Durchgelesen – „Bücherwahn“ v. Gustave Flaubert

Gustave Flaubert, geboren am 12. Dezember 1821 in Rouen und gestorben am 8. Mai 1880 in Croisset, gehört zu den wichtigsten französischen Schrifstellern und Romanciers der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die literarischen Hauptmerkmale des flaubertschen Œuvre liegen in der ausgeprägten Tiefe seiner psychologischen Analysen im Bezug auf das Verhalten der einzelnen Menschen, aber auch der gesamten Gesellschaft. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die Romane « Madame Bovary » (1857), « Salammbô » (1862) und « L’Éducation sentimentale » (1869). Gustave Flaubert stammte aus einer bourgeoisen Familie, er war der jüngere Sohn des Chefarztes des städtischen Krankenhauses von Rouen. Auch wenn er ein begabter Schüler war, verbrachte er seine Freizeit lieber mit Lesen statt mit Lernen. Die Kindheit war eher etwas düster, vor allem im Hinblick auf das triste Krankenhaus-Appartement seines Vaters. Ein gewisser Hang zum Romantischen und ein Schreibkurs in der Schule, obwohl der Unterricht ihn wenig beigeisterte, öffneten ihm eine neue Welt. Und so entstanden noch während seiner Gymnasialzeit zwei erste und einzige literarische Publikationen (« Bibliomanie » und « Une leçon d’histoire naturelle: genre Commis ») bevor zwanzig Jahre später « Madame Bovary » als sein Debütroman, der oft auch als Jahrhundertroman bezeichnet wird, erschienen war.

Im November 1836 schrieb Gustave Flaubert die Erzählung mit dem Titel « Bibliomanie » (« Bücherwahn »), welche drei Monate später im Februar 1837 im « Le Colibri » (einer « Zeitung für Literatur, Theater, Kunst und Mode ») in Rouen abgedruckt wurde. Diese erste Veröffentlichung des gerade mal 15-jährigen Gustave Flaubert dürfen wir nun in einer neuen Übersetzung dank Elisabeth Edl und ergänzt mit wundervollen Zeichnungen von Wolf Erlbruch entdecken.

Die Geschichte spielt in Spanien, genauer in Barcelona. Bei dem Hauptprotagonisten handelt es sich um den dreissigjährigen Buchhändler Giacomo. Er sah im ersten Moment eher wie ein Bettler aus, da er sehr « schäbig » gekleidet war und sein Gesicht immer irgendwie fahl und unansehlich wirkte. Er verbrachte die meisten Tage allein nur unter seinen Büchern und begab sich selten auf die Strasse. Doch er war zufrieden, ja er war glücklich wenn er durch seine Bibliothek streifte ; und er war jedesmal vollkommen elektrisiert, wenn er wieder ein Buch berührte. Er lebte inmitten dieser literarischen Wissenschaft, doch letztendlich war diese nicht das Wichtgste für ihn :

«Nein! nicht die Wissenschaft liebte er, sondern ihre Form und ihren Ausdruck. Er liebte ein Buch, weil es ein Buch war; er liebte seinen Geruch, seine Form, seinen Titel.»

Aber nicht nur das, er war auch beeindruckt von den unterschiedlichsten Handschriften. All diese Faszination für das Buch raubte ihm wahrlich den Schlaf, er träumte sogar schon von Büchern. Es ging sogar soweit, dass er sein Mönchsleben aufgegeben hatte, um all sein Vermögen in Bücher zu investieren. Doch damit nicht genug, er opferte für sie nicht nur sein ganzes Geld und seine Seele, sondern fast sein Leben…

Dieser Erzählung liegt ein historischer Kriminalfall zugrunde, bei dem man sich nicht sicher ist, ob der Bericht in einem bekannten Gerichtsblatt über einen mörderischen Bibliomanen damals nicht vielleicht doch nur ein Scherz gewesen war. Auf jeden Fall liess sich dadurch Gustave Flaubert trotzdem zu diesem kleinen magischen Werk anregen.

Gustave Flaubert zeigte bereits hier in seinem Jugendwerk, sein ausgeprägtes Interesse für das minituöse, ja wahrlich fast schon kriminalistisch scharfe Beobachten von Menschen. Man erkennt sofort die grandiose literarische Umsetzung in der Beschreibung der Charaktere und der gesellschaftlichen Interaktionen, die sowohl durch den Hauptdarsteller initiert werden, als auch unabhängig von ihm in seiner Umgebung stattfinden. In gerade mal knappen dreissig Seiten wird der Leser Zeuge, was der « Bücherwahn » sehr wohl für negative Konsequenzen haben kann und was so manchen Buchliebhaber nachdenklich stimmen dürfte.

Doch Gustave Flaubert hilft uns gerade mit dieser brillanten Erzählung und seinem – damals bereits deutlich erkennbar – einzigartigen Schreibstil, die Liebe zur Literatur und zu Büchern – auch auf die Gefahr hin der Bibliomanie zu verfallen – weder zu verlieren noch sie zu missbrauchen. Ganz im Gegenteil, durch diese unglaublich spannende und intensive Erzählung, bekommen wir erst so richtig gesunde und keinesfalls krankhafte Lust in die Bücher – und Bibliomanenwelt tiefer einzutauchen und verspüren gleichzeitig eine ungebremste Neugierde, endlich Flauberts Werk erneut oder vielleicht auch zum ersten Mal so richtig intensiv zu lesen…

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