Durchgelesen – „Vatertag“ v. Günter Grass

Der Vatertag fällt immer auf einen richtigen Feiertag, dem sogenannten « Himmelfahrtstag », wobei der Vatertag ja auch ein Tag zum Feiern ist, jedoch nicht nur für echte Väter, sondern für Männer ganz allgemein. Es ist der Tag, an dem sich das männliche Geschlecht hemmungslos austoben kann. Der Bollerwagen wird entstaubt und das Bier kaltgestellt, um das Leben zu geniessen ohne das weibliche Geschlecht. Denn bei diesen « Feierlichkeiten » haben Frauen nun gar nichts verloren. Doch nicht alle Frauen halten sich daran, vor allem wenn sie glauben, sie sind wesentlich männlicher als jeder Mann, wie die vier ungewöhnlichen Freundinnen, die dem neugierigen Leser nun in einer traumhaftschönen und bibliophilen « Extra-Ausgabe » der Geschichte  « Vatertag »  von Günter Grass vorgestellt werden.

Günter Grass (geboren am 16. Oktober 1927 in Danzig) ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Bildhauer und Maler. Er war Mitglied in der Gruppe 47 und gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart. Er wurde mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen geehrt und erhält 1999 den Nobelpreis für Literatur. Zu seinen wichtigsten Werken zählt die « Danziger Trilogie » (« Die Blechtrommel » 1959, « Katz und Maus » 1961 und « Hundejahre » 1963). Neben den Romanen « Die Rättin », « Ein weites Feld » und « Mein Jahrhundert » entstehen nicht nur Lyrikbände, Theaterstücke, Reden, Aufsätze und Essays, sondern auch eine Fülle von bildhauerischen, lithograhischen und malerischen Kunstwerken, welche die Vielseitigkeit seiner künstlerischen Kreativität erst verdeutlichen.

Eigentlich handelt es sich bei « Vatertag » um ein Kapitel (« Im Achten Monat ») aus dem Roman « Der Butt », der 1977 veröffentlicht wurde. Doch dieses Kapitel ist wie eine separate Geschichte, die der Erzähler im « Butt » aus einer sehr distanziert beobachtenden Position heraus schildert und somit wunderbar auch separat als eine Art eigenständiges Prosastück gelesen werden kann.

« Der Vatertag » spielt am Himmelfahrtstag im schönen Berliner Grunewald. Vier Freundinnen – Billy, Fränki, Siggi und Mäxchen – wollen unbedingt und vor allem auf ganz besondere Weise diesen Vatertag feiern, denn sie « hielten sich alle für anders geartet ». Sie hatten festgestellt, dass Männer immer nur das Eine wollen und davon hatten sie die Nase voll. Ab sofort tranken sie nur noch Bier aus der Flasche, Schnäppse in Unmengen und kleideten sich wie es sich für einen echten Mann gehört. Die Eine mit Zylinder, die Anderen mit Melone, Filz oder Schlägermütze, denn die Kopfbedeckung war ein wichtiges männliches Accessoire. Spätestens als sie sich zwischen den Männermassen am Grunewaldsee wiederfinden, war die Bedeutung der Kopfbedeckung eindeutig zu erkennen. Die vier Damen in Hosen zeigen sich von ihrer männlichsten Seite, sogar beim Pinkeln finden sie Lösungen, die selbst in ihren eigenen Reihen für Erstaunen sorgen :

« Nicht etwa in üblicher Strullhocke gab es seinem Bierblasendruck nach, sondern bereitbeinig stehend als klassischer Mann begann das Mäxchen, an einem hellgeflammten Kiefernstamm sein Wasser abzuschlagen, indem es seine Jeans den Schlitz zum Hosenstall öffnete und einen rosafarbenen Pimmel mit Griff wie gelernt in zielgerechte Lage brachte. …. Das brachte Spass und Staunen. Fränki wollte das Wunderdings auch haben, anfassen, sich mit Saugverschluss draufstülpen, den dollen Hecht mal ausprobieren. « Mann ! Wo haste den her ? Was ? Aus Dänemark ? Für neunzehn achtizg nur ? Muss ich haben, unbedingt haben. » »

Die Vier lassen es richtig krachen, so dass die eigentlich braven Muttersöhnchen, die an so einem Festtag endlich einmal aus sich herausgehen und es gar nicht glauben können, wie männlich ein « Mann » sein kann. Die Männer beobachten dieses Vierergespann, wundern sich über akrobatische Einlagen wie eine Freundschaftspyramide und fordern mehr ! Die Stimmung bzw. das Blatt wendet sich und Fränki, Billy, Siggi und Mäxchen provozieren ihre « Bewunderer » und machen sie nieder, was das Zeug hält. Doch bald rächt sich diese Attacke und der Vatertag endet für die vier Lesben mit absolut unvorhersehbaren und dramatischen Folgen…

« Vatertag » ist eine schräg realistische Geschichte, die nicht nur als eine Provokation verstanden werden könnte, sondern sich vor allem mit dem Thema Männlichkeit und Andersartigkeit auf äusserst raffinierte und kurios tragische Weise beschäftigt. Günter Grass brilliert mit seiner geradlinig kunstvollen Sprache und seiner Fabulierlust, die jeden Grass-Kenner immer wieder begeistert und von neuem nachhaltig fasziniert. Besonders gelungen ist in diesem kleinen edlen Leinen-Bändchen die Kombination von Prosatext und hochkarätigen Kunst-Abbildungen, welche aus dem Lithographien-Zyklus « Vatertag » (1981-1982) entnommen wurden. Hier treffen Sprach- und Bildkunst aufeinander, was nicht nur Grass-Verehrer, sondern auch Leser schön gestalteter Bücher erfreuen dürfte.

« Vatertag » ist sicherlich ein wunderbares Geschenk für jeden literarisch interessierten Mann – Vater oder auch nicht – zum besagten Feier- bzw. Festtag ! Dieses grandiose kleine Werk empfehlt sich – davon unabhängig –  grundsätzlich als besonders wertvolle und bereichernde Lektüre für jeden anspruchsvollen Buch- und Kunstliebhaber, der sich nicht nur an die Grass’sche Prosa zum ersten Mal heranwagen, sondern diese auch gerne wieder einmal lesenderweise « auffrischen » möchte.

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