Durchgelesen – „Der Sommer ohne Männer“ v. Siri Hustvedt

Ehebruch und Betrug gehören zu den klassischen Themen der allseits beliebten Frauenliteratur. „Der Sommer ohne Männer“ unterscheidet sich jedoch ganz klar von den gewöhnlichen Beziehungskisten-romanen mit viel Herz und Schmerz, bei denen man bereits auf der ersten Seite weiss, wie das letzte Kapitel endet. Nein, dies ist ein grandioser Roman über Frauen und Männer und über die zwischen beiden Geschlechtern oft daraus entstehenden Probleme, welche nicht nur Leid verursachen, sondern sehr wohl auch positive Erfahrungen und wichtige Erkenntnisse zur Folgen haben können.

Siri Hustvedt hat sich mit diesem gerade frisch auf deutsch erschienen Werk selbst übertroffen, denn so ironisch und witzig haben wir sie in den letzten Jahren selten erlebt. Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie ist die Tochter einer Norwegerin und eines Professors für norwegische und amerikanische Geschichte. Schon als junges Mädchen wollte sie unbedingt Schriftstellerin werden. 1980 lernte sie den Autor Paul Auster kennen, den sie ein Jahr später heiratete. 1986 beendete sie ihre Promotion in englischer Literatur mit einer Arbeit über Charles Dickens. Berühmt wurde sie durch die Romane „Die Verzauberung der Lily Dahl“ (1992) und „Was ich liebte“ (2003). 2008 erschien „Die Leiden eines Amerikaners“ und vor einem Jahr „Die zitternde Frau“. Sie lebt als Schriftstellerin mit ihrem Mann Paul Auster und der gemeinsamen Tochter in Brooklyn.

„Der Sommer ohne Männer“ analysiert auf intellektuelle und gleichzeitig amüsante Weise die Beziehung zwischen der New Yorker Dichterin Mia und dem Neurowissenschaftler Boris. Sie stecken beide in einer echten Krise. Diese Krise nennt Boris charmant diplomatisch eine „Pause“. Doch für Mia war sofort klar, dass diese „Pause“ zweibeinig ist:

„Die Pause war eine Französin mit schlaffem, aber glänzendem braunem Haar. Sie hatte einen signifikanten Busen, der echt, nicht künstlich war, eine schmale Rechteckbrille und einen exzellenten Verstand. Natürlich war sie jung, zwanzig Jahre jünger als ich, und ich vermute, dass Boris schon länger scharf auf seine Kollegin gewesen war, ehe er sich auf ihre signifikanten Bereiche stürzte.“

Mia ist so geschockt! Nachdem Boris ihr erklärte, dass er eine „Pause“ bräuchte, dreht sie total durch und landet schliesslich in der Psychiatrie. Sie wird mit Psychopharmaka ruhig gestellt, denn sie leidet an einer kurzfristigen psychotischen Störung, die man auch als „Durchgangssyndrom“ bezeichnet. Sie ist verrückt, aber zum Glück nicht lange. Nach gut zehn Tagen wird sie aus der Klinik wieder entlassen und weiterhin von ihrer Frau Dr. S. ambulant betreut. Mia braucht jetzt selbst eine Pause und fährt zur Erholung in ihre Geburtsstadt in Minnesota, in die Nähe ihrer neunzigjährigen Mutter, die dort in einem Altersheim wohnt.

Mia mietet sich ein nettes Haus, lernt nicht nur ihre Nachbarin – Mutter von zwei kleinen Kindern – kennen, die sich oft lautstark im Garten mit ihrem Mann streitet, sondern auch die entzückenden Freundinnen ihrer Mutter. Alle Damen sind Witwen und äusserst interessante Charaktere, vor allem Abigail, die ein ganz besonderes Hobby hat. Mia verbringt viel Zeit mit ihrer Mutter und gibt einen Lyrikkurs für sieben pubertierende Mädchen, die nicht nur begeisterte Mini-Dichterinnen werden wollen, sondern auch sich gegenseitig das Leben ziemlich schwer machen.

Dazwischen grübelt Mia über ihren untreuen Boris nach und macht sich Gedanken über die Männer ganz im Allgemeinen. Sie ist wütend und enttäuscht und beginnt, eine Art erotisches Tagebuch zu führen, welchem sie ihre Gefühle und Erinnerungen in Punkto Liebe, Sex und Ehe anvertraut. Aber nicht nur diese Verarbeitungsform, auch die neuen Freundschaften, die sie in ihrer Heimat schliessen kann und die spannende Arbeit als Kursleiterin haben sie auf ganz neue Wege gebracht. Die Erholung wird mehr und mehr spürbar und die neue Lebensfähigkeit auch ohne Boris ist deutlich erkennbar. Und genau das könnte der Auslöser und die Gelegenheit für ihren Mann sein, Mia wieder interssant und attraktiv zu finden. Boris erkundigt sich nach ihr in Form von kleinen Briefen und schmeichelt ihr. Und Mia macht sich ein wenig lustig darüber und geniesst gleichzeitig im Stillen! Denn eines ist ganz sicher, Frauen wollen umworben werden….

„Der Sommer ohne Männer“ wird aus der Sicht der Dichterin Mia in der Ich-Form erzählt, das den Leser in die Seele einer intellektuellen Frau auf so wunderbar poetische und gleichzeitig freche Weise hineinzieht. Durch die faszinierende  Mischung zwischen Tagebucheintrag, Gedanken, Erlebnissen, Telefongesprächen, Briefen und Gedichten ist dieses Buch nicht nur äusserst kurzweilig, sondern auch sehr klug und wahnsinnig erfrischend.  Siri Hustvedt spricht den Leser direkt an, als würde sie sich mit ihm verbünden bzw. ihn ins absolute Vertrauen ziehen. Was für ein intelligenter Schachzug in Bezug auf Leserbindung.

„Der Sommer ohne Männer“ ist kein Roman, den man so en passant herunterliest. Er bedarf einer gewissen Konzentration und Aufmerksamkeit, denn es ist ein sehr anspruchsvolles und sprachlich unglaublich komplexes Werk. Siri Hustvedt fordert uns als grossartige Erzählerin heraus mit Ironie, Humor und Geist über die Empfindungen dieser Frau oder der Frau im Allgemeinen nachzudenken. Hier geht es nicht um Klischees oder Männerhass, ganz im Gegenteil, hier wird die weibliche Demut zelebriert und der Mut und die Kraft, sich selbst wiederzufinden, brillant geschildert. Siri Hustvedt schenkt uns ein wunderbares Buch über Frauen im Lauf der Jahrhunderte, über die Reife eines Lebens und die weibliche Sensibilität. Ein hoch literarisches Highlight in der Fülle der sogenannten „Frauenliteratur“, das man insbesondere Männern sehr ans Herz legen sollte!

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