Durchgeblättert – „Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit“

Marcel Proust, berühmt geworden durch seinen siebenbändigen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wusste wie kein anderer Autor seine Fähigkeit, die Kunst als Stilmittel in der Literatur zu verwenden, einzusetzen. Seine Figuren und Protagonisten lässt er mit Hilfe erinnerter Bilder Neues erleben. Somit entsteht nicht nur ein Roman, sondern ganz nebenbei noch eine Kunstgeschichte, die den Leser in faszinierende Welten begleitet.

„Mein Buch ist ein Gemälde“, hat Proust an Jean Cocteau geschrieben.

Und eben genau diesen Welten in Form von Bildern berühmter Meisterwerke, hat  sich Eric Karpeles gewidmet und eine beeindruckende Zusammenstellung dieser Gemälde aus Proust’s Verlorener Zeit dem Proustkenner, aber auch dem Proustneuentdecker geschenkt.

Dieses Buch ist ein sehr umfassendes Kunstbuch, das sich auf aussergewöhnliche Weise zum ersten Mal mit der engen Beziehung zwischen Malerei und Literatur in Proust’s Meisterwerk auseinandersetzt. Der Leser lernt beispielsweise die „Engel“ von Botticelli, die „Kurtisanen“ von Manet und die „Seerosen“ von Monet kennen.

Über 200 Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen und Stichen kann man entdecken, die ergänzt werden durch ein sehr informatives Einführungsessay und durch weiterführende zum Teil sehr amüsante Erläuterungen. Das Besondere jedoch an dieser Kunstgeschichte ist, dass jedes Kunstwerk mit dem passenden Zitat aus „Der Suche nach der verlorenen Zeit“ ergänzt bzw. kommentiert wird.

„Ich ging auf die Allée des Acacias zu. … Denn die Bäume lebten ihr Eigenleben weiter, und wenn sie keine Blätter mehr hatten, so strahlte es nur um so leuchtender aus der Hülle von grünem Samt, die ihre Stämme umgab, oder dem weissen Email der kugeligen Misteln, die hier und da in den Kronen der Pappeln hingen, rund wie Sonne und Mond in Michelangelos Erschaffung der Welt.“ (aus „In Swanns Welt“ und Michelangelo, „Gott erschafft Sonne und Mond“)

Eric Karpeles ist selbst Maler, studierte unter anderem an der Oxford University und lebte in den siebziger Jahren als Stipendiat an der Cité Internationale des Arts in Paris. Er wohnt in Kalifonieren und widmet sich dem Schreiben über Malerei.

Dies ist mehr als ein faszinierendes und besonders ästhetisches Kunstbuch, denn in diesem Werk werden die Bilder aus dem proustschen Universum zum ersten Mal lebendig und sichtbar. Ein Handbuch der europäischen Kunstgeschichte, eine proustsche Bibel der Malerei und vorallem ein ganz persönliches und intimes Museum!

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