Durchgelesen – „Die Filmerzählerin“ v. Hernàn Rivera Letelier

Kann man das Kino in eine Art Erzählstunde verwandeln ? Bleibt da nichts auf der Strecke, die Bilder, die Ausstattung, das Licht etc. ? Hernàn Rivera Letelier zeigt uns in seinem kleinen, aber sehr starken Roman «  Die Filmerzählerin », was es bedeutet einen Film im Kino sehen zu dürfen und welche Wirkung und Folgen es haben kann, diesen Film erzählenderweise mit Anderen zu teilen.

Hernàn Rivera Letelier wurde 1950 in Talca – Südchile – geboren und wuchs als Kind in der Atacama-Wüste im Norden des Landes auf. Er war begeistert von Literatur und Büchern und besuchte in seiner Jugend als einziger die Werksbibliothek der Minensiedlung. Aufgrund von Armut hatte er im Alter von 21 Jahren mit dem Schreiben begonnen und sofort mit einem Gedicht an einem Preisausschreiben des örtlichen Radioprogramms teilgenommen. Der Hauptpreis war nämlich ein Abendessen in einem feinen Restaurant. Er gewann diesen Wettbewerb mit einem vierseitigen Liebesgedicht und gehört heute zu den meistgelesenen spanischprachigen Schriftstellern !

Der Roman « Die Filmerzählerin » spielt in einer Minensiedlung in der chilenischen Atacama-Wüste. Maria Margarita, ein zehnjähriges Mädchen, ist die Hauptakteurin dieses sprachlich sehr eleganten Buches. Sie lebt mit ihrem Vater, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist und von seiner schönen Frau verlassen wurde, mit ihren vier Brüdern. Jeder der Familie, ausser dem Vater, hat seine Aufgaben. Die Männer arbeiten im Salpeterabbau und die Frauen sollen sich um den Haushalt kümmern. In diesem Fall versucht Maria diese Rolle zu übernehmen, aber nicht nur diese.

Das einzig Schöne, was diese Siedlung zu bieten hat, ist das Kino. Der Vater trifft immer die Filmauswahl. Doch da das Geld nur für eine Eintrittskarte reichte, wurden Maria und ihre Brüder jeweils einzeln in das Kino geschickt, um den Film anzusehen, nein man sollte treffender sagen, um ihn aufzusaugen. Denn anschliessend musste jeder diesen Film der Familie ganz genau erzählen. Den internen Familien-Wettbewerb hat Maria für sich entschieden und durfte ab diesem Zeitpunkt nun immer als Einzige in das Kino.

Maria spielte mit Herz und Seele, machte Stimmen nach, benutzte Requisiten und schminkte sich, um den Film so realitätsnah wie möglich wiederzugeben. Die Familie war begeistert, der Vater bestätigt, dass er das richtige Kind für diese Aufgabe ausgesucht hatte. Auch die anderen Bewohner der Siedlung beobachteten die Film-Erzählabende und wurden immer neugieriger. Der Vater lud nun auch Freunde ein und ein Gast meinte, man könnte daraus sogar ein Geschäft machen und Eintritt verlangen. Doch man einigte sich auf freiwillige Spenden und somit wurde Maria zur professionellen Filmerzählerin :

„Der « Saal » füllte sich mit Kindern und Erwachsenen, Männern und Frauen. Darunter welche, die sahen sich erst den Film im Kino an, kamen dann zu uns und liessen ihn sich erzählen. Und sagten, wenn sie gingen, der Film, den ich erzählt hätte, sei besser gewesen als der, den sie gesehen hatten. „

Ja und so verwandelte sich das Wohnzimmer in einen Kinosaal und Maria fand immer mehr Spass und Freude an ihrer besonderen Aufgabe und vor allem an ihrem außergewöhnlichem Talent. Es ging so gar soweit, dass sie nun auch von anderen Leuten engagiert wurde, vor allem dann wenn das örtliche Kino keinen Film bieten konnte.

Doch eines Tages wird Maria von einem komischen Mann, dem Geldverleiher der Siedlung, zum Filmerzählen « bestellt ». Normalerweise begleitete sie immer ihr Bruder, doch diesmal hatte sie ihn gehen lassen und die Lage entwickelte sich seltsam. Maria sollte sich auf den Schoss des Mannes setzen, um den Film besser erzählen zu können. Doch die Situation spitzt sich zu und es passieren ganz schreckliche Dinge…

« Die Filmerzählerin «  ist ein wunderbar poetisches Buch, mit einem Sinn für das ganz Besondere ! Letelier zeigt sehr vorsichtig, aber trotzdem mit einer emotionalen Wucht die Armut dieser Menschen und ihre daraus entstehenden Probleme. Es beginnt wie in einem Märchen mit einem zarten Zauber, der diese doch schwierigen Lebensbedingungen dank der faszinierenden Wortbilder eher positiv und humorvoll beschreibt. Der Leser ist begeistert von dieser bemerkenswert schönen Begabung des Filmerzählens, einer Kunst, die das Leben lebenswert macht, Freude bereitet und die Menschen auf magische Weise kurzfristig in eine andere und vor allem bessere Welt versetzt.

Letelier charakterisiert mit seinen prägnant klaren Sätzen eingebettet in 44 Kapiteln die einzelnen Lebensschicksale. Wir nehmen Teil an den erzählten « Kinoerlebnissen » und spüren auch die Tragik und die Enttäuschung, die das Leben nicht nur von Maria, sondern auch das ihrer Brüder bestimmen werden.

« Die Filmerzählerin » ist nicht nur ein ideales Buch für Cineasten, die diese Lektüre sicherlich besonders geniessen werden. Es ist aber auch ein Werk für jeden anspruchsvollen und neugierigen Leser, der beim Schmökern dieses Romans nicht nur Buchstaben, sondern bereits nach dem ersten Kapitel eine Filmszene vor Augen haben wird, denn Lesen ist wie Kino, nur im Kopf !

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