Kategorie: Bibliotheken

Durchgelesen – „Das Päckchen“ v. Franz Hohler

Kann ein kleines Päckchen ein eher beschaulich friedvolles Leben durcheinanderbringen? Natürlich! Und wie es das kann, zeigt uns mit seiner wundervollen Erzählkunst Franz Hohler mit dem gerade aktuell erschienen neuen Roman „Das Päckchen“.

Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, ist nicht nur Liedermacher und Kabarettist, sondern auch Schriftsteller. Bereits während seines Germanistik- und Romanistik-Studiums hat er sein erstes Kabarettprogramm aufgeführt. Er hat mit Grössen aus der Kabarett-Szene wie zum Beispiel Hanns Dieter Hüsch und Emil Steinberger zusammengearbeitet. Sein umfangreiches Gesamtwerk bietet neben vielen Kabarettprogrammen, Theaterstücken, Film- und Fernseh-Produktionen, auch Kinderbücher und natürlich Kurzgeschichten und Romane. Franz Hohler wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Kassler Literaturpreis 2002, dem Kunstpreis der Stadt Zürich 2005, dem Solothurn Literaturpreis 2013 und dem Johann-Peter-Hebel-Preis 2014. Er ist Mitglied beim International PEN und lebt in Zürich. Zu seinen wichtigsten Prosawerken zählen beispielsweise „Tschipo“ (Kinderroman) 1978, „Der neue Berg“ (Roman) 1989, „Es klopft“ (Roman) 2007 und „Gleis 4“ (Roman) 2013“. In diesem Leseherbst beschenkt uns Franz Hohler mit seinem neuen Roman „Das Päckchen“.

Die Geschichte spielt in verschiedenen Städten und Orten, wie Zürich, Bern, St. Gallen, in den Schweizer Bergen, aber auch in der Nähe von Regensburg nämlich im Kloster Weltenburg und in kleinen Orten Italiens. Das Besondere an diesem Werk sind die unterschiedlichen Zeitebenen, zwischen dem „Jetzt“ im 21. Jahrhundert und dem „Früher“ im 8. Jahrhundert, in die uns der Autor entführt.

Die Erzählung beginnt in Bern, in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo sich Ernst Stricker befindet und gerade dabei war, seine Frau anzurufen. Just in diesem Moment klingelt ein anderer öffentlicher Telefonapparat und Ernst nimmt das Gespräch entgegen.

„Und auf einmal war er unterwegs zu seiner alten Frau namens „Ich“, die Hilfe brauchte, seine Hilfe.“

Normalerweise war Ernst kein Mann der spontanen Tat. Er war 48 Jahre alt, arbeitete als Bibliothekar in der Zentralbibliothek Zürich. Mit seiner Frau Jacqueline ebenfalls Bibliothekarin in der Kantonsbibliothek St. Gallen, wohnte er in Winterthur. Er führte ein zufriedenes, aber letztendlich doch sehr unaufgeregtes und geordnetes Leben. Es war eine Überraschung, dass Ernst zielstrebig, diese alte Dame – unbekannterweise – in Bern aufsuchte. Die Dame wirkte etwas verwirrt, nannte ihn Ernst, verwechselte ihn mit ihrem Neffen und gab Ernst Stricker ein Päckchen zur Aufbewahrung, da sie Sorge hatte, es käme sonst in falsche Hände.

Er nahm das Päckchen mit nach Hause, versteckte es erst einmal, damit auch seine Frau nichts mit bekam. Doch lange konnte er seine Neugierde nicht unterdrücken und packte ganz vorsichtig, dieses kleine Päckchen aus.

„Zum Vorschein kam tatsächlich ein Buch, ein Buch, bei dessen Anblick Ernst eine Gänsehaut bekam.“

Das war auch kein Wunder, denn bei diesem besonderen Buch handelte es sich um das „Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Synonymwörterbuch, von dem man behauptet, dass es das älteste Buch der deutschen Sprache sei. Das meinte auch Ernst Stricker, dem diese Kostbarkeit sofort ein Begriff war und die – in seiner Erinnerung – neben zwei anderen sogenannten Abschriften zu den Schätzen der Stiftsbibliothek St. Gallen gehören musste. Das Original galt als verschollen. Vielleicht hielt er nun genau dieses Exemplar in seinen Händen? Ernst Stricker war berührt, betroffen und verwirrt zu gleich, er wusste im ersten Moment nicht, was zu tun war. Doch er forscht nach und taucht in die Welt des 8. Jahrhunderts ein, „trifft“ den neunzehnjährigen Novizen „Haimo“, der im Kloster Weltenburg – in der Nähe von Regensburg – mit der Abschrift dieses Wörterbuchs beauftragt wurde…

Und so beginnt eine wundervolle, spannende Geschichte, die mit Ernst Stricker einen perfekten „Detektiv“ gefunden hat. Franz Hohler lässt seine Haupt- und Nebenfiguren mit unglaublicher Vorsicht, aber auch mit grosser Intelligenz handeln und wirken. Trotz der grossen Zeitspannen wird man als Leser so persönlich vertraut durch die Handlung geführt, so dass man sich nie verloren, sondern ganz im Gegenteil fast schon als Teil oder „Assistent“ dieses Privatermittlers im Sinne der Buchkunst fühlt. Ja, man leidet mit, hofft endlich auf neue Erkenntnisse, freut sich über die nächsten Erfolgsschritte und überlegt, ob dieses besondere Buch, jemals da ankommen wird, wo es eigentlich hingehört.

Franz Hohler beweist wieder einmal zartes Feingefühl hinsichtlich eines schönen Themas, das ganz unerwartet, aber sicher nicht unabsichtlich Interesse auf mehr Details entfacht. Franz Hohler schreibt einfach brillant. Die Klarheit und Einfachheit in seinem unverwechselbaren Stil erwecken eine so elegant und kluge Leidenschaft, die den Leser mehr als beglückt.

Das „Päckchen“ ist ein literarisches Bijou und zählt sicherlich zu den wichtigsten und schönsten Entdeckungen in diesem Literaturherbst.

 

Durchgelesen – „Das Papierhaus“ v. Carlos Maria Dominguez

Bücher haben Macht! Sie können das Leben bestimmen, verändern und massgeblich beeinflussen, selbst dann, wenn wir es als Leser gar nicht bewusst zulassen wollen. Und genau über diese doch eher unterschätzten „Charakterzüge“ des Buches berichtet uns Carlos Maria Dominguez in seiner Erzählung „Das Papierhaus“.

Carlos Maria Dominguez, geboren 1955 in Buenos Aires, gehört zu den wichtigsten und berühmtesten Schriftstellern Lateinamerikas und hat laut der Zeitung „Der Welt“ mit seinem Romanwerk „Literatur von Weltrang“ geschaffen. Anfangs hat er für verschiedene Zeitungen als auch für die Kulturbeilage von „El Pais“ geschrieben. Inzwischen wurden von Carlo Maria Dominguez mehr als 20 Bücher veröffentlicht. In Deutschland wurde er mit seinem kleinen feinen Werk „Das Papierhaus“ bekannt, das unter dem Originaltitel „La casa de papel“ 2002 erschienen ist und zum ersten Mal in deutscher Übersetzung 2004 in Deutschland vorgestellt wurde. Jetzt nach 10 Jahren ist dieses faszinierende Buch nochmals neu und aktualisiert aufgelegt und mit den wundervollen Illustrationen von Jörg Hülsmann ausserordentlich feinsinnig und beeindruckend kunstvoll gestaltet worden.

Die Geschichte wird von einem jungen Literaturdozenten der Universität Cambridge in der Ich-Form erzählt und spielt in Südamerika. Eine junge Kollegin von ihm – Bluma Lennon – wird, als sie mehr als vertieft in einem Gedichtband von Emily Dickinson liest, von einem Auto erfasst und dabei tödlich verletzt. Bei der Beerdigung erfährt man nicht nur etwas über ihre brillante Universitätslaufbahn, sondern auch über ihre intensive Nähe zur Literatur, die doch auch etwas überspitzt von einem anderen Kollegen dargestellt wird:

« „ Bluma hat ihr Leben der Literatur geweiht, ohne sich vorzustellen, dass sie durch diese ums Leben kommen würde.“ »

Doch letztendlich sollte man nicht vergessen, dass – auch wenn Bücher das Schicksal nachhaltig verändern können – sie ein Auto überfahren hat und nicht der Gedichtband.

Nach diesem tragischen Vorfall fällt eines Tages dem Ich-Erzähler ein Päckchen in die Hand, frankiert mit Briefmarken aus Uruguay, was an Bluma adressiert war. Beim Öffnen entdeckt er « das zerlesene alte Exemplar von Joseph Conrads Roman Die Schattenlinie ». Das Buch war vollkommen verdreckt und verklebt mit Zementresten. Beim Aufklappen sieht er eine Widmung von Bluma:

« „Für Carlos als Andenken an die verrückten Tage in Monterrey: ein Roman, der mich von Flughafen zu Flughafen begleitet hat. Es tut mir leid, aber in meiner Seele wohnt eine Hexe und ich habe es sofort gewusst: Egal was Du tust, Du wirst mich nie überraschen können. 8. Juni 1996.“ »

Der Ich-Erzähler startet seine Nachforschungen, hinsichtlich dieses mysteriösen Mannes. Nach einiger Zeit und mit Hilfe verschiedenster Kontakte wird das Geheimnis gelüftet: es handelt sich um einen bibliophilen Mann namens Carlos Brauer, der inzwischen in eine eher verlassene Gegend am Atlantischen Ozean gezogen ist. Der Ich-Erzähler entschliesst sich nach Buenos Aires zu reisen, um diesen Carlos ausfindig zu machen. Von dort aus fährt er mit dem Schiff nach Montevideo und sucht den Inhaber einer Buchhandlung mit angeschlossenem grossen Antiquariat – Jorge Dinarli – auf, der mit Carlos beruflich in Kontakt stand. Dinarli empfiehlt dem Literaturdozenten aus Cambridge, doch am besten mit Brauers Freund Augustin Delgado zu sprechen.

Das Treffen mit Delgado ist ein wahres Ereignis. Der Ich-Erzähler wird in Delgados grandioser Wohnung, die einer gigantischen Bibliothek (ca. 18.000 Bände) gleicht, empfangen und somit beginnt sofort ein Gespräch über die Leidenschaft für Bücher, aber auch die Kunst und Schwierigkeit mit Büchern das Leben zu gestalten. Delgado berichtet von seiner Art mit Büchern umzugehen, aber vor allem auch von der Besessenheit, jedes Buch besitzen zu wollen, das hauptsächlich bei Carlos Brauer der Fall war. Bei diesen Diskussionen zwischen Delgado und Brauer, ging es aber auch um das Thema „Anmerkungen“, die man während des Lesens vornehmen darf, soll oder kann. Brauer war da sehr konsequent:

« „Ich vögele mit jedem Buch, keine Markierung bedeutet für mich kein Orgasmus.“ »

Für Delgado war dies absolut keine Option, ganz im Gegenteil er war für das eher unberührte und jungfräulich bleibende Buch. Aber nicht nur dieses Thema auch die Problematik der Ordnung von Büchern war vor allem für Brauer ein sehr schwerwiegendes und kaum zu lösendes Problem:

« „…wie mühselig es sei, die zerstrittenen Autoren in verschiedenen Regalfächern unterzubringen.“ »

Delgado wurde sich immer mehr bewusst, dass diese Besessenheit in puncto Bücher, doch mehr und mehr zu einer geistigen Störung bei Brauer mutierte und es kaum abzusehen war, wie sich das alles weiter entwickeln würde…

Bereits während der Lektüre dieser so inspirierenden Geschichte, denkt man an das kleine und trotzdem sehr imposante Werk von Gustave Flaubert „Bücherwahn“, das die negativen Konsequenzen einer sogenannten Bibliomanie sehr deutlich beschreibt. Doch „Das Papierhaus“ ist weniger eine Kriminalerzählung, die ja Flauberts Werk zu Grunde liegt, sondern eher ein sehr persönliches und charmantes Prosastück unter anderem über die Problematik, der kaum zu bändigenden und vor allem trotzdem zu besitzen wollenden Menge an Büchern. Welcher Leser stellt sich nicht oft die Frage, wie ordne ich meine Bibliothek. Heutzutage könnte man natürlich sofort antworten, gar nicht! Kaufen Sie sich einen E-Reader und alle Probleme sind gelöst. Das mag vielleicht für den einen oder anderen Leser gelten und funktionieren, aber ein bibliophiler Mensch möchte seine Bücher besitzen, an ihnen riechen, das Papier spüren und sich an einer realen Bibliothek sein Leben lang erfreuen.

Carlos Maria Dominguez zeigt hier auf sehr stimmungsvolle, aber durchaus intellektuell literarische Weise, wie das Schicksal durch Bücher nicht nur verändert und eingeschränkt, aber vor allem auch bereichert werden kann, selbst dann wenn man bei Umzügen ab hundert gepackten Kiste jeden weiteren Bücherkarton am Liebsten verbrennen möchte. Bücher sind die Basis für jede Art von Bibliothek und deshalb sollte man nie den Satz von Delgado aus dieser mehr als zeitlosen Erzählung vergessen:

« „Wer sich eine Bibliothek aufbaut, der baut sich ein ganzes Leben auf. Sie ist nämlich nie die Summe ihrer einzelnen Exemplare.“»

Dieses eindrucksvolle Zitat lädt ein über sein eigenes Leben, ob mit oder ohne kleiner bzw. grosser Bibliothek nachzudenken. Und es zeigt uns, wie wichtig die Liebe zu Büchern doch sein kann. Carlos Maria Dominguez kann mit seiner wunderschön bildhaften Sprache all dies bereits spielerisch und trotzdem unaufdringlich empathisch erzählen. Doch die mehr als faszinierenden Illustrationen von Jörg Hülsmann in dieser neu aufgelegten Ausgabe und natürlich auch der ebenso bibliophil ästhetisch und kunstreich gestaltete Buchumschlag, verstärken die betörende und magische Anziehungskraft nicht nur hinsichtlich dieses Werks sondern Büchern gegenüber ganz allgemein, der Sie sich, verehrter Leser, bestimmt niemals entziehen wollen und können!

Durchgeblättert – „Unpacking My Library: Writers and Their Books“ v. Leah Price

Im Dezember letzten Jahres ist nun das zweite Buch aus der Reihe « Unpacking My Library » erschienen. Diesmal dürfen wir einen Blick in die Privatbibliotheken berühmter zeitgenössischer Schriftsteller, wie zum Beispiel Junot Diaz, Jonathan Lethem, Philip Pullman und Edmund White werfen.

Sie kennen sicherlich den Spruch : „Sage mir, was Du isst und ich sage Dir, wer Du bist.“ Dieser Satz würde sich auch wunderbar – im Sinne eines geistigen Nahrungsmittels – auf Bücher übertragen lassen, die man in einer gewissen Form ja ebenfalls regelmässig « verzehrt ». Leah Price, Englischprofessorin (Harvard) und die Herausgeberin dieses wunderschönen und faszinierenden Bildbandes, geht noch viel weiter. Sie sagt in ihrem Vorwort : “To expose a bookshelf is to compose a self.’’

Der Aufbau ist ähnlich wie im ersten Buch « Architects and Their Books ». In diesem Fall werden 13 Autoren und ihre dazugehörige Privat-Bibliotheken vorgestellt. Leah Price führt mit jedem Einzelnen ein Interview und stellt Fragen unter anderem über die Ordnungssysteme innerhalb der Bibliotheken, die Lesegewohnheiten, die Sammelleidenschaften, die Vorlieben bezüglich e-Reader oder gedrucktem Buch. Sie möchte aber gerne von ihnen auch erfahren, wie ihre Bibliothek in fünf Jahren aussehen könnte, ob sie Bücher verleihen und welche Bücher zu ihren Top Ten gehören.

Die Antworten sind sehr interessant, manchmal auch überraschend. Doch letztendlich machen die zahlreichen Photos das Buch erst zu einem echten Erlebnis. Denn auch hier wurden –  wie bereits bei den « Architects »  – nicht nur die Bibliotheken im Ganzen fotografiert, sondern einzelne Regale herausgenommen und mit Hilfe der Kamera wie ein Stilleben festgehalten. Der Leser kann sich also quasi vor einzelne Regalböden « stellen » und schmökern.

Dieses mit hochwertigen Fotobildmaterial ausgestattete Werk ist mal wieder der Beweis, dass Bücher, nicht nur ein dekoratives Wohnaccessoire, sondern auch ein echtes Kulturgut sind, und Bibliotheken somit über einen Menschen mehr aussagen können, als man je zu denken vermag.

« Unpacking My Library » ist eine äusserst individuelle, sehr ambitionierte und grandios konzipierte Bildband-Reihe über die Privatbibliotheken interessanter und kluger Menschen. Möge sie endlos weiter fortgesetzt werden und wer weiss, vielleicht erscheinen diese Bücher in absehbarer Zeit auch in deutscher Übersetzung!

Durchgeblättert – „Wozu lesen?“ v. Charles Dantzig

« Wozu lesen? » Diese Frage sollte man sich als Leser unbedingt stellen, auch wenn es mehr als schwierig sein könnte, die richtige und vor allem persönliche Antwort darauf zu finden. Bevor Sie jetzt jedoch zu sehr ins Grübeln kommen, nehmen Sie einfach dieses Buch von Charles Dantzig und folgen Sie ihm auf eine ganz besondere «  Lese-Reise ».

« Wozu lesen » ist eine sehr bibliophil (edelster Leineneinband) gestaltete Sammlung kleiner feuilletonistischer Essays, die sich mit der im Titel gestellten und äusserst nachdenkenswerten Frage beschäftigt. Es geht hier jedoch nicht um das Lesen im Allgemeinen, sondern nur um das Lesen von Literatur.

Charles Dantzig gibt in diesem teilweise sehr amüsant bissigen Werk keine konkret allgemein gültige Antwort auf die Frage, sondern er schreibt seine ganz persönliche Meinung über sein Leseverhalten und den Leser an sich, die positiv, negativ, ironisch und teilweise sehr böse ausfällt, aber letztendlich immer das Wichtigste aller Ziele nie aus den Augen verliert, nämlich das Lesen!

Charles Dantzig, geboren 1961, studierte nach dem Abitur Jura, krönte sein Studium mit einer Doktorarbeit in Toulouse, ging anschliessend nach Paris – wo er auch heute noch lebt – und begann als Lektor bei « Belles Lettres ». Hier veröffentlichte er zum ersten Mal auf französisch eine Gedichtsammlung von F.S. Fitzgerald. Er publizierte eine Fülle von Romanen, Essays und Lyrik. Dantzig wird mit vielen Literaturpreisen geehrt. 2005 erhielt er unter anderem für sein Werk « Dictionnaire égoïste de la littérature française » den Prix de l’Essai de l’Académie française. 2010 wird er mit dem Grand Prix Jean-Giono für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Charles Dantzig gehört zu den ganz Grossen der französischen Kulturszene. Seit September 2011 ist er, neben seiner langjährigen Tätigkeit als Lektor im Verlag Grasset, Feuilletonist bei der Zeitschrift « Magazine littéraire ». Zum allerersten Mal erscheint nun mit dem Werk « Wozu lesen ? » ein Buch von Charles Dantzig in deutscher Sprache, das von Sabine Schwenk hervorragend übersetzt wurde!

Charles Dantzig berichtet in mehr als 70 kurzen und prägnanten Essays über seine Lesegewohnheiten, Leseerfahrungen und seine Vorstellungen, was es überhaupt bedeuten könnte, ein guter Leser zu sein.

Die erste Antwort auf die Frage « Warum lese ich ? » lautet: « Ich lese wohl so, wie ich auch gehe. » Charles Dantzig gehört zu den Menschen, die auch beim Gehen lesen, auch wenn er immer mal wieder beispielsweise durch eine Parkuhr mehr oder minder schmerzhaft abgebremst wird. Lesen ist für ihn eine besondere Form der « Bewegung », nämlich seine Bewegung, denn als Kind hat es er schon immer vorgezogen, ein Buch zu lesen, als im Garten zu spielen, geschweige denn Sport zu treiben.

Lesen ist eine intensive Beschäftigung. Bei mancher Lektüre könnte man meinen, dass das Lesen den Leser irgendwie positiv verändert, doch das sieht Dantzig nun gar nicht :

« Das Lesen verändert uns kaum. Vielleicht veredelt es uns ein bisschen, aber ein Drecksack ist und bleibt ein Drecksack, auch wenn er Racine gelesen hat. Aus einem ungebildeten Drecksack ist dann allenfalls ein aufpolierter Drecksack geworden. »

Auch wenn die Veränderung durch die Lektüre nicht zutrifft, ist für Charles Dantzig eines ganz klar: Lesen hat etwas mit Liebe zu tun, ja man könnte sagen, dass es gut ist, wenn man nur aus Liebe liest. Aber nicht nur Liebe, auch wahre Freundschaft kann zwischen dem Leser und dem Schriftsteller entstehen.

Dantzig liest ständig. Sein Leben ist das Lesen. Und genau deshalb will er uns keinesfalls die hundert besten Tipps zum sinnvollen und erfüllenden Lesen liefern. Er berichtet von seinen Lesemomenten, von Schriftstellern, von Buchhandlungen, von Träumen und Visionen, was uns Leser jedoch ungewollt animiert, über unsere ganz persönlichen Leseerfahrungen nachzudenken. Wir spüren bei der Lektüre dieser feuilletonistischen Miniaturen seine fast schon grenzenlose Liebe zu Balzac, Proust und Stendhal, seine differenzierte Verehrung für Thomas Bernhard, seine Probleme mit Marguerite Duras, aber auch seine klare Abneigung zu Céline und anderen Autoren, bei denen es eigentlich nur um sogenannte Beststeller-Produzenten geht. Hier, in diesem Buch, dreht sich alles um die wahre Liebe zum Lesen und um die Rettung der Literatur :

« Gute Leser müsste man einsperren, damit sie lesen ! Man würde ihnen ein Gehalt zahlen, und sie täten nichts anderes als lesend Literatur retten ! »

Aber Lesen ist leider nicht immer sehr gesellschaftsfähig. Der Leser, – nein man muss genauer sagen -, der Büchernarr wird schnell als Exot hingestellt. Gerade deshalb ist es um so wichtiger, sich in die Literatur zu stürzen, um der Isolation etwas zu entfliehen und als Vielleser mit Glück in den Romanfiguren doch noch so manchen Freund zu finden.

Eines der essentiellsten Aspekte beim Lesen ist natürlich die Auswahl der Lektüre, denn Bücher können einen in die Irre führen, der Titel kann vieles versprechen und nicht halten und genau deshalb ist es laut Charles Dantzig sehr wichtig, nicht kompliziert, sondern ganz pragmatisch vorzugehen:

« Eine Lektüre muss man anprobieren wie Schuhe. Wir dürfen niemals denken, dass wir für diese oder jene Lektüre nicht gut genug seien. Aber es gibt durchaus Bücher, die für uns nicht gut genug sind. »

Auch wenn wir all die Ratschläge und Erfahrungen von Charles Dantzig uns zu Herzen nehmen, sind wir dann als Leser mit der Frage « Wozu lesen ? » eigentlich einen Schritt weitergekommen? Es gibt ein ganz klares JA, denn die wichtigste Erkenntnis, die wir durch die Lektüre dieses Buches gewinnen, lautet : « Lesen bringt keinen Nutzen. Genau deshalb ist Lesen etwas Grossartiges. »

Es ist noch viel mehr als etwas Grossartiges, dass der Mensch heutzutage seine oft auf die Sekunde durchgeplante Zeit noch mit etwas vollkommen Nutzlosen verbringen kann. Es lebe die Literatur ! Und genau deshalb sollten Sie sofort mit diesem arrogant-bösen und intellektuell-unterhaltsamen Liebesplädoyer für die Lektüre beginnen. Mit sprachlicher Eleganz wird dieses Werk zu einem charmant-sarkastischen und sehr intelligent verpackten «Marketingbrevier» für das Lesen. Doch eines sollten Sie bei der Lektüre dieses Werkes nie vergessen – den Bleistift. Nicht nur, weil « ein guter Leser schreibt, während er liest », sondern weil Sie jedes Zitat von Charles Dantzig – einer der brillantesten Wort-Jongleure und Fabulierkünstler – unterstreichend festhalten möchten.

« Wozu lesen ? » wirbt für das Lesen und die Literatur ! Wir machen «Werbung» für dieses Buch, damit Sie verehrter Leser nie vergessen werden, warum Sie lesen !

Durchgeblättert – „Räume für Menschen, die Bücher lieben“ v. L. Geddes-Brown

Bücher sind geistige Nahrung. Aber Bücher haben auch – ob wir wollen oder nicht – eine sehr grosse dekorative Wirkung. Und um genau diese geht es in dem sehr inspirierenden Buch „Räume für Menschen, die Bücher lieben“.

Leslie Geddes-Brown war stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift World of Interiors. Als Journalistin wurde sie bekannt durch zahlreiche Publikationen über Raum- und Gartendesign. Sie selbst hat gleich mehrere Bibliotheken: in London eine Regency-Bibliothek, in ihrem mittelalterlichen Anwesen in Suffolk eine Bibliothek im gregorianischen Stil und in ihrem Haus in der Toskana gibt es auch zahlreiche Bücherregale.

„Räume für Menschen, die Bücher lieben“ ist ein faszinierendes, aber auch praktisches Einrichtungsbuch. Es geht darum, mit den Büchern nicht nur einfach zu leben und sie zu sammeln, sondern sie vielleicht auch positiv in Szene zu setzen. Das heisst jedoch nicht, dass alles in Reih und Glied stehen soll, nein die Bücher sollen und können sich präsentieren, sei es in einem schicken modernen Designer-Regal, in einer gemütlichen Bibliothek oder einfach nur als Stapel am Boden.

Die Bücher werden zu einem wichtigen Element der Raumgestaltung. Leslie Geddes-Brown gibt interessante Ideen und Anregungen, wie jeder Bibliophile seine Bücher inszenieren kann. Mit wunderbaren Photos aus zahlreichen privaten Bibliotheken, die man entweder im klassischen Wohnzimmer, aber auch im Schlafzimmer, in der Küche und im Badezimmer findet, bekommt jeder Leser äusserst spannende einrichtungstechnische Impulse.

Da entdecken wir zum Beispiel eine Designerin, die ihre Bibliothek in einem Treppenschacht gebaut hat und an ihre Bücher nur mit Hilfe eines höhen-verstellbaren Bootsmannsstuhl erreichen kann. Ein New Yorker Bücherliebhaber hat sein Schlafzimmer rundherum mit Regalen tapeziert. Karl Lagerfeld hat im Bad seines Studios in Rom natürlich auch Bücherstapel dezent auf einem Stuhl plaziert. Eine berühmte italienische Modedesignerin lässt Familienporträts und schöne Bücher gemeinsam in einem Regal „wohnen“.

Der Bildband bietet sehr nützliche Tipps im Hinblick auf Materialen, Farben und Beleuchtung. Er zeigt noch zusätzliche Anreize, wie man Büchern eine wahre „Bühne“ bereitet, um nicht nur ihren geistigen Wert, sondern auch ihr Äusseres wie Cover, Einband etc. ins Rampenlicht führt.  Als Anhang gibt es noch ein sehr informatives Adress-Register, das für jeden Bücherfreund sicherlich sehr nützlich sein kann.

„Räume für Menschen, die Bücher lieben“ ist ein wunderschönes Buch, das zeigt wie stilvoll man mit Büchern leben kann. Hier spürt jeder Leser wie faszinierend bibliophile Paradiese sein können, denn wer kann sich schon satt sehen an diesen traumhaften, originellen und durchgestylten Bibliotheken. Dieser Bildband ist ein ideales Geschenk für Menschen, die nicht nur den Inhalt ihrer Büchern entdecken wollen, sondern endlich auch mal das dekorative Element von Büchern unterstreichen möchten!

Durchgelesen – „Die Überlebensbibliothek“ v. Rainer Moritz

Rainer Moritz – Leiter des Hamburger Literaturhauses und Vorstandsmitglied der Marcel Proust Gesellschaft – schreibt in seinem wunderbaren Werk, wie viele Romane die Macht haben, uns und unser Leben zu verändern. Romane sind unsere Freunde, unsere Seelentröster, zum Teil unsere Therapeuten.

In verschieden kleinen Lebens-Kapiteln zeigt uns Rainer Moritz, die dazu passende Lektüre. Im Bereich „Mit sich selbst klar kommen“, sollte beispielsweise wer sich selbst unterschätzt, „Das hässliche Entlein“ von Hans Christian Andersen lesen; oder im Kapitel: „Mit Schwächen und Lastern leben“, sollte man sich bei Eifersucht mit Marcel Proust, „Eine Liebe von Swann“ beschäftigen. Oder im Kapitel: „Mit anderen Menschen zurechtkommen (oder auch nicht)“, wäre es für denjenigen, der beabsichtigt mit seiner Mutter dauerhaft zusammenzuleben, sinnvoll „Die Klavierspielerin“ von Elfriede Jelinek zu lesen.

Kurzum für jede Befindlichkeit, für jeden Seelenzustand, für jede Lebensveränderung, findet Rainer Moritz, das passende Buch, denn er ist der Überzeugung, dass Bücher wahre Hilfe leisten.

„Die Überlebensbibliothek ist ein Plädoyer für die Macht der Lektüre“ bestägtigt er selbst.

Es ist wie ein kleines Lebenshilfe-Handbuch, das Leben und Literatur auf sehr mutige und angenehme Weise verbindet. Es liest sich wie der literarische Beipackzettel und kann ohne Einnahme der Tabletten gleich als Therapie verwendet werden. Und es hilft dem Leser, bekannte und weniger bekannte Literatur wieder neu zu entdecken.

Durchgeblättert – „Bibliotheken“ v. Candida Höfer

Candida Höfer – in der Nähe von Berlin geboren – gehört zu den wichtigsten deutschen Künstlerinnen, die im Bereich der Photographie arbeiten. Sie wurde durch zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen international bekannt. Ihr Markenzeichen sind menschenfreie Bilder. Es geht nur um den Raum, vor allem um öffentliche Räume.

Dies ist eine Monographie, die sich nur Bibliotheken widmet. Unterschiedliche Bibliotheksräume bezüglich Grösse und Alter werden aus allen Ecken der Welt gezeigt. Wie zum Bespiel die Trinity Library von Dublin, die Bibliothèque Nationale de France, die Villa Medici in Rom und die Weimarer Anna Amalia-Bibliothek (noch vor der Brandkatastrophe). Die Bilder sind geprägt von einer aussgerwöhnlichen Sachlichkeit und Einfachheit. Dadurch kommen die Besonderheiten der Bibliotheken noch deutlicher zum Vorschein.

Mehr als 130 Farbphotographien – ergänzt durch ein brillantes Essay von Umberto Eco – bietet dieser anspruchsvolle Bildband! Ein kostbares Buch für Büchernarren und Literaten!

Durchgeblättert – „Wie wir mit Büchern wohnen“

Dominique Dupuich, eine französische Jounalistin und der französische Fotograf Roland Beaufre haben ein inspirierendes Buch über faszinierende Privatbibliotheken geschrieben. Es ist gerade gleichzeitig auf Französisch und glücklicherweise auch auf Deutsch im Christian Brandstätter Verlag erschienen.

Es werden acht Gruppen verschiedenster Bibliothekbesitzer gebildet, zum Beispiel „Wie der Sammler mit Büchern wohnt“, „Wie der Schriftsteller mit Büchern wohnt“ oder „Wie der Designer mit Büchern wohnt“. Ein Panoptikum von Bibliotheken, Bücherregalen und alles, was sich noch dazwischen wiederfindet. Die Texte dazu sind sehr ansprechend, vor allem wird zu jeder Gruppe ein „Buchliebhaber“ direkt in den „Fokus“ genommen, und beantwortet dabei einen sehr interessanten Fragenkatalog: „Woher stammt Ihre Bibliothek? Wie haben Sie Ihre Bücher geordnet? Sind Sie mit Ihrer Bibliothek zufrieden? Wo und wie lesen Sie gerne? Ist Ihnen Ihre Bibliothek ähnlich?“ usw. Es ist eine wahre Freude, diese Antworten zu lesen. Obwohl man die Menschen persönlich überhaupt nicht kennt, werden Sie einem dadurch sehr vertraut. Und als Bibliotheksbesitzer fängt man auch ganz nebenbei damit an, die Fragen für sich selbst zu beantworten.

Ein sehr schönes und ansprechendes Buch, allein schon durch die vielen exzellenten Fotos. Das ist nicht einfach wieder ein neues „Coffee Table Book“, nein, das ist mehr. Als Leser würde man am Liebsten diese Menschen sofort besuchen, um ihre Bibliothek zu besichtigen und die Atmosphäre direkt einzuatmen.

Durchgeblättert – „Unpacking My Library: Architects and Their Books“ v. Jo Steffens

Ein aussergewöhnliches Buch: Es geht um 12 ausgewählte, international weltberühmte Architekten – wie Michael Graves, Bernard Tschumi -, die ihre privaten Bibliotheken vorstellen. Und dabei geht es eben nicht nur um Architekturbücher, sondern um Bücher und Bibliotheken im Allgemeinen. Es wird jede der Privatbibliotheken abgebildet. Dabei werden unter anderem die Grösse, der Hersteller, das Material der Bibliothek angegeben und die Anzahl Bücher. Dann werden einige Regale photographisch herausgenommen, so dass der Leser genau sehen kann, was in dem Regal steht. Und am Ende jeder Vorstellung gibt es noch die Liste der Top Ten Books des jeweiligen Architekten.

Es macht unheimlich Spass als Leser somit in fremden Bibliotheken zu schmökern, und es ist unglaublich interessant, welche Werke sich da entdecken lassen. Natürlich gibt es viel über Architektur zu finden, aber auch Autoren wie James Joyce, Marcel Proust, Thomas Pynchon, Robert Musil, Paul Celan, Franz Kafka sind präsent. Ein kleiner Bildband, der neue bibliophile Welten eröffnet. Das Buch ist bis jetzt nur auf Englisch im Verlag Yale University Press erschienen.


Durchgeblättert – „Erlesene Orte“, „Lesen“ und „Frauen, die lesen sind gefährlich“

Drei Bildbände über das Lesen für das Auge und für die Seele!

Ebba Dangschat, Erlesene Orte: E. Dangschat hat künstlerische Fotografie studiert, und porträtiert in ihrem Werk 53 Menschen aus Kultur, Politik und Wirtschaft, für die Bücher etwas ganz Wunderbares und Lesen so wichtig ist, wie Essen. Doris Dörrie braucht zum Lesen auch immer eine Hängematte, Christoph Schlingensief mag die Atmosphäre von Grossbaustellen, Tanja Dückers braucht ihre Badewanne, und und und. Es macht viel Spass diese Menschen beim Lesen zu beobachten!

Isolde Ohlbaum, Lesen: Wer kennt sie nicht die herausragende Fotografin I. Ohlbaum. Sie zeigt in diesem kleinen, aber feinen Bildband eine Auswahl von wunderbaren Bildern, wann, wie und wo man lesen kann. Alles unbekannte Menschen, Orte und Stimmungen! Versehen mit kleinen Texten und Zitaten aus der Welt der Literatur mit dem Thema Bücher und Lesen. Ein richtig schönes Geschenkbuch, für alle Lesesüchtigen und Liebhaber schöner Fotos!

Stefan Bollmann,Frauen, die lesen sind gefährlich: In diesem Buch werden von bekannten und/ oder wieder zu entdeckenden Künstlern Bilder gezeigt, die lesende Frauen in ihrer Schönheit, Anmut und Ausdruckskraft wiederspiegeln. In den kurzen Begleittexten wird erläutert, warum sie lesen, in welche Lektüre sie vertieft sind und wir erfahren gleichzeitig noch etwas über den Künstler und die Epoche, in der das Werk entstanden ist. Dieses Buch öffnet einen Einblick in ein spannendes Kapitel der Lesegeschichte und besticht mit seinen wunderschönen Bildern!