Durchgeblättert – “Lady Earl Grey” v. Hanns Zischler

Der Mensch ist eigentlich ein sehr tierliebes Wesen. Er bevorzugt Katzen und Hunde, doch manchmal wird er nicht ganz freiwillig von manch anderen tierischen Untermietern, wie Ameisen und Mäusen, konfrontiert. Dies löst in der Regel Entsetzen aus und der spontane Hilferuf nach einem Kammerjäger liegt sehr nahe. Ausser man begegnet so ganz – en passant – in seinem Haus einer sehr gebildeteten und äusserst charmanten Mäusedame, wie sie Hanns Zischler in diesem zauberhaften Märchen für Erwachsene zum Leben und vor allem zum Sprechen erweckt hat.

Hanns Zischler (geb. 1947) zählt zu den bedeutendsten Filmschauspielern Deutschlands. Er hat in mehr als 50 Filmen mitgewirkt und mit Regisseuren wie beispielsweise Wim Wenders, Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Steven Spielberg, Caroline Link gearbeitet. Doch Hanns Zischler ist neben diesem Beruf auch noch Hörspielsprecher, Dramaturg, Fotograf, Übersetzer und Essayist. Nach seinem Abitur studierte er neben Ethnologie und Musikwissenschaft auch Philosophie und Germanistik. Bevor er sich dem Theater widmete, arbeitete er bereits als Lektor und Übersetzer von französischen Philosophen. 1996 wurde sein Werk « Kafka geht ins Kino » veröffentlicht, welches Zischler auch als Autor berühmt machte. Er  wurde mit dem Heinrich-Mann Preis und mit dem deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Ganz aktuell ist nun sein neuestes Buch « Lady Earl Grey » erschienen, das er zusammen mit dem Maler und Grafiker Hanno Rink kreiert hat.

« Lady Earl Grey » ist die Geschichte einer – wie der Name schon sagt – besonderen Dame von adeligem Geschlecht. Ja es handelt sich hier um eine ganz ungewöhnliche Lady, nämlich um eine kleine, aber dafür sehr intellektuell wirkende Maus. Russla, der Hausbesitzer, begegnet ihr ganz zufällig eines Morgens auf der Treppe. Er ist gerade – noch etwas schlaftrunken – auf dem Weg in die Bibliothek und da steht sie plötzlich vor ihm, diese kleine Maus, und wartet darauf, was passiert. Russla erkundigt sich ganz entspannt nach ihrem Namen. Lady Earl Grey stellt sich vor und erklärt ihm gleich, dass sie obdachlos ist, da ihr altes Zuhause durch ein Feuer vernichtet wurde. Tja und so kommen die beiden ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass Lady Earl Grey nicht nur neugierig, sondern sich auch sehr für Literatur interessiert und deshalb unbedingt wissen möchte, welches Buch Russla denn in seiner Hand hielt. Er las gerade « Das Kummerfell » von Balzac. Lady Earl Grey ist begeistert, berichtet von ihren französischen Vorfahren und ihrer Liebe zu Balzac. Russla ist ganz hin und weg und kann es kaum glauben, dass eine Maus auch noch lesen kann :

« “Ob Wir lesen können ?! Es gibt ja noch etwas anderes als Leseratten in der Welt ! Unser Volk hat sich ganze Bibliotheken einverleibt. Alle reden von Alexandria… Von Uns spricht keiner – oder nur verächtlich. Geschriebenes wie Gedrucktes, Wir schrecken vor nichts zurück. In Papierdingen sind Wir buchstäblich Allesfresser.” »

Nach weiteren intensiven Diskussionen über das Lesen und die Bedeutung des Menschen, klingelt es an der Tür und eine Katze mit rot samtigen Fell stürzt in das Haus und schmeichelt sich an Russlas Beine. Der Kater – sehr selbstbewusst – marschiert in die Küche, während Lady Earl Grey sich ganz schnell in der Morgenmanteltasche von Russla versteckt hatte.

Eine Maus und eine Katze in einem Haus und dann noch so « nah » vereint, welch ungewöhnliche Konstellation. Es war fast wie eine Art Gipfeltreffen unter Feinden. Ein Katz- und Maus-Spiel oder ein Maus-Katz-Spiel. Jetzt war Russla gefordert. Rotpetar, das war der Name des Katers, konnte seine Kommentare nicht zurückhalten und merkte sofort, dass hier in diesem Haus noch jemand anderes gewesen sein musste :

« “Wer war hier ??” Er starrte mich mit grossen Augen an.
“Lady Earl Grey “, sagte ich.
“Du kennst Lady Earl Grey??!!”, rief Rotpetar aus, “du kennst die Königin der Mäuse?!”»

Lady Earl Grey hatte es also faustdick hinter ihren kleinen Öhrchen, das wusste bereits der Kater, nur Russla war vollkommen ahnungslos und liess sich von « seiner » charmanten Mäusedame vollkommen um den Finger wickeln ….

Mit « Lady Earl Grey » hat Hanns Zischler ein so charmantes kleines « Bilderbuch-Märchen » für Erwachsene geschrieben, das sich nicht nur mit dem Thema Lesen, sondern auch mit der Philosophie des Lebens auf ganz besonders espritvolle Weise beschäftigt. Selten werden wir als Leser eine so originelle und freche Heldin in der Literatur wiederfinden, wie diese kleine und kluge Treppenmaus.

Hanns Zischler jongliert gekonnt wie ein Artist mit dem Facettenreichtum der Sprache, versetzt uns ein wenig in die vornehme adelige Zeit und präsentiert uns eine Maus, die mit ihrer distinguierten Rhetorik alle Register zieht und uns von der ersten Sekunde an begeistert und beglückt. Die traumhaft schönen Pinselzeichnungen von Hanno Rink unterstreichen die Eleganz dieser wundervollen märchenhaften Geschichte und geben nicht nur der Hauptprotagonistin, sondern auch allen Mitwirkenden dieses Märchens ein prägnantes Profil.

« Lady Earl Grey » ist das ideale Buch für Liebhaber besonderer und amüsant feinsinniger Literatur. Dieses kleine grosse Werk vermittelt auf höchst vergnügliche Weise interessante Erkenntnisse über die Frage : wer ist eigentlich der Herr im Hause? Und es verzaubert den Leser und entlässt ihn nach der Lektüre mit einem beschwingten Lächeln und einem so wunderbar warmen und märchenhaften Glücksgefühl !

Durchgeblättert – “Wozu lesen?” v. Charles Dantzig

« Wozu lesen? » Diese Frage sollte man sich als Leser unbedingt stellen, auch wenn es mehr als schwierig sein könnte, die richtige und vor allem persönliche Antwort darauf zu finden. Bevor Sie jetzt jedoch zu sehr ins Grübeln kommen, nehmen Sie einfach dieses Buch von Charles Dantzig und folgen Sie ihm auf eine ganz besondere «  Lese-Reise ».

« Wozu lesen » ist eine sehr bibliophil (edelster Leineneinband) gestaltete Sammlung kleiner feuilletonistischer Essays, die sich mit der im Titel gestellten und äusserst nachdenkenswerten Frage beschäftigt. Es geht hier jedoch nicht um das Lesen im Allgemeinen, sondern nur um das Lesen von Literatur.

Charles Dantzig gibt in diesem teilweise sehr amüsant bissigen Werk keine konkret allgemein gültige Antwort auf die Frage, sondern er schreibt seine ganz persönliche Meinung über sein Leseverhalten und den Leser an sich, die positiv, negativ, ironisch und teilweise sehr böse ausfällt, aber letztendlich immer das Wichtigste aller Ziele nie aus den Augen verliert, nämlich das Lesen!

Charles Dantzig, geboren 1961, studierte nach dem Abitur Jura, krönte sein Studium mit einer Doktorarbeit in Toulouse, ging anschliessend nach Paris – wo er auch heute noch lebt – und begann als Lektor bei « Belles Lettres ». Hier veröffentlichte er zum ersten Mal auf französisch eine Gedichtsammlung von F.S. Fitzgerald. Er publizierte eine Fülle von Romanen, Essays und Lyrik. Dantzig wird mit vielen Literaturpreisen geehrt. 2005 erhielt er unter anderem für sein Werk « Dictionnaire égoïste de la littérature française » den Prix de l’Essai de l’Académie française. 2010 wird er mit dem Grand Prix Jean-Giono für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Charles Dantzig gehört zu den ganz Grossen der französischen Kulturszene. Seit September 2011 ist er, neben seiner langjährigen Tätigkeit als Lektor im Verlag Grasset, Feuilletonist bei der Zeitschrift « Magazine littéraire ». Zum allerersten Mal erscheint nun mit dem Werk « Wozu lesen ? » ein Buch von Charles Dantzig in deutscher Sprache, das von Sabine Schwenk hervorragend übersetzt wurde!

Charles Dantzig berichtet in mehr als 70 kurzen und prägnanten Essays über seine Lesegewohnheiten, Leseerfahrungen und seine Vorstellungen, was es überhaupt bedeuten könnte, ein guter Leser zu sein.

Die erste Antwort auf die Frage « Warum lese ich ? » lautet: « Ich lese wohl so, wie ich auch gehe. » Charles Dantzig gehört zu den Menschen, die auch beim Gehen lesen, auch wenn er immer mal wieder beispielsweise durch eine Parkuhr mehr oder minder schmerzhaft abgebremst wird. Lesen ist für ihn eine besondere Form der « Bewegung », nämlich seine Bewegung, denn als Kind hat es er schon immer vorgezogen, ein Buch zu lesen, als im Garten zu spielen, geschweige denn Sport zu treiben.

Lesen ist eine intensive Beschäftigung. Bei mancher Lektüre könnte man meinen, dass das Lesen den Leser irgendwie positiv verändert, doch das sieht Dantzig nun gar nicht :

« Das Lesen verändert uns kaum. Vielleicht veredelt es uns ein bisschen, aber ein Drecksack ist und bleibt ein Drecksack, auch wenn er Racine gelesen hat. Aus einem ungebildeten Drecksack ist dann allenfalls ein aufpolierter Drecksack geworden. »

Auch wenn die Veränderung durch die Lektüre nicht zutrifft, ist für Charles Dantzig eines ganz klar: Lesen hat etwas mit Liebe zu tun, ja man könnte sagen, dass es gut ist, wenn man nur aus Liebe liest. Aber nicht nur Liebe, auch wahre Freundschaft kann zwischen dem Leser und dem Schriftsteller entstehen.

Dantzig liest ständig. Sein Leben ist das Lesen. Und genau deshalb will er uns keinesfalls die hundert besten Tipps zum sinnvollen und erfüllenden Lesen liefern. Er berichtet von seinen Lesemomenten, von Schriftstellern, von Buchhandlungen, von Träumen und Visionen, was uns Leser jedoch ungewollt animiert, über unsere ganz persönlichen Leseerfahrungen nachzudenken. Wir spüren bei der Lektüre dieser feuilletonistischen Miniaturen seine fast schon grenzenlose Liebe zu Balzac, Proust und Stendhal, seine differenzierte Verehrung für Thomas Bernhard, seine Probleme mit Marguerite Duras, aber auch seine klare Abneigung zu Céline und anderen Autoren, bei denen es eigentlich nur um sogenannte Beststeller-Produzenten geht. Hier, in diesem Buch, dreht sich alles um die wahre Liebe zum Lesen und um die Rettung der Literatur :

« Gute Leser müsste man einsperren, damit sie lesen ! Man würde ihnen ein Gehalt zahlen, und sie täten nichts anderes als lesend Literatur retten ! »

Aber Lesen ist leider nicht immer sehr gesellschaftsfähig. Der Leser, – nein man muss genauer sagen -, der Büchernarr wird schnell als Exot hingestellt. Gerade deshalb ist es um so wichtiger, sich in die Literatur zu stürzen, um der Isolation etwas zu entfliehen und als Vielleser mit Glück in den Romanfiguren doch noch so manchen Freund zu finden.

Eines der essentiellsten Aspekte beim Lesen ist natürlich die Auswahl der Lektüre, denn Bücher können einen in die Irre führen, der Titel kann vieles versprechen und nicht halten und genau deshalb ist es laut Charles Dantzig sehr wichtig, nicht kompliziert, sondern ganz pragmatisch vorzugehen:

« Eine Lektüre muss man anprobieren wie Schuhe. Wir dürfen niemals denken, dass wir für diese oder jene Lektüre nicht gut genug seien. Aber es gibt durchaus Bücher, die für uns nicht gut genug sind. »

Auch wenn wir all die Ratschläge und Erfahrungen von Charles Dantzig uns zu Herzen nehmen, sind wir dann als Leser mit der Frage « Wozu lesen ? » eigentlich einen Schritt weitergekommen? Es gibt ein ganz klares JA, denn die wichtigste Erkenntnis, die wir durch die Lektüre dieses Buches gewinnen, lautet : « Lesen bringt keinen Nutzen. Genau deshalb ist Lesen etwas Grossartiges. »

Es ist noch viel mehr als etwas Grossartiges, dass der Mensch heutzutage seine oft auf die Sekunde durchgeplante Zeit noch mit etwas vollkommen Nutzlosen verbringen kann. Es lebe die Literatur ! Und genau deshalb sollten Sie sofort mit diesem arrogant-bösen und intellektuell-unterhaltsamen Liebesplädoyer für die Lektüre beginnen. Mit sprachlicher Eleganz wird dieses Werk zu einem charmant-sarkastischen und sehr intelligent verpackten «Marketingbrevier» für das Lesen. Doch eines sollten Sie bei der Lektüre dieses Werkes nie vergessen – den Bleistift. Nicht nur, weil « ein guter Leser schreibt, während er liest », sondern weil Sie jedes Zitat von Charles Dantzig – einer der brillantesten Wort-Jongleure und Fabulierkünstler – unterstreichend festhalten möchten.

« Wozu lesen ? » wirbt für das Lesen und die Literatur ! Wir machen «Werbung» für dieses Buch, damit Sie verehrter Leser nie vergessen werden, warum Sie lesen !

Durchgeblättert – “In 80 Büchern um die Welt”

“In 80 Büchern um die Welt” ist der Titel eines sehr schönen und informativen literarischen Reiseführers, der den Leser natürlich sofort an das Buch “In 80 Tagen um die Welt” von Jules Verne erinnert. Doch handelt es sich hier nicht um einen einzigen Abenteuerroman, viel mehr um einen aussergewöhnlichen Text-Bild-Band, der uns einlädt, in und mit Büchern um die Welt zu reisen. Das Besondere an diesem Werk ist die Tatsache, dass uns nicht ein Autor durch die Welt führt, sondern gleich eine ganze Autorengruppe, nämlich die belesenen und vielgereiste Absolventen des Aufbaustudiengangs Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Eine Reise beginnt in der Regel mit dem Einchecken bei Flughafen oder Bahnhof und hier ganz stilgerecht mit einem Vorwort, welches der Autor und Essayist Feridun Zaimoglu nicht besser eröffnen hätte können, als mit diesem alten und sehr schönen deutschen Sprichwort:

“Reisen wechselt das Gestirn, aber weder Kopf noch Hirn.”

“In 80 Büchern um die Welt” bietet eine besondere literarische Weltreise, die in die Kontinente Europa, Asien, Ozeanien, Afrika, Südamerika und Nordamerika führt. Innerhalb dieser Kontinente entdeckt der Leser Orte und Länder, die er vielleicht bereits besucht hat, die er aber auch ganz neu erobern kann, nicht nur durch einen direkt gebuchten Flug oder Zug, sondern auch durch ein Buch bzw. durch einen Roman.

Man spürt sofort beim ersten Durchblättern die Reise- und Leselust der Autoren, die uns auf diesen Weg ganz intellektuell, aber auch spielerisch neue Kulturen und Menschen näherbringt. Die Werke, die uns um und durch die Welt begleiten, wurden sehr bewusst und gut überlegt ausgewählt. Es handelt sich dabei um 80 grosse Romane des 20. Jahrhunderts. Dabei entdecken wir die Literatur wieder, die man sicherlich zu manchem Pflicht-Werk zählen könnte, oder die bereits als Schullektüre Lust auf andere Städte gemacht hat, wie zum Beispiel “Paris – Ein Fest fürs Leben” von Ernest Hemingway oder “Die Stimmen von Marrakesch” von Elias Canetti.

Doch mit diesem ungewöhnlichen literarischen Reiseführer stöbern wir auch eher unbekannte Autoren auf, die sicherlich nur selten einen Platz in der heimischen Bibliothek finden. Denken wir zum Beispiel an folgende Werke:

“Geh nicht fort” von Margaret Mazzantini: Ein Roman, der im Rom der Jahrtausendwende spielt und sich um einen erfolgreichen Chirurgen namens Timotheo dreht, der in einer sehr grossen Lebenskrise steckt.

“Die Reise nach Petuschki” von Wenedikt Jerofejew: Die Geschichte des Trinkers Wenedikt, der mit einem Koffer voller Alkohol seine Zugreise von Moskau nach Petuschki unternimmt und dabei schwer ins Philosophieren gerät.

“Ketala” von Fatou Diome: Ein bewegendes Schicksal einer senegalesischen Frau, die eigentlich nach dem Abitur Literaturwissenschaft studieren möchte, dann aber von ihrem Vater gezwungen wird, einen wesentlich älteren Mann zu heiraten und nur noch Ehefrau und Mutter sein kann.

Jedes dieser 80 vorgestellten Bücher erweckt Neugierde und Wissensdurst! Wir erkunden das Land bzw. die Stadt, in welcher der Roman spielt. Gleichzeitig erfahren wir auch etwas über den Autor des Romans und bekommen Informationen über das vorgestellte Werk. Zitate, schöne Fotos und länderspezifische Literaturtipps runden diesen lebendigen Text-Bild-Band noch zusätzlich ab.

“In 80 Büchern um die Welt” ist ein sehr anregendes und inspirierendes Buch für Weltenbummler und solche, die es noch werden wollen. Es macht nicht nur Lust auf Reisen, sondern auch auf Bücher und Lesen. Denn Lesen ist – wie wir alle bereits wissen – eine ganz besondere Reiseart: die Augen wandern von Buchstabe zu Buchstabe und von Wort zu Wort. Der Gedanke fliegt und der Geist schwebt in anderen Welten. Die Autoren, sprich die Absolventen der Uni München, haben dem Bücherliebhaber und Reisefreudigen ein wunderschönes, kompaktes und sehr ansprechendes Buch geschenkt, das uns zu literarischen “Kurztrips” rund um den Globus verführt und den Duft von fernen Ländern einatmen lässt!

Durchgeblättert – “Bilder des literarischen Lebens” v. Isolde Ohlbaum

“Bilder des literarischen Lebens” ist eine fantastische und kompetente Bild-Chronik des Autorenlebens aus vier Jahrzehnten. Ein geistiges Archiv in Form einer “literarischen” Photo-Enzyklopädie, die es jemals in dieser Form gegeben hat.

Isolde Ohlbaum wurde in Oberbayern geboren und lebt seit 1953 in München. Sie absolvierte Anfang der siebziger Jahre eine Ausbildung an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie und arbeitet seitdem als freischaffende Photographin. Ihr Spezialgebiet ist das Porträt. Sie hat viele Preise gewonnen und ihre Bilder sind regelmässig in internationalen Ausstellungen zu bewundern.

Mit diesem prachtvollen Photo-Bildband hat sie ein wahres Wunderwerk geschaffen. Über vier Jahrzehnte photographierte sie in Deutschland ansässige Autoren und Autorinnen wie zum Beispiel Achternbusch, Heym, Zuckmayr. Jedoch auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus den verschiedensten Ländern, die Deutschland besuchten, hier Preise in Empfang nahmen und Vorträge hielten wie unter anderen Marguerite Duras, Umberto Eco, wurden von ihr porträtiert.

Isolde Ohlbaum war bzw. ist unermüdlich gewesen in ihrer photographischen “Verfolgung”, denn sie hat keine Buchmesse, keine Autorenlesung, keine Preisverleihung und kein Festival verpasst, um fast alle wichtigen literarischen Persönlichkeiten vor die Linse bringen zu können. Diese Ausdauer gehört neben der ästhetischen Photographiekunst zu der Grundbasis dieses unglaublich hochwertigen Buches, für welches aus 357 Schwarz-Weiss- Bildern 352 ausgewählt und alphabetisch geordnet wurden.

Isolde Ohlbaum nützt bei jedem ihrer Porträts die Gunst des Augenblicks und eröffnet damit dem Betrachter unvergessliche, ungeschönte und sehr authentische Momente im Leben eines Schriftstellers bzw. einer Schriftstellerin. Die Bilder haben eine gewisse Theatralik, die teilweise inszeniert, teilweise aber auch ganz spontan entstanden ist. Genau dies erklärt in einem sowohl sachkundigen als auch poetischen Einführungstext Cees Nooteboom mit bewundernder Sensibilität.

“Bilder des literarischen Lebens” ist ein “Familienalbum” aus der Welt der Literatur. Ein faszinierender Bildband, der in keinem buchhändlerischen oder literarischen Haushalt fehlen sollte. Ein Kompendium feinster Porträt-Photographie, das jeden Liebhaber besonderer und formvollendeter Photokunst begeistern wird.

Durchgelesen – “Frühstück mit Proust” v. Frédérique Deghelt

“Frühstück mit Proust” ist ein charmanter Roman, in dem zwei Frauen – eine Grossmutter und eine Enkelin – die Hauptrolle spielen. Frédérique Deghelt erzählt eine wunderbare Geschichte, die sich um die Fragen des Älterwerdens dreht und warum Bücher und Lesen ein wichtiges Lebenselixier sein können.

Frédérique Deghelt hat bereits viele Romane veröffentlicht und arbeitet als Journalistin und Fernsehregisseurin. Sie lebt in Paris, nur wenn Sie gerade mal nicht auf Reisen ist, denn sie ist eine wahre Kosmopolitin.

Der Roman wird erzählt aus der Perspektive der Enkelin Jade und aus der Sicht der Grossmutter Jeanne, die Jade Mamoune nennt. Die Geschichte beginnt dramatisch, da Jade’s geliebte Grossmutter nach einem Sturz in ihrem Haus in ein Pflegeheim umziehen soll. Mamoune’s Mann war vor drei Jahren gestorben, sie hatte seitdem allein gelebt und fühlte sich etwas hilflos. Das Pflegeheim wurde organisiert durch ihre zwei Töchter (Jade’s Tanten), das in ein raffiniertes Probewohnen verpackt wurde, aber letztendlich als Dauerlösung sich entwickelt hätte. Mamoune liebte ihr Haus und vor allem ihren Garten, deshalb wäre das Pflegeheim sicherlich ihr Untergang. Doch es kommt anders als Mamoune jemals gedacht hätte. Jade entschliesst sich, ihrer Grossmutter zu helfen und sie vor dem Altersheim zu retten. Sie entführt Mamoune nach Paris, wo sie lebt und gründet mir ihr eine nicht ganz ungewöhnliche WG.

Jade möchte all die Liebe, die sie als Kind von ihrer Grossmutter bekommen hat, wieder zurückgeben. Bis jetzt war Mamoune für sie eine warmherzige Frau: eine Bäuerin, eine Frau ohne Bildung und eine beliebte Kinderfrau. Doch plötzlich entdeckt Jade ganz neue Seiten an ihrer geliebten Grossmutter. Jade arbeitet als Journalistin freiberuflich in Paris und hat einen Roman geschrieben, der bereits von verschiedensten Verlegern abgelehnt wurde. Sie ist besonders überrascht, als ihr Mamoune angeboten hatte : “Ich könnte dir vielleicht helfen …” Jade war irritiert, denn wie sollte sie ihr helfen wollen. Ja und dann erklärte ihr Mamoune warum sie ihr die Hilfe anbieten möchte und auch könnte:

“«Ich habe immer viel gelesen, schon vor ganz langer Zeit. Ich bin eine begeisterte Leserin, ein richtiger Büchernarr, kann man sagen. Bücher waren meine heimliche Liebe, mit ihnen habe ich deinen Grossvater betrogen, der unser ganzes gemeinsames Leben lang nichts davon wusste.»”

Sie erzählte Jade, wann und wie sie heimlich gelesen hatte, damit es ja auch niemand mitbekam. Denn für die Tochter eines Bergbauerns und später als Frau eines Arbeiters war es eher ungewöhnlich, Lesen zu können und zu wollen. Literatur war für die Reichen und Gebildeten, und nichts für jemanden, der gerade mal die Grundschule besucht hatte. Somit musste sich Mamoune etwas einfallen lassen. Immer dann, wenn sie die Babys und Kinder gehütet hatte, las sie ihnen vor: Auszüge von Hugo, Flaubert und Joyce. Sie verwendete die Bibel als “Schutzumschlag”, um diskret Proust lesen zu können. Und so tauchte sie ganz langsam und heimlich ein in die Welt der Literatur.

Jade ist überrascht und begeistert zu gleich. Die zwei Damen verstehen sich immer besser und kommen sich auf eine ganz besondere Weise durch die gemeinsame Leidenschaft des Lesens immer näher. Mamoune hilft im Haushalt, kocht und räumt auf, um Jade das Leben so schön wie möglich zu machen. Aber sie entdeckt auch Paris, das Viertel am Montmartre, wo sie nun lebt. Sie lernt mit dem Internet umzugehen, besorgt sich eine Email-Adresse, begibt sich ganz besonnen auf die Suche nach einem Verleger für Jade’s Roman und sie verliebt sich zu ihrer eigenen und Jade’s Überraschung….

“Frühstück mit Proust” ist eine entzückende Geschichte über das Lesen und das Alter. Raffiniert und feinfühlig enthüllt Frédérique Deghelt viele Fragen, mit denen wir konfrontiert werden und die wir uns sicherlich immer wieder stellen müssen: Wie gehen wir mit älteren Menschen um? Ist das Altersheim die richtige Lösung? Können Jung und Alt unter einem Dach leben? Der Roman ist keines-falls trivial oder sentimental, nein er ist sehr realistisch. Auch die verschiedenen Erzählperspektiven von Seiten der Enkelin und Grossmutter eröffnen dem Leser ganz überraschende Sichtweisen, die Fréderique Deghelt intelligent und weise beschreibt. Das Buch ist keine intellektuelle Diskussion über Autoren und Literatur, sondern ein sehr herzliches und bewegendes Buch über den Sinn des Lebens.

“Frühstück mit Proust” ist ein bezaubernder und einnehmender Roman, der sich wunderbar für seelenerwärmende Stunden in den eher kühlen und grauen Novembertagen eignet, aber auch sehr zum Nachdenken anregt, spätestens dann, wenn man den Epilog am Ende des Buches gelesen hat.

Durchgelesen – “Der Zauber der ersten Seite” v. Laurence Cossé

Wünschen wir uns als Bücherliebhaber, Lesebegeisterte und Literaturkenner, nicht schon immer eine Buchhandlung, die nur gute Literatur bzw. gute Romane verkauft? Eine Buchhandlung, die sich abhebt vom Mainstream-Angebot, die sich durch keine Bestsellerlisten beeinflussen lässt, geschweige denn Bestseller in ihr Sortiment aufnimmt. Kann eine Buchhandlung, die nur ausgewählte Literatur, zum Teil schon vergessene Werke, Klassiker und Erstausgaben auf Lager hat, überleben und eventuell sogar Erfolg haben? All diese Fragen mögen wir uns als Kunde und Leser stellen. Die Antworten finden wir hier in diesem überaus charmanten Roman, der den Leser in eine ganz besondere Welt der Bücher eintauchen lässt, wie wir sie uns nur in unseren kühnsten Träumen wünschen können.

Laurence Cossé, geboren 1955 in Boulogne -Billancourt, arbeitet als Kolumnistin, Hörfunkautorin und Schriftstellerin. Sie hat mit ihrem Roman “Der Zauber der ersten Seite” (im Original “Au Bon Roman”), der nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegt, laut der französischen Tageszeitung Le Figaro “Eine Hymne auf das Lesen und die Einzigartigkeit des Lebens!” geschrieben. Sie veröffentlichte bereits neun Romane. Ihre Novellen-Sammlung “Vous n’écrivez plus?” wurde mit dem Prix de la Nouvelle de L’Académie Française 2007 ausgezeichnet.

“Der Zauber der ersten Seite” beginnt sehr spannend! Drei berühmte Autoren werden jeweils Opfer eines hinterhältigen und subtilen Anschlags. Der Erste ist Paul Néon, der in einem kleinen Dorf in der Nähe von Chambéry lebt. Er wird von zwei Unbekannten in den Wald geschleppt, mit Alkohol vollgepumpt und in der Kälte mit der Flasche in der Hand einfach liegen gelassen. Der zweite Anschlag gilt der Schriftstellerin Anne-Marie Montbrun. Sie wird bei einer ihrer täglichen Autofahrten durch ein plötzlich querstehendes Auto auf der Strasse überrascht, kommt von der Strasse ab und stürzt einen Abhang hinunter. Glücklicherweise überleben sowohl Paul, als auch Anne-Marie, das Attentat. Armel Le Gall, das dritte Anschlagopfer, fühlt sich bei seinem morgendlichen Spaziergang von zwei jungen Männern verfolgt und bedroht. Zuerst nimmt er es gar nicht so ernst, doch die Angst wird bei jedem Spaziergang grösser, die Männer warten auf ihn und er kann gerade noch rechtzeitig fliehen und sich retten. Doch er ist so durcheinander, dass er beschliesst Ivan Georg anzurufen:

“«Doch gestern geht’s wieder los, die beiden Kerle warten auf mich. Es regnet, kalter Nieselregen. Meine Nerven flattern. Zehn Meter vor ihnen packt mich die Angst, und ich mache kehrt. Ich will ehrlich sein: Ich mache mich so schnell wie möglich davon, in sehr schnellen Schritten. Aber nicht schnell genug, um nicht noch jemanden grölen zu hören: Fast wie in einem schlechten Krimi, was Le Gall? Mit ordinären Personen und einem grob gestrickten, richtig dümmlichen Plot. Armer Le Gall, wo er die gute Literatur so liebt. Das ist kein guter Roman, was? Können Sie sich das vorstellen, Van? Sie betonten das gut. Gar kein guter Roman…»”

Ab jetzt befindet sich der Leser in einem einzigartigen Krimi, der nicht nur Schriftsteller als Opfer bietet, sondern die gute Literatur an sich. Da hilft nur noch eins: die Polizei muss eingeschaltet werden. Mit Kommissar Heffner wird der Fall aufgerollt und bis ins Detail untersucht. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte der besonderen Buchhandlung “Der gute Roman”.

Ivan Georg, ein Buchhändler aus Leidenschaft mit einem nicht ganz konventionellen buchhändlerischen Lebenslauf, und Francesca Aldo-Valbelli, eine junge Mäzenin aus reicher Familie mit grosser Liebe zur Literatur und verheiratet mit einem profitgierigen Manager, gründen gemeinsam die Buchhandlung “Der gute Roman”. Eine Buchhandlung, die sich vom klassischen umsatzgesteuerten und nach Massenware orientierten System unterscheiden soll. Ein Ort, der nur gute Romane zu bieten hat, die von einem ausgewählten Komitee vorgeschlagen werden. Insgesamt besteht dieses Komitee aus acht grossen Romanciers, die sich entschlossen haben, die Idee des “Guten Romans” zu unterstützen. Sie alle wissen untereinander nicht von ihrer Mitgliedschaft, sie haben sich alle der Anonymität untergeordnet, welche eine der Grundprinzipien dieses Komitees ist. Jeder Autor hat ein sogenanntes Codewort, was er im Falle einer Kontaktaufnahme benutzen muss. Alle acht Autoren wurden vor der Eröffnung der Buchhandlung aufgefordert, eine Liste mit 600 Romanen aufzustellen, ohne die sie niemals auf eine einsame Insel ziehen würden. Und diese acht Listen wurden dann zu einer Gesamtliste vereint, welche letztendlich das Sortiment ” Des guten Romans” verkörpern wird. Für Ivan, die geniale Idee und die Basis des neuen Buchhandlung- Konzepts:

“«Unser Vorhaben ist radikal. Eine Revolution der kulturellen Sitten. Alle Welt ist heute der Meinung, es würden zu viele überflüssige Bücher veröffentlicht. Dieses Phänomen betrachten wir als geistige Umweltverschmutzung, deshalb sagen wir einfach: Es reicht! Hören wir auf, uns unseren Geschmacks-sinn abstumpfen zu lassen. Sorgen wir für frische Luft. Atmen wir. Wir glauben, wir haben eine gute Chance, Gleichgesinnte zu finden.»”

Die Buchhandlung wird im Erdgeschoss eines sehr schönen Hauses in der Rue Dupuytren, in der Nähe vom Place d’Odéon, im 6. Arrondissement von Paris Ende Sommer kurz vor der literarischen Rentrée eröffnet. Begleitet von einem nahe zu genialen Marketingauftritt und Werbeplan, der von Francesca lanciert und betreut wurde, ist die Buchhandlung ab dem ersten Tag ein wahnsinniger Erfolg. Die Menschen strömen in den Laden, lesen sich fest und kaufen die Regale leer. Jeder ist glücklich, der diesen Ort betritt. Endlich eine Buchhandlung, die gute Romane empfiehlt und nur solche verkauft. Und dazu ein Buchhändler, der alles gelesen hat, was in seiner Buchhandlung steht. Ein Konzept, das keine Bestseller wie zum Beispiel Dan Brown vorsieht und das sich nicht durch die Neuerscheinungspakete der Verlage irritieren lässt, indem sie einfach ganz galant abgelehnt werden.

Doch dieser Erfolg wird leider nicht nur mit wohlwollenden Augen betrachtet. Die Konkurrenz und der Neid sind nicht weit entfernt. Deshalb versucht Kommissar Heffner die Drahtzieher der Anschläge und der verbalen Attacken in der Presse und im Internet herauszufinden und zu enttarnen. Die Freunde des “Guten Romans” lassen sich jedoch nicht beirren, bleiben ihrer Buchhandlung treu und unterstützen sie soweit es geht. Doch die Rache der “normalen” Buchhandlungen lässt nicht nach, sie provozieren und versuchen alles, um diesen Erfolg zu unterbinden und dem sogenannten Elitären ein Ende zu setzen. Es geht schliesslich soweit, dass neben des “Guten Romans” noch zwei weitere Buchhandlungen eröffnet werden mit den Namen “Freude am Roman” und “Der exzellente Roman”. Wer steckt dahinter, und warum ist der “Gute Roman” eine solche Bedrohung? Dies alles und noch mehr, vor allem aber auch was das Leben und die Liebe nicht nur zur Literatur betrifft, erfährt der Leser in diesem wahrlich grandiosen und aussergewöhnlichen Buch aus der Welt der Buchstaben.

“Der Zauber der ersten Seiten” ist ein magischer Roman, den man in der Fülle der Auswahl an guter Literatur erst lange suchen muss. Man unterliegt dem Charme, der Idee, der Wirkung und der Spannung dieses Werkes bereits ab der ersten Seite. Der Leser spürt die Leidenschaft, die von dieser Geschichte ausgeht, die sich mit der harten Realität der Buchhandelswelt auseinandersetzt und einen Gegenpol schafft, der nicht besser als die in diesem Buch beschriebene Ideal-Buchhandlung, die sich viele Leser und Buchhändler sicherlich wünschen, sein könnte. Laurence Cossé schreibt äusserst sensibel und respektvoll in ihrem Roman über eine Fülle von anderen mehr oder weniger bekannten guten Romanen, die der Leser neu entdecken oder wieder entdecken kann. Somit tritt der Leser ganz unbeabsichtigt eine Reise an voller Inspiration und Leidenschaft durch die gute Literatur (mit Schwerpunkt der Französischen Literatur), welche ihn zwischen Faszination und Spannung taumeln lässt. Selten wurden die Themen Buchhandel und Literatur so gut in Szene gesetzt und mit der Form des Kriminalromans in einen äusserst mitreißenden Pageturner verwandelt, bei denen es sich in der Regel ja sonst nur um sogenannte Bestseller handelt.

“Der Zauber der ersten Seite” sollte sich nicht zum Bestseller im Sinne des meistverkauften Werkes entwickeln, sondern es sollte das meistgelesene Buch werden, um verstehen zu können, wie eine Ideal-Buchhandlung aussehen könnte. Möge die Utopie einer Buchhandlung wie “Der gute Roman” nicht nur Utopie bleiben in der heutigen Zeit von Grossketten und Stapeltiteln, sondern wenigsten zum Nachdenken anregen! Vielleicht gehen Träume in Erfüllung für den belesenen Kunden und den leidenschaftlichen Buchhändler und möge deshalb vor dem reinen Profit die Liebe zu Büchern und zur Literatur immer an erster Stelle stehen!

Durchgelesen – “Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat” v. Pierre Bayard

Sie kennen weder Marcel Proust, Robert Musil noch Oscar Wilde? Sie haben nicht mal “Der Name der Rose” von Umberto Eco gelesen, geschweige denn wissen Sie etwas über Graham Greene und Michel de Montaigne. Dies sollte ab sofort kein Problem mehr sein, denn Sie können nun auch ohne Kenntnisse niveauvoll über Literatur plaudern, wenn Sie dieses Essay von Pierre Bayard lesen!

Der französische Literaturpapst Bernard Pivot hat es bestätigt: “Das Buch schlechthin! Wunderbar, man muss in diesem Leben nur noch Bayard lesen. Sein Buch ersetzt alle anderen, alte, neue, zukünftige.”

Ob Pivot Recht hat, sollten Sie selbst feststellen, in dem Sie in dieses grandiose Essay eintauchen und erkennen, was der Unterschied  und die Grenzen zwischen Lesen und Nichtlesen sind.

Pierre Bayard ist Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker. Und dieses Werk ist eine Art Analyse des Lesens, der Bücher, der Bildung und der Gesellschaft in unserer mit Informationen und Literatur überfrachteten Zeit.

Das Buch hat drei zentrale Teile, die wiederum in vier Unterkapitel eingeteilt sind. Bereits in seinem Vorwort schreibt Bayard über die Schwierigkeit, sich der Verpflichtung, Bücher zu besprechen, die er nicht gelesen hat geschweige denn aufgeschlagen hat, zu entziehen. Man ist irgendwie unter Zwang und weiss nicht, wie man dieses Problem lösen soll:

“Dieses Zwangsystem aus Pflichten und Verboten hat zu einer allgemeinen Scheinheiligkeit in Bezug auf die angeblich gelesenen Bücher geführt. Ich kenne nur wenige Bereiche des Privatlebens, von Geld und Sexualität einmal abgesehen, über die man so schwer verlässliche Informationen bekommt wie über Bücher.”

Somit ist es hilfreich, sich gleich dem ersten Teil dieses Essays zu widmen, das sich mit den “Arten des Nichtlesens” beschäftigt. Es geht darum, dass man “Bücher, die man nicht kennt”, wengistens an einer Figur des Werkes einordnen kann. Diese Figur kann auch eine Nebenfigur sein, wie zum Beispiel der Bibliothekar in Robert Musil’s Mann ohne Eigenschaften. Genauso reicht es vollkommen aus, nur “Bücher, die man quergelesen hat” zu kennen. Selbst Paul Valéry – ein “Meister des Nichtlesens” konnte einen Artikel über Marcel Proust verfassen, obwohl er nicht einen einzigen Band der berühmten “Suche nach der verlorenen Zeit” gelesen hatte. “Bücher, die man vom Hörensagen kennt” waren für Umberto Eco ausreichend, um darüber sich unterhalten zu können. Und genauso einfach ist es auch für “Bücher, die man vergessen hat”. Da sollte man sich nicht grämen, sondern es wie Michel de Montaigne halten, der sagte: ” Wenn ich also ein Mensch bin, der einiges gelesen hat, so doch einer, der nichts behält”.

Als Nächstes sollte man sich unbedingt der im Leben schwierigen “Gesprächssituationen” bewusst werden, die Pierre Bayard in seinem zweiten Teil sehr humorvoll erläutert. “Im Gesellschaftsleben” werden oft Dinge erwartet, die man erst nicht glaubt erfüllen zu können und dann am Beispiel von Graham Greene, der sich vor Leuten über Bücher äussern sollte, die er nicht gelesen hat, sieht, dass es funktioniert. Auch “einem Lehrer gegenüber” ist es nicht nötig, ein Buch zu lesen bzw. aufzuschlagen, um kluge Anmerkungen geben zu können. Am Schwierigsten jedoch ist, sich richtig “dem Schriftsteller gegenüber” zu verhalten, wenn man merkt, dass der Autor nicht mal sein eigenes Buch gelesen hat. Und besonderes Fingerspitzengefühl ist erforderlich, wenn man “der oder dem Liebsten gegenüber” seine ganze Verführungskunst zu Füssen legen möchte, in dem man ihm oder ihr mit Hilfe eines Gesprächs über Literatur imponieren möchte, die der andere zwar sehr schätzt, von der man selber aber keinen blassen Schimmer hat.

Um aus all diesen Fallen, Fettnäpfchen und anderen unguten Situationen schadlos entschlüpfen zu können, ist sicherlich der letzte Teil über die “empfohlenen Haltungen” der Schlüssel des Nichtlesens. Jetzt heisst es als Erstes, “sich nicht schämen”, das auch schon David Lodge in einem seiner Romane bestätigt hat. Dann sollten wir als Nichtleser eine Eigenschaft haben, nämlich “sich durchsetzen”, was Balzac uns in seinem Roman “Verlorene Illusionen” geschickt vorführt. Es bleiben die  Alternative “Bücher erfinden” oder der letzte Ausweg “von sich sprechen”, was Oscar Wilde  - “ein entschiedener Nichtleser” – wörtlich genommen hat, in dem er der Meinung ist, dass “die angemessene Lesedauer eines Buches zehn Minuten beträgt, da man sonst vergessen könnte, dass die Begegnung mit einem Text hauptsächlich eine Anregung ist, seine eigene Biographie zu schreiben.”

Am Ende des Essays merken wir als Leser, dass Pierre Bayard alles andere als ein Nichtleser ist. Mit Witz, Ironie und Klugheit klärt er uns auf über die Unmöglichkeit des Nichtlesens und gibt spannende Einblicke in den Literaturbetrieb. Bayard macht sich lustig über eine buchlose Bildung. Nach der Lektüre dieses Werkes werden Sie als Leser, mit einem Augenaufschlag souverän Proust zitieren, sich über Balzac unterhalten und aus dem Leben von Oscar Wilde erzählen können. Was will man mehr? Doch ohne Humor sollte man sich diesem Buch auf gar keinen Fall widmen, denn spätestens jetzt wird jeder zum lesenden “Nichtleser”.

Durchgelesen – “Die Überlebensbibliothek” v. Rainer Moritz

Rainer Moritz – Leiter des Hamburger Literaturhauses und Vorstandsmitglied der Marcel Proust Gesellschaft – schreibt in seinem wunderbaren Werk, wie viele Romane die Macht haben, uns und unser Leben zu verändern. Romane sind unsere Freunde, unsere Seelentröster, zum Teil unsere Therapeuten.

In verschieden kleinen Lebens-Kapiteln zeigt uns Rainer Moritz, die dazu passende Lektüre. Im Bereich “Mit sich selbst klar kommen”, sollte beispielsweise wer sich selbst unterschätzt, “Das hässliche Entlein” von Hans Christian Andersen lesen; oder im Kapitel: “Mit Schwächen und Lastern leben”, sollte man sich bei Eifersucht mit Marcel Proust, “Eine Liebe von Swann” beschäftigen. Oder im Kapitel: “Mit anderen Menschen zurechtkommen (oder auch nicht)”, wäre es für denjenigen, der beabsichtigt mit seiner Mutter dauerhaft zusammenzuleben, sinnvoll “Die Klavierspielerin” von Elfriede Jelinek zu lesen.

Kurzum für jede Befindlichkeit, für jeden Seelenzustand, für jede Lebensveränderung, findet Rainer Moritz, das passende Buch, denn er ist der Überzeugung, dass Bücher wahre Hilfe leisten.

“Die Überlebensbibliothek ist ein Plädoyer für die Macht der Lektüre” bestägtigt er selbst.

Es ist wie ein kleines Lebenshilfe-Handbuch, das Leben und Literatur auf sehr mutige und angenehme Weise verbindet. Es liest sich wie der literarische Beipackzettel und kann ohne Einnahme der Tabletten gleich als Therapie verwendet werden. Und es hilft dem Leser, bekannte und weniger bekannte Literatur wieder neu zu entdecken.

Robert Gernhardt – Gedicht

“Leiden und Leben und Lesen und Schreiben” von Robert Gernhardt

Ich will alles sagen dürfen,
Wort aus jeder Wunde schürfen:

Scheiss der Hund drauf, das Gelingen
lässt sich einfach nicht besingen.

Wer will vom Gelingen lesen?
Höchstens reichlich flache Wesen.

Lieber sprech ich doch zu jenen,
die sich nach was Tiefem sehnen.

Die, wenn die Geschäfte laufen,
gerne etwas Schicksal kaufen.

Seiten voller Schmerz und Wunden
adeln allzu satte Stunden.

Verse voller Pein und Leiden
nützen letzten Endes beiden:

Die da bluten, die da blättern,
beide sehnen sich nach Rettern.

Deshalb muss es beide geben,
die da leiden, die da leben.

Die da lesen, soll man rühren
weiter sowie höher führen.

Und die andern, wir, die schreiben,
sollten auf dem Teppich bleiben.

Durchgelesen – “Die souveräne Leserin” v. Alan Bennett

“Die souveräne Leserin” von Alan Bennett ist zu aller erst eine wunderbare Hommage an das Lesen, die Literatur und die englische Königin.

Die Queen wird mittels eines Spazierganges mit ihren Hunden zu einem Bibliotheksbus geführt, der einmal wöchentlich vor ihrem Schloss parkt. Sie ist neugierig und betritt den Bus, und sieht auch noch einen ihrer Mitarbeiter ( der Küchenjunge Norman), der begeistert in den Büchern schmökert und sich etwas ausleiht. Sie zeigt sich höflich und leiht sich auch ein Buch aus, obwohl sie sich nie so richtig fürs Lesen interessiert hat und eigentlich ja selbst eine sehr bedeutende Bibliothek besitzt.

Ja und so begibt sich der Leser und “die souveräne Leserin” (Queen) auf eine gemeinsame Reise durch die Literatur gespickt mit entzückenden Anspielungen, verpackt in sehr schöner Sprache und gewürzt mit einer guten Portion englischen Humors.

Eines der schönsten Zitate in diesem Werk ist:

“«Hat jemand von Ihnen Proust gelesen?», fragte die Queen in die Runde.”

Dieses 115 Seiten literarisch starke Büchlein bietet einen vergnüglichen, teilweise auch was die Literaturgeschichte betrifft sehr lehrreichen, aber vor allem unverwechselbaren Lesegenuss.

“«Man liest zum Vergnügen», sagte die Queen. «Lesen ist keine Bürgerpflicht.»”