Pierre de Ronsard – Gedicht

Die Rose

Wie man an ihrem Zweig im Monat Mai die Rose
In ihrer Jugend sieht, in ihrer ersten Pracht,
Wie sie mit ihrer Glut den Himmel neidisch macht,
Der morgens sie besprengt, der weinend wolkenlose:

Die Anmut ruht sich aus, die Lieb´auf ihrem Blatte,
Erfüllend Busch und Baum mit ihren süßen Hauch;
Doch martert Regen sie, quält Hitze ihren Strauch,
So löst sie sich vom Stiel und stirbt, die todesmatte:

So hat im ersten Glanz, in deiner schönsten Zeit,
Als Erd´und himmel dich geziert mit ihrem Kleid,
Die Parze dich gefällt zu frühem Aschenlose.

Nimm meine Träne denn zum Schmuck dir in die Gruft,
Den Krug hier voller Milch, den Korb voll Blumendurft,
Daß tot wie lebend du nur Rose seist, nur Rose.

Christian Morgenstern – Gedicht

Die Brille

Korf liest gerne schnell und viel;
darum widert ihn das Spiel
all des zwölfmal unerbetnen
Ausgewalzten, Breitgetretnen.

Meistens ist in sechs bis acht
Wörtern völlig abgemacht,
und in ebensoviel Sätzen
läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen.

Es erfindet drum sein Geist
etwas, was ihn dem entreißt:
Brillen, deren Energieen
ihm den Text – zusammenziehen!

Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man – nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst – Ein – - Fragezeichen!!

Friedrich Georg Jünger – Gedicht

Im Grase

Wer sich ins Gras legt,
Wer lang liegt, für den ist
Zeit und Mühn nichts.
Wer liegt, der vergißt.

Was sich um ihn bewegt,
Wenn er liegt,
Bewegt ihn sanft mit.
Er wird gewiegt.

Ihn verläßt, ihn flieht
Zahl und Zeit.
Er entrinnt, ihm verrinnt
Lust und Leid.

Weise wird er, still
Wie das Gras, das grüne Moos.
Er bettet sich tief
In der Himmlischen Schoß.

Der Wind kommt und geht.
Die Wolke zieht.
Der Falter schwebt. Der Bach
Murmelt sein Lied.

Halm und Laub
Zittern und flüstern leis.
Wasser und Wind
Gehen im Kreis.

Was kommt, geht. Was geht, kommt
In der Wiederkehr Gang.
In der Himmlischen Bahn
Wird die Welt Tanz, wird Gesang.

Theodor Fontane – Gedicht

Nur nicht loben

Schreibt wer in Deutschland historische Stücke,
So steht er auf der Schiller-Brücke.

Macht er den Helden zugleich zum Damöte,
So heißt es: Egmont, siehe Goethe.

Schildert er Juden, ernst oder witzig,
Ist es Schmock oder Veitel Itzig.

Schildert er einige hübsche Damen,
Heißt es: Dumas … Ehebruchsdramen.

Jeder Einfall, statt ihn zu loben,
Wird einem andern zugeschoben.

Ein Glück, so hab’ ich oft gedacht,
Daß Zola keine Balladen gemacht.

Max Kruse – Gedicht

Hundewelt

Die ganze Welt
riecht lasterhaft
nach Hunden
Katzen
Schnecken
nach Käse
Wurst und Leidenschaft
an Sträuchern
Steinen
Ecken

Die ganze Welt
ist ein Roman
der
aufgewühlten
Seelen
Ich
hebe auch
das Hinterbein
um meinen
zu erzählen

Die ganze Welt
ist ein Gericht
der schnupperndsten
Ekstase
An jedem Baum
steht ein
Gedicht
das les’ ich
mit
der Nase

Friedrich Nietzsche – Gedicht

Das nächtliche Geheimnis

Gestern Nachts, als Alles schlief,
Kaum der Wind mit ungewissen
Seufzern duch die Gassen lief,
Gab mir Ruhe nicht das Kissen,
Noch der Mohn, noch, was sonst tief
Schlafen macht – ein gut Gewissen.

Endlich schlug ich mir den Schlaf
Aus dem Sinn und lief zum Strande.
Mondhell war’s und mild – ich traf
Mann und Kahn auf warmem Sande,
Schläfrig beide, Hirt und Schaf: -
Schläfrig stiess der Kahn vom Lande.

Eine Stunde, leicht auch zwei,
Oder war’s ein Jahr? – da sanken
Plötzlich mir Sinn und Gedanken
In ein ew’ges Einerlei,
Und ein Abgrund ohne Schranken
That sich auf: – da war’s vorbei! -

Morgen kam: auf schwarzen Tiefen
Steht ein Kahn und ruht und ruht –
Was geschah? so riefs, so riefen
Hundert bald – was gab es? Blut? -
Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen
Alle – ach, so gut! so gut!

Peter Rühmkorf – Gedicht

Drei Variationen über das Zeitgedicht

Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht,
ist schon ein Tutmirleidgedicht,
mit Kunst geschliffen und gefeilt,
entgeht ihm, wie die Zeit enteilt,
ojeh!

Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht,
so schnell wie Zeitung kann es nicht,
weil wo es sich mit Sinn verfaßt,
ist prompt der Drucktermin verpaßt,
oweh!

Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht,
hat nur ein kurzes Lebenslicht,
und wenn es auch die Wahrheit spricht,
man dankt’s ihm nicht!
Olé!

Karl Henckell – Gedicht

Seinestimmung in Paris

Es schwanken im Flusse die roten
Lichter von kreuzenden Booten,
Die zitternde Spiralen
In tiefschwarze Wasser malen,
Mit glimmenden Spuren die Ufer verbinden,
Von Brücke zu Brücke hinhuschen und schwinden.

Durch hundert Brücken und Bogen
Geheimnisschauernd geflogen,
Wo die Laute rauschend verschwimmen
Und von wirrphantastischen Stimmen
Hohldunkle Wölbungen wiederhallen
Wie von Opfern, der schweigenden Tiefe verfallen.

Dumpf Murmeln, Flüstern und Raunen
Von Kronos rasenden Launen,
Von Glorias glühendem Kosen
Mit bleichen, blutigen Rosen,
Von Höllentriumph, gotttrunkener Macht
Ein Echo, hinsterbend in Schatten der Nacht …