Durchgelesen – „Meine Krönung“ v. Véronique Bizot

Gewiss ist man glücklich über eine Auszeichnung! Aber freut man sich auch dann noch, wenn man bis jetzt eigentlich mehr oder minder in Vergessenheit geraten war, sein Leben bereits gelebt hat und man am liebsten nur noch seine Ruhe möchte. Genau dann kann eine Ehrung oder Auszeichnung sogar zu einem echten Problem werden, vor dem sich nur sehr schwierig flüchten lässt! Alt sein hat Vorteile so lange man machen kann, was man will. Doch was passiert, wenn man im Alter plötzlich wieder entdeckt wird und das Telefon nicht mehr still steht?

Genau diese spannende Frage beantwortet Véronique Bizot in ihrem sehr originellen Erstlings-Roman „Meine Krönung“ (Mon couronnement), der ganz aktuell in deutscher Übersetzung vorliegt. Sie hat vorher bereits mehrere Novellen veröffentlicht und mit dem Buch „Meine Krönung“ zwei der wichtigsten französischen Literaturpreise erhalten: 2010 den Grand Prix du Roman der französischen Schriftstellervereinigung und den Prix Lilas – ein Preis für Frauen von Frauen, der in dem berühmten Pariser Literaten-Bistrot La Closerie de Lilas in Paris jedes Jahr verliehen wird. Véronique Bizot ist 1958 geboren. Sie lebt und arbeitet als Journalistin in Paris.

Der Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans ist der 89 Jahre alte Wissenschaftler Gilbert Kaplan. Ein Mann, der viel erlebt hat, verheiratet war, einen Sohn gezeugt hat und dessen Frau sich aus dem Fenster seines Landhauses gestürzt hat. Und jetzt soll er für eine frühere Entdeckung ausgezeichnet werden, an die er sich kaum mehr erinnern kann. In einem Labor hatte er so einiges erforscht, aber jetzt nach so vielen Jahren der Stille und Zurückgezogenheit, steht er plötzlich im Mittelpunkt. Die Presse steht vor seiner Tür, bedrängt ihn unaufhörlich und Monsieur Kaplan möchte eigentlich nur flüchten, doch wohin?

Als „Fluchthelferin“ eignet sich am besten seine Haushälterin und Lebensbegleiterin Madame Ambrunaz, eine ältere, aber äusserst beharrliche Frau, die sich immer wieder etwas neues einfallen lässt und wenn es nur die berühmten Linsen sind, die sie für Monsieur Kaplan ständig kocht:

Am Ende sind die Leute dann doch irgendwann gegangen, und ich war wieder allein in der Wohnung, mit Madame Ambrunaz, die in der Küche Linsen kochte, ich hörte das Rasseln der Linsen beim Waschen, ich dachte, dass man die Linsen aus Le Puy, die ich immer im Supermarkt kaufe, gar nicht zu waschen braucht und dass ich sie obendrein heute Abend ganz bestimmt nicht essen würde.“

Aber nicht nur die Linsen, auch seine Gedanken und Erinnerungen an frühere Zeiten sind eine Art Flucht. Dann taucht auch noch sein jüngerer Bruder auf, dessen letztes schriftstellerisches Werk er noch gar nicht richtig bewundert hat. Gilbert Kaplan wird immer unruhiger je näher der Tag seiner „Krönung“ rückt. Um die Zeit bis zur Preisverleihung zu verkürzen und sich nicht ständig dem Ansturm der Journalisten aussetzen zu müssen, schlägt Madame Ambrunaz eine Reise vor, und zwar nach Le Touquet – ein kleiner Ort am Meer der im Departement Calais liegt. Sie versucht alles, um Monsieur Kaplan zu unterstützen und aus seiner Lethargie, vor allem aus seiner ganz speziellen äusseren und inneren Unordnung herauszuholen. Es geht soweit, dass sie sich sogar um ein gemeinsames Grab für sich und Monsieur Kaplan gekümmert hat. Mme Ambrunaz ist eine ganz besondere Frau, die sich vor nichts bzw. niemanden beirren lässt, auch nicht von einem grantigen und schwermütigen Wissenschaftler. Doch die grösste und am meisten unerwartete Überraschung, die sie ihm jemals bereiten konnte, passiert ganz unvorhergesehen kurz vor der Preisverleihung….

„Meine Krönung“ ist der Roman eines verbitterten alten Mannes, eines Misanthropen, der in einem Appartement in der Rue Saint-Lazare in Paris wohnt und nur in Ruhe gelassen werden möchte, was schon ein wunderbar gelungener Widerspruch an sich ist. Denn die Rue Saint-Lazare, die direkt zum Gare St. Lazare führt, ist alles andere als ruhig, vollkommen hektisch und laut. Hier spüren wir schon die leichten Spötteleien über Ruhe, Alter und Menschenfeindlichkeit, welche die Hauptperson irgendwie sympathisch werden lassen. Der Roman hat einen unglaublich feinen Humor, der durch die beeindruckend beschriebene Interaktion zwischen Gilbert Kaplan und seiner bezaubernd komischen Haushälterin Madame Ambrunaz erst seinen Höhepunkt erreicht.

Mit einem  sehr subtil eingesetzten Sarkasmus zeigt uns Véronique Bizot dieses gelebte Leben, das von einer ausgebremsten Lebendigkeit erzählt, wie es Thomas Bernhard nicht besser beschreiben könnte. Die Kunst der ständigen Verkürzung ist das raffinierte Stilmittel dieses kleinen Romans. Der Leser erfährt immer nur alles in abgespeckter Form, zum Beispiel nicht die genauen Gründe des Selbstmordes seiner Frau, aber auch nichts über die eigentliche wissenschaftliche Arbeit, für die der Protagonist in diesem Buch einen Preis bekommt. Somit überraschen sich nicht nur die Figuren in dem Werk gegenseitig, auch der Leser  wird ständig durch neue Ereignissen verblüfft. „Meine Krönung“ ist gleichzeitig ein leichtes und intensives Buch. Ein Roman voller Witz, aber auch einer gewissen Härte, die uns erwarten könnte, wenn wir alt sind.

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