Durchgeblättert – „Meine wunderbare Buchhandlung“ v. Dirk Kruse

Geniessen wir nicht gerne die Momente in unserer Lieblingsbuchhandlung? Zeit zum Schmökern, ein Ort des Vertrauens, vielleicht sogar das zweite „Wohnzimmer“. Genau dies kann dem Leser und Buchkunden seine wunderbare Buchhandlung bieten. Doch dazu gehört auch noch der Mensch, der diese Buchhandlung einzigartig macht, nämlich der Buchhändler. Eine belesene Person mit viel Verständnis, mit Geduld und Muse, die sich nicht abschrecken lässt von schwierigen Kunden und komplizierten Bibliographieaufgaben. Ein Menschenkenner, der weiss, was der Kunde, der gerade in diesem Moment seine Buchhandlung betritt, gerne liest. Doch, was denken Autoren über ihren Buchhändler und über ihre Buchhandlung?

Ja und genau für diese Frage suchte Dirk Kruse eine passende Antwort. Er studierte Germanistik, Politik- und Theaterwissenschaften. Seit 1995 ist er hauptberuflich als Literatur- und Theaterkritiker für den Bayerischen Rundfunk tätig. Er hat bereits zwei erfolgreiche Kriminalromane verfasst und hat mit seinem Buch „Meine wunderbare Buchhandlung“ die aller erste Anthologie über Geschichten von Buchhändlern und Buchhandlungen herausgegeben. Er selbst findet alle Arten von Buchhandlungen, ob Grosskette, Discounter oder Kleinbuchhandlung spannend: „Ich kaufe in all diesen Läden, in manchen selten, in anderen oft. Aber definitiv gehe ich häufiger in eine Buchhandlung als in eine Metzgerei.“

Eine interessante Tatsache. Es zählt hier mehr die geistige Nahrung. Somit war für ihn klar, dass es nicht nur Geschichtensammlungen über Lesen und Bücher geben kann, sondern es Zeit ist für eine Anthologie über Buchhandlungen. Kruse konnte 14 Autoren gewinnen, dafür ihre Erzählkunst einzusetzen und Geschichten zu schreiben, die teilweise fiktiv, aber auch sehr realistisch sind. Der Band bietet nun 17 Erzählungen und Essays über „wunderbare Buchhandlungen“. Es werden witzige, satirische, kuriose und nachdenkenswerte Begebenheiten geschildert.

Martin Suter berichtet in „Plagiator auf Lesereise“ über eine sehr schwierige Lesung in einem kleinen Ort. Er sollte von der ortsansässigen Buchhändlerin am Bahnhof abgeholt werden, aber leider ist da niemand bei seiner Ankunft. Er war gerade dabei die Nummer der Buchhandlung zu wählen, da wird er angesprochen: „«Ich habe Sie mir viel kleiner vorgestellt», erklärte sie, als sie ihm die Hand schüttelte. «Ich habe Sie auf dem Bahnsteig gesehen, aber weil Sie so gross waren, habe ich nicht auf Ihr Gesicht geachtet. Erst jetzt, als Sie sassen, habe ich Sie erkannt. Ich schlage vor, ich bringe Sie zuerst ins Hotel.»“ Das Hotel entpuppt sich als sehr spartanisch und die Lesung bringt so einige Überraschungen mit sich…

Rolf-Bernhard Essig gibt dem Leser mit seiner skurrilen Mischung aus einseitigem Dialog und innerem Monolog Einblicke in die dunkle Seele einer Buchhändlerin. Ein Kunde – Autoverkäufer – sucht ein Buch: „«Ein Buch? Also davon haben wir eine ganze Menge. Ginge es noch eine Spur genauer? An was dachten Sie denn?» Wie komme ich nur darauf, dass er denken kann. Sprechen, ja, aber höhere, meinetwegen mittlere Hirntätigkeiten – ich weiss nicht, ich weiss nicht. Warum gerate immer ich an solche Schrate? Auf die Weise kann das Jahre dauern. Und in 20 Minuten ist Ladenschluss. Ich wäre jetzt einfach im Lager verschwunden. Hätte dort hinten ein wenig mehr Ordnung reinbringen können. Und dann endlich heimgehen, jedenfalls weit weg von Umstandskramern wie dem hier.“ Die Buchhändlerin ist fast am Verzweifeln, denn der Kunde sucht eine Liebesgeschichte, die verfilmt ist. Er kennt weder den Autor, noch den Titel. Doch die Buchhändlerin wird fündig, allerdings unter sehr schwierigen Bedingungen und mit interessanten Konsequenzen….

Neben diesen zwei Beispielen erzählen unter anderen noch Thommie Bayer, Ulla Hahn, Eckhard Henscheid, Michael Kleeberg, Herbert Rosendorfer und Hans-Ulrich Treichel von Ihren Erfahrungen und Erlebnissen aus einer „wunderbaren Buchhandlung“.

Nicht nur wegen der bibliophilen Ausstattung (Leineneinband mit Lesebändchen) ist dieser attraktive Geschichtenband eine sehr liebevoll, aber auch anspruchsvoll komponierte Anthologie. Es geht um den Ort – Buchhandlung – als Mythos. Hier weiss der Buchhändler noch über den Inhalt  „seiner“ Bücher Bescheid. Hier spürt man die Lebendigkeit, die durch Bücher entsteht. Und der Leser erkennt die wahre Ästhetik des Buchhandels! „Meine wunderbare Buchhandlung“ ist eine echte Hommage an Buchhandlungen, Buchhändler und Antiquare voller Leidenschaft, Humor und einem Hauch Nostalgie. Keinesfalls nur ein Buch für Buchhändler, die sich sicherlich in manchen Geschichten wiedererkennen mögen. Diese Anthologie ist eine echte Liebeserklärung an das vielleicht schönste und abwechslungsreichste Metier und bietet jedem Bücherfreund ein poetisches Vergnügen!

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