Durchgeblättert – „Egon Schiele – Ein exzessives Leben“ v. Xavier Coste

Egon Schiele (12. Juni 1890 – 31. Oktober 1918) gehört zu den bedeutendsten Malern des Expressionismus und ist einer der wichtigsten Vertreter der Wiener Moderne. Bereits mit 16 Jahren wurde er an der Wiener Akademie der Bildenden Künste aufgenommen, an der er jedoch nur zwei Jahre blieb, da er sich durch den Akademiealltag viel zu sehr eingeengt fühlte. Und genau kurz nach dem Verlassen der Akademie steigt der sensationell begabte Comic-Zeichner Xavier Coste in das Leben von Egon Schiele ein und präsentiert uns eine fantastisch komponierte Biographie in Wort und Bild dieses österreichischen Malers.

Xavier Coste erzählt das wahrlich „exzessive Leben“ von Egon Schiele, das sich natürlich um Kunst dreht, aber auch um Frauen, Liebe und Gefühle. Egon Schiele erläutert seinem Mentor Gustav Klimt, dass die Akademie für ihn abgeschlossen sei, nachdem sein Professor ihn schon halb vor die Tür gesetzt hatte:

„WIE IMMER IST IHR STRICH UNGELENK UND DIE ZEICHNUNG FAHRIG… IHNEN MANGELT ES DEFINITIV AN SORGFALT. DIE AKADEMIE IST GRÖSSTMÖGLICHER EXAKTHEIT VERPFLICHTET.“… ANSTATT ZU SCHWATZEN, SOLLTEN SIE LIEBER MEINE RATSCHLÄGE UMSETZEN… SAGEN SIE UM GOTTES WILLEN NIEMANDEM, DASS SIE BEI MIR GELERNT HABEN.“

Gustav Klimt hat ihn in seiner Entscheidung bestärkt und ist überzeugt, dass die Akademie sich noch wundern würde, wer sie da verlassen hat. Doch Egon Schiele ist wie so oft nur auf die Frauen konzentriert und „entführt“ Klimts Muse (Wally) zu einem Tête-à-Tête in der Natur. Doch sie wird nicht seine Einzige bleiben, denn Egon Schiele braucht Frauen um sich herum, sie sind sein Lebenselixier und er arbeitet mit Ihnen als Modell in – für die damalige Zeit – sehr ungewöhnlichen und provokanten Posen. Lasziv, die Beine geöffnet, Brüste freiliegend oder gleich vollkommen nackt, aber nicht eben als rein ästhetischer Akt, sondern eher pornographisch, zumindest wird ihm das immer wieder unterstellt.

Egon Schiele ist ständig auf der Suche nach Musen und er geht sogar soweit, dass er Kindermodelle in der Zeitung inseriert. Selbst Gustav Klimt versucht ihn immer wieder auf den malerisch richtigen Weg zu führen und ist auch mehr und mehr irritiert über Schieles Kunst. Erfreulicherweise gibt es Phasen, in denen Schiele für eine Ausstellung die „richtigen“ Bilder malen und endlich Geld verdienen konnte. Die Schönheit von ganz jungen Frauen zieht ihn jedoch nach wie vor so magisch an, bis er sogar wegen vermeintlicher Übergriffe auf Minderjährige für 24 Tage in Untersuchungshaft kommt. Zum Glück hilft ihm Gustav Klimt. Er kann ihn bei Galeristen wieder vermitteln und Schiele kann erneut Fuss fassen in der damals doch eher konservativen Kunstszene.

Kurz darauf wird er als Freiwilliger für ein Jahr in den Krieg eingezogen. Begleitet von den schwierigen Auseinandersetzungen zwischen Edith – seiner langjährigen Freundin – und ihm bezüglich der Liaison mit Wally, kommt es letztendlich zum Bruch zwischen Schiele und Wally und am Ende heiratet Egon Schiele seine Edith, die ein Kind von ihm erwartet. Trotz dieser neuen und auch eher positiven stabilen privaten Situation wird Schieles Leben erneut erschüttert, da sein Mentor Gustav Klimt im Sterben liegt. Auch Edith erkrankt schwer, sie infiziert sich durch die Spanische Grippe und stirbt innerhalb kurzer Zeit. Egon Schiele ist bei ihr, steckt sich ebenfalls an und stirbt wenige Tage später – im Alter von 28 Jahren:

„ES IST TRAURIG UND ES IST SCHWER ZU STERBEN. ABER MEIN TOD ERSCHEINT MIR NICHT SCHMERZLICHER ALS MEIN LEBEN – MEIN LEBEN, DAS SO VIELE MENSCHEN VERLETZT HAT.“ (EGON SCHIELES LETZTE WORTE, ZITIERT VON SEINEM FREUND ARTHUR ROESSLER)

Xavier Coste hat dieses sehr intensive und kurze Leben von Egon Schiele in gerade mal 66 Seiten gepackt und daraus ein grandioses „Kunstwerk“ gezaubert, so dass wir trotz der Tragik, diesen aufregenden Lebensweg und die Schönheit der Kunst Egon Schieles auf ganz ungewöhnliche und faszinierende Weise neu bzw. wieder entdecken können. Die morbid melancholische Stimmung Wiens im Herbst vor dem 1. Weltkrieg wird durch die grandiose Zeichentechnik von Xavier Coste in dieser Graphic Novel genial eingefangen. Egon Schiele, gekleidet immer im Anzug und mit Zigarette in der Hand, wird als eine eher unerwartet bourgeoise Erscheinung porträtiert. Doch spätestens während seiner „Arbeit“ erkennen wir die Frauen als eine Art „Wahrzeichen“ der Freizügigkeit, die Xavier Coste in schielscher Manier unvergleichlich meisterhaft zum „Leben“ erweckt.

„Egon Schiele – Ein exzessives Leben“ ist ein extravagantes „Kunst-Buch“ rund um das Leben und Werk Schieles. Es ist eine Mischung aus Bildgeschichte und biographischer Erzählung, die nicht nur durch seine prägnanten Texte innerhalb der Sprechblasen und Zeichnungen glänzt, sondern auch am Ende des Werks durch eine komprimierte Biographie, einen sowohl sprachlich als auch zeichnerisch besonders informativ genussvollen Wert erhält.

Xavier Coste (geb. 1989) ist mit dieser Erstlings-Graphic-Novel ein echter Coup gelungen. Zum ersten Mal „hören“ und „erleben“ wir Egon Schiele in seinem Schaffen, Leiden und Lieben, das uns überrascht, erstaunt und neugierig macht auf sein beeindruckendes, kurzes und gleichzeitig sehr umfangreiches künstlerisches Schaffen. „Egon Schiele – Ein exzessives Leben“ von Xavier Coste ist ein feines und höchst anspruchsvolles Meisterwerk der Comic-Kunst, das Sie, verehrter Leser, keinesfalls verpassen sollten!

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: