Durchgelesen – „Fehlstart“ von Marion Messina

Wer kennt das Phänomen nicht: man möchte neu starten und beginnt gleichzeitig diesen Start mit einem Fehler und am Ende fügt sich alles zu einem perfekt geplanten Fehlstart zusammen.

Und von genau so einem Fehlstart handelt der aktuell in deutscher Sprache erschienene Debütroman von Marion Messina, der grandios aus dem Französischen von Claudia Steinitz übersetzt wurde.

Marion Messina wurde 1990 in Grenoble geboren und hat nach dem Abitur Politik- und Agrarwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin. Ihr Debüt-Roman „Fehlstart“ („Faux départ“) wurde in Frankreich nach Erscheinen 2017 sehr gefeiert!

Aurélie, eine junge begabte Schülerin mit einem sehr guten Abiturabschluss, bleibt es verwehrt an den berühmten Eliteuniversitäten von Paris zu studieren. Aus finanziellen Gründen – aufgewachsen in einer Sozialwohnung in Grenoble – muss sie ihr Studium in Ihrer Heimatstadt aufnehmen. Obwohl sie viel lieber ein Literaturstudium absolvieren wollte, entschliesst sich Aurélie notgedrungen für das Jurastudium, um ihre Eltern zufrieden zu stellen. Doch kaum hatte sie ihr Studium aufgenommen, stellten sich die ersten eher desillusionierenden Gedanken ein:

„Nach den zwei Stunden dieser ersten Vorlesung hatte sich Aurelie wie ein frisch defloriertes Mädchen gefühlt, sie konnte es nicht fassen, dass etwas so lange Erträumtes so fade, unnütz und endlos sein konnte.“

Aurélie versuchte das Beste aus der Situation zu machen und fand einen Studentenjob, um sich von ihrer Familie etwas mehr zu befreien und selbstständiger zu werden. Zuerst verteilte sie Flyer und landete schliesslich als Reinigungskraft in einem Wohnheim. Dabei lernt sie Alejandro, einen kolumbianischen Studenten kennen, der sich in seinem  letzten Studienjahr befindet und seine Wohnungsmiete verdienen musste.

Alejandro war genervt von Kolumbien und musste unbedingt nach Europa gehen, um dort seinen Master zu beenden. Er war 24 Jahre alt und sprach fast perfekt Französisch. Aurélie war 18 Jahre alt, verliebte sich in Alejandro und träumte von einer besonderen Zweisamkeit, die sie beflügelte:

„Ihre Zuneigung brachte sie zum Strahlen: Sie hatte abgenommen, und ihr Teint war reiner; durch ein Wunder hatte sie die Erstsemesterprüfungen bestanden.“

Alejandro war ein echter Lateinamerikaner, ein guter Liebhaber, aber nicht bereit, sich festzulegen und er wollte sein Leben leben, die Welt entdecken und konnte sich somit eine definitiv feste Bindung an eine Frau, wie Aurélie noch nicht vorstellen. Er ging einfach weg aus Grenoble und Aurélies Leben war damit mehr als durcheinander, sie hatte Liebeskummer und ihr Studium war gefährdet. Auch Aurélie wollte weg, von Grenoble, von dem Studium, von ihrer Familie.

Aurélie entschied sich für Paris! Sie wollte endlich in die Stadt, die für sie mehr als nur eine Metropole, sondern der Inbegriff von Freiheit und Erfolg war bzw. sein musste. Doch leider hatte sie den kühlen „Empfang“ von Paris nicht so erwartet und musste sich für die erste Zeit mit einem Sechs-Betten-Schlafsaal einer Jugendherberge arrangieren.

Niemand wusste von ihrem „Ausflug“ nach Paris, denn Aurélie wollte erst mal Fuss fassen, einen Job und natürlich eine Wohnung finden. Sie fand eine Stelle als „flexible“ Empfangsdame und wusste immer erst morgens gegen 6 Uhr zu welcher Firma sie jetzt fahren sollte, um eine fehlende Hostess zu ersetzen. Die Arbeit war einerseits langweilig, andererseits auch anstrengend. Denn auch nur zu warten und immer zu lächeln, kostete so manche Kräfte, die sie im ersten Moment zu unterschätzen wagte.

„Die Stadt macht einen verrückt.“

Das Leben in Paris entwickelte sich vollkommen anders als erwartet, die Träume wurden nicht erfüllt. Weder konnte sie genügend Geld verdienen, um sich eine angemessene Wohnung zu leisten, noch konnte sie ihren Erfolg und ihr Glück finden. Wie würde dieses Leben in Paris für Aurélie nun weitergehen…

„Fehlstart“ ist ein ernstes und äusserst wichtiges Buch – wahnsinnig fesselnd geschrieben – das vollkommen transparent und direkt, die Realität einer jungen Französin schildert, die nicht aus einer bourgeoisen Pariser Familie stammt, sondern aus Grenoble und durch ihre Geburt in einem sozial schwachen Umfeld aufwächst und sich daraus befreien möchte.

Nur diese Befreiung kostet mehr als physische und psychische Kraft, denn sie ist nicht möglich. Es gibt keinen Aufstieg, es gibt Versuche bezüglich eines sozialen Aufstiegs, doch dieser wird ständig von äusseren Umständen verhindert. Und da setzt Marion Messina an und hat mit ihrer ausgezeichneten Beobachtungsgabe ein so klares Sittengemälde gezeichnet, das durch ihre scharfe Ironie und ihren subtilen Zynismus dem Leser ganz besondere Einblicke in die heutige französische Gesellschaft öffnet.

„Fehlstart“ ist nicht umsonst ein mehr als gefeierter Debütroman in Frankreich gewesen und sollte nun – dank der deutschen Übersetzung – für ein anspruchsvolles und frankophiles Leserpublikum zur absoluten Pflichtlektüre werde!