Durchgelesen – „Ein Winter mit Baudelaire“ v. Harold Cobert

„Ein Winter mit Baudelaire“ ist ein Roman, bei dem man durch das Wort Winter im Titel sofort denkt, dass er ganz wunderbar in diese jetzige Jahreszeit passen könnte. Doch dieses Buch ist ein Ganz-Jahres-Buch, denn das Schicksal das hier unglaublich emotional, direkt und realistisch erzählt wird, kann jeden Menschen zu jeder Jahreszeit treffen. Der Roman beschreibt den dramatischen Absturz eines Mannes, der alles zu seinem Glück hatte: eine Frau, ein Kind und einen Job.

Harold Cobert ist 1974 in Bordeaux geboren, hat Literatur studiert und nach einem Surfunfall sich im Alter von zwanzig Jahren für das Schreiben entschieden. Er arbeitet als Theater-, Film- und Fernsehautor und ist in Frankreich durch ein Essais über Mirabeau bekannt geworden. „Der Winter mit Baudelaire“ ist der erste Roman, der in deutscher Übersetzung erscheint.

Der Roman spielt in Paris und beginnt im Frühjahr. Philippe  – der Hauptprotagonist dieses Buches – erzählt seiner kleinen Tochter Claire zum letzten Mal noch ihre Lieblingsgeschichte und wird dann von seiner Frau Sandrine vor die Tür gesetzt. Sie waren bereits seit drei Monaten geschieden und er hatte seine Frau um Zeit gebeten, um endlich eine Wohnung finden zu können. Doch Sandrine lässt sich nicht mehr überzeugen, im Gegenteil sie ist hart und stellt ihm den Koffer in den Flur. Philippe ist durcheinander, verlässt das Haus und fährt mit seinem Auto ziellos durch die Stadt. Er sucht verzweifelt ein Hotel, findet keines, schläft im Auto und schleicht sich in sein Büro, um sich dort zu waschen und die Kleider zu wechseln.

Inzwischen untergekommen in einem Billig-Hotel gibt es nun auch Probleme im Job. Philippe hat einen befristeten Arbeitsvertrag. Er hat die letzten Monate keine Aufträge mehr an Land gezogen. Er ist Vertreter für Wärmepumpen und versucht mit allen Mitteln diese zu verkaufen, aber ohne Erfolg. Er sollte bis zum Monatsende noch 9 Verträge abschliessen. Er ist an einem wichtigen Kunden dran, doch dieser wird ihm von einem Kollegen weggeschnappt. Philippe ist so verärgert, dass er kündigt.

Die Suche nach einer Wohnung war bereits mit Job und Mindestlohn eine Katastrophe und jetzt ohne Arbeit ist die Lage noch aussichtsloser. Das Fatale daran ist: ohne Job keine Wohnung und ohne Wohnung kein Job. Ein Teufelskreis, der Philippe immer tiefer fallen lässt. Aber es kommt noch schlimmer. Er konnte bis jetzt von seinen Ersparnissen leben, aber seine Frau hat einfach von seinem Konto ihren Unterhalt für Claire abbuchen lassen, so dass sein Konto nun gesperrt ist. Doch das ist immer noch nicht alles. Er verliert nun auch noch den Kontakt zu seiner geliebten Tochter.

Trotz allem versucht Philippe sein „neues“ Leben zu organisieren. Er deponiert seinen Koffer und seinen Computer in einem Schließfach am Bahnhof von Montparnasse, geht dort in die öffentlichen Duschen und verbringt viel Zeit in einem Waschsalon. Er läuft durch die Stadt, versucht auf Bänken zu schlafen, erholt sich in der Metro und lernt andere Obdachlose kennen. Philippe lebt jetzt auf der Strasse und versucht die Gedanken an die Zukunft zu ordnen:

„Die Zukunft wird in der Gegenwart gelebt. Einer Gegenwart, die sich nicht beugen lässt. Oder wenn, dann nur im Infinitiv, der Form des Unbestimmten. Weil heute so ist wie gestern und morgen so wie heute. … Gehen. Waschsalon. Schlafen. Wasser lassen. Die Tage zählen. Essen. Tafel. Kleidung finden. Caritas. Gehen Notdurft verrichten. Betteln. Würde bewahren. Nicht verrückt werden. Wasser lassen. Die Tage zählen. ….“

Der Sommer ist vorbei, der Herbst endet auch bald und Philippe hat immer noch keinen Job, keine Wohnung und kämpft sich mehr und mehr durch. Die Strasse wird immer mehr sein „Zuhause“. Er vermisst seine Tochter, wartet oft versteckt an ihrer Schule und beobachtet, wie sie von ihrer Mutter und dessen neuen Freund abgeholt wird.

Sein Leben wird immer härter, denn der Winter kommt. Die Temperaturen fallen nachts auf -3 Grad und er findet keinen Schlafplatz über einem beheizten Lüftungschacht. Er läuft durch die Stadt, wird immer langsamer und ist vollkommen erschöpft. Er versucht in einem der Obdachlosenheime in Nanterre (Vorort von Paris) eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Eine Nacht verbringt er dort und dann geht alles wieder von vorne los. Weihnachten sucht er wieder ein warmes Fleckchen, doch er wird dabei von anderen Obdachlosen angegriffen, geschlagen und mit dem Messer bedroht. Eine lebensgefährliche Situation! Doch ein wild streunender Hund stürzt aus der Gasse, beisst dem Messerangreifer in die Hand und Philippe ist gerettet. Und ab diesem Moment hat Philippe einen neuen Freund: diesen eher etwas strubbeligen, aber sehr sympathischen und rücksichtsvollen Vierbeiner. Sie beschliessen zusammen zu bleiben und der Hund führt ihn an Schlafplätze, die er niemals allein gefunden hätte. Und nicht nur das. Er lernt durch ihn den Kebab-Verkäufer Bébère kennen. Bei ihm ist der Hund, der übrigens Baudelaire heisst, Stammgast. Bébère hat ihn nach dem berühmten Dichter benannt, weil der dessen Poesie so liebt!

Ab diesem Zeitpunkt fühlt sich für Philippe das Leben wieder besser an. Er ist nicht mehr allein, hat einen „Freund“ und ist immer mehr integriert in diesem Pariser Viertel. Er spürt eine neue Stärke aufsteigen, er wird mutig und zusammen mit dem Hund liest er nun in der Metro Gedichte von Baudelaire:

„Ich singe die armseligen Hunde, die einsam in den gewundenen Schluchten der unermesslichen Städte umherirren, und sie, die dem verlassenen Menschen mit geistvoll blinzelnden Augen sagten: «Nimm mich zu dir, und aus dem Elend von uns beiden machen wir dann vielleicht so etwas wie Glück!»“

Die Geschichte von Philippe entwickelt sich weiter, Baudelaire begleitet ihn und gibt ihm Kraft, bis er schwer krank wird. Doch Philippe entdeckt an sich neue Qualitäten, lernt viele gute Menschen kennen, so dass er vielleicht sogar ganz bald seine geliebte Tochter wieder in die Arme schliessen kann….

„Ein Winter mit Baudelaire“ ist keine banale Hundegeschichte, wo Hund Mensch rettet und dann alles gut wird. Nein, so einfach ist dieser Roman nicht. Es geht hier viel mehr darum, über das Leben von Obdachlosen aufzuklären, dem Leser dieses Milieu näher zu bringen und die Gesellschaft wach zu rütteln, was es bedeutet auf der Strasse zu leben und wie schnell es doch jeden Menschen treffen kann. Harold Cobert hat äusserst genau in der Pariser Obdachlosen-Szene recherchiert. Er verweist so gar am Ende des Buches auf die Institutionen, die sich für Obdachlose einsetzen und diese unterstützen. In Frankreich wurde ein Teil der Tantiemen dieses Buches „Le Fleuron“ gespendet. Dies ist ein Schiff (liegt im 15. Arr. am Seineufer), das mit Hilfe des Malteserordens ins Leben gerufen wurde, und auf welchem Obdachlose mit ihren vierbeinigen Freunden für eine gewissen Zeit wohnen dürfen, um mit Unterstützung vor Ort wieder in das „normale“ Leben zurückfinden zu können.

„Ein Winter mit Baudelaire“ ist ein faszinierender, mitreißender und melancholischer Roman. Er trifft einen tief ins Herz, der Leser leidet mit, die Augen werden feucht und trotzdem fühlt man sich nicht traurig. Harold Cobert weckt den Leser auf mit seiner poetischen und gleichzeitig direkten Sprache. Die Kapitel sind kurz und haben äusserst prägnante Überschriften, das seinem literarischen Stil eine besondere Note verleiht. Der Roman lässt den Leser nicht los, er macht betroffen und regt zum Nachdenken über das Leben und die Toleranz in unserer Gesellschaft an. „Ein Winter mit Baudelaire“ ist ein sehr empfehlenswertes und wunderbares Buch über besondere Menschen und Hunde!

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