Durchgelesen – „Mein Leben in Aspik“ v. Steven Uhly

„Mein Leben in Aspik“ ist der grandiose Debütroman von Steven Uhly. Er selbst ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur, war Leiter eines Instituts in Brasilien und übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Zur Zeit lebt er in München.

Dieses Stück Literatur handelt von einer sehr schrägen und lügenbehafteten Familiengeschichte, bei der es ganz schön knallt. Der Leser sollte auf jeden Fall offen für alles sein. Er sollte neugierig und humorvoll sein und es mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Und er sollte während der Lektüre seinen Moralvorstellungen einen kurzen Urlaub gönnen, was für manche Passagen in diesem Buch sehr hilfreich sein könnte.

Der Roman fängt noch verhältnismässig harmlos an, indem der Ich-Erzähler, ein junger Mann zwischen 25 und 30 Jahre, sich an seine Kindheit erinnert, in der seine Oma ein sehr wichtige Rolle gespielt hat. Sie erzählte ihm im Alter von 9 Jahren als sogenannte Gute-Nacht-Geschichten von ihren Mordplänen bezüglich seines Opas. Wie könnte es funktionieren? Sie wollte ihn vielleicht verhungern lassen, dass wäre eventuell ihr Lieblingsmordplan. Sie schmiedete viele neue Pläne über mehrere Jahre hin bis sie mal fast sechs Monate darüber nichts mehr ihrem Enkel erzählte. Ja und dann war der Opa plötzlich tot.

Danach war die Oma bestens gelaunt und kümmerte sich nun um die sexuelle Aufklärung ihres Enkels, der gerade seine erste Liebe durchlebte. Der Ich-Erzähler wohnte mit seiner Mutter und Oma unter einem Dach, doch die Verbindung zu seiner Mutter war nicht die aller Beste. Erst später als der Ich-Erzähler bereits nach seinem Abitur und wegen seines Philosophie-Studiums nach Köln zog, besuchte ihn seine Mutter, die ständig in Deutschland unterwegs war auf der Suche nach einem passenden Mann. Dieser Besuch war eine Gelegenheit, seine Mutter endlich mal zu fragen, ob sie eigentlich noch seinen Vater liebt:

„«Aber Mama! Ich wollte es nur wissen», versuchte ich sie zu beschwichtigen. …. «Mama, es ist mir ganz egal, was zwischen euch passiert ist, das heisst, nein, es ist mir nicht egal, im Gegenteil: Ich will endlich wissen, was zwischen euch passiert ist!» … «Dein Vater hatte ein Verhältnis mit deiner Oma», sagte sie gepresst. ….«Was?», entfuhr es mir. Dann musste ich lachen, ich musste so laut lachen, dass meine Mutter mich mit offenen Mund anstarrte, während ihr Tränen übers Gesicht liefen.“

Seine Oma hatte tatsächlich ein Verhältnis mit seinem Vater und wurde auch noch vom ihm geschwängert . Sie bekam heimlich eine Tochter, die jetzt bei ihrem Vater lebte. Die Tochter war gleichzeitig nun auch die Schwester seiner Mutter und er war ihr Halbbruder, sie war aber auch noch seine Halbtante. Er kündigte seine Wohnung in Köln und fuhr nach Berlin, um seine Halbschwester und um seinen Vater, der übrigens Spanier war, aufzusuchen. Und dann begann das eigentliche Familien-Enthüllungsabenteuer, das den Leser nur noch stauen und Kopfschütteln, aber auch sehr oft laut lachen lässt.

Der Ich-Erzähler verliebt sich in seine Halbschwester, die von ihm auch noch ein Kind bekommt, wobei auch ihr Vater als Kindsvater in Frage kommen könnte. Der Enkel schwängert auf äusserst ungewöhnliche Weise  auch noch seine Oma und die indische Verlobte seines Vaters. Dieser will seine Verlobte eigentlich gar nicht heiraten, sondern hat es eher auf deren Mutter abgesehen. Die Hochzeit platzt zwischen Vater und Verlobte wegen eines Unfalls, bei dem die Halbschwester vom Ich-Erzähler bzw. die Tochter der Oma ins Koma fällt. Dafür heiratet er nach indischen Ritus die Tochter der Geliebten seines Vaters usw. Sodom und Gomorrha lassen grüssen, aber das ist noch lange nicht alles.

Die Geschichte entwickelt sich turbulent weiter. Der Ich-Erzähler muss unter anderem erkennen, dass sein Vater ein sehr bekannter Bordell-Besitzer in Berlin ist. Er versucht immer mehr diesen Enthüllungen zu entfliehen, obwohl er trotzdem endlich alles über seine Familie wissen will. Bei jedem sogenannten seelischen „Fluchtversuch“ wird er ohnmächtig, was ihn oft noch in verzwicktere Situationen bringt, als man sich überhaupt ausmalen kann. Vor allem immer dann, wenn er seine Halbschwester küsst, überfallen ihn eigenartige Visionen, in denen die dramatischen Szenen seiner Familiengeschichte gezeigt werden, die auch seine Ermordung einschliesst. Doch glücklicherweise werden diese Visionen nur teilweise Realität.

Man könnte denken, diese Geschichte ist haarsträubend und total verrückt. Vielleicht ist sie es auch, aber sie ist so klug konstruiert und extrem schnell komponiert, dass es einem beim Lesen den Atem raubt und man das Gefühl hat, in einer Achterbahn zu sitzen. Der Roman hat keine Kapitel. Er beginnt direkt und endet nach 260 Seiten genauso direkt, somit kann man gar nicht anders, als dieses Buch in einem Zug durchzulesen. Die flotten und treffsicheren Dialoge, die ständig neuen inhaltlichen Entwicklungen, all dies reisst den Leser mit, auch wenn man sich zwischendurch so manche Frage nach Moral stellen möchte, aber gar keine Zeit hat, diese noch zu beantworten.

„Mein Leben in Aspik“ zeigt dem Leser wie wichtig es ist, seine Familiengeschichte zu enthüllen und sich auch nicht vor schlimmeren Überraschungen zu fürchten, die plötzlich ganz ungewollt zum Vorschein kommen könnten. Hier geht es letztendlich für den Ich-Erzähler nur um eins: Was hat mehr Bedeutung – die grosse tiefe Liebe oder der schnelle leichte Sex? Um dies herauszufinden sollten Sie dieses Buch lesen. Tauchen Sie ein in die moralischen und gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen dieses genialen Romans! Sie müssen zwar mit viel Chaos und Katastrophen rechnen, doch Sie werden es auf keinen Fall bereuen!

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