Durchgelesen – „Vier Äpfel“ v. David Wagner

Dieses schmale Buch könnte im ersten Augenblick eine soziologische Studie über die Produkte eines Supermarktes sein. Doch es ist weit mehr. Es ist ein Stück feinster Literatur, die den Leser gleich mit dem ersten Satz: „Lange bin ich gar nicht gern in Supermärkte gegangen.“ so sehr an den Beginn der Proust’schen Recherche erinnert: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“.

Ja und diese Gemeinsamkeit ist nicht die Einzige. David Wagner konzentriert sich genau wie Proust auf die Beschreibung der alltäglichen und vollkommen unwichtigen Dinge. Seine intensive, aber gleichzeitig leichtfüssige Beobachtungsgabe machen den Leser neugierig!

Eigentlich ist es die Geschichte seiner vorlorenen Liebe zu L., an die er während seinen Einkaufs immer wieder erinnert wird. Doch das Schlüsselerlebnis sind die „vier Äpfel“, die er auf die Waage legt und diese zeigt erstaunlicher Weise genau 1000 g an. Und ab diesem Moment beginnt er darüber nachzudenken, warum genau jeder dieser Äpfel 250 g wiegt. Er ist verunsichert:

„Ich mutmasse, dass ohnehin nur fast perfekte, um die zweihunderfünfzig Gramm wiegende Äpfel in die Supermarkt-regale gelangen. Hier liegt die Apfelelite, während andere, weniger ansehliche Exemplare in Fertigkuchen verbacken oder zu naturtrüben Saft gepresst werden oder, Apfelschicksale, in heissen Apfeltaschen enden.“

Er kauft weiter ein und wird durch andere Produkte, wie zum Beispiel durch Nudeln wieder gedanklich mit L. konfrontiert. Sie verfolgt ihn wie ein Gespenst durch den Supermarkt und diese Assoziationen lassen ihn immer melancholischer und verzweifelter werden:

„Ob ich jemals zur Kasse finden werde, weiss ich nicht. Ich könnte immer wieder dieselbe Runde durch die drei, vier Gänge drehen – gegen den Uhrzeigersinn und immer wieder an den Fertignudel-sossen, dem Zucker und den Tütensuppen vorbei – und nie, Stunden, Tage, Jahre nicht, zur Kasse finden.“

David Wagner ist ein wunderbarer Beobachter, ein „Flaneur im Supermarkt“, der – obwohl der Ich-Erzähler seine Traurigkeit nicht versteckt – voller Witz und Humor den Leser an seinen Eindrücken teilhaben lässt.

Ein Roman, in dem das Einkaufen in einem Supermarkt, so unglaublich schön, skurril, messerscharf, philosophisch hintergründig und gleichzeitig amüsant beschrieben wird. Ein Buch mit sehr grosser Wirkung, die der Leser bei seinem nächsten Besuch im Supermarkt sofort spüren wird.

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