Durchgelesen – „Am Anfang war die Nacht Musik“ v. A. Walser und „Mein Jenseits“ v. M. Walser

Alissa Walser, Am Anfang war die Nacht Musik: Ein erstaunlicher Roman mit einer erstaunlichen Sprache. Sie ist schwülstig, gestelzt, hat aber trotzem einen unglaublich starken Rhythmus, der den Leser mitnimmt. Der Roman spielt in Wien im Jahre 1777. Es geht um den berühmten Arzt Franz Anton Mesmer, der die blinde Pianistin und Sängerin Maria Theresia heilen soll. Er nimmt sie auf in sein magnetischen Hospital. Sie fühlt sich zum ersten Mal befreit, weg vom ständigen Druck, noch besser Klavier zu spielen. Und vor allem weg von ihrer Familie. Mesmer hofft mit Hilfe der Heilung endlich den medizinischen Durchbruch zu erreichen. Arzt und Patientin entdecken ihre gemeinsame Liebe zur Musik und die ersten Heilerfolge sind zu erkennen. Doch es kommt zu einen Medizin-Skandal. Man spürt hier in diesem Roman sehr deutlich, was für ein wunderbares Werkzug Sprache sein kann: „Gedanken, denkt er, sind wie Arznei. Falsch dosiert, und man geht zugrunde daran.“ Ein Buch für Musikliebhaber und nicht nur für Freunde historischer Romane.

Martin Walser, Mein Jenseits: Eine Novelle über „Glauben“. Der Hauptprotagonist ist Augustin Feinlein, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen. Er hat Probleme mit dem Älterwerden, deshalb hat er aufgehört ab seinem 63. Geburtstag weiter zu zählen. Feinlein hat Schwierigkeiten mit seinem Oberarzt Dr. Bruderhofer. Dieser hat seine grosse Liebe Eva Maria geheiratet. Sie war zuvor mit Feinlein verlobt, heiratete dann den Grafen Wigolfing und nachdem dieser an der Eiger Nordwand verunglückte, wurde sie die Frau des 18 Jahre jüngeren Dr. Bruderhofer. Und sie schreibt immer noch Postkarten an Feinlein mit dem Abschluss “ In Liebe“. Und das versucht er zu glauben, nein er glaubt es! „Eine Sekunde Glauben ist mir tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt.“ Und Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.“ Die Geschichte ist so skuril und der Held ist gleichzeitig eine komische und traurige Gestalt. Am Schluss wird August Feinlein in sein eigenes Psychiatrisches Landeskrankenhaus eingeliefert, doch warum? Ein schmales, aber sehr intensives und starkes Buch!

Man spürt bei beiden Büchern, die Tochter des Vaters, aber auch den Vater der Tochter. Übrigens ist dies der erste Roman von Alissa Walser. Sie hat 1992 für eine Erzählung den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten.

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