Durchgelesen – “Das versteinerte Leben” v. Nils Trede

Kennen Sie das intensive Gefühl von Stille und Einsamkeit, das lauter und bedrohlicher sein kann, als jeder unvorhergesehene Schrei? Es entsteht eine emotionale « Dunkelheit », die jede Hoffnung auf  ein « Leuchten » bzw. auf eine so erstrebenswerte und glückselige « Helligkeit » nehmen kann. Es gibt Bücher, die spielen in einer solch dunklen Atmosphäre. Und der Leser befürchtet,  noch tiefer in seelisch dunkle Abgründe zu sinken. Just in dieser Stimmung werden wir plötzlich mit einer ganz besonderen Kraft überrascht, welcher man als Leser kaum widerstehen kann. Und genau diese literarische «Energie» zeigt uns Nils Trede in seinem Erstlingswerk « Das versteinerte Leben » auf äusserst eindrucksvolle Weise.

Nils Trede (geboren 1966 in Heidelberg) lebt seit mehr als 15 Jahren in Frankreich. Zuerst hat er in Paris über viele Jahre hinweg eine Gemeinschaftspraxis als Allgemeinmediziner geführt. Aktuell wohnt er mit seiner Familie in Strassburg und arbeit nun hauptsächlich als freier Autor. Obwohl seine Muttersprache Deutsch ist, schreibt er im Original auf Französisch. Wir dürfen uns nun sehr freuen, dass – dank der grandiosen Übersetzung von Christian Ruzicska – sein Debütroman (« La Vie pétrifiée », bereits 2008 in Frankreich erschienen) erstmals dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt wird!

« Das versteinerte Leben » spielt in einer grossen, modernen, aber nicht konkret genannten Stadt, welche aus zwei sehr nahe gelegenen und durch eine Brücke verbundenden Inseln besteht. Der Ich–Erzähler, Xavier, arbeitet jeweils auf beiden Inseln und führt somit ein – zumindest nach Aussen hin gesehen – sehr beeindruckendes Doppelleben. Abends führt er auf der einen Insel ein Restaurant mit seiner kranken Mutter, die niemals ihr Zimmer verlässt.

Das Restaurant ist unterschiedlich gut besucht, doch eines abends betritt ein junges Paar den Gastraum und Xavier fühlt sich von der ersten Sekunde an von dieser jungen Frau magisch angezogen. Er begleitet beide zu ihrem Tisch, beobachtet sie und verfolgt aus einer gewissen Distanz die Unterhaltung. Die Verliebtheit zwischen dem Paar ist kaum zu übersehen. Xavier hängt an den Lippen dieser Frau, doch die anderen Gäste fordern ihn. Er ist total durcheinander und findet erst Ruhe, nachdem der letzte Gast das Restaurant verlassen hat. Er kann es kaum abwarten, die Tür zu schliessen und sich mit etwas Alkohol zu beruhigen :

« Ich war ruhig. Ich war trunken. Ich sah sie überall, ihr schönes und feines Bild, ich sah es überall. Ich sah den Glanz ihrer Haut auf allen bewegten Gesichtern, auf den silberfarbenen Dächern, auf den Scheiben, auf den Wassern des Flusses. Ich sah ihr Lächeln im Licht des Mondes. Ich sah die Strähnen auf ihren Wangen in den aufragenden Ästen der Bäume. Ich wollte sie wiedersehen. »

Xavier trifft seine « Traumfrau » ganz zufällig wieder. Es würden sich viele gute Möglichkeiten ergeben, endlich seine Sympathie ihr gegenüber zu bekunden, doch er ist nicht in der Lage, seine Gefühle in Worte zu fassen. Er ist zu schüchtern, ja fast schon ängstlich…

Auf der anderen Insel, die man – wie bereits kurz erwähnt – ganz leicht über eine Brücke erreichen kann, arbeitet Xavier tagsüber als Polizeiarzt. Er überprüft den Gesundheitszustand von Kriminellen, erstellt die dazugehörigen Zertifikate und verschreibt Medikamente. Anfänglich versuchte er noch eine Art Verbindung zu den « Patienten » aufzunehmen, eine gewisse Empathie zuzulassen, trotz der mehr als widrigen Umstände. Doch jetzt ist es nur noch Routine, denn diese Arbeit hat Xavier emotional immer mehr abstumpfen lassen.

Xavier pendelt nicht nur zwischen zwei Inseln und zwei Berufen, sondern auch zwischen zwei Seelenzuständen. Er ist einerseits ein sehr einsamer und introvertierter Mensch, andererseits durch eine obsessive Liebe zu dieser jungen Frau, die Gast in seinem Restaurant war, so stark verwirrt, dass man sich gut vorstellen könnte, er würde endlich Mut fassen, um seine innere « Eiszeit » – sei es durch Worte oder Gesten – zu durchbrechen. Er scheitert jedoch an seinem ganz persönlichen « Gefangensein », das den dramatische Seelen-Höhepunkt erst dann erreicht, als Xavier auch noch seine Mutter verliert…

Nils Trede hat mit Xavier einen tragischen und gleichzeitig auch naiven Helden geschaffen. Manchmal wirkt er nicht nur wie ein Isolierter, sondern auch wie ein Autist. Er spricht wenig, selbst bei einer Betriebsfeier der Polizei, die auch noch in einer Karaokebar stattfindet, ist er wie immer der Insichzurückgezogene. Fasziniert beobachtet der Leser einen Protagonisten, der sich durch eine starke, aber auch inhaltsvolle Einsamkeit auszeichnet und somit über eine ungewöhnliche und nicht zu erwartende emotionale Fähigkeit verfügt :

« Die Einsamen sind nicht nur merkwürdig. Sie machen nicht nur Angst. In ihrer Einsamkeit bemerken sie Dinge, die den Geselligen unbekannt bleiben. Sie öffnen ihren Geist den Rätseln mit Geduld und Aufmerksamkeit. Und beobachten sie sehr lange. Sie haben viel Zeit und wenig zu verlieren. Die Einsamen geben ihre Beobachtungen selten weiter : Sie tragen sie mit sich und fürchten das Urteil der anderen nicht. »

Nils Trede hat mit diesen Sätzen, die er Xavier formulieren lässt, ein absolut neues psychologisches Kapitel in Punkto Einsamkeit aufgeschlagen. Diese Erkenntnis mag einem als Leser irgendwie verrückt, aber gleichzeitig auch sehr differenziert erscheinen. Die beeindruckend puristische Sprache verleiht diesen klugen Sätzen eine unerschöpfliche Intensität, die sich durch den ganzen Roman zieht. Hier werden überbordende Liebesgefühle und der Wille zu überleben meisterhaft verknüpft mit einer Seele, die in einem Eisblock eingesperrt zu sein scheint.

« Das versteinerte Leben » ist ein wahre Entdeckung unter den aktuellen Frühjahrsneuerscheinungen. Nils Trede hat einen bemerkenswerten Erstlingsroman geschrieben, der über ein unglaubliches psychologisches Potential verfügt und dadurch einem brillant versteckten Optimimus Raum bietet , der den Helden, aber auch den Leser dazu einlädt, die vermeintlich « innere » Kälte zu erwärmen und somit die Seelen-Tür für ein erfülltes Leben zu öffnen.

Durchgelesen – “Im Café der verlorenen Jugend” v. Patrick Modiano

Eine richtig feine und sehr französische Geschichte über das plötzliche Verschwinden einer wilden und irgendwie « heimatlosen » jungen Frau, erzählt durch vier ganz unterschiedliche Erzählstimmen, eingebettet in das Paris der sechziger Jahre, so könnte man den Roman « Im Café der verlorenen Jugend » ganz knapp beschreiben. Diese Zusammenfassung bringt es in einer gewissen Weise auf den Punkt, doch sollte man keinesfalls unerwähnt lassen, dass es sich bei diesem wunderbaren Buch, um einen der schönsten, wehmütigsten und bewegendsten Romane, in denen Paris selten « so französisch besungen wird » – wie Alex Capus schreibt – handelt.

Patrick Modiano (geb. 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt) zählt zu den bedeutendsten französischen Schriftstellern der Gegenwart. Er ist italienisch jüdischer Abstammung von Seiten des Vaters. Seine Mutter war eine bekannte belgische Schauspielerin. Modiano verbrachte seine Schulzeit hauptsächlich in Internaten, da der Vater ständig abwesend und seine Mutter oft auf Tournee war. Mit 15 Jahren lernte er über einen Kontakt durch seine Mutter den Geometrielehrer Raymond Queneau (Autor von « Zazie in der Metro ») kennen. Dieses Treffen war für Patrick Modiano mehr als schicksalshaft. Durch Queneau wurde er in die literarischen Kreise eingeführt und durfte an Empfängen des Gallimard Verlags teilnehmen. Inspiriert durch diese neue Welt schreibt er seinen ersten Roman « La Place de l’Étoile », der 1968 bei Gallimard erschienen ist und sofort mit zwei Literaturpreisen (Prix Roger Nimier u. Prix Fénéon) geehrt wurde. Ab diesem Zeitpunkt widmet sich Patrick Modiano nur noch der Schriftstellerei. Sein Gesamtoeuvre umfasst inzwischen ca. 30 Werke, darunter zählen zu den Wichtigsten : « Les Boulevards de ceinture » (Grand Prix du Roman de l ‘Académie française), « Rue des boutiques obscures » (ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt) und « Dans le café de la jeunesse perdue ». Dieses letzt genannte Werk erschien bereits 2007 in Frankreich und wurde nun ganz aktuell durch die grandiose Übersetzung von Elisabeth Edl erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht.

Der Roman « Im Café der verlorenen Jugend » spielt hauptsächlich im 5. und 6. Arrondissement von Paris, der sogenannten « Rive gauche » und im Quartier Pigalle, das unterhalb von Montmartre, im 9. Arrondissement auf der anderen Seine-Seite, der « Rive droite », liegt. Der Roman wird von vier verschiedenen Personen erzählt, denen Patrick Modiano sein « Ich » leiht. Alles dreht sich um eine etwas mysteriös wirkende Frau, die Louki genannt wird, aber mit richtigen Namen Jacqueline Delanque heisst und eine verheiratete Choureau ist.

Der erste Erzähler, ein Student der « École des Mines » geht hin und wieder ins Café Condé – einer der wichtigsten Hauptspielorte dieses Romans. Dieses Café – das « Café der verlorenen Jugend » -, das von Literaten und Schriftstellern frequentiert wird, gehört zu der Welt der Bohemien und liegt im berühmten Pariser Viertel Saint-Germain-des-Près. Der junge Mann – unschlüssig darüber, ober er seine Studien bei der « École des Mines » weiterführen soll – beobachtet ganz zufällig eine junge Frau, die von ihren Stammgästen mit dem Spitznamen Louki « getauft » wurde. Sie ist ihm sofort aufgefallen, weil sie irgendwie anders war, als die Anderen :

« Ihre Hände jedoch waren in der Anfangszeit stets leer. Dann wollte sie es wahrscheinlich den anderen gleichtun, und eines Tages überraschte ich sie im Condé allein und lesend. »

Der zweite Erzähler ist ein Privatdetektiv, der sich als Kunstverleger ausgibt. Er wurde engagiert von ihrem Mann – Jean-Pierre Choureau -, nachdem Louki ihn ohne Ankündigung von einem Tag auf den anderen verlassen hatte. Choureau arbeitet in einer Immobiliengesellschaft. Jacqueline wurde bei dieser Firma als Aushilfssekretärin eingestellt und lernte so Jean-Pierre kennen. Zwei Monate später hatten sie schon geheiratet. Danach zog sie mit ihm in seine Wohnung, die im noblen Pariser Vorort Neuilly lag. Louki war unzufrieden und fühlte sich dadurch sehr einsam in ihrer Ehe :

« In den Tagen vor ihrem Verschwinden, war ihm da etwas Besonderes an ihr aufgefallen ? Nun ja, immer öfter machte sie ihm Vorwürfe wegen ihres gemeinsamen Alltags. Das hier, sagte sie, sei nicht das wahre Leben. »

Der dritte Erzähler, oder besser gesagt die Erzählerin, ist Louki selbst. Sie berichtet von ihrer schwierigen Kindheit und Jugend. Sie wohnte mit ihrer Mutter, welche im Moulin Rouge als Platzanweiserin arbeitete, in der Nähe vom Place Blanche im Quartier Pigalle. Immer, wenn ihre Mutter abends zur Arbeit ging, flüchtete sie – obwohl sie gerade mal 15 Jahre alt war -, aus der Wohnung und sträunte durch das Stadtviertel. Oft verbrachte sie Mitternacht, den Hunger noch schnell mit einem Croissant stillend, in einer Bäckerei, bevor sie mal wieder von einer Polizeikontrolle erwischt wurde:

« Zwei Bullen in Zivil sind aufgetaucht, für eine Ausweiskontrolle. Ich hatte keine Papiere dabei, und sie wollten wissen, wie alt ich bin. Ich habe ihnen lieber gleich die Wahrheit gesagt. »

Ängste und Beklemmungen, im Schlimmsten Fall sogar richtige Panikattacken, waren oft der Auslöser für diese verrückt planlosen « Nachtwanderungen ». Eines Tages begegnet Louki auf der Strasse einem Mädchen, das ein wenig älter war als sie. Durch diese neue « Freundschaft » lernte sie nicht nur die enthemmende Wirkung des Alkohols kennen, sondern auch eine ganz besondere neue Art der Angst-Befreiung. Diese neue Bekannte hatte nämlich noch eine viel bessere Idee, als nur in den Bars und Cafés herumzuhängen:

« “Du wirst sehen … das tut gut … wir nehmen ein bisschen Schnee…” »

Der vierte und letzte Erzähler ist Roland, ein junger angehender Schriftsteller, der in einer möbilierten Wohnung in der Rue d’Argentine – in der Nähe vom Place d’Étoile – wohnt. Louki und Roland lernen sich bei einem kleinen Empfang des Autors Guy de Vere kennen. Nach langen gemeinsamen Spaziergängen durch das nächtliche Paris, nähern sie sich immer mehr an. Roland wird Loukis Liebhaber, noch während sie bei ihrem Mann lebt und bleibt es auch noch nach einer vollkommen ungeplanten Rückkehr-Verweigerung in den trostlosen Ehealltag :

« Sie hätte zum Abendessen zurück in Neuilly sein sollen, aber um acht lag sie immer noch auf dem Bett. Sie machte auch die Nachttischlampe nicht an. Schliesslich erinnerte ich sie, es sei Zeit. “Zeit wofür ?” Am Klang ihrer Stimme hörte ich, dass sie nie wieder die Metro nehmen würde, um an der Station Les Sablons auszusteigen. »

Roland und Louki verbringen viel Zeit miteinander, er schreibt an seinem ersten Buch und sie denken daran, bald eine kleine Reise gemeinsam zu unternehmen. Eines Tages, sie hatten sich – wie so oft – um fünf Uhr nachmittags im Café Condé verabredet, doch Louki kam nicht…

Jeder dieser vier Erzähler beleuchtet auf seine ganz besondere Weise und aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln heraus das Leben und die geheimnisvolle Persönlichkeit von Louki. Patrick Modiano hat diesen Roman wie ein kleines Puzzle konzipiert, das sich Stück für Stück zu einem « Gesamtbild » hin entwickeln könnte. Doch bei der Lektüre stellt man fest, dass er absichtlich ein paar Puzzleteile weglässt, damit das Mysteriöse sich nicht gänzlich auflöst und damit Louki letztendlich unergründbar bleiben kann.

Paris, seine Strassen, die Architektur, die Seine, die Cafés und das besondere Licht, als dies, was den typischen Charakter von Paris ausmacht, stetzt Modiano ganz intuitiv und spielerisch als elegantes Stilmittel ein, um sein ganz persönliches Paris zu kreieren. Er agiert wie ein Kartograph und Maler zugleich. So kann der Leser, als würde er mit Modiano’s « Privat-Stadtplan » durch das Paris der vier Erzähler spazieren. Ein Ort, nämlich das Café, hier in diesem Roman das Café Condé, wird zu dem wichtigen Lebensraum überhaupt. Es ist wie eine zweites « Wohnzimmer », in dem nicht nur Louki, sondern auch viele der Stammgäste versuchen, ihre Einsamkeit und die Melancholie des Lebens bewusst zu zelebrieren, um sie letztendlich dadurch besser ertragen zu können. « Im Café der verlorenen Jugend » interpretiert sich als eine wunderbare Metapher für einen Raum, der die verlorene Suche nach der Identität und die in der Konsequenz daraus entstehende fehlende innere Geborgenheit ersetzen könnte.

Patrick Modiano ist ein Meister der klaren und schörkellosen Sprache. Seine Technik besticht durch eine faszinierende Reinheit, die durch einen äusserst sparsamen Einsatz von linguistischen Mitteln gekennzeichnet wird. So entsteht ein ganz einmaliges und sehr klares Porträt von Paris in den frühen sechziger Jahren. Seine Schreibkunst ist wirklich grandios und einzigartig, denn es gelingt ihm, in diesem ungewöhnlichen und sehr mitreissenden Roman, der nicht im Geringsten etwas mit einem Krimi zu tun hat, eine so unglaublich subtile Spannung zu erzeugen, dass sich der Leser bis zum letzten Satz auf eine ganz persönliche und intensive Suche nach Louki begibt. Die wunderbare Pariser Kulisse und das Café als Familienersatz lassen Reise-Sehnsüchte entstehen. Welcher Leser möchte nicht auch zu den Stammgästen dieses Cafés zählen und auf Louki warten? Fahren Sie nach Paris, auch wenn das Paris der sechziger Jahre vielleicht nicht mehr ganz das gleiche ist wie heute, lassen Sie sich treiben in dieser atemberaubenden Stadt, spüren Sie die Melancholie und die Faszination gleichermassen, und wer weiss, vielleicht treffen Sie ja auch noch Louki? Oder Sie « reisen » ganz entspannt und die Augen auf Modiano’s grandiose Erzählkunst gerichtet von Ihrem Canapé aus und atmen lesender Weise durch diesen wundervollen Roman Pariser Luft und Leben ein!

Durchgelesen – “Ein gewisses Lächeln” v. Françoise Sagan

Langeweile ist ein schwieriger Gefühlszustand, in dem man sich selten gerne befindet. Vielleicht ist Langeweile gar kein Gefühl, sondern nur ein Zustand ? Was passiert, wenn der Alltag nur noch aus Eintönigkeit besteht und auch das Liebesleben sich eher als spannungslos beschreiben lässt ?  Wäre es dann nicht höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen und sich in ein Abenteuer zu stürzen. Ob dies das beste « Medikament » ist, um die Seele von diesem L-Symptom zu befreien, zeigt uns Françoise Sagan mit ihrem äusserst sensiblen Roman « Ein gewisses Lächeln ».

Françoise Sagan (21. Juni 1935 – 24. September 2004) gehörte über viele Jahre zu den erfolgreichsten französischen Schriftstellerinnen. Ihr richtiger Name war eigentlich Françoise Quoirez. Inspiriert durch eine Romanfigur von Marcel Proust (Herzog von Sagan), erschienen alle ihre Werke unter dem für jeden Leser inzwischen allseits bekannten Pseudonym. Françoise Sagan stammte aus einer bürgerlichen Industriellenfamilie. Ihren ersten Roman « Bonjour Tristesse » schrieb sie mit 18 Jahren während ihrer Literaturstudien an der Pariser Sorbonne, der übrigens 1954 veröffentlicht wurde. Ein Jahr später erschien der Roman « Ein gewisses Lächeln » (im Original : « Un certain sourire »). Es war ihr zweites Buch, das – obwohl es nie ganz an den Erfolg des Erstlingswerks herankam – zu ihren wichtigsten Werken zählt. Ihr Leben nahm 1957 durch einen Autounfall eine sehr schwierige und unvorhersehbare Wendung. Ab diesem Zeitpunkt kämpfte Françoise Sagan mit einer lebenslangen Drogensucht, die nicht nur private Probleme, sondern auch grosse finanzielle Krisen nach sich ziehte. Ihr Oeuvre umfasst mehr als 40 Werke – darunter auch zahlreiche Theaterstücke und eine Biographie über Sarah Bernhardt – und ist bis heute ein wichtiges Vermächtnis der französischen Literatur, welches nicht nur in Papierform, sondern auch durch zahlreiche Verfilmungen weiterlebt.

Françoise Sagan erzählt in ihrem Roman « Ein gewisses Lächeln » die Geschichte einer desillusionierten jungen Frau, die dank einer Affäre mit einem verheirateten Mann eine in Sachen Liebe und die dazugehörigen Gefühle sehr wichtige Lektion lernt.

Dominique, die Heldin dieses Buchs, studiert vollkommen unüberzeugt und ohne grossen Ehrgeiz an der Sorbonne in Paris. Gleichzeitig fühlt sie sich auch noch in der eher leidenschaftslosen Beziehung mit ihrem Kommilitonen Bertrand ziemlich gelangweilt. Doch eines Tages stellt ihr Bertrand seinen Onkel Luc und dessen Frau Françoise vor. Eine ungewöhnliche Begegnung mit einem Paar, das sehr glücklich in seinem Leben zu sein scheint. Luc ist ein Mann, der nicht nur weitgereist ist, sondern auch vollkommen in sich ruht und sehr charmant auf Frauen wirkt. Françoise ist eine attraktive und unabhängig wirkende Frau, die aber auch mütterliche Gefühle entwickeln kann, obwohl sie beide kinderlos sind.

Man trifft sich immer öfters zu viert. Dominique wird von beiden ein wenig mit Aufmerksamkeit und Geschenken verwöhnt. Es folgen noch verschiedene Abendessen in der Vierer-Runde bis zu dem Zeitpunkt, als Françoise für zehn Tage zu Bekannten fährt. Luc lädt Dominique zu einem Tête-à-tête ein. Sie gehen essen, dann tanzen und schliesslich in eine Bar. Dominique fühlt sich sehr wohl in seiner Gegenwart. Ihr erstes Gefühl von Einschüchterung ist verschwunden und sie spürt das Verführerische an ihm, was wiederum eine ganz unbekannte Form von Zärtlichkeit bei ihr auslöst. Das Thema Liebe liegt in der Luft. Luc spricht von seinen Gefühlen zu Françoise und kommt gleichzeitig auf den Punkt :

« ” Und nun “, sagte Luc, “würde ich mich sehr freuen, wenn ich mit Ihnen ein Abenteuer haben könnte.”
Ich begann dumm zu lachen. Ich war völlig unfähig zu reagieren. »

Dominique ist überfahren, überrascht, aber auch irgendwie glücklich. Sie spürt seine verführerische Leidenschaft, welche die Anziehungskraft zwischen beiden immer mehr verstärkt. Was wird sie tun ? Traut sie sich aus ihrer eher langweilig harmlosen Beziehung mit Bertrand auszubrechen und ihrem Leben einen neuen Schwung zu verleihen? Doch welche Gefahr könnte sich hinter diesem Abenteuer verbergen? Doch vor allem was würde Dominique tun, wenn sie sich in Luc unsterblich verlieben würde?

Es stellen sich tausende kleine Fragen, doch letztendlich geht es nur um eine Frage, nämlich was Liebe bzw. Gefühle eigentlich bedeuten. Françoise Sagan gelingt es äusserst subtil und raffiniert mit ganz « einfachen » linguistischen und thematischen Mitteln diese doch sehr komplexe Frage in diesem zeitlosen Roman zu beantworten. Sie kann mit ihrem sanft sinnlichen, aber auch leicht melancholischen Stil jedes monotone Leben durch die leidenschaftliche Liebe wieder erwecken. Sie erzählt von freudlosen Alltagsgewohnheiten und stillgelegten Emotionen, als wären sie wie die Federn in einem Kissen, welches man nur zu Schütteln braucht, um es wieder in eine neue lebens- und liebenswerte « Form » zu bringen. Man fühlt sich trotz der anfänglichen «Liebes-Langeweile » – oder besser gesagt « Gefühlsmüdigkeit » der Hauptprotagonistin und den daraus entstehenden Turbulenzen sehr weich gebettet und spürt mit jedem gelesenen Satz, den Wunsch das Leben, so wie es ist, einfach zu umarmen und die daraus spürbaren Empfindungen nicht zu unterdrücken, sondern sie frei zu geniessen.

Françoise Sagan ist eine Künstlerin und Psychologin zu gleich, denn was gibt es Schöneres als die Verwandlung von Gefühls-Leere in Gefühls-Fülle lesenderweise verfolgen, ja fast schon miterleben zu können. « Ein gewisses Lächeln » ist nicht nur ein Roman, der oft gegen Liebeskummer und ähnliche Seelenkrankheiten empfohlen wird. Dieses Buch ist viel mehr : es ist ein zart schmeichelndes Plädoyer für ein – im wahrsten Sinne des Wortes – « sentimentales » Leben !

Durchgelesen – “Sire, ich eile: Voltaire bei Friedrich II.” v. Hans Joachim Schädlich

Spätestens seit dem 300. Geburtstag am 24. Januar 2012 ist der Preußenkönig Friedrich II. wieder in aller Munde. Und genau dieses Jubiläum könnte Hans Joachim Schädlich als Anlass genommen haben, auf die ganz besonders ungewöhnliche « Beziehung » zwischen Friedrich II. und Voltaire aufmerksam zu machen. Erwarten Sie jetzt kein neues Sachbuch über den Preußenkönig. Ganz im Gegenteil, Sie werden von Hans Joachim Schädlich mit einer äusserst kurzweiligen und espritvollen Novelle über die « Freundschaft » Friedrichs II. zu Voltaire, wie sie es in dieser literarischen Form sicherlich noch nicht gegeben hat, überrascht.

Hans Joachim Schädlich (geboren 1935 in Reichenbach im Vogtland) studierte Germanistik und Linguistik an der Humboldt-Universität Berlin und an der Universität Leipzig. Nach seiner Promotion arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin, bevor er 1977 aufgrund eines Ausreiseantrags in die Bundesrepublik übersiedeln konnte. Er wurde für seine Werke mit einer Fülle von Auszeichnungen geehrt, unter anderem 1992 den Heinrich-Böll-Preis, 1996 den Kleist-Preis, 1998 den Schiller-Gedächtnispreis und 2007 den Literaturpreis der Stadt Bremen. Heute lebt und arbeitet Hans Joachim Schädlich in Berlin. Ganz aktuell ist nun sein neuestes Werk « Sire, ich eile » erschienen, welches den Leser durch seine sprachliche Brillanz begeistern und neugierig machen wird.

« Sire, ich eile », erzählt die schwierige und irgendwie auch merkwürdige Konstellation zwischen Friedrich II. und Voltaire. Friedrich II. ist durch sein Geburtstags-Jubiläum wieder mehr ins Gedächtnis gerückt, wir wissen um seine Taten, « Erfolge » und Probleme, kennen sein Faible für die Philosophie und die Leidenschaft zur Musik, insbesondere zur Flötenmusik. Doch wer ist eigentlich Voltaire und warum wird er so stark von Friedrich II. umworben ?

Voltaire (1694 – 1778), heisst eigentlich François-Marie Arouet, gehörte zu den meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In erster Linie schrieb er als Lyriker, Dramatiker und Epiker für die intellektuelle Oberschicht Frankreichs. Und nicht nur für diese, auch die Adelschicht in ganz Europa, welche aufgrund ihrer Erziehung die französische Sprache lernte, war begeistert von seinen philosophischen Werken. Er beherrschte selbst mehrere Sprachen wie Englisch und Italienisch, reiste viel und lebte in Ländern wie Niederlande, Deutschland, England und der Schweiz. Er äusserte sich kritisch über den Absolutismus, die feudalistischen Zustände und die Monopolherrschaft der katholischen Kirche, deshalb wird er auch als Wegbereiter der Französischen Revolution bezeichnet. Zu seinen wichtigsten, bekanntesten und beliebtesten Werken – vor allem auch in deutscher Übersetzung – zählt « Candide oder der Optimismus », welches 1759 erstmals veröffentlicht wurde.

Hans Joachim Schädlich’s Novelle beginnt im Jahre 1732. Voltaire’s Theaterstück « Zaire » feiert grosse Erfolge in der Comédie Française (Paris). Er lernt durch den Comte de Forcalquier und zwei anderen Bekannten seine zukünftige Geliebte kennen. Es ist die Marquise du Châtelet, mit dem zarten Vornamen Émilie :

« Die vier fuhren nach Charonne und kehrten in einem Landgasthof ein. Auch im Gasthaus sass Voltaire neben Madame Châtelet. Seit diesem Abend konnten die beiden nicht mehr voneinander lassen.
Es war Liebe.
François und Émilie. »

Ein Jahr später finden François und Émilie endgültig zusammen und sie wird die Geliebte und Gefährtin von Voltaire, obwohl sie bereits seit 1725 mit dem Marquis du Châtelet-Lomont verheiratet und auch Mutter von einer Tochter ist. Davor war sie übrigens auch noch die Geliebte vom Herzog von Richelieu (ein Großneffe des Kardinals Richelieu). Émilie ist eine durchsetzungsstarke und sehr intelligente Frau. Sehr belesen und von philosophischen und metaphysischen Werken angezogen, beschäftigt sie sich intensiv mit Mathematik und Physik. Um einem Haftbefehl zu entgehen, verlässt Voltaire Paris und reist 1734 nach Cirey-sur-Blaise. Er zieht in das Schloss, das schon immer seiner Familie gehörte. Émilie kommt nach, hilft ihm beim Einrichten und Dekorieren. Widmet sich aber bald wieder ihren physikalischen Experimenten im eigenen Labor. Voltaire und Émilie arbeiten gemeinsam an verschiedenen naturwissenschaftlichen Werken.

Friedrich, noch Kronprinz, versucht sich mit philosophischen Werken abzulenken und mit dem Gedanken anzufreunden, dass er bald preußischer König wird. Er hasst die deutsche Sprache und Literatur und beginnt mit seinen ersten Kompositionen. Zum ersten Mal im Jahre 1736 erreicht Voltaire ein Brief des preussischen Kronprinzen. Und ab diesem Zeitpunkt beginnt ein nicht zu enden wollendes Umwerben von Seiten Friedrichs. Der zukünftige Preußenkönig wünscht nichts sehnlicheres als den Schöpfer dieser herausragenden philosophischen Werke bei sich zu haben. Er ist auf der Suche nach einem adäquaten Gesprächspartner und nach einem geeigneten Korrektor für seine philosophischen und poetischen Schriften.

1740 besucht Voltaire Friedrich zum ersten Mal in Kleve. Weitere Treffen folgen, doch Émilie ist skeptisch und spürt, dass Friedrich « ihren » Voltaire eigentlich nur « besitzen » möchte. Das belastet natürlich die Beziehung zwischen Émilie und Voltaire. Sie lässt sich auf einen anderen Mann ein, der ihr neuer Liebhaber wird und sie bald darauf auch schwängert. Und auch Voltaire hat eine neue Geliebte, seine Nichte Louise Denis. Friedrich drängt zunehmend, doch Voltaire vertröstet ihn, denn trotz der neuen « Liebesumstände » ist Voltaire nach wie vor für seine Gefährtin Émilie da und will ihr auch bei der Geburt beistehen. 1749 bekommt Émilie ihr Kind, sie stirbt jedoch einige Tage später und auch das Kind überlebt nicht.

1750 bricht Voltaire nun endgültig in Richtung Potsdam auf. Seine Reise gestaltet sich sehr schwierig und ist begleitet von vielen Hindernissen. Doch er versichert Friedrich sein Kommen in einem Brief :

« ” Sire, ich eile, ich werde kommen, tot oder lebendig. ” »

Voltaire wird am preussischen Hof von Friedrich empfangen und zu seinem Kammerherrn ernannt. Es dauert jedoch nicht lange und die beiden Männer stellen ihre unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und Charakterzüge fest. Die Situation eskaliert immer mehr. Es kommt zum « Freundschafts » – Bruch zwischen dem König und dem Philosophen. Voltaire möchte so schnell als möglich wieder abreisen, da die Lage sehr brenzlig wird. Er flieht, wird jedoch durch preussische Beauftragte auf Befehl von Friedrich in der Freien Reichsstadt Frankfurt festgehalten und unter Hausarrest gestellt…

Diese atemberaubende Geschichte – äusserst genau und präzise im Hinblick auf die Historie recherchiert – wird von dem Sprachkünstler Hans Joachim Schädlich auf gerade mal 140 Seiten erzählt. Eine Novelle voller Kraft und Genauigkeit, die ihren Glanz durch die minimalistischen und klaren Formulierungen erhält. Die Süddeutsche Zeitung schreibt über Hans Joachim Schädlich : « Ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreicht. »

Ja und genau diese Reduktion hat für den Leser viele Vorteile. Er muss sich nicht durch ein 500 Seiten starkes historisches Werk quälen. Die Novelle bietet klare Fakten und Informationen auf sprachlich höchstem Niveau. Mit Hilfe dezent versteckter Ironie spüren wir als Leser, wie schwierig es doch erscheint, als freiheitlich denkender Philosoph Freund eines von absoluter Macht gelenkten Königs – trotz musischer und philosophischer Ambitionen – zu sein. Ergänzend wird uns in diesem kleinen grossen Werk die wunderbare Gefährtin Émilie du Châtelet vorgestellt und wir lernen durch sie viel über die aufgeklärte Liebe.

Mit Raffinesse erzeugt Hans Joachim Schädlich beim Leser einen nicht zu erwartenden Wissensdurst. Man möchte sich am Liebsten nach dieser Lektüre in eine Biographie von Voltaire stürzen, sucht nach mehr Informationen über seine beeindruckende Geliebte und entdeckt wiederum interessante Seiten bei Friedrich II. Hans Joachim Schädlich ist somit das gelungen, was selten historische Werke vollbringen können : mit Knappheit und literarischer Kunst den Leser zu beglücken, nicht im geringsten zu langweilen, sondern ihn mit grosser Neugierde auf mehr zu entlassen. Kurzum, es macht nicht nur sehr grosse Freude, sondern es ist auch ein äusserst bereicherndes Vergnügen, diese wunderbare Novelle zu lesen !

Durchgelesen – “Der gute Psychologe” v. Noam Shpancer

Gehen Sie bereits regelmässig zur Ihrem Psychotherapeuten ? Oder leben Sie mit Ihren Sorgen und Ängsten ganz alleine ? Vielleicht haben Sie bereits ernsthaft über eine Psychotherapie nachgedacht, doch Ihr Vertrauen gegenüber Psychologen ist nur noch nicht gross genug. Dies wird sich jedoch spätestens durch die Lektüre dieses äusserst informativen, klugen und humorvollen Romans « Der gute Psychologe » ändern.

Noam Shpancer wurde 1959 in einem Kibbuz geboren. Er ist Professor für klinische Psychologie an der Universität Ohio und arbeitet daneben als Therapeut in einer Klinik für Kognitive Therapie. Noam Shpancer ist spezialisiert auf Ängste, die in seinem Erstlingsroman « Der gute Psychologe »  - welcher nun ganz aktuell in deutscher Übersetzung vorliegt – erläutert und erfolgreich behandelt werden.

Die Hauptfigur in Noam Shpancer’s Roman ist – wie sollte es auch anders sein – der Psychologe, dessen Namen wir als Leser jedoch nie erfahren werden. Der Psychologe ist nicht nur Therapeut mit Spezialisierung auf Angstpatienten, die er in seiner eigenen Praxis empfängt. Er unterrichtet auch an der Universität als Dozent und versucht seinen Studenten zu erklären, was es bedeutet, ein « guter » Psychologe zu sein. Doch darüber hinaus ist er einfach Mensch, Mann und Single. Wobei er jedoch eine Tochter mit einer verheirateten Kollegin (Nina) hat, seine ehemalige grosse Liebe, die sich von ihrer Seite seit einigen Jahren aus privaten Gründen in eine rein fachliche Freundschaft verwandelte.

Der Psychologe kämpft oft mit seinen Gefühlen, vor allem dann wenn er an seine Tochter denkt. Aber Emotionen sind in der Praxis als Therapeut kein hilfreicher Ratgeber, sie sollten eher in den Hintergrund treten, damit er sich ganz neutral seinen Patienten widmen kann. Er arbeitet in der Regel nur bis drei Uhr nachmittags. Doch für eine neue Patientin, die als Tänzerin in einem Nachtclub arbeitet, macht er eine Ausnahme und empfängt sie Freitags um 16.00 Uhr :

« « Die Erfahrung einer Panikattacke ist sehr verstörend und abrupt, ohne erkennbaren Grund. Es gibt eine natürliche Neigung, einen äusseren Grund für diese Gefühle zu suchen. »
« Sie glauben, ich sei verrückt ? »
« Ich weiss nicht, was das ist. »
« Sie sind Psychologe und wissen nicht, was verrückt ist ? » »

Die Nachtclub-Tänzerin braucht Hilfe, sie kann nicht mehr tanzen, sie hat Angst vor jedem Auftritt. Der Psychologe ist mehr als gefordert, seine Patientin wieder in das « Leben » zurückzuführen. Er ist selbst überrascht, wie sehr ihn dieser Fall beschäftigt und auch sein ganz persönliches Leben beeinflusst. Glücklicherweise kann er sich immer bei Nina einen psychologischen Rat holen, der ihm hilft, selbst die richtigen Therapie-Entscheidungen zu treffen. Auch seine Studenten holen ihn sozusagen wieder auf den theoretischen Boden zurück, denn sie erwarten von ihrem Dozenten, nicht nur praktische Tipps, sondern eine fundierte psychologische Theorie. Und genau zwischen diesen doch sehr unterschiedlichen Welten – zwischen Praxis und Theorie –  lebt und arbeitet ein Psychologe. Er sollte stets bestimmte Richtlinien befolgen, um nicht seinen Gefühlshaushalt und den seiner Patienten vollkommen durcheinander zu bringen :

« Ein guter Psychologe hält Distanz und lässt sich nicht in die Ergebnisse seiner Arbeit verstricken. Die richtige Distanz erlaubt einen genauen und klaren Blick. Ein guter Psychologe überlässt die Sache mit der Nähe Familienangehörigen und geliebten Haustieren, und die Sache mit der Rettung überlässt er religiösen Bürokraten und Exzentrikern an Straßenecken. »

Diese und viele weitere theoretische Erkenntnisse erklärt er seinen Studenten. Doch auch ein guter Psychologe ist nicht davon gefeit, das Persönliche und das Professionnelle zu verwischen, was ungeahnte und gefährliche Konsequenzen mit sich bringen kann…

« Der gute Psychologe » ist ein ganz besonderes Buch. Verpackt in eine Art Sachbuch-Roman werden wir in die spannende Welt der Psychotherapie und der Ängste entführt. Brillant konzipiert erzählt uns Noam Shpancer die Geschichte einer Frau, einer Nachtclub-Tänzerin, die mutig genug ist, sich Hilfe bei einem Psychologen zu holen, um zu lernen, mit ihren Ängsten zu leben, statt sie zu unterdrücken. Wir werden Zeuge verschiedenster Therapiestunden, entdecken psychologische Zusammenhänge, spüren die Ohnmacht und das Gefühlsdurcheinander, aber auch die Hilfestellung und die psychologische « Heilung ». Der Leser entdeckt aber auch das Gefühlsleben – was übrigens auch Ängste beinhaltet -  des Psychologen, welches in der Regel jedem Patienten während der realen Therapie eher verborgen bleibt.

Und gleichzeitig habe wir die Möglichkeit an einem Mini-Studium in Psychologie teilzunehmen, was nicht nur Wissen und Informationen über Psychotherapie und Psychologie im Allgemeinen von Seiten des Dozenten beinhaltet, sondern wir werden Student und verfolgen die Probleme unserer Kollegen, die nicht nur psychologischer Natur sind.

Noam Shpancer ist ein brillantes Werk gelungen. « Der gute Psychologe » ist ein Roman, der die geheimnisvolle Welt der Psychotherapie öffnet, für jeden Menschen zugänglich macht, auch wenn er noch mutlos und voreingenommen sein sollte. Ein Roman, der verblüfft, Neugierde auslöst und hilft. Denn selten ist eine Psychotherapie so günstig, humorvoll, transparent und praktisch wie in diesem Buch. Lassen Sie sich einen « Lese-Termin » geben, Sie werden sehen, wie angenehm und befreiend es ist, bei diesem « guten Psychologen » Patient sein zu dürfen…

Durchgelesen – “Die besten Wochen meines Lebens…” v. Martin Page

« Die besten Wochen meines Lebens begannen damit, dass eine Frau mich verliess, die ich gar nicht kannte. » so lautet der vollständige Titel der deutschen Übersetzung dieses äusserst poetischen und originellen Romans. Aber den eigentlichen literarischen Schlüssel dieser feinen Liebeskomödie findet man leider nur im französischen Titel « Peut-être une histoire d’amour ». Das « peut-être » (vielleicht, oder kann sein) beschreibt das wahre Geheimnis dieser Geschichte, ein Geheimnis, das sich um die Schwierigkeiten, Höhen und Tiefen des realen oder fiktiven Lebens dreht, in welches der Leser hier ganz en passant spielerisch eintaucht.

Martin Page, geboren am 7. Februar 1975, verbrachte seine Jugend in einem südlichen Pariser Vorort. Er hatte viele Studiengänge wie zum Beispiel Jura, Psychologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Soziologie begonnen, aber niemals abgeschlossen. Er arbeitete unter anderem als Nachtwächter und Putzmann. Mit 25 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman (« Comme je suis devenu stupide ») und lebt seit einigen Jahren als Schriftsteller in Paris, wie der Hauptprotagonist aus seinem Roman « Die besten Wochen meines Lebens… », welcher übrigens 2008 mit einem der wichtigsten französischen Literaturpreise dem « Prix Renaudot » ausgezeichnet und in zwanzig Sprachen übersetzt wurde.

« Die besten Wochen meines Lebens … » erzählt die Geschichte eines sehr erfolgreichen und attraktiven Pariser Junggesellen. Dieser junge Mann mit dem Namen Virgile, dreissig Jahre alt und ein Hypochonder wie er im Buche steht, arbeitet in einer sehr angesehenen Pariser Werbeagentur, die sich ganz in der Nähe des Louvre befindet. Ein Quartier, das ihm eigentlich nicht gefällt, ausser der Buchhandlung Delamain, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet, und für ihn oft als Rückzugsort dient. Trotz seiner herausragenden beruflichen Fähigkeiten, die sogar eine angemessene Beförderung entstehen lassen, welche er aber keinesfalls annehmen möchte, ist sein Leben eher ein Trauerspiel im Hinblick auf Liebesbeziehungen. Um es auf den Punkt zu bringen : Virgile wird ständig von den Frauen verlassen, was sein bereits sehr schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl noch mehr ins Wanken bringt. Doch spätestens an dem Tag, als per Anrufbeantworter Clara ihm mitteilt, ihn zu verlassen, ändert sich sein ganzes Leben. Doch wer ist eigentlich Clara ?

Virgile wird durch diese Trennung – von einer ihm unbekannten Frau – vollkommen aus seinem genau durchgeplanten Leben herausgerissen. Aber vielleicht sind diese Worte auf dem Anrufbeantworter wie ein unerwünschtes Geschenk, um seinem Leben ganz unbewusst eine neue Wendung geben zu können. Bis jetzt kann Virgile keinesfalls ohne seiner Therapeutin Frau Dr. Zetkin leben. Er kleidet sich immer gleich und hat seinen privaten Lebensmittelpunkt im 10. Arrondissement von Paris:

« Er wohnte in einer Absteige in der Rue de Dunkerque, genau gegenüber von der Gare du Nord und ihren Statuen. Im Erdgeschoss des Gebäudes befand sich ein Porno-Kino, das Calypso. Von den sechzehn Wohnungen dienten fünfzehn dem Austausch von Geld und Sekreten. Er hatte eine lange Zeit gebraucht, um sich an das ständige Stöhnen der Prostituierten und ihrer Kunden zu gewöhnen ; heute störte es ihn nicht mehr als Konzert der Grillen in der Provence. Aus seiner Wohnung drang wenig Getöse, Geschrei und Gebrüll nach draussen. Sein Tod hätte eine ernste Konsequenz, das wusste Virgile : Die Studien der gefühlsmässigen Katastrophen würden dramatisch ins Stocken geraten. »

Und nicht nur die Studien würden ins Stocken geraten, sein ganzes Leben und vor allem die bis jetzt erfolglose Suche nach  einer Liebesbeziehung wären nur noch Schall und Rauch. Virgile ist vollkommen verwirrt, die Angst vor dem Tod, besonders vor einer unheilbaren Krankheit, wird durch diese Nachricht auf dem Anrufbeantworter immer grösser. Er denkt zwar auch an einen üblen Streich, doch ein Leiden, wie die Frühdemenz, scheint ihm immer wahrscheinlicher. Er kündigt sämtliche Anschlüsse wie Telefon und Strom und letztendlich so gar den Mietvertrag, weil er sicher ist, schwer krank zu sein. Virgile lässt sich durch eine Überweisung von seiner Psychoanalytikern in den Computertomographen schieben, um jegliche Anzeichen auf Frühdemenz oder andere Krankheitsbilder auszuschliessen. Zu seinem Erstaunen ist er vollkommen gesund, was seine Therapeutin nicht im geringsten verwundert.

Doch das Leben von Virgile, der übrigens nie ohne Marc Aurels Selbstbetrachtungen verreisen würde, steht weiterhin auf dem Kopf. Seine Ex-Freundinnen versuchen ihn zu trösten wegen Clara und unbekannte Menschen besichtigen seine Wohnung. Er sucht nicht nur nach Erklärungen, sondern auch nach Lösungen. Auch seine Angst, dass er durch die Liebe zu einer Frau, seine grosse Liebe zu Paris verlieren könnte, bereitet ihm grosses Kopfzerbrechen. Virgile merkt jedoch immer mehr, wie sehr ihm plötzlich Clara fehlt. Und deshalb entschliesst er sich, die unbekannte, geheimnisvolle Frau zurückzuerobern…

Martin Page hat mit seinem Buch « Die besten Wochen meines Lebens… » nicht nur eine subtile französische Komödie über einen ziemlich verrückten Grossstadtneurotiker geschrieben, sondern auch einen sehr intelligenten und witzigen Roman vorgelegt, der sich durch seine besonders raffinierte erzählerisches Qualität auszeichnet.

Wie bereits eingangs erwähnt, geht es hier um das « Vielleicht », das sich wie ein roter Faden durch die Fantasie und Wirklichkeit dieses Romans zieht. Eine Frau wie Clara, die nicht wirklich existiert, aber trotzdem real zu sein scheint, wenn sich all seine Ex-Freundinnen so rührend um ihn kümmern. Eine Frau, die mehr Fiktion ist, aber letztlich durch ihre « Existenz » das Leben vollkommen durcheinander bringt und den liebeskranken Helden sozusagen aus der Welt der « Toten » in die Welt der « Lebendigen » zurückführt.

Und genau diesen Weg beschreibt Martin Page – dank seiner sehr feinfühligen und gleichzeitig äusserst selbst ironischen Charakterisierung seines Hauptdarstellers  – auf sehr humorvolle, aber intellektuell anspruchsvolle Weise. Gleichzeitig spürt der Leser Virgile’s grosse Liebe zu seiner Stadt :

« Wenn man die kulturelle, menschliche und ästhetische Wüste der Kleinstädte in der Banlieue oder in der Provinz kennengelernt hat, so ist Paris eine wahre Oase. Man darf nicht in Paris aufgewachsen sei, um in diese Stadt verliebt zu sein, wie man arm gewesen sein muss, um den Wert des Geldes zu schätzen. »

Und genau diese Pariser Oase könnte keine bessere Kulisse sein für Martin Page’s grandiosen komödiantischen Roman, der nicht nur eine ideale Spätsommerlektüre ist, sondern sich auch als sehr gute Grundlage für einen Woody-Allen-Film eignen würde !

Durchgelesen – “Liebe” v. Molly McCloskey

Die Liebe ist ein ganz besonderes Phänomen. Sie kommt entweder plötzlich und ganz heftig oder sie entwickelt sich aus Freundschaft langsam und stetig. Sie kann sich aber auch schleichend zurückziehen, um sich letztendlich sogar wieder vollkommen zu verabschieden. Liebe muss nicht automatisch ein starkes, lautes und euphorisches Gefühl sein. Liebe kann auch ganz dezent, leise und sehr diskret auftreten. Doch bei all diesen verschiedenen Liebesformen spielen Sehnsucht, Verzweiflung, Unglück und Trauer oft eine grosse Rolle.

Und genau von dieser, einer gar nicht kitschig-romantischen und gute Laune versprühenden, sondern eher melancholischen, schwierigen und erloschenen Liebe, erzählt uns Molly McCloskey in ihren aussergewöhnlichen und sehr zum Nachfühlen und Nachdenken anregenden Geschichten.

Molly McCloskey wurde 1964 in Philadelphia geboren und wuchs in Oregon auf. 1989 zog sie nach Irland, lebte zuerst zehn Jahre an der Westküste  und wohnt inzwischen in Dublin. Während ihrer Zeit in Irland arbeitete sie als freie Journalistin. Von 2006 bis 2007 war sie für die Vereinten Nationen in der Koordination von Hilfsgütern für Somalia tätig. 1997 erschien ihre erste Kurzgeschichten-Sammlung mit dem Titel « Solomon’s Seal » und 2002 folgte ihr zweiter Erzählungsband unter dem Titel «The Beautiful Changes ». Dank der herausragenden Übersetzung von Hans-Christian Oeser, der unter anderem auch F. Scott Fitzgerald und Ian McEwan ins Deutsche übertragen hat und 2010 für seine Arbeit mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet wurde, dürfen wir die wunderbaren Erzählungen von Molly McCloskey nun erstmals in deutscher Übersetzung lesen. Der Band « Liebe » ist eine Auswahl aus den beiden Short-Stories-Sammlungen, für welche Molly McCloskey mit eine Fülle von literarischen Preisen prämiert wurde.

« Liebe », das sind elf bemerkenswerte Erzählungen, die eine ganz andere Liebe beschreiben, welche der Leser bei diesem sehr vielversprechenden Titel erwarten würde. Es geht hier nicht um irgendwelche sorglosen Traumwelten und Liebesillusionen. Wir lesen von eher unaufgeregten Beziehungen, realen Problemen, von Menschen, die sich nach Liebe sehnen, Liebe erleben und Liebe verlieren. Und wir lernen Paare kennen, die versuchen ihre kleines zwischenmenschliches Glück noch zu erhalten, obwohl sie durch einen Schicksalsschlag lernen mussten, die Liebesflamme nicht auslöschen zu lassen.

Diese besonders schwierige Lebenserfahrung zeigt vor allem die beeindruckende Titelgeschichte : ein Paar glücklich liebend bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihr gemeinsames Kind in einem Bach – mit dem Gesicht im Wasser liegend – tot auffinden. Es geht um Schuld und Versäumnis. Doch trotz des unfassbaren Verlustes und Schmerzes, versuchen die Eltern ihre erschütterte und noch kleine Liebe zu bewahren. Ein traurige Geschichte, die den Leser trotz der Tragik nicht im Geringsten mit seinem Schmerz überrollt. Ganz im Gegenteil denn die Autorin kann mit ihren klaren und doch sensibel geführten Sätzen ganz vorsichtig einen Hoffnungsschimmer erzeugen, der dieses Paar vielleicht zu einem anderen und neuen Liebesglück führen könnte…

In der Erzählung « Polygamie » zeigt uns Molly McCloskey das Lieben und Leiden eines – was die Seele betrifft – gebildeten Mannes. Er ist Hochschuldozent für Psychologie, er fühlte sich immer umgeben von Frauen und « konsumierte » viele Liebhaberinnen. Doch jetzt nach der Trennung von seiner Frau, die kognitive Verhaltenstherapeutin ist, verliert er irgendwie den Boden unter den Füssen :

« In der darauf folgenden Woche irrt er nicht einmal mehr durch die Strassen, er weint nur noch. Wogen der Traurigkeit durchfluten ihn, so riesig, dass er nicht glauben kann, ihr Ursprung zu sein. Er empfindet den Kummer von Jahrhunderten, von ganzen Völkern und Nationen angesichts von Naturkatastrophen. Er trauert um eine vergangene Version seiner selbst, seines Ichs, das vom Vorhandensein eines so überwältigenden Kummers nichts wusste. »

Auch Männer leiden, ziehen sich zurück und weinen. Eine Erkenntnis, welche Frauen doch manchmal zu vergessen scheinen. Dieser Mann versucht jedoch sein Leiden zu beenden, holt sich von aussen Hilfe, geht zu einem Arzt und taucht ganz langsam wieder aus seinem tiefen Loch heraus. Und dann gibt es vielleicht sogar vollkommen unverhofft wieder Platz in seiner Seele für eine neue Liebe…

Molly McCloskey schreibt in einer faszinierend schonungslosen, aber trotzdem sehr feinfühligen und würdevollen Weise über das allzu menschliche Gefühl Liebe. Sie beobachtet ihre Figuren und Protagonisten wie ein Vogel, der über ihnen auf der Jagd nach Nahrung kreist. Sie öffnet ganz andere Türen im chaotischen Liebes – Gebäude, die nicht nur Glück und Rausch verstecken, sondern bewusst das Leiden und die schmerzvolle Traurigkeit präsentieren, ohne aber nie den letzten Hoffnungsschimmer auf neue und veränderte Liebesgefühle zu verlieren.

« Liebe » das ist sicherlich eine der schönsten Geschichten-Sammlungen der letzten Jahre – ein Buch über kleine und grosse Liebesdramen, die den Leser keinesfalls deprimieren, sondern auf ganz subtile Weise sehr stark fesseln. Selten werden wir mit solch berauschender Poesie beschenkt. Molly McCloskey ist eine psychologische Wortzauberin. Jede einzelne Geschichte erfährt durch ihre Sprachkunst eine ganz ungewöhnliche grazile Spannung und Anziehungskraft, die es uns leicht macht, die von ihr charakterisierten Liebesschicksale nicht nur berührt zu verfolgen, sondern auch literarisch in vollsten Zügen zu geniessen.

Diese Erzählungen schmecken wie Zartbitter-Schokolade : ein wenig herb und sanft zugleich. Liebhaber besonderer Literatur werden begeistert sein und Verehrer von Alice Munro, der kanadischen Erzählerin, fühlen sich sofort an ihre Geschichten erinnert. McCloskey ist ein ganz grosses Erzähl-Talent, das Sie, als Leser nun glücklicherweise mit diesen wunderbaren « Liebes-Geschichten » entdecken können !

Durchgelesen – “Madame Hemingway” v. Paula McLain

« Paris – ein Fest fürs Leben » zählt zu den bekanntesten Werken Ernest Hemingways, das 1965 – vier Jahre nach seinem Selbstmord  – erschienen ist. Es behandelt die Jahre 1921 – 1926. Hemingway beschreibt in diesem Werk die Erinnerungen seiner Pariser Zeit, seiner literarischen Bekanntschaften und der teilweise glücklichen, aber letztendlich doch eher dramatischen Ehe mit seiner ersten Frau Hadley Richardson. « The Paris Wife » – wie sie meistens nur betitelt wurde –  ist in den Biographien über Ernest Hemingway immer ein wenig zu kurz gekommen. Das wird sich jedoch ab sofort ändern. Dank Paula McLain und ihrem aktuell in Deutschland erschienen Roman « Madame Hemingway » bekommt der Leser zum ersten Mal die Gelegenheit, diese faszinierende und aussergewöhnliche Frau an Ernest Hemingway’s  Seite näher kennenzulernen.

Paula McLain wurde 1965 geboren und studierte Kreatives Schreiben. Sie lebte in verschiedenen Künstlerkolonien wie zum Beispiel Yaddo und MacDowell. Paula McLain hat sich – wie sie es auch im Zusatzmaterial am Ende des Romans in einem Gespräch erklärt – sehr intensiv für dieses Buch vorbereitet. Inspiriert durch das Lesen von Briefwechseln und zahlreichen Biographien entwickelte sie diesen grandiosen Roman, der in einem historischen Rahmen eingebettet ist und gerade deshalb den fiktiven Teilen der Geschichte einen zusätzlichen und wichtigen Raum geben kann. Zum ersten Mal wird das Leben von Hadley Richardson in den zentralen Mittelpunkt gerückt und bekommt im Hinblick auf die Biographie und das Werk Ernest Hemingways eine ganz neue Bedeutung.

« Madame Hemingway » wird in der Ich-Form aus der Sicht von Hadley Richardson erzählt. Der Roman beginnt in Chicago im Jahre 1920 : Hadley und Hem (so wird Hemingway in Freundeskreises immer genannt) lernen sich per Zufall über ihre Freundin Kate bei einem Fest in deren Wohnung kennen. Hadley wird 1891 als jüngstes von vier Kindern in St. Louis (Missouri) geboren. Ihre Familie ist sehr wohlhabend und konservativ. Hadleys Mutter war eine sehr dominante und herrschsüchtige Frau. Trotzdem erhielten die Kinder eine gute Erziehung und Hadley und ihre Schwester bekamen zusätzlich noch privaten Klavierunterricht am hauseigenen Flügel. Als Hadley mit sechs Jahren einen Unfall hatte und aus dem Fenster stürzte, war sie für mehrere Monate krank und wurde infolgedessen während ihrer Kindheit und Jugend von der Mutter überbeschützt. Sie blieb immer irgendwie gesundheitlich angeschlagen und fiel nach dem Selbstmord ihres Vaters, der sich fast vor ihren Augen erschossen hatte, in eine tiefe Depression. Trotzdem kümmerte sie sich um ihre schwerkranke Mutter, die sie bis zu ihrem Tode pflegte.

Hadley reist auf Einladung ihrer Freundin Kate nach Chicago, blüht endlich im Alter von 28 Jahren etwas auf, feiert, geniesst das Leben, und trifft auf einen besonderen Mann :

« Ernest Hemingway war kaum mehr als ein Fremder für mich, doch er schien von Glück geradezu durchdrungen. Ich konnte keinerlei Angst in ihm erkennen, nur Lebendigkeit und Intensität. Seine Augen leuchteten in alle Richtungen, und sie funkelten mich an, als er sich zurücklehnte und mich mit einer Drehung schwungvoll an sich zog. Er hielt mich eng an seine Brust gedrückt, und ich spürte seinen warmen Atem auf meinem Haar und Nacken. »

Hadley fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben umworben und verliebt sich immer mehr in Ernest. Hem – sieben Jahre jünger als Hadley – war damals ein ambitionierter Mann, was seine journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten betraf. Nach der Abreise von Hadley schreiben sie sich fast täglich sehnsuchtsvolle Briefe, treffen sich ein zweites Mal und heiraten schliesslich, denn Hem ist der Meinung, dass sie genau das richtige Mädchen für ihn ist. Hadley ist eher das Gegenteil von ihm: zurückhaltend, konservativ, fast schon ein wenig altmodisch. Auch wenn sich Ernest über ihre Art manchmal ein wenig lustig macht, schätzt er besonders ihre uneingeschränkte Loyalität. Das junge Paar lebt noch kurze Zeit in Amerika und verlässt auf Anraten eines Freundes die Heimat in Richtung Paris.

Mit wenig Geld in der Tasche – die Reise konnte durch eine Erbschaft von Hadley finanziert werden –  kommen sie in das pulsierende Paris der Goldenen Zwanziger Jahre an. Eine Welt, in welche die eher altmodische Hadley nicht wirklich zu passen scheint. Die Pariser Frauen sind selbst-bewusst, kleiden sich in Chanel, tragen schicke Kurzhaarfrisuren, ziehen mit Eleganz an ihrer Zigarettenspitze und geben sich dem Rausch der Nach-kriegsjahre hin. Auch Hadley und Hem versuchen in dieser neuen Welt Fuss zu fassen. Musik liegt in der Luft, der Jazz hat Paris fest im Griff, aber nicht nur das, auch der Alkohol spielt eine sehr grosse Rolle. Hadley und Hem wohnen sehr spartanisch in einem kleinen Appartement im 5. Arrondissement, das direkt neben einem Tanzlokal liegt. Diese Gegend gehörte damals zum alten Paris : ein wenig arm und dreckig. Hem verbringt viel Zeit in Cafés, um zu arbeiten – wie er immer behauptet – und Hadley kümmert sich um den Haushalt, kauft ein und entdeckt ihr Paris, wie beispielsweise die Märkte von Les Halles und die erwürdigen Häuser und schmalen Gässchen der Ile-St.-Louis. Auch wenn Hadley sich immer noch nicht richtig wohlfühlt, Hem ist von Paris begeistert :

« « Hier ist es so schön, dass es schon weh tut », bemerkte Ernest eine Abends, als wir auf dem Weg zum Dinner waren. « Liebst du es nicht auch ? » Das tat ich nicht, noch nicht, aber ich war beeindruckt. In dieser Zeit durch die besten Pariser Strassen zu laufen erweckte den Eindruck, durch die geöffneten Vorhänge in einen surrealen Zirkus zu blicken und jederzeit die Seltsamkeit und Pracht bewundern zu können. »

Ernest mietet sich ein kleines Zimmer zum Arbeiten und knüpft langsam immer mehr Kontakte in den Schriftstellerkreisen, während Hadley den Tag mit Klavierspielen und Spaziergängen verbringt. Inzwischen werden sie von namhaften amerikanischen Kollegen eingeladen, wie Gertrude Stein, Ezra Pound, F. Scott und Zelda Fitzgerald, die Hem endlich die Türen zu den berühmten Pariser Künstlerkreisen öffnen. Doch Hadley bleibt immer die Ehefrau, sitzt abseits, auch wenn sie ihren Mann unterstützt und sich als erste Leserin seiner Werke intellektuell einbringt. Ernest schreibt wie besessen und ist sehr launisch : einerseits lebt er fast schon euphorisch seine extreme Arbeitswut aus, andererseits ist er oft deprimiert, entmutigt und cholerisch. All diese Stimmungschwankungen erträgt Hadley mit einer würdevollen Selbstverständlichkeit, die sich durch ihre grosse Liebe zu Hem entwickelt hat. Sie reisen gemeinsam durch Europa, verbringen schöne Zeiten in Österreich und entdecken den Stierkampf in Spanien. Die Liebe ist stark und schwierig zugleich. Sie wird jedoch durch ein sehr grosses Missgeschick von Hadley, bei welchem sämtliche Manuskripte Hemingways in einem Zug gestohlen werden, zum ersten Mal auf eine harte Probe gestellt. Die Tatsache, dass Hadley dann auch noch von ihm schwanger wird, macht die bereits angespannte Lebens-situation zwischen ihr und Hem noch schwieriger. Ernest ist durcheinander und wird negativ von einigen Kollegen dahingehend beeinflusst, dass ein Kind nicht wirklich in ein Schriftstellerleben  – insbesonderen in seines – passt. Die zuerst sich viel versprechend entwickelnde Liebe zwischen Hadley und Ernest wird immer komplizierter, und erreicht ihren dramatischen Höhepunkt, als Hem sich in die Freundin von Hadley verliebt…

« Madame Hemingway » ist ein bemerkenswertes und mutiges Buch. Ein Roman, der zum ersten Mal Ernest Hemingway in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Die Autorin zeichnet einen Mann, der mehr als ein Macho ist, sich eigentlich nur um seine Arbeit und um seinen weiteren schriftstellerischen Erfolg kümmert. Doch in dieser beeindruckenden Liebesgeschichte kommt auch seine mitfühlende Seite zum Vorschein, die das Bild seiner komplexen Persönlichkeit ergänzt und nicht nur negativ darstellt.

Paula Mclain ist es gelungen, ein sehr bewegendes, informatives und beeindruckendes Porträt von Hadley Hemingway zu « malen ». Sie verwandelt die Hauptpersonen  zu wunderbaren Akteuren, welche durch die vielen Dialoge dem Leser eine Lebendigkeit und aktive Gegenwart vermitteln, als würde man am Nebentisch eines Cafés sitzen und mithören. Paula Maclain hat sich äusserst intensiv mit Hadely Richardson und natürlich auch mit Ernest Hemingway auseinandergesetzt. Sie sagt selbst, wie wichtig es ist, dass alle Personen, die tatsächlich gelebt haben und hier in dem Roman als fiktive Figuren auftreten, trotzdem so autenthisch, aber vor allem auch im Hinblick auf die historischen Lebensläufe so realistisch wie möglich dargestellt werden. Paula McLain erzählt mit sehr graziler Feingefühligkeit und hoher Empathie den Lebens- und Liebestraum eines ganz aussergewöhnlichen Paares. Sie findet den richtigen Ton und Rhythmus in ihrer Sprache und kann diesen literarisch gekonnt an ihre Hauptdarsteller weitergeben.

« Madame Hemingway » ist eine Liebesgeschichte, eine romaneske Biographie einer sehr charakterstarken Frau und ein sehr stimmungsvolles Buch über die «Golden Twenties» in der Kulturmetropole Paris. Dieses Buch wird jeden literatur- und kulturbegeisterten Leser in seinen Bann ziehen. Es ist ein Roman voller Leidenschaft, Glück, aber auch Verrat, Selbstsucht und Angst. Ein emotional und sprachlich sehr gelungenes Werk, das nicht nur eine Frau in ihrer ganzen Würde trotz Einsamkeit und Schmerz porträtiert, sondern auch zeigt, wie aufregend und gleichzeitig kompliziert es sein kann, mit einem Schriftsteller-Genie wie Ernest Hemingway verheiratet zu sein.

Tauchen Sie ein in das pulsierende und glamouröse Paris der zwanziger Jahre und begleiten Sie ein ungewöhnliches Paar durch ihre respektvolle, aber auch schmerzliche Liebe! Sie werden es nicht bereuen, denn dieses Buch ist wie Paris, ein wahres Fest für das Leben !

Durchgelesen – “Schweine züchten in Nazareth” v. Amanda Sthers

Kann man vor seinen Gefühlen fliehen? Ist es eine Alternative, Schweine in Israel zu züchten, statt sein Leben als erfolgreicher Kardiologe in Paris zu verbringen ? Dürfen Ehefrauen keine Nervensägen sein und müssen Kinder immer so werden, wie es die Eltern wollen ? So viele Fragen, doch dazu gibt es nur eine Antwort : Lesen Sie « Schweine züchten in Nazareth » von Amanda Sthers !

Amanda Sthers, ihr richtiger Name ist Amanda Queféllec – Maruani, wurde am 18. April 1978 in Paris geboren. Ihre Mutter stammt aus der Bretagne, ist Anwältin und katholisch. Sie tritt extra zum jüdischen Glauben über, um den Vater von Amanda Sthers, einen jüdisch-tunesischen Psychiater, heiraten zu können. Amanda Sthers selbst hat zwei Kinder von ihrem ersten Mann, dem Sänger Patrick Bruel und lebt inzwischen in einer neuen Partnerschaft mit dem Sänger Sinclair, mit dem sie auch gemeinsame berufliche Projekte verfolgt. Amanda Sthers schreibt Chansons, Romane und Theaterstücke, wie zum Beispiel : « Le Vieux Juif blonde », durch das sie 2006 richtig berühmt wurde. Der aktuell nun in deutscher Übersetzung veröffentlichte Roman « Schweine züchten in Nazareth » erschien bereits in Frankreich 2010 unter dem Titel « Les Terres saintes ».

Selbst wann man kein Schweinefleisch isst, da es den Cholesterinspiegel ungünstig beeinflussen würde, und man sich gleichzeitig in einem Land befindet, das mit dem Schwein aus rein religiösen Gründen so seine Probleme hat, kann eine Schweinezucht trotzdem die perfekte Methode sein, um ein ganz neues Leben zu beginnen und somit den familiären Problemen zu entfliehen.

Und genau zu diesem Schritt entscheidet sich Harry Rosenmerck, einer der Hauptprotagonisten dieses sehr exzentrischen Romans. Er ist Kardiologe, geschieden und hat zwei erwachsene Kinder. Harry beschliesst, trotz der vehementen Kritik von Rabbi Moshe Cattan, Schweine in Nazareth zu züchten. Harry beachtet sämtliche Vorschriften und  Bedingungen : die Schweine dürfen den Boden des heiligen Landes auf keinen Fall berühren und werden deshalb in Ställen mit einer sogenannten Pfahlkonstruktion gehalten. Harry’s Schweine werden zu Speck verarbeitet, welchen er dann an ein Restaurant in Tel Aviv liefert. Laut Harry’s Recherchen, könnte man sie aber auch zur Terrorismus-bekämpfung einsetzen, wobei man Schweineblut abgefüllt in die städtischen Busse hängt und somit die Terroristen bei einem Anschlag mit diesem Blut beschmutzt werden und dadurch unrein sind und von jeglicher Aufnahme ins Paradies nur noch träumen können. Doch Rabbi Moshe ist in jeglicher Hinsicht schockiert. Es entwickelt sich zwischen diesen beiden Herren ein sowohl politischer, aber auch emotionaler Schlagabtausch in Form eines Briefwechsels :

« Lieber Herr Rosenmerck,

ich sehe, dass ich Sie mit meiner Bitte, sich zu waschen, gekränkt habe. Erlauben Sie mir bitte, mich dafür zu entschuldigen. Ich will Sie nicht deshalb in die Jeschiwa einladen, um Ihnen Ihre Tefillin anzulegen. Unsere Religion, wie Sie sehr wohl wissen, zeichnet sich nicht durch Bekehrungseifer aus, vor allem nicht gegenüber Menschen, die bereits Juden sind. (Sind Sie es tatsächlich, wenn Sie nicht beschnitten sind ? Mit dieser Frage muss ich mich noch auseinandersetzen.)

Besuchen Sie mich, Herr Rosenmerck. Ich kann nicht zu Ihnen kommen. Es ist mir nicht gestattet, mit der Schweinerasse in Kontakt zu treten.

Mit freundlichen Grüssen, Moshe Cattan, Rabbi von Nazareth»

Aber nicht nur Harry und Rabbi Moshe führen einen kuriosen und lebhaften Briefwechsel, auch die anderen Mitglieder der Familie Rosenmerck tauschen sich in dieser Form aus, oder treffender formuliert : sie beschimpfen und kränken sich gegenseitig mit Briefen und Mails.

Harry ist nämlich seit dem Outing seines Sohnes David verstummt.  Er redet nicht mehr mit ihm, bzw. antwortet nie, obwohl David unermüdlich Briefe an seinen Vater schreibt, in denen er um seine Liebe und Aufmerksamkeit bettelt, die durch seine Liebesbeziehung mit einem Mann vollkommen abhanden gekommen ist. David ist ein in Paris gefeierte Theaterautor und widmet seinem Vater extra ein Theaterstück mit dem Titel « Schweine züchten in Nazareth ».

Annabelle ist Harry’s Tochter. Sie lebt in New York und ist ständig in viel zu alte Männer verliebt, die sich nie für sie von ihrer Frau trennen würden. Sie durchlebt einen dauerhaften bzw. immer wiederkehrenden Liebeskummer und macht deshalb seit Jahren eine Therapie. Doch durch eine Besuch bei ihrem Vater in Israel entdeckt sie ganz neue Seiten an sich.

Und dann gibt es noch Monique Duchêne, die Ex-Frau von Harry Rosenmerck, die ständig an Annabelle herummäkelt und endlich hofft, dass sie einen Mann bekommt, den sie verdient. Monique sieht eigentlich nur die Intelligenz ihrer Tochter und interessiert sich nicht wirklich dafür, was in ihrem Herzen vorgeht. Sie ist keine Mutter, die trösten kann, denn dazu ist sie selbst viel zu neurotisch. Doch auch sie schreibt ihrem Ex-Mann immer wieder Briefe, weil sie ihn wahrscheinlich doch noch ein wenig liebt, weil er der Vater ihrer Kinder ist und weil sie plötzlich sehr krank wird…

« Schweine züchten in Nazareth » ist eine höchst vergnügliche, aber gleichzeitig auch melancholische  Geschichte, um eine irgendwie verrückte und trotzdem nicht ganz unrealistische Familie. Der Roman hat sehr viele autobiographische Züge, denn wie Amanda Sthers Mutter, tritt auch Monique für Harry extra zum jüdischen Glauben über. Amanda Sthers gelingt es mit ihrer Briefroman-Technik ein Feuerwerk an guten und schlechten Gefühlen so raffiniert und authentisch zu präsentieren, als wäre sie der Regisseur eines Films oder Theaterstücks. Alle Protagonisten beschimpfen sich, streiten sich, lieben sich und versuchen sich zu versöhnen. Den Rahmen für diese skurrile und teilweise extrem komische Geschichte bildet die trotz aller Probleme entstehende und reifende Freundschaft zwischen dem Rabbi Moshe und Harry. Denn auch hier geht es um Versöhnung und Anerkennung.

Amanda Sthers hat ein fantastisches Gespür für die Psyche der Menschen. Sie kann glänzend mit der Sprache umgehen, spielt mit Ironie und lakonischen Redewendungen und verleiht dadurch ihren Briefen eine bewusst gesteuerte Direktheit, die diesen Roman so unglaublich lebendig und trotz aller Tragik unterhaltsam macht. Amanda Sthers gibt uns aber auch gesellschaftskritische und politische Einblicke in das Land Israel und öffnet mit ihrem wunderbaren Humor neue Türen bezüglich Freundschaft und Aussöhnung.

« Schweine züchten in Nazareth » ist eine äusserst geistreiche und bewegende Liebesgeschichte, bei der man sich wünscht, das sie nie enden würde ! Ein Roman, der berührt, aufklärt, Glück verbreitet, lautes Lachen auslöst und zum Nachdenken anregt. Kurzum ein wunderbares Buch von einer sehr begabten Autorin !

Durchgelesen – “Unverdächtig” v. Tanguy Viel

Eine Liebe ohne Geld oder Geld ohne Liebe – was ist falsch und was ist richtig ? Bei dieser Frage denkt man sofort an Theodor W. Adorno, der die Antwort auf diese Frage eigentlich mit seinem berühmten Satz «  Es gibt kein richtiges Leben im falschen » bereits beantwortet hat. Diese Sentenz, die übrigens aus der « Minima Moralia » stammt, ist zwischen 1944 und 1947 entstanden und sollte dazu beitragen, die Differenz zwischen richtig und falsch zu bekräftigen und die Wichtigkeit zu verdeutlichen, das Richtige zu erkennen.

« Unverdächtig » ist trotz dieser sicherlich interessanten und nachdenkenswürdigen Anmerkung kein philosophischer Roman. Ganz im Gegenteil,  dieses Buch ist ein ganz verrückter und außergewöhnlicher Thriller, der sich um eine « amour fou » und um einen unerfüllten Traum dreht und vielleicht deshalb ganz unbewusst diesen adorn’schen Aphorismus als Motto hat.

Tanguy Viel, geboren 1973 in Brest – die « Hauptstadt » der Bretagne -, ist einer der aufsteigenden jungen französischen Autoren. Bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete er in einem Theater in Tours. Er war von 2003 – 2004 Gast in der « Villa Medicis », die als Herberge der « Académie de France » in Italien dient. 2009 erhielt Viel den Prix de la Ville Carhaix für seinen Roman Paris-Brest.

« Unverdächtig » (im Original « Insoupçonnable ») erschien bereits 2006 in Frankreich, wurde als erster Roman in deutsche Übersetzung 2007 veröffent-licht und liegt uns nun in der aktuellen Taschenbuchausgabe vor, die jeden Urlaub – ob auf dem heimatlichen Balkon oder am fernen Strand – zu einem äusserst kurzweiligen und spannungsreichen Erlebnis macht.

Der Roman spielt in einem bretonischen Küstenstädtchen. Die Haupt-protagonisten sind drei Männer und eine Frau. Es geht um menschliche Abgründe, Treue, Verrat, Lügen und Liebe.

Sam und Lise sind ein eher unkonventionelles Paar. Sie arbeitet nachts als Bardame, um Männer zu animieren, zu mehr Alkohol, aber auch zur Liebe. Doch Lise ist im Vergleich zu ihren Kolleginnen konsequent und geht nie bis zu dem eigentlich letzten Schritt. Sam ist unendlich verliebt in Lise. Er selbst trödelt in seinem Leben herum, ist arbeitslos und verbringt die meiste Zeit mit Schlafen und Fernsehen. Er träumt vom grossen Geldregen und von einem besseren Leben mit Lise. Beide würden so gerne in die USA gehen, doch es scheint momentan nur ein Traum zu bleiben.

Bis zu jenem Zeitpunkt, als Lise’s bester Kunde – der Witwer Henri – ihr einen Heiratsantrag macht ! Henri ist ein sehr wohlhabender Auktionskommissar. Kurzum er verkauft edle Antiquitäten und  lebt in einem sehr grossen und eleganten Haus. Er ist quasi ein richtig guter Fang. Lise und Sam schmieden einen Plan :

« Ich erinnere mich an den Klang ihrer Stimme an jenem Morgen, wir beide mit den Ellbogen auf der Fensterbank, wir beide lange Minuten still, all dies schien wie in einem Block zu uns zu sprechen, und unsere Blicke aufeinander geheftet, ich erinnere mich, wie sie irgendwann sagte : Jetzt oder nie, das ist die Gelegenheit Sam. Wie, die Gelegenheit wozu, Lise, die Gelegenheit wozu ? »

Wozu, das ist ganz klar, um endlich ihren Traum zu realisieren. Lise heiratet Henri und Sam, der Geliebte, avanciert zum « falschen » Bruder und Trauzeugen. Ein wahrlich sehr gefährliches Unterfangen, denn Sam und Lise versuchen trotzdem sich immer sehr nah zu sein und begeben sich dadurch mehr und mehr in grosse Gefahr, entdeckt zu werden. Sie haben nämlich eines ganz vergessen, oder sollte man eher sagen einen, den Bruder von Henri : Edouard. In diesem Fall ist er der echte Bruder, er arbeitet genau wie Henri als Auktionskommissar in der gemeinsamen Firma und ist ein leidenschaftlicher Golfer. Sam, der neue « Schwager » wird nun zum Golfpartner des besonders introvertierten Edouard, aber nur für kurze Zeit. Denn Sam und Lise hecken einen in ihren Augen absolut genialen Plan aus : Lise wird entführt und Henri soll Zahlen – eine Million Dollar ! Doch leider klappt die inszenierte Entführung nicht im Geringsten und das vollkommen unvorhergesehene Chaos nimmt einen dramatischen Verlauf…

« Unverdächtig » ist zwar ein sehr schmaler, aber dafür umso genialer Roman, der sich dem Einfluss der sogenannten « Nouvelle Vague », einer ganz besonderen französischen Kinobewegung in den 50 Jahren, nicht entziehen kann. Man denkt sofort an François Truffaut, der sicherlich aus diesem Roman einen subtil spannenden und befreiten Film hätte zaubern können. Tanguy Viel schreibt als wäre er der Kameramann, lässt seinen Ich-Erzähler Sam die Gegenwart und die Vergangenheit gekonnt vermischen, so dass beim Lesen eine visuelle Ästhetik entsteht, die man selten bei Kriminalromanen finden kann. Der Leser wird nicht nur Zuschauer, er erlebt dieses Buch, riecht die Meeresluft und verspürt zunehmend die beklemmende Atmosphäre.

Doch « Unverdächtig » wäre ohne der Übersetzungskunst von Hinrich Schmidt-Henkel nicht das, was wir hier vor Augen haben. Jede Feinheit, jede Stimmung ist wunderbar eingefangen, selbst das, was man zwischen den Zeilen liest, wurde « übersetzt ». Eine herausragende Leistung, die wir als anspruchsvoller Leser wahrlich geniessen können.

« Unverdächtig » ist ein Buch mit Tiefgang, Magie, Thriller-Flair und einem Überraschungscoup. Ein Roman, wo Sätze zu Bildern werden, ausgestattet mit sprachlich und stilistisch feinster Raffinesse und einem meisterhaft aufgebauten Spannungspotential. Dieses Buch lädt ein nochmals über den eingangs erwähnten Satz von Adorno nachzudenken und sich selbst bewusst zu werden, was es bedeutet, das richtige Leben zu führen. Ein brillantes Buch von einem vielversprechenden Autor !

Durchgelesen – “Die Teufelssonate” v. Alex van Galen

Musik kann Leidenschaft erzeugen, Musik kann aber auch zur Obsession werden, wodurch die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn kaum mehr erkennbar sind. Will man die Macht der Musik begreifen, braucht man nur die einzelnen Biographien berühmter Musiker und Komponisten studieren, und man wird zu den ungewöhnlichsten Erkenntnissen kommen. Als wahrlich einfachere und unterhaltsamere Alternative dazu empfiehlt sich dieser faszinierende und sehr fesselnde Roman « Die Teufelssonate » !

Alex van Galen wurde 1965 geboren. Bereits als Kind hatte er durch einen ungewöhnlichen Zufall auf seinem Schulweg den Konzertpianisten Jan Beekmans aus Brabant gehört. Van Galen wurde durch einen wunderbaren Kontakt sein einziger Privatschüler. Aus dieser Schüler-Lehrer-Beziehung entwickelte sich eine sehr wichtige Freundschaft, die van Galen noch heute in seiner Arbeit als Schriftsteller beeinflusst. Er studierte Literaturwissenschaft an der Universität Utrecht und arbeitete sehr erfolgreich als Drehbuch-schreiber für das Fernsehen. « Die Teufelssonate » ist sein zweiter Roman, der bereits in den Niederlanden in kürzester Zeit zu einem unglaublich grossen Erfolg wurde.

« Die Teufelssonate » spielt in Paris und Amsterdam. Der Hauptprotagonist ist Mikhael Notovich. Er ist nicht nur ein berühmter Pianist, sondern auch ein Frauenverführer und ungebremster Exzentriker, mit dem Hang zu manisch-depressiven Anwandlungen, die ihm nicht nur sein Musikleben kosten, sondern auch andere Menschen in seinem Umfeld verstören und zerstören.

Notovich ist besessen von der Musik, doch trotzdem lernt er immer wieder besondere Frauen kennen. In diesem Fall ist es die junge unbekannte Künstlerin Senna. Sie macht ihn mit ihrer Art einerseits wahnsinnig, andererseits kann er aber ohne sie nicht leben. Sie selbst ist eine sehr schwierige Persönlichkeit, lässt sich treiben, ist mal da, mal dort. Doch Notovich ist ganz verrückt nach ihr und versucht Liebe und Musik unter einen Hut zu bringen. Doch wenn er sich der Musik und hauptsächlich seinem grossen Idol dem Komponisten Franz Liszt hingibt, vergisst er alles um sich herum. Es spielt sich in Trance und verliert jeglichen Bezug zur Wirklichkeit. Und so kommt es dass er sein letztes öffentliches Konzert in einem Pariser Theater musikalisch sehr riskant, aber trotzdem mutig beginnt :

« Notovich fing an zu spielen. Ein Präludium stand auf dem Programm, aber er hielt sich nie an Programme. Er begann mit der fünften Transzendentalen Etüde von Franz Liszt. Diese Etüde ist schwindelerregend schwierig, beinahe unspielbar. Kein normal denkender Mensch würde ein Konzert damit eröffnen. »

Er spielte sich in einen wahren Rausch und bemerkte keine Sekunde, dass seine Hände voller Blut waren. Der Direktor des Theaters unterbrach das Konzert und zwei Polizisten führten Notovich ab. Er wurde verdächtigt, seine grosse Liebe Senna getötet zu haben. Doch Notovich erinnerte sich an gar nichts, er hatte oft Blackouts, auch beim Spielen. Die Polizei konnte ihm nichts konkretes nachweisen, deshalb verlässt er Paris und geht nach Amsterdam. Doch da taucht plötzlich sein Konkurrent Valdin auf. Er lädt Notovich zu einem geheimen Konzert ein und fordert ihn zu einem Pianisten – Duell heraus. Valdin provoziert ihn in Punkto seiner Besessenheit bezüglich der Liszt’schen Kompositionen und versucht ihn vollkommen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Denn Valdin ist der Einzige, der das Geheimnis um den Tod von Senna in allen Details kennt…

Der Thriller nimmt seinen rasanten Lauf. Wir befinden uns in einem Rausch, der verwoben ist mit Liebe, Leidenschaft, Hass, Enttäuschung und sehr viel emotionaler Musik von Chopin, Rachmaninoff und natürlich von Franz Liszt. Und  nach knapp vierhundert Seiten erwacht der Leser aus einem musikalischen Höllen-Traum, der die Musik nicht nur von seiner freundlich hellen, sondern besonders auch von seiner absolut düsteren Seite zeigt.

Alex van Galen ist mit seiner « Teufelssonate » ein atemberaubendes Buch gelungen, das durch die anspruchsvolle Sprache, die subtile Spannung, die einen immer mal wieder an Alfred Hitchcock erinnert, und durch die sehr fundierten Informationen über Pianisten und Komponisten beeindruckt. Gleichzeitig spürt man bei diesem Buch auch die Kunst des Drehbuch-schreibers, der hier am Werk ist. Rückblenden und Gegenwart im ständigen Wechsel, die feine Charakterisierung der Hauptakteure und die ständige Präsenz der Musik, all dies würde sich ganz wunderbar in einen Film verwandeln lassen. Man sieht die zwei Klaviervirtuosen direkt vor den lesenden Augen, «hört» das Spiel und fühlt sich dadurch immer mal wieder an berühmte Pianisten erinnert, wie beispielsweise Sviatoslav Richter – der auch nur im Dunkeln mit einem kleinen Spot für die Klaviertasten spielte – oder Lazar Berman – der Hände wie ein Bär hatte und mehr als eine Oktave greifen konnte – .

Diese Bildhaftigkeit macht diesen Roman zu einem sehr starken literarischen und extrem spannenden Musikerlebnis. Deshalb ist dieser Pianistenthriller eine richtig gute Lektüre für jeden Klaviermusikliebhaber, der mit Chopin, Liszt und Rachmaninoff vertraut ist. Aber auch der vielleicht nicht ganz so klassik-erfahrene Krimileser wird mit «Der Teufelssonate » auf seine Kosten kommen, denn sie ist mehr als packend und mitreißend. Man könnte von einem echten « Pageturner » sprechen, der darüberhinaus dem Leser noch zusätzlich die wunderbare Welt der Klaviermusik eröffnen kann. Denn was gäbe es nach der Lektüre nicht Schöneres als die berühmte und sehr emotionale Sonate h-moll von Liszt neu oder wieder zu entdecken und dieses grossartige Buch mit all seiner Musikalität nochmals nachwirken zu lassen !

Durchgeblättert – “Paris, Liebe, Moden, Tête-à-Têtes”

Paris ist, wie wir alle zu wissen glauben, die Stadt der Liebe, des Luxus und der Mode! Doch Paris ist noch viel mehr, und das können wir in diesem neu konzipierten “Reiseführer” – “Paris, Liebe, Moden, Tête-à-Têtes”  aus der Reihe corsofolio entdecken. Es handelt sich um eine Mischung zwischen Buch und Magazin. Fest gebunden, Hochformat, inhaltlich voller Geist und hochwertig in der Gestaltung. Also kein klassischer Reiseführer, sondern ein Führer, mit dem man vor allem auch auf seinem heimatlichen Canapé durch die Stadt Paris flanieren kann.

Doch ganz ohne “Reiseleiter” geht das natürlich nicht. In “Paris” lernen Sie deshalb ihren ganz persönlichen Gastgeber  - Georg Stefan Troller – kennen.

Georg Stefan Troller ist eigentlich ein gebürtiger Wiener (geboren am 10. Dezember 1921 in Wien). Mit 16 Jahren floh er vor den Nazis durch ganz Europa und emigrierte in die USA. 1949 kehrte er nach Europa zurück, da er ein Stipendium für die Sorbonne in Paris erhielt. Das Studium hatte er jedoch nie begonnen, da er ein interessantes Angebot als Hörfunkreporter annahm. Ende der 50ziger Jahre machte er erste Erfahrungen als Fernsehreporter beim Südwestfunk und begann 1962 mit dem “Pariser Journal” beim WDR. 1971 wurde er Sonderkorrespondent beim ZDF in Paris. Troller ist Schriftsteller, Fernsehjournalist, Drehbuchautor, Regisseur und Dokumentarfilmer. Er lebt inzwischen seit über 60 Jahren in Paris!

Gleich zu Beginn dieses besonderen Paris-Führers zeigt uns der Gastgeber G.S. Troller, “Was der Pariserin wichtig und dem Pariser unentbehrlich ist.” Warum ist Paris die schönste Stadt der Welt, obwohl angeblich die Lebensqualität nicht so hoch ist. Wer lebt in Paris, was ist ein “Bobos” oder BCBG”? Wussten Sie, dass “Pariser(in) sein bedeutet kultiviert sein”? Oder dass auch Demonstrationen zur Pariser Kultur gehören, wie eines der gerade ganz populären Museen wie beispielsweise die Fondation Cartier am Boulevard Raspail. Und was wäre Paris ohne der berühmten Modeszene: Was zieht man an? Wie sieht der neue Look aus. Wichtig ist vor allem eins, nichts zu übertreiben. Der Pariser legt wert auf dezenten Chic ohne Protz oder dem sogenannten “bling-bling”. Die Liebe sollte natürlich auch nicht zu kurz kommen, deshalb ist das Flirten – “Draguer” besonders wichtig. Troller gibt klare Tipps, wo es sich am besten flirten lässt, wie zum Beispiel auf den Sonnenterrassen der Cafés in der Nähe der Eglise Saint-Germain-des-Prés und im Garten des Jardin du Luxembourg.

Durch unseren Gastgeber lernen wir aber auch noch viele andere Autoren kennen, die in irgendeiner Beziehung zu Paris stehen. Da treffen wir zum Beispiel Peter Stamm, der uns erzählt, wie er mit 19 Jahren zum ersten Mal nach Paris kommt. Oder Julia Kronberg, die sich auf die Suche nach dem Pariser Mann begibt. Paul Nizon versucht uns die französische Frau zu erklären. Aber auch Louis Begley, Anne Weber und Ullrich Fichtner kommen unter anderem zu Wort. Spannend ist auch das Sätze-beendende-Interview mit der Käsehändlerin Martine Dupont und nicht zu vergessen das sogenannte Journal. Hier spazieren wir auf dreissig Seiten durch das literarische Paris unter anderem mit Michel de Montaigne, Frédéric Beigbeder, Ernest Hemingway, Patrick Süsskind  und Georges Simenon.

“Paris, Liebe, Moden, Tête-à-Têtes” ist ein außergewöhnlicher Reiseführer, der den Leser das Besondere und das Mehr entdecken lässt. Ein Reiseführer im Großformat, der nicht in die Handtasche passt und nur als Vor-oder Nachbereitung gelesen werden sollte. Denn er gibt keine Hotel- und Restaurantempfehlungen oder ähnlich praktische Reisetipps. Nein, dieser Reiseführer erzählt über die Stadt, über die Besonderheiten, über Begegnungen, über die Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit. Mit ungewöhnlichen Fotos, sowohl schwarz-weiss und in Farbe, werden wir hineingezogen in die geheimnisvolle Magie dieser Stadt, die einen nie mehr loslassen wird, sobald man sie entdeckt und verstanden hat.

Durchgelesen – “Mein Vater aus Paris” v. Antonio Skàrmeta

Antonio Skàrmeta, geboren 1940, gehört zu den bekanntesten Schriftstellern Chiles. Als Anhänger von Salvador Allendes musste er 1973 nach dem Militärputsch das Land verlassen. Er lebte bis zur Rückkehr 1989 im Exil in West-Berlin. Nachdem die Demokratie in Chile zurückkehrt war, wurde Skàrmeta 2000 zum Chilenischen Botschafter in Berlin ernannt und bekleidete dieses Amt bis 2003. Seinen literarischen Durchbruch hatte er mit seinem berühmtesten Werk “Mit brennender Geduld” errungen, das er sogar selbst als Regisseur 1983 verfilmt hatte. Der eigentliche Erfolg stellte sich jedoch erst nach der Verfilmung von Regisseur Michael Radfords 1994 ein, bei dem Philippe Noiret die Hauptrolle spielte. Das Buch wie auch der Film handeln von der besonderen Freundschaft zwischen einem Briefträger und dem chilenischen Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda.

“Mein Vater aus Paris” ist nun das aktuellste in deutscher Sprache veröffentlichte Werk von Antonio Skàrmeta. Ein erstaunlich schmaler Roman, aber dafür um so poetischer. Er spielt in einem kleinen gottverlassenen Dorf mit dem Namen Contulmo in der Nähe der südchilenischen Stadt Angol. Ein kleiner Ort, in dem nicht viel passiert, aber trotzdem Themen wie Liebe, Sehnsucht, Schuld und Verlangen einen sehr grossen Raum einnehmen.

Die Hauptperson in diesem Roman ist der junge  21 jährige Dorflehrer Jacques. Er lebt hier mit seiner Mutter ganz allein, denn sein Vater, der Franzose ist, hat sie Beide Hals über Kopf verlassen und ist aus Sehnsucht nach Paris zurückgekehrt. Seine Mutter hat ihn sehr geliebt, so sehr, dass sie sich fast das Leben genommen hätte. Aber auch Jacques würde am Liebsten vor Kummer sterben. Obwohl er bereits Texte und Bücher aus dem Französischen übersetzt, ist seine Mutter erst dann richtig glücklich, als man ihm die Stelle des Dorflehrers gibt. Somit bleibt wenigstens ihr Sohn bei ihr.

Jacques ist sehr beliebt bei seinen Schülern, vor allem bei einem ganz besonders – nämlich Augusto. Es ist der jüngere, fast 15jährige, Bruder seiner wunderschönen Nachbarin Teresa, die noch eine ältere Schwester, namens Elena, hat. Augusto liest sehr gerne und ist begabt, lustige Aufsätze zu schreiben. Er interessiert sich sehr für Gedichte und versucht dadurch mit Jacques näher in Kontakt zu kommen. Sozusagen nicht nur für ein Gespräch von Lehrer zu Schüler, sondern eher von Mann zu Mann.

Augusto möchte etwas ganz bestimmtes wissen. Er erkundigt sich bei Jacques, ob er schon mal im Bordell in Angol gewesen ist. Doch Jacques kann nichts dazu sagen, und beschliesst deshalb mit seinem Freund Christiàn nach Angol zu fahren, um das besagte Bordell aufzusuchen. Beide sind viel zu früh und vertreiben sich die Zeit in Angol, in dem sie Essen gehen und durch die Stadt bummeln. Während Jacques gerade Kinoplakate betrachtet, entdeckt er auf der Strasse ganz zufällig seinen Vater Pierre mit einem Kinderwagen:

“Verwirrt blickt der Mann in den Kinderwagen, erst dann wandern seine Augen hoch zu mir. Ich sehe seine buschigen Brauen, seine leicht gebogene Nase, seine feucht glänzenden, verschwommenen Augen und vor allem seine Wange mit der Narbe, ein Relikt von einem Streit in einer Bar. «Jacques? Bist du’s wirklich? C’est vraiment toi?» «Aber ja, Papa.»”

Beide sind total überrascht! Aber Jacques noch mehr, als er den kleinen Sohn seines Vaters kennenlernt. Pierre war nie woanders als in Angol und er ist auch nicht nach Paris zurückgekehrt. Warum ist er hier und warum hat er noch einen Sohn? All dieses Fragen beschäftigen Jacques. Doch sein Vater verrät nicht allzu viel und bittet ihn, seiner Mutter nichts von diesem Treffen zu erzählen. Zuerst hält er sich daran, bis Jacques auf eine kluge Idee kommt ….

“Mein Vater aus Paris” ist ein kleiner feiner Roman voller Poesie, mit der Antonio Skàrmeta den Leser ab der ersten Zeile verführt und ihn ganz vorsichtig in dieses Dorf mitnimmt. Wir werden Beobachter einer etwas wehmütigen, aber trotzdem sehr sinnliche Liebesgeschichte. Skàrmeta ist ein Sprachzauberer, der aus unglaublich einfachen und klaren Worten eine Stärke und Tiefe erzeugt, die wir selten in der Literatur finden. Trotz der atemberaubend kurzen 25 Kapiteln auf sage und schreibe 96 Seiten versprüht dieser Roman eine ganz besondere Romantik. Eine Romantik, die jedoch nicht schwülstig daherkommt, sondern eher distanzierte Leichtigkeit verbreitet. Die aufs Wesentliche reduzierten und prägnanten Sätze sind vergleichbar mit den ganz bewusst geführten Pinselstrichen eines Malers. Mit zurückhaltender Sensibilität erleben wir in diesem Buch eine nicht ganz einfache Liebe und grosse Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln, die nicht harmonischer in die südamerikanische Melancholie eingebettet sein könnte.

“Mein Vater aus Paris” , ist sicherlich die “grosse” Entdeckung dieses Bücherfrühjahrs! Was für ein schönes Buch! Ein echtes Juwel, das jeden anspruchsvollen Literaturfreund ein unvergessliches und äusserst poetisches Lesevernügen bereiten wird.

Durchgelesen – “First Dog – Enthüllungen eines Präsidentenhundes” v. Luis Rafael Sànchez

Der Hund ist  - wie wir alle wissen oder meinen zu wissen – der beste Freund des Menschen. Ist er das auch noch, wenn beispielsweise der eigene Hund anfangen würde zu sprechen wie ein Mensch? Denn ist nicht gerade das Schweigen eines Hundes sein schönster und wichtigster Charakterzug. Würde der Hund nun sprechen, könnte es für den Besitzer gefährlich werden, denn Hunde wissen sehr viel, manchmal auch zu viel. Und genau diesem Risiko musste sich der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton aussetzen, denn sein Hund Buddy konnte und durfte nicht mehr länger schweigen!

Luis Rafael Sànchez wurde 1936 in Humacao auf Puerto Rico geboren und ist heute ein erfolgreicher Theaterautor und Verfasser mehrere Romane. Mit seinem Buch “First Dog” hat sich Sànchez vom lateinamerikanisch magischen Realismus verabschiedet und führt den Leser  - wie er selbst sagt –  in den sogenannten kybernetischen Realismus ein. Kybernetik in der Literatur ist eher ein seltenes Phänomen. Aber durch diese Satire kommen wir der Lehre von selbsttätigen Regel- und Steuerungsmechanismen auf die Spur, die wir in dieser Form nicht origineller hätten entdecken können.

“First Dog” ist kein klassisches Hundebuch oder auch keine Betriebsanleitung für besondere Hunde. Nein es sind die bewegenden und sehr ernst zu nehmenden Memoiren des Buddy Clinton, des ehemaligen First Dogs der USA von 1997 – 2001. Buddy – ein grosser Katzenhasser – wird Opfer einer politischen Intrige. Er wird vom FBI entführt und von hochrangigen Wissenschaftlerin und Forschern verkabelt, vermenschlicht und mit einem Sprachcomputer verbunden, damit er gegen seinen Chef bzw. gegen sein Herrchen aussagen kann. Und ab diesem Zeitpunkt der totalen Verkabelung mit dem “Verteilungszentrum der künstlichen Intelligenz” befinden wir uns mitten in einem kybernetischen Regelungssystem, was den Hund zum “Menschen” werden lässt.

Buddy geniesst anfangs diese Vermenschlichung, auch wenn sie mit sehr grossen körperlichen Strapazen verbunden ist – denke man an die Zwei-Pfoten-Position, die Injektionen für das Allgemeinwissen und die Verkleidung mit Anzug und Krawatte! Doch wie es sich für einen First Dog gehört, trägt er alles mit Fassung und berichtet erst einmal von seinen Erfahrungen im Weissen Haus. Buddy erzählt aus seinem bewegten Liebesleben, insbesondere von der erotischen Begegnung mit der Hündin des österreichischen Botschafters im ehemaligen alten Ehebett von Lincoln. Aber er nimmt sich auch Zeit und Muse über das Verhältnis zwischen Mensch und Hund zu philosophieren:

” Wir Hunde leisten unserem Herrchen Beistand bis ins hohe Alter. Wir Hunde lieben ihre Kinder auch dann noch, wenn sie uns mit ihren ungeschnittenen Fingernägeln in den Nasenlöchern rumpulen. Wir Hunde sagen unseren Herrchen nicht gleich schlechten Umgang nach, wenn sie beim Nachhausekommen nach Katzenkacke riechen. Wir wissen, dass man über uns lacht, und doch rennen wir unseren Herrchen zuliebe hinter Aufzieh-hasen her. Wir wissen, das man uns verhöhnt, und doch fügen wir uns den absurdesten Namensgebungen. Rambo für ein Schoßhündchen. Rotkäppchen für einen Labrador. O. J. Simpson für einen Pudel, der keiner Fliege etwas zuleide tut. Hunde diskriminieren ihre Herrchen nicht, weil sie Schwarze, Asiaten, Hispanos, Juden oder Muslime sind. Wir Hunde diskriminieren unsere Herrchen nicht, wenn sie mit Männern glücklich werden, und unsere Frauchen nicht, wenn sie mit Frauen glücklich werden.”

Doch die versammelten Wissenschaftler und Sittenwächter warten endlich darauf, dass sich Buddy über die Liaison zwischen seinem Herrchen – dem Präsidenten – und der Praktikantin äussert. Der First Dog schildert ausführlich sämtliche Indiskretionen, denn wie oft war er dabei, als sich sein Herrchen mit dem schönen Fräulein Lewinsky getroffen hat. In allen Einzelheiten berichtet er darüber und lässt natürlich auch dabei immer wieder seine Gedanken im Hinblick auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund einfliessen. Besonders in der Hoffnung, dass für Buddy das Mensch sein bald ein Ende hat und er wieder bellend durch das Weisse Haus toben kann….

“First Dog” ist eine geniale Satire über das Mensch sein als Hund und aus der Sicht eines Hundes. Ohne Humor und einen Sinn für das Surreale sollte man dieses Buch jedoch nicht lesen. Man hat ständig das Gefühl, vor einem grossen Gemälde des berühmten Surrealisten Réné Magritte zu stehen, denn die Sprache von Sànchez ist sehr bildhaft, aber trotzdem spritzig und dynamisch. Auch der stilistische – oder sollte man besser sagen –  der kybernetische  Trick einen Hund mit High-Tech zum Sprechen zu bringen und zu eine Art “Mensch” zu verwandeln, ist mehr als gelungen. Das Buch ist irgendwo respektvoll frech, teilweise sehr boshaft, ein wenig subtil vulgär, aber keinesfalls ordinär und bis zur letzten Seite äusserst skurril und sehr kurzweilig.

“First Dog” ist ein Buch selbstverständlich vor allem für satirebegeisterte Hundefreunde! Es ist aber auch für Leser ohne Hund sehr empfehlenswert, denn es zeigt ganz neue Erkenntnisse in Punkto Mensch – Hund – Beziehung, und macht dadurch sehr deutlich, warum der Mensch der beste Freund vom Hund ist und nicht umgekehrt. Ein unvergessliches und aussergewöhnliches Lesevergnügen für alle Liebhaber der surrealistischen Literatur!

Durchgelesen – “Madame Cottard und die Furcht vor dem Glück” v. Rainer Moritz

Welch eine Freude die Pariser Buchhändlerin Nathalie Cottard und ihren Verehrer und Retter in der Not Robert Bernthaler wieder zu treffen. Bereits vor gut einem Jahr ist der erste Roman unter dem Titel “Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe” um dieses charmante “Paar” erschienen. Jeder Leser dieses ersten Werks hat am Ende gehofft und auch ein klein wenig geahnt, dass diese besondere Liebesgeschichte weitergehen wird. Es stellte sich nur die Frage wie?

Rainer Moritz hat uns wieder voller Charme und Einfühlungsvermögen ein neues wunderbares Buch präsentiert, das von der ganz frischen Liebe, ja eher noch vom Verliebtsein eines doch sehr erwachsenen und erfahrenen Paares berichtet. Rainer Moritz hat eine Schwäche für schöne Geschichten, für besondere Buchhändler – denkt man nur an sein fantastisches Buch “Die schönsten Buchhandlungen Europas” –  und er schwärmt für Paris, einer Stadt, in der er immer mal wieder wohnt, wenn er nicht in Hamburg anzutreffen ist.

Die Geschichte von “Madame Cottard und die Furcht vor dem Glück” beginnt in der Bretagne. Nathalie und Robert  - inzwischen sehr verliebt – wollen der wahren Liebe nachspüren. Und wo könnte das nicht schöner und romantischer sein, als in einem kleinen Fischerdorf am Atlantik. Doch leider währt dieses gemeinsame Glück nur sehr kurz, da Robert Bernthaler dringend aus beruflichen Gründen nach Paris zurück muss.

Die Nachricht, die Robert in der Pariser Dependance der schwäbischen Korkenfirma erreicht, ist alles andere als positiv. Er soll schnellst möglich in den Firmensitz nach Deutschland zurückkehren, da der Seniorchef seiner Firma ganz unerwartet verstorben ist. Die ganze Firma soll umstrukturiert werden und das Schlimmste steht noch bevor: man will die Pariser Filiale schliessen und Robert soll wieder fest in Deutschland – genauer in Tübingen – arbeiten.

Nathalie ist bezüglich dieser Neuigkeiten alles andere als begeistert. Sie versucht sich abzulenken, arbeitet viel in der Buchhandlung, lässt sich durch ihre Freundinnen auf andere Gedanken bringen und muss gleichzeitig noch das Problem mit ihrer Mutter lösen. Diese lebt in Grenoble und ist nach einem Sturz nicht mehr in der Lage, für sich alleine zu sorgen. Nathalie versucht für sie einen Platz in einer Pariser Seniorenresidenz zu finden, doch ihre Mutter will auf gar keinen Fall nach Paris umziehen.

Mit diesem Familienproblem im Gepäck soll Nathalie auch noch mit der neuen Situation klar kommen: Robert ist nun definitiv aus ihrem Haus im Montmartre-Viertel ausgezogen, sie kann glücklicherweise nach der Generalsanierung ihrer Wohnung wegen des Wasserschadens endlich wieder in ihren vier Wänden wohnen, aber leider ohne ihre grosse Liebe. Wie lässt sich das aushalten? Wird Robert in Deutschland bleiben? Pendelt er nun von Tübingen nach Paris? Könnte sich Natalie vorstellen in der Hölderlinstadt Tübingen zu leben? All diese Fragen werden wie immer nur teilweise beantwortet …

Rainer Moritz schreibt sehr sensibel, aber absolut unsentimental über eine Liebe, die trotz vieler Hindernisse nicht nur wachsen sondern auch bestehen kann. Man spürt bei der Lektüre, dass der Autor sich sehr gut in seiner zweiten Heimat Paris auskennt und führt somit den Leser mit Hilfe dieses entzückenden und sehr verliebten Paares an die schönsten Plätze, Parks und Strassen dieser Weltmetropole. Doch auch Tübingen und die schwäbische Mentalität der Menschen kommen in den sprachlich raffinierten Beschreibungen keineswegs zu kurz. “Madame Cottard und die Furcht vor Glück” macht Lust auf Paris, auf eine Liebe, selbst wenn sie sich als noch so kompliziert darstellen mag und auf das Glück, das dadurch entstehen kann. Doch wie auch am Ende des ersten Romans kann man hier wieder eine Vorahnung spüren, dass die Geschichte zwischen der leidenschaftlich temperamentvollen Pariser Buchhändlerin Nathalie Cottard und dem eher etwas trockenen und rationalen deutschen Betriebswirt Robert Bernthaler noch nicht zu Ende ist. In diesem Sinne können wir uns auf eine Fortsetzung dieser deutsch-französischen “amour fou” freuen…

Durchgelesen – “Der Zauber der ersten Seite” v. Laurence Cossé

Wünschen wir uns als Bücherliebhaber, Lesebegeisterte und Literaturkenner, nicht schon immer eine Buchhandlung, die nur gute Literatur bzw. gute Romane verkauft? Eine Buchhandlung, die sich abhebt vom Mainstream-Angebot, die sich durch keine Bestsellerlisten beeinflussen lässt, geschweige denn Bestseller in ihr Sortiment aufnimmt. Kann eine Buchhandlung, die nur ausgewählte Literatur, zum Teil schon vergessene Werke, Klassiker und Erstausgaben auf Lager hat, überleben und eventuell sogar Erfolg haben? All diese Fragen mögen wir uns als Kunde und Leser stellen. Die Antworten finden wir hier in diesem überaus charmanten Roman, der den Leser in eine ganz besondere Welt der Bücher eintauchen lässt, wie wir sie uns nur in unseren kühnsten Träumen wünschen können.

Laurence Cossé, geboren 1955 in Boulogne -Billancourt, arbeitet als Kolumnistin, Hörfunkautorin und Schriftstellerin. Sie hat mit ihrem Roman “Der Zauber der ersten Seite” (im Original “Au Bon Roman”), der nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegt, laut der französischen Tageszeitung Le Figaro “Eine Hymne auf das Lesen und die Einzigartigkeit des Lebens!” geschrieben. Sie veröffentlichte bereits neun Romane. Ihre Novellen-Sammlung “Vous n’écrivez plus?” wurde mit dem Prix de la Nouvelle de L’Académie Française 2007 ausgezeichnet.

“Der Zauber der ersten Seite” beginnt sehr spannend! Drei berühmte Autoren werden jeweils Opfer eines hinterhältigen und subtilen Anschlags. Der Erste ist Paul Néon, der in einem kleinen Dorf in der Nähe von Chambéry lebt. Er wird von zwei Unbekannten in den Wald geschleppt, mit Alkohol vollgepumpt und in der Kälte mit der Flasche in der Hand einfach liegen gelassen. Der zweite Anschlag gilt der Schriftstellerin Anne-Marie Montbrun. Sie wird bei einer ihrer täglichen Autofahrten durch ein plötzlich querstehendes Auto auf der Strasse überrascht, kommt von der Strasse ab und stürzt einen Abhang hinunter. Glücklicherweise überleben sowohl Paul, als auch Anne-Marie, das Attentat. Armel Le Gall, das dritte Anschlagopfer, fühlt sich bei seinem morgendlichen Spaziergang von zwei jungen Männern verfolgt und bedroht. Zuerst nimmt er es gar nicht so ernst, doch die Angst wird bei jedem Spaziergang grösser, die Männer warten auf ihn und er kann gerade noch rechtzeitig fliehen und sich retten. Doch er ist so durcheinander, dass er beschliesst Ivan Georg anzurufen:

“«Doch gestern geht’s wieder los, die beiden Kerle warten auf mich. Es regnet, kalter Nieselregen. Meine Nerven flattern. Zehn Meter vor ihnen packt mich die Angst, und ich mache kehrt. Ich will ehrlich sein: Ich mache mich so schnell wie möglich davon, in sehr schnellen Schritten. Aber nicht schnell genug, um nicht noch jemanden grölen zu hören: Fast wie in einem schlechten Krimi, was Le Gall? Mit ordinären Personen und einem grob gestrickten, richtig dümmlichen Plot. Armer Le Gall, wo er die gute Literatur so liebt. Das ist kein guter Roman, was? Können Sie sich das vorstellen, Van? Sie betonten das gut. Gar kein guter Roman…»”

Ab jetzt befindet sich der Leser in einem einzigartigen Krimi, der nicht nur Schriftsteller als Opfer bietet, sondern die gute Literatur an sich. Da hilft nur noch eins: die Polizei muss eingeschaltet werden. Mit Kommissar Heffner wird der Fall aufgerollt und bis ins Detail untersucht. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte der besonderen Buchhandlung “Der gute Roman”.

Ivan Georg, ein Buchhändler aus Leidenschaft mit einem nicht ganz konventionellen buchhändlerischen Lebenslauf, und Francesca Aldo-Valbelli, eine junge Mäzenin aus reicher Familie mit grosser Liebe zur Literatur und verheiratet mit einem profitgierigen Manager, gründen gemeinsam die Buchhandlung “Der gute Roman”. Eine Buchhandlung, die sich vom klassischen umsatzgesteuerten und nach Massenware orientierten System unterscheiden soll. Ein Ort, der nur gute Romane zu bieten hat, die von einem ausgewählten Komitee vorgeschlagen werden. Insgesamt besteht dieses Komitee aus acht grossen Romanciers, die sich entschlossen haben, die Idee des “Guten Romans” zu unterstützen. Sie alle wissen untereinander nicht von ihrer Mitgliedschaft, sie haben sich alle der Anonymität untergeordnet, welche eine der Grundprinzipien dieses Komitees ist. Jeder Autor hat ein sogenanntes Codewort, was er im Falle einer Kontaktaufnahme benutzen muss. Alle acht Autoren wurden vor der Eröffnung der Buchhandlung aufgefordert, eine Liste mit 600 Romanen aufzustellen, ohne die sie niemals auf eine einsame Insel ziehen würden. Und diese acht Listen wurden dann zu einer Gesamtliste vereint, welche letztendlich das Sortiment ” Des guten Romans” verkörpern wird. Für Ivan, die geniale Idee und die Basis des neuen Buchhandlung- Konzepts:

“«Unser Vorhaben ist radikal. Eine Revolution der kulturellen Sitten. Alle Welt ist heute der Meinung, es würden zu viele überflüssige Bücher veröffentlicht. Dieses Phänomen betrachten wir als geistige Umweltverschmutzung, deshalb sagen wir einfach: Es reicht! Hören wir auf, uns unseren Geschmacks-sinn abstumpfen zu lassen. Sorgen wir für frische Luft. Atmen wir. Wir glauben, wir haben eine gute Chance, Gleichgesinnte zu finden.»”

Die Buchhandlung wird im Erdgeschoss eines sehr schönen Hauses in der Rue Dupuytren, in der Nähe vom Place d’Odéon, im 6. Arrondissement von Paris Ende Sommer kurz vor der literarischen Rentrée eröffnet. Begleitet von einem nahe zu genialen Marketingauftritt und Werbeplan, der von Francesca lanciert und betreut wurde, ist die Buchhandlung ab dem ersten Tag ein wahnsinniger Erfolg. Die Menschen strömen in den Laden, lesen sich fest und kaufen die Regale leer. Jeder ist glücklich, der diesen Ort betritt. Endlich eine Buchhandlung, die gute Romane empfiehlt und nur solche verkauft. Und dazu ein Buchhändler, der alles gelesen hat, was in seiner Buchhandlung steht. Ein Konzept, das keine Bestseller wie zum Beispiel Dan Brown vorsieht und das sich nicht durch die Neuerscheinungspakete der Verlage irritieren lässt, indem sie einfach ganz galant abgelehnt werden.

Doch dieser Erfolg wird leider nicht nur mit wohlwollenden Augen betrachtet. Die Konkurrenz und der Neid sind nicht weit entfernt. Deshalb versucht Kommissar Heffner die Drahtzieher der Anschläge und der verbalen Attacken in der Presse und im Internet herauszufinden und zu enttarnen. Die Freunde des “Guten Romans” lassen sich jedoch nicht beirren, bleiben ihrer Buchhandlung treu und unterstützen sie soweit es geht. Doch die Rache der “normalen” Buchhandlungen lässt nicht nach, sie provozieren und versuchen alles, um diesen Erfolg zu unterbinden und dem sogenannten Elitären ein Ende zu setzen. Es geht schliesslich soweit, dass neben des “Guten Romans” noch zwei weitere Buchhandlungen eröffnet werden mit den Namen “Freude am Roman” und “Der exzellente Roman”. Wer steckt dahinter, und warum ist der “Gute Roman” eine solche Bedrohung? Dies alles und noch mehr, vor allem aber auch was das Leben und die Liebe nicht nur zur Literatur betrifft, erfährt der Leser in diesem wahrlich grandiosen und aussergewöhnlichen Buch aus der Welt der Buchstaben.

“Der Zauber der ersten Seiten” ist ein magischer Roman, den man in der Fülle der Auswahl an guter Literatur erst lange suchen muss. Man unterliegt dem Charme, der Idee, der Wirkung und der Spannung dieses Werkes bereits ab der ersten Seite. Der Leser spürt die Leidenschaft, die von dieser Geschichte ausgeht, die sich mit der harten Realität der Buchhandelswelt auseinandersetzt und einen Gegenpol schafft, der nicht besser als die in diesem Buch beschriebene Ideal-Buchhandlung, die sich viele Leser und Buchhändler sicherlich wünschen, sein könnte. Laurence Cossé schreibt äusserst sensibel und respektvoll in ihrem Roman über eine Fülle von anderen mehr oder weniger bekannten guten Romanen, die der Leser neu entdecken oder wieder entdecken kann. Somit tritt der Leser ganz unbeabsichtigt eine Reise an voller Inspiration und Leidenschaft durch die gute Literatur (mit Schwerpunkt der Französischen Literatur), welche ihn zwischen Faszination und Spannung taumeln lässt. Selten wurden die Themen Buchhandel und Literatur so gut in Szene gesetzt und mit der Form des Kriminalromans in einen äusserst mitreißenden Pageturner verwandelt, bei denen es sich in der Regel ja sonst nur um sogenannte Bestseller handelt.

“Der Zauber der ersten Seite” sollte sich nicht zum Bestseller im Sinne des meistverkauften Werkes entwickeln, sondern es sollte das meistgelesene Buch werden, um verstehen zu können, wie eine Ideal-Buchhandlung aussehen könnte. Möge die Utopie einer Buchhandlung wie “Der gute Roman” nicht nur Utopie bleiben in der heutigen Zeit von Grossketten und Stapeltiteln, sondern wenigsten zum Nachdenken anregen! Vielleicht gehen Träume in Erfüllung für den belesenen Kunden und den leidenschaftlichen Buchhändler und möge deshalb vor dem reinen Profit die Liebe zu Büchern und zur Literatur immer an erster Stelle stehen!

Durchgelesen – “Mein Leben in Aspik” v. Steven Uhly

“Mein Leben in Aspik” ist der grandiose Debütroman von Steven Uhly. Er selbst ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur, war Leiter eines Instituts in Brasilien und übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Zur Zeit lebt er in München.

Dieses Stück Literatur handelt von einer sehr schrägen und lügenbehafteten Familiengeschichte, bei der es ganz schön knallt. Der Leser sollte auf jeden Fall offen für alles sein. Er sollte neugierig und humorvoll sein und es mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Und er sollte während der Lektüre seinen Moralvorstellungen einen kurzen Urlaub gönnen, was für manche Passagen in diesem Buch sehr hilfreich sein könnte.

Der Roman fängt noch verhältnismässig harmlos an, indem der Ich-Erzähler, ein junger Mann zwischen 25 und 30 Jahre, sich an seine Kindheit erinnert, in der seine Oma ein sehr wichtige Rolle gespielt hat. Sie erzählte ihm im Alter von 9 Jahren als sogenannte Gute-Nacht-Geschichten von ihren Mordplänen bezüglich seines Opas. Wie könnte es funktionieren? Sie wollte ihn vielleicht verhungern lassen, dass wäre eventuell ihr Lieblingsmordplan. Sie schmiedete viele neue Pläne über mehrere Jahre hin bis sie mal fast sechs Monate darüber nichts mehr ihrem Enkel erzählte. Ja und dann war der Opa plötzlich tot.

Danach war die Oma bestens gelaunt und kümmerte sich nun um die sexuelle Aufklärung ihres Enkels, der gerade seine erste Liebe durchlebte. Der Ich-Erzähler wohnte mit seiner Mutter und Oma unter einem Dach, doch die Verbindung zu seiner Mutter war nicht die aller Beste. Erst später als der Ich-Erzähler bereits nach seinem Abitur und wegen seines Philosophie-Studiums nach Köln zog, besuchte ihn seine Mutter, die ständig in Deutschland unterwegs war auf der Suche nach einem passenden Mann. Dieser Besuch war eine Gelegenheit, seine Mutter endlich mal zu fragen, ob sie eigentlich noch seinen Vater liebt:

“«Aber Mama! Ich wollte es nur wissen», versuchte ich sie zu beschwichtigen. …. «Mama, es ist mir ganz egal, was zwischen euch passiert ist, das heisst, nein, es ist mir nicht egal, im Gegenteil: Ich will endlich wissen, was zwischen euch passiert ist!» … «Dein Vater hatte ein Verhältnis mit deiner Oma», sagte sie gepresst. ….«Was?», entfuhr es mir. Dann musste ich lachen, ich musste so laut lachen, dass meine Mutter mich mit offenen Mund anstarrte, während ihr Tränen übers Gesicht liefen.”

Seine Oma hatte tatsächlich ein Verhältnis mit seinem Vater und wurde auch noch vom ihm geschwängert . Sie bekam heimlich eine Tochter, die jetzt bei ihrem Vater lebte. Die Tochter war gleichzeitig nun auch die Schwester seiner Mutter und er war ihr Halbbruder, sie war aber auch noch seine Halbtante. Er kündigte seine Wohnung in Köln und fuhr nach Berlin, um seine Halbschwester und um seinen Vater, der übrigens Spanier war, aufzusuchen. Und dann begann das eigentliche Familien-Enthüllungsabenteuer, das den Leser nur noch stauen und Kopfschütteln, aber auch sehr oft laut lachen lässt.

Der Ich-Erzähler verliebt sich in seine Halbschwester, die von ihm auch noch ein Kind bekommt, wobei auch ihr Vater als Kindsvater in Frage kommen könnte. Der Enkel schwängert auf äusserst ungewöhnliche Weise  auch noch seine Oma und die indische Verlobte seines Vaters. Dieser will seine Verlobte eigentlich gar nicht heiraten, sondern hat es eher auf deren Mutter abgesehen. Die Hochzeit platzt zwischen Vater und Verlobte wegen eines Unfalls, bei dem die Halbschwester vom Ich-Erzähler bzw. die Tochter der Oma ins Koma fällt. Dafür heiratet er nach indischen Ritus die Tochter der Geliebten seines Vaters usw. Sodom und Gomorrha lassen grüssen, aber das ist noch lange nicht alles.

Die Geschichte entwickelt sich turbulent weiter. Der Ich-Erzähler muss unter anderem erkennen, dass sein Vater ein sehr bekannter Bordell-Besitzer in Berlin ist. Er versucht immer mehr diesen Enthüllungen zu entfliehen, obwohl er trotzdem endlich alles über seine Familie wissen will. Bei jedem sogenannten seelischen “Fluchtversuch” wird er ohnmächtig, was ihn oft noch in verzwicktere Situationen bringt, als man sich überhaupt ausmalen kann. Vor allem immer dann, wenn er seine Halbschwester küsst, überfallen ihn eigenartige Visionen, in denen die dramatischen Szenen seiner Familiengeschichte gezeigt werden, die auch seine Ermordung einschliesst. Doch glücklicherweise werden diese Visionen nur teilweise Realität.

Man könnte denken, diese Geschichte ist haarsträubend und total verrückt. Vielleicht ist sie es auch, aber sie ist so klug konstruiert und extrem schnell komponiert, dass es einem beim Lesen den Atem raubt und man das Gefühl hat, in einer Achterbahn zu sitzen. Der Roman hat keine Kapitel. Er beginnt direkt und endet nach 260 Seiten genauso direkt, somit kann man gar nicht anders, als dieses Buch in einem Zug durchzulesen. Die flotten und treffsicheren Dialoge, die ständig neuen inhaltlichen Entwicklungen, all dies reisst den Leser mit, auch wenn man sich zwischendurch so manche Frage nach Moral stellen möchte, aber gar keine Zeit hat, diese noch zu beantworten.

“Mein Leben in Aspik” zeigt dem Leser wie wichtig es ist, seine Familiengeschichte zu enthüllen und sich auch nicht vor schlimmeren Überraschungen zu fürchten, die plötzlich ganz ungewollt zum Vorschein kommen könnten. Hier geht es letztendlich für den Ich-Erzähler nur um eins: Was hat mehr Bedeutung – die grosse tiefe Liebe oder der schnelle leichte Sex? Um dies herauszufinden sollten Sie dieses Buch lesen. Tauchen Sie ein in die moralischen und gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen dieses genialen Romans! Sie müssen zwar mit viel Chaos und Katastrophen rechnen, doch Sie werden es auf keinen Fall bereuen!

Durchgelesen – “Die verborgene Ordnung der Dinge” v. François Gantheret

François Gantheret ist in Frankreich ein sehr hochgeschätzter Schriftsteller und bekannter Psychoanalytiker. Er war Professor für Psychopathologie an der Universität Paris VII. Für seinen ersten Roman “Verlorene Körper” erhielt er 2004 den “Prix Ulysse” und 2005 den “Prix Cinélect”. Sein Roman “Das Gedächtnis des Wassers” wurde 2007 mit dem “Prix Littéraire Rosine Perrier” ausgezeichnet. Er schreibt und lebt in Paris.

“Die verborgene Ordnung der Dinge” ist ein besonderes Stück französischer Literatur, kein Buch zum Schnell-Lesen, auch wenn es nur knapp 180 Seiten stark ist. Es ist ein Werk für Sprachgeniesser, für Literaten und für Liebhaber spannungsreicher Schreibkunst.

Der Roman ist in der dritten Person erzählt, wodurch vielleicht der Lese-Einstieg am Anfang etwas schwierig und langsam beginnen könnte. Aber spätestens nach den ersten Seiten spürt man die Anziehung und Kraft der poetischen Sprache, die den Leser eintauchen lässt in eine hoch reizvolle Dramatik, welche ihn bis zur letzten Zeile in den Bann hält.

Die Geschichte spielt in Paris. Jean, Verleger, und Anne, eine erfolgreiche Künstlerin, waren seit vier Jahren ein Paar bis zu dem Zeitpunkt, als Jean eines Morgens seine Frau Anne tot in ihrem Atelier findet. Und genau an diesem  für sie so wichtigen Ort hat sie sich umgebracht. Jean ist verstört, fassungslos und geschockt. Er stürzt in eine tiefe und fast schon endlose Trauer. Tausende von Fragen kreisen in seinem Kopf nur um das Warum:

“Er hatte nichts bemerkt, nichts vermutet, aber er hätte etwas bemerken können? Musste sich dieser Tod nicht heimlich angeschlichen, sich in Worten, Gesten, in ihrem Gesicht oder in ihren Augen angedeutet haben? In ihren rauchgrauen Augen, die immer abwesend, irgendwo anders waren, selbst wenn sie mit ihm sprach? Sind sie dorthin gewandert, zu diesem Punkt ohne Wiederkehr?”

Doch eines irritiert ihn fast noch mehr als der Tod von Anne selbst. Das Handy seiner verstorbenen Frau läutet ständig. Immer wieder hört er die Klingelmelodie “Für Elise” und jedes Mal, wenn er abnimmt, ist auf der anderen Seite der Leitung absolute Stille. Nur manchmal hat er das Gefühl, als würde er in diesem Schweigen eine Frauenstimme erkennen. Er spricht eine neue Ansage auf ihre Mailbox mit seinem Namen. Der Anrufer hinterlässt jedoch nach wie vor keine Nachricht. Am Liebsten würde er das Telefon ausschalten. Seine Freunde raten ihm, es wegzuwerfen. Nein, er behält es und lässt es weiterhin eingeschaltet.

Als er nach einer sehr schmerzhaften Trauerzeit endlich wieder seine Arbeit im Verlagshaus aufnimmt, wird er sehr herzlich von seiner Sekretärin Eva empfangen, die er bis jetzt als Frau nie so richtig wahrgenommen hat. Jean erzählt ihr bei einem Mittagessen von der anonymen Anruferin. Eva, die ihren Chef mehr als verehrt, zeigt sich sofort sehr engagiert und findet heraus, von wem diese Anrufe kommen.

Mit der Adresse ausgerüstet fährt Jean in das 12. Arrondissement. Am Ende einer Sackgasse steht er vor einem Haus mit einem kleinen aber sehr gepflegten Garten und beobachtet die Fenster. Als er läutet und eine junge Frau die Tür öffnet, ist er vollkommen irritiert. Vor ihm steht das perfekte Ebenbild seiner Frau. Diese frappierende Ähnlichkeit und seine Verwirrtheit lassen ihn taumeln. Zuerst noch vollkommen verunsichert, erkennt er plötzlich, dass diese junge Frau mit dem Namen Marie, die Zwillingsschwester seiner geliebten Anne ist. Doch Marie ist blind:

“Ihre Augen. Blassgrau, wie die von Anne, aber eben nur «wie». Ein noch blasseres Grau, verwaschen, fast weiss. Und vor allem unbelebt. Milchig, trotz der Helligkeit. Augen wie Nebel. Je näher er kommt, umso mehr fällt ihm auf, dass ihr Blick ihn noch immer nicht  fixiert, sondern über ihn hinweggeht. Ihm wird klar, dass sie blind ist. Ein Schock, aber auch eine Erleichterung. – Marie Fonesca? – Ja, sagt sie. Sie sind Jean Latran. Ich erkenne Ihre Stimme wieder. Kommen Sie rein. Sie tritt zurück. Gedankenleer, wie ein Automat, geht er hinein.”

Die ganzen Jahre hat er nichts von Anne’s Zwillingsschwester gewusst. Warum hat sie ihm dies verheimlicht? Warum hat sie nie über ihre Familie gesprochen? Jean spürt, dass Anne ein Geheimnis verbarg und dass dieses Geheimnis eventuell mit ihrem Tod zu tun hat. Einerseits fühlt er eine Ablehnung gegenüber Marie, andererseits treibt ihn die Neugierde immer wieder zu ihr hin. Gemeinsam mit seiner Sekretärin Eva, die inzwischen immer mehr ihre Zuneigung zu ihrem Chef zeigt, versucht er, das Familiengeheimnis von Anne aufzudecken. Es geht um die Vergangenheit von drei Frauen, in erster Linie von Anne und Marie, aber auch von Eva, die ihren Chef liebt. Das psychodramatische Geheimnis enthüllt sich Schritt für Schritt…

François Gantheret baut einen subtilen Spannungsbogen auf, der durch seinen psychoanalytischen Blick eine besondere Dimension erreicht. Es geht um Selbstzerstörung und Zerstörung eines Anderen. Gefühle werden unterdrückt und kommen geballt zurück. Schweigen und Reden als Instrument der Psychoanalyse werden hier als Stilmittel eingesetzt. Das Buch ist keine leichte Kost. Man sollte es konzentriert lesen und sich ganz bewusst auf die einzelnen Figuren einlassen, um die emotionale Intensität dieses Romans nachhaltig zu erleben. “Die verborgene Ordnung der Dinge” bietet dem Leser trotz der menschlichen Tristesse, aber Dank der raffiniert inhaltlichen und sprachgewaltigen Dramatik, ein sehr anspruchsvolles, äusserst fesselndes und unvergessliches Leseerlebnis.

Durchgelesen – “Die Silikonliebhaber” v. Javier Tomeo

“Die Silikonliebhaber” könnte im ersten Augenblick vielleicht ein erotischer, fast schon ein “pornographischer Groschenroman” sein. Doch hinter diesem kurzen Roman (gerade mal 140 Seiten) steckt eine eher hintergründige, scheinbar etwas schamlose, aber nicht weniger intellektuelle literarische Satire, die den Leser mit dem Thema – Sexualität – offen konfrontiert.

Javier Tomeo, geboren 1932, studierte Jura und Kriminologie. Er gehört zu den meistübersetzten spanischen und meistgelesenen europäischen Gegenwartsautoren. 1994 wurde er mit dem Premio Aragon ausgezeichnet und lebt heute als Schriftsteller in Barcelona.

“Die Silikonliebhaber” ist ein Roman im Roman, das heisst, die eigentliche Geschichte ist eingebettet in eine Rahmenhandlung. Und in dieser Rahmenhandlung erhält der Ich-Erzähler, selbst Schriftsteller, von seinem Freund Ramòn M. das Manuskript seines Romans, das in fünf Teillieferungen zugestellt wird, welche er auch noch gründlichst korrigieren soll. Und das ist bei dieser eher ungewöhnlichen, um nicht zu sagen schrägen Geschichte, eine besondere Herausforderung.

Die eigentliche Geschichte handelt von Basilio und Lupercia – einem Ehepaar mittleren Alters-. Basilio liebt Opern und Lupercia ist dem Alkohol sehr nahe. Sie betreiben zusammen ein kleines Kurzwarengeschäft, was auf Reizwäsche spezialisiert ist. Sie wohnen in einer Drei-Zimmer-Wohnung, die hauptsächlich von einem riesigen Flachbildfernseher dominiert wird und sie schlafen in getrennten Zimmern, da sie keine sexuelle Beziehung mehr miteinander haben. Doch es gibt eine Alternative für die sexuell unbefriedigten Seelen: zwei Puppen aus Silikon. Lupercia tröstet sich mit «Big John» und Basilio mit «Marylin»:

“Die eine Puppe heisst Marylin und verliess vor erst sieben Monaten die Fabrik…  . Sie wiegt etwas über zehn Kilo, ist schwarzhaarig, hat mandelförmige Augen… . Marylin gehört zur dritten Generation des Sexpuppentyps Minerva HP-457 und verfügt, abgesehen von den Alkalibatterien, über weitere charakteristische Eigenschaften, die sie von ihrem Vorgängermodellen unterscheiden.”

Daneben kann Marylin noch die bedeutendsten Arien aus der Opernwelt im Originaltext singen und mit lateinischen Zitaten punkten. Lupercias Puppe mit dem Namen Big John ist ebenfalls mit den wichtigsten und neuesten Programmen ausgestattet, die jedes Frauenherz höher schlagen lassen und die Lust dadurch unendlich steigern. Kurzum sie sind beide mit jeglich erdenklichen technischen Firlefanz ausgerüstet, der ihre konservativen Besitzer glücklich machen soll. Doch eines Tages, als Basilio und Lupercia am Abend nach Hause kommen, entdecken sie ihre Puppen auf dem Sofa in einer sehr eindeutigen Situation bzw. Stellung. Die Puppen haben sich ineinander verliebt. Marylin findet die Manneskraft von Basilio sowieso zu klein und lacht ihn nur noch aus; und auch Big John ist frustriert von Lupercia:

“«Wenn ich ehrlich sein soll» gesteht Big John mit gesenktem Blick, «dann muss ich dir sagen, dass es mir mit dir noch nie so richtig gefallen hat. All mein Gestöhn war nichts als Komödie…».”

Nach dieser Entdeckung wird Marylin in den Wandschrank verbannt. Lupercia versucht Big John noch einmal aus der Reserve zu locken, und ihn zu fragen, wer besser ist, sie oder die andere Puppe. Doch er liebt Marylin. Daraufhin sticht Lupercia – ziemlich alkoholisiert –  ihm mit dem Messer in den Rücken und die Luft entweicht langsam aber sicher aus seiner Wunde. Wird Big John überleben, kann Marylin ihn retten, werden sie zusammen glücklich? Gibt es ein Happy-End….. ?

Der Ich-Erzähler hat sich bemüht diese Geschichte bis zum Schluss aufmerksam zu lesen, jedoch hat er nicht an seiner Kritik zwischen den einzelnen Lieferungen gespart. Für ihn ist das Ende nicht wirklich durchdacht und überhaupt ist er mit dem ganzen Werk unzufrieden:

“Ich jedenfalls bleibe bei meiner Meinung: hier handelt es sich um eine Geschichte, die unerträglich ist. Absolut inakzeptabel, sogar heutzutage, wo sowieso schon so viel Unsinn gelesen wird. Schlecht ausgedacht, schlecht ausgeführt, schlecht abgeschlossen.”

Der Leser könnte diese Meinung des fiktiven Herausgebers und Ich-Erzählers übernehmen. Doch wenn er genau hinter den schwarzen Humor und die sprachliche Kunst blickt und vielleicht auch noch zwischen den Zeilen liest, wird er feststellen, dass dies ein kleines poetisches Bravourstück ist. Tomeo hat aus dieser Geschichte eine mehr oder weniger erotische Persiflage gemacht, die sowohl direkte als auch indirekte Kritik an der heutigen Gesellschaft übt. Selbst die technisch hochentwickelten Puppen aus Silikon, die den Menschen nicht ersetzen können, stellen in diesem Roman die Freiheit des Menschen über alles. Das hat auch Marilyn immer wieder betont: „Libertas inaestimabilis res est“ (“Die Freiheit ist ein unschätzbares Gut“). Das unterstreicht auch Tomeo’s Sprache, die frei, direkt, manchmal auch deftig, aber nie ordinär ist. Er schreibt raffiniert und äusserst komisch! Der Leser kann lauthals lachen, gleichzeitig verwundert den Kopf schütteln und wird nach der Lektüre vielleicht sogar ein wenig melancholisch zurückbleiben.

Durchgelesen – “Lied ohne Worte” v. Sofja Tolstaja

Sofja Tolstaja war eigentlich geprüfte Hauslehrerin und begann bereits in jungen Jahren mit ihren ersten Schreibversuchen. Doch mit 18 lernte sie den 16 Jahre älteren Grafen Lew Tolstoi kennen, der bereits seine ersten literarischen Erfolge verzeichnen konnte. Sie heiratete ihn am 23. September 1862 und zog danach mit ihm auf sein Landgut. Das Schreiben hatte sie aufgehört, dafür widmete sich Sofja Tolstaja den Tagebücher ihres Mannes, wobei sie feststellte, dass er dem weiblichen Geschlecht vor ihrer Zeit nicht im Geringsten abgeneigt war. Sofja wurde sechzehnmal schwanger, davon waren drei Fehlgeburten und von den 13 Kindern, die sie gebar, hatten 8 Kinder das Erwachsenenalter erreicht. Das Schicksal ging nicht spurlos an ihr vorüber: der Tod von drei Kindern und eine schwere Karnkheit trafen sie schwer. Auch die Ehe mit Tolstoi wurde immer schwieriger, seine Eifersucht entfernte das Paar mehr und mehr. Sofja fing wieder an zu schreiben, jedoch wurden ihre Werke zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht, im Gegenteil sie verstaubten über Jahrzehnte in Moskauer Archiven.

“Lied ohne Worte” ist der zweite Roman von Sofja Tolstaja (nach “Eine Frage der Schuld”), der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Ein literarisches Kleinod, das sich um Leidenschaft, Pflichtbewusstsein und um die Kraft der Musik dreht und das Leben einer Ehefrau im Russland des 19. Jahrhunderts sehr feinfühlig beschreibt.

Sascha, eine junge Frau, Mutter eines kleinen Sohnes, verheiratet mit dem gutmütigen, aber eher wenig sensiblen Versicherungsbeamten Pjotr, ist in einer tiefen seelischen Krise. Ihre Mutter stirbt – bereits seit einiger Zeit schwer krank –   als sie gerade noch rechtzeitig auf der Insel Krim ankommt:

“Die Trauer verzehrte Sascha so sehr, dass sie den ganzen Winter über krank darniederlag und zu Beginn des Frühlings wie ein Schatten ihrer selbst sich dahinschleppte, empfindlich, mager, finster.”

Ihr Mann kann sie nicht trösten, versucht sie jedoch mit dem Vorschlag, in das Landhaus ihrer Mutter zu fahren, aufzuheiteren. Doch auch dies lehnt Sascha ab, da die Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter sie dort nie loslassen würden. Das Einzige, was sie sich noch vorstellen kann, ist ein Sommerhaus anzumieten. Pjotr kümmert sich um alles und findet ein wunderschönes Sommerhaus, das auf einer Anhöhe liegt und durch zwei Badehäusschen am Fluss gekrönt wird. Die Familie fährt somit endlich aufs Land,  und Pjotr blüht auf, denn seine liebste Beschäftigung ist Gärtnern. Sascha dagegen ist immer noch verloren in ihrer Trauer und fühlt sich niedergeschlagen und verwirrt. Doch eines Tages hört sie aus dem benachbarten Sommerhaus die Interpretation von Mendelssohn Bartholdy:

“In allen Variationen klang das «Lied ohne Worte» wunderschön, und es war, als ob es der kranken Seele Saschas etwas Empfindsames und Zärtliches erzählte, das sie beruhigte und erfreute. Doch dann das Ende – im Pianissimo – erklang derselbe Akkord dreimal wie ein Seufzen, und alles war still. Auch Sascha seufzte auf, ihr war, als hätten die Klänge des Klaviers eine schwere Last von ihrer Seele genommen.”

Dieses Klavierspiel verzaubert sie so sehr, dass sie zum ersten Mal wieder das Leben spüren kann. Auf einem Spaziergang lernt sie den Nachbarn und Pianisten Iwan Iljitsch persönlich  kennen, der ihr durch seine Spiel so viel Glück schenken konnte. Anfangs war es nur die Musik, doch es dauert nicht lange, und die Begeisterung bezieht sich nun auch auf den Pianisten. Sie kämpft zwischen künstlerischer Verehrung und leidenschaftlicher Liebe, gegen die sie sich ständig wehrt. Doch der Konflikt wird immer grösser und führt sie direkt in die Nervenheilanstalt….

Dieser Roman ist ein romantisches Meisterwerk, das die Stimmungen und Ängste einer Frau wunderbar und sehr feinsinnig umschreibt. “Lied ohne Worte” ist eine sehr anregende literarische Lektüre, die zeigt, wie nah sich doch Liebe und Genie im Lebensalltag wiederfinden können. Ein Werk voller Musik, welche durch die sensible Sprache Tolstajas eine ganz besondere Bedeutung und Intensität erreicht.

Durchgelesen – “Schwüle Tage” v. Eduard von Keyserling

Eduard von Keyserling (1855-1918) stammt aus einem alteingesessenen baltischen Geschlecht. Er wurde im heutigen Lettland geboren, wo er seine Jugend verbrachte. Er ging als Zwanzigjähriger nach Wien , da er in seiner Heimat als gesellschaftlicher Aussenseiter galt. Er studierte an der Universität Wien Kunstgeschichte und Philosophie. Nach seinem Studium verwaltete er die Güter in seiner ehemaligen Heimat, siedelte aber nach dem Tod der Mutter mit seinen drei Schwestern nach München um. 1897 erkrankte er schwer und erblindete. Sein gesundheitlicher Zustand zwang ihn, die letzten Jahre in München nur noch in seiner Wohnung zu arbeiten, in dem er seine Werke seinen Schwestern diktierte. Eduard von Keyserling zählt zu den bedeutendsten impressionistischen Erzählern.

Schwüle Tage” ist eine feine kleine Novelle, die das Leben, die Liebe und die Sorgen des Hauptprotagonisten Graf Bill von Fernow während eines Sommers äusserst poetisch und anmutig beschreibt.

Bill von Fernow, ein junger Graf  - gleichzeitig auch der Ich-Erzähler  -, muss die Sommerferien dieses Mal mit seinem Vater verbringen, anstatt mit seiner Mutter und seinen Geschwistern ans Meer fahren zu können:

“Schlimmer noch war es, allein mit meinem Vater den Sommer verbringen zu müssen. Wir Kinder empfanden vor ihm stets grosse Befangenheit.”

Er wird bestraft von seinem Vater, Graf Gerd von Fernow, da er seine Abiturprüfung nicht bestanden hat. Bill soll auf dem Gut der Familie für die neuen Prüfungen lernen. Es ist für ihn eine schreckliche Vorstellung, diese so sehr ersehnte Sommerzeit mit seinem Vater verbringen zu müssen, der ihn immer von oben herab behandelt:

“Mein Vater sah mich gelangweilt an, gähnte diskret und meinte: «Es ist wirklich nicht angenehm, ein Gegenüber zu haben, das immer seufzt und das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, spielt. Also – etwas Tenue – wenn ich bitten darf.»”

Doch Bill hat auch noch neben seiner nicht bestandenen Abiturprüfung andere Sorgen. Er fühlt sich nicht nur ungeliebt von seinem Vater, sondern er spürt auch die unerwiderte Liebe zu dem Mädchen Gerda aus dem Nachbargut. Gerda ist nämlich verliebt in den Verlobten ihrer Schwester Ellita. Ja und Ellita hat wiederum ein Verhältnis mit Bill’s Vater, das er per Zufall entdeckt. Bill ist nicht schockiert, sondern höchstens überrascht. Zum ersten Mal sieht Bill in den Augen seines Vater Gefühle und Schwäche. Die Vater-Sohnbeziehung war eine Mischung aus Liebe, Hass, Bewunderung und Verachtung.

“Zu Hause, in meinem Zimmer, fühlte ich mich bange und erregt. Das Leben schien mir traurig und verworren. Schlafen konnte ich nicht. Aufdringliche und aufregende Bilder kamen und quälten mich. Die Nacht war schwül.”

Bill empfindet eine unendlich starke Sehnsucht nach körperlicher Liebe, welche sehr feinfühlig, aber intensiv, von Eduard v. Keyserling beschrieben wird. Auch die Liebe seines Vaters zu Ellita, welche leider sehr dramatisch endet, schlängelt sich wie ein roter Faden durch diese kraftvolle und lyrische Novelle.

“Schwüle Tage” ist ein schmales feines Buch, das den Leser trotz der Vater- und Sohnprobleme und den unerwiderten Liebesgefühlen in eine beschwingte, sommerliche Stimmung versetzt. Die Kunst der Beschreibung und die Magie der poetischen Sprache machen diese Novelle zu einem kleinen literarischen Meisterwerk. Eine wunderbare Lektüre für sonnige und nicht nur für “schwüle” Tage!

Durchgelesen – “Sommerwogen – Eine Liebe in Briefen” v. Mark Twain

“Sommerwogen” ist nicht nur eine Liebesgeschichte in Briefen, sondern ein autobiographisches Vermächtnis, das zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen ist. Der Leser erhält einen aussergewöhnlichen Einblick in das Privatleben von Mark Twain.

Samuel Langhorne Clemens hat in seiner Jugend bereits kleine Reportagen und Anekdoten geschrieben. Nach seiner Druckerlehre verdiente er sich sein Geld mit vielen kleinen Jobs, unter anderem auch als Lotse auf dem Mississipi. Mit einem Leitartikel hatte er dann endlich als Journalist seinen Durchbruch und wurde unter seinem Pseudonym “Mark Twain” bekannt.

Mit 32 Jahren verliebte er sich zum aller ersten und einzigen Mal in seinem Leben. Immer Sommer 1867 auf der Fahrt mit einem Schaufelraddampfer lernte er den Mitreisenden Charles Langdon kennen, der das Bild seiner Schwester Olivia bei sich hatte. Ab diesem Moment war es um Twain geschehen. Er traf sie zum ersten Mal im Winter des gleichen Jahres in New York. Danach folgten noch zwei weitere Treffen. Und im August 1868 verbrachte er einige Tage im Haus der Eltern von Charles und Olivia Langdon.

Olivia war eine schöne, zarte, mädchenhafte und sehr gebildete junge Frau. Äusserlich wirkte sie auf Twain immer sehr zerbrechlich, doch ihr Inneres war von einer besonderen Stärke. Sie verströmte Mut, Tatkraft, Offenheit und Ehrlichkeit. Sie hatte einen Collegeabschluss und war sehr belesen. Mark Twain dagegen war eher ein rauher Bursche, er fluchte gerne und er liebte Zigarren und Alkohol. Jedoch war er so verliebt in Olivia trotz ihrer Diszipliniertheit und Vernunft. Stürmisch wie er war, hatte er bei seinem Aufenthalt bei Olivias Eltern im Sommer 1868 gleich nach vier Tagen um ihre Hand angehalten. Dieser Heiratsantrag wurde natürlich abgelehnt, doch Olivia wies ihn trotzdem nicht gänzlich zurück, sondern gestattete ihm, weiter Briefe zu schreiben, allerdings unter der Anrede “Schwester”:

“Meine verehrte Schwester, Du bist so gut & so schön, & ich bin so stolz auf Dich! Gib mir ein kleines Zimmer in Deinem grossen Herzen, nur das kleine, das Du mir versprochen hast, & wenn ich mich seiner nicht würdig erweisen sollte, will ich für immer ein heimatloser Vagabund bleiben, der ich bin!”

Mark Twain durfte sich dann endlich im Februar 1869 mit seiner geliebten Olivia verloben, nach dem er seinen Schwiegervater davor noch mit Referenzen überzeugen und sich eine feste Anstellung suchen musste. Ein Jahr später heirateten sie im Hause der Familie Langdon. Die erste Zeit danach war wunderbar für die Beiden. Doch dann wurden sie mit vielen Schicksalsschlägen konfrontiert. Olivias Vater starb, sie bekam ihr erstes Kind (Sohn) und erkrankte danach schwer an Typhus. Olivia wurde ein zweites Mal schwanger und sie gebar eine kleine Tochter.  Kurz darauf starb der Sohn im Alter von fast 2 Jahren an Diphterie. Olivia war  verzweifelt und geschwächt und Mark Twain war oft wegen seiner Vortragsreisen unterwegs. Doch ihre gemeinsame Liebe gab ihnen Kraft und Zuversicht. Twain liebte  seine Frau sehr, was er in jedem seiner Briefe an Olivia (Livy) deutlich zeigte und schrieb:

“Mein lieber kleiner Schatz, meine unvergleichliche Frau, ich sehne  mich wie verrückt nach Dir. Du weisst ja gar nicht, wie sehr ich Dich liebe. Du wirst es nie wissen. Weil immer Du das Schwärmen übernimmst, wenn wir zusammen sind, & es keinen Zweck hat, wenn wir es beide tun – ein Schwärmer nimmt für gewöhnlich dem anderen das Wort aus dem Mund. Aber jetzt liegt ein Ozean zwischen uns, & ich muss schwärmen. Ich bete Dich einfach an, liebe Livy.”

Im Sommer 1878 reisten Mark Twain und Olivia gemeinsam nach Europa. Aufenthalte in Italien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz standen auf dem Programm. Twain suchte Ruhe, Abgeschiedenheit, und einen Ort, wo ihn niemand kannte und keiner Englisch sprach, um arbeiten bzw. ungestört schreiben zu können. In dieser Zeit entstand unter anderem sein berühmter Essay “Die schreckliche deutsche Sprache”. Er schrieb Briefe an seine Familie, an Livy, wenn er sich mal wieder an einem anderen Ort befand, als sie.

“Sommerwogen” ist ein Lesegenuss! Fast 30 Jahre lang schrieb Mark Twain Briefe an seine geliebte Frau. Dies ist eine feine  Auswahl seiner umfassenden Korrespondenz. Leider gibt es nur wenige Antworten von Olivia in diesem Buch, da die meisten ihrer Briefe verlorengegangen sind.  Dieses Werk enthält darüberhinaus auch noch einige Briefe an seine Kinder, die Eltern und Freunde. Selten hat man so etwas Geistreiches, Entzückendes und Liebevolles gelesen. Mark Twain ist dem Leser manchmal nur durch Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt.  Doch spätestens durch “Sommerwogen” kann der Leser eine ganz neue Seite an Mark Twain entdecken. Seine Briefe sind zauberhaft, manchmal kitschig, witzig, humorvoll und immer sehr authentisch. “Sommerwogen” ist mehr als eine sprachlich brillant geschriebene Autobiographie in Briefen, es ist pures Leben!

Durchgelesen – “Liebe mit offenen Augen” v. Jorge Bucay

Wie lösen wir unsere Partnerprobleme, mit einer Therapie oder einer Geschichte? Vielleicht mit diesem Buch, denn es ist ein Ratgaber für Paarbeziehungen, allerdings wunderbar verpackt in einen originellen und fesselnden Roman.

Der Protagonist Roberto hat wie immer Probleme mit Frauen, im Moment mit Christina. Doch eines Tages erhält er E-Mails von einer Laura, die nicht an ihn gerichtet sind, sondern für einen Fredy bestimmt sind. Er löscht sie anfänglich, aber die Mails von Laura erreichen ihn weiterhin und deshalb fängt er an, sie ihn Ruhe zu lesen.

Es stellt sich heraus, dass Laura und Fredy Therapeutenkollegen sind. Laura schreibt über die Probleme in der Liebe, die Veränderung am Anfang einer Liebe – sprich Verliebtheit – und über die Möglichkeiten seine Beziehung, neu zu entdecken. Sie erklärt aber auch die Phasen der Lieblosigkeit und die zum Teil unerfüllten Wunschvorstellungen in der Liebe. Roberto fühlt sich total angesprochen und er fängt an über seine Erfahrungen in Punkto Liebe nachzudenken:

“Und womit hatten eigentlich die Frauen, auf die er sich eingelassen hatte, ihn getäuscht? Waren sie nicht, wie er sie sich phantasiert hatte – begehrenswert, traumhaft oder auch liebesbedürftig? Laura behauptete: «Wenn die Verliebtheit vorüber ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich mit der Realität des anderen zu konfrontieren.» Das war hart. Ihm gingen die Worte Liebe, Beziehung, Illusion, Enttäuschung, Täuschung weiter durch den Kopf.”

Doch Roberto ist so fasziniert von Laura und ihren therapeutischen Ideen, dass er sich kurz über lang entschliesst, auf ihre Fragen zu antworten. Er nimmt eine andere Identität an und tritt ein in einen virtuellen Dialog über Beziehungen. Und im Laufe der Zeit kommen sich die zwei Protagonisten immer näher, nicht nur gedanklich und therapeutisch. Es wird spannend und geheimnisvoll, ohne mehr verraten zu wollen!

Jorge Bucay ist in Buenos Aires, Argentinien geboren und gehört heute zu den weltweit angesehensten Psychotherapeuten. “Liebe mit offenen Augen” ist sein erster Roman. Ein wunderbares Buch, das den Leser anregt, über seine eigene Beziehung nachzudenken. Ein kluger, aber auch sehr unterhaltsamer Roman mit einer grossen therapeutischen Wirkung.


Durchgeblättert – “Die Frauen der Künstler”

“Er, Ich & Die Kunst: Die Frauen der Künstler”, dies ist ein Kunstbuch der besonderen Art. Hier spielen zum ersten Mal die Frauen berühmter Künstler, die in die Kunstgeschichte eingegangen sind, die tragende und wichtige Rolle.

Elf Künstlerfrauen aus fünf Jahrhunderten werden in ihren interessanten und bewegenden Lebensgeschichten porträtiert. Der Leser bekommt Einblicke in das Rollenverständnis der Frau im Wandel der Jahrhunderte und es werden die Unterschiede von Liebe und Beziehung in Zusammenhang mit der Kunst ihrer Männer sehr gut dargestellt.

Wussten wir eigentlich, wie mutig und leidenschaftlich, aber auch verängstigt und unsicher so manche Frauen an der Seite berühmter Männer und in diesem Fall berühmter Maler sein können? Der Leser lernt in diesem Buch faszinierende Frauen kennen, wie zum Beispiel:

Agnes Frey Dürer, die ihr Talent als Kauffrau so wunderbar einsetzte, dass sie die Bilder ihres Mannes Albrecht Dürer wesentlich besser verkaufen konnte, als jeder eingestellte Händler.

Catharina Bolnes Vermeer, die mit ihrer Liebe und ihrem Optimismus ihren Mann Johannes Vermeer van Delft auch in den sehr schweren Jahren ihres gemeinsamen Lebens unterstützte und sich immer auch seiner Liebe zu ihr gewiss war.

Martha Liebermann-Marckwald war eine wunderschöne Frau, wurde jedoch von ihrem Mann Max Liebermann in die klassische Frauenrolle gedrängt, jedoch mit einem kleinen erlaubten Freiheitsbonus – dem Lesen. Sie sagte einmal zu ihrem Mann: “Weisst Du, Max, es war zwar eine Ehre, aber kein Vergnügen, mit dir verheiratet gewesen zu sein.”

Charlotte Berend – Corinth hatte es eher schwer mit ihrem egoistischen Mann Lovis Corinth. Als sie mit ihrem Sohn schwanger war und sich am Fuss verletzte, liess ihr Mann sie den ganzen Tag allein in einem Zimmer einer Bäuerin, wo kurz zuvor deren Kind verstorben war.

Jede dieser elf übersichtlich zusammengefassten und trotzdem sehr fundierten Lebensgeschichten ist spannend, informativ und macht neugierg auf mehr. Das Buch bietet neben den ausgezeichneten Texten, zahlreiches Bildmaterial in Form von Porträts, Gemälden und Photos. Ein Buch, das in keiner Kunstbibliothek fehlen sollte!

Durchgelesen – “Vier Äpfel” v. David Wagner

Dieses schmale Buch könnte im ersten Augenblick eine soziologische Studie über die Produkte eines Supermarktes sein. Doch es ist weit mehr. Es ist ein Stück feinster Literatur, die den Leser gleich mit dem ersten Satz: “Lange bin ich gar nicht gern in Supermärkte gegangen.” so sehr an den Beginn der Proust’schen Recherche erinnert: “Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen”.

Ja und diese Gemeinsamkeit ist nicht die Einzige. David Wagner konzentriert sich genau wie Proust auf die Beschreibung der alltäglichen und vollkommen unwichtigen Dinge. Seine intensive, aber gleichzeitig leichtfüssige Beobachtungsgabe machen den Leser neugierig!

Eigentlich ist es die Geschichte seiner vorlorenen Liebe zu L., an die er während seinen Einkaufs immer wieder erinnert wird. Doch das Schlüsselerlebnis sind die “vier Äpfel”, die er auf die Waage legt und diese zeigt erstaunlicher Weise genau 1000 g an. Und ab diesem Moment beginnt er darüber nachzudenken, warum genau jeder dieser Äpfel 250 g wiegt. Er ist verunsichert:

“Ich mutmasse, dass ohnehin nur fast perfekte, um die zweihunderfünfzig Gramm wiegende Äpfel in die Supermarkt-regale gelangen. Hier liegt die Apfelelite, während andere, weniger ansehliche Exemplare in Fertigkuchen verbacken oder zu naturtrüben Saft gepresst werden oder, Apfelschicksale, in heissen Apfeltaschen enden.”

Er kauft weiter ein und wird durch andere Produkte, wie zum Beispiel durch Nudeln wieder gedanklich mit L. konfrontiert. Sie verfolgt ihn wie ein Gespenst durch den Supermarkt und diese Assoziationen lassen ihn immer melancholischer und verzweifelter werden:

“Ob ich jemals zur Kasse finden werde, weiss ich nicht. Ich könnte immer wieder dieselbe Runde durch die drei, vier Gänge drehen – gegen den Uhrzeigersinn und immer wieder an den Fertignudel-sossen, dem Zucker und den Tütensuppen vorbei – und nie, Stunden, Tage, Jahre nicht, zur Kasse finden.”

David Wagner ist ein wunderbarer Beobachter, ein “Flaneur im Supermarkt”, der – obwohl der Ich-Erzähler seine Traurigkeit nicht versteckt – voller Witz und Humor den Leser an seinen Eindrücken teilhaben lässt.

Ein Roman, in dem das Einkaufen in einem Supermarkt, so unglaublich schön, skurril, messerscharf, philosophisch hintergründig und gleichzeitig amüsant beschrieben wird. Ein Buch mit sehr grosser Wirkung, die der Leser bei seinem nächsten Besuch im Supermarkt sofort spüren wird.

Durchgelesen – “Du liebst mich, du liebst mich nicht” v. Jonathan Lethem

Jonathan Lethem gehört zu den wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren und hat mit seinem Buch “Du liebst mich, du liebst mich nicht”, eine amerikanische Variante des Sommernachtstraums geliefert. Ein total verrücktes und groovendes Buch!

Der erste Satz des Romans: “Sie trafen sich im Museum, um Schluss zu machen.”

Lucinda hat ihren Job in einem Coffee-Shop gekündigt und verbringt mehrer Stunden täglich bei einer Nörgel-Hotline (Teil eines avangardistischen Kunstprojekts), anonymen Anrufern zuzuhören. Daneben spielt sie Bass in einer Band, deren verwirrter Leadsänger Matthew – er arbeitet im Zoo – ein depressives Känguru entführt hat. Bedwin, der geniale Texter der Band, hat eine Schreibblockade, doch Lucianda kann ihn mit einigen philosophischen Aussagen eines Dauer-Nörgels (Carl), in den sie sich auch noch unsterblich verliebt, versorgen. Durch diese vertonten Texte, sprich genialen Songs, steht die Band kurz vor ihrem totalen Durchbruch, nur der Nörgler macht ihnen einen Strich durch die Rechnung, was fatale Folgen hat. Doch es kommt letztendlich zu einem wunderbaren Happy-End!

Die Handlung dieses Buches dreht sich um Kunst, Musik, Sex und Alkohol, und das in einer Geschwindigkeit und einem Rythmus, die den Leser total in Bann zieht. Es ist eine romantische Farce und sie beschreibt die Widersprüchlichkeiten der Liebe, die sich zwischen den Mitgliedern einer aufstrebenden Rockband aus Los Angeles abspielen. Es geht um geistiges Eigentum und seelische Abhängigkeit. Shakespeare lässt grüssen!

Der letzte Satz des Romans: “Es gibt keine Tiefe ohne Oberfläche.”

Durchgeblättert – “Warum wir die Frauen lieben” v. Mircea Cartarescu

Mircea Cartarescu, der bedeutendste rumänische Schriftsteller seiner Generation (geb. 1956 in Bukarest) schreibt in seinem Buch “Warum wir die Frauen lieben” in Form von kleinen und vor allem sehr kurzweiligen Geschichten über Frauen, Freundinnen und Geliebten. Sie spielen in seinem literarischen Werk und vor allem in seinem Leben eine wichtige Rolle.

Irgendwie ist das Buch auch ein Art Autobiographie, ein Selbstbildnis des Künstlers als junger Mann. Die meisten der Geschichten sind zu erst in der rumänischen ELLE erschienen. Es sind entzückende Porträts von “seinen” Frauen, sehr sensibel, mit subtilen Witz und unglaublichen Charme erzählt. Es geht um Déjà-Vus, um unerwiderte Liebe und viel Gefühl. Jedoch schreibt und formuliert er diese Kurzgeschichten aus einem selbst-ironischen Blickwinkel, wodurch der Leser einen besonderen Reiz verspürt.

Der Autor und dieses Buch sind eine wirkliche Liebes-Entdeckung, aber ohne jeglichen Kitsch. Sein Stil verströmt Leichtigkeit und Schwere-losigkeit, bleibt aber gleichzeitig intensiv und kraftvoll!

Durchgelesen – “Ein liebender Mann” v. Martin Walser

“…. Er musste einziehen in Weimar mit Ulrike und mit einem Roman, den er sofort schreiben, wenigstens anfangen musste. Ein Roman, den keiner und keine streitig machen konnte. Ein Roman, der Ulrike und ihn legitimierte. Nicht nur in Weimar. In der Welt. Der Titel stand sofort auf dem Blatt: Ein liebender Mann.”

Walser’s Roman “Ein liebender Mann” ist die Romanze zwischen dem 73jährigen Geheimrat Goethe, inzwischen Witwer nach dem Tod seiner Frau Christine, und der 19jährigen Ulrike von Levetzow.

Walser erzählt diese Liebe so aufwühlend, bewegend und feinsinnig, voller Geist und Esprit und mit sehr hoher Sensibilität. Der Leser fühlt sich von der ersten Zeile an in die Zeit Goethes versetzt, schlendert wie der Herr Geheimrat in Kurpark von Marienbad und beobachtet, welche Erotik zwischen Goethe und Ulrike sich entwickelt.

Der Altersunterschied bereitet dem Geheimrat doch so einige Schwierigkeiten und es kommen Zweifel auf, die er allerdings immer wieder schnell verdrängt und sich von seiner Leidenschaft führen lässt. Es ist unbeschreiblich mit welcher Sprachintensität diese Leidenschaft dem Leser präsentiert wird. Mit einer Kraft und mit der Überzeugung eines jungen Liebenden werden die Gefühle für den Leser nachfühlbar.

“…. Wenn ich dich lieben darf, bin ich unsterblich. Erst dann. Jetzt weiss ich, warum ich nie jemanden hassen konnte. In mir war eine Liebe daheim, ein Leben lang, die schlief, die träumte, die schweifte ein paarmal aus, nannte sich so, nannte sich anders, floh wieder zurück, eigentlich wartete sie. Das hat mir die Kraft gegeben für alles. Jetzt weiss ich: Meine Liebe hat auf dich gewartet. Wenn du sie nicht willst, vernichtet sie mich. Und ich wehre mich nicht. Meine Liebe weiss nicht, dass ich über siebzig bin. Ich weiss es auch nicht.”

Ein Buch, das berührt, entzückt, beglückt und amüsiert, einfach eine wunderbare Liebesgeschichte!

Durchgelesen – “Die Frau in der hinteren Reihe” v. Françoise Dorner

Ein wunderbares Buch über die besondere Kunst einer Frau, ihren Mann auf ganz aussergewöhnliche Art und Weise zu verführen.

Nina und ihr Mann besitzen in Paris einen Zeitungskiosk und müssen deshalb täglich sehr früh aufstehen. Um drei vor fünf morgens klingelt der Wecker, damit auch noch in drei Minuten die ehelichen Pflichten absolviert werden können, denn ab fünf Uhr  wartet schon der Zeitungsgrosshändler. Der Alltagstrott begleitet sie seit Jahren und ihre Ehe leider darunter immer mehr. Eine insgesamt unbefriedigende Situation, vor allem  für Nina.

Wo sind die Abenteuer, die die Zeitschriften versprechen, welche Nina täglich verkauft? Sie führt ein glanzloses Leben und das muss sich ändern. Sie lernt einen interessanten Mann kennen, der ihre weiblichen Fähigkeiten ganz neu wiederentdeckt. Und ab diesem Zeitpunkt entschliesst sich Nina, ihren Ehemann zu verführen, den sie immer noch liebt.

Sie macht sich schön, verkleidet sich und trifft im Kino ihren Mann wieder, der sich in eine fremde Frau verliebt, die genau einige Reihen hinter ihm während der Vorstellung sitzt. Jedoch ohne zu wissen oder nur zu erahnen, dass dies seine eigene Frau ist. Und das ist der Beginn einer “fatalen” Liebesgeschichte….

“Eine Hymne auf die Sinnlichkeit der Frauen”, so schreibt die Zeitschrift Lire. In Frankreich wurde der Roman gleich nach Erscheinen im Jahr 2004 dann auch mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. Ein amüsantes, aber auch kluges Buch voller Leidenschaft, Träume und Liebe.