Durchgeblättert – “Bilder des literarischen Lebens” v. Isolde Ohlbaum

“Bilder des literarischen Lebens” ist eine fantastische und kompetente Bild-Chronik des Autorenlebens aus vier Jahrzehnten. Ein geistiges Archiv in Form einer “literarischen” Photo-Enzyklopädie, die es jemals in dieser Form gegeben hat.

Isolde Ohlbaum wurde in Oberbayern geboren und lebt seit 1953 in München. Sie absolvierte Anfang der siebziger Jahre eine Ausbildung an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie und arbeitet seitdem als freischaffende Photographin. Ihr Spezialgebiet ist das Porträt. Sie hat viele Preise gewonnen und ihre Bilder sind regelmässig in internationalen Ausstellungen zu bewundern.

Mit diesem prachtvollen Photo-Bildband hat sie ein wahres Wunderwerk geschaffen. Über vier Jahrzehnte photographierte sie in Deutschland ansässige Autoren und Autorinnen wie zum Beispiel Achternbusch, Heym, Zuckmayr. Jedoch auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus den verschiedensten Ländern, die Deutschland besuchten, hier Preise in Empfang nahmen und Vorträge hielten wie unter anderen Marguerite Duras, Umberto Eco, wurden von ihr porträtiert.

Isolde Ohlbaum war bzw. ist unermüdlich gewesen in ihrer photographischen “Verfolgung”, denn sie hat keine Buchmesse, keine Autorenlesung, keine Preisverleihung und kein Festival verpasst, um fast alle wichtigen literarischen Persönlichkeiten vor die Linse bringen zu können. Diese Ausdauer gehört neben der ästhetischen Photographiekunst zu der Grundbasis dieses unglaublich hochwertigen Buches, für welches aus 357 Schwarz-Weiss- Bildern 352 ausgewählt und alphabetisch geordnet wurden.

Isolde Ohlbaum nützt bei jedem ihrer Porträts die Gunst des Augenblicks und eröffnet damit dem Betrachter unvergessliche, ungeschönte und sehr authentische Momente im Leben eines Schriftstellers bzw. einer Schriftstellerin. Die Bilder haben eine gewisse Theatralik, die teilweise inszeniert, teilweise aber auch ganz spontan entstanden ist. Genau dies erklärt in einem sowohl sachkundigen als auch poetischen Einführungstext Cees Nooteboom mit bewundernder Sensibilität.

“Bilder des literarischen Lebens” ist ein “Familienalbum” aus der Welt der Literatur. Ein faszinierender Bildband, der in keinem buchhändlerischen oder literarischen Haushalt fehlen sollte. Ein Kompendium feinster Porträt-Photographie, das jeden Liebhaber besonderer und formvollendeter Photokunst begeistern wird.

Durchgeblättert – “On Reading” v. André Kertész

André Kertész (1894-1985) war einer der einflussreichsten und produktivsten Photographen des 20. Jahrhunderts. Seine Bilder sind nicht nur einfache Photos von alltäglichen Situationen, es sind wahre poetische “Gemälde”, die den Betrachter sofort in eine magische Vision ziehen. Kertész war gebürtiger Ungar, zog 1925 nach Paris, um hier die tragende Rolle des Photojournalismus und der Modernen Kunst zu begreifen und auch anzuwenden. 1936 hat er jedoch Paris wieder verlassen für eine Position als Photojournalist in New York. Er scheiterte jedoch in dieser Position, verlor dadurch an künstlerischem Ansehen und geriet in Vergessenheit. Doch Mitte der 70ziger Jahre wurde Kertész wieder vollkommen neu entdeckt und für seine wahrlich herausragenden Photos anerkannt. Er gehörte nun zu den wichtigsten Figuren und Vertretern in der Geschichte der Photographie. Seine Aufnahmen aus 73 Jahren Karriere kann man in vielen Museen und Ausstellungen auf der ganzen Welt bewundern.

“On Reading” ist ein schmaler, aber sehr beeindruckender Bildband, der 66 Schwarz-Weiss-Photos präsentiert, in denen Menschen gezeigt werden, die sich in einem sehr persönlichen, einmaligen und intimen Moment befinden, nämlich während des Akts des Lesens. Die Bilder wurden von 1915 bis 1970 gemacht. Die früheste Momentaufnahme in dieser Kollektion – drei kleine Buben, die ein Buch gemeinsam über ihren Knien halten und ganz vertieft darin lesen – hatte Kertész im Alter von 21 Jahren gemacht. Diese Photographie war der Auslöser für ein lebenslanges Interesse an lesenden Menschen! Kertész photographierte Leser in den verschiedensten Städten wie  zum Beispiel New York, Paris, Venedig und Tokio. Aber auch in seinem Heimatland Ungarn entdeckte er ideale Motive für dieses spannende Thema. Die Menschen in diesen magischen Bildern lesen beispielsweise im Jardin du Luxembourg in Paris, am Washington Square in New York City und in einer Bibliothek in Tokio. Aber nicht nur an elitären Orten wie diesen entdecken wir den “Leser”, nein auch auf einem einfachen Hausdach, sitzend in einem Liegestuhl oder auf der Strasse.

Kertész Bilder sind feinsinnig, spielerisch und sehr poetisch. Sie bestechen durch ihre Klarheit und Einfachheit, welche jedoch dem Moment des Lesens eine besondere und tragende Rolle verleiht. “On Reading” ist ein ganz besonderer Kunstband. Jeder Liebhaber der Lese – und insbesondere der Photokunst wird sich über dieses schöne Buch freuen, das zum ersten Mal 1971 erschienen ist und nun nach Jahrzehnten wieder neu aufgelegt wurde. Ein Bildband voller Emotionen, Stimmungen und Fantasien. Geniessen Sie den Zauber dieser “Kunstwerke” und tauchen Sie ein in die Welt des Lesens und der elegant sensiblen Photographie!

Durchgeblättert – “Frauen und ihre Bücher” v. Johannes Thiele

“Frauen und ihre Bücher” ist nicht nur ein reicher und sehr schön gestalteter Kunstband über lesende Frauen, sondern auch ein Buch, das dem Leser unter anderem diese interessanten Fragen beantwortet: Warum lesen Frauen? Wie lesen sie und an welchem Ort lesen sie?

Johannes Thiele liebt die Welt der Bücher. Er hat Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, war in verschiedenen Verlagshäusern tätig und ist seit 2007 selbst Verleger. Er hat sich für dieses Werk auf Spurensuche begeben und die schönsten und faszinierendsten Gemälde lesender Frauen entdeckt, um sie uns Leser bzw. Leserin näher zu bringen.

In acht Kapiteln wandelt der Leser durch eine ganz besondere Kunstgeschichte. Es geht um die lesende Frau, die sogenannte “Liseuse” oder “Reading Woman”. Von der weiblichen Leidenschaft, über die Refugien der Lektüre, den Lieblingsbüchern und den dazugehörigen Orten bis zu den ganz intimen Lesemomenten spüren wir die Faszination und das Glück des Lesens.

Dieser Kunstband ist wie ein Spaziergang durch die Malerei des achtzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist spannend, kurzweilig und sehr informativ. Er löst Schwelgen und Begeisterungsstürme aus, wenn wir plötzlich vor einem Bild stehen, wie zum Beispiel “Lesendes Mädchen” (ca. 1776) von Jean-Honoré Fragonard, das sicherlich zu den berühmtesten Bildern gehört, welches die Anmut und die Schönheit einer Frau bzw. eines Mädchens beim Lesen zeigt. Oder man entdeckt das Gemälde mit dem eher harmlosen Titel “Bücherwurm” (1908) von Hermann Fenner-Behmer und denkt sofort an das berühmte gleichnamige Gemälde von Carl Spitzweg. Doch hier ist alles anders! Das Bild ein sanfter und dezent erotischer Akt: eine sehr schöne nackte Frau, die sich am Morgen noch in ihrem Bett räkelt und sich genussvoll und vollkommen unbedeckt auf dem Bauch liegend ihrer Lektüre widmet.

Diese Galerie lesender Frauen ist berauschend und betörend! Doch nicht nur unsere Augen kommen hier auf ihre Kosten, auch der Geist wird umschmeichelt mit sehr schönen Texten über literarische Freundschaften und weibliche Lieblingslektüren.

“Frauen und ihre Bücher” erklärt uns, warum Frauen viel mehr lesen als Männer, und beschreibt welche Sehnsüchte das Lesen stillen kann. Ausgewählte Zitate über das Lesen krönen diesen besonderen Bildband, der nichts anderes ist, als eine wundervolle Hommage an lesende Frauen, welcher aber auch für nicht lesende Männer eine Entdeckung sein könnte!