Durchgelesen – „First Dog – Enthüllungen eines Präsidentenhundes“ v. Luis Rafael Sànchez

Der Hund ist  – wie wir alle wissen oder meinen zu wissen – der beste Freund des Menschen. Ist er das auch noch, wenn beispielsweise der eigene Hund anfangen würde zu sprechen wie ein Mensch? Denn ist nicht gerade das Schweigen eines Hundes sein schönster und wichtigster Charakterzug. Würde der Hund nun sprechen, könnte es für den Besitzer gefährlich werden, denn Hunde wissen sehr viel, manchmal auch zu viel. Und genau diesem Risiko musste sich der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton aussetzen, denn sein Hund Buddy konnte und durfte nicht mehr länger schweigen!

Luis Rafael Sànchez wurde 1936 in Humacao auf Puerto Rico geboren und ist heute ein erfolgreicher Theaterautor und Verfasser mehrere Romane. Mit seinem Buch „First Dog“ hat sich Sànchez vom lateinamerikanisch magischen Realismus verabschiedet und führt den Leser  – wie er selbst sagt –  in den sogenannten kybernetischen Realismus ein. Kybernetik in der Literatur ist eher ein seltenes Phänomen. Aber durch diese Satire kommen wir der Lehre von selbsttätigen Regel- und Steuerungsmechanismen auf die Spur, die wir in dieser Form nicht origineller hätten entdecken können.

„First Dog“ ist kein klassisches Hundebuch oder auch keine Betriebsanleitung für besondere Hunde. Nein es sind die bewegenden und sehr ernst zu nehmenden Memoiren des Buddy Clinton, des ehemaligen First Dogs der USA von 1997 – 2001. Buddy – ein grosser Katzenhasser – wird Opfer einer politischen Intrige. Er wird vom FBI entführt und von hochrangigen Wissenschaftlerin und Forschern verkabelt, vermenschlicht und mit einem Sprachcomputer verbunden, damit er gegen seinen Chef bzw. gegen sein Herrchen aussagen kann. Und ab diesem Zeitpunkt der totalen Verkabelung mit dem „Verteilungszentrum der künstlichen Intelligenz“ befinden wir uns mitten in einem kybernetischen Regelungssystem, was den Hund zum „Menschen“ werden lässt.

Buddy geniesst anfangs diese Vermenschlichung, auch wenn sie mit sehr grossen körperlichen Strapazen verbunden ist – denke man an die Zwei-Pfoten-Position, die Injektionen für das Allgemeinwissen und die Verkleidung mit Anzug und Krawatte! Doch wie es sich für einen First Dog gehört, trägt er alles mit Fassung und berichtet erst einmal von seinen Erfahrungen im Weissen Haus. Buddy erzählt aus seinem bewegten Liebesleben, insbesondere von der erotischen Begegnung mit der Hündin des österreichischen Botschafters im ehemaligen alten Ehebett von Lincoln. Aber er nimmt sich auch Zeit und Muse über das Verhältnis zwischen Mensch und Hund zu philosophieren:

“ Wir Hunde leisten unserem Herrchen Beistand bis ins hohe Alter. Wir Hunde lieben ihre Kinder auch dann noch, wenn sie uns mit ihren ungeschnittenen Fingernägeln in den Nasenlöchern rumpulen. Wir Hunde sagen unseren Herrchen nicht gleich schlechten Umgang nach, wenn sie beim Nachhausekommen nach Katzenkacke riechen. Wir wissen, dass man über uns lacht, und doch rennen wir unseren Herrchen zuliebe hinter Aufzieh-hasen her. Wir wissen, das man uns verhöhnt, und doch fügen wir uns den absurdesten Namensgebungen. Rambo für ein Schoßhündchen. Rotkäppchen für einen Labrador. O. J. Simpson für einen Pudel, der keiner Fliege etwas zuleide tut. Hunde diskriminieren ihre Herrchen nicht, weil sie Schwarze, Asiaten, Hispanos, Juden oder Muslime sind. Wir Hunde diskriminieren unsere Herrchen nicht, wenn sie mit Männern glücklich werden, und unsere Frauchen nicht, wenn sie mit Frauen glücklich werden.“

Doch die versammelten Wissenschaftler und Sittenwächter warten endlich darauf, dass sich Buddy über die Liaison zwischen seinem Herrchen – dem Präsidenten – und der Praktikantin äussert. Der First Dog schildert ausführlich sämtliche Indiskretionen, denn wie oft war er dabei, als sich sein Herrchen mit dem schönen Fräulein Lewinsky getroffen hat. In allen Einzelheiten berichtet er darüber und lässt natürlich auch dabei immer wieder seine Gedanken im Hinblick auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund einfliessen. Besonders in der Hoffnung, dass für Buddy das Mensch sein bald ein Ende hat und er wieder bellend durch das Weisse Haus toben kann….

„First Dog“ ist eine geniale Satire über das Mensch sein als Hund und aus der Sicht eines Hundes. Ohne Humor und einen Sinn für das Surreale sollte man dieses Buch jedoch nicht lesen. Man hat ständig das Gefühl, vor einem grossen Gemälde des berühmten Surrealisten Réné Magritte zu stehen, denn die Sprache von Sànchez ist sehr bildhaft, aber trotzdem spritzig und dynamisch. Auch der stilistische – oder sollte man besser sagen –  der kybernetische  Trick einen Hund mit High-Tech zum Sprechen zu bringen und zu eine Art „Mensch“ zu verwandeln, ist mehr als gelungen. Das Buch ist irgendwo respektvoll frech, teilweise sehr boshaft, ein wenig subtil vulgär, aber keinesfalls ordinär und bis zur letzten Seite äusserst skurril und sehr kurzweilig.

„First Dog“ ist ein Buch selbstverständlich vor allem für satirebegeisterte Hundefreunde! Es ist aber auch für Leser ohne Hund sehr empfehlenswert, denn es zeigt ganz neue Erkenntnisse in Punkto Mensch – Hund – Beziehung, und macht dadurch sehr deutlich, warum der Mensch der beste Freund vom Hund ist und nicht umgekehrt. Ein unvergessliches und aussergewöhnliches Lesevergnügen für alle Liebhaber der surrealistischen Literatur!

Advertisements