du das Schwärmen übernimmst, wenn wir zusammen sind, & es keinen Zweck hat, wenn wir es beide tun – ein Schwärmer nimmt für gewöhnlich dem anderen das Wort aus dem Mund. Aber jetzt liegt ein Ozean zwischen uns, & ich muss schwärmen. Ich bete Dich einfach an, liebe Livy.“

Im Sommer 1878 reisten Mark Twain und Olivia gemeinsam nach Europa. Aufenthalte in Italien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz standen auf dem Programm. Twain suchte Ruhe, Abgeschiedenheit, und einen Ort, wo ihn niemand kannte und keiner Englisch sprach, um arbeiten bzw. ungestört schreiben zu können. In dieser Zeit entstand unter anderem sein berühmter Essay „Die schreckliche deutsche Sprache“. Er schrieb Briefe an seine Familie, an Livy, wenn er sich mal wieder an einem anderen Ort befand, als sie.

„Sommerwogen“ ist ein Lesegenuss! Fast 30 Jahre lang schrieb Mark Twain Briefe an seine geliebte Frau. Dies ist eine feine  Auswahl seiner umfassenden Korrespondenz. Leider gibt es nur wenige Antworten von Olivia in diesem Buch, da die meisten ihrer Briefe verlorengegangen sind.  Dieses Werk enthält darüberhinaus auch noch einige Briefe an seine Kinder, die Eltern und Freunde. Selten hat man so etwas Geistreiches, Entzückendes und Liebevolles gelesen. Mark Twain ist dem Leser manchmal nur durch Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt.  Doch spätestens durch „Sommerwogen“ kann der Leser eine ganz neue Seite an Mark Twain entdecken. Seine Briefe sind zauberhaft, manchmal kitschig, witzig, humorvoll und immer sehr authentisch. „Sommerwogen“ ist mehr als eine sprachlich brillant geschriebene Autobiographie in Briefen, es ist pures Leben!

Durchgeblättert – „Für Bücherfreunde“ v. Jean-Jacques Sempé

Jean-Jacques Sempé, geboren 1932,  ist ein begnadeter Zeichner. Bereits mit 19 Jahren erhält der den Prix Carrizey, einen Föderpreis für Nachwuchszeichner. Und somit war für ihn klar, welchen Beruf er in Zukunf ausüben würde, obwohl seine Traumberufe immer Jazzmusiker, Dirigent oder Fussballspieler waren. 1969 begannen seine ersten Erfolge als Karikaturist in den Zeitschriften Paris Match, Marie Claire und L’Express. Doch der absolute Höhepunkt in seiner Karriere war, als ab 1978 exklusiv für den New Yorker 50 Cover gestaltete und viele Karikaturen zeichnete. Berühmt wurde er vor allem auch in Deutschland als Illustrator der Geschichten des „Kleinen Nick“!

„Für Bücherfreunde“ ist eine Sammlung seiner besten Zeichnungen, welche sich nur mit der Spezies Buchliebhaber, Buchhändler, Verleger, Schriftsteller und Leser beschäftigen. Das Leben rund um das Buch bietet eine Fülle von kuriosen Begebenheiten und Anekdoten, die Sempé zeichnerisch auf entzückende und sehr witzige Weise einfängt. Mit einer Mischung aus Humor und Melancholie und einem Hauch Hintergründigkeit setzt sich Sempé gesellschaflich mit der Welt der Bücher auseinander. Teilweise entlockt er dem Leser ein Schmunzeln mit seinem feinsinnigen philosophischen Gespür!“ Doch machmal kann man auch herzhaft beim Betrachten dieser satirischen Cartoons lachen, die dem Leser des öfteren den Spiegel vorhalten.

Sémpé gehört zu den grössten Cartoonisten und Karikaturisten unserer Zeit, da es ihm immer wieder gelingt, banale Situationen aus dem Bücheralltag, mit einem Augenzwinkern in besondere Momentaufnahmen umzuwandeln. „Für Bücherfreunde“ ist eine wunderbare Hommage an das Medium Buch. Ein Augengenuss für alle Menschen die Bücher lieben und mit ihnen arbeiten und vor allem nicht ohne Bücher leben können.

Durchgelesen – „Mein lieber Fisch“ v. Arezu Weitholz

Sie lieben Fisch, gehen gerne zum Angeln? Nein?! Aber Sie lieben dafür Gedichte, dann ist dieser entzückende Lyrikband mit vierundvierzig Fischgedichten der richtige „Fang“ für Sie!

Arezu Weitholz, die Autorin und gleichzeitig noch Illustratorin dieses wunderbaren Büchleins lebt in Berlin. Sie machte eine Ausbildung bei einer Bank und legte eine Zeit lang in Südafrika Platten auf. Inzwischen arbeitet sie Journalistin unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und schreibt für namhafte Rockgrössen die Songtexte.

Und sie hat eine unglaubliche Begabung aus „Fischen“ besondere Lebewesen zu machen. Der Leser taucht in eine Wasserwelt, die weder langweilig, öde, blass und einfallslos ist. Im Gegenteil voller Witz, Humor und Bissigkeit. Da wird selbst der absolute Fischverächter schwach und stürzt sich in die Fluten. Arezu Weitholz führt uns ein in ihre Fisch-Welt mit dem Gedicht:

Der Aalphabet“

„Es war einmal ein Fisch im Meer
der liebte die Buchstaben sehr.
Er zählte sie von früh bis spät
man nannt ihn auch den Aalphabet.

Doch eines Tages fehlte ihm
das grosse F, und das war schlimm
denn nun gabs grosse Ische
und sonst nur kleine fische.

Er sucht im ganzen Ozean
von oben bis nach unten.
Das grosse F war irgendwann
ganz vollständig verschwunden.

Der Aalphabet, er war nicht blöd
er tat, als wärs normal.
Und seitdem ist der grösste Isch
kein Isch mehr, sondern Wal.“

(genehmigter Abdruck, Quelle: „Mein lieber Fisch“, Vierundvierzig Fischgedichte von Arezu Weitholz, Weissbooks Verlag)

Fische in allen Variationen, in allen Grössen, tot oder lebendig. Man wünscht sich ein Aquarium, einen Fluss oder einen See, um den „Gedanken“ der Fische nachzuspüren. Selbst von ganz menschlichen Problemen, wie einer Grippewelle, werden die Weitholz’schen Fische nicht verschont:

„Die Grippewelle“

„Erst, da keuchten die Sardellen
und bald hustete der Hecht.
Böse röcheln die Forellen
und den Heringen ist schlecht.

Kopfweh, Fieber bei den Fischen
keiner mehr verlässt sein Haus.
Denn den Wal darfs nicht erwischen
wenn der niest, ist alles aus.“

(genehmigter Abdruck, Quelle: „Mein lieber Fisch“, Vierundvierzig Fischgedichte von Arezu Weitholz, Weissbooks Verlag)

Was für ein Vergnügen, diese Gedichte nach ringelnatzscher Manier zu lesen! Seien Sie mutig, wagen Sie ein literarisches Fisch-Menü. Sie werden es nicht bereuen, denn es ist absolut grätenfrei und äusserst schmackhaft!

Durchgelesen – „Vom Sumo, der nicht dick werden konnte“ v. Eric-Emmanuel Schmitt

Dies ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Entwicklung, die sich mit einer Gewichtszunahme im klassischen aber auch im übertragenen Sinne beschäftigt. „Vom Sumo, der nicht dick werden konnte“ ist eine Erzählung, die den Leser auf eine Wandlungs-Reise mitnimmt und gleichzeitig neue innere und äussere Welten eröffnet.

Die Handlung spielt in Tokio. Jun ist ein 15 jähriger obdachloser Junge, der sich sein Leben verdient, in dem er sich als fliegender Strassenhändler durchschlägt. Er ist von zu Hause abgehauen,  weil sein Vater sich das Leben genommen hat, und seine Mutter sich um alle anderen Menschen kümmert, nur nicht um ihn. Eines Tages trifft er einen älteren Herrn, der ihm zuruft: „Ich sehe schon, wie gross und stark du mal wirst.“

Für Jun war dieser Satz ein Schreck! Einfach unvorstellbar, da er mehr als dünn und hager ist:

„Unglaublich! Von vorn sah ich aus wie ein am Streichholz gedörrter Herring, von der Seite … von der Seite konnte man mich gar nicht sehen, ich war nicht drei-, sondern nur zweidimensional, wie eine Zeichnung, mir fehlte jedes Relief.“

Doch dieser alte Mann, Shomintso, war überzeugt, dass Jun sich in einen stattlichen Sumoringer verwandeln kann und schenkt ihm eine Eintrittskarte für einen Sumowettkampf. Doch Sumo ist für ihn ein echter Horror, das Schlimmste, was es für ihn in Tokio gibt:

„Wenn ich eins genau wusste, dann dass ich mir nie im Leben einen Sumokampf ansehen würde. Das war der Inbegriff dessen, was ich an Japan hasste, der Gipfel der Geschmacksverirrung, der Fudschijama des Horrors. «Zweihundert Kilo schwere Speckberge mit Dutt, fast nackt, mit einem Seidenstring im Arsch, die sich in einem Kreis herumschubsen, nein danke! »“

Das Schicksal spielt Jun jedoch nicht gut mit, denn er verliert auch noch seinen letzten Job als Strassenverkäufer. Somit entschliesst er sich das Zentrum von Meister Shomintso zu besuchen, um sich den Sumowettkampf anzusehen. Er lernt zu meditieren, beschäftigt sich mit dem Zen-Buddhismus und spürt langsam aber sicher, seinen Ekel gegenüber den dicken Sumoringern und dem Sumo-Sport im Allgemeinen zu verlieren. Er vertraut sich immer mehr dem alten Shomintso an und folgt seinen Ratschlägen. Jun lernt, dass das Fett und das Gewicht nicht unbedingt etwas Negatives ist, sondern auch etwas Positives sein kann. Letztendlich entschliesst sich Jun, in die Schule von Meister Shomintso einzutreten, um Sumoringer zu werden. Doch er hat ein sehr grosses Problem, er nimmt nicht zu, obwohl er soviel isst wie noch nie zuvor. Jun ist innerlich so blockiert durch seine Erlebnisse und durch die Beziehung zu seinen Eltern. Sein starker Wille jedoch setzt sich durch. Er nimmt immer mehr an Gewicht zu, verliert immer weniger Kämpfe und spürt zum ersten Mal, dass er in seinem neuen Leben angekommen ist:

„Der Grosse und Starke in mir, hier ist er. Der Grosse und Starke, das ist nicht der Sieger über die anderen, sondern der Sieger über mich selbst.“

Dieses kleine Werk von Eric-Emmanuel Schmitt spricht sicherlich besonders Menschen an, die auf der Suche nach dem Wesentlichen sind. Mit treffenden Dialogen und charmanten Hinweisen wird der Leser angeregt, nicht seinen negativen Gedanken, sondern seinem Willen zu folgen. Die Erzählung ist zwar kurz und schmal in ihrer äusseren Form, doch dafür um so stärker und intensiver in ihrem Inhalt. Beim Aufsaugen dieser wunderbaren Zeilen, nimmt der Leser Seite für Seite auch an Gewicht zu, besonders an Lebensfreude-Gewicht !

Durchgelesen – „Das Labyrinth der Wörter“ v. Marie-Sabine Roger

Glücklicherweise werden immer wieder kleine Schätze aus der französischen Literatur entdeckt und ins Deutsche übersetzt. In diesem Fall handelt es sich um den entzückenden Roman „Das Labyrinth der Wörter“ im Original „La tête en friche“ von Marie-Sabine Roger. Das Buch erschien bereits 2008 in Frankreich, erhielt 2009 den Prix Inter und ist nun endlich in Deutschland erschienen.

Es gibt zwei zentrale Personen in diesem Roman: den Ich-Erzähler, Germain und Margueritte, eine alte Dame.

Germain hatte eine schwere Kindheit, er war kein Wunschkind, im Gegenteil er wurde in der Nacht des 14. Juli unbeabsichtigt gezeugt. Seine Mutter liess ihn immer spüren, dass er nichts kann und nichts wert ist. Inzwischen ist Germain 45 Jahre und wohnt in einem Wohnwagen im Garten des Hauses seiner Mutter. Sie ist total verwirrt, reisst sein mit Liebe angepflanztes Gemüse willkürlich heraus oder tanzt bis tief in die Nacht zu spanischer Musik. Germain hat keinen Schulabschluss, somit verdient er sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs. Er ist total ungebildet, zwar kein echter Analphabet, doch hat er sehr grosse Probleme mit dem Verstehen von Wörtern. Germain hat jedoch das Herz am richtigen Fleck, er ist ein Schrank von Mensch bei einer Grösse von fast 1,90m und einem Gewicht von 110 kg. Er liebt seine Katze und schnitzt gerne Tiere aus Holz.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie kompliziert das Lesen ist, wenn man nicht gebildet ist, so wie ich. Man liest ein Wort, gut, man versteht es, das nächste auch, und mit ein bisschen Glück sogar das dritte. Man geht weiter, immer der Fingerspitze nach, acht, neun, zehn, zwölf, bis zum Punkt. Aber wenn man da angekommen ist, ist man keinen Schritt weiter! Man versucht zwar, alles zusammenzufügen, aber es ist nichts zu machen: Die Wörter bleiben so durcheinander wie eine Handvoll Schrauben und Muttern in einer Blechdose.“

Germain lernt im Park auf einer Bank Margueritte kennen. Sie zählt wie er immer die Tauben. 26 Stück sind es, und Germain hat ihnen allen einen Namen gegeben, unter anderem einer Taube den Namen Margueritte. Die alte Dame ist entzückt und freundet sich ganz vorsichtig mit Germain an. Sie ist zierlich, zart, voller Charme und Freundlichkeit. Und sie ist sehr gebildet, hat Biologie studiert und ihren Doktor gemacht. Margueritte lebt in einem Altersheim und sie liest für ihr Leben gerne. Aber am aller Liebsten liest sie gerne laut und besonders dann, wenn sie einen guten Zuhörer findet. Nach dem dritten Treffen mit Germain auf der Parkbank liest sie ihm ein Zitat vor, das aus dem Buch „Die Pest“ von Albert Camus stammt. Germain ist zuerst verunsichert, gibt ihr zu verstehen, dass Lesen gar nicht so sein Ding ist. Doch Margueritte macht ihn neugierig und sie beginnt mit ihrer angenehmen und ruhigen Stimme vorzulesen.

Germain entdeckt durch Margueritte eine neue Welt, die Welt der Literatur und er hat mit ihr eine grosse Hilfe gefunden, endlich aus dem „Labyrinth der Wörter“ herauszukommen. Germain spürt zum ersten Mal Zuneigung und Vertrauen, als hätte er eine Grossmutter gefunden.

Leider kann Margueritte nicht mehr lange vorlesen, da sie eine unheilbare Augenkrankheit hat. Es berührt Germain so, dass er sich etwas einfallen lässt:

“ «Ich habe eine Überraschung für Sie!» «Ach ja?» Und sie hat hinzugefügt: «Ich liebe Überraschungen.» «Sie sind mir ja wirklich eine echte Frau…» Sie hat gelacht. «Ach, sagen wir mal, ein Relikt davon.» Sie hat es mir erklärt. Da habe ich auch gelacht.“

Doch mehr sollte man hier nicht verraten! Eine rührende Lebensgeschichte, auf keinen Fall seicht, voller Poesie und Anmut, mit einem Hauch von Witz und sehr viel Menschlichkeit! Und eine wunderbare Vorlage für eine Literatur-verfilmung, die es seit Anfang Juni in Frankreich gibt. Der Film „La tête en friche“ nach dem französischen Original gedreht mit einer Besetzung, die man sich nicht besser wünschen könnte. Gérard Depardieu als Germain und Gisèle Casadesus (feiert in den nächsten Tagen ihren 96. Geburtstag) als Margueritte. Ein echtes Traumpaar! Ein wunderschöner, tiefsinnger und feiner Film. Da darf man sich als Leser dieses warmherzigen Romans sehr auf die Filmpremiere in Deutschland freuen!

Durchgelesen – „Airport“ v. Alain de Botton

„Airport – Eine Woche in Heathrow“ ist kein Roman, sondern eine philosophisch literarische Auftragsarbeit, die Alain de Botton von einer Firma, die Flughäfen besitzt, angeboten bekam. Selten, dass sich Flughafenbetreiber für Literatur interessieren, doch in diesem Fall traf es zu. Die Firma lud einen Schriftsteller zu einer Woche Aufenthalt im neu gebauten Terminal 5 ein. Und somit wurde Alain de Botton – Philosoph und Schriftsteller –  der erste „Heathrows Writer-in-Residence“. Gemeinsam mit dem berühmten Fotografen Richard Baker hatte Botton nun freien Zugang zum gesamten Bereich des Terminal 5, zu den Shops, zu den Lounges und vor allem auch zu den Bereichen hinter den Sicherheits-absperrungen. Einquartiert im Flughafenhotel für sieben Tage nahm dieses Abenteuer nun seinen Lauf.

Alain de Botton beobachtet wohlwollend die Vorgänge auf dem Terminal. Mit Charme und Leichtigkeit beschreibt er die alltäglichsten Gegebenheiten, die Begegnungen mit Reisenden, die Freude bei den Wartenden, die Ungeduld bei den Abfliegenden. Er taucht ein in die kleine und gleichzeitig grosse Welt zwischen Check-in-Bereich und Duty-Free. Er spricht mit Personal, Chefs und Seelsorgern und er freut sich sehr über seinen Arbeitsplatz: ein Schreibtisch, der sich in der Mitte eines Abschnitts des Terminals 5 befand:

„Für die meisten Besucher des Terminals aber war der Tisch eines Schriftstellers wie eine offene Herausforderung, sich ihrer Umgebung mit grösserer Phantasie und Aufmerksamkeit zuzuwenden und genauer auf jene Empfindungen zu achten, die der Flughafen in ihnen hervorrief, mit denen sie sich jedoch in ihrer Hektik auf dem Weg zum richtigen Flugsteig nur selten näher befassen konnten.“

Von Seite zu Seite spürt man immer intensiver den Flughafenbetrieb. Der Leser  verschwindet quasi im Terminal 5, überlegt, ob er nun abfliegen, ankommen oder lieber einkaufen gehen soll. Er lernt die vetraute Putzfrau kennen, den Schuhputzer und den Vorstandschef einer der grössten Fluggesellschaften. Man möchte am Liebsten eine Woche im Flughafenhotel verbringen und sich auch mitten in ein Terminal setzen – umgeben von Lärm, Getöse und Tumulten – und nur beobachten, mit den Leuten sprechen und bleiben!

Das Buch ist ein kluges und witziges Gesellschaftsessay, das sich durch eine unglaubliche Beobachtungsschärfe und Sensiblität auszeichnet. Ein kleines schmales beeindruckendes Werk, ergänzt mit wunderbaren Momentaufnahmen des Fotografen R. Baker,  für Vielflieger, Gelegenheitsflieger und alle, die sich für besondere Orte und Menschen interessieren.

Durchgelesen – „Liebe mit offenen Augen“ v. Jorge Bucay

Wie lösen wir unsere Partnerprobleme, mit einer Therapie oder einer Geschichte? Vielleicht mit diesem Buch, denn es ist ein Ratgaber für Paarbeziehungen, allerdings wunderbar verpackt in einen originellen und fesselnden Roman.

Der Protagonist Roberto hat wie immer Probleme mit Frauen, im Moment mit Christina. Doch eines Tages erhält er E-Mails von einer Laura, die nicht an ihn gerichtet sind, sondern für einen Fredy bestimmt sind. Er löscht sie anfänglich, aber die Mails von Laura erreichen ihn weiterhin und deshalb fängt er an, sie ihn Ruhe zu lesen.

Es stellt sich heraus, dass Laura und Fredy Therapeutenkollegen sind. Laura schreibt über die Probleme in der Liebe, die Veränderung am Anfang einer Liebe – sprich Verliebtheit – und über die Möglichkeiten seine Beziehung, neu zu entdecken. Sie erklärt aber auch die Phasen der Lieblosigkeit und die zum Teil unerfüllten Wunschvorstellungen in der Liebe. Roberto fühlt sich total angesprochen und er fängt an über seine Erfahrungen in Punkto Liebe nachzudenken:

„Und womit hatten eigentlich die Frauen, auf die er sich eingelassen hatte, ihn getäuscht? Waren sie nicht, wie er sie sich phantasiert hatte – begehrenswert, traumhaft oder auch liebesbedürftig? Laura behauptete: «Wenn die Verliebtheit vorüber ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich mit der Realität des anderen zu konfrontieren.» Das war hart. Ihm gingen die Worte Liebe, Beziehung, Illusion, Enttäuschung, Täuschung weiter durch den Kopf.“

Doch Roberto ist so fasziniert von Laura und ihren therapeutischen Ideen, dass er sich kurz über lang entschliesst, auf ihre Fragen zu antworten. Er nimmt eine andere Identität an und tritt ein in einen virtuellen Dialog über Beziehungen. Und im Laufe der Zeit kommen sich die zwei Protagonisten immer näher, nicht nur gedanklich und therapeutisch. Es wird spannend und geheimnisvoll, ohne mehr verraten zu wollen!

Jorge Bucay ist in Buenos Aires, Argentinien geboren und gehört heute zu den weltweit angesehensten Psychotherapeuten. „Liebe mit offenen Augen“ ist sein erster Roman. Ein wunderbares Buch, das den Leser anregt, über seine eigene Beziehung nachzudenken. Ein kluger, aber auch sehr unterhaltsamer Roman mit einer grossen therapeutischen Wirkung.


Durchgeblättert – „Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit“

Marcel Proust, berühmt geworden durch seinen siebenbändigen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wusste wie kein anderer Autor seine Fähigkeit, die Kunst als Stilmittel in der Literatur zu verwenden, einzusetzen. Seine Figuren und Protagonisten lässt er mit Hilfe erinnerter Bilder Neues erleben. Somit entsteht nicht nur ein Roman, sondern ganz nebenbei noch eine Kunstgeschichte, die den Leser in faszinierende Welten begleitet.

„Mein Buch ist ein Gemälde“, hat Proust an Jean Cocteau geschrieben.

Und eben genau diesen Welten in Form von Bildern berühmter Meisterwerke, hat  sich Eric Karpeles gewidmet und eine beeindruckende Zusammenstellung dieser Gemälde aus Proust’s Verlorener Zeit dem Proustkenner, aber auch dem Proustneuentdecker geschenkt.

Dieses Buch ist ein sehr umfassendes Kunstbuch, das sich auf aussergewöhnliche Weise zum ersten Mal mit der engen Beziehung zwischen Malerei und Literatur in Proust’s Meisterwerk auseinandersetzt. Der Leser lernt beispielsweise die „Engel“ von Botticelli, die „Kurtisanen“ von Manet und die „Seerosen“ von Monet kennen.

Über 200 Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen und Stichen kann man entdecken, die ergänzt werden durch ein sehr informatives Einführungsessay und durch weiterführende zum Teil sehr amüsante Erläuterungen. Das Besondere jedoch an dieser Kunstgeschichte ist, dass jedes Kunstwerk mit dem passenden Zitat aus „Der Suche nach der verlorenen Zeit“ ergänzt bzw. kommentiert wird.

„Ich ging auf die Allée des Acacias zu. … Denn die Bäume lebten ihr Eigenleben weiter, und wenn sie keine Blätter mehr hatten, so strahlte es nur um so leuchtender aus der Hülle von grünem Samt, die ihre Stämme umgab, oder dem weissen Email der kugeligen Misteln, die hier und da in den Kronen der Pappeln hingen, rund wie Sonne und Mond in Michelangelos Erschaffung der Welt.“ (aus „In Swanns Welt“ und Michelangelo, „Gott erschafft Sonne und Mond“)

Eric Karpeles ist selbst Maler, studierte unter anderem an der Oxford University und lebte in den siebziger Jahren als Stipendiat an der Cité Internationale des Arts in Paris. Er wohnt in Kalifonieren und widmet sich dem Schreiben über Malerei.

Dies ist mehr als ein faszinierendes und besonders ästhetisches Kunstbuch, denn in diesem Werk werden die Bilder aus dem proustschen Universum zum ersten Mal lebendig und sichtbar. Ein Handbuch der europäischen Kunstgeschichte, eine proustsche Bibel der Malerei und vorallem ein ganz persönliches und intimes Museum!

Durchgelesen – „Meine Preise“ v. Thomas Bernhard

Im Februar 2009 wurde dieses Buch anlässlich des 20. Todestages von Thomas Bernhard zum ersten Mal veröffentlicht. Bereits 1980 hat er diese Prosaarbeit geschrieben, die sich in neun Kapiteln und einen Anhang gliedert. Sie handelt um die Umstände und Gegebenheiten bezüglich der ihn verliehenen literarischen Auszeichnungen.

Thomas Bernhard bekannt für seine Boshaftigkeit und Lakonie, erklärt dem Leser auf unglaublich witzige und skurille Weise den Sinn oder auch Unsinn dieser Preise und die dazugehörige Probleme.

Bei der Verleihung des Grillparzerpreises steht Thomas Bernhard vor einer grossen Herausforderung, nämlich einen passenden Anzug zu kaufen. Dieser ganze Aufwand wurde dann nicht einmal belohnt, da er von keinem der hohen Wiener Würdenträger in der Akademie der Wissenschaften empfangen wurde und zu seinem Platz geführt wurde. Ergänzend muss man noch erklären, dass in der Regel seine Tante ihn bei all diesen Preisverleihungen begleitete. Er war um so empörter über diesen Mangel an Höflichkeit, so dass er sich einfach selbst einen Platz gesucht hatte, was dann zu grossen Verwirrungen innerhalb des Saales kurz vor der Preisvergabe führte.

Die Umstände der Verleihung des Literaturpreises der Freien und Hansestadt Bremen waren nicht weniger kompliziert. Der einzige positive Aspekt lag darin, dass dieser Preis mit 10 000.- DM dotiert war, was Thomas Bernhard aus seiner schwierigen finanziellen Lage retten konnte. Er wollte sich nämlich unbedingt einen eigenen Bauernhof kaufen, und wenn es nur eine Ruine wäre, aber dafür etwas Eigenes. Deshalb nahm er die Strapazen bezüglich der Verleihung in Kauf, obwohl er die Stadt Bremen hasste:

„Ich reiste also nach Bremen, das ich nicht kannte. Hamburg kannte ich und liebte ich immer wie auch heute, Bremen verabscheute ich vom ersten Moment an, es ist eine klein-bürgerliche unzumutbare sterile Stadt.  Gleich gegenüber dem Bahnhof war in einem neuerbauten Hotel für mich ein Zimmer bestellt, ich weiss nicht mehr, wie das Hotel geheissen hat. Ich verkroch mich in meinem Hotelzimmer, um die Stadt Bremen nicht sehen zu müssen und wartete den Morgen der Preisverleihung ab.“

Es gab ständig Skandale bei diesen Feierlichkeiten, er regte sich immer über irgendetwas auf, er schimpfte auf die Gesellschaft, auf die Politik und er ironisierte die Welt und sich selbst. Mit Witz und sprachlicher Brillanz gelingt es Thomas Bernhard den Leser auf intellektuelle und anspruchs-volle Weise wunderbar zu unterhalten. Diese Prosaarbeit gehört sicherlich zu seinen vergnüglichsten Werken.

Durchgelesen – „Die Kunst seine Schulden zu zahlen…“ v. Honoré de Balzac

„Die Kunst seine Schulden zu zahlen und seine Gläubiger zu befriedigen, ohne auch nur einen Sou selbst aus der Tasche zu nehmen“ ist ein wirklich kurioses und wichtiges Kabinettstück.

Balzac spricht hier aus einer unerschöpflichen Erfahrung, denn die Kunst mit Geld umzugehen, war nicht wirklich seine grösste Stärke. Es wird „gelehrt in zehn Lektionen“ oder man nimmt es als „Handbuch des Handelsrechts“.

Allerdings ist diese ungewöhnliche Anleitung, um gut mit seinem vor allem nicht vorhandenen Geld auszukommen, nicht so ganz ernst zu nehmen. Jedoch wird der Leser aufgeklärt über Schulden: es gibt reelle Schulden, schmutzige Schulden, vorgebliche Schulden, etc. Ein wichtiges Thema sind natürlich auch die verschiedenen Arten von Gläubigern und Schuldnern. Und mit grosser „Ernsthaftigkeit“ wird die Funktion des Gerichtsvollziehers und der „magische“ Ort des Gefängnisses beschrieben.

„Wer es auf andere Weise nicht schafft, sollte sich durch seine Schulden berühmt machen.“

Ein köstliches und gleichzeitig aber auch trauriges Buch, wenn man die Biographie von Balzac betrachtet, denn er floh sein ganzes Leben lang vor seinen Gläubigern.

Durchgelesen – „Empörung“ v. Philip Roth

„Empörung“ ist ein dramatisches Werk. Von der ersten Seite an fasziniert und fesselt dieser Roman, als wäre es ein Krimi. Doch es ist nichts dergleichen, im Gegenteil es ist die Geschichte einer „éducation sentimentale“.

Der Roman spielt im Jahr 1951, während des Koreakriegs. Der Protagonist und Held des Buches, ein junger Mann – Marcus Messner aus Newark (18 Jahre alt) –  geht auf das Robert Treat College in New Jersey . Er möchte jedoch weg von seiner Familie, vor allem von seinem überbesorgten Vater, einem koscheren Metzger, der fast verrückt wird aus Angst, sein Sohn wäre den Gefahren des Erwachsenenlebens nicht gewachsen. Marcus flieht aus dem schwierigen Elternhaus:

„Ich verliess das College, weil mein Vater plötzlich den Glauben daran verloren hatte, dass ich auch nur allein die Strasse überqueren konnte. Ich verliess das Collge, weil die Überwachung durch meinen Vater unerträglich geworden ist.“

Und  er setzt seine Studien am eher sehr beschaulichen College von Winesburg in Ohio fort. Fern – über 500 Meilen – von seiner Familie ist er fest entschlossen, fleissig  zu studieren und einen sehr guten Abschluss zu machen. Marcus‘ Ziel ist es nämlich als Jahrgangsbester und somit als Offizier einen Posten beim militärischen Nachrichtendienst zu bekommen. Im College lernt er eine Kommilitonin (Olivia Hutton) kennen, die ihn völlig aus der Bahn wirft aufgrund ihrer sexuellen Ungehemmtheit. Er ist total verstört und die nächsten Katastrophen bahnen sich an.

Der beeindruckendste Moment in diesem Buch ist das Treffen zwischen Marcus und dem Dekan des Colleges. Die Dialoge zwischen den Beiden sind atemberaubend und von rhetorischer Höchstleistung. Spätestens jetzt spürt der Leser die ersten konkreten Anzeichen, dass sein Leben scheitern wird beziehungsweise schon gescheitert ist.

Dank der sprachlichen Raffinesse von Philip Roth ist dies ein sehr bewegendes und aufwühlendes Buch über Unerfahrenheit, Widerstand, Diskriminierung und Mut.

Durchgeblättert – „Die Frauen der Künstler“

„Er, Ich & Die Kunst: Die Frauen der Künstler“, dies ist ein Kunstbuch der besonderen Art. Hier spielen zum ersten Mal die Frauen berühmter Künstler, die in die Kunstgeschichte eingegangen sind, die tragende und wichtige Rolle.

Elf Künstlerfrauen aus fünf Jahrhunderten werden in ihren interessanten und bewegenden Lebensgeschichten porträtiert. Der Leser bekommt Einblicke in das Rollenverständnis der Frau im Wandel der Jahrhunderte und es werden die Unterschiede von Liebe und Beziehung in Zusammenhang mit der Kunst ihrer Männer sehr gut dargestellt.

Wussten wir eigentlich, wie mutig und leidenschaftlich, aber auch verängstigt und unsicher so manche Frauen an der Seite berühmter Männer und in diesem Fall berühmter Maler sein können? Der Leser lernt in diesem Buch faszinierende Frauen kennen, wie zum Beispiel:

Agnes Frey Dürer, die ihr Talent als Kauffrau so wunderbar einsetzte, dass sie die Bilder ihres Mannes Albrecht Dürer wesentlich besser verkaufen konnte, als jeder eingestellte Händler.

Catharina Bolnes Vermeer, die mit ihrer Liebe und ihrem Optimismus ihren Mann Johannes Vermeer van Delft auch in den sehr schweren Jahren ihres gemeinsamen Lebens unterstützte und sich immer auch seiner Liebe zu ihr gewiss war.

Martha Liebermann-Marckwald war eine wunderschöne Frau, wurde jedoch von ihrem Mann Max Liebermann in die klassische Frauenrolle gedrängt, jedoch mit einem kleinen erlaubten Freiheitsbonus – dem Lesen. Sie sagte einmal zu ihrem Mann: „Weisst Du, Max, es war zwar eine Ehre, aber kein Vergnügen, mit dir verheiratet gewesen zu sein.“

Charlotte Berend – Corinth hatte es eher schwer mit ihrem egoistischen Mann Lovis Corinth. Als sie mit ihrem Sohn schwanger war und sich am Fuss verletzte, liess ihr Mann sie den ganzen Tag allein in einem Zimmer einer Bäuerin, wo kurz zuvor deren Kind verstorben war.

Jede dieser elf übersichtlich zusammengefassten und trotzdem sehr fundierten Lebensgeschichten ist spannend, informativ und macht neugierg auf mehr. Das Buch bietet neben den ausgezeichneten Texten, zahlreiches Bildmaterial in Form von Porträts, Gemälden und Photos. Ein Buch, das in keiner Kunstbibliothek fehlen sollte!

Durchgelesen – „Vier Äpfel“ v. David Wagner

Dieses schmale Buch könnte im ersten Augenblick eine soziologische Studie über die Produkte eines Supermarktes sein. Doch es ist weit mehr. Es ist ein Stück feinster Literatur, die den Leser gleich mit dem ersten Satz: „Lange bin ich gar nicht gern in Supermärkte gegangen.“ so sehr an den Beginn der Proust’schen Recherche erinnert: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“.

Ja und diese Gemeinsamkeit ist nicht die Einzige. David Wagner konzentriert sich genau wie Proust auf die Beschreibung der alltäglichen und vollkommen unwichtigen Dinge. Seine intensive, aber gleichzeitig leichtfüssige Beobachtungsgabe machen den Leser neugierig!

Eigentlich ist es die Geschichte seiner vorlorenen Liebe zu L., an die er während seinen Einkaufs immer wieder erinnert wird. Doch das Schlüsselerlebnis sind die „vier Äpfel“, die er auf die Waage legt und diese zeigt erstaunlicher Weise genau 1000 g an. Und ab diesem Moment beginnt er darüber nachzudenken, warum genau jeder dieser Äpfel 250 g wiegt. Er ist verunsichert:

„Ich mutmasse, dass ohnehin nur fast perfekte, um die zweihunderfünfzig Gramm wiegende Äpfel in die Supermarkt-regale gelangen. Hier liegt die Apfelelite, während andere, weniger ansehliche Exemplare in Fertigkuchen verbacken oder zu naturtrüben Saft gepresst werden oder, Apfelschicksale, in heissen Apfeltaschen enden.“

Er kauft weiter ein und wird durch andere Produkte, wie zum Beispiel durch Nudeln wieder gedanklich mit L. konfrontiert. Sie verfolgt ihn wie ein Gespenst durch den Supermarkt und diese Assoziationen lassen ihn immer melancholischer und verzweifelter werden:

„Ob ich jemals zur Kasse finden werde, weiss ich nicht. Ich könnte immer wieder dieselbe Runde durch die drei, vier Gänge drehen – gegen den Uhrzeigersinn und immer wieder an den Fertignudel-sossen, dem Zucker und den Tütensuppen vorbei – und nie, Stunden, Tage, Jahre nicht, zur Kasse finden.“

David Wagner ist ein wunderbarer Beobachter, ein „Flaneur im Supermarkt“, der – obwohl der Ich-Erzähler seine Traurigkeit nicht versteckt – voller Witz und Humor den Leser an seinen Eindrücken teilhaben lässt.

Ein Roman, in dem das Einkaufen in einem Supermarkt, so unglaublich schön, skurril, messerscharf, philosophisch hintergründig und gleichzeitig amüsant beschrieben wird. Ein Buch mit sehr grosser Wirkung, die der Leser bei seinem nächsten Besuch im Supermarkt sofort spüren wird.

Durchgelesen – „Du liebst mich, du liebst mich nicht“ v. Jonathan Lethem

Jonathan Lethem gehört zu den wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren und hat mit seinem Buch „Du liebst mich, du liebst mich nicht“, eine amerikanische Variante des Sommernachtstraums geliefert. Ein total verrücktes und groovendes Buch!

Der erste Satz des Romans: „Sie trafen sich im Museum, um Schluss zu machen.“

Lucinda hat ihren Job in einem Coffee-Shop gekündigt und verbringt mehrer Stunden täglich bei einer Nörgel-Hotline (Teil eines avangardistischen Kunstprojekts), anonymen Anrufern zuzuhören. Daneben spielt sie Bass in einer Band, deren verwirrter Leadsänger Matthew – er arbeitet im Zoo – ein depressives Känguru entführt hat. Bedwin, der geniale Texter der Band, hat eine Schreibblockade, doch Lucianda kann ihn mit einigen philosophischen Aussagen eines Dauer-Nörgels (Carl), in den sie sich auch noch unsterblich verliebt, versorgen. Durch diese vertonten Texte, sprich genialen Songs, steht die Band kurz vor ihrem totalen Durchbruch, nur der Nörgler macht ihnen einen Strich durch die Rechnung, was fatale Folgen hat. Doch es kommt letztendlich zu einem wunderbaren Happy-End!

Die Handlung dieses Buches dreht sich um Kunst, Musik, Sex und Alkohol, und das in einer Geschwindigkeit und einem Rythmus, die den Leser total in Bann zieht. Es ist eine romantische Farce und sie beschreibt die Widersprüchlichkeiten der Liebe, die sich zwischen den Mitgliedern einer aufstrebenden Rockband aus Los Angeles abspielen. Es geht um geistiges Eigentum und seelische Abhängigkeit. Shakespeare lässt grüssen!

Der letzte Satz des Romans: „Es gibt keine Tiefe ohne Oberfläche.“

Durchgeblättert – „Warum wir die Frauen lieben“ v. Mircea Cartarescu

Mircea Cartarescu, der bedeutendste rumänische Schriftsteller seiner Generation (geb. 1956 in Bukarest) schreibt in seinem Buch „Warum wir die Frauen lieben“ in Form von kleinen und vor allem sehr kurzweiligen Geschichten über Frauen, Freundinnen und Geliebten. Sie spielen in seinem literarischen Werk und vor allem in seinem Leben eine wichtige Rolle.

Irgendwie ist das Buch auch ein Art Autobiographie, ein Selbstbildnis des Künstlers als junger Mann. Die meisten der Geschichten sind zu erst in der rumänischen ELLE erschienen. Es sind entzückende Porträts von „seinen“ Frauen, sehr sensibel, mit subtilen Witz und unglaublichen Charme erzählt. Es geht um Déjà-Vus, um unerwiderte Liebe und viel Gefühl. Jedoch schreibt und formuliert er diese Kurzgeschichten aus einem selbst-ironischen Blickwinkel, wodurch der Leser einen besonderen Reiz verspürt.

Der Autor und dieses Buch sind eine wirkliche Liebes-Entdeckung, aber ohne jeglichen Kitsch. Sein Stil verströmt Leichtigkeit und Schwere-losigkeit, bleibt aber gleichzeitig intensiv und kraftvoll!

Durchgelesen – „Führer, Narren und Hochstapler“ v. Manfred F.R. Kets de Vries

Manfred F.R. Kets de Vries, hat mit seinem Werk „Führer, Narren und Hochstapler“ – aufbereitet in sieben Essays –  einen Klassiker der Führungspsychologie geschrieben.

Er selbst, ausgebildeter Psychoanalytiker und langjähriger Management-Berater, fragt nach den unbewussten Motiven, die Verhalten und Handlungen von Führungspositionen bestimmen können. Er setzt dabei das Motiv des „Hofnarren“ ein, um die Probleme der Führung zu entzerren.

Es ist ein sehr kurzweiliges Stück Managementliteratur und wird durch die Berichte aus der Praxis mit viel (schwarzen) Humor und grosser Anschaulichkeit aufgelockert. Er zeigt mit seiner kraftvoll-anschaulichen Sprache den Typus des Führers in ganz verschiedenen Varianten: als Geltungssüchtigen, als Autisten, als emotionalen Analphabeten, als Hochstapler und auch als „Normalen“.

Dies ist wahrlich ein beeindruckendes und nachwirkendes Buch für psychologisch interessierte Führungskräfte, aber auch für den interessierten Laien!

Durchgelesen – „Ein liebender Mann“ v. Martin Walser

„…. Er musste einziehen in Weimar mit Ulrike und mit einem Roman, den er sofort schreiben, wenigstens anfangen musste. Ein Roman, den keiner und keine streitig machen konnte. Ein Roman, der Ulrike und ihn legitimierte. Nicht nur in Weimar. In der Welt. Der Titel stand sofort auf dem Blatt: Ein liebender Mann.“

Walser’s Roman „Ein liebender Mann“ ist die Romanze zwischen dem 73jährigen Geheimrat Goethe, inzwischen Witwer nach dem Tod seiner Frau Christine, und der 19jährigen Ulrike von Levetzow.

Walser erzählt diese Liebe so aufwühlend, bewegend und feinsinnig, voller Geist und Esprit und mit sehr hoher Sensibilität. Der Leser fühlt sich von der ersten Zeile an in die Zeit Goethes versetzt, schlendert wie der Herr Geheimrat in Kurpark von Marienbad und beobachtet, welche Erotik zwischen Goethe und Ulrike sich entwickelt.

Der Altersunterschied bereitet dem Geheimrat doch so einige Schwierigkeiten und es kommen Zweifel auf, die er allerdings immer wieder schnell verdrängt und sich von seiner Leidenschaft führen lässt. Es ist unbeschreiblich mit welcher Sprachintensität diese Leidenschaft dem Leser präsentiert wird. Mit einer Kraft und mit der Überzeugung eines jungen Liebenden werden die Gefühle für den Leser nachfühlbar.

„…. Wenn ich dich lieben darf, bin ich unsterblich. Erst dann. Jetzt weiss ich, warum ich nie jemanden hassen konnte. In mir war eine Liebe daheim, ein Leben lang, die schlief, die träumte, die schweifte ein paarmal aus, nannte sich so, nannte sich anders, floh wieder zurück, eigentlich wartete sie. Das hat mir die Kraft gegeben für alles. Jetzt weiss ich: Meine Liebe hat auf dich gewartet. Wenn du sie nicht willst, vernichtet sie mich. Und ich wehre mich nicht. Meine Liebe weiss nicht, dass ich über siebzig bin. Ich weiss es auch nicht.“

Ein Buch, das berührt, entzückt, beglückt und amüsiert, einfach eine wunderbare Liebesgeschichte!

Durchgeblättert – „Bibliomania“ v. Steven Gilbar

„Ein listenreiches Buch über Bücher.“

Spannendes, Lehrreiches, Triviales, Originelles, Amüsantes über Literatur, Autoren, Buchhandlungen, Bibliotheken, Bibliophile, Bücherwürmer, Leser und solche die es noch werden wollen.

Kurzweilig, praktisch und vergnüglich, vor allem durch die versammelten Zitate, wie zum Beispiel von John Osborne: „Auch das schlechteste Buch hat seine gute Seite: die Letzte.“

Da ist die Gefahr, an „Bibliomanie“ zu erkranken, sehr gross!

Durchgelesen – „Die Frau in der hinteren Reihe“ v. Françoise Dorner

Ein wunderbares Buch über die besondere Kunst einer Frau, ihren Mann auf ganz aussergewöhnliche Art und Weise zu verführen.

Nina und ihr Mann besitzen in Paris einen Zeitungskiosk und müssen deshalb täglich sehr früh aufstehen. Um drei vor fünf morgens klingelt der Wecker, damit auch noch in drei Minuten die ehelichen Pflichten absolviert werden können, denn ab fünf Uhr  wartet schon der Zeitungsgrosshändler. Der Alltagstrott begleitet sie seit Jahren und ihre Ehe leider darunter immer mehr. Eine insgesamt unbefriedigende Situation, vor allem  für Nina.

Wo sind die Abenteuer, die die Zeitschriften versprechen, welche Nina täglich verkauft? Sie führt ein glanzloses Leben und das muss sich ändern. Sie lernt einen interessanten Mann kennen, der ihre weiblichen Fähigkeiten ganz neu wiederentdeckt. Und ab diesem Zeitpunkt entschliesst sich Nina, ihren Ehemann zu verführen, den sie immer noch liebt.

Sie macht sich schön, verkleidet sich und trifft im Kino ihren Mann wieder, der sich in eine fremde Frau verliebt, die genau einige Reihen hinter ihm während der Vorstellung sitzt. Jedoch ohne zu wissen oder nur zu erahnen, dass dies seine eigene Frau ist. Und das ist der Beginn einer „fatalen“ Liebesgeschichte….

„Eine Hymne auf die Sinnlichkeit der Frauen“, so schreibt die Zeitschrift Lire. In Frankreich wurde der Roman gleich nach Erscheinen im Jahr 2004 dann auch mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. Ein amüsantes, aber auch kluges Buch voller Leidenschaft, Träume und Liebe.

Durchgeblättert – „Heimliche Gedichte“

„Ein Theaterstück ist der Mittelstreckenlauf, Prosa ist Marathon und Lyrik Hochsprung“, das sagte bereits Friedrich Dürrenmatt und das könnte auch die Maxime dieses wunderbaren Lyrikbandes sein.

Heimliche Gedichte, so heisst eine Anthologie, die Gedichte von Romanciers uns entdecken lässt, die teilweise zum ersten Mal auf deutsch oder in Buchform erschienen sind.

Diese literarischen Bijoux (immer in Originalsprache und der deutschen Übersetzung) werden hier in dieser ungewöhnlichen Auswahl dem Leser näher gebracht.

Der Leser wird überrascht von Prosaautoren wie Robert Musil, Joseph Roth, Raymond Chandler, Indrid Noll, Paul Auster, John Updike, James Joyce, Philippe Djian und vielen anderen.

Auch John Iriving hat ein einziges Gedicht geschrieben, und Alan Sillitoe hat gleich mehrere Gedichte verfasst, obwohl er der Meinung war, dass Romanciers keine guten Gedichte schreiben können, und diese Einschätzung hat er dann auch gleich als Gedicht umgesetzt:

„Schreib keine Gedichte,
Sagte der Rezensent.
Erzähl eine Geschichte,
Das sind die Sachen
Für die man dich kennt.

Unsinn, sagte ich.
Du spinnst.
Leck mich am Arsch.
Du kannst mich mal.
Verpiss Dich.
Hau ab.

Na, ist das ein Gedicht?

Er sagte: Reimt sich nicht.“

Heimliche Gedichte, ein wunderbares Buch für Lyrikliebhaber und für Leser, die schon alles haben. Ein kleiner Prachtband mit verborgenen Schätzen zum Geniessen, Staunen und Amüsieren.

Durchgelesen – „Wie ein Roman“ v. Daniel Pennac

Keine Lust auf Bücher und Lesen, und das noch am Welttag des Buches! Dieser Roman ist eine Einladung zur Lektüre. Er weckt nicht nur auf pädagogische, sondern viel mehr auf amüsant witzige Weise die Freude am Lesen. Und die beste Überzeugungsarbeit dazu leisten

Die unantastbaren Rechte des Lesers:

„1. Das Recht, nicht zu lesen.

2. Das Recht, Seiten zu überspringen.

3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen.

4. Das Recht, noch einmal zu lesen.

5. Das Recht, irgendwas zu lesen.

6. Das Recht auf Bovarysmus, d.h. den Roman als Leben zu sehen.

7. Das Recht, überall zu lesen.

8. Das Recht, herumzuschmökern.

9. Das Recht, laut zu lesen.

10. Das Recht, zu schweigen.“

Durchgelesen – „Die Leinwand“ v. Benjamin Stein

Dies ist ein ungewöhnliches und fesselndes Buch, das um die Frage nach der Verlässlichkeit der Identität und  der Erinnerung kreist.  Es ist ein Buch, das hinter jedem einzelnen Buchdeckel eine eigene Geschichte versteckt. Doch in der Mitte kommt es zur Konfrontation der beiden Erzähler.

Die eine Geschichte erzählt aus der Perspektive von Amnon Zichroni. Er wird sehr streng jüdisch erzogen, erkennt im Laufe seiner Jugend seine besondere Begabung „Erinnerungen anderer Menschen“ nachzuerleben und bringt diese dann auch in seinem Studium der Psychologie und Psychiatrie ein. Als Pychoanalytiker lässt er sich in Zürich nieder und trifft dort auf den Geigenbauer Minsky. Zichroni überredet ihn, seine traumatischen Kindheitserinnerungen im NS-Vernichtungslager schreibenderweise zu verarbeiten. Jedoch erscheint kurz darauf ein Buch, in dem der Journalist Jan Wechsler behauptet, das dies alles erfunden sei.

Die andere Geschichte aus der Perspektive von Jan Wechsler beginnt mit dem Auftauchen eines mysteriösen Koffers. Wechsler wächst in der DDR auf, ist auch Jude und erlebt strenge Regeln in seinem damaligen jüdischen Viertel in Ostberlin. Es wird ihm eines Tages ein Koffer zugestellt, den er bei seiner  angeblich letzten Israel-Reise verloren haben soll. Er kann sich jedoch an nichts erinnern. Doch nachdem er den Koffer öffnet, entdeckt er ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“ von Jan Wechsler und er ist total verwirrt. Er reist deshalb nach Israel, wird jedoch auf dem Flughafen in Gewahrsam genommen und verhört, da sein damaliger Gastgeber Zichroni als vermisst gilt.

Zwei Personen und zwei Leben, die sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Sie sind Juden, sie wachsen mit wenig Freiheiten auf und für jeden von ihnen ist ein Buch von unglaublicher Bedeutung. Für Zichroni war es „Das Bildnis des Dorian Grey“ von Oscar Wilde und für Wechsler George Orwell’s „1984“. Wegen dieser Parallelen stellen sich hier die Fragen: Wer ist Wer? Was ist Erinnerung, was ist Wahrheit? Der Leser wird in ein Labyrinth geführt, doch wo ist er Ausgang?

Ein sehr spannender und anspruchsvoller Roman, der den Leser sofort in seinen Bann zieht. Ein Buch das auf sehr informative, aber unglaublich amüsante Weise, Einblicke in das jüdische Leben gibt. Ein Werk, das den Leser fordert und gleichzeitig auf sehr niveauvolle Art unterhält.

Durchgelesen – „Die Überlebensbibliothek“ v. Rainer Moritz

Rainer Moritz – Leiter des Hamburger Literaturhauses und Vorstandsmitglied der Marcel Proust Gesellschaft – schreibt in seinem wunderbaren Werk, wie viele Romane die Macht haben, uns und unser Leben zu verändern. Romane sind unsere Freunde, unsere Seelentröster, zum Teil unsere Therapeuten.

In verschieden kleinen Lebens-Kapiteln zeigt uns Rainer Moritz, die dazu passende Lektüre. Im Bereich „Mit sich selbst klar kommen“, sollte beispielsweise wer sich selbst unterschätzt, „Das hässliche Entlein“ von Hans Christian Andersen lesen; oder im Kapitel: „Mit Schwächen und Lastern leben“, sollte man sich bei Eifersucht mit Marcel Proust, „Eine Liebe von Swann“ beschäftigen. Oder im Kapitel: „Mit anderen Menschen zurechtkommen (oder auch nicht)“, wäre es für denjenigen, der beabsichtigt mit seiner Mutter dauerhaft zusammenzuleben, sinnvoll „Die Klavierspielerin“ von Elfriede Jelinek zu lesen.

Kurzum für jede Befindlichkeit, für jeden Seelenzustand, für jede Lebensveränderung, findet Rainer Moritz, das passende Buch, denn er ist der Überzeugung, dass Bücher wahre Hilfe leisten.

„Die Überlebensbibliothek ist ein Plädoyer für die Macht der Lektüre“ bestägtigt er selbst.

Es ist wie ein kleines Lebenshilfe-Handbuch, das Leben und Literatur auf sehr mutige und angenehme Weise verbindet. Es liest sich wie der literarische Beipackzettel und kann ohne Einnahme der Tabletten gleich als Therapie verwendet werden. Und es hilft dem Leser, bekannte und weniger bekannte Literatur wieder neu zu entdecken.

Durchgelesen – „Die Eleganz des Igels“ v. Muriel Barbery

Dieser wundervolle in Paris spielende Roman hat zwei Heldinnen:

Die Eine ist Renée, 54 Jahre alt,  seit 27 Jahren Concierge in der 7, rue Grenelle, einem herschaftlichen Stadthaus im noblen 7. Arrondissement. Sie sagt selbst über sich:

„Ich bin Witwe, klein hässlich, mollig, ich habe Hühneraugen und in gewissen Morgenstunden einen Mundgeruch, wie ein Mammut. Doch vor allem entspreche ich so genau dem Bild, das man sich von den Conciergen macht, dass niemand auf die Idee käme, ich könnte gebildeter sein als all diese selbstgefälligen Reichen.“

Und genau dies trifft zu. Aber Renée versteckt es. Sie lässt in ihrer Loge den Fernseher mit den für eine Concierge üblichen Sendungen ganz laut laufen, und hört in dieser Zeit im Hinterzimmer klassische Musik oder liest Camus, Tolostoi und philosophische Bücher. Sie interessiert sich für Kunst und die Weltliteratur, achtet jedoch darauf, dass es keiner der Bewohner mitbekommt.

Die zweite Heldin ist Paloma, ein zwölfjähriges Mädchen. Sie wohnt mit ihren Eltern und ihrer Schwester auch in der 7, Rue de Grenelle, in einer Wohnung nur für Reiche. Doch sie fühlt sich nicht verstanden und ist sehr einsam:

„Doch ich weiss schon lange, dass die Endstation das Goldfischglas ist, die Leere und der Unsinn des Erwachsenlebens.Warum ich das weiss? Der Zufall will, dass ich sehr intelligent bin. Daher habe ich meinen Entschluss gefasst: Am Ende dieses Schuljahres, an meinem dreizehnten Geburtstag, werde ich Selbstmord begehen.“

Das wäre ihre Plan, aber das Leben ändert sich in diesem Haus. Renée ’s Versteckspiel wird auch bald aufgedeck, durch den eleganten Japaner Ozu, der die freigewordene Wohnung bezieht. Als Feingeist erkennt er sofort ihre Intelligenz und die beiden freunden sich. Es könnte mehr daraus werden…

Ein kluger und sensibler Roman über Intelligenz, Schönheit und den Lebenssinn. Kein Buch für zwischendurch, eine anspruchsvolle Lektüre für Leser, die gerne etwas dazulernen wollen bzgl. Literatur, Kunst und Philosophie. Ein Buch voll Paris und ihren Menschen, geschrieben in einer sehr einfühlsamen und weisen Sprache.

Durchgelesen – „Hotel Bosporus“ von Esmahan Aykol

Kein hoch literarisches Werk, aber eine sympathische Protagonistin, namens Kati Hirschel, deutsche Buchhändlerin und Besitzerin eines Krimibuchladens in Istanbul.

Es geht um den Mord eines Regisseurs, der mit den Dreharbeiten einer deutsch-türkischen Koproduktion beschäftigt war. Kati Hirschel ist mit der Hauptdarstellerin des Films befreundet und sieht nun ihre erste Chance als Detektivin in Aktion zu treten.

Ein Roman, in dem es um deutsch-türkische Vorurteile geht, die aber mit Leichtigkeit und Humor einfach weggewischt werden. Es geht um internationale Verbrechen und grenzüberschreitende Freundschaften.

Ein Roman über Istanbul, Politik, Männer und Korruption! Spannend und humorvoll zu gleich!

Durchgeblättert – „Bibliotheken“ v. Candida Höfer

Candida Höfer – in der Nähe von Berlin geboren – gehört zu den wichtigsten deutschen Künstlerinnen, die im Bereich der Photographie arbeiten. Sie wurde durch zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen international bekannt. Ihr Markenzeichen sind menschenfreie Bilder. Es geht nur um den Raum, vor allem um öffentliche Räume.

Dies ist eine Monographie, die sich nur Bibliotheken widmet. Unterschiedliche Bibliotheksräume bezüglich Grösse und Alter werden aus allen Ecken der Welt gezeigt. Wie zum Bespiel die Trinity Library von Dublin, die Bibliothèque Nationale de France, die Villa Medici in Rom und die Weimarer Anna Amalia-Bibliothek (noch vor der Brandkatastrophe). Die Bilder sind geprägt von einer aussgerwöhnlichen Sachlichkeit und Einfachheit. Dadurch kommen die Besonderheiten der Bibliotheken noch deutlicher zum Vorschein.

Mehr als 130 Farbphotographien – ergänzt durch ein brillantes Essay von Umberto Eco – bietet dieser anspruchsvolle Bildband! Ein kostbares Buch für Büchernarren und Literaten!

Durchgelesen – „Mein Leben mit Sartre“ v. Liliane Siegel

Ein ganz besonderes Buch, vor allem, wenn man sich für Sartre als Person, Mann und Autor interessiert, eine Biographie der besonderen Art. Liliane Siegel, entstammt einer jüdischen Familie, die sich während der deutschen Besatzung in Paris verstecken musste.

1960 liest sie während einer depressiven Phase Sartre, unter anderem den Satz “ Versucht nicht, eurem Unheil zu entweichen, findet seine Ursachen und zerschlagt sie“, und schreibt daraufhin Sartre einen Brief. Dies ist dann der Auftakt einer lebenslagen Freundschaft, die er vor all seinen anderen Frauen geheim hält, nur Simone de Beauvoir wusste davon. Erst nach zehn Jahren bekennt er sich zu ihr und macht sie zur Mitredakteurin seiner legendären Zeitschrift „La Cause du Peuple“.

Das Buch ist ein sehr persönlicher Bericht Liliane Siegels, die es Sartre verdankt, ihre traumatischen Kindheitserfahrungen zu überwinden. Es ist ein sehr persönliches Dokument, das dem Bild des politisch engagierten Schriftstellers eine sehr menschliche Facette hinzufügt.

Ein kleines feines Buch, sehr emotional und bewegend!