Kategorie: Biographie

Durchgeblättert – „Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ v. Tania Schlie

Schreiben und Glück gehört irgendwie zusammen. Bereits Jean Paul konnte dies mit seinem wunderbaren Zitat – „Solange ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein“ – perfekt bestätigen. Doch wo schreiben eigentlich Menschen und insbesondere Frauen ihre Bücher? Eine nicht ganz unwichtige Frage, die sich dank der enthusiastischen Recherche und dem guten Gespür an biographischen Entdeckungen nun mit dem sehr interessanten und anspruchsvoll gestalteten Buch „Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ sehr gut beantworten lässt.

Tania Schlie (geb. 1961 in Hamburg), Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin hat mit ihrem neuen Werk ein wahrlich wissenswertes Thema rund um das Schreibverhalten von Frauen sehr ansprechend und äusserst informativ aufbereitet. Es geht um den Ort des Schreibens, konkret nicht nur um ein Land, eine Stadt oder ein Dorf, nein es geht um den Arbeitsplatz oder besser gesagt um den Schreibort. Das kann ein – kombiniert mit unterschiedlichen Ritualen – immer festgelegter Platz sein, der verschiedenster räumlicher und psychologischer Begleitumstände bedarf, die das Schreiben nicht nur erleichtern und vereinfachen, sondern auch effizienter und erfolgreicher gestalten können.

Elke Heidenreich hat hier in ihrem sehr persönlichen Vorwort ihren Schreibort wunderbar erläutert und wir können erstaunt feststellen, dass sie über den besonderen Luxus verfügt, drei Schreibtische zu besitzen, die für die unterschiedlichsten Arten des Schreibens von ihr dementsprechend eingesetzt werden. Doch dieses Privileg hatten in früheren Zeiten leider nur sehr wenige Schriftstellerinnen; sie mussten zum Teil mit dem Küchen- bzw. Esstisch vorlieb nehmen, wie zum Beispiel Jane Austen oder Charlotte Brontë, die sogar mit ihren zwei Schwestern gemeinsam im Esszimmer ihre Bücher schrieb.

Aber auch das Café zählte zu einem der wichtigsten und beliebtesten Schreibplätze für viele Autorinnen. Während der Besatzungszeit beispielsweise war es der wesentlich besser geheizte Ort. Und für Simone de Beauvoir, die alle ihre Bücher in Cafés geschrieben hatte, nicht nur ein Arbeits- genauso eine Art Lebensort zum Essen und zum Freunde treffen. Auch Nathalie Sarraute ging jeden Tag für vier Stunden in ein libanesisches Café in Paris, um ihren Kindern und dem Anwaltsalltag ihres Mannes zu entfliehen. Dorothy Parker konnte über viele Jahre hinweg nur in möblierten Hotelzimmern arbeiten. Ja und nicht nur für François Sagan war die brennende Zigarette ein unabdingbares „Konzentrationsmittel“. Viele andere Schriftstellerinnen, wie beispielsweise Elizabeth Bowen, fühlten sich im Tabakduft irgendwie wohl und aufgehoben. Gertrude Stein dagegen brauchte noch etwas ganz anderes, das sie in ihrem Schreiben unterstützte und beflügelte, nämlich Kunst. Sie sammelte bereits früh die unterschiedlichsten Meisterwerke der Moderne und wurde durch die Kunst, die an ihren Wänden ihres Arbeitszimmers hing, nicht immer nur positiv inspiriert und musste sich deshalb sogar von so manchem Kunstwerk trennen, da es ihren Schreibprozess eher zu blockieren schien.

Einige Autorinnen konnten überall schreiben, reisten viel, benötigten ihre Schreibmaschine als klassisches Arbeitsmittel und der Arbeitsort war völlig gleichgültig, ob in der Wiese, auf der Terrasse oder in einem Raum an einem beliebigen Tisch. Es gibt aber auch Schriftstellerinnen, die ihren eigenen konkreten Ort zum Schreiben brauchten. Sei es ein separates Zimmer wie bei Virginia Woolf und Alice Walker, oder aber auch nur der einzig wahre Schreibtisch bzw. Schreibort, wie bei Nadine Gordimer oder Colette, die nur im Bett auf ihrem dafür eigens konzipierten Schreibpult produktiv sein konnte.

Viele oder man könnte fast schon sagen, die meisten dieser Autorinnen sind dem Schreiben so zugetan, dass es für sie das eigentliche, ja das wahre Leben bedeutete, aber es gibt auch Ausnahmen, bei denen das Schreiben, ein echter Brotberuf war und vor allem das Geld zählte. George Sand gehörte zu dieser Kategorie. Sie konnte sage und schreibe bis zu dreizehn Stunden am Tag arbeiten und versuchte sich dabei nachts mit Unmengen von Kaffee und Zigaretten wachzuhalten. Aber auch Agatha Christie, die mehr als 70 Bücher geschrieben hatte, arbeitete für eine neue Loggia an ihrem Haus. Es ging ihr um die pragmatischen Aspekte und keineswegs um die Verklärung des Schreibens.

Fast 40 schreibende Frauen und ihre Arbeitsplätze mit den dazu verbundenen Arbeitsgewohnheiten dürfen wir in diesem so fabelhaft konzipierten Buch – dank auch der faszinierenden Fotos von einigen dieser Schreiborte – erstmals kennenlernen. Tania Schlie hat nicht nur intensiv geforscht, sie hat auch sehr subtil und ganz vorsichtig die Türen zu den Schreibplätzen dieser aussergewöhnlichen Frauen geöffnet. Wir spüren die unterschiedlichen Plätze auf, fühlen uns sofort eingeladen in die verschiedenen „Arbeitszimmer“ dieser ausgewählten Schriftstellerinnen und erkunden die Einrichtung, drücken die Tasten der Schreibmaschine oder nehmen die Bleistifte bzw. Füllfederhalter zur Hand, riechen den Tabakrauch oder hören auch die Nebengeräusche in den Cafés. Kurzum der Leser wird Teil einer ganz besonderen Welt, der sogenannten weiblichen Schreibwelt. Ja und somit müssen wir uns nicht im Geringsten wundern, wenn wir, selbst als Leser, uns vielleicht auch nach einem genauso vergleichbaren „Ort“ des Schreibens bzw. Arbeitens sehnen!

„Wo Frauen ihre Bücher schreiben“ ist ein glanzvoll illustrierter Bild- und Textband, der nicht nur Schreiborte, sondern ganze und vor allem auch in gewisser Weise sehr persönliche und intime geistige Lebensräume von beeindruckenden Schriftstellerinnen präsentiert. Seien Sie gewiss, verehrter Leser, spätestens nach der Lektüre dieses Buches werden Sie Ihre Neugierde bezüglich der Frage nach dem „Wo“ Frauen schreiben stillen können, doch gleichzeitig werden die neuen Fragen nach dem „Was“ und „Wie“ sie schreiben nicht lange auf sich warten lassen und das literarische Verlangen, diese Schriftstellerinnen auch in ihrem Werk kennenzulernen, kaum mehr zu bändigen sein!

Durchgelesen – „Zum Zeitvertreib – Vom Lesen und Malen“ v. Winston Churchill

Winston Churchill (1874 – 1965) kennen wir als einen der bedeutendsten britischen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Er bekleidete mehrere Regierungsämter, war von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 Premierminister von Grossbritannien. Doch unabhängig von seiner grossen politischen Karriere war Winston Churchill ein überaus erfolgreicher Autor verschiedenster politischer, aber auch historischer Schriften. So dass er 1953 mit dem Literaturnobelpreis „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“, ausgezeichnet wurde. Somit ist es kaum verwunderlich, dass Churchill nicht nur Autor, sondern auch Leser war. Das Lesen gehörte neben der Malerei zu einer seiner wichtigsten „Freizeitbeschäftigungen“. Nun dürfen wir uns als Leser erfreuen und an diesem doch für ihn so wichtigen „Zeitvertreib“ ein wenig zu partizipieren.

Für Churchill ging es in erster Linie überhaupt erst mal darum, eine Alternative zu seiner politischen Tätigkeit zu finden, denn das wichtigste war:

„Abwechslung ist der Schlüssel schlechthin.“

Es sollte ein Hobby sein, welches zwar anspruchsvoll, aber gleichzeitig auch die politischen Gedanken etwas verdrängen konnte. Und so war es für Churchill ganz klar:

„Die beliebteste Art der Zerstreuung ist das Lesen.“

Das Lesen führte Churchill in vielerlei Hinsicht in eine Art geistige Selbstzufriedenheit, es bereicherte den Wortschatz, vor allem dann, wenn man auch noch neben seiner Muttersprache in einer anderen Sprache richtig lesen konnte. Doch gleichzeitig sollte man es in jungen Jahren nicht mit der Lektüre übertreiben, eher vorsichtig vorgehen und alles mit Bedacht und Muse ausführen.

Doch neben dem Lesen gab es noch einen weiteren sehr wichtigen Aspekt in Bezug auf den „Zeitvertreib“, nämlich die Malerei. Für Churchill war das Malen fast noch mehr „Ablenkung“ als das Lesen.

Dabei ist nicht ganz unwichtig zu wissen, dass Winston Churchill das Malen erst mit 40 Jahren für sich entdeckt hatte und damit in diesem Alter zum ersten Mal einen Pinsel führte. Der Anfang forderte auch so manchen Mut ab, bis er sich traute die weisse Leinwand mit Farbe zu beglücken:

„So ein verwegener Beginn, oder mitten hinein geworfen zu werden, macht bereits einen grossen Teil der Malkunst aus. Ab das ist beileibe nicht alles.

Le peinture à l’huile
Est bien difficile,
Mais c’est beaucoup plus beau
Que la peinture à l’eau.

Es liegt mir fern, Wasserfarben herabsetzen zu wollen. Aber es geht wirklich nichts über Ölfarben. Mit ihnen hat man ein Mittel zur Hand, das wahre Macht verleiht; man muss nur herausfinden, wie man es einsetzt.“

Ja, Churchill war sehr leidenschaftlich vor allem, was das Lesen und sehr produktiv und zielstrebig, was das Malen betrifft, somit ist es nicht überraschend, dass über 500 Gemälde entstanden sind, die teilweise bereits in einigen Ausstellungen präsentiert wurden und inzwischen auch bei Auktionen unerwartet hohe Preise erzielen konnten.

Dieser wunderbare Essay aus der Feder von Winston Churchill ist ein wahrer Lesegenuss. Mit Charme, Intelligenz, aber auch einer gewissen geradlinigen und strategischen Prägnanz zeigt uns Churchill seine Hobbys, seine „Abwechslungen“ – kurzum seinen „Zeitvertreib“! Man spürt bei jeder Zeile die echte Überzeugung hinsichtlich dieser vergnüglichen Tätigkeiten und die daraus resultierenden kaum zu übertreffenden positiven Ergebnisse. Diese Hobbys lenken ab, sie zerstreuen und sie begleiten durch ein nicht ganz einfach zu führendes Leben. Churchill suchte Kraft, er wollte, dass seine nur auf politische Entscheidungen getrimmten Gehirnzellen sich entspannen konnten und wurde – wie bereits viele andere Suchende – beim Malen und Lesen fündig.

Dieses kleine Leinenbüchlein mit gerade mal 60 Seiten ist ein perfekter und mehr als kurzweiliger „Zeitvertreib“ für jeden Menschen. Selbst der Nichtleser und Nichtmaler wird daran seine grosse Freude haben und entweder dabei die Lust am Lesen und Malen entdecken oder sich mit Enthusiasmus auf die Suche nach einer passenden Ablenkung begeben. Winston Churchills „Zeitvertreib“ amüsiert, bereichert und informiert auf so wundervolle Weise, dass man fast geneigt ist, jeden Satz darin unterstreichen zu wollen, viele Zitate am Liebsten auswendig lernen und somit für immer in seiner Seele behalten möchte.

„Zum Zeitvertreib“ ist sicherlich eines der schönsten und intellektuellsten „Geschenkbücher“, welches in den letzten Jahren veröffentlicht wurde, denn jede Zeile von Winston Churchill in diesem Essay ist ein wahres Geschenk!

Durchgelesen – „Ein Liebesabenteuer“ v. Alexandre Dumas

In der Literatur gibt es hin und wieder so wunderbare Überraschungen, die man nicht für möglich halten würde. Und genau so eine literarische Überraschung ist die Entdeckung eines Werkes von Alexandre Dumas, das wir mit grosser Erwartung nun nach sage und schreibe über 150 Jahren zum ersten Mal in deutscher Sprache in den Händen halten dürfen. Alexandre Dumas hat im Alter von 57 Jahren diesen Text mit dem Titel „Une aventure d’amour“ („Ein Liebesabenteuer“) lange Zeit nach seiner Hauptschaffensperiode geschrieben, welcher dann 1860 in Frankreich veröffentlicht wurde.

Alexandre Dumas (1802-1870) ist neben Balzac und Hugo einer der grossen französischen Schriftsteller, der vor allem durch seine Historienromane „Der Graf von Monte Christo“ und „Die drei Musketiere“ Weltruhm und eine überaus hohen Bekanntheitswert erreichte. Seine ersten Schreibversuche startete Alexandre Dumas allerdings mit Komödien, später betätigte er sich auch als Lyriker und Journalist. Er lernte Victor Hugo kennen und arbeitete mit Gérard de Nerval zusammen. Doch so richtig populär und beliebt wurde er erst durch seine Abenteuerromane. Dumas war ein Lebe- und Genussmensch, den Frauen gegenüber nie abgeneigt widmete er sich den schönen Dingen im Leben. Er reiste viel – nach Belgien, Deutschland, Italien und Russland -, nicht nur aus Interesse, sondern auch, um seinen Gläubigern immer mal wieder entfliehen zu können. Doch diese Reiseeindrücke konnte er dann letztendlich erfolgreich in seinen „Mémoires“ verarbeiten, die zwischen 1852 und 1854 in Brüssel erschienen waren. Doch heute nach dem bekannt abenteuerlustigen Alexandre Dumas erleben wir in diesem – dank der sehr gelungenen Übersetzung von Roberto J. Giusti – gerade neu veröffentlichten Buch „Ein Liebesabenteuer“ eine neue und ungewohnte Seite von Alexandre Dumas.

„Ein Liebesabenteuer“ ist keine  klassische Erzählung, auch keine Novelle, geschweige denn ein Roman. Es könnte eine Geschichte oder eher ein Bericht aus seinem Leben sein, autobiographisch, aber trotzdem äusserst literarisch. Im Herbst 1856 kommt bei Alexandre Dumas überraschend eine Dame zu Besuch. Obwohl er seinem Hausdiener klare Anweisung gegeben hat, niemanden zu ihm vorzulassen, wird die Dame hereingeführt, denn sie war nach Meinung des Dieners einfach besonders schön. Bei dieser Dame handelt es sich um Lilla Bulyowsky. Eine junge Frau, 25 Jahre alt und Schauspielerin aus Budapest. Über einen Kontakt spricht sie nun bei Alexandre Dumas vor und wünscht sich, dass er sie in die französische Bohemien-Welt einführt. Allerdings stellt sie gleich eines klar:

„…ich habe einen Gatten, den ich liebe, und ein Kind, das ich vergöttere.“

Sicher ein kluger Schachzug von Lilla, denn dass Alexandre Dumas dem weiblichen Geschlecht doch sehr stark zugeneigt war, konnte auch ihr nicht verborgen bleiben und somit zieht sie bereits bei ihrem ersten Treffen mit Alexandre eine klare Grenze. Nach einem Monat regelmässiger Begegnungen zwischen Alexandre und Lilla wird es für Lilla Zeit, die Weiterreise anzutreten. Sie möchte unbedingt nach Deutschland, die Reise soll über Brüssel, Spa und Köln, ja und dann weiter nach Mainz bis nach Mannheim führen. Alexandre entschliesst sich kurzer Hand, Lilla bis nach Brüssel zu begleiten. Trotz einem Knistern und einer gewissen Spannung zwischen den beiden bleibt Alexandre während der Zugreise besonders höflich und galant distanziert, ja ein wahrer „Gentleman“, der sich als hervorragender Begleiter entpuppt und bei Ankunft in Brüssel trotz gewisser erotischer Schwingungen eine ganz neue Seite an sich entdeckt:

„Eine Stunde später war sie im „Hotel de Suède“. Ich führte sie zu ihrem Zimmer, küsste ihr respektvoll die Hand und murmelte im Hinausgehen: «Wie bezaubernd es wäre, wenn man eine Frau zum Freund haben könnte!»“ 

Alexandre entschied sich nach dem Brüssel-Aufenthalt die Reise nach Deutschland weiter mit Lilla gemeinsam fortzusetzen und so dürfen wir dabei die interessanten und unter anderem auch äusserst amüsanten Anmerkungen Dumas über die deutsche Lebensart und allerlei kulinarische Genüsse verfolgen:

„In allen Ländern der Erde gibt man Essig in den Salat; in Deutschland gibt man den Salat in den Essig.“

Die Reise nach Deutschland entwickelte sich als ein wahres Entdeckungswunder für Alexandre, der inzwischen mit Lilla in Koblenz eingetroffen ist und selbst immer mehr von seinem „geschwisterlichen“ Verhältnis zu Lilla überrascht war, das selbst die Nähe der Hotelzimmer nicht im geringsten mehr gefährden konnte. In Koblenz freunden sich Lilla und Alexandre mit einer sympathischen Wienerin an, welche beide auf ihrer Weiterreise begleiten wird. Dabei erzählt Alexandre den beiden Damen ein wahres Liebesabenteuer, das er 1836 in Palermo mit einer Frau, die er nur Maria nannte, erlebt hatte. Könnte nun auch die Beziehung mit Lilla nicht doch noch eine andere Wendung nehmen, als wir sie bis jetzt beobachten, denn die Reise war noch lange nicht beendet, sowohl im realen, als auch im gedanklich erzählerischen und vor allem emotionalen Sinne…?

Alexandre Dumas versprüht mit diesem von Charme und Esprit kaum zu überbietenden Werk einen Zauber und eine Eleganz, wie wir sie uns nicht schöner wünschen könnten. „Ein Liebesabenteuer“ ist eine entzückende Anekdote aus einem bewegten und intensiven Leben, das nun endlich aus der Übersetzungs-Verschollenheit entsprang und somit den deutschsprachigen Leser in die vielleicht noch völlig unerforschte Welt von Alexandre Dumas entführen kann.

Das besondere an diesem kleinen feinen Oeuvre ist das stilvolle Herausstellen eines sehr positiv anmutenden Charakterzugs von Alexandre Dumas im Bezug auf die Bewunderung und den Respekt gegenüber Frauen. Alexandre Dumas könnte der Vater von Lilla sein, und selbst dies wäre vielleicht kein Hinderungsgrund für eine Affäre. Doch in diesem erstaunlich emotional offenen Text zeigt Alexandre Dumas eine gewisse souveräne, aber auch ehrfürchtig vornehme Haltung und lernt, je länger seine und Lillas „Zweisamkeit“ dauert, das Wunder der Freundschaft zwischen Mann und Frau kennen und lieben:

„Zwischen uns war etwas entstanden, das sich zwischen der Liebe zweier Amants und der Liebe zwischen Bruder und Schwester eingependelt hatte, eine äusserst charmante Empfindung, die in der Skala menschlicher Innigkeit noch nicht einzuordnen war.“

Alexandre Dumas hat uns mit diesem wundervollen, aber auch klugen und geistreichen „Lebensbericht“ ein ganz besonderes literarisches Bijou geschenkt. Wir freuen uns sehr, dass diese Übersetzungslücke im Werk von Alexandre Dumas nun so erfolgreich geschlossen werden konnte. Ob als reine Liebesgeschichte, diplomatisch verpackte Reisereportage oder autobiographische Anekdote, dieses „Liebesabenteuer“ ist nicht nur für Dumas Verehrer ein äusserst intelligent unterhaltsamer Lesegenuss und deshalb besonders empfehlenswert!

Durchgeblättert – „Marcel Proust“ v. Patricia Mante-Proust u. Mireille Naturel

« Um Proust wirklich Tribut zu zollen, müssen wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten, nicht seine Welt mit unseren Augen. » So schreibt Alain de Botton in seinem Buch « Wie Proust ihr Leben verändern kann » und damit hat er in vieler Hinsicht Recht. Damit wir diese proustsche Welt vielleicht noch etwas besser verstehen und sie für uns Leser noch transparenter wird, erscheint nun ganz aktuell zu seinem 90. Todestag am 18. November 2012 ein nicht nur unglaublich repräsentativer und grossformatiger Bildband, sondern damit auch ein traumhaft schönes und sehr informatives Buch, das Marcel Proust und sein Werk « in Bildern & Dokumenten » auf 200 Seiten kompetent und kompakt erläutert.

Vor 90 Jahren ist Marcel Proust nun von uns gegangen, und ist durch sein Werk trotzdem immer bei uns geblieben. Dieser wichtige Jahrestag gibt natürlich Anlass zu erinnern, aber auch das erste Erscheinen der Fragmente  von « Du côté de chez Swann » (« Unterwegs zu Swann ») zwischen März 1912 und März 1913 im Le Figaro und die Buch-Veröffentlichung bei Grasset im November 1913 sind im nächsten Jahr ein weiteres grosses literarisches Ereignis, sich wieder einmal aufs Neue oder auch vielleicht zum ersten Mal diesem berühmten Schriftsteller zu widmen.

Dieser neue Bildband wurde von Patricia Mante-Proust, der Grossnichte von Marcel Proust herausgegeben und mit Texten von Mireille Naturel perfekt ergänzt. Patricia Mante-Proust kümmert sich seit Jahren um den Nachlass ihres Onkels und somit können wir als Leser zum ersten Mal viele bis jetzt noch unveröffentlichte Dokumente im Bezug auf die Geschichte seiner Familie und seines Werkes in gedruckter Form bewundern. Zahlreiche Photographien, besondere Schriftstücke aus der Familiensammlung, Briefwechsel und Auszüge seiner Manuskripte können hier studiert und bestaunt werden. Dieses Buch öffnet geheime Schubladen und unter anderem auch die Archive aus dem Hause der berühmten Tante Leonie (Illiers-Combray), die nun nicht nur für die Besucher vor Ort sondern für jeden Leser zugängig gemacht werden können.

Nach einem sehr persönlichen Vorwort von Patricia Mante-Proust und einer charmanten Einführung von Mireille Naturel, die sich übrigens 2007 mit einer Arbeit zu Proust habilitiert hat, inzwischen an der Universität Sorbonne unterrichtet und als Generalsekretärin der Société des Amis de Marcel Proust und Redakteurin des Bulletin Marcel Proust tätig ist, entdecken wir auf über 6 Kapiteln verteilt, das Leben und Werk Marcel Prousts.

Es beginnt eine proustsche Lebensreise, geboren am 10. Juli 1871 in Auteuil (inzwischen ein Pariser Viertel – 16. Arrondissement), die ersten wichtigen Gefühle zwischen Proust und seiner Mutter werden wach, die Kindheit oft verbringend bei seiner Tante in Illiers-Combray, leichte und schwere Asthmaanfälle, eine Jugend zwischen Paris und auf dem Land, die ersten Antworten auf den berühmten Fragebogen, Schulzeit (wunderbare Dokumente zum Zensurenspiegel), die Studien- und Militärzeit und die gute Luft und wunderbare Landschaft von Cabourg.

Es folgen wichtige künstlerische Momentaufnahmen bezüglich Leben und Werk, die Begegnung mit seinem Verleger Gallimard, Aufenthalte in der Normandie, die Fürsorge von Céleste Albaret, Erläuterungen über seine wichtigen Jugendwerke, wie « Les Plaisir et les Jours » (« Freuden und Tage »), der Eintritt in die Salons und das mondäne Leben und der zweite Proustfragebogen. Zum Ende hin lernen wir viel « über das Lesen », die Bedeutung von kulinarischen und malerischen Meisterwerken in seiner « Suche nach der verlorenen Zeit », über Düfte, Farben und den Symbolismus, begleiten Marcel Proust auf Reisen in die Bretagne, nach Venedig, Belgien und Holland, hören wundervolle Musik von Saint-Saëns und César Franck, geniessen am Schluss eine köstliche Madeleine und verstehen die Bedeutung des Weissdorn und warum Rosa, die Lieblingsfarbe von Marcel Proust war.

Dieses Buch, ist nicht nur ein im herstellerischen Sinne äusserst hochwertiger Bildband, der sich durch seine besonders beeindruckende Reproduktionqualität der zahlreichen Photographien und Dokumente auszeichnet, sondern es ist auch ein wahrlich elegant anmutendes, aufklärendes und anspruchsvoll konzipiertes Panoptikum eines der wichtigsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mireille Naturel verbindet mit ihren Texten auf grandiose Weise das Bildmaterial mit den Zitaten aus dem Werk von Marcel Proust, so dass ein sehr persönliches Lebenszeugnis entsteht, das bis jetzt in dieser Form noch nicht da gewesen ist. Somit werden nicht nur allein der Mensch und das Werk Marcel Proust gezeigt, sondern auch eine ganze Epoche dem Leser näher gebracht. Ab der ersten Seite taucht der Leser in eine neue, aber irgendwie auch zeitlose Welt ein, die vor allem durch den unvergleichen Schreibstil von Marcel Proust gekennzeichnet wurde.

Der Leser kann beim Betrachten der Photographien, Dokumentationen und gemalten Portäts, vor allem wenn man das berühmte Gemälde von Jacques-Émile Blanche vor Augen hat, das man heute im Musée d’Orsay jederzeit bewundern kann, die Verschmelzung zwischen Leben und Roman nachempfinden. Man lässt sich leserisch und betrachtender Weise treiben, blättert, liest, schwärmt und ist erstaunt über das Zusammenspiel von Erlebten, Erträumten und Geschriebenen. Dieses Buch hilft auf ganz wunderbare Weise den Menschen Marcel Proust vor allem auch in Bildern und nicht nur im Text kennenzulernen und sich dadurch ganz vorsichtig dem eigentlichen « Gesamtkunstwerk » nähern zu können. Denn letztendlich sind das Leben und das Werk von Marcel Proust in keinster Weise trennbar :

« Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. Dieses Leben bewohnt in gewisser Weise jeden Augenblick aller Menschen, nicht nur der Künstler. Aber sie sehen ihn nicht, weil sie sich nicht bemühen, ihn zu erhellen. » ( aus « Die wiedergefundene Zeit »)

« Marcel Proust » ist eine sehr beeindruckende und ambitionierte Bild-Biographie, die sich sowohl in der Opulenz des Bildmaterials, als auch durch die sehr profunde und gleichzeitig sensible Textgestaltung auszeichnet. Dank Patricia Mante-Proust dürfen wir nun ein Buch in den Händen halten, das sich natürlich für jeden Proust-Anfänger bestens eignet, aber gleichzeitig auch dem Kenner noch viele neue dokumentarische Aspekte zeigt, die bis jetzt im Familienbesitz waren oder hinter verschlossen Türen im französischen Nationalarchiv schlummerten.

Nehmen Sie sich Zeit, verehrter Leser, verbringen Sie mit « Marcel Proust » einen Nachmittag – die Tasse Tee trinkend in Begleitung von einer köstlichen Madeleine – und Sie werden erkennen, wie nahe Sie dem Menschen Proust, aber auch seinem Werk, durch diesen prachtvollen Bildband kommen. Ja und vielleicht verspüren Sie dann ganz plötzlich die Lust, inspiriert durch den ersten und allseits berühmten Satz « Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. », Marcel Proust in seine ganz besondere, unverwechselbare und einmalige literarische Welt zu folgen…

Durchgeblättert – „FREUD“ v. Corinne Maier u. Anne Simon

Geniessen Sie auch so gerne Ihre Couch, um sich zu entspannen, nachzudenken, zu schlafen oder zu lesen ? Es gibt viele Gründe, dieses sehr bequeme, praktische und « kluge » Möbel besonders im Hinblick auch auf die Psychoanlayse für sich zu entdecken. Vielleicht wäre dies somit der perfekte Anlass, sich « FREUD » zu widmen bzw. ihn erstmals « persönlich » richtig kennenzulernen. Bei « FREUD » handelt es sich um die genial umgesetzte Graphic Novel über das Leben und Arbeiten von Sigmund Freud, welche den Leser in ironisch unterhaltsamer Manier in die Welt der Psychoanalyse einführt und auf eine Reise von Wien über Paris nach London mitnimmt.

Zwei besondere Frauen haben sich Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanlayse, auf ganz aussergewöhnliche Weise genähert, so dass sowohl der interessierte Laie als auch der Kenner begeistert sein werden:
Die « Textarbeit » für dieses ungewöhnliche Projekt übernahm Corinne Maier (geb. 1963 in Genf). Nach verschiedenen Studiengängen vollendete sie ihren Abschluss am Institut d’études politiques de Paris und ergänzte ihre universitäre Karriere mit zwei Diplomen in Internationale Beziehungen und Wirtschaft. Sie ist Historikerin, Soziologin und Psychoanalytikerin, inzwischen praktizierend in Brüssel und Paris. Berühmt wurde sie durch ihren Welterfolg « Bonjour Paresse » (« Die Entdeckung der Faulheit »), das die Strukturen eines grossen französischen Energie-konzerns anprangert. Kurz nach Erscheinen dieses Titels wurde sie von ihrem damaligen Arbeitgeber entlassen und widmet sich seitdem nur noch dem Schreiben und der Arbeit als Psychoanalytikerin.
Für die « Bild- und Zeichenarbeit » bei dieser Graphic Novel ist Anne Simon verantwortlich. Nach ihrem Studium an der École Supérieure de l’Image in Angoulême und bei « Arts Décoratifs » in Paris wurde sie als « Junges Talent » auf dem Féstival d’Angoulême 2004 ausgewählt. Sie hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher bebildert und gehört zu den bekanntesten Illustratorinnen und Comiczeichnerinnen Frankreichs.

Mit ihrem Gemeinschaftswerk « FREUD », das bereits in Frankreich 2011 erschienen ist, geben das Duo Maier und Simon – dank der Übersetzung von Anja Kootz – glücklicherweise endlich ihr Debüt für die deutschsprachige Leserschaft.

Corinne Maier lässt Sigmund Freud sein Leben selbst erzählen. Es ist eine Biographie – bzw. eine « Autobiographie » der Sonderklasse, da Freud zum Ich-Erzähler wird und sich dadurch dem Leser besonders authentisch und greifbar vorstellt :

« Ich bin Freud. Ich bin der Erfinder der Psychoanalyse… Und das war kein Zuckerschlecken, kann ich Euch sagen ! Und kein Strudel… Ihr wisst schon dieses Gebäck aus Wien. »

Natürlich werden wir in diesem Band bei nur 55 Seiten nicht das detaillierte Schaffen dieses Mannes lesenderweise erfassen können. Hier werden die Eckpunkte seines Lebens und die herausragenden wissenschaftlichen Erkenntnisse raffiniert und äusserst klug komprimiert, so dass man trotz der Kürze einen doch sehr kompetenten ersten Eindruck über das Wirken von Sigmund Freud erhält.

Corinne Maier beginnt chronologisch und setzt, wie bereits erwähnt, ihren Schwerpunkt auf die wichtigsten Ereignisse in Freuds Leben. Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Sohn jüdischer Eltern in Freiberg (Mähren, damals Kaisertum Österreich) geboren. Er studierte an der Universität Wien Medizin, lernte Martha – seine erste Frau – kennen, verliebte sich in sie, wollte sie unbedingt sofort heiraten, aber ihre Mutter fand einen Studenten als Schwiegersohn eher unpassend. Somit musste Martha noch etwas warten. Freud forschte weiter, machte mit Kokain seine ersten Experimente und erhielt ein Forschungsstipendium für Paris. Er traf auf Charcot, einem weltbekannten Neurologen, der mit Hypnose bereits Patienten behandelte. Nach der Rückkehr arbeitete er kurzzeitig mit Professor Breuer zusammen, der bereits die Hypnose in einer verfeinerten Form an dem Fall Anna O. ausprobierte, der jedoch nicht so erfolgreich endete, wie man gedacht hatte. Freud dagegen entwickelte seine eigene Methode bei der die Patienten sich auf einen Diwan legen sollten:

« Sprechen Sie aus, was Ihnen durch den Kopf geht. »… « Die Hypnose ist gar nicht nötig. Es genügt den Patienten frei reden zu lassen.»

Dies war die « Geburt » der Psychoanalyse, eine « revolutionäre » Erfindung zur Heilung von Nervenkrankheiten, die nicht nur für das Leben von Sigmund Freud, sondern auch für die ganze Menschheit eine damals noch nicht vorhersehbare Bedeutung erlangen würde.

Corinne Maier und Anne Simon erklären uns auf so humorvolle und intelligente Weise spielerisch die Theorien Sigmund Freuds. Wir lernen u.a. den Ödipus-Komplex kennen, den Todestrieb und den Penisneid. Die erstaunlich prägnanten und kurzweiligen Sprechblaseninhalte von Corinne Maier und die grandiose zeichnerische Plastizität erzeugt durch einen Hauch naiver Malkunst durch Anne Simon machen diese Graphic Novel zu einem echten Hingucker und schenken uns ein sehr grosses Lesevergnügen.

Es gelingt den beiden Künstlerinnen die Komplexität der Welt Sigmund Freuds in eine gleichzeitig absolut vergnügliche und lehrreiche Form zu packen. Dieses Album ist eine perfekte kleine Einführungsstunde in die Psychoanalyse und ihren Erfinder. Es gibt Einblicke in die damalige Zeit und zeigt einen Mann, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu den grössten Visionären seiner Epoche gehörte und dadurch ein sehr nachhaltiges und wichtiges Erbe hinterlassen konnte. Selbst im 21. Jahrhundert, wie er selbst sagt: « …braucht man mich immer noch… ».

Dieses Buch ist sowohl ein wunderbarer Einstieg für diejenigen, die Freud noch nicht wirklich kennen, als auch ein nicht minder amusantes und interessantes Werk für den echten Insider. Lebendig und bunt – wobei hauptsächlich die Farben rot, orange, braun und grün im Vordergrund stehen – präsentiert sich diese sehr gelungene « Kontaktaufnahme » mit einem der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Worauf warten Sie noch, verehrter Leser ? Sie dürfen sich jetzt mit « FREUD » auch auf den Diwan legen und Sie werden es nicht bereuen, denn selten konnte man mit so viel Spass Information und Wissen durch Bilder und Wörter erlesen, wie bei diesem äusserst gelungenen und gestalterisch sehr ansprechenden Buch-Projekt!

Durchgelesen – „Sire, ich eile: Voltaire bei Friedrich II.“ v. Hans Joachim Schädlich

Spätestens seit dem 300. Geburtstag am 24. Januar 2012 ist der Preußenkönig Friedrich II. wieder in aller Munde. Und genau dieses Jubiläum könnte Hans Joachim Schädlich als Anlass genommen haben, auf die ganz besonders ungewöhnliche « Beziehung » zwischen Friedrich II. und Voltaire aufmerksam zu machen. Erwarten Sie jetzt kein neues Sachbuch über den Preußenkönig. Ganz im Gegenteil, Sie werden von Hans Joachim Schädlich mit einer äusserst kurzweiligen und espritvollen Novelle über die « Freundschaft » Friedrichs II. zu Voltaire, wie sie es in dieser literarischen Form sicherlich noch nicht gegeben hat, überrascht.

Hans Joachim Schädlich (geboren 1935 in Reichenbach im Vogtland) studierte Germanistik und Linguistik an der Humboldt-Universität Berlin und an der Universität Leipzig. Nach seiner Promotion arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin, bevor er 1977 aufgrund eines Ausreiseantrags in die Bundesrepublik übersiedeln konnte. Er wurde für seine Werke mit einer Fülle von Auszeichnungen geehrt, unter anderem 1992 den Heinrich-Böll-Preis, 1996 den Kleist-Preis, 1998 den Schiller-Gedächtnispreis und 2007 den Literaturpreis der Stadt Bremen. Heute lebt und arbeitet Hans Joachim Schädlich in Berlin. Ganz aktuell ist nun sein neuestes Werk « Sire, ich eile » erschienen, welches den Leser durch seine sprachliche Brillanz begeistern und neugierig machen wird.

« Sire, ich eile », erzählt die schwierige und irgendwie auch merkwürdige Konstellation zwischen Friedrich II. und Voltaire. Friedrich II. ist durch sein Geburtstags-Jubiläum wieder mehr ins Gedächtnis gerückt, wir wissen um seine Taten, « Erfolge » und Probleme, kennen sein Faible für die Philosophie und die Leidenschaft zur Musik, insbesondere zur Flötenmusik. Doch wer ist eigentlich Voltaire und warum wird er so stark von Friedrich II. umworben ?

Voltaire (1694 – 1778), heisst eigentlich François-Marie Arouet, gehörte zu den meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In erster Linie schrieb er als Lyriker, Dramatiker und Epiker für die intellektuelle Oberschicht Frankreichs. Und nicht nur für diese, auch die Adelschicht in ganz Europa, welche aufgrund ihrer Erziehung die französische Sprache lernte, war begeistert von seinen philosophischen Werken. Er beherrschte selbst mehrere Sprachen wie Englisch und Italienisch, reiste viel und lebte in Ländern wie Niederlande, Deutschland, England und der Schweiz. Er äusserte sich kritisch über den Absolutismus, die feudalistischen Zustände und die Monopolherrschaft der katholischen Kirche, deshalb wird er auch als Wegbereiter der Französischen Revolution bezeichnet. Zu seinen wichtigsten, bekanntesten und beliebtesten Werken – vor allem auch in deutscher Übersetzung – zählt « Candide oder der Optimismus », welches 1759 erstmals veröffentlicht wurde.

Hans Joachim Schädlich’s Novelle beginnt im Jahre 1732. Voltaire’s Theaterstück « Zaire » feiert grosse Erfolge in der Comédie Française (Paris). Er lernt durch den Comte de Forcalquier und zwei anderen Bekannten seine zukünftige Geliebte kennen. Es ist die Marquise du Châtelet, mit dem zarten Vornamen Émilie :

« Die vier fuhren nach Charonne und kehrten in einem Landgasthof ein. Auch im Gasthaus sass Voltaire neben Madame Châtelet. Seit diesem Abend konnten die beiden nicht mehr voneinander lassen.
Es war Liebe.
François und Émilie. »

Ein Jahr später finden François und Émilie endgültig zusammen und sie wird die Geliebte und Gefährtin von Voltaire, obwohl sie bereits seit 1725 mit dem Marquis du Châtelet-Lomont verheiratet und auch Mutter von einer Tochter ist. Davor war sie übrigens auch noch die Geliebte vom Herzog von Richelieu (ein Großneffe des Kardinals Richelieu). Émilie ist eine durchsetzungsstarke und sehr intelligente Frau. Sehr belesen und von philosophischen und metaphysischen Werken angezogen, beschäftigt sie sich intensiv mit Mathematik und Physik. Um einem Haftbefehl zu entgehen, verlässt Voltaire Paris und reist 1734 nach Cirey-sur-Blaise. Er zieht in das Schloss, das schon immer seiner Familie gehörte. Émilie kommt nach, hilft ihm beim Einrichten und Dekorieren. Widmet sich aber bald wieder ihren physikalischen Experimenten im eigenen Labor. Voltaire und Émilie arbeiten gemeinsam an verschiedenen naturwissenschaftlichen Werken.

Friedrich, noch Kronprinz, versucht sich mit philosophischen Werken abzulenken und mit dem Gedanken anzufreunden, dass er bald preußischer König wird. Er hasst die deutsche Sprache und Literatur und beginnt mit seinen ersten Kompositionen. Zum ersten Mal im Jahre 1736 erreicht Voltaire ein Brief des preussischen Kronprinzen. Und ab diesem Zeitpunkt beginnt ein nicht zu enden wollendes Umwerben von Seiten Friedrichs. Der zukünftige Preußenkönig wünscht nichts sehnlicheres als den Schöpfer dieser herausragenden philosophischen Werke bei sich zu haben. Er ist auf der Suche nach einem adäquaten Gesprächspartner und nach einem geeigneten Korrektor für seine philosophischen und poetischen Schriften.

1740 besucht Voltaire Friedrich zum ersten Mal in Kleve. Weitere Treffen folgen, doch Émilie ist skeptisch und spürt, dass Friedrich « ihren » Voltaire eigentlich nur « besitzen » möchte. Das belastet natürlich die Beziehung zwischen Émilie und Voltaire. Sie lässt sich auf einen anderen Mann ein, der ihr neuer Liebhaber wird und sie bald darauf auch schwängert. Und auch Voltaire hat eine neue Geliebte, seine Nichte Louise Denis. Friedrich drängt zunehmend, doch Voltaire vertröstet ihn, denn trotz der neuen « Liebesumstände » ist Voltaire nach wie vor für seine Gefährtin Émilie da und will ihr auch bei der Geburt beistehen. 1749 bekommt Émilie ihr Kind, sie stirbt jedoch einige Tage später und auch das Kind überlebt nicht.

1750 bricht Voltaire nun endgültig in Richtung Potsdam auf. Seine Reise gestaltet sich sehr schwierig und ist begleitet von vielen Hindernissen. Doch er versichert Friedrich sein Kommen in einem Brief :

« “ Sire, ich eile, ich werde kommen, tot oder lebendig. “ »

Voltaire wird am preussischen Hof von Friedrich empfangen und zu seinem Kammerherrn ernannt. Es dauert jedoch nicht lange und die beiden Männer stellen ihre unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und Charakterzüge fest. Die Situation eskaliert immer mehr. Es kommt zum « Freundschafts » – Bruch zwischen dem König und dem Philosophen. Voltaire möchte so schnell als möglich wieder abreisen, da die Lage sehr brenzlig wird. Er flieht, wird jedoch durch preussische Beauftragte auf Befehl von Friedrich in der Freien Reichsstadt Frankfurt festgehalten und unter Hausarrest gestellt…

Diese atemberaubende Geschichte – äusserst genau und präzise im Hinblick auf die Historie recherchiert – wird von dem Sprachkünstler Hans Joachim Schädlich auf gerade mal 140 Seiten erzählt. Eine Novelle voller Kraft und Genauigkeit, die ihren Glanz durch die minimalistischen und klaren Formulierungen erhält. Die Süddeutsche Zeitung schreibt über Hans Joachim Schädlich : « Ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreicht. »

Ja und genau diese Reduktion hat für den Leser viele Vorteile. Er muss sich nicht durch ein 500 Seiten starkes historisches Werk quälen. Die Novelle bietet klare Fakten und Informationen auf sprachlich höchstem Niveau. Mit Hilfe dezent versteckter Ironie spüren wir als Leser, wie schwierig es doch erscheint, als freiheitlich denkender Philosoph Freund eines von absoluter Macht gelenkten Königs – trotz musischer und philosophischer Ambitionen – zu sein. Ergänzend wird uns in diesem kleinen grossen Werk die wunderbare Gefährtin Émilie du Châtelet vorgestellt und wir lernen durch sie viel über die aufgeklärte Liebe.

Mit Raffinesse erzeugt Hans Joachim Schädlich beim Leser einen nicht zu erwartenden Wissensdurst. Man möchte sich am Liebsten nach dieser Lektüre in eine Biographie von Voltaire stürzen, sucht nach mehr Informationen über seine beeindruckende Geliebte und entdeckt wiederum interessante Seiten bei Friedrich II. Hans Joachim Schädlich ist somit das gelungen, was selten historische Werke vollbringen können : mit Knappheit und literarischer Kunst den Leser zu beglücken, nicht im geringsten zu langweilen, sondern ihn mit grosser Neugierde auf mehr zu entlassen. Kurzum, es macht nicht nur sehr grosse Freude, sondern es ist auch ein äusserst bereicherndes Vergnügen, diese wunderbare Novelle zu lesen !

Durchgelesen – „Monsieur Proust“ v. Céleste Albaret

« Man hat von einem literarischen Ereignis gesprochen. Und ein Ereignis ist dieses Buch wohl wirklich. Was man bisher nur gewusst hat, das sieht man jetzt », so Hanno Helbling in der Neuen Zürcher Zeitung. Mehr als über 50 Jahre nach dem Tod von Marcel Proust am 18. November 1922 erschien in Frankreich 1973 ein Werk mit dem schlichten Titel « Monsieur Proust ». Die deutsche Erstausgabe wurde 1974 veröffentlicht und mit grosser Spannung erwartet.

Céleste Albaret (1891 – 1984) heiratete 1913 Odilon Albaret, einen Pariser Taxi-Fahrer, dessen wichtigster Kunde Marcel Proust war. Als Céleste nach der Hochzeit nach Paris zog, fühlte sie sich sehr einsam. Auf Initiative ihres Mannes bekam sie eine kleine Stelle zur Erledigung bestimmter Botengänge für Marcel Proust. 1914 wurden Odilon Albaret und das ganze männliche Dienstpersonal zu Kriegsdiensten eingezogen, so dass Céleste Albaret nun von der kleinen Botin zur Haushälterin aufsteigen konnte. Sie war nicht nur die Frau im proust’schen Haushalt, die sich um das Frühstück und die Garderobe kümmerte, sondern sie wurde auch seine unerlässliche Vertraute und ganz persönliche « Lektorin ». Céleste begleitete Proust zu seinem letzten Ausflug nach Cabourg, und arbeitete danach bei ihm  nur noch « eingesperrt » in seiner Wohnung am Boulevard Haussmann. Proust verliess sein mit Kork ausgelegtes Zimmer nur noch ganz selten und meistens nachts. Céleste passte sich dem äusserst ungewöhnlichen Lebensrhythmus an und stand ihm jederzeit, natürlich auch bei seinen schweren Asthmaanfällen mit grosser Fürsorge bei.

Céleste war inzwischen mehr als nur eine einfache Hausangestellte, sie war seine « Unersetzliche ». Proust versuchte sie an die Kunst, Musik und Literatur heranzuführen. Er empfahl ihr beispielsweise die « Drei Musketiere » von Dumas, welches sie als einziges der von Proust vorgeschlagenen Bücher las. Sie kümmerte sich lieber um seine Speisen (am Liebsten Hühnchen), welche oft zu den ungewöhnlichsten Zeiten zubereitet werden mussten. Anfangs ging alles noch eher schweigend von statten, doch nach einer gewissen Zeit sprach Marcel Proust mit ihr über seine Kindheit, über die Liebe, insbesondere die zu seiner Mutter. Er berichtete aber auch von seinen Erlebnissen, die er bei seinen Salonbesuchen nachts beobachtet hatte und die ihn nach seiner Rückkehr oft  stark beschäftigten :

 “ Nach einem erfreulichen Abend war es grossartig – ein wahres Feuerwerk. Sein Gesicht strahlte innere Fröhlichkeit aus.
« Bei mir ist alles fertig, Céleste ? »
« Ja, Monsieur, es ist alles bereit. »
« Gut, dann kommen Sie schnell, folgen Sie mir. Ich habe Ihnen viel zu erzählen. »
Ich folgte ihm in sein Zimmer. Er setzte sich gleich aufs Fußende seines Bettes, ich blieb vor ihm stehen, und es ging los.“

Trotz dieser fast schon innigen Vertrautheit und Nähe war ihr gemeinsamer Umgang – während dieser neun Jahre, die sie in einer ganz besonderen Form « miteinander « gelebt hatten, – geprägt von einer herzlichen und gleichzeitig sehr stilvollen Distanziertheit. Céleste stand grundsätzlich am Fusse seines Bettes, und hätte es nie gewagt, sich auf einen Stuhl in seinem Zimmer zu setzen, während Proust von der mondänen Pariser Gesellschaft erzählte.

Marcel Proust arbeitete intensiv an seinem grossen Œuvre: « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ». Céleste unterstützte ihn, so weit sie konnte und durfte. Sie organisierte Literatur in der nächsten Buchhandlung und diskutierte mit ihm über die Vorbilder seiner Romanfiguren. Céleste war der Mensch, dem Marcel Proust alles auch im Bezug auf seine literarische Arbeit anvertraute. Sie war auch die Einzige, die wusste, dass der Gallimard Verlag Proust’s ersten Band der Recherche « Du côté de chez Swann » nicht veröffentlichte, weil der damalige Gallimard-Lektor André Gide das Werk gar nicht gelesen hatte. Das Manuskript war durch einen ganz besonderen Knoten zusammengepackt, und genau so verschnürt kam dieses Päckchen auch wieder zu Proust zurück. Céleste hatte dies sofort erkannt. Damit war der Grund für das Nichterscheinen eindeutig und deshalb wurde der erste Band auf Proust’s Kosten bei Grasset veröffentlicht, was Gallimard später noch bitter bereut hatte.

Die Bedeutung von Céleste Albaret war eindeutig nicht mehr steigerbar. Sie stand Proust nicht nur im « normalen » – sprich alltäglichen Leben bei, egal, in welchem physischen und psychischen Zustand er auch war. Sie versuchte ihn auch vor allen Widrigkeiten der Welt auf ihre Weise zu schützen. Vielleicht war sie für ihn eine Art Mutterersatz trotz ihres jugendlichen Alters. Marcel Proust öffnete ihr gegenüber immer mehr sein Herz und seine Seele. Er vertraute ihr und legte sehr viel Wert auch auf ihre Meinung. So ist es nicht verwunderlich, dass er selbst ihr den Vorschlag unterbreitete, ein Tagebuch zu führen und all diese Gespräche und Ereignisse festzuhalten :

„Eine Abends – es muss gegen Ende des Krieges gewesen sein, als ich schon drei oder vier Jahre bei ihm war – sagte er : « Liebe Céleste, ich frage mich, worauf Sie warten, um Ihr Tagebuch zu schreiben. »
Ich habe angefangen zu lachen :
« Ah, ich sehe schon, Monsieur, Sie machen sich wieder über mich lustig, wie Sie es so gern tun. »
« Ich meine es ernst Céleste. Niemand ausser Ihnen kennt mich wirklich. Niemand weiss so gut wie Sie, was ich tue, niemand kann all das wissen, was ich Ihnen sage. Nach meinem Tode wird sich Ihr Tagebuch besser verkaufen als meine Bücher. »“

Céleste Albaret war eine einfache herzensgute Frau, eine Frau voller Empathie und emotionaler Intelligenz und besonders reich an einer sehr unbefangenen und ehrlichen Verehrung gegenüber « ihrem » Marcel Proust. Genau aus diesem Grund hatte sie kein Tagebuch geschrieben und sowohl während ihrer Anstellung und als auch direkt nach dem Tode von Marcel Proust nie ein Interview gegeben. Sie zog sich nach der Beerdigung für lange Zeit zurück, führte ein kleines Hotel im 6. Arrondissement von Paris, das ihr Mann 1924 gekauft hatte. Erst in den Siebziger Jahren wurde sie durch den Sammler Jacques Guérin – den wir bereits in dem Werk « Prousts Mantel » von Lorenza Foschini kennengelernt haben – wiederentdeckt. Céleste Albaret verkaufte einige sehr wertvolle bibliophile Kostbarkeiten, die sie von Marcel Proust geschenkt bekam, an Jacques Guérin. Auf sein Anraten hin, hat sie ihre Erinnerungen an die Zeit mit Marcel Proust zum ersten Mal jemanden anvertraut, nämlich dem Lektor von Laffont – Georges Belmont -. Somit entstand dieses beeindruckende und einmalige Zeitdokument, das man mit keiner der vielen wissenschaftlichen Biographien vergleichen sollte, da es wesentlich mehr ist, als eine klassische Biographie.

« Monsieur Proust » ist « die Geschichte einer Faszination », so urteilte ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung nach Erscheinen dieses Buches, das übrigens hervorragend von Margret Carroux übersetzt wurde. Nach fast vierzig Jahren hat dieses ganz besondere Werk seine Anziehungskraft nicht im Geringsten verloren. « Monsieur Proust », das sind die biographischen Erinnerungen einer sensiblen und sehr intelligenten Frau. Es sind selbst erlebte Gespräche und Beobachtungen mit und über einen der wichtigsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Man könnte dieses Werk – auch wenn es manchmal ein wenig naiv erscheint und viele kritische Aspekte charmant ignoriert – als die schönste und privateste Annäherung an den grossen Schöpfer der «Recherche » bezeichnen.

« Monsieur Proust » eignet sich wirklich ganz besonders gut als Einstieg, um den Autor und vor allem den Menschen Marcel Proust kennenzulernen. Mit literarischem Fingerspitzengefühl und französischer Eleganz wurden diese Erinnerungen äusserst genau von Georges Belmont zu Papier gebracht. Es entstand ein kostbares Lebenszeugnis, welches man keinesfalls nur einmal lesen sollte. Dieses Buch ist wie ein lebenslanger Begleiter auf einen vielleicht daraus entstehenden und weiterführenden proust’schen Weg. Ab der ersten und bis zur letzten Seite von « Monsieur Proust » werden Sie ein verzückendes Gefühl verspüren, als könnten Sie gerade vor Marcel Proust’s Zimmer durch ein Schlüsselloch schauen und ganz tief in die Welt der « Erinnerung » eintauchen.

Durchgeblättert – „Zehn Gebote des Schreibens“

Wie verführen Schriftsteller ihre Leser ? Welche Techniken werden verwendet ? Was sind die geheimen Tricks der Autoren, einen Roman unvergesslich werden zu lassen ? All diese Fragen dürften ab sofort nicht mehr unbeantwortet bleiben. « Zehn Gebote des Schreibens » ist ein äusserst kompaktes kleines azurblaues Brevier, das keineswegs ein klassisches Handbuch über das Schreiben ersetzt, sondern sich als kleine Trickkiste 42 deutschsprachiger und internationaler Autoren entpuppt.

Wichtig ist vorab zu bemerken, dass dies keine allgemeingültigen, sondern eher sehr persönliche Richtlinien für das Schreiberhandwerk sind. Hier verraten uns bekannte und erfahrene Autoren ihre « zehn Gebote des Schreibens ».

Margaret Atwood reist sehr viel, deshalb : « Packe einen Bleistift ein, wenn du im Flugzeug schreiben willst, Füller laufen aus. Sollte der Bleistift abbrechen, kannst du ihn aber nicht anspitzen, da man im Flieger kein Messer mitnehmen darf. Deshalb : Nimm zwei Bleistifte mit. »

Für Andrea De Carlo ist es unter anderem sehr wichtig, dass das Leben und somit auch die Literatur abwechslungsreich bleibt : «Dulde keine Langeweile. Selbst die diszipliniertesten Schriftsteller brauchen Anregung in ihrem Privatleben. Langweilige Ehen, Beziehungen, Alltagsabläufe, Umgebungen führen unausweichlich zu langweiligen Romanen. Das Leben muss sexy bleiben. »

Moderne Technik ist nicht immer eine Garantie für den Schreiberfolg, deshalb bemerkt Jonathan Franzen vielleicht nicht zu unrecht : « Es darf bezweifelt werden, dass jemand mit Internetanschluss am Arbeitsplatz gute Romane schreibt.»

Doch was macht ein Schriftsteller, wenn er nicht schreiben kann, vor dem leeren Blatt sitzt und der Einfall einfach nicht kommen will. Da ist Thomas Glavinic ganz pragmatisch : «Wenn dir nichts einfällt, schreibe nichts. Eine Idee, auf die du selbst gekommen bist, ist meist nicht viel wert. Du musst auf eine Idee warten, die dich heimsucht, wenn du am wenigsten damit rechnest.»

Hakan Nesser findet die Gesellschaft eines Hundes beim Schreiben sehr angenehm, trotzdem sollte man folgendes beachten : «Lies deinem Hund niemals laut vor, was du während des Tages geschafft hast, bevor du ihn nicht anständig gefüttert hast. »

Sehr wichtig ist natürlich auch die Angst bezüglich der Literaturkritik. Sie sollte den Schriftsteller nicht schon beim Schreiben belasten, deshalb gehört für Cees Nooteboom das folgende Gebot zu seinen TOP 10: « Verschwende deine Gedanken nicht an Rezensenten. »

Es ist ein wahres Vergnügen und natürlich auch eine Bereicherung für jeden schreibenden und nicht schreibenden Leser, diese Auswahl verschiedenster « zehn Gebote » zu studieren. Wobei man sicherlich so manchen Ratschlag nicht immer allzu ernst nehmen sollte. Alle Autoren, die übrigens im Anhang mit einer Kurzvita vorgestellt werden, haben sehr unterschiedliche Regeln und Strategien, auch wenn sich manche ein klein wenig zu ähneln scheinen. Doch ein Gebot ist das Wichtigste, denn hier sind sich alle hier präsentierten 42 Schriftsteller einig : Lesen, Lesen und nochmal Lesen ! Juli Zeh ist der gleichen Meinung allerdings mit einem nicht ganz unbedeutenden zusätzlichen Hinweis : « Lies viel. Aber nicht die Bücher von Leuten, die es besser können als du. Das kannst du wieder machen, wenn dein Roman fertig ist.»

Geniessen Sie dieses wunderbar anregende Büchlein und tauchen Sie ein in die geheime Welt des Schreibens! Sie werden kurzweilige und bereichernde Momente erleben und selten so viel Freude an ganz besonderen Ratschlägen haben. Nutzen Sie die weissen leeren Blätter am Ende des Büchleins und schreiben Sie Ihre ganz persönlichen « Zehn Gebote » auf. Und wer weiss, vielleicht wird nach dieser besonderen Lektüre aus Ihnen, verehrter Leser, noch ein angesehener Schriftsteller…

Durchgeblättert – „Wozu lesen?“ v. Charles Dantzig

« Wozu lesen? » Diese Frage sollte man sich als Leser unbedingt stellen, auch wenn es mehr als schwierig sein könnte, die richtige und vor allem persönliche Antwort darauf zu finden. Bevor Sie jetzt jedoch zu sehr ins Grübeln kommen, nehmen Sie einfach dieses Buch von Charles Dantzig und folgen Sie ihm auf eine ganz besondere «  Lese-Reise ».

« Wozu lesen » ist eine sehr bibliophil (edelster Leineneinband) gestaltete Sammlung kleiner feuilletonistischer Essays, die sich mit der im Titel gestellten und äusserst nachdenkenswerten Frage beschäftigt. Es geht hier jedoch nicht um das Lesen im Allgemeinen, sondern nur um das Lesen von Literatur.

Charles Dantzig gibt in diesem teilweise sehr amüsant bissigen Werk keine konkret allgemein gültige Antwort auf die Frage, sondern er schreibt seine ganz persönliche Meinung über sein Leseverhalten und den Leser an sich, die positiv, negativ, ironisch und teilweise sehr böse ausfällt, aber letztendlich immer das Wichtigste aller Ziele nie aus den Augen verliert, nämlich das Lesen!

Charles Dantzig, geboren 1961, studierte nach dem Abitur Jura, krönte sein Studium mit einer Doktorarbeit in Toulouse, ging anschliessend nach Paris – wo er auch heute noch lebt – und begann als Lektor bei « Belles Lettres ». Hier veröffentlichte er zum ersten Mal auf französisch eine Gedichtsammlung von F.S. Fitzgerald. Er publizierte eine Fülle von Romanen, Essays und Lyrik. Dantzig wird mit vielen Literaturpreisen geehrt. 2005 erhielt er unter anderem für sein Werk « Dictionnaire égoïste de la littérature française » den Prix de l’Essai de l’Académie française. 2010 wird er mit dem Grand Prix Jean-Giono für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Charles Dantzig gehört zu den ganz Grossen der französischen Kulturszene. Seit September 2011 ist er, neben seiner langjährigen Tätigkeit als Lektor im Verlag Grasset, Feuilletonist bei der Zeitschrift « Magazine littéraire ». Zum allerersten Mal erscheint nun mit dem Werk « Wozu lesen ? » ein Buch von Charles Dantzig in deutscher Sprache, das von Sabine Schwenk hervorragend übersetzt wurde!

Charles Dantzig berichtet in mehr als 70 kurzen und prägnanten Essays über seine Lesegewohnheiten, Leseerfahrungen und seine Vorstellungen, was es überhaupt bedeuten könnte, ein guter Leser zu sein.

Die erste Antwort auf die Frage « Warum lese ich ? » lautet: « Ich lese wohl so, wie ich auch gehe. » Charles Dantzig gehört zu den Menschen, die auch beim Gehen lesen, auch wenn er immer mal wieder beispielsweise durch eine Parkuhr mehr oder minder schmerzhaft abgebremst wird. Lesen ist für ihn eine besondere Form der « Bewegung », nämlich seine Bewegung, denn als Kind hat es er schon immer vorgezogen, ein Buch zu lesen, als im Garten zu spielen, geschweige denn Sport zu treiben.

Lesen ist eine intensive Beschäftigung. Bei mancher Lektüre könnte man meinen, dass das Lesen den Leser irgendwie positiv verändert, doch das sieht Dantzig nun gar nicht :

« Das Lesen verändert uns kaum. Vielleicht veredelt es uns ein bisschen, aber ein Drecksack ist und bleibt ein Drecksack, auch wenn er Racine gelesen hat. Aus einem ungebildeten Drecksack ist dann allenfalls ein aufpolierter Drecksack geworden. »

Auch wenn die Veränderung durch die Lektüre nicht zutrifft, ist für Charles Dantzig eines ganz klar: Lesen hat etwas mit Liebe zu tun, ja man könnte sagen, dass es gut ist, wenn man nur aus Liebe liest. Aber nicht nur Liebe, auch wahre Freundschaft kann zwischen dem Leser und dem Schriftsteller entstehen.

Dantzig liest ständig. Sein Leben ist das Lesen. Und genau deshalb will er uns keinesfalls die hundert besten Tipps zum sinnvollen und erfüllenden Lesen liefern. Er berichtet von seinen Lesemomenten, von Schriftstellern, von Buchhandlungen, von Träumen und Visionen, was uns Leser jedoch ungewollt animiert, über unsere ganz persönlichen Leseerfahrungen nachzudenken. Wir spüren bei der Lektüre dieser feuilletonistischen Miniaturen seine fast schon grenzenlose Liebe zu Balzac, Proust und Stendhal, seine differenzierte Verehrung für Thomas Bernhard, seine Probleme mit Marguerite Duras, aber auch seine klare Abneigung zu Céline und anderen Autoren, bei denen es eigentlich nur um sogenannte Beststeller-Produzenten geht. Hier, in diesem Buch, dreht sich alles um die wahre Liebe zum Lesen und um die Rettung der Literatur :

« Gute Leser müsste man einsperren, damit sie lesen ! Man würde ihnen ein Gehalt zahlen, und sie täten nichts anderes als lesend Literatur retten ! »

Aber Lesen ist leider nicht immer sehr gesellschaftsfähig. Der Leser, – nein man muss genauer sagen -, der Büchernarr wird schnell als Exot hingestellt. Gerade deshalb ist es um so wichtiger, sich in die Literatur zu stürzen, um der Isolation etwas zu entfliehen und als Vielleser mit Glück in den Romanfiguren doch noch so manchen Freund zu finden.

Eines der essentiellsten Aspekte beim Lesen ist natürlich die Auswahl der Lektüre, denn Bücher können einen in die Irre führen, der Titel kann vieles versprechen und nicht halten und genau deshalb ist es laut Charles Dantzig sehr wichtig, nicht kompliziert, sondern ganz pragmatisch vorzugehen:

« Eine Lektüre muss man anprobieren wie Schuhe. Wir dürfen niemals denken, dass wir für diese oder jene Lektüre nicht gut genug seien. Aber es gibt durchaus Bücher, die für uns nicht gut genug sind. »

Auch wenn wir all die Ratschläge und Erfahrungen von Charles Dantzig uns zu Herzen nehmen, sind wir dann als Leser mit der Frage « Wozu lesen ? » eigentlich einen Schritt weitergekommen? Es gibt ein ganz klares JA, denn die wichtigste Erkenntnis, die wir durch die Lektüre dieses Buches gewinnen, lautet : « Lesen bringt keinen Nutzen. Genau deshalb ist Lesen etwas Grossartiges. »

Es ist noch viel mehr als etwas Grossartiges, dass der Mensch heutzutage seine oft auf die Sekunde durchgeplante Zeit noch mit etwas vollkommen Nutzlosen verbringen kann. Es lebe die Literatur ! Und genau deshalb sollten Sie sofort mit diesem arrogant-bösen und intellektuell-unterhaltsamen Liebesplädoyer für die Lektüre beginnen. Mit sprachlicher Eleganz wird dieses Werk zu einem charmant-sarkastischen und sehr intelligent verpackten «Marketingbrevier» für das Lesen. Doch eines sollten Sie bei der Lektüre dieses Werkes nie vergessen – den Bleistift. Nicht nur, weil « ein guter Leser schreibt, während er liest », sondern weil Sie jedes Zitat von Charles Dantzig – einer der brillantesten Wort-Jongleure und Fabulierkünstler – unterstreichend festhalten möchten.

« Wozu lesen ? » wirbt für das Lesen und die Literatur ! Wir machen «Werbung» für dieses Buch, damit Sie verehrter Leser nie vergessen werden, warum Sie lesen !

Durchgeblättert – „Nietzsche“ v. Michel Onfray u. Maximilien Le Roy

« Das Kunststück der Lebensweisheit ist, den Schlaf jeder Art zur rechten Zeit einzuschieben zu wissen. » Diesem Aphorismus versuchte Friedrich Nietzsche so oft wie möglich zu folgen, vor allem als seine kranke Seele immer mehr Ruhe forderte. Und in dieser zur Ruhe gezwungenen Verfassung beginnt eine ganz besondere und ungewöhnliche Biographie –in Form einer Graphic Novel  – über den Philosophen Friedrich Nietzsche.

Michel Onfray, geboren 1959, selbst Philosoph, unterrichtete 20 Jahre lang an einem technischen Gymnasium philosophische Fächer, bevor er 2002 in Caen eine Privatuniversität (Université Populaire de Caen) ins Leben ruf, bei welcher ohne Zulassungsbeschränkungen und Studiengebühren jeder studieren kann – eine sogenannte Volksuniversität. 2006 gründete er eine zweite Universität in seiner Geburtsstadt Argentan (Université Goût d’Argentan). Onfray’s Denken begründet sich eher auf die hedonistische Philosophie, wodurch er die transzendentale Philosophie und die Religionen im Allgemeinen deutlich kritisiert. Seine publizistische Tätigkeit beginnt Onfray 1989. Mit dem Werk « Traité d’athéologie » (« Wir brauchen keinen Gott ») konnte er seinen grössten Erfolg mit einer Auflage von über 200.000 Exemplaren verzeichnen. 2010 erschien in Frankreich die Biographie über Nietzsche in Zusammenarbeit mit dem Zeichner Maximilien Le Roy unter dem Titel « Nietzsche. Se créer liberté », die wir nun erstmals in deutscher Sprache – dank der ausgezeichneten Übersetzung von Stephanie Singh – vorliegen haben.

Maximilien Le Roy, wurde 1985 in Paris geboren. Er absolvierte 2004 ein Jahr an der Kunstakademie, ging anschliessend nach Lyon und konzentrierte sich nur noch auf das Zeichnen von Comics. Er versuchte über zwei Jahre lang nach der Lektüre von Nietzsches « Also sprach Zarathustra » seine Philosophie in Illustrationen umzusetzen. Doch erst durch das Drehbuch von Michel Onfray über Leben und Werk Nietzsches entwickelte sich die eigentliche Idee für diese Graphic Novel. Le Roy reiste per Zug quer durch Deutschland, Italien und der Schweiz, immer auf den Spuren des Philosphen, um die notwendigen Eindrücke für dieses Comic-Vorhaben zu sammeln.

Diese intensive Beschäftigung mit Nietzsche von seitens Le Roy und das konkrete Textmaterial von Onfray ergeben in ihrer Summe eine perfekt konzipierte und fantastisch illustrierte Biographie von Friedrich Nietzsche in Comic Version.

Nietzsche ist der größte Denker der Menschheitsgeschichte. Er fasziniert, auch wenn wir ihn eigentlich gar nicht wirklich kennen. Er löst Fragen aus, die unbeantwortet bleiben. Und er ist menschlicher als wir uns je vorzustellen gewagt haben. Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 geboren. Er war ein musikalisches Kind, liebte die Musik und wäre auch sehr gerne Komponist geworden, obwohl er eigentlich das Pastorenamt anstreben sollte. Letztendlich wurde er im Alter von 24 Jahren bereits Professor für klassische Philologie in Basel. Le Roy zeichnet die Kindheit, Jugend und seine erste Begegnung mit Schopenhauer, den er anfangs sehr verehrte, aber sich nach einigen Jahren wegen dessen Pessimismus von ihm wieder abwandte. Wir lernen Nietzsche’s Schwester Elisabeth kennen und spüren seine nicht ganz unproblematische Beziehung zu ihr. Wir erleben, wie die Freundschaft zwischen Richard Wagner und ihm zerbricht. Im Gegenzug fühlen wir seine grosse Bewunderung für Georges Bizet. Und wir beobachten ihn bei der berühmten Szene, in der Nietzsche bei Paul Rée  – ein Freund von Lou von Salomé –  auf eher ungewöhnliche Weise um deren Hand anhält.

Michel Onfray und Maximilien Le Roy zeichnen ein prägnantes Porträt von Nietzsche. Wir werden Zeuge seiner vielen Reisen nach Venedig, Sils Maria, Nizza und Turin. Gleichzeitig fühlen wir durch die teilweise düsteren und dunklen Bilder, die Einsamkeit seiner Seele. Dieses Gefühl dürfte bereits durch den frühen Tod seines Vaters ausgelöst worden sein und setzte sich in der Tatsache, dass seine Werke sich sehr schleppend verkauften, weiterhin fort. Erst am Ende seines Lebens und nach dem Tod war sein Oeuvre wirklich gefragt. Nietzsche starb im Alter von 55 Jahren, nachdem sein Körper und sein Geist über zehn Jahre lang – im wahrsten Sinne des Wortes – zerfallen sind.

Mit feinster Zeichentechnik werden Nuancen in der Mimik der einzelnen Darsteller dieser Graphic Novel so differenziert und plastisch hervorgehoben, als stünde man nicht vor statischen Bildern, sondern habe den Eindruck, aktiver Teil eines « Films » zu sein. Jede Sprechblase ist konkret auf die Szene abgestimmt und absolut perfekt positioniert. Der Leser fühlt sich animiert durch die Dialoge und verspürt eine tiefe Lust Nietzsche bei all seinen vielen Spaziergängen zu begleiten und sich mit ihm ganz persönlich – inspiriert durch viele berühmte Zitate  – über seine philosophischen Ansätze zu unterhalten.

« Nietzsche » ist die visuell starke und unvergleichliche Biographie eines der grössten deutschen Philosophen. Dieses Buch eignet sich ideal als Einführungs-werk, nimmt die Unsicherheit vor der Komplexität der Philosophie und macht neugierig auf den Menschen und Dichter Friedrich Nietzsche. Aber auch der Kenner wird sich bei dieser Lektüre ausgesprochen wohlfühlen und keineswegs langweilen. Michel Onfray und Maximilien Le Roy ist ein brillantes Projekt gelungen. Deshalb gilt ab sofort : keine Angst mehr vor Nietzsche ! Wagen Sie Ihren ersten Versuch, Sie werden es nicht bereuen, denn auf schönere Weise könnte man Nietzsche und sein Werk nicht entdecken.

Durchgeblättert – „Lies und Höre – Orte der Dichtung und Musik“ v. Volker Gebhardt

Deutschland, das Land der Dichter und Musiker, aber auch der kulturellen Orte wie Theater, Musikhäuser und Bibliotheken. Ein Land das zwar Vieles bietet, aber leider oft unentdeckt bleibt. Wie wäre es nun mit einer Reise zum Beispiel auf den Spuren von Goethe, Hölderlin, Bach und Beethoven. Da werden Sie nun sagen, alt bekannt und nicht wirklich etwas neues, doch weit gefehlt !

Um die Bedeutung vieler pompöser Villen und Gebäude, aber auch kleiner Gartenhäuschen etc. zu verstehen, werden wir von Volker Gebhardt mit seinem faszinieren Bild- und Textband « Lies und Höre » auf eine Art kulturelle Wanderung durch Deutschland mitgenommen. Volker Gebhardt hat nach seinem Studium der Kunstgeschichte am Warburg Institute in London in verschiedenen Verlagen gearbeitet und ist heute als freier Autor und Publizist tätig. Bei diesem kulturellen Reisebuch wurde er von den zwei Fotografen Horst und Daniel Zielske begleitet, die sich seit über zwanzig Jahren auf Landschafts- und Architekturfotographie spezialisiert haben.

Gleich zu Beginn dieser besonderen « Lies und Höre » – Reise findet man in diesem sehr aufwendig gestalteten Buch direkt neben dem Inhaltsverzeichnis eine äusserst übersichtliche Deutschlandkarte mit den jeweilig gekennzeichneten kulturellen Orten, die in diesem Band besprochen bzw. vorgestellt werden. Man muss fairerweise ergänzen, dass hier aufgrund einer ganz bewussten Auswahl von Volker Gebhardt, ein gewisser Mut zur Lücke im Hinblick auf Dichterhäuser etc. beabsichtigt war. Es geht hier nicht darum alles abzudecken, sondern besondere und bedeutende Repräsentanten der deutschen Kultur in den Mittelpunkt zu rücken.

Somit können wir unsere Reise beispielsweise im Süden starten : Über das Hermann-Hesse-Haus in Gaienhofen oder den Hölderlinturm in Tübingen – weiter in die Mitte Deutschlands nach Leipzig zum Bachmuseum und der Thomaskirche  – mit einem Schlenker nach Osten zu einer Wanderung durch das Ruppiner Land auf den Spuren von Theodor Fontane  – mit dem Endziel im Norden Meeresluft zu schnuppern und dabei das Theodor-Storm Museum in Husum zu besuchen.

Sie können aber auch im Norden mit einem Abstecher ins Buddenbrookhaus in Lübeck beginnen, in den Westen weiterreisen nach Bonn für einen kurzen Besuch im Beethoven-Haus, um dann von dort aus direkt quer durch die Republik im Osten eine Pause in Goethes Gartenhaus in Weimar einzulegen. Weiter geht es dann über einen kleinen Umweg über Bayreuth und Richard Wagner schliesslich nach Meersburg an den Bodensee, um als krönenden Abschluss den schönen Alpenblick vom Domizil der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff aus geniessen zu können.

Wie Sie sehen, kann kulturelles Reisen sehr abwechslungsreich und kurzweilig sein. Volker Gebhardt führt uns mit seinem Buch « Lies und Höre » an Orte, die wir nicht so schnell wieder vergessen, zeigt uns überraschende Details und macht uns durch seine prägnanten Kurzbiographien der Dichter, Musiker und Denker neugierig auf mehr. Dieser gelungene Band besticht durch sehr kompetente Texte und die traumhaften Landschafts- und Architektur-aufnahmen, die eine Reise wunderbar ergänzen, aber natürlich niemals ersetzen würden. Denn wie bereits Goethe treffend formulierte : « Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. » Deshalb zögern Sie nicht länger! Lassen Sie sich durch dieses schöne Buch inspirieren. Reisen Sie auf den Spuren deutscher Philosophen und Literaten und geniessen Sie die dazugehörige Musik in der beeindruckenden Architektur deutscher Konzert- und Opernhäusern !

Durchgelesen – „Prousts Mantel“ v. Lorenza Foschini

Ein Mantel muss nicht nur ein rein schmückendes und wärmendes Kleidungsstück sein. Nein, ein Mantel kann viel mehr bedeuten. Er ist das Markenzeichen eines Menschen. Und genau dieses Attribut wurde dem Mantel von Marcel Proust zugeschrieben.

Dieser Mantel ist aber auch die Krönung der unbeschreiblich intensiven, ja fast ungebremsten Sammelleidenschaft des Pariser Parfümfabrikanten Jacques Guérin, von welcher uns die italienische Journalistin Lorenza Foschini in ihrem Buch « Prousts Mantel » auf hinreißende Weise in einer Art Reportagen-Geschichte erzählt.

Lorenza Foschini, geboren 1949 in Neapel, lebt und arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin in Rom. Sie war bereits für das Staatsfernsehen RAI und als Vatikan-Korrespondentin tätig. Sie hat für ihr 1998 veröffentlichtes Buch « Nachforschungen zur Jahrtausendwende » den renommierten Journalismus-Preis Scanno erhalten.

« Prousts Mantel » ist « die Geschichte einer Leidenschaft » : « Alles, was hier erzählt wird, hat sich tatsächlich ereignet, und die Figuren dieser Geschichte haben reale Vorbilder. »

Lorenza Foschini trifft sich für ein Interview mit Piero Tosi, dem berühmten Kostümbildner des Regisseurs Luchino Visconti. Tosi berichtete von seiner Reise nach Paris wegen einer eventuellen Verfilmung von Prousts Werk. Er begann nachzuforschen und begegnete dem Besitzer einer Parfümfabrik, der ihm eine unglaubliche und gleichzeitig faszinierende Geschichte erzählte :

Jacques Guérin, war nicht nur Parfümeur, er war auch ein sehr leiden-schaftlicher Büchersammler. Seine grosse Liebe zu Proust begann durch seine Krankheit. Er litt an einer Blinddarmentzündung, und der Arzt, der ihn operierte war kein geringerer als Dr. Robert Proust, der Bruder des berühmten Marcel Proust. Dies löste bei Guérin einen wahren Nachforschungs-zwang aus, so dass er ab diesem Ereignis alles über Proust erfahren wollte. Es ging so gar soweit, dass er Kontakt zur Familie aufnahm, in dem er sich nach seiner Heilung bei Dr. Robert Proust persönlich für seinen Einsatz bedankte, was übrigens zur damaligen Zeit nicht unüblich war. Doch bei diesem Besuch entdeckte er den alten Schreibtisch von Marcel Proust und lässt sich die darin aufbewahrten Schriftstücke von seinem Bruder Robert zeigen, die er am Liebsten alle sofort in seine Obhut nehmen wollte. Was sicherlich das beste gewesen wäre.

Denn im Laufe der Recherchen von Jacques Guérin stellte sich immer mehr heraus, das Marcel Proust es in seiner Familie doch sehr schwer hatte. Dr. Robert Proust war wie Vater Adrien Proust Arzt geworden und konnte mit Literatur nicht wirklich viel anfangen. Die Ehe zwischen Robert Proust und Marthe Dubois-Amiot wurde von seinem Vater arrangiert. Und Marthe hatte eine noch ganz andere Verbindung zu Adrien Proust. Doch das Schlimmste war, dass Marthe ihren Schwager überhaupt nicht akzeptieren konnte. Sie hatte nicht eine einzige Zeile von ihm gelesen, deshalb verbrannte sie ganz ohne Scheu viele seiner Briefe, Schriften und Photos nach dem Tode ihres Mannes.

Doch glücklicherweise gab es Jacques Guérin, der wie eine Art Privatdetektiv  – immer auf der Suche nach neuen Schätzen –  einige dieser mehr als wertvollen Papiere aus dem Flammenmeer befreien konnte. Und nicht nur das, auch Möbelstücke wurden gerettet. Per Zufall entdeckte Guérin bei seiner unermüdlichen Suche noch eines der wichtigsten Erinnerungsstücke von Marcel Proust, seinen Mantel…

Es gibt ihn wirklich. Dieser Mantel liegt inzwischen in den Archiven des Musée Carnavalet in Paris. Übrigens ein wunderschönes Palais im Marais Viertel, in dem man heute noch das Schlafzimmer von Marcel Proust bewundern kann. All diese Möbel sind ein Geschenk von Jacques Guérin, auch der Mantel, der jedoch wegen seines schlechten Zustands nun in Seidenpapier eingewickelt in einer Schachtel verbleiben muss.

« Prousts Mantel » ist mehr als nur eine Reportage. Dieses Buch ist eine sehr intensive, aber auch äusserst spannende und sehr leidenschaftliche Geschichte des Fabrikbesitzers und Buchsammlers, der zu einem der grössten Proustverehrer wurde und seinem Drang, Dinge berühmter Persönlichkeiten zu besitzen, nachgeben musste. Faszinierend komponiert mit Texten aus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » und Photographien wird dieses Werk zu einem absoluten Muss für jeden Proustkenner und Proustliebhaber.

Lorenza Foschini hat mit ihrer literarischen Detektivarbeit ein neues kleines Kapitel in der Proustbiographie aufgeschlagen, das nicht nur das Leben Marcels Bruder Robert etwas neu beleuchtet, sondern sie spricht auch ganz direkt die homosexuellen Neigungen von Marcel und die daraus entstehenden Probleme innerhalb der Familie  – vor allem was seine Schwägerin Marthe betrifft – an. Dieses Buch lässt den Leser vieles entdecken, aber auch zur Freude des Proustspezialisten wiedererkennen.

«Prousts Mantel » macht sehr neugierig auf das Leben von Marcel Proust und sein Werk, deshalb ist es auch für den noch unbedarften Proustleser ein ideales kleines biographisches Einführungswerk. Es öffnet die Türen zur Proustschen Welt der Erinnerung und der Leidenschaft. Lorenza Foschini schenkt dem Leser mit dieser Geschichte ein wundervolles Souvenir an Marcel Proust : ein Buch wie ein « literarischer » Mantel, der einen begleitet und wärmt, wie einst Marcel Proust, der in seinem Mantel nicht nur spazieren ging, sondern auch arbeitete und schlief !

Durchgelesen – „Die Austern des Monsieur Balzac“ v. Anka Muhlstein

Verspüren Sie auch beim Lesen dieses Titels sofort ein Gefühl von Appetit, Hunger und Lust auf Schlemmereien ? Dann könnte dieses Buch Ihnen wahrlich gut « schmecken », denn hier geht es hauptsächlich um Essen, Fressen, Völlerei und Genuss. Trotzdem ist dieses Werk kein Kochbuch mit irgendwelchen Rezeptangaben. Nein, es ist, wie bereits der Untertitel treffend festhält, « eine delikate Biographie » über den grossen Dichter Honoré de Balzac. Diese besonderen und sehr skurrilen Einblicke in Balzac’s Leben haben wir Anka Muhlstein zu verdanken, die in vorliegendem Autorenporträt auf sehr originelle, geistreiche und besonders unterhaltsame Weise erläutert werden.

Anka Muhlstein, geboren 1935 in Paris, ist Historikerin und lebt seit 1974 in New York mit ihrem Mann, dem Romancier und Anwalt Louis Begley ( bekannt geworden durch seinen Roman« Lügen in Zeiten des Krieges »).  Sie hat mehrere Monographien veröffentlicht, unter anderem über James de Rothschild und über den Seefahrer Cavelier de La Salle, für die sie  von der Académie Française ausgezeichnet wurde. Für die Biographie des  französischen Reiseschriftstellers Astolphe de Custine hat sie den überaus hochgeschätzten und begehrten Prix Goncourt erhalten.  Aktuell ist nun  – dank der grandiosen Übersetzung von Grete Osterwald – diese « delikate » Biographie über Balzac auf Deutsch erschienen.

Honoré de Balzac gehört  für die Franzosen neben Molière und Victor Hugo, zu einem ihrer grössten Schriftsteller . Balzac wurde  am 20. Mai 1799 in Tours geboren und starb am 18. August 1850 in Paris.  Sein Haupt- und Lebenswerk ist der aus 88 Bänden bestehende, jedoch unvollendete, Romanzyklus « Die menschliche Komödie » (« La Comédie humaine »), die sich hauptsächlich mit der Französischen Gesellschaft in allen nur erdenklichen Facetten beschäftigt.

Anka Muhlstein beantwortet in ihrem beeindruckenden Buch viele spannende Fragen : Warum verbringen die Romanfiguren bei Balzac immer so viel Zeit in Restaurants, in Esszimmer,  bei Tisch oder in der Küche ? Warum  konnte Balzac einerseits maßlos fressen und andererseits leben wie ein Asket? Welches Gericht verknüpft Balzac mit Armut? Und warum denkt er bei reizvollen Frauen grundsätzlich an irgendwelche Früchte ? Anka Muhlstein begibt sich auf die kulinarischen Lebens-Spuren von Honoré de Balzac. Sie lässt ihn nirgends aus dem Auge, verfolgt ihn wie ein Privatdetektiv und entdeckt dabei, dass die « Menschliche Komödie » nicht nur eine Art Sittengemälde , sondern auch eine kulinarische Gesellschaftsstudie ist,  die sich zum Teil liest wie ein Fress- und Restaurantführer aus dem  19. Jahrhundert.

Balzac hatte eher eine freud- und emotionslose Kindheit und Jugend erlebt, die er teilweise auch in einem Pensionat verbringen musste.  So wundert es niemand, dass seine Fantasie nicht anders konnte, als sich ihren Weg in Punkto gutem Essen, Genuss und Luxus  in Form von Prosa zu bahnen. Er arbeitete nach seinem Jurastudium kurze Zeit bei einem Notar und wohnte spartanisch in einer Mansarde in Paris. Doch ab 1820 hatte dieses « arme » Leben ein Ende. Balzac verfasste unter Pseudonym Schundromane, um Geld zu verdienen, gab jedoch gleichzeitig in der Regel das Doppelte seines Lohns sofort wieder aus. Und somit wurde er Zeit seines Lebens wegen seiner hohen Schulden von einer Angst begleitet, im Gefängnis landen zu müssen. Doch seine finanzielle Situation liess ihn nicht abhalten, Fressorgien und andere Exzesse zu durchleben und zu zelebrieren. Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Balzac, immer wenn er an einem Werk arbeitete – zum Teil bis zu 15 Stunden am Stück -, so gut wie nichts zu sich nahm, ausser ein paar Kirschen oder Birnen, Brot ,Käse und Unmengen von starken Kaffee.

Aber nach getaner Arbeit stürzte sich Balzac in das Pariser Leben und lernte, was es heisst gut zu speisen. Er entdeckte ein Restaurant nach dem Anderen, welche der Leser in seiner « Menschlichen Komödie » jederzeit besuchen konnte. Anka Muhlstein beschreibt dies sehr treffend :

« Balzac liefert uns also eine regelrechte Reportage der gesellschaftlichen und gastronomischen Wirklichkeit. Es spaziert mit uns durch Paris, am rechten wie am linken Seineufer, schickt seine Figuren bald in die feinsten, bald in die ärmlichsten Lokale. In der « Menschlichen Komödie » nennt er über vierzig Restaurants, denn er begnügt sich nicht mit einigen  berühmten Namen. Und egal, wie prächtig oder wie bescheiden das Etablissement , er verweilt bei den Gerichten, die angeboten werden, aber, typisch Balzac, ihn interessiert auch, was sie kosten. So blättern wir in einem Führer, der Sterne verleiht, ohne je die Rechnung aus den Augen zu verlieren. »

Und genauso stellt man sich Balzac vor. Ein Schlemmer und Genussmensch mit dem Hang, sein Budget ständig zu strapazieren.  Wir schlendern in Balzacs Werk über Märkte, durch Feinkostläden und durch die Küchen verschiedenster Restaurants. Halten als Leser quasi die Nase in die Töpfe und Backöfen und werden betört durch die unbeschreibliche Düfte von gebratenen Rebhühnern, gekochtem Ragout, Würsten, köstlichen Makkaroniauflauf, Gelees, Pfirsichkompott und anderen Köstlichkeiten. Mit sicherem Schritt und lebendiger Begeisterung führt uns Anka Muhlstein in ihrer Biographie an diese Orte und zu diesen Gerüchen, so dass wir sie so schnell nicht vergessen können, und am Liebsten sofort in dem dazugehörigen Werk von Balzac alles genau nachlesen möchten. Doch diese Biographie geht noch weiter, denn sie zeigt neben den unterschiedlichen  Essgewohnheiten in der französischen Gesellschaft auch die Zusammenhänge zwischen Liebe und Essen. Für Balzac wurde nämlich die unerfüllte Liebe oft mit einem exzessiven Mahl kompensiert….

In dieser mehr als faszinierenden Biographie spürt man die Begeisterung von Anka Muhlstein für den grossen Schriftsteller Balzac von der ersten bis zur letzten Zeile. Dieses Buch ist ein wahrer Genuss ! Lesen Sie diesen literarischen « Speise- und Lebensplan », aber nur dann, wenn Sie bereits gut zu Abend gegessen haben, denn sonst werden Sie während dieser Lektüre sicher ein zu lautes Magenknurren vernehmen, was die Konzentration doch weitgehend einschränken könnte und das wäre zu schade. Dieses Autorenporträt macht grosse Lust auf das pralle Leben, auf gutes Essen, auf das schöne Paris und selbstverständlich auf das literarische Werk von Honoré de Balzac.

Durchgelesen – „Umgang mit Grössen“ v. Walter Kempowski

„Umgang mit Grössen“ von Walter Kempowski ist ein ganz besonderes Buch – eine Miniatur-Biographien-Galerie über Schriftsteller. Deshalb sollte man auch den ergänzenden Untertitel „Meine Lieblingsdichter – und andere“ nicht unerwähnt lassen.

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 geboren und starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme. Er ist einer der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit und wurde durch seine autobiographischen Romane „Tadellöser & Wolff (1975) und „Ein Kapitel für sich“ (1979) berühmt. Das besondere Stilelement in den Werken Kempowskis ist die Kunst der literarischen Collage, das eine Art Vermischung und Aneinanderreihung von Liedtexten, Zitaten, Reklameschriften und Berichten von Zeitzeugen beeinhaltet. Nicht alle seine Werke sind in diesem Stil geschrieben, aber das grösste Oeuvre – „Das Echolot“ -, ist in dieser Form angelegt, welches 1993 beginnt und nach 12 Jahren endgültig mit dem zehnten Band komplett veröffentlicht wurde. Es war ein literarisches Event und gleichzeitig auch sein krönender Abschluss. Zwischen 1997 und 1999 schrieb Walter Kempowski im Rahmen einer Auftragsarbeit der „Welt am Sonntag“ kleine Autoren-Biographien, die er für ein Projekt 2002 vorbereitet hatte. Jetzt erscheint glücklicherweise aus dem Nachlass und durch den Einsatz des langjährigen Wegbegleiters Karl Heinz Bittel dieses wunderbare Projekt in Buchform.

Über 90 Biographien auf 280 Seiten öffnen Türen zu Lebenswelten bereits verstorbener und noch lebender Dichter. Ein Panoptikum, das ihres Gleichen sucht vor allem was die Prägnanz betrifft. Sicherlich kann man sich fragen, was erfährt man auf gerade mal zwei bis drei Seiten über einen Autor? Doch die Länge einer Biographie sagt eben noch lange nichts aus über die eigentlich wichtigen Informationen. Walter Kempowski wird hier zum Plauderer und lässt uns ganz ungeniert daran teilhaben, was er so über seine Schriftstellerkollegen denkt.

Die Auswahl seiner Lieblingsdichter und auch der sogenannten Anderen, wie wir bereits aus dem Untertitel leicht ironisch herauslesen können, ist genial. Denn wer würde zwischen hoch literarischen Autoren wie beispielweise  Honoré de Balzac, Truman Capote, William Faulkner, Johann Wolfgang von Goethe, Marcel Proust und Leo Tolstoi einen Bestsellerautor wie Heinz G. Konsalik oder Johannes Mario Simmel erwarten. Und genau diese Mischung macht dieses Buch so unglaublich lebendig und spannend.

Kempowski interessiert sich nicht nur für das bereits vielen Lesern bekannte und in klassischen Biographien beschriebene Leben dieser Autoren, nein er ist neugierig auf Kuriositäten, Macken und Marotten dieser Schreibkünstler. Er findet die zum Teil ungewöhnlichen Ess- und Trinkgewohnheiten mancher erwürdiger Literaten mehr als amüsant. Er hat einen Faible für die verschiedenen Bärte und die Bekleidung. Aber auch die unterschiedlichen Malheurs und Todesarten seiner Dichterfreunde lassen ihn aufmerksam werden.

Dieses Buch ist aber auch ein Wunderwerk an privaten Erlebnissen und ein Sammelsurium origineller Dichteranekdoten. Er schreibt bespielsweise über eine Begegnung mit Thomas Bernhard, als dieser extra aufgestanden war, als er an seinen Tisch trat und er damit nicht nur sein vernarbtes Gesicht, sondern auch Bernhards neue Cordhose gesehen hat. Fjodor Dostojewski war für Kempowski ein sehr wichtiger Schriftsteller, mit dem er eine gemeinsame Erfahrung teilte: sie haben beide in Sibirien gesessen, als Angehörige eines revolutionären Kreises. Aber auch die französischen Autoren haben es ihm angetan und er bedauert es immer sehr, dass er seine Werke nicht im Original lesen kann. Doch Gustave Flaubert bewundert er noch aus einem anderen Grund:

„Gustave Flaubert «der Heilige des Romans», der «Kunstmönch», der Wegbereiter des L’art pour l’art? Für mich ist er zuerst der Mann mit dem schönen Schnurrbart, der als Glückspilz antrat: Er zog nämlich die richtige Nummer und entging dem Militärdienst.“

Walter Kempowski erklärt wirklich aus seinem ganz persönlichen Blickwinkel, was ihn an einem Autor interessiert oder nicht, welchem Autor er sehr nahe ist, und welcher einfach Glück hatte, auf Bestsellerlisten zu stehen und Preise zu bekommen, die er vielleicht seiner Ansicht nach nicht verdient hätte. Kempowski würde sich nie ein Foto von Hesse auf seinen Schreibtisch stellen, da ihm sein Äusseres nicht so gefällt, dagegen findet er ein Bild von Thomas Mann „erwärmend“. Er verehrt James Joyce, zieht den Hut vor dem Auflagen-Erfolg des Schriftstellers Heinz G. Konsalik und als Lieblingsautor nennt er immer zur Verblüffung der Journalisten die französische Autorin und Wegbereiterin des „nouveau roman“ Natalie Sarraute, die in Deutschland nur sehr wenige kennen.

„Umgang mit Grössen“ ist eine Art literarisches Biographie-Lexikon, was sich durch eine unglaublich brutale Subjektivität von Seiten Walter Kempowskis, aber auch durch feinfühlige und gleichzeitig respektlose Verehrung und Bewunderung seiner „Lieblingsdichter  – und andere“ auszeichnet. Jede einzelne Miniatur-Biographie ist wie das „Amuse gueule“ eines grossen bevorstehenden Menus. Walter Kempowski macht Appetit auf mehr, auf das ganze Dichterleben, auf alles, was diese Schriftsteller zu bieten haben. Welch eine grosse Freude, dass nun endlich dieses Buchprojekt nach fast zehn Jahren realisiert wurde und dass wir uns als anspruchsvoller Leser mehr als glücklich schätzen können, diese beeindruckende Sammlung berühmter Dichter-Lebensgeschichten von Walter Kempowski in den Händen halten zu dürfen.

„Umgang mit Grössen“ ist ein wahrlich sensationelles Buch, vor allem für den interessieren Leser, der wenig Zeit hat und trotzdem das Besondere wissen möchte. Selten waren Biographien so kurzweilig, bissig und amüsant wie hier. Probieren Sie es aus! Sie werden sich festlesen und sofort erkennen, warum hier in der Kürze, die Würze liegt!

Durchgeblättert – „Bilder des literarischen Lebens“ v. Isolde Ohlbaum

„Bilder des literarischen Lebens“ ist eine fantastische und kompetente Bild-Chronik des Autorenlebens aus vier Jahrzehnten. Ein geistiges Archiv in Form einer „literarischen“ Photo-Enzyklopädie, die es jemals in dieser Form gegeben hat.

Isolde Ohlbaum wurde in Oberbayern geboren und lebt seit 1953 in München. Sie absolvierte Anfang der siebziger Jahre eine Ausbildung an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie und arbeitet seitdem als freischaffende Photographin. Ihr Spezialgebiet ist das Porträt. Sie hat viele Preise gewonnen und ihre Bilder sind regelmässig in internationalen Ausstellungen zu bewundern.

Mit diesem prachtvollen Photo-Bildband hat sie ein wahres Wunderwerk geschaffen. Über vier Jahrzehnte photographierte sie in Deutschland ansässige Autoren und Autorinnen wie zum Beispiel Achternbusch, Heym, Zuckmayr. Jedoch auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus den verschiedensten Ländern, die Deutschland besuchten, hier Preise in Empfang nahmen und Vorträge hielten wie unter anderen Marguerite Duras, Umberto Eco, wurden von ihr porträtiert.

Isolde Ohlbaum war bzw. ist unermüdlich gewesen in ihrer photographischen „Verfolgung“, denn sie hat keine Buchmesse, keine Autorenlesung, keine Preisverleihung und kein Festival verpasst, um fast alle wichtigen literarischen Persönlichkeiten vor die Linse bringen zu können. Diese Ausdauer gehört neben der ästhetischen Photographiekunst zu der Grundbasis dieses unglaublich hochwertigen Buches, für welches aus 357 Schwarz-Weiss- Bildern 352 ausgewählt und alphabetisch geordnet wurden.

Isolde Ohlbaum nützt bei jedem ihrer Porträts die Gunst des Augenblicks und eröffnet damit dem Betrachter unvergessliche, ungeschönte und sehr authentische Momente im Leben eines Schriftstellers bzw. einer Schriftstellerin. Die Bilder haben eine gewisse Theatralik, die teilweise inszeniert, teilweise aber auch ganz spontan entstanden ist. Genau dies erklärt in einem sowohl sachkundigen als auch poetischen Einführungstext Cees Nooteboom mit bewundernder Sensibilität.

„Bilder des literarischen Lebens“ ist ein „Familienalbum“ aus der Welt der Literatur. Ein faszinierender Bildband, der in keinem buchhändlerischen oder literarischen Haushalt fehlen sollte. Ein Kompendium feinster Porträt-Photographie, das jeden Liebhaber besonderer und formvollendeter Photokunst begeistern wird.

Durchgeblättert – „Blind Date“ v. Freddy Langer

Dies ist kein Roman über heimliche Affären, dies ist auch kein Treffpunkt für Singles. Ganz im Gegenteil, dies ist ein origineller kleiner Bildband über Schriftsteller – inkognito!

Freddy Langer, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, porträtiert seit über dreissig Jahren Prominente aus der internationalen Kunst- und Literaturszene mit einer Schlafbrille über dem Gesicht. Ausgerüstet mit einer Polaroidkamera fotografiert er Schriftsteller in einer ungewöhnlichen Situation. Sie sind alle blind – dank der Schlafbrille! Und in diesem nicht sehenden Moment, sind sie dem Fotografen Langer voll und ganz ausgeliefert.

Dieser Band zeigt die mit einer Schlafbrille veränderten Gesichter von 40 Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Der Blick ist zum Teil erschreckend, irritierend, künstlich, aber auch cool, gleichgültig und neutral. Erkennen wir die Autoren auch mit Schlafbrille wieder, sind sie verändert, können sie sich dahinter verstecken?

Jedem dieser 40 Porträts wird ein passender Auszug aus dem Werk des gerade mit Schlafbrille gezeigten Autors gegenübergestellt. Sehr präzise ausgesucht, finden wir wunderbare Passagen aus Romanen und Erzählungen über das Sehen, die Augen und das Träumen wie zum Beispiel von:

Jenny Erpenbeck: “ Wozu sind meine Augen da, wenn sie sehen, aber nichts sehen? Wozu sind meine Ohren, wenn sie hören, aber nichts hören? Wozu all das Fremde in meinem Kopf?“ (aus „Wörterbuch“)

Arno Geiger: „Ich habe eine Bombe im Kopf: Willst Du sie hochgehen lassen?“ (aus „Kleine Schule des Karussellfahrens“)

Adolf Muschg: „Über ihrem gedehnten Hals sah er ein abgewendetes, in Fremde versiegeltes Gesicht, das sich immer schneller von ihm entfernte. Bevor es ganz verschwinden konnte, schloss er die Augen und konnte zu stürzen nicht aufhören, in eine todfinstere, aber vollkommene Gewissheit.“ (aus „Kinderhochzeit“)

Selten wurden Autoren so „entblösst“ gezeigt, selten haben sie dem Leser so ihre Ohnmacht vermittelt wie auf diesen Bildern. Doch nie war man als Leser diesen Autoren so nah, denn der Leser bekommt die Macht, sie anzusehen, ohne auf ihre Blicke anworten zu müssen. Ein geniales Bilderbuch oder ein anderes „Who ist Who der Literatur“!

Durchgeblättert – „Einer unter 6 Milliarden“ v. Yann Arthus-Bertrand

Sie sind neugierig auf andere Menschen, sie wollten immer schon mal wissen, „was Menschen erleben, träumen und hoffen“?! „Einer unter 6 Milliarden“ ist der Querschnitt in Buchform eines beeindruckenden Projekts.

Yann Arthus-Bertrand gehört zu den berühmtesten Fotografen der Welt. Bekannt wurde er durch sein Werk „Die Welt von oben“ und welches auch indirekt der Auslöser für dieses neue Projekt war. Bei seinen Reisen um die Welt kam er sehr oft mit Menschen ins Gespräch, die ihm ganz offen ihre Alltagsprobleme, Träume, aber auch von ihren Hoffnungen erzählten. Dies spornte ihn an, ein Projekt zu konzipieren, dass Menschen aus den verschiedensten Ländern zu Wort kommen lässt und jedem einzelnen Erdbewohner zeigen soll, wie wichtig es ist, trotz vieler Schwierigkeiten, zusammenleben zu können.

„Einer unter 6 Milliarden“ ist ein Mammutprojek in Zusammenarbeit mit „Good Planet“: 4 Jahre Drehzeit, 75 Länder, 5000 Interviews und 40 Fragen – wie zum Beispiel: Wovon träumten Sie als Kind? Was bedeutet Ihnen die Familie? Was war Ihr schlimmstes Erlebnis? Was bedeutet Ihnen Geld? Und genau diese 40 Fragen findet man am Anfang des Buches, die jeder ganz für sich persönlich beantworten kann. Danach werden die Menschen einzeln, aber als Beispiele für viele andere, vorgestellt. Sie sind offen, ehrlich, mutig, und sehr authentisch. Bei einigen Menschen findet man die Antworten mehrer Fragen – fast wie ein kleines Porträt, bei vielen anderen liest man nur eine Antwort, die jedoch im Vergleich zu anderen Antworten auf die gleiche Frage steht. Dazu kommen die wunderbaren Fotos, sei es in Porträtgrösse oder nur als ganz kleines Passfoto. Der Mensch wird gezeigt in Wort und Bild!

Das Buch ist ein ausserordentliches Panoptikum der Menschen unserer Erde. Es macht neugierig, es klärt auf, es gibt ehrliche Einblicke und es fasziniert. Man trifft Menschen mit ihren Antworten, die sich gegenüber stehen, und sich aber persönlich niemals begegnet sind. Man spürt das unglaublich intensive Gefühl als Leser auch zu diesen 6 Milliarden zu gehören. Und man kann plötzlich entdecken, dass andere Menschen genauso denken und fühlen wie wir selbst, auch wenn sie beispielsweise auf einem ganz anderen Kontinent leben.

„Einer unter 6 Milliarden“ ist ein beeindruckendes im wahrsten Sinne des Wortes  „buntes Bilderbuch“, das 500 Menschen dieser Erde zu Wort kommen lässt. Ein Buch für alle die neugierig sind und Menschen offen begegnen!

Durchgeblättert – „MADEMOISELLE“ (Coco Chanel)

Das ist ein richtiges Bilderbuch! Nur Schwarz-Weiss Photos v. dem berühmten Fotografen Douglas Kirkland und dazu der passende Text (allerdings auf englisch) von Karl Lagerfeld.

Es geht um Coco Chanel in ihrem letzten Sommer 1962, es ist auch ihr letzter Sommer als Fashion Queen. Die Bilder sind aussergewöhnlich, es sind Momentaufnahmen aus ihrem Alltag, von ihrer Kollektion, von ihrem Leben in der Rue Cambon, dem Stammhaus von Chanel. Es zeigt ganz private Einblicke und es zeigt Coco Chanel, als Frau und Mensch.

Ein bezauberndes Vermächtnis, ein elegantes Photokunstbuch!

Durchgeblättert – „Schriftsteller und ihre Hunde“

Das ist ein ganz besonders schönes Bilderbuch für Literaten und für Hundeliebhaber. Jürgen Christen, Journalist und Hundebesitzer, stellt in diesem Buch die „Musen auf vier Pfoten“ vieler sehr bekannter Schriftsteller und Schriftstellerinnen vor. Es gibt oft eine sehr enge Bziehung zwischen Hund und  Autor, von dieser scheint’s beide unheimlich profitieren. Vorallem die wortlose Kommunikation zwischen den „vierpfotigen Musen“ und den Poeten ist von ausserordenlicher Bedeutung.

Ernst Jandl hat seinen Mops in dem Gedicht „ottos mops“ verewigt. Günter Grass seinem Hund Kara den Nobelpreis erklärt und sein dritter Band der Danziger Trilogie „Hundejahre“ (1963) gehört zu seinen wichtigsten Werken. Thomas Mann wurde von seinem Schäferhundmischling Bauschan für die Erzählung „Herr und Hund“ inspiriert. Truman Capote konnte nicht ohne seiner Bulldogge leben. Juli Zeh hat ihren Hund Otello zum Autor gemacht mit dem Buch „Kleines Konversationslexikon für Haushunde“. John Steinbeck tourte mehrere Monate lang mit seinem Königspudel Charley durch die USA ….

Es bereitet ein grosses Vergnügen Hunde und ihre literarischen Herrchen kennenzulernen und in ein Stück ihrer privaten Welt einzutauchen.