Durchgelesen – „Sire, ich eile: Voltaire bei Friedrich II.“ v. Hans Joachim Schädlich

Spätestens seit dem 300. Geburtstag am 24. Januar 2012 ist der Preußenkönig Friedrich II. wieder in aller Munde. Und genau dieses Jubiläum könnte Hans Joachim Schädlich als Anlass genommen haben, auf die ganz besonders ungewöhnliche « Beziehung » zwischen Friedrich II. und Voltaire aufmerksam zu machen. Erwarten Sie jetzt kein neues Sachbuch über den Preußenkönig. Ganz im Gegenteil, Sie werden von Hans Joachim Schädlich mit einer äusserst kurzweiligen und espritvollen Novelle über die « Freundschaft » Friedrichs II. zu Voltaire, wie sie es in dieser literarischen Form sicherlich noch nicht gegeben hat, überrascht.

Hans Joachim Schädlich (geboren 1935 in Reichenbach im Vogtland) studierte Germanistik und Linguistik an der Humboldt-Universität Berlin und an der Universität Leipzig. Nach seiner Promotion arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin, bevor er 1977 aufgrund eines Ausreiseantrags in die Bundesrepublik übersiedeln konnte. Er wurde für seine Werke mit einer Fülle von Auszeichnungen geehrt, unter anderem 1992 den Heinrich-Böll-Preis, 1996 den Kleist-Preis, 1998 den Schiller-Gedächtnispreis und 2007 den Literaturpreis der Stadt Bremen. Heute lebt und arbeitet Hans Joachim Schädlich in Berlin. Ganz aktuell ist nun sein neuestes Werk « Sire, ich eile » erschienen, welches den Leser durch seine sprachliche Brillanz begeistern und neugierig machen wird.

« Sire, ich eile », erzählt die schwierige und irgendwie auch merkwürdige Konstellation zwischen Friedrich II. und Voltaire. Friedrich II. ist durch sein Geburtstags-Jubiläum wieder mehr ins Gedächtnis gerückt, wir wissen um seine Taten, « Erfolge » und Probleme, kennen sein Faible für die Philosophie und die Leidenschaft zur Musik, insbesondere zur Flötenmusik. Doch wer ist eigentlich Voltaire und warum wird er so stark von Friedrich II. umworben ?

Voltaire (1694 – 1778), heisst eigentlich François-Marie Arouet, gehörte zu den meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In erster Linie schrieb er als Lyriker, Dramatiker und Epiker für die intellektuelle Oberschicht Frankreichs. Und nicht nur für diese, auch die Adelschicht in ganz Europa, welche aufgrund ihrer Erziehung die französische Sprache lernte, war begeistert von seinen philosophischen Werken. Er beherrschte selbst mehrere Sprachen wie Englisch und Italienisch, reiste viel und lebte in Ländern wie Niederlande, Deutschland, England und der Schweiz. Er äusserte sich kritisch über den Absolutismus, die feudalistischen Zustände und die Monopolherrschaft der katholischen Kirche, deshalb wird er auch als Wegbereiter der Französischen Revolution bezeichnet. Zu seinen wichtigsten, bekanntesten und beliebtesten Werken – vor allem auch in deutscher Übersetzung – zählt « Candide oder der Optimismus », welches 1759 erstmals veröffentlicht wurde.

Hans Joachim Schädlich’s Novelle beginnt im Jahre 1732. Voltaire’s Theaterstück « Zaire » feiert grosse Erfolge in der Comédie Française (Paris). Er lernt durch den Comte de Forcalquier und zwei anderen Bekannten seine zukünftige Geliebte kennen. Es ist die Marquise du Châtelet, mit dem zarten Vornamen Émilie :

« Die vier fuhren nach Charonne und kehrten in einem Landgasthof ein. Auch im Gasthaus sass Voltaire neben Madame Châtelet. Seit diesem Abend konnten die beiden nicht mehr voneinander lassen.
Es war Liebe.
François und Émilie. »

Ein Jahr später finden François und Émilie endgültig zusammen und sie wird die Geliebte und Gefährtin von Voltaire, obwohl sie bereits seit 1725 mit dem Marquis du Châtelet-Lomont verheiratet und auch Mutter von einer Tochter ist. Davor war sie übrigens auch noch die Geliebte vom Herzog von Richelieu (ein Großneffe des Kardinals Richelieu). Émilie ist eine durchsetzungsstarke und sehr intelligente Frau. Sehr belesen und von philosophischen und metaphysischen Werken angezogen, beschäftigt sie sich intensiv mit Mathematik und Physik. Um einem Haftbefehl zu entgehen, verlässt Voltaire Paris und reist 1734 nach Cirey-sur-Blaise. Er zieht in das Schloss, das schon immer seiner Familie gehörte. Émilie kommt nach, hilft ihm beim Einrichten und Dekorieren. Widmet sich aber bald wieder ihren physikalischen Experimenten im eigenen Labor. Voltaire und Émilie arbeiten gemeinsam an verschiedenen naturwissenschaftlichen Werken.

Friedrich, noch Kronprinz, versucht sich mit philosophischen Werken abzulenken und mit dem Gedanken anzufreunden, dass er bald preußischer König wird. Er hasst die deutsche Sprache und Literatur und beginnt mit seinen ersten Kompositionen. Zum ersten Mal im Jahre 1736 erreicht Voltaire ein Brief des preussischen Kronprinzen. Und ab diesem Zeitpunkt beginnt ein nicht zu enden wollendes Umwerben von Seiten Friedrichs. Der zukünftige Preußenkönig wünscht nichts sehnlicheres als den Schöpfer dieser herausragenden philosophischen Werke bei sich zu haben. Er ist auf der Suche nach einem adäquaten Gesprächspartner und nach einem geeigneten Korrektor für seine philosophischen und poetischen Schriften.

1740 besucht Voltaire Friedrich zum ersten Mal in Kleve. Weitere Treffen folgen, doch Émilie ist skeptisch und spürt, dass Friedrich « ihren » Voltaire eigentlich nur « besitzen » möchte. Das belastet natürlich die Beziehung zwischen Émilie und Voltaire. Sie lässt sich auf einen anderen Mann ein, der ihr neuer Liebhaber wird und sie bald darauf auch schwängert. Und auch Voltaire hat eine neue Geliebte, seine Nichte Louise Denis. Friedrich drängt zunehmend, doch Voltaire vertröstet ihn, denn trotz der neuen « Liebesumstände » ist Voltaire nach wie vor für seine Gefährtin Émilie da und will ihr auch bei der Geburt beistehen. 1749 bekommt Émilie ihr Kind, sie stirbt jedoch einige Tage später und auch das Kind überlebt nicht.

1750 bricht Voltaire nun endgültig in Richtung Potsdam auf. Seine Reise gestaltet sich sehr schwierig und ist begleitet von vielen Hindernissen. Doch er versichert Friedrich sein Kommen in einem Brief :

« “ Sire, ich eile, ich werde kommen, tot oder lebendig. “ »

Voltaire wird am preussischen Hof von Friedrich empfangen und zu seinem Kammerherrn ernannt. Es dauert jedoch nicht lange und die beiden Männer stellen ihre unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und Charakterzüge fest. Die Situation eskaliert immer mehr. Es kommt zum « Freundschafts » – Bruch zwischen dem König und dem Philosophen. Voltaire möchte so schnell als möglich wieder abreisen, da die Lage sehr brenzlig wird. Er flieht, wird jedoch durch preussische Beauftragte auf Befehl von Friedrich in der Freien Reichsstadt Frankfurt festgehalten und unter Hausarrest gestellt…

Diese atemberaubende Geschichte – äusserst genau und präzise im Hinblick auf die Historie recherchiert – wird von dem Sprachkünstler Hans Joachim Schädlich auf gerade mal 140 Seiten erzählt. Eine Novelle voller Kraft und Genauigkeit, die ihren Glanz durch die minimalistischen und klaren Formulierungen erhält. Die Süddeutsche Zeitung schreibt über Hans Joachim Schädlich : « Ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreicht. »

Ja und genau diese Reduktion hat für den Leser viele Vorteile. Er muss sich nicht durch ein 500 Seiten starkes historisches Werk quälen. Die Novelle bietet klare Fakten und Informationen auf sprachlich höchstem Niveau. Mit Hilfe dezent versteckter Ironie spüren wir als Leser, wie schwierig es doch erscheint, als freiheitlich denkender Philosoph Freund eines von absoluter Macht gelenkten Königs – trotz musischer und philosophischer Ambitionen – zu sein. Ergänzend wird uns in diesem kleinen grossen Werk die wunderbare Gefährtin Émilie du Châtelet vorgestellt und wir lernen durch sie viel über die aufgeklärte Liebe.

Mit Raffinesse erzeugt Hans Joachim Schädlich beim Leser einen nicht zu erwartenden Wissensdurst. Man möchte sich am Liebsten nach dieser Lektüre in eine Biographie von Voltaire stürzen, sucht nach mehr Informationen über seine beeindruckende Geliebte und entdeckt wiederum interessante Seiten bei Friedrich II. Hans Joachim Schädlich ist somit das gelungen, was selten historische Werke vollbringen können : mit Knappheit und literarischer Kunst den Leser zu beglücken, nicht im geringsten zu langweilen, sondern ihn mit grosser Neugierde auf mehr zu entlassen. Kurzum, es macht nicht nur sehr grosse Freude, sondern es ist auch ein äusserst bereicherndes Vergnügen, diese wunderbare Novelle zu lesen !

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: