Durchgelesen – „Ein besonderer Junge“ v. Philippe Grimbert

Das Adjektiv « besondere » kann viele Bedeutungen haben, sowohl negative, als auch positive. Was heisst es nun wirklich ein « besonderer Junge » zu sein : abgesondert, eigen, oder doch eher aussergewöhnlich, bemerkenswert oder vielleicht sogar auch herausragend, überragend, ja quasi exzellent. All diese Synomyme lassen sich für das Wort « besondere » einsetzen, doch letztendlich bleibt es mehr oder minder fast schon eine persönliche Interpretationsfrage, bei welcher uns jedoch Philippe Grimbert auf erzählerischer Weise meisterhaft Hilfestellung leisten kann.

Philippe Grimbert (geboren 1948 in Paris) kennt sich aus mit dem « Besonderen » beim Menschen, vorallem bei Kindern und Jugendlichen. Er arbeitet seit Jahren als Psychoanalytiker mit Schwerpunkt in der Jugendpsychiatrie. Nach einer mehr als zehnjährige Anlayse mit einem Lacan-Anhänger eröffnete er seine eigene Praxis. Er ist an zwei verschiedenen medizinisch-pädagogischen Einrichtungen tätig und beschäftigt sich bespielsweise auch verstärkt mit dem Autismus bei Jugendlichen. Neben seinen zwei psychoanalytischen Essais schrieb er vier Romane, unter anderem « Das Geheimnis ». Ein Buch, das mit vielen Auszeichnungen wie zum Beispiel dem Prix Goncourt des Lycéens 2004 geehrt und sehr erfolgreich 2007 verfilmt wurde. Aktuell dürfen wir dank der ausgezeichneten Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller seinen Roman « Ein besonderer Junge » in deutscher Sprache entdecken, der unter dem Titel « Un garçon singulier » bereits 2011 in Frankreich erschienen war.

Der Roman spielt in den Siebziger Jahren, beginnt in Paris und entwickelt sich dann hauptsächlich weiter in einem kleinen Badeort in der Normandie.

Es gibt drei Hauptprotagonisten! Louis, ein junger Student, der sich in Paris mehr als recht durch sein Studium kämpft, ja fast schon quält. Er wechselt von den Geisteswissenschaften zu Jura, doch am Liebsten würde er sein Studium hinschmeissen, aber sein Vater hat ihm auch noch gedroht, den Geldhahn abzudrehen. Somit bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als eine Stelle zu finden, um Geld zu verdienen. Und glücklicherweise entdeckt er ein Inserat: es wird ein junger motivierter Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen gesucht. Louis fühlt sich sehr angesprochen hinsichtlich dieser Annonce :

« Zwei Worte an dieser von Hand geschriebenen Anzeige zogen mich an.
Wenn sie mich nicht gerade den grossen Schweiger nannten, sagten meine Eltern wie der Verfasser der Anzeige, ich sei ein besonderer Junge. Meine Neigung zum Alleinsein beunruhigte sie stets : Als Kind spielte ich nie mit anderen, und als Jugendlicher zog ich die Gesellschaft meiner Lieblingsautoren allen Bekanntschaften vor. »

Aber es war nicht nur das Wort « besondere », was ihn so anzog, es war auch der Ort Horville, der in der Anzeige genannt wurde, wo die Betreuung stattfinden sollte. Dieser Ort war für Louis ein Ort aus der Kindheit. Er verband damit einen bestimmten Geruch und viele Erinnerungen an eine Zeit, die er dort mit seinen Eltern verbracht hatte.

Louis trifft sich mit dem Vater des besonderen Jugendlichen aus der Anzeige, der nur eine kleine Nebenrolle in diesem Roman einnimmt. Sie werden sich schnell einig und Louis hat den Job, wird bei dessen Frau – Helena -, angekündigt und fährt kurz darauf mit seiner alten « Ente » (2CV) nach Horville.

Neben Louis sind die zwei anderen Hauptprotagonisten in diesem Buch nun Helena und der besondere Junge mit dem Namen Iannis. Nach einer kleinen Irrfahrt und im Dunkeln spät abends findet Louis nun endlich die Villa. Er wird sehr herzlich von Helena empfangen, kann sein Zimmer gleich beziehen und darf anschliessend mit Helena ein Glas zur Begrüssung trinken. Sie fällt gleich mit der Tür ins Haus, vermittelt Louis, wie froh sie sei, dass er endlich da wäre, damit sie sich nun nur noch ihrem Projekt – wie sie es immer diplomatisch nannte – widmen könne. Helena klärt Louis über ihren Sohn Iannis auf :

« „Unser Sohn ist ganz und gar unfähig zu den menschlichen Beziehungen, die sein Vater zum Beruf hat, und er kann weder lesen noch schreiben, obwohl seine Mutter Schriftstellerin ist ! Mehr noch, Iannis spricht nicht. Doch er hat zahlreiche Mittel, um sich verständlich zu machen… Nicht immer angemessene Mittel, wie man einräumen muss, vor allen Dingen nicht bei einem sechzehnjährigen Jungen !“ »

Die erste Nacht konnte Louis nicht gut schlafen. Bevor er zu Bett ging, warf er noch einen Blick ins Nebenzimmer, dem Zimmer wo Iannis bereits schlummerte. Er lag in einer Art Embryo-Stellung und wirkte hilflos, ja ängstlich. Am nächsten Tag begegnete Louis nun seinem « Schützling » zum ersten Mal. Er sah ihn wippend auf dem Bett, gleichzeitig schlug er sich selbst. Louis wollte ihn trösten und versuchte, ihn sanft zu berühren, was er beim zweiten Anlauf überraschender Weise angenommen hatte. Dies war nun der Beginn von Louis neuer Tätigkeit. Er musste sich um das Wohl von Iannis kümmern, aber auch gleichzeitig für die daraus entstehende Ruhe für Helena sorgen, damit sie sich ganz auf ihr Schreiben konzentrieren konnte. Louis war eine Art männliches Au-Pair-Mädchen, hatte Kost und Logis frei und verdiente für seine « Pflegearbeit » noch etwas Geld dazu.

Doch nicht nur Iannis war ein besonderer Junge, auch Helena war eine besondere Mutter. Sie fühlte sich in der Gesellschaft von Louis sehr wohl, und wollte dies in verschiedenen Aspekten gerne ausweiten. Doch Louis war nicht nur überrascht, sondern sehr irritiert, vor allem weil er nicht im Geringsten Lust auf eine Affaire bzw. ein Abenteuer hatte. Und er hatte Skrupel gegenüber Iannis, der trotz seiner « Verschlossenheit » jede Art von emotionaler Schwingung sofort spüren würde. Doch Helena konnte die abweisende Reaktion von Louis nicht verstehen :

« Ihr Gesicht erstarrte, ein Schatten huschte durch ihren Blick. Ich glaubte zu sehen, dass ihre Augen feucht wurden, doch sie fasste sich und brach in Gelächter aus.
„Ein Junge aus dem letzten Jahrhundert ! Und ausgerechnet auf ihn muss ich treffen !“
….
Ich hatte ihr nichts entgegenzusetzen, sie reagierte auf diese Kränkung auf dieselbe Weise wie auf das rätselhafte Verhalten von Iannis : mit Ironie und Grobheit. »

Wie wird sich Louis weiterhin verhalten? Kann er sich nach wie vor der Mutter von Iannis entziehen, kann er mit seinen psychologischen Fähigkeiten auch ihre « erotischen » Probleme lösen, ohne dazu die eigentliche Aufgabe zu vernachlässigen und ohne sein bereits gewonnes Vertrauen gegenüber Iannis zu gefährden?

« Ein besonderer Junge » ist ein wundervolles, sehr intimes, intensives und äusserst psychologisch anmutendes Werk. Philippe Grimbert versucht dem Leser die « Besonderheiten » des Menschen, hier in diesem Fall nicht nur eines Jungen, sondern auch dessen Mutter und eines jungen Studenten literarisch zu verdeutlichen. Man kann die bereits eingangs gestellte Frage bezüglich der Interpretation des Wortes « besondere » nach dieser berührenden Lektüre ganz privat für sich selbst beanworten. Hier wird das « Besondere » nicht nur zu einem « Problem », es verwandelt sich in etwas Aussergewöhnliches und Einmaliges, wie bereits der französische Titel « Un garçon singulier » noch vielmehr herausstellt. Denn « singulier » würde man zum einen als « sonderbar » und « eigenartig » und zum anderen aber auch als « erstaunlich » übersetzen. Also auch hier findet sich diese ausserordentliche, zwar gegensätzliche – positiv wie negativ –, aber trotzdem ergänzende und vor allem versöhnliche Bedeutung.

Philippe Grimbert zaubert mit seiner psychoanalytischen Erfahrung, gibt seiner Sprache eine sehr subtile, aber zarte Tiefe und initiert bei dem Leser ein ganz neues Gespür für sehr starke Gefühle, die sich fast wie in einem Thriller Schritt für Schritt steigern. « Ein besonderer Junge » ist ein grandioses Buch, das von beeindruckenden Chrakteren geprägt wird, in einer traumhaft schönen Landschaftkulisse spielt und als Krönung noch dazu beiträgt, den Herbst mit letzten Sommergefühlen poetisch zu erfüllen.

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