Durchgelesen – „Sommertöchter“ v. Lisa-Maria Seydlitz

Erinnerungen an eine im ersten Augenblick harmonisch wirkende Kindheit, obwohl bereits Einsamkeit und Verlust eine tragende Rolle spielen, und ein unerwarteter Familienzuwachs sind die Hauptelemente in diesem grandiosen Erstlingsroman.

Lisa-Maria Seydlitz wurde 1985 in Mannheim geboren. Sie studierte an der Universität Hildesheim und an der Université de Provence Aix-Marseille. 2008 war sie Stipendiatin bei dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Jetzt ist ihr erster Roman mit dem Titel « Sommertöchter » erschienen, der uns von einer bis jetzt noch weitgehend unbekannten und jungen, aber literarisch bereits sehr reifen Schriftstellerin präsentiert wird.

Der Roman spielt in Deutschland und Frankreich. Die Geschichte hat zwei ineinander verschlungene Erzählstränge, die zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit bzw. der Erinnerung « pendeln ». Die Vergangenheit hat ihren « Raum » in einem schönen Haus mit einem grossen Garten in einer nicht genannten deutschen Stadt. Die Gegenwart spielt kurz in einer kleinen Wohnung in der gleichen ungenannten Stadt aus der Erinnerung und sie führt in einen kleinen Ort namens Coulard in Frankreich, genauer in der Bretagne.

Die Hauptperson ist Juno, eine junge Frau, die acht Jahre nach dem Tod ihres Vaters einen Brief aus Frankreich erhält, in dem ihr mitgeteilt wird, dass sie ein kleines Fischerhaus in der Bretagne geerbt hat. Der Brief ganz ohne Absender, dafür mit einem kleinen Polaroidfoto und darauf die Adresse für das abgebildete Häuschen, macht neugierig:

« Ob ich das Haus verkaufen wolle oder renovieren und an Touristen vermieten, lese ich, die Schrift sieht unsicher aus, als wüssten die Buchstaben und Wörter nicht, ob sie wirklich zusammengehören. »

Juno ist doch irgendwie irritiert, sie kennt weder den Ort, noch weiss sie, warum sie ein Haus erben sollte. Sie recherchiert, findet im Internet das Dorf in der Bretagne. Sie schläft schlecht, überlegt, erkundigt sich bei ihrer Mutter, ob sie Verwandte in Frankreich hätte und ob ihr Vater dieses Haus eventuell kannte. Doch die Mutter verneint alle Fragen. Juno spürt, dass ihre Mutter keinesfalls die ganze Wahrheit erzählt und entschliesst sich, nach Coulard zu fahren.

Nach einer langen Reise erreicht Juno diesen besagten Ort. Der Hunger führt sie in eine kleine Bar, die « Bar du Matin ». Ausser der jungen Kellnerin und ihr ist niemand in dem Mini-Restaurant. Sie bestellt « Moules frites » und versucht, die Kellnerin nach dem Haus zu fragen. Allerdings erhält sie keine Antwort, aber Juno findet trotzdem ihr Erbstück :

« Ich gleiche das Haus, vor dem ich stehe, mit dem Polaroid aus dem Briefumschlag ab. Ein kleiner Schornstein, ein rotes Dach, ein Apfelbaum. Seegrüne Fensterläden, die auf dem Polaroid noch braun sind. Und neben der Tür wachsen links und rechts Lavendelsträucher, wie frisch gepflanzt, auch sie fehlen auf dem Polaroid. Der Geruch nach Terpentin, zwei Metalleimer unter dem Fenster, an den Borsten des Pinsels eingetrocknetes Seegrün. »

Sie blickt in die Fenster, sperrt mit dem Schlüssel, den sie übrigens kurz vor ihrer Abreise noch von ihrer Mutter bekam, die Tür auf und hört unerwartet Stimmen und Musik. Nicht nur die Tatsache, dass hier bereits jemand Unterschlupf gefunden hat, überrascht sie sehr, sondern auch die Erkenntnis, dass sie schon einmal mit ihren Eltern hier gewesen sein muss. Dieses Haus war eine Überraschung, ja ein Geschenk ihres Vaters an ihre Mutter und sie. Juno erinnert sich an diesen einen Urlaub, aber sie erinnert sich auch an ihre Kindheit, die geprägt und beeinflusst war durch die Krankheit ihres Vaters. Er litt an schweren Depressionen und hatte sich vor acht Jahren das Leben genommen.

Die Reise in die Bretagne, an einen Ort, der ihrem Vater soviel bedeutete, ist nicht nur eine klassische Urlaubsreise nach Frankreich, es ist Juno’s Reise in die Vergangenheit und Erinnerung. Es ist eine « Fahrt » ins Ungewisse und ins teilweise Unbekannte, bei der sie nicht nur eine junge Französin namens Julie trifft, welche sich bereits sehr heimisch in ihrem Fischerhaus eingerichtet hat und sich überraschenderweise als die Kellnerin der « Bar Matin » entpuppt. Wer ist diese Julie eigentlich, und was ist der Grund, dass ihr Vater so viele Geschäftsreisen nach Frankreich unternommen und sich hier dieses kleine Häuschen gekauft hat? Juno findet die Antworten, doch sie muss sich gleichzeitig ihrer teils schönen, aber auch sehr schmerzhaften Erinnerungen stellen…

« Sommertöchter » ist ein wundervolles Buch, auch wenn es von einer durchaus starken, aber auch irgendwie optimistisch anmutenden Traurigkeit begleitet wird. Der Titel verspricht eine gewisse Sommerleichtigkeit und Frische. Man stellt sich junge Frauen in langen Gewändern vor, die in der strahlenden Sonne am Strand spazieren und sich befreit fühlen. Juno wird dieses Gefühl der Befreiung vielleicht an diesem magischen Ort Coulard erleben können. Diese sehr langsam sich entwickelnde ganz subtile Unbeschwertheit in diesem Roman verspürt auch der Leser, wenn er Juno mit in die Bretagne folgt, obwohl er gleichzeitig auch in ihre Kindheitserinnerungen mitgenommen wird, welche so manche Freude und Hoffnung oft sehr schnell wieder entschwinden lassen.

Lisa-Maria Seydlitz gelingt es auf literarisch sehr hohem Niveau, den Leser durch ihre emotional transparente und leuchtend musikalische Sprache in die Gefühls- und Erinnerungswelten dieser jungen Frau eintreten zu lassen. Dieser Roman ist keine leichte Kost, kein flacher Familienroman, wie wir ihn zu genüge oft finden können. Es ist ein sehr berührendes, faszinierend komponiertes Erinnerungswerk, das den Leser erlaubt, ein gewisses angenehm trauriges Sommergefühl durchleben zu dürfen und es ist ein Buch, das die Kraft besitzt, uns auf sehr einfühlsam poetische Weise auch gleichzeitig zu trösten.

Honoré de Balzac hat einmal gesagt : « Die Erinnerungen verschönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich. » Vielleicht wäre dies das passende Bonmot zu diesem besonderen Erstlingsroman. Juno darf und kann viele emotionale « Andenken » bewahren und damit auch die Gegenwart und die Vergangenheit verschönern, doch bei einigen wehmütigen Kindheitserinnerungen würde sie sich möglicherweise auch für das Vergessen entscheiden, um ihr « neues » Leben so richtig fühlen zu können und zu dürfen.

Sie, verehrter Leser, sollten unbedingt diesen melancholisch schönen und philosophisch intensiven Roman von Lisa-Maria Seydlitz geniessen, die Seeluft der Bretagne lesenderweise « einatmen » und den Sommer einmal mit ganz anderen Augen betrachten…

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