Durchgelesen – „Die verborgene Ordnung der Dinge“ v. François Gantheret

François Gantheret ist in Frankreich ein sehr hochgeschätzter Schriftsteller und bekannter Psychoanalytiker. Er war Professor für Psychopathologie an der Universität Paris VII. Für seinen ersten Roman „Verlorene Körper“ erhielt er 2004 den „Prix Ulysse“ und 2005 den „Prix Cinélect“. Sein Roman „Das Gedächtnis des Wassers“ wurde 2007 mit dem „Prix Littéraire Rosine Perrier“ ausgezeichnet. Er schreibt und lebt in Paris.

„Die verborgene Ordnung der Dinge“ ist ein besonderes Stück französischer Literatur, kein Buch zum Schnell-Lesen, auch wenn es nur knapp 180 Seiten stark ist. Es ist ein Werk für Sprachgeniesser, für Literaten und für Liebhaber spannungsreicher Schreibkunst.

Der Roman ist in der dritten Person erzählt, wodurch vielleicht der Lese-Einstieg am Anfang etwas schwierig und langsam beginnen könnte. Aber spätestens nach den ersten Seiten spürt man die Anziehung und Kraft der poetischen Sprache, die den Leser eintauchen lässt in eine hoch reizvolle Dramatik, welche ihn bis zur letzten Zeile in den Bann hält.

Die Geschichte spielt in Paris. Jean, Verleger, und Anne, eine erfolgreiche Künstlerin, waren seit vier Jahren ein Paar bis zu dem Zeitpunkt, als Jean eines Morgens seine Frau Anne tot in ihrem Atelier findet. Und genau an diesem  für sie so wichtigen Ort hat sie sich umgebracht. Jean ist verstört, fassungslos und geschockt. Er stürzt in eine tiefe und fast schon endlose Trauer. Tausende von Fragen kreisen in seinem Kopf nur um das Warum:

„Er hatte nichts bemerkt, nichts vermutet, aber er hätte etwas bemerken können? Musste sich dieser Tod nicht heimlich angeschlichen, sich in Worten, Gesten, in ihrem Gesicht oder in ihren Augen angedeutet haben? In ihren rauchgrauen Augen, die immer abwesend, irgendwo anders waren, selbst wenn sie mit ihm sprach? Sind sie dorthin gewandert, zu diesem Punkt ohne Wiederkehr?“

Doch eines irritiert ihn fast noch mehr als der Tod von Anne selbst. Das Handy seiner verstorbenen Frau läutet ständig. Immer wieder hört er die Klingelmelodie „Für Elise“ und jedes Mal, wenn er abnimmt, ist auf der anderen Seite der Leitung absolute Stille. Nur manchmal hat er das Gefühl, als würde er in diesem Schweigen eine Frauenstimme erkennen. Er spricht eine neue Ansage auf ihre Mailbox mit seinem Namen. Der Anrufer hinterlässt jedoch nach wie vor keine Nachricht. Am Liebsten würde er das Telefon ausschalten. Seine Freunde raten ihm, es wegzuwerfen. Nein, er behält es und lässt es weiterhin eingeschaltet.

Als er nach einer sehr schmerzhaften Trauerzeit endlich wieder seine Arbeit im Verlagshaus aufnimmt, wird er sehr herzlich von seiner Sekretärin Eva empfangen, die er bis jetzt als Frau nie so richtig wahrgenommen hat. Jean erzählt ihr bei einem Mittagessen von der anonymen Anruferin. Eva, die ihren Chef mehr als verehrt, zeigt sich sofort sehr engagiert und findet heraus, von wem diese Anrufe kommen.

Mit der Adresse ausgerüstet fährt Jean in das 12. Arrondissement. Am Ende einer Sackgasse steht er vor einem Haus mit einem kleinen aber sehr gepflegten Garten und beobachtet die Fenster. Als er läutet und eine junge Frau die Tür öffnet, ist er vollkommen irritiert. Vor ihm steht das perfekte Ebenbild seiner Frau. Diese frappierende Ähnlichkeit und seine Verwirrtheit lassen ihn taumeln. Zuerst noch vollkommen verunsichert, erkennt er plötzlich, dass diese junge Frau mit dem Namen Marie, die Zwillingsschwester seiner geliebten Anne ist. Doch Marie ist blind:

„Ihre Augen. Blassgrau, wie die von Anne, aber eben nur «wie». Ein noch blasseres Grau, verwaschen, fast weiss. Und vor allem unbelebt. Milchig, trotz der Helligkeit. Augen wie Nebel. Je näher er kommt, umso mehr fällt ihm auf, dass ihr Blick ihn noch immer nicht  fixiert, sondern über ihn hinweggeht. Ihm wird klar, dass sie blind ist. Ein Schock, aber auch eine Erleichterung. – Marie Fonesca? – Ja, sagt sie. Sie sind Jean Latran. Ich erkenne Ihre Stimme wieder. Kommen Sie rein. Sie tritt zurück. Gedankenleer, wie ein Automat, geht er hinein.“

Die ganzen Jahre hat er nichts von Anne’s Zwillingsschwester gewusst. Warum hat sie ihm dies verheimlicht? Warum hat sie nie über ihre Familie gesprochen? Jean spürt, dass Anne ein Geheimnis verbarg und dass dieses Geheimnis eventuell mit ihrem Tod zu tun hat. Einerseits fühlt er eine Ablehnung gegenüber Marie, andererseits treibt ihn die Neugierde immer wieder zu ihr hin. Gemeinsam mit seiner Sekretärin Eva, die inzwischen immer mehr ihre Zuneigung zu ihrem Chef zeigt, versucht er, das Familiengeheimnis von Anne aufzudecken. Es geht um die Vergangenheit von drei Frauen, in erster Linie von Anne und Marie, aber auch von Eva, die ihren Chef liebt. Das psychodramatische Geheimnis enthüllt sich Schritt für Schritt…

François Gantheret baut einen subtilen Spannungsbogen auf, der durch seinen psychoanalytischen Blick eine besondere Dimension erreicht. Es geht um Selbstzerstörung und Zerstörung eines Anderen. Gefühle werden unterdrückt und kommen geballt zurück. Schweigen und Reden als Instrument der Psychoanalyse werden hier als Stilmittel eingesetzt. Das Buch ist keine leichte Kost. Man sollte es konzentriert lesen und sich ganz bewusst auf die einzelnen Figuren einlassen, um die emotionale Intensität dieses Romans nachhaltig zu erleben. „Die verborgene Ordnung der Dinge“ bietet dem Leser trotz der menschlichen Tristesse, aber Dank der raffiniert inhaltlichen und sprachgewaltigen Dramatik, ein sehr anspruchsvolles, äusserst fesselndes und unvergessliches Leseerlebnis.

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