Durchgelesen – „Das finstere Tal“ v. Thomas Willmann

Das finstere Tal“ ist ein ungewöhnlicher Roman. Ein Roman, der sich zwischen den drei Genres Heimatroman, Krimi und Western manchmal nicht entscheiden kann und deshalb den Leser extrem in seinen Bann zieht. Die Dramatik dieser Rachegeschichte wird langsam und äusserst subtil aufgebaut, was Thomas Willmann in seinem Debüt-Roman wahrlich grandios gelingt.

Thomas Willmann studierte Musikwissenschaft und machte bereits erste journalistische Erfahrungen während eines Auslandssemesters in den USA. Inzwischen ist er als freier Journalist tätig und hat daneben verschiedene Lehraufträge an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität mit Schwerpunktthema Filmmusik. Seit 2007 ist er auch als Übersetzer tätig.

„Das finstere Tal“ fordert den Leser von der ersten Seite an mit grösster Aufmerksamkeit dem Fremden namens Greider auf dem Weg in ein abgelegenes Tal in den Alpen zu folgen. Die Sprache, die vielleicht anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig ist, da sie sehr bildreich, teilweise etwas schwülstig und altmodisch erscheinen mag, spielt in diesem Roman eine tragende Rolle. Der Hauptprotagonist ist jedoch ein Fremder namens Greider.

Greider erreicht nach einer langen Reise auf seinem Maultier endlich das Hochtal, in dem sich ganz versteckt ein kleines Dorf befindet. Beobachtet von der eingeschworenen Dorfgemeinde reitet er in die Mitte des Dorfes, spürt die Abwehr der Männer, fühlt sich sofort als Eindringling, lässt sich aber nicht weiter dadurch irritieren. Greider fragt nach einem Quartier und erklärt, dass er Maler ist. Nach langem Hin und Her wird ihm auf dem Hof der Witwe Gader, den sie mit ihrer Tochter Luzi bewirtschaftet, eine Unterkunft zugewiesen:

„« Sie san also Maler? » begann sie einen Fragenreigen, mit dem sie Greider so viel als möglich über sich, seine Herkunft, seine Absichten, das Leben in der weiten Welt da draussen entlocken wollte – worauf der ihr nur Antworten bescherte, die zwar höflich und freiheraus daherkamen, die aber doch stets knapp und sehr im Allgemeinen blieben. …. Zugleich nutzte der Gast jede Möglichkeit, seine Antworten in Gegenfragen zu kehren, und hatte mit diesen bei der offenherzigen Frau ergiebigeren Erfolg.“

Dies war auch gleichzeitig die Gelegenheit, das Gespräch auf die sechs Männer zu lenken, die ihn zum Haus der Witwe Gader begleitet hatten. Es stellte sich heraus, dass dies die Söhne des allmächtigen Brenner-Bauern waren. Greider war entschlossen nach und nach das Dorf, die Landschaft, die Bauern, kurzum das ganze Tal zu erkunden. Ausgerüstet mit Pinsel und Leinwand beobachtet er die Menschen und hält malenderweise die eigenartige Stimmung fest. Eine positive Fassade, die sich künstlerisch darstellen lässt, die aber nicht im Geringsten das Böse und Düstere verstecken kann. Alles scheint so in seinen Bahnen zu laufen; die Dorfbewohner beruhigen sich langsam wieder, nachdem der Fremde seinen Platz gefunden hat. Doch plötzlich erschüttert das Dorf eine mysteriöse Todesserie. Zu erst verunglückt der jüngste Sohn des Brenner Bauern beim Holzfällen und dann wird auch noch einer seiner Brüder im Mühlbach tot aufgefunden.

Ab diesem Zeitpunkt vollzieht sich ein Wendepunkt in diesem Roman. Flankiert von dramatischen Flash-Backs beschreibt Greider die Vergangenheit seiner Mutter, die mit diesem Dorf und dem Dorfherrscher Brenner unwiderruflich verknüpft ist. Es beginnt eine dramatische Aufarbeitungsgeschichte, die Greider zum Rächer, aber auch zum Retter werden lässt. Mit aller Gewalt versucht er die inzestuösen Machtstrukturen aufzubrechen. Er tauscht sein Werkzeug. Das Gewehr tritt an die Stelle des Pinsels und der Show-Down beginnt …

„Das finstere Tal“ ist ein grossartiges Werk. Thomas Willmann verleiht seiner besonderen Sprache eine Macht, die man selten im klassischen Heimatroman, Western oder Krimi finden kann. Die wenigen Dialoge bestechen durch ihre Kargheit, die Beschreibungen und Schilderungen der extremsten Situationen werden literarisch auf ein unglaublich hohes Niveau katapultiert, so dass man als Leser vor dieser fantastischen Erzählkunst nur noch den Hut ziehen kann. Die Geschichte ist erschütternd, manchmal fast schon brutal, trotzdem feinsinnig und gleichzeitig sehr imposant.

„Das finstere Tal“ ist ein wahnsinnig spannender und atmosphärisch dichter Roman über Liebe, Tod, Schuld und Vergeltung. Beginnen Sie einfach zu lesen und sie werden das Buch nicht mehr weglegen können, denn sie reiten ab der ersten Seite durch einen schaurig-schönen Heimatroman über einen subtilen Krimi in einen dramatischen Western hinein!

Advertisements