Durchgelesen – „Der Eiffelturm“ v. Roland Barthes

Warum sollte man ausgerechnet ein Essay über den Eiffelturm lesen ? Genügt es denn nicht, sich an den Bildern von dieser Sehenswürdigkeit zu erfreuen oder den Turm direkt in Paris selbst zu entdecken ?

Der Eiffelturm – das Wahrzeichen der Stadt – international bekannt, beliebt und gerne besucht – steht im vornehmen 7. Arrondissement in Paris. Gebaut anlässlich der Weltausstellung in Paris 1889, ist der Turm 324 m hoch. Es gibt insgesamt drei Etagen, wobei die ersten zwei Etagen neben Aussichtsplattformen – bei der im Winter sogar eine kleine Eisfläche zum Schlittschuhlaufen vorgesehen ist – , Restaurants und Geschäfte anbieten. Der Eiffelturm gehört seit 1991 auch zum Weltkulturerbe mit anderen historischen Bauwerken in Paris und hat im Jahr 2015 mehr als 7 Millionen Besucher empfangen. Seit der Eröffnung 1889 konnten bereits mehr als 250 Millionen Touristen dieses architektonische Wunderwerk besuchen. Und nicht nur für diese vielen Touristen auch für Roland Barthes ist der Eiffelturm ein unübersehbares Objekt !

Roland Barthes, geboren 1915 in Cherbourg und gestorben 1980 in Paris, zählte zu den wichtigsten Philosophen und Literaturkritikern Frankreichs im 20. Jahrhundert. Er war Direktor der Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS) und Professor am Collège de France. Er machte am berühmten Gymnasium « Lycée Louis le Grand » sein Abitur und schrieb sich im Anschluss daran an der Sorbonne für das Studium der klassischen Literatur ein. Trotz seines Lungenleidens arbeitete er nach seinem Studienabschluss als Lehrer an verschiedenen Gymnasien in Paris, musste jedoch immer wieder durch Aufenthalte in Sanatorien unterbrechen. Aufgrund schwieriger finanzieller Verhältnisse lebte er bis zum Tode seiner Mutter (1977) mit ihr zusammen in einer Wohnung. 1977 erschien dann sein erstes äusserst kommerziell erfolgreiches Werk « Fragments d’un discours » (« Fragmente einer Sprache der Liebe » 1984), obwohl er durch sein in Frankreich bereits 1957 veröffentlichtes Buch « Mythologie » (« Mythen des Alltags » 1964) den Grundstock für sein Schwerpunktthema die kritische Semiotik gelegt hatte. Ja und auch der Eiffelturm ist für Roland Barthes eine Art Mythos des Alltags.

Der Eiffelturm war zur damaligen Zeit, gleich nach Fertigstellung, alles andere als ein beliebtes Baudenkmal. Der Turm wurde teilweise gehasst, er sollte am Besten nach der Weltausstellung wieder abgerissen werden. Viele Künstler und Autoren konnten sich keineswegs mit diesem Turm anfreunden und versuchten alles Mögliche, um ihn nicht sehen zu müssen. Roland Barthes beginnt sein Essay mit einer kleinen charmanten Anekdote über Maupassant :

« Maupassant ass häufig im Restaurant des Eiffelturms zu Mittag, obwohl er den Turm nicht mochte : « Es ist die einzige Stelle in Paris, von wo aus ich ihn nicht sehe » pflegte er zu sagen. In der Tat muss man sich in Paris grosse Mühe geben, den Eiffelturm nicht zu sehen. »

Der Eiffelturm war und ist präsent und gehört im Pariser Alltagsleben einfach dazu, ob man will oder nicht. Und somit versucht Roland Barthes den Sinn dieses Turms in genau diesem Alltagsleben in seinem Essay in ganz unterschiedlichen Ansätzen zu ergründen, wie zum Beispiel: « Der Turm ist freundschaftlich. »

Er hat aber auch verschiedene Aufgaben, sowohl im wirtschaftlichen als auch im technischen Bereichen und ist gleichzeitig jedoch vollkommen unnütz. Doch noch viel interessanter ist der Blickwinkel von Seiten des Turms. Der Besucher blickt vom Turm aus in die Natur, in die Stadt. Doch auch « der Eiffelturm betrachtet Paris », wie Barthes kurz und klar zusammenfasst.

Aber es geht um mehr als nur um Blicke auf und von dem Eiffelturm, es ist nicht nur das grandiose « Panorama », was hier zählt, es ist der Bedeutungsunterschied zwischen Objekt und Symbol. Und genau durch diesen Unterschied kann wiederum eine ganz neue Funktion entstehen, nämlich die einer « Vermittlungsfunktion, die eines historischen Objekts ».

Der Eiffelturm ist das Symbol von Paris, er ist aber zu allererst auch ein Technik-Objekt, ein Zeichen von kühnster Modernität, ein architektonisches Kunstwerk und er besitzt trotz allem eine im gewissen Sinne « menschliche Silhouette ». Denn für die Franzosen ist der Eiffelturm eine Dame (une tour), er bzw. sie ist die Dame aus Eisen (la dame de fer):

« Der Turm ist eine über Paris wachende Frau, die die Stadt zu ihren Füssen versammelt hält, sitzend und stehend zugleich kontrolliert und schützt, überwacht und behütet sie sie. »

Roland Barthes hat mit diesem Essay einen wahren Klassiker geschaffen, der nun endlich nach über 50 Jahren auch in Deutschland dank der wunderbaren Übersetzung von Helmut Scheffel veröffentlicht werden konnte. Dieses kleine feine Buch – im Anhang mit Abbildungen zur Entstehung – ist mehr als nur ein Essay. Es ist der Versuch als Strukturalist diesen Turm in den unterschied-lichsten Facetten zu « erforschen » und gleichzeitig damit eine noch grössere Bedeutung diesem Turm anzuerkennen aufgrund der äusserst überraschenden und  bedeutsamen « Forschungs-ergebnisse ».

Letztendlich zählt nicht das Objekt allein, sondern der Mensch, was er aus dem Objekt, in diesem Fall dem Turm macht :

Blick, Objekt, Symbol, der Eiffelturm ist alles, was der Mensch in ihn hineinlegt. »

Mehr lässt sich dazu fast nicht mehr sagen bzw. schreiben, ausser dass wir dem Leser diesen ausgesprochen eindrucksvoll zeitlosen und stilistisch eleganten Essay sehr zur Lektüre empfehlen, besonders vor der Besichtigung bzw. Besteigung dieses Turms !

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