Durchgelesen – „Prousts Mantel“ v. Lorenza Foschini

Ein Mantel muss nicht nur ein rein schmückendes und wärmendes Kleidungsstück sein. Nein, ein Mantel kann viel mehr bedeuten. Er ist das Markenzeichen eines Menschen. Und genau dieses Attribut wurde dem Mantel von Marcel Proust zugeschrieben.

Dieser Mantel ist aber auch die Krönung der unbeschreiblich intensiven, ja fast ungebremsten Sammelleidenschaft des Pariser Parfümfabrikanten Jacques Guérin, von welcher uns die italienische Journalistin Lorenza Foschini in ihrem Buch « Prousts Mantel » auf hinreißende Weise in einer Art Reportagen-Geschichte erzählt.

Lorenza Foschini, geboren 1949 in Neapel, lebt und arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin in Rom. Sie war bereits für das Staatsfernsehen RAI und als Vatikan-Korrespondentin tätig. Sie hat für ihr 1998 veröffentlichtes Buch « Nachforschungen zur Jahrtausendwende » den renommierten Journalismus-Preis Scanno erhalten.

« Prousts Mantel » ist « die Geschichte einer Leidenschaft » : « Alles, was hier erzählt wird, hat sich tatsächlich ereignet, und die Figuren dieser Geschichte haben reale Vorbilder. »

Lorenza Foschini trifft sich für ein Interview mit Piero Tosi, dem berühmten Kostümbildner des Regisseurs Luchino Visconti. Tosi berichtete von seiner Reise nach Paris wegen einer eventuellen Verfilmung von Prousts Werk. Er begann nachzuforschen und begegnete dem Besitzer einer Parfümfabrik, der ihm eine unglaubliche und gleichzeitig faszinierende Geschichte erzählte :

Jacques Guérin, war nicht nur Parfümeur, er war auch ein sehr leiden-schaftlicher Büchersammler. Seine grosse Liebe zu Proust begann durch seine Krankheit. Er litt an einer Blinddarmentzündung, und der Arzt, der ihn operierte war kein geringerer als Dr. Robert Proust, der Bruder des berühmten Marcel Proust. Dies löste bei Guérin einen wahren Nachforschungs-zwang aus, so dass er ab diesem Ereignis alles über Proust erfahren wollte. Es ging so gar soweit, dass er Kontakt zur Familie aufnahm, in dem er sich nach seiner Heilung bei Dr. Robert Proust persönlich für seinen Einsatz bedankte, was übrigens zur damaligen Zeit nicht unüblich war. Doch bei diesem Besuch entdeckte er den alten Schreibtisch von Marcel Proust und lässt sich die darin aufbewahrten Schriftstücke von seinem Bruder Robert zeigen, die er am Liebsten alle sofort in seine Obhut nehmen wollte. Was sicherlich das beste gewesen wäre.

Denn im Laufe der Recherchen von Jacques Guérin stellte sich immer mehr heraus, das Marcel Proust es in seiner Familie doch sehr schwer hatte. Dr. Robert Proust war wie Vater Adrien Proust Arzt geworden und konnte mit Literatur nicht wirklich viel anfangen. Die Ehe zwischen Robert Proust und Marthe Dubois-Amiot wurde von seinem Vater arrangiert. Und Marthe hatte eine noch ganz andere Verbindung zu Adrien Proust. Doch das Schlimmste war, dass Marthe ihren Schwager überhaupt nicht akzeptieren konnte. Sie hatte nicht eine einzige Zeile von ihm gelesen, deshalb verbrannte sie ganz ohne Scheu viele seiner Briefe, Schriften und Photos nach dem Tode ihres Mannes.

Doch glücklicherweise gab es Jacques Guérin, der wie eine Art Privatdetektiv  – immer auf der Suche nach neuen Schätzen –  einige dieser mehr als wertvollen Papiere aus dem Flammenmeer befreien konnte. Und nicht nur das, auch Möbelstücke wurden gerettet. Per Zufall entdeckte Guérin bei seiner unermüdlichen Suche noch eines der wichtigsten Erinnerungsstücke von Marcel Proust, seinen Mantel…

Es gibt ihn wirklich. Dieser Mantel liegt inzwischen in den Archiven des Musée Carnavalet in Paris. Übrigens ein wunderschönes Palais im Marais Viertel, in dem man heute noch das Schlafzimmer von Marcel Proust bewundern kann. All diese Möbel sind ein Geschenk von Jacques Guérin, auch der Mantel, der jedoch wegen seines schlechten Zustands nun in Seidenpapier eingewickelt in einer Schachtel verbleiben muss.

« Prousts Mantel » ist mehr als nur eine Reportage. Dieses Buch ist eine sehr intensive, aber auch äusserst spannende und sehr leidenschaftliche Geschichte des Fabrikbesitzers und Buchsammlers, der zu einem der grössten Proustverehrer wurde und seinem Drang, Dinge berühmter Persönlichkeiten zu besitzen, nachgeben musste. Faszinierend komponiert mit Texten aus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » und Photographien wird dieses Werk zu einem absoluten Muss für jeden Proustkenner und Proustliebhaber.

Lorenza Foschini hat mit ihrer literarischen Detektivarbeit ein neues kleines Kapitel in der Proustbiographie aufgeschlagen, das nicht nur das Leben Marcels Bruder Robert etwas neu beleuchtet, sondern sie spricht auch ganz direkt die homosexuellen Neigungen von Marcel und die daraus entstehenden Probleme innerhalb der Familie  – vor allem was seine Schwägerin Marthe betrifft – an. Dieses Buch lässt den Leser vieles entdecken, aber auch zur Freude des Proustspezialisten wiedererkennen.

«Prousts Mantel » macht sehr neugierig auf das Leben von Marcel Proust und sein Werk, deshalb ist es auch für den noch unbedarften Proustleser ein ideales kleines biographisches Einführungswerk. Es öffnet die Türen zur Proustschen Welt der Erinnerung und der Leidenschaft. Lorenza Foschini schenkt dem Leser mit dieser Geschichte ein wundervolles Souvenir an Marcel Proust : ein Buch wie ein « literarischer » Mantel, der einen begleitet und wärmt, wie einst Marcel Proust, der in seinem Mantel nicht nur spazieren ging, sondern auch arbeitete und schlief !

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