Durchgelesen – „Madame Cottard und die Furcht vor dem Glück“ v. Rainer Moritz

Welch eine Freude die Pariser Buchhändlerin Nathalie Cottard und ihren Verehrer und Retter in der Not Robert Bernthaler wieder zu treffen. Bereits vor gut einem Jahr ist der erste Roman unter dem Titel „Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe“ um dieses charmante „Paar“ erschienen. Jeder Leser dieses ersten Werks hat am Ende gehofft und auch ein klein wenig geahnt, dass diese besondere Liebesgeschichte weitergehen wird. Es stellte sich nur die Frage wie?

Rainer Moritz hat uns wieder voller Charme und Einfühlungsvermögen ein neues wunderbares Buch präsentiert, das von der ganz frischen Liebe, ja eher noch vom Verliebtsein eines doch sehr erwachsenen und erfahrenen Paares berichtet. Rainer Moritz hat eine Schwäche für schöne Geschichten, für besondere Buchhändler – denkt man nur an sein fantastisches Buch „Die schönsten Buchhandlungen Europas“ –  und er schwärmt für Paris, einer Stadt, in der er immer mal wieder wohnt, wenn er nicht in Hamburg anzutreffen ist.

Die Geschichte von „Madame Cottard und die Furcht vor dem Glück“ beginnt in der Bretagne. Nathalie und Robert  – inzwischen sehr verliebt – wollen der wahren Liebe nachspüren. Und wo könnte das nicht schöner und romantischer sein, als in einem kleinen Fischerdorf am Atlantik. Doch leider währt dieses gemeinsame Glück nur sehr kurz, da Robert Bernthaler dringend aus beruflichen Gründen nach Paris zurück muss.

Die Nachricht, die Robert in der Pariser Dependance der schwäbischen Korkenfirma erreicht, ist alles andere als positiv. Er soll schnellst möglich in den Firmensitz nach Deutschland zurückkehren, da der Seniorchef seiner Firma ganz unerwartet verstorben ist. Die ganze Firma soll umstrukturiert werden und das Schlimmste steht noch bevor: man will die Pariser Filiale schliessen und Robert soll wieder fest in Deutschland – genauer in Tübingen – arbeiten.

Nathalie ist bezüglich dieser Neuigkeiten alles andere als begeistert. Sie versucht sich abzulenken, arbeitet viel in der Buchhandlung, lässt sich durch ihre Freundinnen auf andere Gedanken bringen und muss gleichzeitig noch das Problem mit ihrer Mutter lösen. Diese lebt in Grenoble und ist nach einem Sturz nicht mehr in der Lage, für sich alleine zu sorgen. Nathalie versucht für sie einen Platz in einer Pariser Seniorenresidenz zu finden, doch ihre Mutter will auf gar keinen Fall nach Paris umziehen.

Mit diesem Familienproblem im Gepäck soll Nathalie auch noch mit der neuen Situation klar kommen: Robert ist nun definitiv aus ihrem Haus im Montmartre-Viertel ausgezogen, sie kann glücklicherweise nach der Generalsanierung ihrer Wohnung wegen des Wasserschadens endlich wieder in ihren vier Wänden wohnen, aber leider ohne ihre grosse Liebe. Wie lässt sich das aushalten? Wird Robert in Deutschland bleiben? Pendelt er nun von Tübingen nach Paris? Könnte sich Natalie vorstellen in der Hölderlinstadt Tübingen zu leben? All diese Fragen werden wie immer nur teilweise beantwortet …

Rainer Moritz schreibt sehr sensibel, aber absolut unsentimental über eine Liebe, die trotz vieler Hindernisse nicht nur wachsen sondern auch bestehen kann. Man spürt bei der Lektüre, dass der Autor sich sehr gut in seiner zweiten Heimat Paris auskennt und führt somit den Leser mit Hilfe dieses entzückenden und sehr verliebten Paares an die schönsten Plätze, Parks und Strassen dieser Weltmetropole. Doch auch Tübingen und die schwäbische Mentalität der Menschen kommen in den sprachlich raffinierten Beschreibungen keineswegs zu kurz. „Madame Cottard und die Furcht vor Glück“ macht Lust auf Paris, auf eine Liebe, selbst wenn sie sich als noch so kompliziert darstellen mag und auf das Glück, das dadurch entstehen kann. Doch wie auch am Ende des ersten Romans kann man hier wieder eine Vorahnung spüren, dass die Geschichte zwischen der leidenschaftlich temperamentvollen Pariser Buchhändlerin Nathalie Cottard und dem eher etwas trockenen und rationalen deutschen Betriebswirt Robert Bernthaler noch nicht zu Ende ist. In diesem Sinne können wir uns auf eine Fortsetzung dieser deutsch-französischen „amour fou“ freuen…

Durchgelesen – „Acht Wochen verrückt“ v. Eva Lohmann

Sind wir nicht alle ein wenig verrückt? Oder wissen wir nur nicht, ob wir verrückt sind? Denn was heisst eigentlich normal sein? Ist normal wirklich das Gegenteil von verrückt? Es gäbe noch Tausende von ähnlichen Fragen, die sich jeder sicherlich schon einmal in seinem Leben gestellt hat. Doch was passiert, wenn man spürt, dass wirklich nicht mehr alles so ist, wie es eigentlich sein sollte. Wenn der Körper streikt, der Geist nur noch müde ist und man sich in einer Traurigkeit befindet, die nicht enden möchte. Diesen Zustand kennt die Autorin Eva Lohmann sehr gut, und hat uns mit ihrem Erstlingsroman „Acht Wochen verrückt“ ein grandioses Werk geschenkt, das nicht besser in die sogenannte tadellos funktionierende Welt passen könnte.

Eva Lohmann, geboren 1981, arbeitet als Innenarchitektin und Werbetexterin in Hamburg. Sie hatte nach Depressionen und Burn-Out selbst einen Zusammenbruch und wurde in eine psychosomatische Klinik eingewiesen. Dort hat sie sehr genau Tagebuch geführt, welches letztendlich als Grundlage für diesen ersten autobiographischen Roman diente. Eva Lohmann nimmt uns mit auf eine Reise in eine ganz andere Welt und stellt uns als alter Ego die Hauptfigur Mila ihres ersten Romans vor.

Mila, eine junge Frau Ende zwanzig, erfolgreich mit einem gut bezahlten Job inklusive Beförderung, einem netten Partner und vielen Freunden, wird an einem Donnerstag in einer psychosomatischen Klinik aufgenommen. Seit Wochen, ja fast schon Monaten war sie zu nichts mehr in der Lage. Zuerst funktionierte Mila nur noch vor allem in ihrem stressigen Job, dann wurde ihr alles zuviel, selbst die Hausarbeit. Sie hatte keine Lust mehr auszugehen, sie lag am Liebsten nur noch im Bett und gab sich ihrer nicht mehr enden wollenden Traurigkeit hin. Sie hofft nun auf Hilfe und wundert sich, als sie in dieser Klinik ankommt, dass die Einrichtung zuerst mehr einem Hotel als – wie man im Jargon so schön sagt – der Klapse ähnelt.

Das „neue“ Leben in der Klinik am See beginnt langsam. Nachdem sie ihr Zimmer zugeteilt bekam und ihre magersüchtige Zimmergenossin Clara kennengelernt hat, versucht sie ein wenig zur Ruhe zu kommen. Sie entdeckt den Klinikgarten und beobachtet ihre anderen Mitpatienten. Zwei Tage später hat sie ihre erste Sitzung bei ihrem Therapeuten Dr. Hennings:

„Er hält mir die Hand hin und sieht nett aus. Gross, grauhaarig, mit einem kleinen Bart und um die vierzig. Auf eine bestimmte Weise sogar attraktiv, solange man seinem Kleidungsstil keine Beachtung schenkt. Mein zukünftiger Therapeut trägt praktische Ledersandalen, Trekkinghosen und – ein gebatiktes Shirt.“

Trotz seines „Kleidungsstils“ wird Dr. Hennings während der nächsten Wochen für Mila der wichtigste Ansprechpartner in dieser Klinik. Sie erkennt durch seine Hilfe, dass hinter ihrer Depression noch viel mehr steckt und ein Burn-Out selten allein auftritt. Es wird ihr bewusst, dass ihre körperlichen Schmerzen, die sie mit allerlei Tabletten zu bekämpfen versucht hatte, rein psychosomatische Schmerzen sind. Der regelmässige Tablettenkonsum, um immer zu funktionieren, hat sie bereits in eine Abhängigkeitsspirale befördert, die sie selbst nicht hätte durchbrechen können. Deshalb werden die Schmerzpillen konfisziert und Mila darf dafür nur noch ein Antidepressiva schlucken, das die ersten Tage ausser blöden und nicht ganz ungefährlichen Nebenwirkungen nichts zu bieten hatte. Nach zwei Tagen ist der „Drogentrip“ jedoch vorbei und der Körper hat sich endlich an die Substanz gewöhnt. Mila ist immer noch traurig, fängt aber trotzdem langsam an, ihre Seele und deren Bedürfnisse mit Dr. Hennings Hilfestellung zu entschlüsseln.

Trotz ihrer Depression fühlt sich Mila im Vergleich zu ihren Mitpatienten eher als total „normal“. Betrachtet man beispielsweise Katharina, die nach einem Jahr Trennung von ihrem Freund immer noch ständig weint, oder denkt man an Ron – verheiratet und zweifacher Familienvater -, der sich als Frau in einem Männerkörper fühlt und nicht weiss, wohin mit diesen Empfindungen. Doch am Meisten geschockt ist Mila von ihrer Zimmernachbarin Carla, als diese eines Tages ihren Koffer packt, da sie in ein richtiges Krankenhaus sprich Psychiatrie wechseln muss, denn ihr Gewicht ist auf lebensbedrohliche Weise gesunken, was nur noch mit Zwangsernährung verhindert werden kann.

Im Laufe dieser acht Wochen lernt Mila, die Ich-Erzählerin, nicht nur neue Freundschaften schliessen. Nein, sie erkennt, dass sich hinter ihrer Depression auch eine Tablettensucht versteckt und ein nicht unbedeutender Vaterkomplex begründet ist. Mila fängt in dieser Zeit an sich selbst und ihre Gefühle zu akzeptieren. Sie wird sensibler, aber auch mutiger, vor allem was ihre Familie und die Jobfrage betrifft…

„Acht Wochen verrückt“ ist ein geniales Buch. Es zeigt zum ersten Mal, vollkommen schonungslos, aber trotzdem sehr differenziert und feinfühlig, die Erfahrungen eines Menschen, der an seine psychischen Grenzen kommt und sich traut, Hilfe zu verlangen und anzunehmen. Mit viel Humor und Witz, aber auch mit grossen Respekt beschreibt Eva Lohmann die psychischen Probleme, die jeden Menschen in der heutigen Zeit ereilen können. Sie schafft es aufgrund ihrer eigenen Erfahrung und mit Hilfe ihres autobiographischen Romans tiefe Einblicke in die Welt der „Verrückten“ zu gewähren, die man als Beobachter von Aussen nie so beschreiben könnte. Besonders ihre Fähigkeit, die Menschen und ihre Stimmungen zu beobachten, sie aber nicht zu bewerten, geschweige denn ins Lächerliche zu ziehen, zeugt von einer grossen sprachlichen Begabung.

„Acht Wochen verrückt“ ist ein Roman, der nicht schockt, obwohl er ein Tabu bricht. Dieses Buch schiebt Klischees beiseite, konfrontiert den Leser mit der „echten“ Realität und fordert uns auf, das Thema – Psychische Erkrankungen – neu und mit mehr Offenheit zu betrachten. Eva Lohmann ist ein grosser – trotz seiner nur 190 Seiten –  Erstlingsroman gelungen, der vielleicht nicht von „Verrückten“ in einer normalen, sondern eher von „Normalen“ in einer verrückten Welt erzählt. „Acht Wochen verrückt“ ist ein sehr zu empfehlendes Buch für alle Menschen, ob „Normal“ oder „Verrückt“, ab vor allem für diejenigen, die noch nicht wissen, wie man den sogenannten „Verrückten“ in der heutigen Gesellschaft begegnen sollte!

Durchgeblättert – „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Combray“ nach Marcel Proust v. Stéphane Heuet

„Die Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust gibt es nun nach 12 Jahren zum ersten Mal als Comic-Version in deutscher Sprache, dank der wunderbaren Unterstützung des Übersetzers Kai Wilksen. Das könnte vielleicht so manchen Proustianer in eine gewisse Schockstarre versetzen, was bereits die französische Kritik bei der Erscheinung des ersten Bandes in Frankreich 1998 in Worten scharf auszudrücken vermochte. Doch inzwischen haben sich die Gemüter mehr als gelegt, wenn man an die Lobeshymnen aus der französischen Presse denkt. Dieser Comic, der auch als Graphic-Novel bezeichnet wird, hat nicht nur Freunde unter den klassischen Comic-Liebhabern gefunden, auch der konservative Buchleser und Proustverehrer entdeckt mit dieser neuen Technik wie genial doch ein Klassiker illustriert und mit bzw. sogar trotz des besonderen, ja einzigartigen Erzählstil Prousts als Comic umgesetzt werden kann.

Stéphane Heuet, geboren 1957 in Brest, war zuerst Seemann und arbeitete danach als Art-Director in der Werbebranche. Seine Liebe zu Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hat er mit 35 Jahren entdeckt und sich seit diesem Zeitpunkt vorgenommen, dieses Mammutwerk als Comic anzupassen und zu zeichnen. Inzwischen sind in Frankreich 5 Bände erschienen. Übersetzungen ins Englische, Chinesische, Holländische, Italienische, Kroatische und Spanische sind bereits schon lange auf dem Markt. Glücklicherweise können wir uns seit letztem Herbst nun auch hier in Deutschland dieses aussergewöhnlichen Literatur-Comis erfreuen.

Der erste Teil der „Suche“ unter dem Titel „Combray“ bekannt, lässt den Proustkenner sofort an den ersten und sehr berühmten Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ erinnern. Ja und genau um Erinnerung geht es hauptsächlich in diesem Werk. Der erste Romanteil spielt in dem kleinen Örtchen Combray, das übrigens in Wirklichkeit Illiers heisst und ca. 110 km südwestlich von Paris liegt. Auf dem Ortsschild steht auch tatsächlich Illiers-Combray und im Zentrum befindet sich in der Nähe der Kirche das Haus von Tante Leonie (La Maison de Tante Léonie), das jeder Proustliebhaber zu bestimmten Zeiten besichtigen kann. Der Ich-Erzähler – Marcel –  öffnet für uns das Haus, wo er seine Kindheit und Jugend in den Ferien verbracht hat und uns unter anderem seine grosse Sehnsucht nach seiner Mutter erklärt. Stéphane Heuet zeichnet mit sehr klaren Linien und viel Raum für die Landschaft äusserst naturgetreu dieses Haus und seine Umgebung, wie man sie sich nicht besser hätte vorstellen können, vor allem dann, wenn man bereits das Original in Illiers-Combray besucht hat.

Die berühmte Szene um die köstliche Madeleine, die bei Proust diese Erinnerungen ausgelöst hat, lässt nun den Kenner oder auch Neuentdecker hier sehr schnell auf den Geschmack kommen. Wir lernen Marcel und seine Tante kennen, sehen zum ersten Mal in Bildern, wie die Hauptpersonen – Françoise, Maman, Papa, Monsieur Swann, Gilberte usw. –  zu Leben erweckt werden.

Der Künstler Stéphane Heuet malt die Szenen wie ein grosses Fest, schenkt uns Bilder mit vielen Details, vor allem was das Essen betrifft. Wenn es – wie so oft bei Proust – um Spargel geht, sehen wir diesen in Grossformat und spüren dadurch die unglaublich tiefe Bedeutung dieses Gemüses in seinem Werk:

„Mein Entzücken galt den Spargeln, getränkt in Ultramarin und Rosa und mit blasslila und himmelblau angehauchten Spitzen, die sich unmerklich bis zu den Enden abstufen. Mir schien, dass diese himmlischen Schattierungen die köstlichen Geschöpfe verrieten, die sich zum Spasse in Gemüse verwandelt hatten und die durch diese Verkleidung ihres essbaren und festen Fleisches hindurch in diesen zarten Tönungen der Morgenröte, in dieser Andeutung des Regenbogens, in diesem dahinschwindenden Abendblau die kostbare Essenz erspüren liessen, die ich noch die ganze Nacht hindurch wiedererkannte, wenn ich abends davon gegessen hatte und sie in ihren poetischen und derben Possen wie in einem Märchenspiel von Shakespeare meinen Nachttopf zu einem Parfümgefäss machten.“ (nach Marcel Proust adaptiert v. Stéphane Heuet, übersetzt Kai Wilksen)

Aber nicht nur beim Gemüse wird die Proustsche Sprache mit diesen sagenhaften Bildern von Heuet ergänzt, auch beispielsweise bei der zeichnerischen Umsetzung des Kirchenschiffs von Combray, bei Naturereignissen wie Gewitter bzw. Regen spüren wir dieses brillante Kunsthandwerk, wie es sicher selten in Comics zu finden ist. Besonders gelungen ist auch die visuelle Adaption der Träume des Erzählers, bei denen der Leser die melancholisch blickenden und tiefliegenden Augen von Marcel Proust immer wieder erkennen kann.

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Comic ist eine sehr gelungene Umsetzung und versprüht nicht weniger tiefgründigen Charme als der Originaltext. Im Gegenteil es öffnet neue Türen im Proustschen Oeuvre. Die Proustianer sind entzückt und die Neuentdecker haben nun endlich die Gelegenheit sich diesem literarischen Mammutprojekt zu nähern, ohne sich von 7 Bänden mit insgesamt über 6000 Seiten abschrecken zu lassen. Denn hier lesen wir in einer sehr überzeugenden Kurzfassung den ersten Teil gerade mal auf  nur 72 Seiten. Das sollte jeden Leser und Literaturinteressierten, der sich noch nicht an Proust und seine „Suche“ heran wagte, einen neuen und etwas leichteren Zugang bereiten. Die Lektüre dieses Comics ist ein unvergessliches Vergnügen und mehr als empfehlenswert, deshalb freuen wir uns sehr auf die Fortsetzung …

Durchgelesen – „Wir werden zusammen alt“ v. Camille de Peretti

Lassen Sie uns ganz unvoreingenommen hinter die Türen eines Altersheimes blicken, und Sie werden feststellen, dass das Alter weder einfach, noch kompliziert ist und weder langweilig, noch kurzweilig sein muss. Eines ist jedoch wahr, dass alt werden und alt sein mit Glück und Geheimnis verbunden sind. Umso faszinierender ist es für uns Leser – dank Camille de Pretti, die für uns in ihrem Roman „Wir werden zusammen alt“ 64 Türen einer französischen Seniorenresidenz öffnet – diesen Lebensabschnitt auf äusserst sensible, aber durchwegs sehr humoristische und direkte Art zu entdecken.

Camille de Peretti ist 1981 in Paris geboren, studierte Philosophie, arbeitete im Finanzbereich einer Bank und war Fernsehköchin für französische Küche in Japan. Inzwischen lebt sie als freie Schriftstellerin in Paris. Ihr erster Roman „Thornytorinx“ erschien 2005, danach folgte 2006 „Nous sommes cruels“ und 2008 „Nous vieillirons ensemble“, der durch die geniale Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel nun mit dem Titel „Wir werden zusammen alt“ erstmals auf deutsch erscheint.

Der Roman spielt in einem Pariser Altersheim namens „Les Bégonias“ und  ist nach einer besonderen literarischen Technik konzipiert, die auch am Ende des Buches sehr genau und detailliert beschrieben wird. Der Struktur des Textes liegt ein literarisches Virtuosenstück von Georges Perec zu Grunde, nämlich dem Werk „Das Leben . Gebrauchsanweisung“, welches für einen Tag ein Mietshaus öffnet, als wäre es nur der  Querschnitt des Gebäudes ganz ohne Mauern und wo der Leser alles über die Wohnungs-einrichtungen und die Bewohner verfolgen kann. Die Grundbasis dazu war ein Schachbrett, mit 10 mal 10 Feldern und jedes Feld entspricht einem Zimmer oder Teil des Gebäudes. Camille de Peretti hat dieses System übernommen und das Erdgeschoss dieses Altersheims zu einem Schachbrett mit 8 mal 8 Feldern eingeteilt. Somit entstehen insgesamt 64 Kapitel  bzw. Räume, welche nicht klassisch angeordnet, sondern nach dem sogenannten Rösselsprung (wie im Schachspiel zwei vor, einer seitlich oder umgekehrt) eingeteilt werden. Infolgedessen bewegt sich der Leser quasi für einen Tag von morgens 9.00 Uhr fast jede viertel Stunde bis 00.45 Uhr  von einem Raum zum Nächsten.

Während dieses literarisch und stilistisch virtuosen Rundgangs lernen wir die Bewohner, Besucher und Mitarbeiter dieser Seniorenresidenz kennen. Da gibt es zum Beispiel die drei alten Damen Madame Alma, Madame Buissonette und Madame Barbier. Irgendwie können sie sich nicht leiden, aber sie können auch nicht ohne die jeweils andere. Wir lernen Geneviève Destroismaisons kennen, die man als Baronin bezeichnet, obwohl sie gar keine ist. Sie ist die jüngste Bewohnerin und lebt hier, obwohl das Altersheim keine geeignete Einrichtung für Alzheimer-Kranke ist. Aber dafür wohnt ihr Mann gleich in der Nähe und kümmert sich rührend um seine geliebte Frau. Thérèse, eine eher zurückhaltende und feine alte Dame findet hier in „Les Bégonias“ die Liebe ihres Lebens. An Bord dieser Residenz ist auch noch der selbsternannte Kapitän Dreyfus, der Madame Alma und den zwei anderen Damen immer irgendwelche Anweisungen gibt, damit sie sich auch hier auf dem „Alten-Schiff“ richtig benehmen.

Auch das Personal ist bei dieser spannenden Truppe ganz schön gefordert. Philippe Drouin, der Direktor dieses Altenheims, ist Junggeselle und sammelt Briefmarken, seitdem er sich über das Verschwinden seiner ehemaligen Freundin hinwegtrösten muss. Er ist ständig in Alarmbereitschaft und kümmert sich vorwiegend um die grossen Probleme, wie zum Beispiel um die defekte Kühlung, die so einiges Chaos verursacht, nachdem die Leiche einer Bewohnerin zu wenig gekühlt wurde und nun überall Ameisen herumlaufen.

Die Besucher kommen und gehen, manchmal nur für zehn Minuten, andere erst nach vier Wochen. Alle haben immer irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass sie sich zu wenig um die Alten kümmern. Wie zum Beispiel Camille, die ihre Tante immer in „Les Bégonias“ besucht, und feststellt, dass sie all dies, was ihre Tante für sie getan hat, niemals wiedergutmachen könnte. Hier spürt der Leser eindeutig die auto-biographischen Züge des Romans und die echten Erfahrungen, die Camille de Pretti selbst gemacht hat, als sie ihre Großtante in einem Altersheim regelmässig besuchte.

Wir werden zusammen alt“ ist ein sprachliches und literarisches Kunststück, ja fast schon ein Kunstwerk, welches mit Witz, Humor, Ironie und ungeschönter Klarheit ein sehr brisantes und nicht unbedingt einfaches Thema beschreibt. Wer möchte schon gerne alt werden, wer freut sich auf das Alt sein und wer sehnt seinen Lebensabend in einem Altersheim herbei? In diesem Roman werden viele Schicksale beschrieben, doch auch wenn sie vielleicht im ersten Moment eher traurig und deprimierend erscheinen, löst Camille de Peretti mit ihrer unglaublichen Virtuosität und ihrem Charme beim Leser nicht nur Schmunzeln, sondern lautes Lachen aus. Man sollte dieses Buch langsam lesen, sich mit grosser Aufmerksamkeit auf diesen besonderen Rundgang durch ein mit herrlich französischen Flair ausgestattetes Altersheim begeben und jede Zeile dieses hervorragenden Schreibstils aufsaugen. Vielleicht können wir uns mit Hilfe dieses wunderbaren Romans einer dreissig Jahre jungen Schriftstellerin auf das unverhinderbare alt werden vorbereiten, es versuchen anzunehmen, um letztendlich das alt sein mit Lust und Freude zu geniessen, bevor es zu spät ist!

Durchgelesen – „Angst“ v. Stefan Zweig

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb durch einen Suizid am 23. Februar 1942. Er gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Er pflegte einen grossbürgerlichen Lebensstil und reiste sehr viel, wobei er 1910 Indien und 1912 Amerika besuchte. Wie er in seiner Autobiographie „Die Welt von gestern“ erläutert, konnte er aufgrund seiner Untauglichkeit nicht am aktiven Militärdienst teilnehmen, und wurde daraufhin während des Ersten Weltkrieges in das Pressequartier versetzt bis er 1917 als Journalist für die „Neue Freie Presse“ nach Zürich gehen konnte.

Seine Hauptwerke hat er von 1919 bis 1934 in Salzburg geschrieben unter anderen seine berühmten Biographien, Erzählungen und Essays. Nach einer Hausdurchsuchung kurz nach Beginn der Machtergreifung der National-sozialisten im Februar 1934 stieg der bekennende Pazifist Zweig in den Zug und emigrierte nach London. Er nahm nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die britische Staatsbürgerschaft an und reiste  nach New York, von dort über Argentinien und  Chile und erreichte 1940 Brasilien.

Beeinflusst durch Balzac und durch die Erzähltradition der Wiener Schule – man denke an Arthur Schnitzler –  war auch eine starke psychologische Kraft in seinen Werken zu erkennen, die sicherlich vor allem durch Sigmund Freud mitgeprägt wurde. Besonders deutlich wird dies in seiner Novelle „Angst“.

„Angst“ wurde 1910 von Stefan Zweig verfasst und zeigt die Gefühle und Ängste einer Ehebrecherin. Die Hauptprotagonistin in dieser Novelle ist Irene Wagner, eine gut situierte, mit einem Juristen verheiratete Frau und Mutter zweier Kinder. Aus einer Laune der Langeweile und einer Art Ehemüdigkeit heraus beginnt sie ein Verhältnis mit einem jungen Musiker. Jedes Mal, wenn sie die Wohnung ihres Geliebten verlässt, steigt in ihr eine Angst auf, die sie nicht kontrollieren kann. Es ist die Angst, von ihrem Mann entdeckt zu werden:

„Als Frau Irene die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabstieg, packte sie mit einem Male wieder jene sinnlose Angst. Ein schwarzer Kreisel surrte plötzlich vor ihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre, und hastig musste sie sich am Geländer festhalten, um nicht jählings nach vorne zu fallen.“

Diese Angst wird grösser, fast unerträglich, als sie von einer Frau auf der Strasse aufgehalten wird, die ihr vorwirft,  sich an ihren Geliebten heran-zumachen. Sie ist verzweifelt, schreibt dem Geliebten einen Brief, dass sie sich nicht mehr sehen können. Trifft ihn aber trotzdem am nächsten Tag in einem Café wieder. Sie wird in dieser Zeit von der Frau beobachtet, nach Hause verfolgt und erpresst. Frau Irene zahlt ihr Geld, um Ruhe zu bekommen. Sie verlässt daraufhin drei Tage nicht mehr die Wohnung aus Angst wieder erpresst zu werden.

Ihre Familie ist verwundert über ihre lange Anwesenheit. Ihr Mann spürt ihren inneren seelischen Druck und versucht ihr eine erleichternde Hilfestellung zu geben im Hinblick auf ein eventuelles Geständnis, in dem er ihre Tochter drängt eine Dummheit zu gestehen, um dann wiederum Nachsicht üben zu können. Nur geht dieser Schachzug nicht auf. Einige Tage später klingelt die Erpresserin an der Tür und verlangt den Verlobungsring von Frau Irene. Sie gibt ihn ihr aus einer Notsituation heraus, bereut es aber kurz darauf wieder und versucht nun mit ihrem Geliebten ein Gespräch zu suchen, im Hinblick auf dessen Erpresser-Freundin. Dabei stellt sie fest, dass dieser bereits eine neue Geliebte hat und die Erpresserin gar nicht kennt.

Frau Irene ist verwirrt und am Boden zerstört. Sie fährt zur nächsten Apotheke und besorgt sich Gift. Wird sie sich aus Angst das Leben nehmen oder ist sie bereit für ein Geständnis?

„Angst“ ist im Grunde genommen eine einfach erscheinende Geschichte über Ehebruch. Doch der Handlungsverlauf nimmt von der ersten Zeile an eine Dramatik an und entwickelt sich hin bis zur höchsten Spannung, bevor dann die unerwartete Wendung bzw. Auflösung dieses „Falles“ kommt. Ja, diese Novelle hat die Kraft eines Psychothrillers. Der Leser spürt die zerstörerische Gewalt der seelischen Qualen von Irene Wagner, die Stefan Zweig gerade mit dieser doch sehr klaren, aber gleichzeitig magischen Sprache brillant und elegant beschreibt.

„Angst“ ist eine zeitlose Geschichte, welche die Kommunikationslosigkeit in der Ehe, das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau und die Befreiung von Angst durch Ehrlichkeit und Gespräch nicht besser und prägnanter darstellen könnte. Stefan Zweig hat uns eine äusserst menschliche Novelle hinterlassen, die den Leser an den psychodynamischen Entwicklungen der Hauptperson teilhaben, ja fast schon mitleiden und mitzittern lässt. „Angst“ ist ein grandioses sprachliches und psychologisches Bravourstück der deutschsprachigen Literatur!

Durchgelesen – „Madame ist leider verschieden“ v. Claude Izner

Sie lieben Bücher, Sie lieben Paris und Sie schätzen den besonderen Kriminalroman!? Dann könnte dieses Buch eine interessante Entdeckung für Sie sein. „Madame ist leider verschieden“ ist, wie auch bereits der Untertitel besagt: „Ein Paris-Krimi“. Erwarten Sie jedoch keinen klassischen Thriller, sondern seien Sie offen für einen charmanten, geistvollen und subtil spannenden, historischen Roman, der nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen ist.  Das Original wurde bereits 2003 unter dem Titel „Mystère rue des Saints-Pères“ veröffentlicht und war in Frankreich ein grosser Erfolg.

Hinter Claude Izner – ein Pseudonym –  verstecken sich zwei buchbegeisterte Schwestern: Liliane Korb und Laurence Lefèvre. Claude ist Lilianes zweiter Vorname und Izner ist der Mädchenname ihrer Mutter, somit war die Namensschöpfung Claude Izner perfekt. Bereits erfolgreich durch viele Kinderbuchromane, habe die beiden Schwestern nicht nur als Schriftstellerinnen, sondern auch in der Filmbranche gearbeitet. Da sie beide langjährige Bouquinistinnen mit einem eigenen Bücherstand am Seine-Ufer sind, war für sie klar, dass ihre gemeinsam verfassten Kriminalromane um den sehr sympathischen Buchhändler Victor Legris in Paris spielen würden. Die Bücher sind seit einigen Jahren in Frankreich, England und Italien sehr beliebt und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

Wie in der Biographie von Claude Izner kurz erwähnt, ist die Hauptperson in diesem Werk der Buchhändler Victor Legris. Der Kriminalroman spielt in Paris zur Zeit der Weltausstellung im Jahr 1889. Das ist das Paris des technischen Wandels: der tonnenschwere Eiffelturm, den man nicht nur zu Fuss, sondern mit einem Aufzug erklimmen kann, die Trambahn, ja sogar das Telefon. Eine Weltausstellung ist neben diesen neuen Entwicklungen vor allem auch ein Anziehungspunkt für die unterschiedlichsten Kulturen. Menschenmassen strömen zu den Ausstellungsständen, und all dies bietet ganz nebenbei einen besonderen Schauplatz für geheimnisvolle Umstände.

Victor Legris verlässt sein Geschäft (Elzévir – Buchhandlung und Antiquariat), welches in der Rue des Saints-Pères liegt – eine kleine Quer-Strasse, die  den Seine-Quai von Nord nach Süd mit dem berühmten Boulevard Saint-Germain verbindet. Er macht sich auf den Weg in Richtung Eiffelturm. Dieser war übrigens damals ein eher sehr umstrittenes Bauwerk, das nicht nur Befürworter, sondern auch sehr viele Gegner hatte. Auf der ersten Plattform ist Victor mit seinem Kompagnon, und man könnte auch sagen Ziehvater, dem Japaner Kenji Mori verabredet, um sich in das Goldene Buch eintragen zu können, was wiederum nur wenigen Auserwählten zur Ehre wurde. Zu diesen gehörte unter anderen auch Madame Eugénie Patinot, die in Begleitung von drei kleinen Kindern war. Victor Legris beobachtet die wilde Kinderschar und folgende dramatische Szene:

„Jemand setzte sich neben sie, stand wieder auf, stolperte und stützte sich schwer auf ihre Schulter, ohne sich zu entschuldigen. Eugénie stiess einen kleinen Schrei aus – irgendetwas hatte sie in den Nacken gestochen. Eine Biene? Ganz sicher war es eine Biene! Voller Abscheu schlug sie mit den Armen um sich, sie sprang auf und verlor das Gleichgewicht, ihre Beine versagten ihr den Dienst. Sie schaffte es gerade noch zurück auf die Bank. Langsam wurden ihre Glieder taub, sie bekam Atemnot. Sie liess sich gegen die Wand sinken. Schlagen. Angst und Erschöpfung vergessen …“

Madame Eugénie Patinot ist tot. Die Journalisten stürzen sich auf dieses Ereignis, die Presse überschlägt sich förmlich, so dass sich Victor Legris immer mehr die Frage stellt, ob es sich vielleicht nicht nur um einen mysteriösen Unfall, sondern eher um Mord handeln könnte.

Victor taucht immer mehr ein in die Welt der Journalisten, Maler und Karikaturisten. Er lernt nicht nur einen schwerreichen Kunstsammler kennen, sondern entdeckt auch seine Zuneigung zu einer aussergewöhnlichen russischen Frau namens Tasha, welche als Zeichnerin bei der Zeitung Passe-partout arbeitet und ihn immer mehr in irgendwelche Verstrickungen hineinzieht. Nachdem auch Madame Patinot nicht die einzige Tote bleibt, und es immer mehr nach einem Serienmord aussieht, spitzt sich die Lage soweit zu, dass so gar sein Freund und Kompagnon Kenji zu dem Kreis der Verdächtigen zählt. Jetzt ist es für Victor an der Zeit sich konkret mit dem Fall, besser mit den Fällen zu beschäftigen und somit beginnt er auf eigene Faust – trotz eines sehr engagierten Kommissars – zu ermitteln ….

„Madame ist leider verschieden“ ist der ideale Krimi für alle Parisfreunde und solche, die es noch werden wollen. Der Leser entdeckt bei der Lektüre das schillernde Paris während der Weltausstellung, das sich übrigens bis heute kaum verändert hat, wenn man von Gasbeleuchtung und den Pferdewagen absieht. Der Leser fühlt sich, als würde er – während er die Wörter mit den Augen aufsaugt – die Seine entlang laufen, den Eiffelturm bestaunen und die Pariser Luft einatmen, dank der überaus kompetenten „Stadtführung“ von Claude Izner. Aber darüber hinaus entdecken wir zusätzlich noch so einige pikante Details über die Pariser Gesellschaft (man denke zum Beispiel an die sogenannten Halbweltdamen). Besonders interessant sind auch die literarisch hervorragend integrierten Anekdoten aus dem Maler- und Künstlermilieu, bei welchen wir lernen können, dass van Gogh zu dieser Zeit noch nicht berühmt war und seine Werke eher unerkannt bei Seite gelegt wurden.

Claude Izner beschreibt in „Madame ist leider verschieden“ sensibel, malerisch und trotzdem mit einem scharfen Blick für Feinheiten das unvergessliche Paris des 19. Jahrhunderts. Wir werden Zeuge mysteriöser, aber doch sehr stilvoller Verbrechen, wir entdecken mit Hilfe eines äusserst kompetenten Buchhändlers und Antiquars, wie Victor Legris es ist, die interessante Welt der Literatur und der schönen Bücher. Und wir spüren bis zur letzten Seite, dass – wie Ernest Hemingway es auch sagte –  „Paris ein Fest fürs Leben“ ist!

Durchgelesen – „Das Zimmermädchen“ v. Markus Orths

„Das Zimmermädchen“ ist die ideale Lektüre für eine schlaflose Nacht in einem Hotelbett. Vielleicht werden Sie dann gar nicht mehr schlafen, denn spätestens nach den ersten dreissig Seiten verspüren Sie eine gewisse Unruhe! Markus Orths präsentiert uns einen verrückten Roman, oder sollte man besser sagen – eine groteske Novelle bei knapp 140 Seiten- , der den Leser fesselt und berauscht.

Markus Orths, geboren 1969 in Viersen, studierte Philosophie, Romanistik und Englisch. Seine Erzählungen und Romane wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, unter anderem mit dem Förderpreis des Marburger Literaturpreises (2003), dem Heinrich-Heine-Stipendium (2006), dem Walter-Scott-Preis (2006) und dem Telekom-Austria-Preis in Klagenfurt (2008). Er lebt und schreibt in Karlsruhe.

„Das Zimmermädchen“ ist das psychosoziale Porträt einer junger Frau, die – nach einem längeren Aufenthalt in der Psychiatrie -, versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die Hauptprotagonistin Lynn Zapatek, eigentlich heisst sie mit Vornamen Linda Maria, ist 1975 geboren, einsfünfundsechzig gross, hat braune Haare und grüne Augen. Sie wurde von ihrem Freund Heinz verlassen und kehrt nun nach sechsmonatiger stationärer psychotherapeutischer Behandlung wieder zurück in ihre Wohnung.

Lynn ist eine rastlose Frau, sie muss ständig etwas tun. Ruhe ist für sie unerträglich, trotz des Klinikaufenthaltes spürt sie, dass sich nichts bei ihr verändert hat. Sie fühlte sich bereits als Patientin unverstanden, sie sollte an sich arbeiten, sie sollte sich ihrer Vergangenheit stellen und Widerstand leisten. Jetzt ist sie zu Hause, hat keine Arbeit mehr und kein Geld. Ihre Mutter zahlt bereits die Miete, deshalb will sie nicht mehr von ihr verlangen. Sie trifft sich mit Heinz, er macht ihr klar, dass es definitiv vorbei ist. Doch glücklicherweise gibt es bald eine neue berufliche Perspektive für sie:

„Ihr Leben läuft wie am Schnürchen. Lynn steht auf, am Morgen, putzt sich, dann die Hotelzimmer, sie hat den Job bekommen, Heinz hat ihn ihr besorgt, und der Therapeut warf ein Wort in den Raum, das alles enthielt: Konfrontationstherapie. Gutachten, Gespräche, Vertrag, Probezeit, Kündigung schon beim geringsten Vergehen. Vergehen, denkt Lynn. Die Zeit begeht jede Menge Vergehen. Jeder Tag ist ein Vergehen. Und Lynn tut die Dinge gleichmässig.“

Lynn putzt, was das Zeug hält. Sie ist mehr als gründlich, sie findet Dreck, wo keiner ist. Entdeckt noch Staub, wo bereits gesaugt wurde. Das Putzen wird obsessiv, man könnte fast schon von einem pathologischen Putz-Zwang sprechen. Lynn bleibt immer länger, macht Überstunden, obwohl diese nicht bezahlt werden. Aber die Abende und Nächte zu Hause sind für sie schwierig. Sie fühlt sich nur in „ihren“ Hotelzimmern wohl. Mit Übereifer stürzt sie sich immer mehr in die Arbeit und entwickelt dazu noch eine Neugierde für die privaten Dinge der Gäste, die sie im Zimmer liegen lassen. Schnüffelt herum, schaut in die Kulturbeutel, liest Notizen und riecht an der Kleidung. Als sie jedoch beim Probieren einer Pyjamajacke beinahe erwischt wird und sich gerade noch rechtzeitig unter dem Bett verstecken kann, bevor der Hotelgast sein Zimmer betritt, entdeckt sie etwas ganz neues! Eine neue Perspektive, aus der sie alles beobachten kann, aber selbst unerkannt bleibt. Sie spürt, dass diese spontane Versteckaktion, welche eine ganze Nacht gedauert hat, nicht die letzte bleiben würde und beschliesst danach, sich jeden Dienstag unter ein Hotelbett zu legen:

„Siebter Dienstag, Zimmer 304, Lynn liegt unterm Bett eines Mannes. Der ist im Bad. Da klopft es an der Tür. Das Klopfen wird lauter. Lynn sieht Beine, die aus dem Bad kommen, die nackten Füsse hinterlassen Wasserflecken auf dem Teppich, der Mann öffnet die Tür, sagt, na, komm rein, er sagt es in einem rauen Tonfall, als wolle er besonders dreckig klingen, schliesst die Tür ab, Lynn hört eine Frauenstimme. Unterm Bett ist es nicht kalt. Lynn legt die Hände unter die Hüfte, wölbt ihr Geschlecht ein wenig, hin zur Unterseite des Betts, sucht bequeme Stellung, hält den Atem an.“

Dieser Abend wird für Lynn einiges verändern. Sie bleibt nicht die ganze Nacht unter dem Bett, sondern kriecht hervor, nachdem die Frau gegangen war und der Mann unter der Dusche stand. Sie schreibt sich noch die Telefonnummer ab von der Visitenkarte der Frau, welche Chiara heisst. Ab diesem Erlebnis dreht sich alles in ihrem Kopf. Sie legt sich nach wie vor jeden Dienstag unter ein Bett, lebt ihren Putzfimmel aus, reinigt sogar unbenutzte Zimmer und sie überlegt intensiv, ob sie Chiara anrufen soll. Sie tut es ….

„Das Zimmermädchen“ ist  gleichzeitig ein spannungsreiches und amüsantes Lesevergnügen, auch wenn das eigentliche Thema dieser Geschichte – die unerfüllte Sehnsucht nach einem anderen Leben – eher deprimierend sein könnte. Doch Markus Orths ist wie ein Zauberer. Er enthüllt in dieser kurzen Prosa den eigenwilligen Charakter dieser jungen Frau mit seiner Sprachkunst, die aus äusserst knappen und schnellen Sätzen besteht, welche die Obsessivität des Putzen brillant darstellt. Sensibel, aber trotzdem direkt, zeichnet er ein sehr subtiles Porträt dieser jungen Frau, die versucht, ihren Konflikt zwischen Chaos und Ordnung im Leben zu lösen. Ob das Putzen dabei hilft, ist sicher fraglich. Man könnte jedoch keinesfalls eine bessere Metapher für die Leere des Lebens finden!

Das Zimmermädchen“ ist ein verrücktes kleines Buch. Es fasziniert, macht neugierig, zieht in den Bann und wird den Leser auch nach der Lektüre gedanklich weiter begleiten, spätestens dann, wenn er bei seiner nächsten Reise auf seinem Hotelbett liegt. Lesen Sie dieses Buch: es ist packend, komisch, lustvoll, aber auch sehr tiefsinnig!

Durchgelesen – „Eine Frage von Glück oder Zufall“ v. Dominique Barbéris

„Eine Frage von Glück oder Zufall“ führt den Leser in die französische Provinz, in eine Atmosphäre, die der Meister aller französischer Filme Claude Chabrol, wäre er Schriftsteller gewesen, nicht besser hätte beschreiben bzw. filmen können. Das Buch ist ein Kriminalroman: es gibt einen Mord, es gibt bereits einen festgenommenen Verdächtigen, aber es ist noch nicht wirklich klar, wer nun der wahre Täter ist!

Dominique Barbéris ist mit diesem Roman ein kleines stimmungsvolles Wunderwerk gelungen, wie es nur flämische Maler in ihren Bildern festhalten können. Dominique Barbéris wurde als Tochter eines Diplomaten in Kamerun geboren und hat ihre Kindheit in Brüssel und Nantes verbracht. Sie studierte in Sèvres und an der Sorbonne. Nach dem sie in der Kommunikationsabteilung einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet hat, lehrt sie heute an der Universität in Paris. 1996 erschien ihr erster Roman. „Eine Frage von Glück oder Zufall“ wurde 2007 in Frankreich veröffentlicht und 2008 ausgezeichnet mit dem sehr renommierten Literaturpreis „Prix des Deux Magots“. Dieser Roman, der im Original den Titel „Quelque chose à cacher“  trägt (welcher die Stimmung noch mehr unterstreicht, als der deutsche Titel), ist das erste Buch in deutscher Übersetzung von Dominique Barbéris.

Der Roman spielt, wie schon angedeutet, auf dem Land, genauer in einer kleinen Stadt mit dem Namen N. an der Loire.  Ein Ort, der durch diesen bekannten Fluss, eine faszinierende Kulisse für einen Mord und seine mysteriösen Umstände bietet. Die Geschichte wird erzählt in der indirekten Rede und aus der Sicht eines Mannes, der äusserst merkwürdig und verdächtig erscheint. Es handelt sich hierbei um den etwas introvertierten Sohn von Doktor Lagarde (Arzt des Ortes). Er ist Kunstmaler – studierte Malerei in Paris -, arbeitet aber inzwischen als Angestellter im kleinen Kunstmuseum der Stadt N.

Eines Tages trifft der Erzähler in seinem Museum nach vielen Jahren Marie-Hélène, die er sehr bewundert hat, wieder. Er ist verunsichert, überrascht und durcheinander. Es kommen viele Erinnerungen hoch. Er kannte sie bereits als Kind. Er öffnete ihr die Tür bei ihrem Vater, als sie verletzt die Praxis von Dr. Lagarde aufsuchte. Doch jetzt ist sie eine erwachsene Frau:

„Ich nahm an, dass sie auf Geschäftsreise war, eine tatkräftige Frau, eine Rechtsanwältin, die Personalchefin eines Pariser Unternehmens, das habe ich gedacht, weil sie dieses Schneiderkostüm trug (ich erinnerte mich, dass sie ein ziemlich intelligentes Mädchen war). Ich sagte mir, dass sie zu Mittag gegessen haben musste, dass sie tatsächlich in dieses Nest zurückgekehrt war, dass sie bis zur Abfahrt ihres Zuges noch etwas Zeit hatte. Genau das habe ich mir gesagt, ich erinnere mich: Eine Frau, die noch etwas Zeit hat.“

Doch Marie-Hélène hat nicht mehr viel Zeit, denn sie wird in der Nacht auf Allerheiligen in ihrem Haus ermordet. Sie wurde aus nächster Nähe erschossen. Und genau zu diesem Zeitpunkt spazierte der Erzähler bei strömenden Regen entlang der Loire zu dem ansonsten unbewohnten Haus von Marie-Hélène, der Villa La Boulaye, das direkt an den Friedhof grenzt.

Massonneau, der ortsansässige Kommissar, kümmert sich um den Fall. Der Erzähler verfolgt äusserst minutiös die Ermittlungen, und auch Massonneau berichtet sehr detailliert seine Überlegungen und Erkenntnisse. Marie-Hélène wollte das Haus ihrer Kindheit verkaufen, sie traf sich bereits mit einem Makler. Doch Marie-Hélène traf sich auch noch mit einem Ingenieur aus dem benachbarten Kernkraftwerk im Restaurant des Ortes, was die Bedienung dort bestätigte. Alles sehr geheimnisvoll und undurchsichtig. Denn wer ist jetzt nun der wirkliche Mörder? Der Mann, der als Verdächtiger festgenommen wurde und in der ersten Nacht der Untersuchungshaft versuchte, sich zu erhängen und nun im Koma liegt, oder vielleicht doch der Erzähler?

„Eine Frage von Glück oder Zufall“ ist ein subtiler Roman, der nicht nur Chabrol wiedererkennen lässt, sondern auch eine grosse Portion Simenon mitliefert. Ein Buch mit unglaublicher Spannung, obwohl man ja bereits meint, den Mörder zu kennen. Dominique Barbéris lässt uns mit ihrer wunderbar musikalischen und geheimnisvollen Sprache eintauchen in die ländliche Atmosphäre an der Loire. Mit traumhaften Beschreibungen, die jedoch sehr prägnant und keineswegs ausschweifend sind, atmen wir als Leser die Luft des Nebels und den Geruch des Regens ein und sehen die Landschaft vor unserem inneren Auge entstehen. Wir spüren die Poesie der Loire und ihrer Umgebung. Wir sehen durch Fenster, aber gleichzeitig sehen wir nichts. Und deshalb bleiben viele Fragen offen, wie die „Eine Frage von Glück oder Zufall“! Was für ein schönes Buch, das jeden Freund des besonderen Kriminalromans begeistern wird und einem trotz der gerade mal 178 Seiten zwei oder drei unvergessliche und sehr nachhaltige Stunden schenkt.

Durchgeblättert – „Räume für Menschen, die Bücher lieben“ v. L. Geddes-Brown

Bücher sind geistige Nahrung. Aber Bücher haben auch – ob wir wollen oder nicht – eine sehr grosse dekorative Wirkung. Und um genau diese geht es in dem sehr inspirierenden Buch „Räume für Menschen, die Bücher lieben“.

Leslie Geddes-Brown war stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift World of Interiors. Als Journalistin wurde sie bekannt durch zahlreiche Publikationen über Raum- und Gartendesign. Sie selbst hat gleich mehrere Bibliotheken: in London eine Regency-Bibliothek, in ihrem mittelalterlichen Anwesen in Suffolk eine Bibliothek im gregorianischen Stil und in ihrem Haus in der Toskana gibt es auch zahlreiche Bücherregale.

„Räume für Menschen, die Bücher lieben“ ist ein faszinierendes, aber auch praktisches Einrichtungsbuch. Es geht darum, mit den Büchern nicht nur einfach zu leben und sie zu sammeln, sondern sie vielleicht auch positiv in Szene zu setzen. Das heisst jedoch nicht, dass alles in Reih und Glied stehen soll, nein die Bücher sollen und können sich präsentieren, sei es in einem schicken modernen Designer-Regal, in einer gemütlichen Bibliothek oder einfach nur als Stapel am Boden.

Die Bücher werden zu einem wichtigen Element der Raumgestaltung. Leslie Geddes-Brown gibt interessante Ideen und Anregungen, wie jeder Bibliophile seine Bücher inszenieren kann. Mit wunderbaren Photos aus zahlreichen privaten Bibliotheken, die man entweder im klassischen Wohnzimmer, aber auch im Schlafzimmer, in der Küche und im Badezimmer findet, bekommt jeder Leser äusserst spannende einrichtungstechnische Impulse.

Da entdecken wir zum Beispiel eine Designerin, die ihre Bibliothek in einem Treppenschacht gebaut hat und an ihre Bücher nur mit Hilfe eines höhen-verstellbaren Bootsmannsstuhl erreichen kann. Ein New Yorker Bücherliebhaber hat sein Schlafzimmer rundherum mit Regalen tapeziert. Karl Lagerfeld hat im Bad seines Studios in Rom natürlich auch Bücherstapel dezent auf einem Stuhl plaziert. Eine berühmte italienische Modedesignerin lässt Familienporträts und schöne Bücher gemeinsam in einem Regal „wohnen“.

Der Bildband bietet sehr nützliche Tipps im Hinblick auf Materialen, Farben und Beleuchtung. Er zeigt noch zusätzliche Anreize, wie man Büchern eine wahre „Bühne“ bereitet, um nicht nur ihren geistigen Wert, sondern auch ihr Äusseres wie Cover, Einband etc. ins Rampenlicht führt.  Als Anhang gibt es noch ein sehr informatives Adress-Register, das für jeden Bücherfreund sicherlich sehr nützlich sein kann.

„Räume für Menschen, die Bücher lieben“ ist ein wunderschönes Buch, das zeigt wie stilvoll man mit Büchern leben kann. Hier spürt jeder Leser wie faszinierend bibliophile Paradiese sein können, denn wer kann sich schon satt sehen an diesen traumhaften, originellen und durchgestylten Bibliotheken. Dieser Bildband ist ein ideales Geschenk für Menschen, die nicht nur den Inhalt ihrer Büchern entdecken wollen, sondern endlich auch mal das dekorative Element von Büchern unterstreichen möchten!

Durchgelesen – „Merry Fishmas“ v. Arezu Weitholz

Haben Sie schon Ihr Weihnachtsmenü zusammengestellt? Falls nicht, sollten Sie auf keinen Fall den Fischgang vergessen! Nachdem Arezu Weitholz uns bereits mit ihrem ersten Band „Mein lieber Fisch“ das Leben und Leiden von Fischen auf witzige Weise erklärt hat, erscheint nun passend zum Weihnachtsfest ein zweiter Gedichtband mit 44 Fischgedichten. Doch die Gedichte sind nicht nur für das bevorstehende Fest geeignet, eine Vielzahl der Verse sind ganzjährig einsetzbar trotz ihrer entzückenden weihnachtlichen Zeichnungen. Dieses Lyrik-Büchlein bietet somit wieder ein dauerhaftes Vergnügen für alle „fischigen“ Lebenslagen.

Die Brasse besiegt ihre Angst, die Fische sind verliebt und der Karpfen hat einen Kater. Aber dafür fängt die Krake an zu dichten und das mit Erfolg:

„Die Krake“

Die kleine Krake Kasimir
ist ein bisschen schlicht
sie kann sich keine Reime merken
und auch kein Gedicht

Wal auf Aal, das ist zuviel
Hecht auf echt erst recht
Welle, Delle, Siel und Kiel
gehn auch eher schlecht

Not und Krake sind am Ringen
doch dann ersinnt sie eine List:
Immer einen Knoten schlingen
damitse keinen Reim vergisst

Heute ihr Gedichte glücken
und man lobt sie in der See
nur das Schwimmen kannse knicken
denn sie ist jetzt Makramee

(genehmigter Abdruck, Quelle: „Merry Fishmas“, Vierundvierzig Fischgedichte fürs Fest von Arezu Weitholz, Weissbooks Verlag)

Lars, der Lachs ist Kettenraucher, die Meerjungfrau träumt von schicken Schuhen, die Renke hat sich verrenkt und der Tropenfisch wettert gegen den Weihnachtsmann. Da hilft nur eins, Ruhe bewahren und philosophisch denken:

„Der Philosofisch im Winter“

Bin ich ich
ein Fisch, ein Floh
bin ich nich
in Wahrheit froh

Bin ich das Meer
bin ich die Flut
ist alles wahr
ist alles gut

Wo geht es hin
wer lenkt den Weg
bin ich schon tot
bin ich zu spät

Bin ich aus Eis
und Schnee gebaut
tut es wohl weh
wenn es mal taut

Will ich, will ich
will mich nur was
und wenns mich will:
was soll denn das

(genehmigter Abdruck, Quelle: „Merry Fishmas“, Vierundvierzig Fischgedichte fürs Fest von Arezu Weitholz, Weissbooks Verlag)

Arezu Weitholz hat sich mal wieder übertroffen, die Gedichte sind einfach wunderbar! Witzig, amüsant, nachdenklich, kurzum sie sind prädestiniert für espritvolle Momente. Zaubern Sie Ihr ganz persönliches und wortreiches „Fisch-Menü“, geniessen Sie dies nicht nur an den Festtagen. Deshalb lassen wir jetzt die Fische schwimmen und freuen uns – wie der Fisch im Wasser –  an dieser hinreißenden und „schuppigen“ Poesie!

Durchgelesen – „Ein Winter mit Baudelaire“ v. Harold Cobert

„Ein Winter mit Baudelaire“ ist ein Roman, bei dem man durch das Wort Winter im Titel sofort denkt, dass er ganz wunderbar in diese jetzige Jahreszeit passen könnte. Doch dieses Buch ist ein Ganz-Jahres-Buch, denn das Schicksal das hier unglaublich emotional, direkt und realistisch erzählt wird, kann jeden Menschen zu jeder Jahreszeit treffen. Der Roman beschreibt den dramatischen Absturz eines Mannes, der alles zu seinem Glück hatte: eine Frau, ein Kind und einen Job.

Harold Cobert ist 1974 in Bordeaux geboren, hat Literatur studiert und nach einem Surfunfall sich im Alter von zwanzig Jahren für das Schreiben entschieden. Er arbeitet als Theater-, Film- und Fernsehautor und ist in Frankreich durch ein Essais über Mirabeau bekannt geworden. „Der Winter mit Baudelaire“ ist der erste Roman, der in deutscher Übersetzung erscheint.

Der Roman spielt in Paris und beginnt im Frühjahr. Philippe  – der Hauptprotagonist dieses Buches – erzählt seiner kleinen Tochter Claire zum letzten Mal noch ihre Lieblingsgeschichte und wird dann von seiner Frau Sandrine vor die Tür gesetzt. Sie waren bereits seit drei Monaten geschieden und er hatte seine Frau um Zeit gebeten, um endlich eine Wohnung finden zu können. Doch Sandrine lässt sich nicht mehr überzeugen, im Gegenteil sie ist hart und stellt ihm den Koffer in den Flur. Philippe ist durcheinander, verlässt das Haus und fährt mit seinem Auto ziellos durch die Stadt. Er sucht verzweifelt ein Hotel, findet keines, schläft im Auto und schleicht sich in sein Büro, um sich dort zu waschen und die Kleider zu wechseln.

Inzwischen untergekommen in einem Billig-Hotel gibt es nun auch Probleme im Job. Philippe hat einen befristeten Arbeitsvertrag. Er hat die letzten Monate keine Aufträge mehr an Land gezogen. Er ist Vertreter für Wärmepumpen und versucht mit allen Mitteln diese zu verkaufen, aber ohne Erfolg. Er sollte bis zum Monatsende noch 9 Verträge abschliessen. Er ist an einem wichtigen Kunden dran, doch dieser wird ihm von einem Kollegen weggeschnappt. Philippe ist so verärgert, dass er kündigt.

Die Suche nach einer Wohnung war bereits mit Job und Mindestlohn eine Katastrophe und jetzt ohne Arbeit ist die Lage noch aussichtsloser. Das Fatale daran ist: ohne Job keine Wohnung und ohne Wohnung kein Job. Ein Teufelskreis, der Philippe immer tiefer fallen lässt. Aber es kommt noch schlimmer. Er konnte bis jetzt von seinen Ersparnissen leben, aber seine Frau hat einfach von seinem Konto ihren Unterhalt für Claire abbuchen lassen, so dass sein Konto nun gesperrt ist. Doch das ist immer noch nicht alles. Er verliert nun auch noch den Kontakt zu seiner geliebten Tochter.

Trotz allem versucht Philippe sein „neues“ Leben zu organisieren. Er deponiert seinen Koffer und seinen Computer in einem Schließfach am Bahnhof von Montparnasse, geht dort in die öffentlichen Duschen und verbringt viel Zeit in einem Waschsalon. Er läuft durch die Stadt, versucht auf Bänken zu schlafen, erholt sich in der Metro und lernt andere Obdachlose kennen. Philippe lebt jetzt auf der Strasse und versucht die Gedanken an die Zukunft zu ordnen:

„Die Zukunft wird in der Gegenwart gelebt. Einer Gegenwart, die sich nicht beugen lässt. Oder wenn, dann nur im Infinitiv, der Form des Unbestimmten. Weil heute so ist wie gestern und morgen so wie heute. … Gehen. Waschsalon. Schlafen. Wasser lassen. Die Tage zählen. Essen. Tafel. Kleidung finden. Caritas. Gehen Notdurft verrichten. Betteln. Würde bewahren. Nicht verrückt werden. Wasser lassen. Die Tage zählen. ….“

Der Sommer ist vorbei, der Herbst endet auch bald und Philippe hat immer noch keinen Job, keine Wohnung und kämpft sich mehr und mehr durch. Die Strasse wird immer mehr sein „Zuhause“. Er vermisst seine Tochter, wartet oft versteckt an ihrer Schule und beobachtet, wie sie von ihrer Mutter und dessen neuen Freund abgeholt wird.

Sein Leben wird immer härter, denn der Winter kommt. Die Temperaturen fallen nachts auf -3 Grad und er findet keinen Schlafplatz über einem beheizten Lüftungschacht. Er läuft durch die Stadt, wird immer langsamer und ist vollkommen erschöpft. Er versucht in einem der Obdachlosenheime in Nanterre (Vorort von Paris) eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Eine Nacht verbringt er dort und dann geht alles wieder von vorne los. Weihnachten sucht er wieder ein warmes Fleckchen, doch er wird dabei von anderen Obdachlosen angegriffen, geschlagen und mit dem Messer bedroht. Eine lebensgefährliche Situation! Doch ein wild streunender Hund stürzt aus der Gasse, beisst dem Messerangreifer in die Hand und Philippe ist gerettet. Und ab diesem Moment hat Philippe einen neuen Freund: diesen eher etwas strubbeligen, aber sehr sympathischen und rücksichtsvollen Vierbeiner. Sie beschliessen zusammen zu bleiben und der Hund führt ihn an Schlafplätze, die er niemals allein gefunden hätte. Und nicht nur das. Er lernt durch ihn den Kebab-Verkäufer Bébère kennen. Bei ihm ist der Hund, der übrigens Baudelaire heisst, Stammgast. Bébère hat ihn nach dem berühmten Dichter benannt, weil der dessen Poesie so liebt!

Ab diesem Zeitpunkt fühlt sich für Philippe das Leben wieder besser an. Er ist nicht mehr allein, hat einen „Freund“ und ist immer mehr integriert in diesem Pariser Viertel. Er spürt eine neue Stärke aufsteigen, er wird mutig und zusammen mit dem Hund liest er nun in der Metro Gedichte von Baudelaire:

„Ich singe die armseligen Hunde, die einsam in den gewundenen Schluchten der unermesslichen Städte umherirren, und sie, die dem verlassenen Menschen mit geistvoll blinzelnden Augen sagten: «Nimm mich zu dir, und aus dem Elend von uns beiden machen wir dann vielleicht so etwas wie Glück!»“

Die Geschichte von Philippe entwickelt sich weiter, Baudelaire begleitet ihn und gibt ihm Kraft, bis er schwer krank wird. Doch Philippe entdeckt an sich neue Qualitäten, lernt viele gute Menschen kennen, so dass er vielleicht sogar ganz bald seine geliebte Tochter wieder in die Arme schliessen kann….

„Ein Winter mit Baudelaire“ ist keine banale Hundegeschichte, wo Hund Mensch rettet und dann alles gut wird. Nein, so einfach ist dieser Roman nicht. Es geht hier viel mehr darum, über das Leben von Obdachlosen aufzuklären, dem Leser dieses Milieu näher zu bringen und die Gesellschaft wach zu rütteln, was es bedeutet auf der Strasse zu leben und wie schnell es doch jeden Menschen treffen kann. Harold Cobert hat äusserst genau in der Pariser Obdachlosen-Szene recherchiert. Er verweist so gar am Ende des Buches auf die Institutionen, die sich für Obdachlose einsetzen und diese unterstützen. In Frankreich wurde ein Teil der Tantiemen dieses Buches „Le Fleuron“ gespendet. Dies ist ein Schiff (liegt im 15. Arr. am Seineufer), das mit Hilfe des Malteserordens ins Leben gerufen wurde, und auf welchem Obdachlose mit ihren vierbeinigen Freunden für eine gewissen Zeit wohnen dürfen, um mit Unterstützung vor Ort wieder in das „normale“ Leben zurückfinden zu können.

„Ein Winter mit Baudelaire“ ist ein faszinierender, mitreißender und melancholischer Roman. Er trifft einen tief ins Herz, der Leser leidet mit, die Augen werden feucht und trotzdem fühlt man sich nicht traurig. Harold Cobert weckt den Leser auf mit seiner poetischen und gleichzeitig direkten Sprache. Die Kapitel sind kurz und haben äusserst prägnante Überschriften, das seinem literarischen Stil eine besondere Note verleiht. Der Roman lässt den Leser nicht los, er macht betroffen und regt zum Nachdenken über das Leben und die Toleranz in unserer Gesellschaft an. „Ein Winter mit Baudelaire“ ist ein sehr empfehlenswertes und wunderbares Buch über besondere Menschen und Hunde!

Durchgeblättert – „Bilder des literarischen Lebens“ v. Isolde Ohlbaum

„Bilder des literarischen Lebens“ ist eine fantastische und kompetente Bild-Chronik des Autorenlebens aus vier Jahrzehnten. Ein geistiges Archiv in Form einer „literarischen“ Photo-Enzyklopädie, die es jemals in dieser Form gegeben hat.

Isolde Ohlbaum wurde in Oberbayern geboren und lebt seit 1953 in München. Sie absolvierte Anfang der siebziger Jahre eine Ausbildung an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie und arbeitet seitdem als freischaffende Photographin. Ihr Spezialgebiet ist das Porträt. Sie hat viele Preise gewonnen und ihre Bilder sind regelmässig in internationalen Ausstellungen zu bewundern.

Mit diesem prachtvollen Photo-Bildband hat sie ein wahres Wunderwerk geschaffen. Über vier Jahrzehnte photographierte sie in Deutschland ansässige Autoren und Autorinnen wie zum Beispiel Achternbusch, Heym, Zuckmayr. Jedoch auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus den verschiedensten Ländern, die Deutschland besuchten, hier Preise in Empfang nahmen und Vorträge hielten wie unter anderen Marguerite Duras, Umberto Eco, wurden von ihr porträtiert.

Isolde Ohlbaum war bzw. ist unermüdlich gewesen in ihrer photographischen „Verfolgung“, denn sie hat keine Buchmesse, keine Autorenlesung, keine Preisverleihung und kein Festival verpasst, um fast alle wichtigen literarischen Persönlichkeiten vor die Linse bringen zu können. Diese Ausdauer gehört neben der ästhetischen Photographiekunst zu der Grundbasis dieses unglaublich hochwertigen Buches, für welches aus 357 Schwarz-Weiss- Bildern 352 ausgewählt und alphabetisch geordnet wurden.

Isolde Ohlbaum nützt bei jedem ihrer Porträts die Gunst des Augenblicks und eröffnet damit dem Betrachter unvergessliche, ungeschönte und sehr authentische Momente im Leben eines Schriftstellers bzw. einer Schriftstellerin. Die Bilder haben eine gewisse Theatralik, die teilweise inszeniert, teilweise aber auch ganz spontan entstanden ist. Genau dies erklärt in einem sowohl sachkundigen als auch poetischen Einführungstext Cees Nooteboom mit bewundernder Sensibilität.

„Bilder des literarischen Lebens“ ist ein „Familienalbum“ aus der Welt der Literatur. Ein faszinierender Bildband, der in keinem buchhändlerischen oder literarischen Haushalt fehlen sollte. Ein Kompendium feinster Porträt-Photographie, das jeden Liebhaber besonderer und formvollendeter Photokunst begeistern wird.

Durchgelesen – „Frühstück mit Proust“ v. Frédérique Deghelt

„Frühstück mit Proust“ ist ein charmanter Roman, in dem zwei Frauen – eine Grossmutter und eine Enkelin – die Hauptrolle spielen. Frédérique Deghelt erzählt eine wunderbare Geschichte, die sich um die Fragen des Älterwerdens dreht und warum Bücher und Lesen ein wichtiges Lebenselixier sein können.

Frédérique Deghelt hat bereits viele Romane veröffentlicht und arbeitet als Journalistin und Fernsehregisseurin. Sie lebt in Paris, nur wenn Sie gerade mal nicht auf Reisen ist, denn sie ist eine wahre Kosmopolitin.

Der Roman wird erzählt aus der Perspektive der Enkelin Jade und aus der Sicht der Grossmutter Jeanne, die Jade Mamoune nennt. Die Geschichte beginnt dramatisch, da Jade’s geliebte Grossmutter nach einem Sturz in ihrem Haus in ein Pflegeheim umziehen soll. Mamoune’s Mann war vor drei Jahren gestorben, sie hatte seitdem allein gelebt und fühlte sich etwas hilflos. Das Pflegeheim wurde organisiert durch ihre zwei Töchter (Jade’s Tanten), das in ein raffiniertes Probewohnen verpackt wurde, aber letztendlich als Dauerlösung sich entwickelt hätte. Mamoune liebte ihr Haus und vor allem ihren Garten, deshalb wäre das Pflegeheim sicherlich ihr Untergang. Doch es kommt anders als Mamoune jemals gedacht hätte. Jade entschliesst sich, ihrer Grossmutter zu helfen und sie vor dem Altersheim zu retten. Sie entführt Mamoune nach Paris, wo sie lebt und gründet mir ihr eine nicht ganz ungewöhnliche WG.

Jade möchte all die Liebe, die sie als Kind von ihrer Grossmutter bekommen hat, wieder zurückgeben. Bis jetzt war Mamoune für sie eine warmherzige Frau: eine Bäuerin, eine Frau ohne Bildung und eine beliebte Kinderfrau. Doch plötzlich entdeckt Jade ganz neue Seiten an ihrer geliebten Grossmutter. Jade arbeitet als Journalistin freiberuflich in Paris und hat einen Roman geschrieben, der bereits von verschiedensten Verlegern abgelehnt wurde. Sie ist besonders überrascht, als ihr Mamoune angeboten hatte : „Ich könnte dir vielleicht helfen …“ Jade war irritiert, denn wie sollte sie ihr helfen wollen. Ja und dann erklärte ihr Mamoune warum sie ihr die Hilfe anbieten möchte und auch könnte:

„«Ich habe immer viel gelesen, schon vor ganz langer Zeit. Ich bin eine begeisterte Leserin, ein richtiger Büchernarr, kann man sagen. Bücher waren meine heimliche Liebe, mit ihnen habe ich deinen Grossvater betrogen, der unser ganzes gemeinsames Leben lang nichts davon wusste.»“

Sie erzählte Jade, wann und wie sie heimlich gelesen hatte, damit es ja auch niemand mitbekam. Denn für die Tochter eines Bergbauerns und später als Frau eines Arbeiters war es eher ungewöhnlich, Lesen zu können und zu wollen. Literatur war für die Reichen und Gebildeten, und nichts für jemanden, der gerade mal die Grundschule besucht hatte. Somit musste sich Mamoune etwas einfallen lassen. Immer dann, wenn sie die Babys und Kinder gehütet hatte, las sie ihnen vor: Auszüge von Hugo, Flaubert und Joyce. Sie verwendete die Bibel als „Schutzumschlag“, um diskret Proust lesen zu können. Und so tauchte sie ganz langsam und heimlich ein in die Welt der Literatur.

Jade ist überrascht und begeistert zu gleich. Die zwei Damen verstehen sich immer besser und kommen sich auf eine ganz besondere Weise durch die gemeinsame Leidenschaft des Lesens immer näher. Mamoune hilft im Haushalt, kocht und räumt auf, um Jade das Leben so schön wie möglich zu machen. Aber sie entdeckt auch Paris, das Viertel am Montmartre, wo sie nun lebt. Sie lernt mit dem Internet umzugehen, besorgt sich eine Email-Adresse, begibt sich ganz besonnen auf die Suche nach einem Verleger für Jade’s Roman und sie verliebt sich zu ihrer eigenen und Jade’s Überraschung….

„Frühstück mit Proust“ ist eine entzückende Geschichte über das Lesen und das Alter. Raffiniert und feinfühlig enthüllt Frédérique Deghelt viele Fragen, mit denen wir konfrontiert werden und die wir uns sicherlich immer wieder stellen müssen: Wie gehen wir mit älteren Menschen um? Ist das Altersheim die richtige Lösung? Können Jung und Alt unter einem Dach leben? Der Roman ist keines-falls trivial oder sentimental, nein er ist sehr realistisch. Auch die verschiedenen Erzählperspektiven von Seiten der Enkelin und Grossmutter eröffnen dem Leser ganz überraschende Sichtweisen, die Fréderique Deghelt intelligent und weise beschreibt. Das Buch ist keine intellektuelle Diskussion über Autoren und Literatur, sondern ein sehr herzliches und bewegendes Buch über den Sinn des Lebens.

„Frühstück mit Proust“ ist ein bezaubernder und einnehmender Roman, der sich wunderbar für seelenerwärmende Stunden in den eher kühlen und grauen Novembertagen eignet, aber auch sehr zum Nachdenken anregt, spätestens dann, wenn man den Epilog am Ende des Buches gelesen hat.

Durchgeblättert – „On Reading“ v. André Kertész

André Kertész (1894-1985) war einer der einflussreichsten und produktivsten Photographen des 20. Jahrhunderts. Seine Bilder sind nicht nur einfache Photos von alltäglichen Situationen, es sind wahre poetische „Gemälde“, die den Betrachter sofort in eine magische Vision ziehen. Kertész war gebürtiger Ungar, zog 1925 nach Paris, um hier die tragende Rolle des Photojournalismus und der Modernen Kunst zu begreifen und auch anzuwenden. 1936 hat er jedoch Paris wieder verlassen für eine Position als Photojournalist in New York. Er scheiterte jedoch in dieser Position, verlor dadurch an künstlerischem Ansehen und geriet in Vergessenheit. Doch Mitte der 70ziger Jahre wurde Kertész wieder vollkommen neu entdeckt und für seine wahrlich herausragenden Photos anerkannt. Er gehörte nun zu den wichtigsten Figuren und Vertretern in der Geschichte der Photographie. Seine Aufnahmen aus 73 Jahren Karriere kann man in vielen Museen und Ausstellungen auf der ganzen Welt bewundern.

„On Reading“ ist ein schmaler, aber sehr beeindruckender Bildband, der 66 Schwarz-Weiss-Photos präsentiert, in denen Menschen gezeigt werden, die sich in einem sehr persönlichen, einmaligen und intimen Moment befinden, nämlich während des Akts des Lesens. Die Bilder wurden von 1915 bis 1970 gemacht. Die früheste Momentaufnahme in dieser Kollektion – drei kleine Buben, die ein Buch gemeinsam über ihren Knien halten und ganz vertieft darin lesen – hatte Kertész im Alter von 21 Jahren gemacht. Diese Photographie war der Auslöser für ein lebenslanges Interesse an lesenden Menschen! Kertész photographierte Leser in den verschiedensten Städten wie  zum Beispiel New York, Paris, Venedig und Tokio. Aber auch in seinem Heimatland Ungarn entdeckte er ideale Motive für dieses spannende Thema. Die Menschen in diesen magischen Bildern lesen beispielsweise im Jardin du Luxembourg in Paris, am Washington Square in New York City und in einer Bibliothek in Tokio. Aber nicht nur an elitären Orten wie diesen entdecken wir den „Leser“, nein auch auf einem einfachen Hausdach, sitzend in einem Liegestuhl oder auf der Strasse.

Kertész Bilder sind feinsinnig, spielerisch und sehr poetisch. Sie bestechen durch ihre Klarheit und Einfachheit, welche jedoch dem Moment des Lesens eine besondere und tragende Rolle verleiht. „On Reading“ ist ein ganz besonderer Kunstband. Jeder Liebhaber der Lese – und insbesondere der Photokunst wird sich über dieses schöne Buch freuen, das zum ersten Mal 1971 erschienen ist und nun nach Jahrzehnten wieder neu aufgelegt wurde. Ein Bildband voller Emotionen, Stimmungen und Fantasien. Geniessen Sie den Zauber dieser „Kunstwerke“ und tauchen Sie ein in die Welt des Lesens und der elegant sensiblen Photographie!

Durchgelesen – „Das finstere Tal“ v. Thomas Willmann

Das finstere Tal“ ist ein ungewöhnlicher Roman. Ein Roman, der sich zwischen den drei Genres Heimatroman, Krimi und Western manchmal nicht entscheiden kann und deshalb den Leser extrem in seinen Bann zieht. Die Dramatik dieser Rachegeschichte wird langsam und äusserst subtil aufgebaut, was Thomas Willmann in seinem Debüt-Roman wahrlich grandios gelingt.

Thomas Willmann studierte Musikwissenschaft und machte bereits erste journalistische Erfahrungen während eines Auslandssemesters in den USA. Inzwischen ist er als freier Journalist tätig und hat daneben verschiedene Lehraufträge an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität mit Schwerpunktthema Filmmusik. Seit 2007 ist er auch als Übersetzer tätig.

„Das finstere Tal“ fordert den Leser von der ersten Seite an mit grösster Aufmerksamkeit dem Fremden namens Greider auf dem Weg in ein abgelegenes Tal in den Alpen zu folgen. Die Sprache, die vielleicht anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig ist, da sie sehr bildreich, teilweise etwas schwülstig und altmodisch erscheinen mag, spielt in diesem Roman eine tragende Rolle. Der Hauptprotagonist ist jedoch ein Fremder namens Greider.

Greider erreicht nach einer langen Reise auf seinem Maultier endlich das Hochtal, in dem sich ganz versteckt ein kleines Dorf befindet. Beobachtet von der eingeschworenen Dorfgemeinde reitet er in die Mitte des Dorfes, spürt die Abwehr der Männer, fühlt sich sofort als Eindringling, lässt sich aber nicht weiter dadurch irritieren. Greider fragt nach einem Quartier und erklärt, dass er Maler ist. Nach langem Hin und Her wird ihm auf dem Hof der Witwe Gader, den sie mit ihrer Tochter Luzi bewirtschaftet, eine Unterkunft zugewiesen:

„« Sie san also Maler? » begann sie einen Fragenreigen, mit dem sie Greider so viel als möglich über sich, seine Herkunft, seine Absichten, das Leben in der weiten Welt da draussen entlocken wollte – worauf der ihr nur Antworten bescherte, die zwar höflich und freiheraus daherkamen, die aber doch stets knapp und sehr im Allgemeinen blieben. …. Zugleich nutzte der Gast jede Möglichkeit, seine Antworten in Gegenfragen zu kehren, und hatte mit diesen bei der offenherzigen Frau ergiebigeren Erfolg.“

Dies war auch gleichzeitig die Gelegenheit, das Gespräch auf die sechs Männer zu lenken, die ihn zum Haus der Witwe Gader begleitet hatten. Es stellte sich heraus, dass dies die Söhne des allmächtigen Brenner-Bauern waren. Greider war entschlossen nach und nach das Dorf, die Landschaft, die Bauern, kurzum das ganze Tal zu erkunden. Ausgerüstet mit Pinsel und Leinwand beobachtet er die Menschen und hält malenderweise die eigenartige Stimmung fest. Eine positive Fassade, die sich künstlerisch darstellen lässt, die aber nicht im Geringsten das Böse und Düstere verstecken kann. Alles scheint so in seinen Bahnen zu laufen; die Dorfbewohner beruhigen sich langsam wieder, nachdem der Fremde seinen Platz gefunden hat. Doch plötzlich erschüttert das Dorf eine mysteriöse Todesserie. Zu erst verunglückt der jüngste Sohn des Brenner Bauern beim Holzfällen und dann wird auch noch einer seiner Brüder im Mühlbach tot aufgefunden.

Ab diesem Zeitpunkt vollzieht sich ein Wendepunkt in diesem Roman. Flankiert von dramatischen Flash-Backs beschreibt Greider die Vergangenheit seiner Mutter, die mit diesem Dorf und dem Dorfherrscher Brenner unwiderruflich verknüpft ist. Es beginnt eine dramatische Aufarbeitungsgeschichte, die Greider zum Rächer, aber auch zum Retter werden lässt. Mit aller Gewalt versucht er die inzestuösen Machtstrukturen aufzubrechen. Er tauscht sein Werkzeug. Das Gewehr tritt an die Stelle des Pinsels und der Show-Down beginnt …

„Das finstere Tal“ ist ein grossartiges Werk. Thomas Willmann verleiht seiner besonderen Sprache eine Macht, die man selten im klassischen Heimatroman, Western oder Krimi finden kann. Die wenigen Dialoge bestechen durch ihre Kargheit, die Beschreibungen und Schilderungen der extremsten Situationen werden literarisch auf ein unglaublich hohes Niveau katapultiert, so dass man als Leser vor dieser fantastischen Erzählkunst nur noch den Hut ziehen kann. Die Geschichte ist erschütternd, manchmal fast schon brutal, trotzdem feinsinnig und gleichzeitig sehr imposant.

„Das finstere Tal“ ist ein wahnsinnig spannender und atmosphärisch dichter Roman über Liebe, Tod, Schuld und Vergeltung. Beginnen Sie einfach zu lesen und sie werden das Buch nicht mehr weglegen können, denn sie reiten ab der ersten Seite durch einen schaurig-schönen Heimatroman über einen subtilen Krimi in einen dramatischen Western hinein!

Durchgeblättert – „Frauen und ihre Bücher“ v. Johannes Thiele

„Frauen und ihre Bücher“ ist nicht nur ein reicher und sehr schön gestalteter Kunstband über lesende Frauen, sondern auch ein Buch, das dem Leser unter anderem diese interessanten Fragen beantwortet: Warum lesen Frauen? Wie lesen sie und an welchem Ort lesen sie?

Johannes Thiele liebt die Welt der Bücher. Er hat Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, war in verschiedenen Verlagshäusern tätig und ist seit 2007 selbst Verleger. Er hat sich für dieses Werk auf Spurensuche begeben und die schönsten und faszinierendsten Gemälde lesender Frauen entdeckt, um sie uns Leser bzw. Leserin näher zu bringen.

In acht Kapiteln wandelt der Leser durch eine ganz besondere Kunstgeschichte. Es geht um die lesende Frau, die sogenannte „Liseuse“ oder „Reading Woman“. Von der weiblichen Leidenschaft, über die Refugien der Lektüre, den Lieblingsbüchern und den dazugehörigen Orten bis zu den ganz intimen Lesemomenten spüren wir die Faszination und das Glück des Lesens.

Dieser Kunstband ist wie ein Spaziergang durch die Malerei des achtzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist spannend, kurzweilig und sehr informativ. Er löst Schwelgen und Begeisterungsstürme aus, wenn wir plötzlich vor einem Bild stehen, wie zum Beispiel „Lesendes Mädchen“ (ca. 1776) von Jean-Honoré Fragonard, das sicherlich zu den berühmtesten Bildern gehört, welches die Anmut und die Schönheit einer Frau bzw. eines Mädchens beim Lesen zeigt. Oder man entdeckt das Gemälde mit dem eher harmlosen Titel „Bücherwurm“ (1908) von Hermann Fenner-Behmer und denkt sofort an das berühmte gleichnamige Gemälde von Carl Spitzweg. Doch hier ist alles anders! Das Bild ein sanfter und dezent erotischer Akt: eine sehr schöne nackte Frau, die sich am Morgen noch in ihrem Bett räkelt und sich genussvoll und vollkommen unbedeckt auf dem Bauch liegend ihrer Lektüre widmet.

Diese Galerie lesender Frauen ist berauschend und betörend! Doch nicht nur unsere Augen kommen hier auf ihre Kosten, auch der Geist wird umschmeichelt mit sehr schönen Texten über literarische Freundschaften und weibliche Lieblingslektüren.

„Frauen und ihre Bücher“ erklärt uns, warum Frauen viel mehr lesen als Männer, und beschreibt welche Sehnsüchte das Lesen stillen kann. Ausgewählte Zitate über das Lesen krönen diesen besonderen Bildband, der nichts anderes ist, als eine wundervolle Hommage an lesende Frauen, welcher aber auch für nicht lesende Männer eine Entdeckung sein könnte!

Durchgelesen – „Das amerikanische Hospital“ v. Michael Kleeberg

Das Leben schreibt viele Geschichten, traurige, mutige, schöne und intensive. „Das amerikanische Hospital“ ist eine von diesen nachhaltigen Lebensgeschichten, die besonders sanft, einfühlsam, aber auch unglaublich informativ und authentisch von Michael Kleeberg erzählt wird. Er selbst studierte Politische Wissenschaften, Geschichte und Visuelle Kommunikation. Sein literarisches Werk wurde mit dem Anna-Seghers-Preis (1996), dem Lion-Feuchtwanger-Preis (2000) und dem Irmgard-Heilmann-Preis (2008) honoriert. Seit 2000 lebt er als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen und Englischen in Berlin. Davor hat er 14 Jahre in Paris gelebt, eine Stadt die ihn sicherlich sehr geprägt hat und die auch der Schauplatz dieses Romans ist.

„Das amerikanische Hospital“ ist nicht nur der Titel dieses intensiven Romans, es ist auch der richtige Name eines privaten Krankenhauses in Neuilly, einem der nobelsten Vororte im Westen von Paris. Es ist in der Regel der Ort, wo Menschen Hilfe und Heilung suchen, aber es ist auch ein Ort der Begegnung. Und so kommt es, dass Hélène, eine 30 Jahre junge, dynamische und erfolgreiche Pariser Innenarchitektin, und David, ein amerikanischer Soldat, hier aufeinandertreffen. Im Herbst 1991 wartet Hélène an der Rezeption des American Hospitals und just in diesem Moment sieht sie einen Mann – Amerikaner – vor ihr zusammenbrechen. Er lag gekrümmt zu ihren Füssen und zuckte, als hätte er einen epileptischen Anfall. Sie sprang ihm sofort zur Hilfe, er klammerte sich an ihr so fest, dass ihr Kleid an der Taille aufgerissen wurde. Glücklicherweise  kamen ihr zwei Pfleger zu Hilfe und sie wurde aus seinen starken Händen befreit.

Hélène hatte sich für das Hôpital Américain in Neuilly entschieden, um eine künstliche Befruchtung – eine sogenannte In-vitro-Behandlung – vornehmen zu lassen. Ihr Mann und sie wünschten sich unbedingt ein Kind. Aber sie konnte auf natürliche Weise keine Kinder bekommen, und für ihren Mann ist eine Familie ohne Kind keine richtige Familie. Unabhängig davon sollte sie auch noch ihre Arbeit aufgeben, um sich vollkommen auf die Behandlung konzentrieren zu können. Die Prozedur dieser künstlichen Befruchtung war unbeschreiblich aufwendig, Voruntersuchungen, Gespräche und schliesslich der erste Versuch im November. Ja und genau vier Wochen später bei der ersten Follikelpunktion, wo sie aufgrund einer leichten Narkose, eine Nacht im Krankenhaus verbringen musste, traf sie den Amerikaner wieder. Als sie in der Cafeteria sass, erkannte er sie, während sie beide jeder für sich ein Buch gelesen hatten:

„Entschuldigen Sie, sagte er im Stehen. Sie werden sich nicht erinnern. Sie haben mir -, er stockte. Sie waren sehr freundlich. Er blickte zu Boden. Sie haben sich um mich gekümmert, als ich -. Aber natürlich ! Jetzt lächelte sie im Wiedererkennen das Lächeln, das sie sich seinerzeit versagt hatte. Setzen Sie sich doch. Geht es Ihnen wieder gut? Er legte zuerst das Buch ab, bevor er dankte und Platz nahm. So fiel ihr Blick darauf. Oh! Elizabeth Bishop!,rief sie. Sagen Sie nicht, Sie kennen Elizabeth Bishop. The art of losing isn’t hard to master, zitierte sie, und sie schwiegen beide kurz. Hilfesuchend irrte sein Blick über den Tisch, dann las er, beinahe vorwurfsvoll: Aragon. Das sind ja auch Gedichte! La Diane Française…. „

Hélène freute sich über das Wiedersehen. Sie spürte eine unerklärbare Nähe zu diesem Mann, die sicherlich auf die gemeinsame Liebe zur Lyrik begründet war. Doch dies allein war es nicht. Sie erzählte ihm den Grund ihres Aufenthaltes im Hôpital Américain, dass sie nicht krank wäre, sondern unbedingt schwanger werden möchte. Er schwärmte weiter von Elizabeth Bishop, überhaupt würde für ihn die Poesie ein wichtiger Teil in seinem Leben spielen, noch dazu wo er die Literatur auch richtig studiert hatte.

Der erste Versuch der künstlichen Befruchtung scheiterte und sie musste sich Anfang des Jahres einer Ausschabung im Krankenhaus unterziehen. Sie liess sich nicht entmutigen und startete im Sommer darauf einen zweiten Versuch. Ihr Arzt machte ihr Hoffnungen. Es wäre nicht ungewöhnlich, dass es nicht sofort funktioniert. Sie bräuchte Geduld. Hélènes Leben bestand von nun an nur noch aus Terminen bei ihrem Arzt. Das Hôpital Américain wurde wie eine Art „Arbeitsplatz“ zu dem sie regelmässig pendelte. Ja und dann sah sie ihn wieder und stellte mit Entsetzen fest, das er Soldat ist. Ein amerikanischer Soldat! Passt das zusammen: Lyrikliebhaber und Soldat? Sie konnte die Frage nicht beantworten. Sie war viel zu überrascht, um nicht zu sagen fast schon schockiert:

„Es stimmt schon, begann er, als sie sich im gegenübergesetzt hatte, ich hätte Ihnen gleich sagen sollen, dass ich Soldat bin. Ja. Man sollte das immer sofort sagen. So wie Aussätzige früher immer eine Pestklingel getragen haben. Damit die anständigen Menschen einen weiten Bogen schlagen konnten. Tut mir leid, wenn ich kurz angebunden war, sagte sie. Aber ich mag es nicht, angelogen zu werden, auch wenn das zu einer interessanten Unterhaltung geführt hat. Warum haben Sie mir erzählt, Sie hätten Literatur studiert, wenn Sie Soldat sind? Er sah sie ungläubig an. Aber ich habe Literatur studiert. So, so, so, neben dem Gewehrputzen? Ich meine es ernst, sagte er.“

David, der literaturstudierte amerikanische Soldat, ist im American Hospital Patient. Er wurde hier seit einer gewissen Zeit psychoanalytisch behandelt, um seine schrecklichen Erfahrungen im ersten Irakkrieg, bei dem er als Offizier teilgenommen hatte, zu verarbeiten. Er leidet an extremen Panikattacken, die sich nur sehr schwer in Griff bekommen lassen. David ist Berufssoldat mit Stolz und vor allem auch aus familiären Gründen. Hélène dagegen ist Pazifistin, sie findet den Krieg furchtbar und stellt auch die Rolle der USA in Frage. Dennoch fühlt sie sich von David irgendwie angezogen. Die beiden kommen sich näher, aber nicht in einer klassischen Liebesgeschichte. Sie werden Freunde und öffnen sich gegenseitig ihre verwundeten Seelen. David berichtet von seinen extremen Erfahrungen im Kriegseinsatz, von den Toten und Verwundeten. Hélène erzählt ihm von den weiteren erfolglosen Versuchen, schwanger zu werden. Zwei Menschen, die irgendwie beide, aber jeder für sich auf andere Weise, gebrochen und versehrt sind. Zwei Seelen, die durch intensive Gespräche und Zuhören voneinander erfahren, sich gegenseitig entdecken und sich in freundschaftlicher Weise „lieben“ und zu vertrauen lernen. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die es ihnen erlaubt, den anderen jeweils zu unterstützen und zu helfen. Dadurch entsteht eine Kraft durch die sie beide am Ende des Romans eine ganz neue Art der Unabhängigkeit und Freiheit gewinnen ….

„Das amerikanische Hospital“ ist ein äusserst intimer Roman. Selten wird dem Leser ein so tiefer Einblick in die Seele zweier Menschen gewährt. Perfekt recherchiert sowohl im Bereich der künstlichen Befruchtung als im militärischen Bereich des ersten Irakkriegs, zeigt uns Michael Kleeberg wie nah die doch sehr unterschiedlichen Probleme der Menschen zusammenliegen können und welche Kräfte im Hinblick auf die Erkennung der menschlichen Tragödie entstehen können. Paris als Schauplatz bietet eine undurchdringbare Atmosphäre, welche beispielsweise bei den gemeinsamen Spaziergängen der beiden Hauptprotagonisten nicht besser in diesem Roman hätte beschrieben werden können. Bewundernswert ist jedoch vor allem das Einfühlungsvermögen von Seiten Michael Kleeberg, der sich wirklich unbeschreiblich kompetent, aber auch unglaublich sensibel in die Seele einer Frau ein denken, ja fast schon einleben kann. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht des Ehemannes von Hélène, was der Leser erst auf den letzten Seiten erfährt. Deshalb ist es um so bemerkenswerter wie fein die seelischen Qualen von beiden Hauptakteuren in die Privatwelt, aber auch in das Zeitgeschehen, integriert werden.

„Das amerikanische Hospital“ ist ein meisterhaft geschriebener Roman, voller Poesie und Dramatik. Ein Buch für Menschen, die sich bewusst sind, wie wichtig Freundschaft im Leben ist und die bereits erfahren haben bzw. noch erfahren werden, welch heilende und tröstende Wirkung ein Gespräch leisten kann.

Durchgelesen – „Der Zauber der ersten Seite“ v. Laurence Cossé

Wünschen wir uns als Bücherliebhaber, Lesebegeisterte und Literaturkenner, nicht schon immer eine Buchhandlung, die nur gute Literatur bzw. gute Romane verkauft? Eine Buchhandlung, die sich abhebt vom Mainstream-Angebot, die sich durch keine Bestsellerlisten beeinflussen lässt, geschweige denn Bestseller in ihr Sortiment aufnimmt. Kann eine Buchhandlung, die nur ausgewählte Literatur, zum Teil schon vergessene Werke, Klassiker und Erstausgaben auf Lager hat, überleben und eventuell sogar Erfolg haben? All diese Fragen mögen wir uns als Kunde und Leser stellen. Die Antworten finden wir hier in diesem überaus charmanten Roman, der den Leser in eine ganz besondere Welt der Bücher eintauchen lässt, wie wir sie uns nur in unseren kühnsten Träumen wünschen können.

Laurence Cossé, geboren 1955 in Boulogne -Billancourt, arbeitet als Kolumnistin, Hörfunkautorin und Schriftstellerin. Sie hat mit ihrem Roman „Der Zauber der ersten Seite“ (im Original „Au Bon Roman“), der nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegt, laut der französischen Tageszeitung Le Figaro „Eine Hymne auf das Lesen und die Einzigartigkeit des Lebens!“ geschrieben. Sie veröffentlichte bereits neun Romane. Ihre Novellen-Sammlung „Vous n’écrivez plus?“ wurde mit dem Prix de la Nouvelle de L’Académie Française 2007 ausgezeichnet.

„Der Zauber der ersten Seite“ beginnt sehr spannend! Drei berühmte Autoren werden jeweils Opfer eines hinterhältigen und subtilen Anschlags. Der Erste ist Paul Néon, der in einem kleinen Dorf in der Nähe von Chambéry lebt. Er wird von zwei Unbekannten in den Wald geschleppt, mit Alkohol vollgepumpt und in der Kälte mit der Flasche in der Hand einfach liegen gelassen. Der zweite Anschlag gilt der Schriftstellerin Anne-Marie Montbrun. Sie wird bei einer ihrer täglichen Autofahrten durch ein plötzlich querstehendes Auto auf der Strasse überrascht, kommt von der Strasse ab und stürzt einen Abhang hinunter. Glücklicherweise überleben sowohl Paul, als auch Anne-Marie, das Attentat. Armel Le Gall, das dritte Anschlagopfer, fühlt sich bei seinem morgendlichen Spaziergang von zwei jungen Männern verfolgt und bedroht. Zuerst nimmt er es gar nicht so ernst, doch die Angst wird bei jedem Spaziergang grösser, die Männer warten auf ihn und er kann gerade noch rechtzeitig fliehen und sich retten. Doch er ist so durcheinander, dass er beschliesst Ivan Georg anzurufen:

„«Doch gestern geht’s wieder los, die beiden Kerle warten auf mich. Es regnet, kalter Nieselregen. Meine Nerven flattern. Zehn Meter vor ihnen packt mich die Angst, und ich mache kehrt. Ich will ehrlich sein: Ich mache mich so schnell wie möglich davon, in sehr schnellen Schritten. Aber nicht schnell genug, um nicht noch jemanden grölen zu hören: Fast wie in einem schlechten Krimi, was Le Gall? Mit ordinären Personen und einem grob gestrickten, richtig dümmlichen Plot. Armer Le Gall, wo er die gute Literatur so liebt. Das ist kein guter Roman, was? Können Sie sich das vorstellen, Van? Sie betonten das gut. Gar kein guter Roman…»“

Ab jetzt befindet sich der Leser in einem einzigartigen Krimi, der nicht nur Schriftsteller als Opfer bietet, sondern die gute Literatur an sich. Da hilft nur noch eins: die Polizei muss eingeschaltet werden. Mit Kommissar Heffner wird der Fall aufgerollt und bis ins Detail untersucht. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte der besonderen Buchhandlung „Der gute Roman“.

Ivan Georg, ein Buchhändler aus Leidenschaft mit einem nicht ganz konventionellen buchhändlerischen Lebenslauf, und Francesca Aldo-Valbelli, eine junge Mäzenin aus reicher Familie mit grosser Liebe zur Literatur und verheiratet mit einem profitgierigen Manager, gründen gemeinsam die Buchhandlung „Der gute Roman“. Eine Buchhandlung, die sich vom klassischen umsatzgesteuerten und nach Massenware orientierten System unterscheiden soll. Ein Ort, der nur gute Romane zu bieten hat, die von einem ausgewählten Komitee vorgeschlagen werden. Insgesamt besteht dieses Komitee aus acht grossen Romanciers, die sich entschlossen haben, die Idee des „Guten Romans“ zu unterstützen. Sie alle wissen untereinander nicht von ihrer Mitgliedschaft, sie haben sich alle der Anonymität untergeordnet, welche eine der Grundprinzipien dieses Komitees ist. Jeder Autor hat ein sogenanntes Codewort, was er im Falle einer Kontaktaufnahme benutzen muss. Alle acht Autoren wurden vor der Eröffnung der Buchhandlung aufgefordert, eine Liste mit 600 Romanen aufzustellen, ohne die sie niemals auf eine einsame Insel ziehen würden. Und diese acht Listen wurden dann zu einer Gesamtliste vereint, welche letztendlich das Sortiment “ Des guten Romans“ verkörpern wird. Für Ivan, die geniale Idee und die Basis des neuen Buchhandlung- Konzepts:

„«Unser Vorhaben ist radikal. Eine Revolution der kulturellen Sitten. Alle Welt ist heute der Meinung, es würden zu viele überflüssige Bücher veröffentlicht. Dieses Phänomen betrachten wir als geistige Umweltverschmutzung, deshalb sagen wir einfach: Es reicht! Hören wir auf, uns unseren Geschmacks-sinn abstumpfen zu lassen. Sorgen wir für frische Luft. Atmen wir. Wir glauben, wir haben eine gute Chance, Gleichgesinnte zu finden.»“

Die Buchhandlung wird im Erdgeschoss eines sehr schönen Hauses in der Rue Dupuytren, in der Nähe vom Place d’Odéon, im 6. Arrondissement von Paris Ende Sommer kurz vor der literarischen Rentrée eröffnet. Begleitet von einem nahe zu genialen Marketingauftritt und Werbeplan, der von Francesca lanciert und betreut wurde, ist die Buchhandlung ab dem ersten Tag ein wahnsinniger Erfolg. Die Menschen strömen in den Laden, lesen sich fest und kaufen die Regale leer. Jeder ist glücklich, der diesen Ort betritt. Endlich eine Buchhandlung, die gute Romane empfiehlt und nur solche verkauft. Und dazu ein Buchhändler, der alles gelesen hat, was in seiner Buchhandlung steht. Ein Konzept, das keine Bestseller wie zum Beispiel Dan Brown vorsieht und das sich nicht durch die Neuerscheinungspakete der Verlage irritieren lässt, indem sie einfach ganz galant abgelehnt werden.

Doch dieser Erfolg wird leider nicht nur mit wohlwollenden Augen betrachtet. Die Konkurrenz und der Neid sind nicht weit entfernt. Deshalb versucht Kommissar Heffner die Drahtzieher der Anschläge und der verbalen Attacken in der Presse und im Internet herauszufinden und zu enttarnen. Die Freunde des „Guten Romans“ lassen sich jedoch nicht beirren, bleiben ihrer Buchhandlung treu und unterstützen sie soweit es geht. Doch die Rache der „normalen“ Buchhandlungen lässt nicht nach, sie provozieren und versuchen alles, um diesen Erfolg zu unterbinden und dem sogenannten Elitären ein Ende zu setzen. Es geht schliesslich soweit, dass neben des „Guten Romans“ noch zwei weitere Buchhandlungen eröffnet werden mit den Namen „Freude am Roman“ und „Der exzellente Roman“. Wer steckt dahinter, und warum ist der „Gute Roman“ eine solche Bedrohung? Dies alles und noch mehr, vor allem aber auch was das Leben und die Liebe nicht nur zur Literatur betrifft, erfährt der Leser in diesem wahrlich grandiosen und aussergewöhnlichen Buch aus der Welt der Buchstaben.

„Der Zauber der ersten Seiten“ ist ein magischer Roman, den man in der Fülle der Auswahl an guter Literatur erst lange suchen muss. Man unterliegt dem Charme, der Idee, der Wirkung und der Spannung dieses Werkes bereits ab der ersten Seite. Der Leser spürt die Leidenschaft, die von dieser Geschichte ausgeht, die sich mit der harten Realität der Buchhandelswelt auseinandersetzt und einen Gegenpol schafft, der nicht besser als die in diesem Buch beschriebene Ideal-Buchhandlung, die sich viele Leser und Buchhändler sicherlich wünschen, sein könnte. Laurence Cossé schreibt äusserst sensibel und respektvoll in ihrem Roman über eine Fülle von anderen mehr oder weniger bekannten guten Romanen, die der Leser neu entdecken oder wieder entdecken kann. Somit tritt der Leser ganz unbeabsichtigt eine Reise an voller Inspiration und Leidenschaft durch die gute Literatur (mit Schwerpunkt der Französischen Literatur), welche ihn zwischen Faszination und Spannung taumeln lässt. Selten wurden die Themen Buchhandel und Literatur so gut in Szene gesetzt und mit der Form des Kriminalromans in einen äusserst mitreißenden Pageturner verwandelt, bei denen es sich in der Regel ja sonst nur um sogenannte Bestseller handelt.

„Der Zauber der ersten Seite“ sollte sich nicht zum Bestseller im Sinne des meistverkauften Werkes entwickeln, sondern es sollte das meistgelesene Buch werden, um verstehen zu können, wie eine Ideal-Buchhandlung aussehen könnte. Möge die Utopie einer Buchhandlung wie „Der gute Roman“ nicht nur Utopie bleiben in der heutigen Zeit von Grossketten und Stapeltiteln, sondern wenigsten zum Nachdenken anregen! Vielleicht gehen Träume in Erfüllung für den belesenen Kunden und den leidenschaftlichen Buchhändler und möge deshalb vor dem reinen Profit die Liebe zu Büchern und zur Literatur immer an erster Stelle stehen!

Durchgelesen – „Mein Leben in Aspik“ v. Steven Uhly

„Mein Leben in Aspik“ ist der grandiose Debütroman von Steven Uhly. Er selbst ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur, war Leiter eines Instituts in Brasilien und übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Zur Zeit lebt er in München.

Dieses Stück Literatur handelt von einer sehr schrägen und lügenbehafteten Familiengeschichte, bei der es ganz schön knallt. Der Leser sollte auf jeden Fall offen für alles sein. Er sollte neugierig und humorvoll sein und es mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Und er sollte während der Lektüre seinen Moralvorstellungen einen kurzen Urlaub gönnen, was für manche Passagen in diesem Buch sehr hilfreich sein könnte.

Der Roman fängt noch verhältnismässig harmlos an, indem der Ich-Erzähler, ein junger Mann zwischen 25 und 30 Jahre, sich an seine Kindheit erinnert, in der seine Oma ein sehr wichtige Rolle gespielt hat. Sie erzählte ihm im Alter von 9 Jahren als sogenannte Gute-Nacht-Geschichten von ihren Mordplänen bezüglich seines Opas. Wie könnte es funktionieren? Sie wollte ihn vielleicht verhungern lassen, dass wäre eventuell ihr Lieblingsmordplan. Sie schmiedete viele neue Pläne über mehrere Jahre hin bis sie mal fast sechs Monate darüber nichts mehr ihrem Enkel erzählte. Ja und dann war der Opa plötzlich tot.

Danach war die Oma bestens gelaunt und kümmerte sich nun um die sexuelle Aufklärung ihres Enkels, der gerade seine erste Liebe durchlebte. Der Ich-Erzähler wohnte mit seiner Mutter und Oma unter einem Dach, doch die Verbindung zu seiner Mutter war nicht die aller Beste. Erst später als der Ich-Erzähler bereits nach seinem Abitur und wegen seines Philosophie-Studiums nach Köln zog, besuchte ihn seine Mutter, die ständig in Deutschland unterwegs war auf der Suche nach einem passenden Mann. Dieser Besuch war eine Gelegenheit, seine Mutter endlich mal zu fragen, ob sie eigentlich noch seinen Vater liebt:

„«Aber Mama! Ich wollte es nur wissen», versuchte ich sie zu beschwichtigen. …. «Mama, es ist mir ganz egal, was zwischen euch passiert ist, das heisst, nein, es ist mir nicht egal, im Gegenteil: Ich will endlich wissen, was zwischen euch passiert ist!» … «Dein Vater hatte ein Verhältnis mit deiner Oma», sagte sie gepresst. ….«Was?», entfuhr es mir. Dann musste ich lachen, ich musste so laut lachen, dass meine Mutter mich mit offenen Mund anstarrte, während ihr Tränen übers Gesicht liefen.“

Seine Oma hatte tatsächlich ein Verhältnis mit seinem Vater und wurde auch noch vom ihm geschwängert . Sie bekam heimlich eine Tochter, die jetzt bei ihrem Vater lebte. Die Tochter war gleichzeitig nun auch die Schwester seiner Mutter und er war ihr Halbbruder, sie war aber auch noch seine Halbtante. Er kündigte seine Wohnung in Köln und fuhr nach Berlin, um seine Halbschwester und um seinen Vater, der übrigens Spanier war, aufzusuchen. Und dann begann das eigentliche Familien-Enthüllungsabenteuer, das den Leser nur noch stauen und Kopfschütteln, aber auch sehr oft laut lachen lässt.

Der Ich-Erzähler verliebt sich in seine Halbschwester, die von ihm auch noch ein Kind bekommt, wobei auch ihr Vater als Kindsvater in Frage kommen könnte. Der Enkel schwängert auf äusserst ungewöhnliche Weise  auch noch seine Oma und die indische Verlobte seines Vaters. Dieser will seine Verlobte eigentlich gar nicht heiraten, sondern hat es eher auf deren Mutter abgesehen. Die Hochzeit platzt zwischen Vater und Verlobte wegen eines Unfalls, bei dem die Halbschwester vom Ich-Erzähler bzw. die Tochter der Oma ins Koma fällt. Dafür heiratet er nach indischen Ritus die Tochter der Geliebten seines Vaters usw. Sodom und Gomorrha lassen grüssen, aber das ist noch lange nicht alles.

Die Geschichte entwickelt sich turbulent weiter. Der Ich-Erzähler muss unter anderem erkennen, dass sein Vater ein sehr bekannter Bordell-Besitzer in Berlin ist. Er versucht immer mehr diesen Enthüllungen zu entfliehen, obwohl er trotzdem endlich alles über seine Familie wissen will. Bei jedem sogenannten seelischen „Fluchtversuch“ wird er ohnmächtig, was ihn oft noch in verzwicktere Situationen bringt, als man sich überhaupt ausmalen kann. Vor allem immer dann, wenn er seine Halbschwester küsst, überfallen ihn eigenartige Visionen, in denen die dramatischen Szenen seiner Familiengeschichte gezeigt werden, die auch seine Ermordung einschliesst. Doch glücklicherweise werden diese Visionen nur teilweise Realität.

Man könnte denken, diese Geschichte ist haarsträubend und total verrückt. Vielleicht ist sie es auch, aber sie ist so klug konstruiert und extrem schnell komponiert, dass es einem beim Lesen den Atem raubt und man das Gefühl hat, in einer Achterbahn zu sitzen. Der Roman hat keine Kapitel. Er beginnt direkt und endet nach 260 Seiten genauso direkt, somit kann man gar nicht anders, als dieses Buch in einem Zug durchzulesen. Die flotten und treffsicheren Dialoge, die ständig neuen inhaltlichen Entwicklungen, all dies reisst den Leser mit, auch wenn man sich zwischendurch so manche Frage nach Moral stellen möchte, aber gar keine Zeit hat, diese noch zu beantworten.

„Mein Leben in Aspik“ zeigt dem Leser wie wichtig es ist, seine Familiengeschichte zu enthüllen und sich auch nicht vor schlimmeren Überraschungen zu fürchten, die plötzlich ganz ungewollt zum Vorschein kommen könnten. Hier geht es letztendlich für den Ich-Erzähler nur um eins: Was hat mehr Bedeutung – die grosse tiefe Liebe oder der schnelle leichte Sex? Um dies herauszufinden sollten Sie dieses Buch lesen. Tauchen Sie ein in die moralischen und gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen dieses genialen Romans! Sie müssen zwar mit viel Chaos und Katastrophen rechnen, doch Sie werden es auf keinen Fall bereuen!

Durchgeblättert – „Meine wunderbare Buchhandlung“ v. Dirk Kruse

Geniessen wir nicht gerne die Momente in unserer Lieblingsbuchhandlung? Zeit zum Schmökern, ein Ort des Vertrauens, vielleicht sogar das zweite „Wohnzimmer“. Genau dies kann dem Leser und Buchkunden seine wunderbare Buchhandlung bieten. Doch dazu gehört auch noch der Mensch, der diese Buchhandlung einzigartig macht, nämlich der Buchhändler. Eine belesene Person mit viel Verständnis, mit Geduld und Muse, die sich nicht abschrecken lässt von schwierigen Kunden und komplizierten Bibliographieaufgaben. Ein Menschenkenner, der weiss, was der Kunde, der gerade in diesem Moment seine Buchhandlung betritt, gerne liest. Doch, was denken Autoren über ihren Buchhändler und über ihre Buchhandlung?

Ja und genau für diese Frage suchte Dirk Kruse eine passende Antwort. Er studierte Germanistik, Politik- und Theaterwissenschaften. Seit 1995 ist er hauptberuflich als Literatur- und Theaterkritiker für den Bayerischen Rundfunk tätig. Er hat bereits zwei erfolgreiche Kriminalromane verfasst und hat mit seinem Buch „Meine wunderbare Buchhandlung“ die aller erste Anthologie über Geschichten von Buchhändlern und Buchhandlungen herausgegeben. Er selbst findet alle Arten von Buchhandlungen, ob Grosskette, Discounter oder Kleinbuchhandlung spannend: „Ich kaufe in all diesen Läden, in manchen selten, in anderen oft. Aber definitiv gehe ich häufiger in eine Buchhandlung als in eine Metzgerei.“

Eine interessante Tatsache. Es zählt hier mehr die geistige Nahrung. Somit war für ihn klar, dass es nicht nur Geschichtensammlungen über Lesen und Bücher geben kann, sondern es Zeit ist für eine Anthologie über Buchhandlungen. Kruse konnte 14 Autoren gewinnen, dafür ihre Erzählkunst einzusetzen und Geschichten zu schreiben, die teilweise fiktiv, aber auch sehr realistisch sind. Der Band bietet nun 17 Erzählungen und Essays über „wunderbare Buchhandlungen“. Es werden witzige, satirische, kuriose und nachdenkenswerte Begebenheiten geschildert.

Martin Suter berichtet in „Plagiator auf Lesereise“ über eine sehr schwierige Lesung in einem kleinen Ort. Er sollte von der ortsansässigen Buchhändlerin am Bahnhof abgeholt werden, aber leider ist da niemand bei seiner Ankunft. Er war gerade dabei die Nummer der Buchhandlung zu wählen, da wird er angesprochen: „«Ich habe Sie mir viel kleiner vorgestellt», erklärte sie, als sie ihm die Hand schüttelte. «Ich habe Sie auf dem Bahnsteig gesehen, aber weil Sie so gross waren, habe ich nicht auf Ihr Gesicht geachtet. Erst jetzt, als Sie sassen, habe ich Sie erkannt. Ich schlage vor, ich bringe Sie zuerst ins Hotel.»“ Das Hotel entpuppt sich als sehr spartanisch und die Lesung bringt so einige Überraschungen mit sich…

Rolf-Bernhard Essig gibt dem Leser mit seiner skurrilen Mischung aus einseitigem Dialog und innerem Monolog Einblicke in die dunkle Seele einer Buchhändlerin. Ein Kunde – Autoverkäufer – sucht ein Buch: „«Ein Buch? Also davon haben wir eine ganze Menge. Ginge es noch eine Spur genauer? An was dachten Sie denn?» Wie komme ich nur darauf, dass er denken kann. Sprechen, ja, aber höhere, meinetwegen mittlere Hirntätigkeiten – ich weiss nicht, ich weiss nicht. Warum gerate immer ich an solche Schrate? Auf die Weise kann das Jahre dauern. Und in 20 Minuten ist Ladenschluss. Ich wäre jetzt einfach im Lager verschwunden. Hätte dort hinten ein wenig mehr Ordnung reinbringen können. Und dann endlich heimgehen, jedenfalls weit weg von Umstandskramern wie dem hier.“ Die Buchhändlerin ist fast am Verzweifeln, denn der Kunde sucht eine Liebesgeschichte, die verfilmt ist. Er kennt weder den Autor, noch den Titel. Doch die Buchhändlerin wird fündig, allerdings unter sehr schwierigen Bedingungen und mit interessanten Konsequenzen….

Neben diesen zwei Beispielen erzählen unter anderen noch Thommie Bayer, Ulla Hahn, Eckhard Henscheid, Michael Kleeberg, Herbert Rosendorfer und Hans-Ulrich Treichel von Ihren Erfahrungen und Erlebnissen aus einer „wunderbaren Buchhandlung“.

Nicht nur wegen der bibliophilen Ausstattung (Leineneinband mit Lesebändchen) ist dieser attraktive Geschichtenband eine sehr liebevoll, aber auch anspruchsvoll komponierte Anthologie. Es geht um den Ort – Buchhandlung – als Mythos. Hier weiss der Buchhändler noch über den Inhalt  „seiner“ Bücher Bescheid. Hier spürt man die Lebendigkeit, die durch Bücher entsteht. Und der Leser erkennt die wahre Ästhetik des Buchhandels! „Meine wunderbare Buchhandlung“ ist eine echte Hommage an Buchhandlungen, Buchhändler und Antiquare voller Leidenschaft, Humor und einem Hauch Nostalgie. Keinesfalls nur ein Buch für Buchhändler, die sich sicherlich in manchen Geschichten wiedererkennen mögen. Diese Anthologie ist eine echte Liebeserklärung an das vielleicht schönste und abwechslungsreichste Metier und bietet jedem Bücherfreund ein poetisches Vergnügen!

Durchgelesen – „Die verborgene Ordnung der Dinge“ v. François Gantheret

François Gantheret ist in Frankreich ein sehr hochgeschätzter Schriftsteller und bekannter Psychoanalytiker. Er war Professor für Psychopathologie an der Universität Paris VII. Für seinen ersten Roman „Verlorene Körper“ erhielt er 2004 den „Prix Ulysse“ und 2005 den „Prix Cinélect“. Sein Roman „Das Gedächtnis des Wassers“ wurde 2007 mit dem „Prix Littéraire Rosine Perrier“ ausgezeichnet. Er schreibt und lebt in Paris.

„Die verborgene Ordnung der Dinge“ ist ein besonderes Stück französischer Literatur, kein Buch zum Schnell-Lesen, auch wenn es nur knapp 180 Seiten stark ist. Es ist ein Werk für Sprachgeniesser, für Literaten und für Liebhaber spannungsreicher Schreibkunst.

Der Roman ist in der dritten Person erzählt, wodurch vielleicht der Lese-Einstieg am Anfang etwas schwierig und langsam beginnen könnte. Aber spätestens nach den ersten Seiten spürt man die Anziehung und Kraft der poetischen Sprache, die den Leser eintauchen lässt in eine hoch reizvolle Dramatik, welche ihn bis zur letzten Zeile in den Bann hält.

Die Geschichte spielt in Paris. Jean, Verleger, und Anne, eine erfolgreiche Künstlerin, waren seit vier Jahren ein Paar bis zu dem Zeitpunkt, als Jean eines Morgens seine Frau Anne tot in ihrem Atelier findet. Und genau an diesem  für sie so wichtigen Ort hat sie sich umgebracht. Jean ist verstört, fassungslos und geschockt. Er stürzt in eine tiefe und fast schon endlose Trauer. Tausende von Fragen kreisen in seinem Kopf nur um das Warum:

„Er hatte nichts bemerkt, nichts vermutet, aber er hätte etwas bemerken können? Musste sich dieser Tod nicht heimlich angeschlichen, sich in Worten, Gesten, in ihrem Gesicht oder in ihren Augen angedeutet haben? In ihren rauchgrauen Augen, die immer abwesend, irgendwo anders waren, selbst wenn sie mit ihm sprach? Sind sie dorthin gewandert, zu diesem Punkt ohne Wiederkehr?“

Doch eines irritiert ihn fast noch mehr als der Tod von Anne selbst. Das Handy seiner verstorbenen Frau läutet ständig. Immer wieder hört er die Klingelmelodie „Für Elise“ und jedes Mal, wenn er abnimmt, ist auf der anderen Seite der Leitung absolute Stille. Nur manchmal hat er das Gefühl, als würde er in diesem Schweigen eine Frauenstimme erkennen. Er spricht eine neue Ansage auf ihre Mailbox mit seinem Namen. Der Anrufer hinterlässt jedoch nach wie vor keine Nachricht. Am Liebsten würde er das Telefon ausschalten. Seine Freunde raten ihm, es wegzuwerfen. Nein, er behält es und lässt es weiterhin eingeschaltet.

Als er nach einer sehr schmerzhaften Trauerzeit endlich wieder seine Arbeit im Verlagshaus aufnimmt, wird er sehr herzlich von seiner Sekretärin Eva empfangen, die er bis jetzt als Frau nie so richtig wahrgenommen hat. Jean erzählt ihr bei einem Mittagessen von der anonymen Anruferin. Eva, die ihren Chef mehr als verehrt, zeigt sich sofort sehr engagiert und findet heraus, von wem diese Anrufe kommen.

Mit der Adresse ausgerüstet fährt Jean in das 12. Arrondissement. Am Ende einer Sackgasse steht er vor einem Haus mit einem kleinen aber sehr gepflegten Garten und beobachtet die Fenster. Als er läutet und eine junge Frau die Tür öffnet, ist er vollkommen irritiert. Vor ihm steht das perfekte Ebenbild seiner Frau. Diese frappierende Ähnlichkeit und seine Verwirrtheit lassen ihn taumeln. Zuerst noch vollkommen verunsichert, erkennt er plötzlich, dass diese junge Frau mit dem Namen Marie, die Zwillingsschwester seiner geliebten Anne ist. Doch Marie ist blind:

„Ihre Augen. Blassgrau, wie die von Anne, aber eben nur «wie». Ein noch blasseres Grau, verwaschen, fast weiss. Und vor allem unbelebt. Milchig, trotz der Helligkeit. Augen wie Nebel. Je näher er kommt, umso mehr fällt ihm auf, dass ihr Blick ihn noch immer nicht  fixiert, sondern über ihn hinweggeht. Ihm wird klar, dass sie blind ist. Ein Schock, aber auch eine Erleichterung. – Marie Fonesca? – Ja, sagt sie. Sie sind Jean Latran. Ich erkenne Ihre Stimme wieder. Kommen Sie rein. Sie tritt zurück. Gedankenleer, wie ein Automat, geht er hinein.“

Die ganzen Jahre hat er nichts von Anne’s Zwillingsschwester gewusst. Warum hat sie ihm dies verheimlicht? Warum hat sie nie über ihre Familie gesprochen? Jean spürt, dass Anne ein Geheimnis verbarg und dass dieses Geheimnis eventuell mit ihrem Tod zu tun hat. Einerseits fühlt er eine Ablehnung gegenüber Marie, andererseits treibt ihn die Neugierde immer wieder zu ihr hin. Gemeinsam mit seiner Sekretärin Eva, die inzwischen immer mehr ihre Zuneigung zu ihrem Chef zeigt, versucht er, das Familiengeheimnis von Anne aufzudecken. Es geht um die Vergangenheit von drei Frauen, in erster Linie von Anne und Marie, aber auch von Eva, die ihren Chef liebt. Das psychodramatische Geheimnis enthüllt sich Schritt für Schritt…

François Gantheret baut einen subtilen Spannungsbogen auf, der durch seinen psychoanalytischen Blick eine besondere Dimension erreicht. Es geht um Selbstzerstörung und Zerstörung eines Anderen. Gefühle werden unterdrückt und kommen geballt zurück. Schweigen und Reden als Instrument der Psychoanalyse werden hier als Stilmittel eingesetzt. Das Buch ist keine leichte Kost. Man sollte es konzentriert lesen und sich ganz bewusst auf die einzelnen Figuren einlassen, um die emotionale Intensität dieses Romans nachhaltig zu erleben. „Die verborgene Ordnung der Dinge“ bietet dem Leser trotz der menschlichen Tristesse, aber Dank der raffiniert inhaltlichen und sprachgewaltigen Dramatik, ein sehr anspruchsvolles, äusserst fesselndes und unvergessliches Leseerlebnis.

Durchgeblättert – „Tango – Wehmut, die man tanzen kann“ v. Salas & Lato

Tango, was ist das eigentlich? Genau diese Frage wird in diesem aussergewöhnlichen Buch „Tango – Wehmut, die man tanzen kann“ nicht nur beantwortet. Nein, dieser Band ist viel mehr als ein einfaches Sachbuch über Tango, denn hier wird dieser berühmte Tanz – im Jahr 2009 übrigens von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt –  auf ganz besondere Weise durch prägnante Texte und Zeichnungen vorgestellt und fühlbar zum Leben erweckt.

Bereits 1999 wurde dieses Werk in Buenos Aires veröffentlicht und hat sich bis heute zu einem echten Kultbuch entwickelt, das Horacio Salas und Horacio Santana (genannt Lato) in einer wunderbaren Zusammenarbeit erschaffen haben. Glücklicherweise ist „Tango“ nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen, die bei jedem Tango-Begeisterten und Buchliebhaber das Herz höher schlagen lässt.

Horacio Salas – geb. 1938 – wird als der grösste Tangospezialist der Welt bezeichnet. Er hat mehr als dreissig Bücher, unter anderem eine umfangreiche Sozialgeschichte, ein Wörterbuch und ein Buch über die Poesie des Tangos, verfasst. Er ist Gründungsmitglied der Academia Nacional del Tango, Kultursenator von Buenos Aires und Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Lato – geb. 1960 – ist über die argentinischen Landesgrenzen hinaus ein sehr bekannter und erfolgreicher Comiczeichner und Illustrator. Gemeinsam haben sie hier aus einer Mischung von griffigen kurzen Texten und dynamischen Zeichnungen in Real-Comic-Version ein bibliophiles Gesamtkunstwerk voller Leidenschaft, Musik und Tanz komponiert.

Der Leser wird von Salas sensibel und informativ in die Geschichte des Tangos von den Anfängen bis zur Gegenwart eingeführt, in dem er über diesen Tanz-Mythos aufklärt. Dadurch entstehen konkrete Einblicke in die Milieus, wo der Tango entstanden ist und wie er sich im Laufe der Zeit musikalisch weiterentwickelt hat. Das Buch ist auch eine kleine Reise durch die Geschichte Argentiniens . Musiker, Sänger, Poeten, Autoren, Tänzer und die vielen Einwanderer aus Italien, Spanien und aus anderen europäischen Ländern,  alle sind ein Teil des Tangos. Es geht um Heimweh, Liebe und Träume der Menschen. „Tango“ erläutert dem Leser nicht nur die Verknüpfungen zwischen Tanz und Poesie sondern auch zwischen Musik und Buenos Aires bzw. Argentinien:

„Die Gedichte von Jorge Luis Borges und Astor Piazzollas Tangokompositionen gehören neben den Erzählungen von Julio Cortàzar, den Büchern von Roberto Arlt und den Versen von Martìn Fierro, der unvergesslichen Stimme Gardels, der Gitarre von Atahualpa Yupanqui, dem Bandoneon von Troilo und dem dichterischen Schweigen von Goyeneche zum kulturellen Erbe Argentiniens. Ohne die Takte von Adiòs Nonino und Verano porteno wäre das Land nicht das, was es ist. Das neue Buenos Aires ist mit der Musik von Astor Piazzolla verwoben.“

Durch die lebendigen und plastisch temperamentvollen Zeichnungen von Lato fühlt und durchlebt man die magische Atmosphäre, die der Tango ausstrahlt. Die Musik dringt unaufhaltsam durch die sehr prägnanten Worte Salas zum Leser, dass man fast schon ein rythmisches Zucken in den Beinen verspüren mag und sich nur noch schweigend und vollkommen konzentriert dem Tango hingeben möchte.

Der Tango ist viel mehr als nur ein einfacher Tanz. Er ist Lebenskultur, Sehnsucht und Melancholie. Er ist Hingabe und Abweisung zugleich, er ist ernst und er gibt Raum zum Nachdenken.

Der Leser spürt all diese Emotionen in diesem betörenden und verzaubernden Buch. Hier tanzen Buchstaben und Bilder im Rythmus des Tangos, so dass man sich nach dem sinnlichen Lesegenuss nur noch eines wünscht: Tangounterricht in Buenos Aires!

Durchgelesen – „Ruhestörung“ v. Richard Yates

Richard Yates zählt zu den grössten und wichtigsten amerikanischen Schriftstellern und Essayisten. Geboren 1926 in Yonkers, New York und gestorben 1992 in Birmingham, Alabama lebte er bis zu seinem Tode in Kalifornien. Seine Werke haben zu seinen Lebzeiten nie die Anerkennung erhalten, die sie verdient hätten. Er arbeitete als Journalist, Lehrer und begann seine Karriere als Romancier 1961 mit dem Werk „Zeiten des Aufruhrs“, welches erst kürzlich von Sam Mendes verfilmt wurde. Ende der sechziger Jahre waren Yates und sein umfassendes Werk immer mehr in Vergessenheit geraten. Inzwischen wurde Richard Yates wieder neu entdeckt. Seine Kurzgeschichten zählen zu den besten des 20. Jahrhunderts. Heute vergleicht man ihn mit Autoren wie J.D. Salinger und John Updike. Sein Leben wurde geprägt von Höhen und Tiefen, er war ein psychisch labiler Trinker und gleichzeitig ein echter Realist. Er zog das Unglück an, versuchte aber ebenso diesem zu entfliehen. Und das Schreiben war sicherlich eines der sinnvollsten Fluchtmittel, die er finden konnte.

„Ruhestörung“ gehört zu seinen wichtigsten Romanen und erschien bereits 1975. Jetzt liegt dieser intensive und erschütternde Roman zum ersten Mal in der bemerkenswerten deutschen Übersetzung von Anette Grube vor. Das Buch erzählt eine dramatische Geschichte, die den Leser in die düsteren und erbärmlichen Winkel der menschlichen Seele blicken lässt.

Der Hauptprotagonist  – John Wilder –  ist ein beruflich erfolgreicher New Yorker Anzeigenverkäufer. Er hat eine liebende Ehefrau – Janice – und einen zehnjährigen Sohn. Doch eines Tages im Spätsommer ändert sich das bis jetzt so glücklich scheinende Leben. Inzwischen wieder von seiner Dienstreise nach Chicago zurückgekehrt, ruft John seine Frau aus einer Bar an. Er klingt total verstört, macht einen betrunken Eindruck und ist vollkommen aufgelöst:

„«Verdammt noch mal, hörst du mir nicht zu? Ich habe gerade gesagt, dass ich nicht nach Hause kommen kann.» Sie beugte sich, auf der Kante des Doppelbetts sitzend, vor, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und hielt den Hörer mit beiden Händen fest. «Warum nicht?» fragte sie.“

John ist tatsächlich betrunken. Wenn Probleme auftauchen, flüchtet er sich immer öfter in den Alkohol. Er gesteht Janice, sie mit einer anderen Frau betrogen zu haben. Er ist verzweifelt, weil er kein Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn gekauft hat. Kurzum, er ist nervlich am Ende. Janice ruft voller Sorge seinen besten Freund Paul an, der Anwalt ist. Sie erklärt ihm die dramatische Situation, erzählt ihm von John’s Ängsten und ihren Ängsten, denn John hat gedroht, sie und ihren Sohn umzubringen.

Paul ist raffiniert, geht in die Bar, wo sich er und John immer treffen. Findet ihn und versucht mit ihm ganz zufällig ins Gespräch zu kommen. Doch John ist wirklich vollkommen fertig, hat mehrere Tage nicht geschlafen, ist total betrunken und kurz vor dem Zusammenbruch. Paul schafft es, John in ein Krankenhaus einliefern zu lassen, in dem er aber randaliert. Er wird sofort mit einem Krankenwagen ins Bellevue – die Psychiatrie – gebracht. Fünf Tage muss John an diesem Ort verbringen, denn es ist gerade das Thanksgiving – Wochenende und keiner der Ärzte ist im Einsatz. Geschlossene Abteilung, Alkoholentzug, Psychopharmaka, das ganz Programm ist ein wahres Trauma für John. Nach seiner Entlassung kehrt er erstmal zu seiner Frau zurück und arbeitet wieder erfolgreich weiter. Es folgen Psychotherapien und Treffen bei den Anonymen Alkoholikern. Man könnte glauben, dass er ernsthaft versucht, mit dem Trinken aufzuhören, doch die Flasche bleibt nach wie vor sein bester Freund. Er lügt alle an, seine Familie, seine Freunde und auch die Therapeuten und Ärzte, wie Dr. Blomberg:

„«Waren Sie bei den Treffen?» «Bei zwei. Das erste war grässlich…» Er versuchte mehrmals und ohne offenkundigen Erfolg zu erklären, warum. …. «Und Sie haben nicht getrunken?» «Nein.» Das war gelogen – auch nach dem zweiten, besseren Treffen hatte er in der Küche heimlich drei warme Bourbons getrunken, bevor er ins Bett ging – , aber es schien sinnvoll, in Anbetracht von Blombergs Honorar.“

Doch diese schrecklichen Tage in Bellevue lassen ihn wieder an einen Traum erinnern und somit bastelt er an einer neuen Idee, die ihn motivieren könnte, dem Trinken abzuschwören. Er will seine schlimmen traumatischen Erfahrungen und Erlebnisse in der Psychiatrie verfilmen und geht deshalb nach Hollywood. Doch da läuft leider alles gar nicht nach Plan und der Alkohol wird bald wieder sein wichtigstes „Nahrungs- und Beruhigungsmittel“….

„Ruhestörung“ ist ein aufwühlendes und provozierendes Buch. Es beschreibt mit unglaublicher Präzision die Selbstzerstörung eines eigentlich erfolgreichen, aber nicht erklärbar unglücklichen Mannes. Yates öffnet dem Leser kompromisslos die Augen und konfrontiert ihn unmissverständlich mit den Problemen – Sucht und Abhängigkeit – und den daraus entstehenden Konsequenzen. Das Buch ist nicht nur ein simpler Psychiatrieroman, sondern auch ein komplexes menschliches Psychogramm, das den Leser nicht so schnell loslässt. Richard Yates beschreibt mit seiner klaren und teilweise bedrohlich messerscharfen Sprache die Charaktere dieses Romans so authentisch wie die Fälle in einer psychologischen Studie über Alkoholprobleme. Vor allem die atemberaubenden Dialoge unterstützen die ungeschönte Realität und Dramatik des Romans.

Ruhestörung“ ist ein Werk mit einem brisanten und nicht gesellschaftsfähigen Thema, das nie aktueller sein könnte. Als Leser sollten Sie jedoch beachten, dass dies keine leichte Problem-Lektüre für entspannte Stunden ist. Im Gegenteil es handelt sich hier um ein sehr literarisches und sprachlich äusserst differenziertes Buch, das den Leser unglaublich stark fordert und nachhaltig wachrüttelt.

Durchgelesen – „Schuld“ v. Emmanuel Bove

Emmanuel Bove, mit bürgerlichem Namen Emmanuel Bobovnikoff, wurde am 20. April 1898 in Paris geboren. Der Vater, ein jüdisch-russischer Lebenskünstler ohne festen Job und die Mutter, ein luxemburgisches Dienstmädchen, trennten sich ab 1910, so dass Emmanuel sowohl bei seinem Vater und als auch bei seiner Mutter lebte. Er besuchte verschiedene Schulen in Genf und Paris. 1915 starb sein Vater. Bove arbeitete als Hilfsarbeiter, Kellner, Taxifahrer und führte ein sehr ärmliches Leben. Während des Militärdienstes lernte er seine späterere Ehefrau, die Lehrerin Suzanne Vallois, kennen. Sie heirateten 1921 und zogen aus finanziellen Gründen nach Österreich, in die Nähe von Wien. 1922 begann er seinen ersten Roman „Mes amis“ („Meine Freunde“) und fing an Groschenromane  zu schreiben – allerdings unter Pseudonym -, um Geld zu verdienen und um schliesslich auch wieder nach Paris zurückkehren zu können. Während er seinen Roman „Mes amis“ endlich beendete, trennte Bove sich von seiner ersten Frau.

Emmanuel Bove lernte die Schriftstellerin Colette kennen, die ihm half seinen Roman in ihrem Verlag zu veröffentlichen. Auch eine Begegnung mit Rilke, welcher von Bove’s ersten Roman total begeistert war, beflügelte ihn so sehr, dass er mehr und mehr Erzählungen und Romane schreiben konnten. Im November 1928 wurde ihm der damals mit 50 000 Francs sehr hochdotierte Prix Figuière verliehen. Sein Leben entwickelte sich rasant weiter, er heiratete ein zweites Mal, eine reiche Bankierstochter, lebte mit ihr in England, musste jedoch wegen ihres Bankrotts wieder nach Frankreich zurückkehren. 1942 floh er wegen Verfolgung nach Algerien, wo er u.a. André Gide und Saint-Exupéry begegnetete. Bove erkrankte schwer an Malaria, kehrte im Oktober 1944 wieder nach Frankreich zurück. Er starb am 13. Juli 1945 in Paris.

Emmanuel Bove’s Werk wurde in den 80ziger Jahren in Deutschland durch die Übersetzungen von Peter Handke bekannt. Die Erzählungen und Romane zeigen vor allem die Schattenseiten des französischen Bürgertums und die Probleme der Gesellschaft.

„Schuld“ wurde 1932 unter dem Originaltitel „Un Raskolnikoff“ veröffentlicht. Inzwischen ist dieses Buch in Frankreich restlos vergriffen und nur noch im besonders ausgewählten antiquarischen Buchhandel erhältlich. Umso mehr kann man sich über diese – erstmals auf deutsch von Thomas Laux hervorragend übersetzte – Wiederentdeckung freuen.

Dieser schmale Roman (gerade mal 90 Seiten) könnte eine kleine und leicht veränderte Form von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ sein. Allein der Originaltitel „Un Raskolnikoff“ lässt ganz klare Verbindungen zu dem grossen philosophischen Roman von Dostojewski erkennen. Nur hat Bove in seinem Mini-Roman für das Thema Sühne keinen Platz, da die Schuld keine wirkliche Schuld ist.

Der Roman „Schuld“ spielt im winterlichen Paris und erzählt die Geschichte des armseeligen, unglücklichen und arbeitslosen Pierre Changarnier. Er will unbedingt mit seiner Freundin Violette das Glück finden. Sie streunen durch das kalte verschneite Paris, obwohl er krank ist und Fieber hat. Er ist so schwach, er friert und sie suchen sich ein Café, um sich aufzuwärmen. Changarnier versucht Violette zu erklären, dass sich etwas ändern muss in seinem Leben:

„«Violette», sagte er, «eines ist sicher, dieses Leben kann so nicht weitergehen. Jeder Mensch auf der Welt hat Geld, Liebe, Vergnügen, bloss wir nicht. Jeder Mensch kommt, geht, lebt, bloss wir nicht.» Changarnier schlug mit der Faust auf den Tisch. «So kann das nicht weitergehen.» Violette sah ihn erschrocken an. Protest war ihrer einfachen Seele fremd.“

Sie diskutieren, er überlegt, was er machen könnte. Sich bei der Fremdenlegion bewerben oder als Mann am Projektor in einem Kino arbeiten. Er träumt von festem Gehalt, oder doch lieber nicht arbeiten, da vielleicht der Spass daran fehlen könnte. Changarnier wird aufbrausend, stürmisch und wirft ein Glas zu Boden. Der Wirt verlangt, dass er den Schaden begleicht. Doch Changarnier will nicht zahlen, denn er braucht das Geld fürs Kino. Der Wirt ist wütend, jedoch nur kurz, denn Changarnier verblüfft ihn mit diesem Satz:

„«Komm schon, reg Dich ab, nimm deinen Hut und geh mit uns dem Glück entgegen.»“

Changarnier und Violette verlassen das Café, werden jedoch von einem kleinen Mann verfolgt, der sie nicht in Ruhe lässt, bis er ihnen seine Geschichte erzählt. Die Geschichte eines Mordes und eines Mörders, der nie bestraft wurde. Changarnier spürt währenddessen Erinnerungen aufsteigen, die auch ihn zum Mörder werden lassen. Oder sind es nur Halluzinationen oder Phantasien? Er wird festgenommen und befindet sich plötzlich auf dem Kommissariat. Aber ist er wirklich ein Mörder?

Und jetzt ist der Leser gefordert! Wer hat Schuld? Kann ein Mensch Schuld haben, auch wenn ihn keine Schuld trifft. Hat ein Mörder Schuld, auch wenn die Tat nie bestraft wurde? Ist Reue vielleicht auch eine andere Form von Schuldanerkenntnis? Der Leser befindet sich in den Fängen zwischen Schuld und Sühne und versucht daraus möglichst schnell zu entkommen, in dem er sich auf diesen besonderen Roman einlässt. Bove zeigt uns die menschliche Tragödie mit seinen meisterhaft knapp, aber trotzdem intensiv porträtierten Hauptfiguren. Bove bedient sich einer glasklaren Sprache, die Moral, Mitleid und Erlösung in atemberaubender Weise darstellt. „Schuld“ ist ein subtil dramatischer, äusserst spannender und literarisch höchst anpruchsvoller Roman! Seien Sie neugierig auf dieses kleine feine Buch, das den deutschprachigen Leser mit einer grossen und bewegenden Neuentdeckung beschenkt!

Durchgeblättert – „Die schönsten Buchhandlungen Europas“ v. Rainer Moritz

Reisen in ferne Länder oder Städte ist heutzutage etwas ganz Alltägliches! Eine Reise zu den schönsten Buchhandlungen Europas wäre sicherlich ein eher ungewöhnliches Ziel. Doch so bald Sie diesen faszinierenden Bildband in den Händen halten werden, ist diese aussergewöhnliche Entdeckungsreise zum Greifen nahe.

Genau auf diese besondere Reiseroute hat sich – unterstützt durch die international renommierten Fotografen Reto Guntli und Agi Simoes – der Autor Rainer Moritz begeben. Er leitet seit 2005 das Hamburger Literaturhaus, schreibt Kolumnen, Essays, Literaturkritiken und Bücher. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die Überlebensbibliothek“ und „Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe“.

„Die schönsten Buchhandlungen Europas“ ist mehr als ein klassischer Reisebildband, denn der Leser taucht ein in mehrere neue Welten: ein neues Land bzw. eine neue Stadt, eine historische Architektur, eine Familiengeschichte und natürlich in die Welt der Bücher. Rainer Moritz hat ganz subjektiv, wie er selbst schreibt, 20 Buchhandlungen aus dem deutschsprachigen Raum und aus Westeuropa ausgesucht, die für ihn zu den schönsten Europas zählen.

Buchhandlungen sind Orte des Entdeckens, sie befriedigen die Neugierde, sie überraschen, sie beglücken. Es sind Orte der Begegnung, der Kommunikation, der Freude, der Ruhe, aber auch der Hektik. Sie können helfen, sie unterstützen und sie wecken Lust auf Bücher und Lesen! Doch wenn diese Buchhandlungen noch eine besondere Architektur, aussergewöhnliches Mobiliar und eine historische Familiengeschichte vorweisen können, verstärkt es die Anziehungs-kraft. Werden die Besucher dann noch mit aufmerksamer Beratung, durch eine besondere Auswahl von Büchern und bemerkenswerte literarische Veranstaltungen verwöhnt, fühlt sich jeder Leser und Buchliebhaber wie in einem Paradies.

Rainer Moritz porträtiert mit Feingefühl und grosser Neugierde die zwanzig schönsten Buchhandlungen Europas. Er zeigt uns die Besonderheiten, die buchhändlerischen Schwerpunkte und die ganz persönlichen Geschichten der Besitzer und Geschäftsführer dieser Häuser:

„Buchhandlung Felix Jud“ ist allein schon für ihren Standort zu beneiden. Sie liegt im nobelsten Einkaufsviertel von Hamburg, in einer der schönsten Passagen – die Mellin-Passage – direkt in der Nähe vom Jungfernstieg. Doch wenn man diese Buchhandlung entdeckt, vergisst man selbst die schönsten Juweliere und Boutiquen, und lässt sich bereits von den mit feinster Literatur gestalteten Schaufenstern anziehen. Spätestens beim Betreten der Buchhandlung spürt man die besondere Atmosphäre, das stilvolle Mobiliar – hauptsächtlich Kirschholz – und den Anspruch für gute Literatur.

„Librairie Galignani“ liegt im 1. Arrondissement von Paris, in der noblen und sehr bekannten Strasse – Rue de Rivoli. Genau gegenüber befindet sich der Jardin des Tuileries, daneben eines der teuersten und schönsten Hotels von Paris – Le Meurice – und das berühmte Café „Angelina“, das bereits Marcel Proust regelmässig besuchte. Galignani war und ist die erste englische Buchhandlung, die jemals auf europäischen Festland eröffnet wurde. Inzwischen gehört sie nicht nur zu den grössten englischen Buchhandlungen in Paris, sondern ist vor allem auch für ihre grosse Titelauswahl im Bereich Kunst, Mode, Fotographie, Design und Film sehr bekannt. Deshalb braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man beim Schmökern berühmte Schauspieler und Modeleute trifft. Doch das Beste ist der perfekte Kundenservice, der sich durch besondere Kompetenz und ungewöhnliche Bibliographiermethoden auszeichnet.

Neben diesen zwei Beispielen entdecken wir unter anderem noch Buchhandlungen aus Berlin „Bücherbogen am Savignyplatz“ – die bekannt ist für ihren ungewöhnlichen Standort -, aus Brüssel „Tropismes“ – deren Name eine Hommage an Nathalie Sarraute ist – und aus Maastricht „Selexyz Dominicanen“ – die in einer der ältesten gotischen Dominikanerkirchen Hollands eingerichtet wurde -. Desweiteren finden Sie auch Buchhandlungen aus Österreich, der Schweiz, Portugal, England und Italien.

Dieser Bildband dient nicht nur zur Vor- bzw. Nachbereitung einer Reise, er ist wie eine Reise! Selbst dann, wenn man nur zu Hause gemütlich auf seinem Canapé verweilt. Rainer Moritz erzählt wunderbare Geschichten zu jeder Buchhandlung. Sie sind offen, persönlich und äusserst spannend. Sie geben aber auch Einblicke, die unverwechselbar und einmalig sind. Die faszinierenden Bilder und Momentaufnahmen der beiden Starfotografen Reto Guntli und Agi Simoes lassen den Leser vor Ehrfurcht erstarren und gleichzeitig ein euphorisches „Oh“ und „Ah“ rufen. Kunstvoll wurde mit diesen starken und klaren Photographien und den einfühlsamen Porträts einer der schönsten Bildbände aus der Welt der Bücher gestaltet.

„Die schönsten Buchhandlungen Europas“ laden Sie ein auf eine Reise, ganz ohne Ticket und ohne Gepäck! Vertrauen Sie Ihren Augen, geniessen Sie die Texte und Bilder. Sie werden mit unvergesslichen Eindrücken und einer unendlichen Lust auf Bücher und Lesen zurückkehren!

Durchgelesen – „Die Silikonliebhaber“ v. Javier Tomeo

„Die Silikonliebhaber“ könnte im ersten Augenblick vielleicht ein erotischer, fast schon ein „pornographischer Groschenroman“ sein. Doch hinter diesem kurzen Roman (gerade mal 140 Seiten) steckt eine eher hintergründige, scheinbar etwas schamlose, aber nicht weniger intellektuelle literarische Satire, die den Leser mit dem Thema – Sexualität – offen konfrontiert.

Javier Tomeo, geboren 1932, studierte Jura und Kriminologie. Er gehört zu den meistübersetzten spanischen und meistgelesenen europäischen Gegenwartsautoren. 1994 wurde er mit dem Premio Aragon ausgezeichnet und lebt heute als Schriftsteller in Barcelona.

„Die Silikonliebhaber“ ist ein Roman im Roman, das heisst, die eigentliche Geschichte ist eingebettet in eine Rahmenhandlung. Und in dieser Rahmenhandlung erhält der Ich-Erzähler, selbst Schriftsteller, von seinem Freund Ramòn M. das Manuskript seines Romans, das in fünf Teillieferungen zugestellt wird, welche er auch noch gründlichst korrigieren soll. Und das ist bei dieser eher ungewöhnlichen, um nicht zu sagen schrägen Geschichte, eine besondere Herausforderung.

Die eigentliche Geschichte handelt von Basilio und Lupercia – einem Ehepaar mittleren Alters-. Basilio liebt Opern und Lupercia ist dem Alkohol sehr nahe. Sie betreiben zusammen ein kleines Kurzwarengeschäft, was auf Reizwäsche spezialisiert ist. Sie wohnen in einer Drei-Zimmer-Wohnung, die hauptsächlich von einem riesigen Flachbildfernseher dominiert wird und sie schlafen in getrennten Zimmern, da sie keine sexuelle Beziehung mehr miteinander haben. Doch es gibt eine Alternative für die sexuell unbefriedigten Seelen: zwei Puppen aus Silikon. Lupercia tröstet sich mit «Big John» und Basilio mit «Marylin»:

„Die eine Puppe heisst Marylin und verliess vor erst sieben Monaten die Fabrik…  . Sie wiegt etwas über zehn Kilo, ist schwarzhaarig, hat mandelförmige Augen… . Marylin gehört zur dritten Generation des Sexpuppentyps Minerva HP-457 und verfügt, abgesehen von den Alkalibatterien, über weitere charakteristische Eigenschaften, die sie von ihrem Vorgängermodellen unterscheiden.“

Daneben kann Marylin noch die bedeutendsten Arien aus der Opernwelt im Originaltext singen und mit lateinischen Zitaten punkten. Lupercias Puppe mit dem Namen Big John ist ebenfalls mit den wichtigsten und neuesten Programmen ausgestattet, die jedes Frauenherz höher schlagen lassen und die Lust dadurch unendlich steigern. Kurzum sie sind beide mit jeglich erdenklichen technischen Firlefanz ausgerüstet, der ihre konservativen Besitzer glücklich machen soll. Doch eines Tages, als Basilio und Lupercia am Abend nach Hause kommen, entdecken sie ihre Puppen auf dem Sofa in einer sehr eindeutigen Situation bzw. Stellung. Die Puppen haben sich ineinander verliebt. Marylin findet die Manneskraft von Basilio sowieso zu klein und lacht ihn nur noch aus; und auch Big John ist frustriert von Lupercia:

„«Wenn ich ehrlich sein soll» gesteht Big John mit gesenktem Blick, «dann muss ich dir sagen, dass es mir mit dir noch nie so richtig gefallen hat. All mein Gestöhn war nichts als Komödie…».“

Nach dieser Entdeckung wird Marylin in den Wandschrank verbannt. Lupercia versucht Big John noch einmal aus der Reserve zu locken, und ihn zu fragen, wer besser ist, sie oder die andere Puppe. Doch er liebt Marylin. Daraufhin sticht Lupercia – ziemlich alkoholisiert –  ihm mit dem Messer in den Rücken und die Luft entweicht langsam aber sicher aus seiner Wunde. Wird Big John überleben, kann Marylin ihn retten, werden sie zusammen glücklich? Gibt es ein Happy-End….. ?

Der Ich-Erzähler hat sich bemüht diese Geschichte bis zum Schluss aufmerksam zu lesen, jedoch hat er nicht an seiner Kritik zwischen den einzelnen Lieferungen gespart. Für ihn ist das Ende nicht wirklich durchdacht und überhaupt ist er mit dem ganzen Werk unzufrieden:

„Ich jedenfalls bleibe bei meiner Meinung: hier handelt es sich um eine Geschichte, die unerträglich ist. Absolut inakzeptabel, sogar heutzutage, wo sowieso schon so viel Unsinn gelesen wird. Schlecht ausgedacht, schlecht ausgeführt, schlecht abgeschlossen.“

Der Leser könnte diese Meinung des fiktiven Herausgebers und Ich-Erzählers übernehmen. Doch wenn er genau hinter den schwarzen Humor und die sprachliche Kunst blickt und vielleicht auch noch zwischen den Zeilen liest, wird er feststellen, dass dies ein kleines poetisches Bravourstück ist. Tomeo hat aus dieser Geschichte eine mehr oder weniger erotische Persiflage gemacht, die sowohl direkte als auch indirekte Kritik an der heutigen Gesellschaft übt. Selbst die technisch hochentwickelten Puppen aus Silikon, die den Menschen nicht ersetzen können, stellen in diesem Roman die Freiheit des Menschen über alles. Das hat auch Marilyn immer wieder betont: „Libertas inaestimabilis res est“ („Die Freiheit ist ein unschätzbares Gut“). Das unterstreicht auch Tomeo’s Sprache, die frei, direkt, manchmal auch deftig, aber nie ordinär ist. Er schreibt raffiniert und äusserst komisch! Der Leser kann lauthals lachen, gleichzeitig verwundert den Kopf schütteln und wird nach der Lektüre vielleicht sogar ein wenig melancholisch zurückbleiben.

Durchgelesen – „Lied ohne Worte“ v. Sofja Tolstaja

Sofja Tolstaja war eigentlich geprüfte Hauslehrerin und begann bereits in jungen Jahren mit ihren ersten Schreibversuchen. Doch mit 18 lernte sie den 16 Jahre älteren Grafen Lew Tolstoi kennen, der bereits seine ersten literarischen Erfolge verzeichnen konnte. Sie heiratete ihn am 23. September 1862 und zog danach mit ihm auf sein Landgut. Das Schreiben hatte sie aufgehört, dafür widmete sich Sofja Tolstaja den Tagebücher ihres Mannes, wobei sie feststellte, dass er dem weiblichen Geschlecht vor ihrer Zeit nicht im Geringsten abgeneigt war. Sofja wurde sechzehnmal schwanger, davon waren drei Fehlgeburten und von den 13 Kindern, die sie gebar, hatten 8 Kinder das Erwachsenenalter erreicht. Das Schicksal ging nicht spurlos an ihr vorüber: der Tod von drei Kindern und eine schwere Karnkheit trafen sie schwer. Auch die Ehe mit Tolstoi wurde immer schwieriger, seine Eifersucht entfernte das Paar mehr und mehr. Sofja fing wieder an zu schreiben, jedoch wurden ihre Werke zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht, im Gegenteil sie verstaubten über Jahrzehnte in Moskauer Archiven.

„Lied ohne Worte“ ist der zweite Roman von Sofja Tolstaja (nach „Eine Frage der Schuld“), der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Ein literarisches Kleinod, das sich um Leidenschaft, Pflichtbewusstsein und um die Kraft der Musik dreht und das Leben einer Ehefrau im Russland des 19. Jahrhunderts sehr feinfühlig beschreibt.

Sascha, eine junge Frau, Mutter eines kleinen Sohnes, verheiratet mit dem gutmütigen, aber eher wenig sensiblen Versicherungsbeamten Pjotr, ist in einer tiefen seelischen Krise. Ihre Mutter stirbt – bereits seit einiger Zeit schwer krank –   als sie gerade noch rechtzeitig auf der Insel Krim ankommt:

„Die Trauer verzehrte Sascha so sehr, dass sie den ganzen Winter über krank darniederlag und zu Beginn des Frühlings wie ein Schatten ihrer selbst sich dahinschleppte, empfindlich, mager, finster.“

Ihr Mann kann sie nicht trösten, versucht sie jedoch mit dem Vorschlag, in das Landhaus ihrer Mutter zu fahren, aufzuheiteren. Doch auch dies lehnt Sascha ab, da die Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter sie dort nie loslassen würden. Das Einzige, was sie sich noch vorstellen kann, ist ein Sommerhaus anzumieten. Pjotr kümmert sich um alles und findet ein wunderschönes Sommerhaus, das auf einer Anhöhe liegt und durch zwei Badehäusschen am Fluss gekrönt wird. Die Familie fährt somit endlich aufs Land,  und Pjotr blüht auf, denn seine liebste Beschäftigung ist Gärtnern. Sascha dagegen ist immer noch verloren in ihrer Trauer und fühlt sich niedergeschlagen und verwirrt. Doch eines Tages hört sie aus dem benachbarten Sommerhaus die Interpretation von Mendelssohn Bartholdy:

„In allen Variationen klang das «Lied ohne Worte» wunderschön, und es war, als ob es der kranken Seele Saschas etwas Empfindsames und Zärtliches erzählte, das sie beruhigte und erfreute. Doch dann das Ende – im Pianissimo – erklang derselbe Akkord dreimal wie ein Seufzen, und alles war still. Auch Sascha seufzte auf, ihr war, als hätten die Klänge des Klaviers eine schwere Last von ihrer Seele genommen.“

Dieses Klavierspiel verzaubert sie so sehr, dass sie zum ersten Mal wieder das Leben spüren kann. Auf einem Spaziergang lernt sie den Nachbarn und Pianisten Iwan Iljitsch persönlich  kennen, der ihr durch seine Spiel so viel Glück schenken konnte. Anfangs war es nur die Musik, doch es dauert nicht lange, und die Begeisterung bezieht sich nun auch auf den Pianisten. Sie kämpft zwischen künstlerischer Verehrung und leidenschaftlicher Liebe, gegen die sie sich ständig wehrt. Doch der Konflikt wird immer grösser und führt sie direkt in die Nervenheilanstalt….

Dieser Roman ist ein romantisches Meisterwerk, das die Stimmungen und Ängste einer Frau wunderbar und sehr feinsinnig umschreibt. „Lied ohne Worte“ ist eine sehr anregende literarische Lektüre, die zeigt, wie nah sich doch Liebe und Genie im Lebensalltag wiederfinden können. Ein Werk voller Musik, welche durch die sensible Sprache Tolstajas eine ganz besondere Bedeutung und Intensität erreicht.

Durchgeblättert – „Blind Date“ v. Freddy Langer

Dies ist kein Roman über heimliche Affären, dies ist auch kein Treffpunkt für Singles. Ganz im Gegenteil, dies ist ein origineller kleiner Bildband über Schriftsteller – inkognito!

Freddy Langer, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, porträtiert seit über dreissig Jahren Prominente aus der internationalen Kunst- und Literaturszene mit einer Schlafbrille über dem Gesicht. Ausgerüstet mit einer Polaroidkamera fotografiert er Schriftsteller in einer ungewöhnlichen Situation. Sie sind alle blind – dank der Schlafbrille! Und in diesem nicht sehenden Moment, sind sie dem Fotografen Langer voll und ganz ausgeliefert.

Dieser Band zeigt die mit einer Schlafbrille veränderten Gesichter von 40 Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Der Blick ist zum Teil erschreckend, irritierend, künstlich, aber auch cool, gleichgültig und neutral. Erkennen wir die Autoren auch mit Schlafbrille wieder, sind sie verändert, können sie sich dahinter verstecken?

Jedem dieser 40 Porträts wird ein passender Auszug aus dem Werk des gerade mit Schlafbrille gezeigten Autors gegenübergestellt. Sehr präzise ausgesucht, finden wir wunderbare Passagen aus Romanen und Erzählungen über das Sehen, die Augen und das Träumen wie zum Beispiel von:

Jenny Erpenbeck: “ Wozu sind meine Augen da, wenn sie sehen, aber nichts sehen? Wozu sind meine Ohren, wenn sie hören, aber nichts hören? Wozu all das Fremde in meinem Kopf?“ (aus „Wörterbuch“)

Arno Geiger: „Ich habe eine Bombe im Kopf: Willst Du sie hochgehen lassen?“ (aus „Kleine Schule des Karussellfahrens“)

Adolf Muschg: „Über ihrem gedehnten Hals sah er ein abgewendetes, in Fremde versiegeltes Gesicht, das sich immer schneller von ihm entfernte. Bevor es ganz verschwinden konnte, schloss er die Augen und konnte zu stürzen nicht aufhören, in eine todfinstere, aber vollkommene Gewissheit.“ (aus „Kinderhochzeit“)

Selten wurden Autoren so „entblösst“ gezeigt, selten haben sie dem Leser so ihre Ohnmacht vermittelt wie auf diesen Bildern. Doch nie war man als Leser diesen Autoren so nah, denn der Leser bekommt die Macht, sie anzusehen, ohne auf ihre Blicke anworten zu müssen. Ein geniales Bilderbuch oder ein anderes „Who ist Who der Literatur“!

Durchgelesen – „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ v. Pierre Bayard

Sie kennen weder Marcel Proust, Robert Musil noch Oscar Wilde? Sie haben nicht mal „Der Name der Rose“ von Umberto Eco gelesen, geschweige denn wissen Sie etwas über Graham Greene und Michel de Montaigne. Dies sollte ab sofort kein Problem mehr sein, denn Sie können nun auch ohne Kenntnisse niveauvoll über Literatur plaudern, wenn Sie dieses Essay von Pierre Bayard lesen!

Der französische Literaturpapst Bernard Pivot hat es bestätigt: „Das Buch schlechthin! Wunderbar, man muss in diesem Leben nur noch Bayard lesen. Sein Buch ersetzt alle anderen, alte, neue, zukünftige.“

Ob Pivot Recht hat, sollten Sie selbst feststellen, in dem Sie in dieses grandiose Essay eintauchen und erkennen, was der Unterschied  und die Grenzen zwischen Lesen und Nichtlesen sind.

Pierre Bayard ist Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker. Und dieses Werk ist eine Art Analyse des Lesens, der Bücher, der Bildung und der Gesellschaft in unserer mit Informationen und Literatur überfrachteten Zeit.

Das Buch hat drei zentrale Teile, die wiederum in vier Unterkapitel eingeteilt sind. Bereits in seinem Vorwort schreibt Bayard über die Schwierigkeit, sich der Verpflichtung, Bücher zu besprechen, die er nicht gelesen hat geschweige denn aufgeschlagen hat, zu entziehen. Man ist irgendwie unter Zwang und weiss nicht, wie man dieses Problem lösen soll:

„Dieses Zwangsystem aus Pflichten und Verboten hat zu einer allgemeinen Scheinheiligkeit in Bezug auf die angeblich gelesenen Bücher geführt. Ich kenne nur wenige Bereiche des Privatlebens, von Geld und Sexualität einmal abgesehen, über die man so schwer verlässliche Informationen bekommt wie über Bücher.“

Somit ist es hilfreich, sich gleich dem ersten Teil dieses Essays zu widmen, das sich mit den „Arten des Nichtlesens“ beschäftigt. Es geht darum, dass man „Bücher, die man nicht kennt“, wengistens an einer Figur des Werkes einordnen kann. Diese Figur kann auch eine Nebenfigur sein, wie zum Beispiel der Bibliothekar in Robert Musil’s Mann ohne Eigenschaften. Genauso reicht es vollkommen aus, nur „Bücher, die man quergelesen hat“ zu kennen. Selbst Paul Valéry – ein „Meister des Nichtlesens“ konnte einen Artikel über Marcel Proust verfassen, obwohl er nicht einen einzigen Band der berühmten „Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen hatte. „Bücher, die man vom Hörensagen kennt“ waren für Umberto Eco ausreichend, um darüber sich unterhalten zu können. Und genauso einfach ist es auch für „Bücher, die man vergessen hat“. Da sollte man sich nicht grämen, sondern es wie Michel de Montaigne halten, der sagte: “ Wenn ich also ein Mensch bin, der einiges gelesen hat, so doch einer, der nichts behält“.

Als Nächstes sollte man sich unbedingt der im Leben schwierigen „Gesprächssituationen“ bewusst werden, die Pierre Bayard in seinem zweiten Teil sehr humorvoll erläutert. „Im Gesellschaftsleben“ werden oft Dinge erwartet, die man erst nicht glaubt erfüllen zu können und dann am Beispiel von Graham Greene, der sich vor Leuten über Bücher äussern sollte, die er nicht gelesen hat, sieht, dass es funktioniert. Auch „einem Lehrer gegenüber“ ist es nicht nötig, ein Buch zu lesen bzw. aufzuschlagen, um kluge Anmerkungen geben zu können. Am Schwierigsten jedoch ist, sich richtig „dem Schriftsteller gegenüber“ zu verhalten, wenn man merkt, dass der Autor nicht mal sein eigenes Buch gelesen hat. Und besonderes Fingerspitzengefühl ist erforderlich, wenn man „der oder dem Liebsten gegenüber“ seine ganze Verführungskunst zu Füssen legen möchte, in dem man ihm oder ihr mit Hilfe eines Gesprächs über Literatur imponieren möchte, die der andere zwar sehr schätzt, von der man selber aber keinen blassen Schimmer hat.

Um aus all diesen Fallen, Fettnäpfchen und anderen unguten Situationen schadlos entschlüpfen zu können, ist sicherlich der letzte Teil über die „empfohlenen Haltungen“ der Schlüssel des Nichtlesens. Jetzt heisst es als Erstes, „sich nicht schämen“, das auch schon David Lodge in einem seiner Romane bestätigt hat. Dann sollten wir als Nichtleser eine Eigenschaft haben, nämlich „sich durchsetzen“, was Balzac uns in seinem Roman „Verlorene Illusionen“ geschickt vorführt. Es bleiben die  Alternative „Bücher erfinden“ oder der letzte Ausweg „von sich sprechen“, was Oscar Wilde  – „ein entschiedener Nichtleser“ – wörtlich genommen hat, in dem er der Meinung ist, dass „die angemessene Lesedauer eines Buches zehn Minuten beträgt, da man sonst vergessen könnte, dass die Begegnung mit einem Text hauptsächlich eine Anregung ist, seine eigene Biographie zu schreiben.“

Am Ende des Essays merken wir als Leser, dass Pierre Bayard alles andere als ein Nichtleser ist. Mit Witz, Ironie und Klugheit klärt er uns auf über die Unmöglichkeit des Nichtlesens und gibt spannende Einblicke in den Literaturbetrieb. Bayard macht sich lustig über eine buchlose Bildung. Nach der Lektüre dieses Werkes werden Sie als Leser, mit einem Augenaufschlag souverän Proust zitieren, sich über Balzac unterhalten und aus dem Leben von Oscar Wilde erzählen können. Was will man mehr? Doch ohne Humor sollte man sich diesem Buch auf gar keinen Fall widmen, denn spätestens jetzt wird jeder zum lesenden „Nichtleser“.