Durchgeblättert – „Marcel Proust“ v. Patricia Mante-Proust u. Mireille Naturel

« Um Proust wirklich Tribut zu zollen, müssen wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten, nicht seine Welt mit unseren Augen. » So schreibt Alain de Botton in seinem Buch « Wie Proust ihr Leben verändern kann » und damit hat er in vieler Hinsicht Recht. Damit wir diese proustsche Welt vielleicht noch etwas besser verstehen und sie für uns Leser noch transparenter wird, erscheint nun ganz aktuell zu seinem 90. Todestag am 18. November 2012 ein nicht nur unglaublich repräsentativer und grossformatiger Bildband, sondern damit auch ein traumhaft schönes und sehr informatives Buch, das Marcel Proust und sein Werk « in Bildern & Dokumenten » auf 200 Seiten kompetent und kompakt erläutert.

Vor 90 Jahren ist Marcel Proust nun von uns gegangen, und ist durch sein Werk trotzdem immer bei uns geblieben. Dieser wichtige Jahrestag gibt natürlich Anlass zu erinnern, aber auch das erste Erscheinen der Fragmente  von « Du côté de chez Swann » (« Unterwegs zu Swann ») zwischen März 1912 und März 1913 im Le Figaro und die Buch-Veröffentlichung bei Grasset im November 1913 sind im nächsten Jahr ein weiteres grosses literarisches Ereignis, sich wieder einmal aufs Neue oder auch vielleicht zum ersten Mal diesem berühmten Schriftsteller zu widmen.

Dieser neue Bildband wurde von Patricia Mante-Proust, der Grossnichte von Marcel Proust herausgegeben und mit Texten von Mireille Naturel perfekt ergänzt. Patricia Mante-Proust kümmert sich seit Jahren um den Nachlass ihres Onkels und somit können wir als Leser zum ersten Mal viele bis jetzt noch unveröffentlichte Dokumente im Bezug auf die Geschichte seiner Familie und seines Werkes in gedruckter Form bewundern. Zahlreiche Photographien, besondere Schriftstücke aus der Familiensammlung, Briefwechsel und Auszüge seiner Manuskripte können hier studiert und bestaunt werden. Dieses Buch öffnet geheime Schubladen und unter anderem auch die Archive aus dem Hause der berühmten Tante Leonie (Illiers-Combray), die nun nicht nur für die Besucher vor Ort sondern für jeden Leser zugängig gemacht werden können.

Nach einem sehr persönlichen Vorwort von Patricia Mante-Proust und einer charmanten Einführung von Mireille Naturel, die sich übrigens 2007 mit einer Arbeit zu Proust habilitiert hat, inzwischen an der Universität Sorbonne unterrichtet und als Generalsekretärin der Société des Amis de Marcel Proust und Redakteurin des Bulletin Marcel Proust tätig ist, entdecken wir auf über 6 Kapiteln verteilt, das Leben und Werk Marcel Prousts.

Es beginnt eine proustsche Lebensreise, geboren am 10. Juli 1871 in Auteuil (inzwischen ein Pariser Viertel – 16. Arrondissement), die ersten wichtigen Gefühle zwischen Proust und seiner Mutter werden wach, die Kindheit oft verbringend bei seiner Tante in Illiers-Combray, leichte und schwere Asthmaanfälle, eine Jugend zwischen Paris und auf dem Land, die ersten Antworten auf den berühmten Fragebogen, Schulzeit (wunderbare Dokumente zum Zensurenspiegel), die Studien- und Militärzeit und die gute Luft und wunderbare Landschaft von Cabourg.

Es folgen wichtige künstlerische Momentaufnahmen bezüglich Leben und Werk, die Begegnung mit seinem Verleger Gallimard, Aufenthalte in der Normandie, die Fürsorge von Céleste Albaret, Erläuterungen über seine wichtigen Jugendwerke, wie « Les Plaisir et les Jours » (« Freuden und Tage »), der Eintritt in die Salons und das mondäne Leben und der zweite Proustfragebogen. Zum Ende hin lernen wir viel « über das Lesen », die Bedeutung von kulinarischen und malerischen Meisterwerken in seiner « Suche nach der verlorenen Zeit », über Düfte, Farben und den Symbolismus, begleiten Marcel Proust auf Reisen in die Bretagne, nach Venedig, Belgien und Holland, hören wundervolle Musik von Saint-Saëns und César Franck, geniessen am Schluss eine köstliche Madeleine und verstehen die Bedeutung des Weissdorn und warum Rosa, die Lieblingsfarbe von Marcel Proust war.

Dieses Buch, ist nicht nur ein im herstellerischen Sinne äusserst hochwertiger Bildband, der sich durch seine besonders beeindruckende Reproduktionqualität der zahlreichen Photographien und Dokumente auszeichnet, sondern es ist auch ein wahrlich elegant anmutendes, aufklärendes und anspruchsvoll konzipiertes Panoptikum eines der wichtigsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mireille Naturel verbindet mit ihren Texten auf grandiose Weise das Bildmaterial mit den Zitaten aus dem Werk von Marcel Proust, so dass ein sehr persönliches Lebenszeugnis entsteht, das bis jetzt in dieser Form noch nicht da gewesen ist. Somit werden nicht nur allein der Mensch und das Werk Marcel Proust gezeigt, sondern auch eine ganze Epoche dem Leser näher gebracht. Ab der ersten Seite taucht der Leser in eine neue, aber irgendwie auch zeitlose Welt ein, die vor allem durch den unvergleichen Schreibstil von Marcel Proust gekennzeichnet wurde.

Der Leser kann beim Betrachten der Photographien, Dokumentationen und gemalten Portäts, vor allem wenn man das berühmte Gemälde von Jacques-Émile Blanche vor Augen hat, das man heute im Musée d’Orsay jederzeit bewundern kann, die Verschmelzung zwischen Leben und Roman nachempfinden. Man lässt sich leserisch und betrachtender Weise treiben, blättert, liest, schwärmt und ist erstaunt über das Zusammenspiel von Erlebten, Erträumten und Geschriebenen. Dieses Buch hilft auf ganz wunderbare Weise den Menschen Marcel Proust vor allem auch in Bildern und nicht nur im Text kennenzulernen und sich dadurch ganz vorsichtig dem eigentlichen « Gesamtkunstwerk » nähern zu können. Denn letztendlich sind das Leben und das Werk von Marcel Proust in keinster Weise trennbar :

« Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. Dieses Leben bewohnt in gewisser Weise jeden Augenblick aller Menschen, nicht nur der Künstler. Aber sie sehen ihn nicht, weil sie sich nicht bemühen, ihn zu erhellen. » ( aus « Die wiedergefundene Zeit »)

« Marcel Proust » ist eine sehr beeindruckende und ambitionierte Bild-Biographie, die sich sowohl in der Opulenz des Bildmaterials, als auch durch die sehr profunde und gleichzeitig sensible Textgestaltung auszeichnet. Dank Patricia Mante-Proust dürfen wir nun ein Buch in den Händen halten, das sich natürlich für jeden Proust-Anfänger bestens eignet, aber gleichzeitig auch dem Kenner noch viele neue dokumentarische Aspekte zeigt, die bis jetzt im Familienbesitz waren oder hinter verschlossen Türen im französischen Nationalarchiv schlummerten.

Nehmen Sie sich Zeit, verehrter Leser, verbringen Sie mit « Marcel Proust » einen Nachmittag – die Tasse Tee trinkend in Begleitung von einer köstlichen Madeleine – und Sie werden erkennen, wie nahe Sie dem Menschen Proust, aber auch seinem Werk, durch diesen prachtvollen Bildband kommen. Ja und vielleicht verspüren Sie dann ganz plötzlich die Lust, inspiriert durch den ersten und allseits berühmten Satz « Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. », Marcel Proust in seine ganz besondere, unverwechselbare und einmalige literarische Welt zu folgen…

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