Durchgelesen – „Das Rote Zimmer“ v. August Strindberg

Für Franz Kafka war er « der ungeheure Strindberg ». Für den Literaturliebhaber war bzw. ist August Strindberg nicht nur der bekannteste schwedische Schriftsteller, sondern auch ein grandioser Dramatiker und vor allem ein konsequenter Satiriker.

August Strindberg wurde am 22. Januar 1849 in Stockholm geboren und starb auch in dieser Stadt am 14. Mai 1912, also genau vor 100 Jahren ! Dieses « Jubiläum » könnte bzw. sollte ein idealer Anlass sein, einen der wichtigsten schwedischen Schriftsteller neu bzw. wieder zu entdecken.

August Strindberg wuchs mit seinen sieben Geschwistern in einer mittelständischen Familie auf. Sein Vater war Dampfschiffkommissionär und seine Mutter die ehemalige und vierzehn Jahre jüngere Hausangestellte. Durch den Beruf des Vaters musste er innerhalb der ersten 20 Jahre mehr als zehnmal umziehen. Obwohl die Familie sehr viel Wert auf Kunst und Bildung legte und Hausmusikabende zum allgemeinen Familienleben gehörten, spielte August Strindberg als einziger der Kinder kein Instrument. Er interessierte sich eher für die Naturwissenschaften. Auf dem privaten Gymnasium, das er in Stockholm besuchte, begeisterte er sich vor allem für die Fächer Naturkunde und Französisch. 1867 legte A. Strindberg sein Abitur ab und begann sein Studium « Ästhetik und lebende Sprachen » in Uppsala. Dazwischen kam noch ein kurzer Nebenschauplatz wie das Medizinstudium und der Versuch, Schauspieler zu werden, hinzu. Doch letztendlich wollte er sich für sein erstes Studium entscheiden, musste dieses jedoch nach zwei Jahren aus finanziellen Gründen wieder aufgeben. Während dieser Studienzeit begann er zum ersten Mal mit dem Schreiben. Er bekam für ein Jahr eine Stelle als Redakteur bei einer schwedischen Zeitung in Stockholm. Danach wurde er Sekretär bei der Königlichen Bibliothek. Im Jahre 1879 gelang ihm dann der literarische Durchbruch mit seinem satirischen Gesellschaftsroman « Das Rote Zimmer ».

Unabhängig von seinem sehr bewegten Privatleben (drei Ehen) und seinem beruflichen Erfolg, war er eine sehr gespaltene und suchende Persönlichkeit. Er wurde oft von Wahnvorstellungen, Realitätsverlust und Depressionen geplagt. Doch genau diese psychischen Probleme bzw. Veranlagungen werden oft als die Basis in seinem teilweise sehr biographischen Werk betrachtet. August Strindberg gehört nicht nur zu den berühmtesten schwedischen Autoren, sondern auch zu den produktivsten. Er verfasste insgesamt mehr als 60 Dramen, zehn Romane, zehn Novellensammlungen und hinterließ ungefähr 8000 Briefe.

« Das Rote Zimmer » spielt in Stockholm ungefähr um 1870. Der Hauptprotagonist ist der äusserst gutgläubige und junge Mann Arvid Falk. Auf der Suche nach Freiheit und Wahrheit entscheidet sich Falk dafür, seine Beamtenlaufbahn aufzugeben und « Literat » zu werden. Doch sein schwierigster « Gegner » im Bezug auf seine berufliche Neuausrichtung ist sein älterer und sehr dominierender Bruder Carl Nikolaus Falk, der als Kaufmann grosse Erfolge hat und sein Leben nach einer absolut konservativen Gesellschaftsordnung orientiert, welche er auch sehr klar seiner Frau zu vermitteln versucht :

« Es ist gut, mein Schatz, dass du schlechte Gesellschaft meidest. Nichts ist für den Menschen so gefährlich wie schlechte Gesellschaft. Das sagte weiland schon mein Vater und heute ist dies eines meiner striktesten Prinzipien. »

Arvid wird um das Erbe seines Vaters durch seinen älteren Bruder betrogen, deshalb muss er sich dringend eine bezahlte und vielleicht sogar weniger literarische Aufgabe suchen. Es gestaltet sich als sehr schwierig für Falk, seinen Lebensunterhalt schreibender Weise zu verdienen. Glücklicherweise trifft er auf den Verleger Smith, der ihm auch gleich einen Auftrag erteilt. Falk darf für ihn eine Art Werbeprospekt erstellen, das zur Förderung des Absatzes von Überseetransportversicherungen eingesetzt werden soll. Doch seine ideologischen Grundsätze verbieten ihm diesen Job und somit gibt er diesen Auftrag an den Philosophen Ygberg weiter, der sich dadurch vom Hungertod retten kann.

Doch nicht nur den Philosophen Ygberg, sondern auch einen Landschaftsmaler, der nach erfolglosen Jahren endlich die künstlerische Anerkennung erfährt, die er auch verdient hat, lernt Falk kennen. Er trifft dazu noch einen Bildhauer, der sich von seiner Handwerkskunst abwendet und nur noch auf die Philosophie stürzt, welche ihn jedoch in den Selbstmord führt. Und dann gibt es noch einen Journalisten namens Struve, der für Falk zu einem wirklichen Freund wird und den Arzt Doktor Borg, der sich um Falk’s angeschlagene Psyche kümmert. Man trifft sich regelmässig in einem sogennanten Künstlerkreis im « Roten Zimmer » eines richtigen Bohémien-Gasthauses, diskutiert über die Gesellschaft und das Leben und beobachtet dabei die noch ärmeren Künstler. Doch kann Arvid Falk langfristig dieses Künstler- bzw. Literatenleben durchhalten…?

« Das Rote Zimmer » ist nicht einfach nur ein klassischer Gesellschaftsroman, nein es ist eine durch und durch genial konstruierte Gesellschaftssatire. Auch wenn die eigentliche Handlung sich nicht immer ganz klar wie ein roter Faden durchzieht, lernen wir in 29 Kapiteln das künstlerische, soziale und ökonomische Leben in Stockholm kennen, allerdings auf eine äusserst bösartige und desillusionierte Weise, die so manche Hoffnungslosigkeit nachsichzieht. Arvid Falk, der unverbesserliche Idealist, erfährt und erlebt wie intrigant eine Gesellschaft doch wirklich sein kann. Strindberg zeigt dies in vielen Szenen, in denen er uns mit selbstgefälligen Geschäftsmännern, verschämten Damen in sogenannten Wohltätigkeitsvereinen, Journalisten ohne jeglichem Gewissen und vor allem korrupten Beamten und Politikern konfrontiert.

Mit einer grossen Portion bitterbösen Zynismus, aber auch einem gewissen Realitätssinn lässt Strindberg Arvid Falk seinem Freund Struve eine Begebenheit erzählen, die sich im « Kollegium zur Auszahlung von Beamtengehältern », einem ganz besonders durchorganisierten Amt, das in Punkto Kundenfreundlichkeit wahre « Wunder » vollbrachte, ereignete :

« Ich fragte, ob einer der Herren Zeit habe, mir die Räumlichkeiten hier zu zeigen. Sie erklärten sich für unabkömmlich : hätten Order, das Amtsdienerzimmer nicht zu verlassen. Ich fragte, ob es nicht mehrere Amtsdiener gäbe. Doch, es gebe schon mehrere. Aber – der Oberamtsdiener habe Ferien, der erste Amtsdiener habe dienstfrei, der zweite Amtsdiener sei beurlaubt, der dritte sei auf der Post, der vierte sei krank, der fünfte hole Trinkwasser, der sechste sei auf dem Hof, ‹ und da hockt er den ganzen Tag › ; ausserdem ‹ kommt kein Beamter vor ein Uhr ›. Mit diesem Wink gab man mir das unpassend Frühzeitige meines lästigen Besuchs zu verstehen und erinnerte daran, dass Amtsdiener auch Beamte waren. »

Es gibt noch viele ähnliche Begegnungen, die nicht nur zum Amusement beitragen, sondern auch zum Nachdenken einladen. Ganz besonders beeindruckend ist in diesen Szenen Strindbergs faszinierende Dialogkunst. Durch seine – vom Naturalismus beeinflusst – sehr klare und direkte Sprache kann Strindberg die einzelnen Charaktere der durch unübertreffliche Verlogenheit gekennzeichneten Gesellschaft meisterhaft einfangen und zu echtem Leben erwecken. Mit seiner klug eingesetzten Absicht, viele Beobachtungen bis zum Surrealen hin zu überzeichnen, wird aus diesem eindrucksvollen Gesellschaftsroman dann endgültig ein wahres literarisches Kunstwerk, das auch nach über 130 Jahren keineswegs an Aktualität verloren hat !

Und gerade deshalb ist es fast schon eine Leserpflicht – mehr jedoch ein Lesegenuss -,  in diesen gesellschaftskritischen, teilweise sehr parodistischen und auf jeden Fall stilistisch äusserst brillanten Roman jetzt – dank einer Neuübersetzung von Renate Bleibtreu – einzutauchen!

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