Theodor Fontane – Gedicht

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
“Er kam, er kam ja immer noch”
Die Bäume nicken sich’s zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muß.

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt; “Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.”

O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du.

Durchgelesen – “Soutines letzte Fahrt” v. Ralph Dutli

Kennen Sie Chaim Soutine, den weissrussischen Maler jüdischer Abstammung, den Zeigenossen Chagalls, der gute Freund von Modigliani… ? Falls nicht, sollten Sie spätestens jetzt zu dem fantastischen Erstlingsroman von Ralph Dutli greifen und sich mit ihm auf die « letzte Fahrt » von Soutine begeben.

Chaim Soutine wurde in einem kleinen Dorf in der Nähe von Minsk 1893 geboren. Obwohl die Familie sehr arm war, konnte Chaim – das elfte Kind – während seiner Ausbildung Kurse in Zeichnen belegen. Eigentlich sollte er Schuster oder Schneider werden. In der Schulzeit traf er Michel Kikoïne, der sein bester Freund wurde. 1910 verliess Soutine seinen Geburtsort und schrieb sich an der Kunstakademie in Vilnius ein zusammen mit seinem Freund Michel. Drei Jahre dauerte das Studium, das er erfolgreich abschloss. Kurz darauf reiste er nach Paris. Dort wurde er von einem Malerkollegen in ein Atelier eingeführt, wo zeitweise auch Künstler wie Marc Chagall, Fernand Léger und Amedeo Modigliani arbeiteten und lebten. 1918 reiste er mit Modigliani nach Südfrankreich und 1919 besuchte er die Region Longuedoc-Roussillon nähe der spanischen Grenze und blieb fast drei Jahre. In dieser Zeit entstanden fast 200 Bilder, hauptsächlich Landschaften und einige Porträts. Sein Stil hatte sich sehr weiterentwickelt, beeinflusst durch Cézanne, van Gogh und Bonnard und inspiriert durch sein Vorbild Rembrandt, konnte er aufgrund von Bilderverkäufen an einen amerikanischen Arzt und verschiedene Sammler endlich seine Armut überwinden. Ab 1925 lebte Soutine wieder hauptsächlich in Paris und sein Werk wurde nun durch Stilleben erweitert. Er wurde unterstützt von verschiedenen Mäzenen und konnte deshalb von 1930 – 1935 in einem noblen Landschloss in der Nähe von Chartres sich ganz seiner Kunst widmen. 1935 hatte er seine erste Ausstellung in den USA und 1937 lernte er die Jüdin Gerda Groth (Mlle Garde – Spitzname) kennen, sie wurde jedoch im Mai 1940 in ein Konzentrationslager in den Pyrenäen gebracht. Im November des gleichen Jahres lernte er die ehemalige Frau von Max Ernst kennen, Marie-Berthe Aurenche – kurz Ma-Be genannt -, die bis zum Tode seine Lebensgefährtin blieb. Soutine musste ständig nach einem Versteck suchen, um der deutsche Besatzungsmacht in Paris zu entkommen. Soutine hatte schon seit Jahren mit Magengeschwüren zu kämpfen und im August 1943 erlitt er infolgedessen einen Magendurchbruch und sollte schnellstens in einer Klinik operiert werden.

Ja und genau da beginnt nun dieser äusserst spannende und wahrlich dramatisch kunstvolle Roman « Soutines letzte Fahrt » von Ralph Dutli. Soutine muss – auf Anraten und Wunsch von seiner Frau Ma-Be – aus einem kleinen Provinzkrankenhaus nach Paris in die Spezialklinik gebracht werden, aber die Gefahr von den Deutschen entdeckt zu werden, ist sehr gross. Aus diesem Grund wird Soutine auf ganz besondere Weise diesen Weg antreten, vollgepumpt mit Morphium wird er als « lebender Toter » in einem Leichenwagen diese Strecke absolvieren mit Ma-Be an seiner Seite. Eine Frau ,die einen grossen Einfluss auf Soutine hatte, jedoch nicht immer nur im Positiven :

« Sie gilt als eine der halbverrückten Musen, nach denen die Surrealisten gierig waren. Jetzt ist sie vierunddreissig, hat dieses schöne traurige, milchige Gesicht und scheint grenzenlos unglücklich… Er weiss, dass sie neun Jahre mit dem deutschen Maler verheiratet war, am Montparnasse kennt jeder jeden, und was man über den einen oder den anderen nicht weiss, ergänzt das allgegenwärtige Gerücht. »

Während dieser Fahrt von Chinon an der Loire nach Paris versteckt in einem Leichenwagen und in einem delirumartigen Zustand durch das viele Morphium, um die Schmerzen irgendwie ertragen zu können, fantasiert Soutine und erzählt in wirren Einschüben von seiner Kindheit in der Nähe von Minsk, von seinem Kunststudium und von der nie aufhörenden Sehnsucht nach Paris zu gehen. Für ihn war dies die Stadt der Malerei, der Kunst :

« Paris wartet doch schon, sie wissen es. Paris ist ungeduldig, sie endlich zu sehen. Sie malen alles, was sie um sich sehen, Hundekadaver, elende Höfe, Begräbnisse, faltige, zitternde Gesichter und ringende Hände alter Krämerinnen. »

Doch ob Soutine nun wirklich auch jetzt in diesem « lebendig toten » Zustand noch nach Paris kommt, ist mehr als fraglich. Spätestens dann, als der Leichenwagen ohne Ankündigung stehen bleibt und er sich plötzlich in einem sogenannten « weissen Paradies » befindet, das eine Mischung aus Krankenhaus und Gefängnis ist, bleibt dies ungewiss. Hier soll Soutine nun geheilt werden von seinem Magengeschwür und das ganz ohne Operation :

« Was ist Weiss ? Die hellste Farbe, alle sichtbaren Farben, die meisten Lichtstrahlen reflektierend. Die umfassende Farbe, die unbunte Allesfarbe, in der alle anderen aufgehoben sind. Die Farbe des Himmels vor dem Blau. Des Himmels, der nur ein grosser geblähter weisser Magen ist.
Doch hier im Hangar ? in der Klinik ? ist alles anders. Pures blendendes kaltes Weiss ist alles um ihn her, was ihn nur verwundert. Er war hineingeglitten in eine weisse Schuhschachtel. »

Und in diesem « Krankenhaus » gibt es nicht nur normale Ärzte, sondern einen äusserst mysteriösen « Gott in Weiss », der ihn für geheilt hält und ihm gleichzeitig auch noch das Malen verbietet, doch das wird sich Soutine nicht gefallen lassen und fängt heimlich wieder an, sich dem Pinsel und den Farben zu widmen…

Ralph Dutli ist mit « Soutines letzte Fahrt » ein wahrlich sensationeller Kunstroman gelungen, der auf grandiose Weise historische und fiktive Elemente vermischt. Man spürt die intensive Auseinandersetzung mit Soutine, seiner Kunst und seinem Leben, aber gleichzeitig erkennt man die poetische Begabung Dutlis, die seinen ersten Roman zu einem unvergesslichen Leseerlebnis machen. Ralph Dutli (geb. 1954) studierte Romanistik und Russistik in Zürich und Paris. Er ist Herausgeber der zehnbändigen Ossip-Mandelstam-Gesamtausgabe und auch Autor der Mandelstam-Biographie « Meine Zeit, mein Tier ». Dutli wurde mit zahlreichen Preisen u.a. dem Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, geehrt.

« Soutines letzte Fahrt » ist ein mit Sprach – und Bildgewalt elegant durchkomponiertes literarisches « Kunstwerk », das durch seine Dynamik und Spannung auf äusserst raffinierte Weise den Leser einen beeindruckenden Einblick in das Leben von Chaim Soutine ermöglicht. Selten konnte man auf so anspruchsvolle, aber trotzdem auch mitreissende Weise sein Kunstwissen spielerisch erweitern und in eine Zeit eintauchen, die von Krieg, Besatzung, Verfolgung, vom Ende der Goldenen zwanziger Jahre in Paris und von einer durch Schmerz und Leid geprägten Kunst erzählt. Dieses Werk fordert Konzentration, lehrt über « Farben und Narben » und es hinterlässt einen so nachhaltig intensiven Eindruck, dass man nach der Lektüre, das sehr starke Bedürfnis, Soutines Bilder endlich – in welchem Kunstmuseum auch immer – mit eigenen Augen zu « erleben », kaum mehr unterdrücken kann!

Heinrich Heine – Gedicht

Die Liebe begann im Monat März

Die Liebe begann im Monat März,
Wo mir erkrankte Sinn und Herz.
Doch als der Mai, der grüne, kam:
Ein Ende all mein Trauern nahm.

Es war am Nachmittag um Drei
Wohl auf der Moosbank der Einsiedelei,
Die hinter der Linde liegt versteckt,
Da hab ich ihr mein Herz entdeckt.

Die Blumen dufteten. Im Baum
Die Nachtigall sang, doch hörten wir kaum
Ein einziges Wort von ihrem Gesinge,
Wir hatten zu reden viel wichtige Dinge.

Wir schwuren uns Treue bis in den Tod.
Die Stunden schwanden, das Abendrot
Erlosch. Doch saßen wir lange Zeit
Und weinten in der Dunkelheit.

Durchgelesen – “Die Rückkehr der Jungfrau Maria” v. Bjarni Bjarnason

Glauben Sie an Wunder ? Wie auch immer Sie diese Frage beantworten werden, ob mit ja oder nein, Sie sollten sich keinesfalls diesen unglaublich schrägen und ja wahrlich wundersamen Roman von Bjarni Bjarnason entgehen lassen. Denn was könnte es Spannenderes und Verrückteres geben, als « Die Rückkehr der Jungfrau Maria » mitzuerleben!

Bjarni Bjarnason wurde am 9. November 1965 in Reykjavik (Island) geboren. Sein erstes Buch – ein Lyrikband – erschien 1989. Inzwischen hat B. Bjarnason bereits mehr als 12 Bücher veröffentlicht. Sein Werk wurde mit dem Tomas-Guomundsson-Literaturpreis und dem Halldor-Laxness-Preis ausgezeichnet. Zum ersten Mal dürfen wir nun – dank der grandiosen Übersetzung von Tina Flecken – eines seiner Werke auf Deutsch entdecken: « Die Rückkehr der Jungfrau Maria ». Der Roman erschien bereits 1996 auf Isländisch und wurde im gleichen Jahr für den Isländischen Literaturpreis nominiert.

Die ungewöhnliche Geschichte wird aus der Sicht von Michael von Blomsterfeld in der Ich-Form erzählt. Michael Blomsterfeld ist der Enkel des berühmten und angesehenen Theologen Johannes von Blomsterfeld. Leider musste dieser aufgrund seiner mehr als prophetischen Schriften und Lehren, sein Amt an der Universität niederlegen. Somit war für Michael – obwohl er durch den Einfluss seines Grossvaters – immer auch ein Wissenschaftler werden wollte, klar, dass er nicht die gleiche Laufbahn wie sein Grossvater einschlagen würde. Er entdeckte durch seine Privatlehrer und ganz besonders durch Samuel Wallenda das Reiten und das Turnen. Doch noch mehr gefielen ihm die Tricks und Techniken, die er von ihm lernte. Samuel Wallenda hatte nämlich in einem Zirkus gearbeit und das faszinierte Michael auf besondere Weise und er entwickelte eine wahre Zirkusleidenschaft. Somit ist es nicht im Geringsten verwunderlich, dass er – als er 17 Jahre alt war und sein Grossvater starb – in den Zirkus ging, der Samuel gehörte.

Nach sieben Jahren kehrt Michael wieder zurück in das Haus seines Grossvaters und entdeckt beim Stöbern in einer Geheimschublade ein kleines handgeschriebens Buch mit dem Titel :

« Die Rückkehr der Jungfrau Maria
Niedergeschrieben nach Traumvisionen
von Johannes von Blomsterfeld »

Und dann lernen wir Maria kennen. Sie stellt mit Entsetzen fest, dass sie ab dem Zeitpunkt, als sie in die Pubertät kam, kein Spiegelbild mehr hatte:

« Das ist ja seltsam, ich habe mich bisher im Spiegel gesehen. Sie probierte es mit einem anderen Spiegel, aber ohne Erfolg. Sie schaute auf ihre Hände, an ihrem Körper herunter – alles von ihr war da, genauso sichtbar wie immer. Was war geschehen ?
Vielleicht bin ich in dem Moment gestorben, als ich in die Pubertät kam, und jetzt bin ich ein Geist.
Sie begann, nach ihrer eigenen Leiche zu suchen, aber die war nirgends. Und ihr Spiegelbild erschien nicht, wie sehr sie auch versuchte, den Spiegel zu überlisten.
Ich muss für alle unsichtbar geworden sein, ausser für mich selbt. »

Sie war vollkommen verwirrt und versuchte bei ihrem Vater eine Erklärung zu finden. Dieser beruhigte sie dahingehend, dass sie einfach viel zu schön sei, um ein Spiegelbild haben zu können. Maria hatte trotzdem Angst, vor allem wenn andere Leute davon erfahren. Es sollte ein Geheimnis zwischen ihrem Vater und ihr bleiben. Doch leider kam es ganz anders :

Maria war eine hervorragende Theologiestudentin, schrieb bereits mit 21 Jahren ihre Doktor-arbeit. Bei den letzten Korrekturen verspürt sie plötzlich einen eigenartigen Schwindel, sie versucht sich mit kalten Wasser wieder aufzupeppen, doch dann stellt sie mit Erstaunen fest, dass alle von ihr beschriebenen Seiten leer waren. Nichts war mehr da, weder Notizbücher, Tagebücher, alles Geschriebene war verschwunden, in Luft aufgelöst. Sie wendet sich an ihren Lehrer und erklärt ihm die Situation. Maria hat Angst vor dem bevorstehenden Rigorosum, das sie am Liebsten absagen würde, doch es findet ein paar Tage später statt. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Dissertation weg war, doch die Professoren prüften sie und alles verlief bestens, bis der Bischof Jean Sebastian sich einmischte. Für ihn war es unerklärlich, dass Maria eine berühmte Studentin war trotz der verschwundenen Einschreibungsunterlagen für die Universität und es über ihre Arbeiten keinen einzigen schriftlichen Nachweis mehr gab. Er forderte um Aufklärung und er sprach von einem « Wunder » ! Und konfrontierte Maria mit dem Buch « Die Rückkehr der Jungfrau Maria von Professor von Blomsterfeld ». Der Bischof provozierte Maria, die den Inhalt des Buches zu kennen glaubte, ohne es jemals gelesen zu haben. Maria versuchte sich zu verteidigen, betrat das Rednerpult und erzählte eine ganz besondere Geschichte. Doch auch diese konnte die Zuhörerschaft nicht beruhigen und es kam zum Eklat, so dass Maria als Betrügerin « verurteilt » wurde.

Michael von Blomsterfeld verbrachte zwei Monate im Haus seines Grossvaters und stellte den « Zirkusschrank » fertig. Ein ganz besonderes « Möbelstück », das einen kompletten Zirkus darstellte, mit Puppen, die sogar in der Luft Salti schlagen konnten. Er baute dazu noch einen Wagen, damit er mit diesem Zirkusschrank auf Marktplätz fahren konnte und die Zuschauer damit begeistern und beglücken würde. Er hoffte so sehr, mit seinem « Zirkus der Göttlichen Ordnung » ein Patent anmelden zu können und viel Geld damit zu verdienen, um vor allem den Zirkus von seinem Freund Wallenda retten zu können. Michael war gerade mit seinem Zirkuswagen per Zug unterwegs und entdeckt beim Aussteigen auf dem Bahnhof einen grossen Menschenauflauf, der durch eine junge Frau ausgelöst wurde, die – obwohl sie eigentlich Kleider getragen hatte – ihre Nacktheit zu verbergen versuchte:

« Obwohl viele versuchten, die Aufmerksamkeit der Frau zu erlangen, schaute sie mich weiter lächelnd an, bis ich das Gefühl hatte, etwas unternehmen zu müssen. Mein Blick fiel auf meinen Koffer, der mit meinem halb heraushängenden Zauberumhang offen auf dem Bahnsteig lag. Ohne lange nachzudenken, packte ich den Umhang und drängte mich durch die Menschenmenge. »

Und so rettete Michael diese wunderschöne Frau und bot ihr ganz beiläufig noch eine Stelle als Assistentin für seinen « Zwei-Personen-Freiluftzirkus » an. Er stellte sich als Michael von Blomsterfeld vor und sie tat das gleiche mit « Maria » ! Und dann war es geschehen. Michael trifft auf die Maria aus dem Buch seines Grossvaters und das eigentliche von Wundern nur so durchzogene gemeinsame Abenteuer beginnt…

In diesem Roman wird nicht nur Michael, sondern auch der Leser mit einer sagenumwobenen mehr als wundervollen Schönheit konfrontiert, dass man sich die göttliche Jungfrau Maria niemals mehr anders vorstellen und erträumen möchte. Hier ist Maria eine nur von Anmut und Grazie bezaubernde Frau, kein Mütterlein mit Christuskind im Arm. Nein, hier spielen Reize, Eros und Sex eine grosse Rolle.

Bjarni Bjarnason präsentiert uns in seinem mehr als genialen und wahnsinnig skurrilen Roman eine Maria, die auch noch zur selbstbewussten Frau wird, sich nicht unterkriegen lässt, trotz ihrer « Unsichtbarkeit ». Sie kämpft sich in ein wahres Leben hinein, schliesst sich dem idealistischen, aber durchwegs auch zielstrebigen Zirkusliebhaber und Künstler Michael an, lernt sich zu wehren und spürt erstmals wahre Liebe, die jedoch zu grossen unerwarteten Turbulenzen und Gefahren führt.

Mit seiner äusserst poetischen und gleichzeitig auch sehr bildhaften Sprache liefert uns Bjarni Bjarnason nicht nur ein kurioses und gleichzeitig äusserst menschliches Werk über Religion, Wunder und Glauben, sondern fördert und fordert auf atemberaubende Weise auch die Phantasie des Lesers. « Die Rückkehr der Jungfrau Maria » ist ein von Einfallsreichtum, Sprachkunst und subtiler Exzentrik kaum zu überbietendes Werk. Es ist ein wahres, ja besonders kluges « Roman-Wunder », was man unbedingt lesenderweise « erleben » sollte!

Bertolt Brecht – Gedicht

Die Liebenden

Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Durchgelesen – “Die Reisen mit meiner Tante” v. Graham Greene

Graham Greene (1904 – 1991) zählt zu den wichtigsten englischen Schriftstellern der 20. Jahrhunderts. Geboren als Viertes von sechs Kindern waren die Kindheit und vor allem die Schulzeit  für ihn sehr schwierig, da sein Vater auch gleichzeitig der Schuldirektor war. Greene studierte Geschichte und musste bereits wegen seiner Vorliebe zu Russischem Roulette im Jugendalter in psychiatrische Behandlung. Nach seinem Studium arbeitete Greene als Journalist bei der Tageszeitung « The Times ». Obwohl er zum Katholizismus wechselte, bleib er zeitlebens ein grosser Kritiker hinsichtlich der Amtskirche. In den dreissiger Jahren arbeitete er als Filmkritiker und während des zweiten Weltkriegs war er beim Auslandsgeheimdienst für das Aussenministeriums in Westafrika tätig. Eine Vielzahl seiner Romane befassen sich immer wieder mit dem Thema Schuld und Verrat, was Graham Greene in grandiose Abenteuergeschichten verwandelte. Sein erster Roman « Schlachtfeld des Lebens » wurde 1934 veröffentlicht. Er war aber nicht nur Romancier, sondern auch Drehbuchautor, was der mehr als berühmte Film « Der Dritte Mann » (1949) beweist. Jetzt gibt es die Gelegenheit, einen Klassiker in Neuübersetzung wieder zu entdecken, der die Reise- und Abenteuerlust von Graham Greene literarisch wunderbar widerspiegelt. « Die Reisen mit meiner Tante » erschienen zum ersten Mal unter dem Titel « Travel with my Aunt » 1969 und sind nun dank der angenehm modernen Übertragung ins Deutsche durch Brigitte Hilzensauer aktuell erschienen.

Der Roman wird in der Ich-Form aus der Sicht des pensionierten Bankbeamten, Dahlienzüchter und Junggesellen Henry Pulling erzählt. Seine Mutter ist gestorben und ganz zufällig trifft er nach einer sehr langen Zeit bei der Beerdigung seine Tante Augusta wieder. Bei diesem Ereignis werden, während die Leiche seiner Mutter gerade eingeäschert wird, erste und unerwartete Informationen ausgetauscht und ungewöhnliche Familienerinnerungen wachgerufen. Tante Augusta hat auch in ihrem Alter (75 Jahre) noch mehr Temperament als Henry in seiner Jugend, was ihn zunächst mehr als irritiert, aber trotzdem irgendwie anzieht. Henry begleitet seine Tante zu sich nach Hause und spätetens in dem Moment als er Wordsworth – ihr « Kammerdiener » -kennenlernt, wird sich das Leben von Henry schlagartig ändern. Tante Augusta beginnt zu erzählen, während Wordsworth sich um die Asche von Henrys Mutter kümmert, allerdings nicht im besten Sinne. Denn kaum als Henry wieder bei sich zu Hause war, sich intensiv mit seinen Dahlien beschäftigte, rief ganz aufgeregt seine Tante an, um ihm von einer Razzia bei ihr in der Wohnung zu berichten und ihn gleichzeitig vorzuwarnen, dass die Polizei unbedingt die Asche seiner Mutter anlysieren will. Und tatsächlich wird doch in der Urne nicht nur die Asche gefunden, sondern ein grosser Anteil Haschisch. Der « Kammerdiener » setzt sich daraufhin nach Paris ab und somit ist die liebe Tante Augusta plötzlich ganz allein.

Was könnte ihr Besseres einfallen, als ihren neu bzw. wiedergewonnen Neffen als Reisebegleiter zu engagieren. Tante Augusta hatte einen Plan. Sie wollte von Paris aus mit dem Orientexpress nach Istanbul fahren angeblich wegen nicht ganz durchschaubarer Geldgeschäfte. Doch Henry, der eher sesshafte, unbewegliche Dahlienliebhaber, war nicht nur von den Reiseideen seiner Tante überrascht, sondern wunderte sich unter welchen schrägen Reisevorkehrungen und Sicherheitsmassnahmen sie so manchen Zollbeamten um die Nase herumgeführt hatte. Doch bei all diesen undurchsichtigen Unternehmungen hatte Tante Augusta aufgrund ihres Alters inzwischen einen Hang zum Luxus entwickelt. Somit war es nicht im Geringsten verwunderlich, dass sie gleich eine ganze Suite im Hotel Saint James und Albany direkt gegenüber vom Jardin des Tuileries gebucht hatte. Für Henry eine unnötige Geldausgabe, vor allem nur für eine Nacht. Doch Tante Augusta klärte ihn auf :

« « Zuerst must du lernen, Verschwendung zu geniessen », erwiderte meine Tante. « Armut befällt einen so plötzlich wie die Grippe ; da ist es gut, wenn man für schlechte Zeiten ein paar Erinnerungen an Extravaganz auf Lager hat. » »

Dies war eine klare Botschaft für Henry und er versuchte ab sofort all die kuriosen Ideen seiner Tante so wenig wie möglich zu hinterfragen und begab sich trotzdem nicht ganz unfreiwillig mit ihr auf gemeinsame Reise nach Istanbul. Eine Reise, die mehr als ein Abenteuer ist, denn es werden Goldbarren in einer Kerze geschmuggelt und der türkische Geheimdienst ist in Alarmbereitschaft. Abgesehen von schlüpfrigen Devisengeschäften, raucht Henry auch noch seinen ersten Joint und wird mehr und mehr in die nicht ganz ungefährlichen Eskapaden seiner Tante mithineingezogen…

Graham Greene beweist in diesem grandiosen und wahrlich literarisch spannenden « Unter-haltungsroman » sein komödiantisches Talent. Er hat mit Tante Augusta eine Hauptfigur geschaffen, die uns mit ihrer Art, ihrem Humor, aber auch mit ihrer Direktheit und Nonchalence auf eine unvergleichliche Abenteuerreise mitnimmt, die nur so von Lebensfreude erfüllt ist. Hier denkt man sofort an das bekannte Bonmot « Alter schützt vor Torheit nicht ». Jugendlichkeit kombiniert mit Lebensefahrung wird hier ganz grossgeschrieben. Und somit bleibt dieser Roman mehr als zeitgemäss und ist durch seine Lebendigkeit und Individualität aktuell und äusserst modern.

« Die Reisen mit meiner Tante » ist ein wahrer Schatz der Weltliteratur. Gekrönt durch eine unvergleiche Komik wird Tante Augusta nicht nur bei Henry im Herzen bleiben, sondern auch bei Ihnen, verehrter Leser. Stürzen Sie sich lesenderweise in ein paar wundervolle Abenteuer, entdecken Sie mit Tante Augusta interessante Länder und Städte und lassen Sie sich anstecken von diesem herrlich schwarzen Humor…

Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Besitz

Großer Garten liegt erschlossen,
Weite schweigende Terrassen:
Müßt mich alle Teile kennen,
Jeden Teil genießen lassen!

Schauen auf vom Blumenboden,
Auf zum Himmel durch Gezweige,
Längs dem Bach ins Fremde schreiten,
Niederwandeln sanfte Neige:

Dann erst komme ich zum Weiher,
Der in stiller Mitte spiegelt,
Mir des Gartens ganze Freude
Träumerisch vereint entriegelt.

Aber solchen Vollbesitzes
Tiefe Blicke sind so selten!
Zwischen Finden und Verlieren
müssen sie als göttlich gelten.

All in einem, Kern und Schale,
Dieses Glück gehört dem Traum
Tief begreifen und besitzen!
Hat dies wo im Leben Raum?

Durchgeblättert – “Die Nachtbibliothek” v. Audrey Niffenegger

Wäre es nicht ein Traum als Bibliothekar in seiner eigenen Privatbibliothek zu arbeiten ? Vielleicht ist es gar kein « Traum » mehr, sondern bereits Realität und man hat ganz unbewusst diesen aufregenden « Beruf » erwählt durch all die vielen gelesenen Bücher, die inzwischen einen wichtigen Platz in unserem Leben eingenommen haben. Und genau auf Spuren dieses wahrlich erfüllenden « Traumberufes » führt uns Audrey Niffenegger in ihrer faszinierenden Graphic Novel mit dem sehr geheimnisvollen Titel « Die Nachtbibliothek ».

Audrey Niffenegger, geboren 1963 in South Haven (Michigan), ist Professorin für Inter-disziplinäre Künste zwischen Buch und Bild am Columbia College in Chicago. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit der Zusammenführung von Bild und Texten im Hinblick auf Comics und Intallationen. Seit 1987 werden ihre Bilder in der Galerie Printworks in Chicago ausgestellt. Ihr Kunstwerk ist – aus ihrer eigenen Sicht – inspiriert durch Künstler wie zum Beispiel Max Ernst, Käthe Kollwitz, Horst Janssen und Hans Bellmer. In Deutschland wurde sie berühmt durch Ihren Roman « Die Frau des Zeitreisenden » (2003). Aktuell dürfen wir uns nun über ein ganz besonderes Werk freuen, das auch die künstlerische Seite von Audrey Niffenegger mehr als verdeutlicht. Dank der Übersetzung von Brigitte Jakobeit ist nun ihre erste Graphic Novel « Die Nachtbibliothek » in Deutsch erschienen, welche bereits 2010 in der britischen Tageszeitung The Guardian vorabgedruckt wurde.

Die Geschichte spielt in Chicago. Alexandra, die Ich-Erzählerin, läuft nach einem Streit mit ihrem Freund nachts durch die Strassen und entdeckt ganz plötzlich ein Wohnmobil, aus dem Musik von Bob Marley ertönt. Die Tür steht offen, Alexandra ist neugierig und wirft einen Blick in das Gefährt. Überrascht lernt sie einen sehr distinguierten Herrn kennen, der sich mit Mr. Openshaw vorstellt. Er gibt ihr diskret ein Willkommenszeichen, in das Mobil einzusteigen, welches sich als Bibliothek entpuppt :

« Von innen wirkte es grösser – viel grösser. Das Licht war gedämpft und angenehm. Es roch nach altem, trockenem Papier, mit einem Hauch von nassem Hund, was ich mag. Ich schaute mich nach dem Bibliothekar um. Er las Zeitung. »

Alexandra beginnt die Regale zu betrachten und stellt mit grossem Erstaunen fest, dass alle Bücher, die sie hier findet, einschliesslich ihres persönliches Tagebuchs, ihre Bücher waren, die sie in ihrem Leben bis jetzt gelesen hatte, aber hier mit dem Stempel « Zentralbibliothek » gekennzeichnet waren. Mr. Openshaw bestätigt dies :

« Nun die Bibliothek in ihrer Gesamtheit enthält alles Gedruckte, das jeder Mensch zu seinen Lebzeiten einmal gelesen hat…Wir sind also auf alle Benutzer vorbereitet. »

Alexandra war fasziniert und irritiert zur gleichen Zeit und hätte sich am Liebsten eines ihrer Bücher ausgeliehen, doch dies war nicht möglich. Sie verliess am frühen Morgen das mysteriöse « Buchmobil », das nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang geöffnet hatte, ging zu sich nach Hause und machte sich Gedanken über ihre eigene Bibliothek, ihre Bücher, die sie nun zum ersten Mal so in ihrer Gesamtheit vor Augen hatte. War es das, was sie von sich als Leserin erwartet hatte? Würde sie all diese Bücher wieder lesen ?

Am nächsten Tag wollte Alexandra  Mr. Openshaw wieder aufsuchen, doch leider vergebens. Ab diesem Zeitpunkt verbrachte sie jede Minute mit Lektüre, denn sie wollte Mr. Openshaw und sich selbst beeindrucken. Und nach sage und schreibe neun Jahren trifft sie ganz zufällig wieder auf die fahrende « Bibliothek ». Mr. Openshaw erwartete sie bereits. Er lädt sie ein, mit ihm einen Tee zu trinken. Währenddessen stellt Alexandra fest, das sich ihre « Bibliothek » um ein vielfaches vergrössert hatte. Sie war tief beeindruckt von ihrem eigenen « Lesewerk » und wollte nichts lieber als die Assistentin von Mr. Openshaw werden und in der « Zentralbibliothek » arbeiten, was zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht möglich war. Aus diesem Grund folgte sie dem Rat von Mr. Openshaw, zuerst eine richtige Bibliothekarin zu werden…

Audrey Niffenegger erzählt mit Worten, aber vor allem auch mit ihren wundervollen Bildern eine ganz besondere Geschichte, vielleicht eher eine Art Gleichnis, das den Leser sehr geschickt und raffniert darauf hinweist, wie gefährlich es werden könnte, wenn man sich nur noch dem Lesen und seinen Büchern widmet. Alexandra hat eine sehr starke Buch-Sehnsucht, die sie von einer eher jungen und unbeschwerten Frau, zu einer doch eher grau gekleideten und zu ernsthaft wirkenden Bibliothekarin verwandelt, was Audrey Niffenegger durch ihre perfekte Zeichen-perspektive und sehr naiv und bunt angelegte Maltechnik grandios umsetzt. Somit stellt sich die Frage, ob es wirklich richtig ist, in seinem Leben kostbare Zeit grundsätzlich Büchern zu widmen, und wenn ja, welche Werke es verdienen würden, das eigentliche Leben für sie zu vernachlässigen ?

« Die Nachtbibliothek » ist ein ganz besonderes Buch, es ist ein sehr aussergewöhnliches und elegantes « Wort-Kunst-Werk », das zwar durch seine klaren Farben und Formen besticht, aber trotz des « bunten » Lebens in der Bücherwelt durch den schwarzen Rahmen und Bildhinter-grund eine gewisse mystische Erdung findet. Diese Graphic Novel ist ein wunderschönes « Bilderbuch » für Erwachsene, welches vor allem durch sein ungewöhnliches und vollkommen unerwartetes « Happy End » viele Fragen offen lässt und der Leser dadurch immer wieder von Neuem verführt wird, diese geheimnisumwobene « Bibliothek »  zu betreten.

« Die Nachtbibliothek » fühlt sich an wie eine Lesetraumwelt zwischen zwei Buchdeckeln, gefüllt mit subtil versteckten Lese- und Lebens-Botschaften und gekrönt durch eine Bildermagie, die jeden Buchliebhaber, Bibliomanen und Leser auf besonders intensive und nachhaltige Weise beglücken wird !

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Guter Tag

Guter Tag. Da prüft man doch: was bringt er?
Und wie langsam liest man seine Schrift.
Rascher, reiner, kühner, unbedingter:
oh wie uns die Freude übertrifft.

Ist uns als Künftigste zuvor,
wendet sich und blickt und macht uns schneller,
und wir folgen wie die Vogelsteller,
und das Herz klingt oben bis ins Ohr.

Glück: was rollt das schwer auf seinem Rade,
müde, immer wieder unbereit;
aber Freude steht und blüht gerade,
und wir treten an die Jahreszeit.

Durchgelesen – “Nachsaison” v. Philippe Besson

Edward Hopper (1882 – 1967) gehört zu den bekanntesten Malern des amerikanischen Realismus. Berühmt durch seine Bilder, die den einzelnen Menschen in Hotels, Bars oder vor Hausfassaden darstellen, und vor allem durch sein ganz aussergewöhnliches « Licht » wird so manche zwar stille, aber trotzdem intensive « Betonung » dieser wahrlich einsamen Situtation meisterhaft herausgearbeitet. Aktuell kann man noch bis 28. Januar 2013 diesen Künstler und sein Werk in einer glanzvollen Retrospektive im Pariser Grand Palais bewundern. Diese Ausstellung ist ein wunderbarer, ja wahrlich perfekter Anlass den bereits 2002 in Frankreich und 2007 in Deutschland erschienen Roman « Nachsaison » von Philippe Besson zu entdecken.

Inspiriert durch –  man könnte mit absoluter Sicherheit sagen – das populärste Gemälde des 20. Jahrhunderts, « Nighthawks » (Nachtschwärmer) von Edward Hopper, erzählt Philippe Besson eine ganz besondere, in gewisser Weise auch schmerzvolle und  melancholische, aber trotzdem emotional äusserst fesselnde Liebesgeschichte. Philippe Besson (geb. 1967) kennen wir bereits durch seinen zuletzt in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman « Venice Beach ».

Wenn wir uns kurz das Gemälde « Nighthawks » ins Gedächtnis rufen, welches Edward Hopper – nachempfunden einem Restaurant an der Ecke Greenwich Avenue in New York – 1942 gemalt hat, erkennen wir auf dem Bild eine Bar, die nachts durch ihr Neonlicht kühl und klar inszeniert wird. Zwei Männer mit Anzug und Hut und eine Frau mit einem roten Kleid sitzen bzw. stehen an der Bar. In der Mitte arbeitet ein weiss gekleideter Barkeeper. Der Betrachter des Bildes sieht von Aussen auf diese Bar und kann sich jederzeit eine eigene Geschichte dazu ausdenken. Doch diese « Aufgabe » übernimmt in diesem Fall Philippe Besson :

Der Roman spielt an einem Sonntagabend im September in der sogenannten « Nachsaison » in der Bar des kleinen Städtchens namens Cape Cod, das ca. eine Stunde Fahrtzeit mit dem Auto von Boston entfernt liegt. Wie auch auf dem Gemälde von Hopper zu erkennen, heisst diese Bar « Phillies », wie die Besitzerin hier in Bessons Roman. Wir treffen als erstes Louise, die Frau mit dem roten Kleid. Obwohl sie hier Stammgast ist, sitzt sie dem Barkeeper Ben anfangs nur schweigend gegenüber:

« Trotzdem hat Ben sie nicht beachtet, als sie hereinkam. Ben beachtet sie seit Jahren nicht mehr. Seit wann genau ? Er hat sich so an sie gewöhnt, dass er sie seiner Meinung nach nicht mehr zu beobachten braucht. Er kennt sie so gut : Was würde er sehen, was er nicht schon gesehen hat ? Und ausserdem, zwischen ihr und ihm geht es nicht um Verführung, das ging es im übrigen nie, sondern um Einverständnis. »

Louise schreibt Theaterstücke und ist inzwischen eine berühmte Autorin. Sie trinkt wie immer einen weissen Martini und wartet auf ihren Liebhaber Norman, der verheiratet ist und sich heute von seiner Frau trennen will bzw. soll. Über kurz oder lang entsteht doch eine kleine Konversation mit Ben über ihr letztes Werk. Währendessen betritt vollkommen überraschend Stephen (Rechtsanwalt in Boston) die Bar. Es war ihr früherer Geliebter, den sie nun zum ersten Mal fünf Jahre nach ihrer Trennung wiedersieht :

« Stephen hat regelmässig an Louise gedacht. Obwohl mit Rachel verheiratet, Vater zweier reizender Jungen und stark in seinem Beruf eingespannt, hat er nie aufgehört, an sie zu denken. »

Louise ist überrascht und verwirrt. Es werden Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Beziehung wachgerüttelt und es kommen alte emotionale Verletzungen ungefiltert zum Vorschein. Erstaunlicherweise stehen sich die Beiden im Laufe der unterschiedlichen Rückblicke mit einer ganz neuen Offenheit gegenüber, die neue, unbekannte und vor allem unerwartete Gefühle entstehen lässt, die jedoch nicht unbedingt von dem jeweilig Anderen auch erwidert werden können. Und während all dieser doch nicht ganz unaufregenden Wiederbegegnung, dürfen wir vor allem Norman nicht vergessen, der ja eigentlich Louise in der Bar treffen wollte, um ihr eine frohe Botschoft zu verkünden. Doch er meldet sich zweimal nur per Telefon und kommt nicht…

Philippe Besson hat dieses legendäre « Bar-Gemälde » von Edward Hopper zu seinem erzählerischen Ausgangspunkt gemacht. Die vier Personen, wie auch bei Hopper, erhalten hier zum ersten Mal konkrete Namen. Der einzelnen Mann an der Bar mit dem Rücken zum Betrachter tritt im Roman nur zeitweise auf und ist ein alter Fischer. Der Mann im Anzug mit Hut neben der Dame in Rot (hier Louise) ist Stephen der Anwalt. Und so wird auf einmal dieses so faszinierende Kunstwerk von Hopper sehr lebendig. Der Erzähler dieser Geschichte steht wir der Kunstbetrachter vor diesem Bild und beschreibt die Situation, aus welcher dieses intensive, irgendwo auch dramatisch kühle, aber trotzdem sehr feinsinnige literarische « Gemälde » entstanden ist.

Edward Hopper fängt diese einzigartige « schweigende » Stimmung durch seine unvergleichliche « Lichttechnik » ein. Philippe Besson macht dies genauso raffiniert mit seinen dosiert gesetzten direkten Reden der « Darsteller », die wie ein kurzer « Lichtspot » auf die einzelnen Beobachtungsmomente des Erzählers einwirken und somit eine gleich starke Sogwirkung entsteht wie bei diesem magischen Bild.

Jetzt bleibt nur zu wünschen, dass Sie, verehrter Leser, vielleicht noch aktuell in der Pariser Ausstellung oder bei einem anderen Kunstevent die Gelegenheit haben werden, Hoppers beeindruckendes Werk zu bewundern. Zur Einstimmung oder auch zum künstlerischen Nachgenuss sollte jeder kunst- und kulturbegeisterte Leser diesen Roman « erlebt » haben.

« Nachsaison » ist einer der wenigen von der Kunst inspirierten Romane, der nach der Lektüre so richtig Lust auf Kunst und in diesem Fall auf Edward Hopper macht, da dieses Buch einfach genau so schön ist wie das berühmte Gemälde!

Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Weihnacht

Weihnachtsgeläute
Im nächtigen Wind…
Wer weiß wo heute
Die Glocken sind,
Die Töne von damals sind?

Die lebenden Töne
Verflogener Jahr`
Mit kindischer Schöne
Und duftendem Haar,
Mit tannenduftigem Haar,

Mit Lippen und Locken
Von Träumen schwer?…
Und wo kommen die Glocken
Von heute her,
Die wandernden heute her?

Die kommenden Tage,
Die wehn da vorbei. -
Wer hört´s ob Klage,
Ob lachender Mai,
Ob blühender, glühender Mai?

Durchgeblättert – “book shops” v. Markus S. Braun

« Buchhandlungssterben » – ein Schlagwort, das man in der letzten Zeit immer wieder hört bzw. liest. Nicht nur die unabhängigen Buchhandlungen werden weniger auch die Ketten schliessen einige ihrer Filialen, denn der Internetbuchhandel nimmt dem örtlichen Buchhandel die Umsätze und somit die Kunden weg. Dies erweckt den Eindruck, dass der Buchkäufer immer phlegmatischer wird und lieber seinen gewünschten Titel per Taste bestellt, als dass er sich direkt in eine Buchhandlung begibt, vor Ort schmökert und sich von Buchhändlern beraten lässt. Doch deshalb ist es um so erfreulicher, dass ein äusserst innovativer Verleger, sich an ein Buchprojekt wagt, und damit auch dem Buchkäufer per Klick ein Werk vorstellt, das nur von « book shops », also örtlichen, reellen und keinesfalls virtuellen Buchgeschäften handelt.

Markus S. Braun ist 1966 in Berlin geboren und hat Germanistik und Betriebswirtschaft studiert. Von 1993 bis 1995 war er Herausgeber des populärwissenschaftlichen Magazins Copernicus. Im Jahr 2000 hat er das Verlagshaus Braun gegründet und seit 2009 ist er Verleger von Braun Publishing. Der Verlag ist spezialisiert auf Architektur und deshalb war es sicherlich nur eine Frage der Zeit, wann sich Markus S. Braun den schönsten, innovativsten, interessantesten, etabliertesten und neuesten Buchhandlungen der Welt widmen würde.

« book shops » ist ein prächtiges « Bilderbuch » nicht nur für Innenarchitekten oder Ladenbauer, nein es ist ein wichtiges Werk und eignet sich für jeden Buchliebhaber und Buchkäufer, der mehr erwartet und braucht, als nur eine sterile Online-Buchbestellung. Es zeigt die unterschiedlichsten Buchhandlungen, sowohl allgemeines Sortiment, aber auch Spezialläden. Es gibt kleine Bookshops, wie beispielsweise eine Design- und Architekturbuchhandlung mit gerade mal 33 qm in New York und es gibt auch megagrosse Geschäfte wie der « Academic Bookstore » in Helsinki mit 5000 qm. Wir entdecken aber auch zum Beispiel die älteste Buchhandlung Deutschlands « Korn & Berg », die 1531 in Nürnberg eröffnet wurde und noch heute im renovierten Glanz erstrahlt. Wir schmökern im traumhaft gestalteten « Papasotiriou Bookstore » in Athen, wo Moderne und Klassik in der Innenarchitektur grandios vereint werden. Natürlich dürfen vollkommen futuristisch gestaltete Buchhäuser wie zum Beispiel « Prologue » in Singapore nicht fehlen. Aber auch die Traditionshäuser wie « El Ateneo Grand Splendid », das als Theater 1903 im Buenos Aires gebaut wurde, und « Munro’s Books » in Victoria (Kanada), welches sich in einem neo-klassizistischen Gebäude von Thomas Hooper aus dem Jahre 1909 befindet.

Insgesamt besuchen Sie, verehrter Leser, hier 49 Buchhandlungen quer über die Welt verteilt und werden sich spätestens nach den ersten drei Läden wundern, warum der Online-Buchhandel so boomt. Es ist nach dieser « atemberaubenden » Lektüre nicht im Geringsten nachvollziebar. Dieser fantastische Bild- und Architekturband öffnet ein paar vertraute, aber eben auch sehr viele neue Welten in Punkto Buchhandlungen. Man spürt bei jedem « Besuch » das Engagement, die Ideen und die Herausforderungen, die sich dahinter verbirgen. Hier sehen wir nicht nur das präsentierte Buch, sondern es geht um Raumkonzepte, Design und Einrichtung. Die Leser und vor allem die Buchkäufer dürfen sich hier wohlfühlen. Die Buchhandlungen sollen verführen, zum Verweilen einladen, die Neugierde beflügeln und natürlich auch den Verkaufsimplus verstärken. Der Leser wird hier nicht nur mit äusserst hochwertigem Bildmaterial überzeugt, sondern auch mit sehr kompetenten Informationen zu jeder Buchhandlung. Nicht nur die architektonischen Eckdaten, wie Grösse, Materialen etc., sondern auch prägnante historische und sortimentsspezifische Anmerkungen ergänzen das jeweilige Buchhandlungsporträt.

All diese hier vorgestellten Buchhandlungen sind mehr als einen echten Besuch wert, damit sie nicht nur lange erhalten bleiben, sondern auch um weiterhin nachhaltig zu inspirieren bezüglich neuer Buchhandlungskonzepte. Der Bucheinkauf auf Knopfdruck mag vielleicht im ersten Ansatz in seiner Form bequem erscheinen, doch letztendlich ist er langweilig, und eher in Punkto Einkaufsatmosphäre kalt und emotionslos. Erheben Sie sich, verehrter Leser, von Ihrem Bürostuhl, aus Ihrem Sessel und gehen Sie in die nächste Buchhandlung! Vielleicht entdecken Sie per Zufall dabei einen dieser Bookshops aus diesem mehr als beachtenswerten Buch. Dank Markus S. Braun und seinen « book shops » werden die Buchhandlungen zu einem echten Einkaufserlebnis wiederentdeckt und gleichzeitig wird deutlich, dass der örtliche Buchhandel noch lange nicht tot ist. Ganz im Gegenteil, er lebt und begeistert nicht nur durch Kompetenz, Anspruch und Orginalität, sondern auch durch neue Impulse, grenzenlose Kreativität und buchhändlerische Durchsetzungskraft!

Durchgelesen – “Bücherwahn” v. Gustave Flaubert

Gustave Flaubert, geboren am 12. Dezember 1821 in Rouen und gestorben am 8. Mai 1880 in Croisset, gehört zu den wichtigsten französischen Schrifstellern und Romanciers der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die literarischen Hauptmerkmale des flaubertschen Œuvre liegen in der ausgeprägten Tiefe seiner psychologischen Analysen im Bezug auf das Verhalten der einzelnen Menschen, aber auch der gesamten Gesellschaft. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die Romane « Madame Bovary » (1857), « Salammbô » (1862) und « L’Éducation sentimentale » (1869). Gustave Flaubert stammte aus einer bourgeoisen Familie, er war der jüngere Sohn des Chefarztes des städtischen Krankenhauses von Rouen. Auch wenn er ein begabter Schüler war, verbrachte er seine Freizeit lieber mit Lesen statt mit Lernen. Die Kindheit war eher etwas düster, vor allem im Hinblick auf das triste Krankenhaus-Appartement seines Vaters. Ein gewisser Hang zum Romantischen und ein Schreibkurs in der Schule, obwohl der Unterricht ihn wenig beigeisterte, öffneten ihm eine neue Welt. Und so entstanden noch während seiner Gymnasialzeit zwei erste und einzige literarische Publikationen (« Bibliomanie » und « Une leçon d’histoire naturelle: genre Commis ») bevor zwanzig Jahre später « Madame Bovary » als sein Debütroman, der oft auch als Jahrhundertroman bezeichnet wird, erschienen war.

Im November 1936 schrieb Gustave Flaubert die Erzählung mit dem Titel « Bibliomanie » (« Bücherwahn »), welche drei Monate später im Februar 1937 im « Le Colibri » (einer « Zeitung für Literatur, Theater, Kunst und Mode ») in Rouen abgedruckt wurde. Diese erste Veröffentlichung des gerade mal 15-jährigen Gustave Flaubert dürfen wir nun in einer neuen Übersetzung dank Elisabeth Edl und ergänzt mit wundervollen Zeichnungen von Wolf Erlbruch entdecken.

Die Geschichte spielt in Spanien, genauer in Barcelona. Bei dem Hauptprotagonisten handelt es sich um den dreissigjährigen Buchhändler Giacomo. Er sah im ersten Moment eher wie ein Bettler aus, da er sehr « schäbig » gekleidet war und sein Gesicht immer irgendwie fahl und unansehlich wirkte. Er verbrachte die meisten Tage allein nur unter seinen Büchern und begab sich selten auf die Strasse. Doch er war zufrieden, ja er war glücklich wenn er durch seine Bibliothek streifte ; und er war jedesmal vollkommen elektrisiert, wenn er wieder ein Buch berührte. Er lebte inmitten dieser literarischen Wissenschaft, doch letztendlich war diese nicht das Wichtgste für ihn :

«Nein! nicht die Wissenschaft liebte er, sondern ihre Form und ihren Ausdruck. Er liebte ein Buch, weil es ein Buch war; er liebte seinen Geruch, seine Form, seinen Titel.»

Aber nicht nur das, er war auch beeindruckt von den unterschiedlichsten Handschriften. All diese Faszination für das Buch raubte ihm wahrlich den Schlaf, er träumte sogar schon von Büchern. Es ging sogar soweit, dass er sein Mönchsleben aufgegeben hatte, um all sein Vermögen in Bücher zu investieren. Doch damit nicht genug, er opferte für sie nicht nur sein ganzes Geld und seine Seele, sondern fast sein Leben…

Dieser Erzählung liegt ein historischer Kriminalfall zugrunde, bei dem man sich nicht sicher ist, ob der Bericht in einem bekannten Gerichtsblatt über einen mörderischen Bibliomanen damals nicht vielleicht doch nur ein Scherz gewesen war. Auf jeden Fall liess sich dadurch Gustave Flaubert trotzdem zu diesem kleinen magischen Werk anregen.

Gustave Flaubert zeigte bereits hier in seinem Jugendwerk, sein ausgeprägtes Interesse für das minituöse, ja wahrlich fast schon kriminalistisch scharfe Beobachten von Menschen. Man erkennt sofort die grandiose literarische Umsetzung in der Beschreibung der Charaktere und der gesellschaftlichen Interaktionen, die sowohl durch den Hauptdarsteller initiert werden, als auch unabhängig von ihm in seiner Umgebung stattfinden. In gerade mal knappen dreissig Seiten wird der Leser Zeuge, was der « Bücherwahn » sehr wohl für negative Konsequenzen haben kann und was so manchen Buchliebhaber nachdenklich stimmen dürfte.

Doch Gustave Flaubert hilft uns gerade mit dieser brillanten Erzählung und seinem – damals bereits deutlich erkennbar – einzigartigen Schreibstil, die Liebe zur Literatur und zu Büchern – auch auf die Gefahr hin der Bibliomanie zu verfallen – weder zu verlieren noch sie zu missbrauchen. Ganz im Gegenteil, durch diese unglaublich spannende und intensive Erzählung, bekommen wir erst so richtig gesunde und keinesfalls krankhafte Lust in die Bücher – und Bibliomanenwelt tiefer einzutauchen und verspüren gleichzeitig eine ungebremste Neugierde, endlich Flauberts Werk erneut oder vielleicht auch zum ersten Mal so richtig intensiv zu lesen…

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Tod des Dichters

Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war
bleich und verweigernd in den steilen Kissen,
seitdem die Welt und dieses von-ihr-Wissen,
von seinen Sinnen abgerissen,
zurückfiel an das teilnahmslose Jahr.

Die, so ihn leben sahen, wußten nicht,
wie sehr er Eines war mit allem diesen;
denn Dieses: diese Tiefen, diese Wiesen
und diese Wasser waren sein Gesicht.

O sein Gesicht war diese ganze Weite,
die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;
und seine Maske, die nun bang verstirbt,
ist zart und offen wie die Innenseite
von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.

Durchgelesen – “Ein Tag zu lang” v. Marie NDiaye

Planung ist das halbe Leben. Dies ist nicht nur eine leere Floskel, sondern diese Einstellung wird auch sehr oft umgesetzt. Und was plant der Mensch am Liebsten, genau seinen Urlaub. Alles wird organisiert, der Ankunftstag, die Uhrzeit und natürlich auch der Abreisetag. Doch was passiert, wenn man spontan seinen Urlaub um einen Tag verlängert ? Nichts, sollte man meinen. Doch dass eine solche banale Abreiseverzögerung gleich das ganze Leben einer Familie bzw. eines Mannes komplett auf den Kopf stellt, werden wir spätestens durch diesen grandiosen Roman erkennen.

Marie NDiaye ist am 4. Juni 1967 in Pithiviers geboren. Ihre Mutter ist Französin und der Vater Senegalese, der Frankreich wieder in Richtung Afrika verlässt, als sie gerade mal ein Jahr ist. Marie NDiaye wächst in der Pariser Banlieu auf, wird hauptsächlich von Ihren Grosseltern mütterlicherseits erzogen, da Ihre Mutter beruflich als Lehrerin für Naturwissenschaften sehr engagiert ist. Bereits im Alter von 12 Jahren fängt sie an zu schreiben und wird nach ihrem Schulabschluss mit 17 Jahren von Jérôme Lindon entdeckt. Er ist der Gründer des Verlages « Éditions de Minuit », bei welchem NDiayes erstes Werk « Quant au riche avenir » 1985 veröffentlicht wird. Sie schreibt vier weitere Romane, unter anderem « Un temps de saison » 1994, der nun ganz aktuell unter dem Titel « Ein Tag zu lang » nach über acht Jahren – dank der Übersetzung von Claudia Kalscheuer – in deutscher Sprache erschienen ist. Damals schrieb bereits das Magazin « L’Express », das es sich bei der Autorin um eine Frau handelt, auf die man schriftstellerisch in Zukunft zählen könnte. Und das war bzw. ist auch so, denn Marie NDiaye wird mit Ihrem Roman « Rosie Carpe » mit dem Prix Femina 2001 ausgezeichnet und erhält als erste lebende Schriftstellerin die Ehre, dass ihr Theaterstück « Papa doit manger » in der Comédie Française gespielt wird. Doch hauptsächlich bekannt – insbesondere auch international – wurde sie durch die grösste und wichtigste literarische Auszeichnung in Frankreich, den Prix Goncourt, den sie für ihren Roman « Trois Femmes puissantes » (« Drei starke Frauen ») 2009 erhält. Seit 2007 lebt Marie NDiaye mit ihrer Familie in Berlin.

« Ein Tag zu lang » ist ein ganz eigenwilliger und sozialkritischer Roman. Er fühlt sich an wie ein schlechter Traum, wirkt wie ein provokantes Märchen und liest sich fast wie ein Krimi. Die Handlung spielt Anfang September in der französischen Provinz, ohne das konkret der Name des Dorfes genannt wird.

Der Lehrer Herman, obwohl er Familie (eine Frau namens Rose und einen Sohn) hat, ist neben einigen schrägen Dorfbewohnern der Hauptprotagonist. Er kommt aus Paris und verbringt wie jedes Jahr seinen Sommerurlaub in dem Ferienhaus in der Provinz, das jedoch nicht direkt im Dorf sondern etwas ausserhalb liegt. Eigentlich reist er mit seiner Familie spätestens am 31. August ab. Das ist so üblich, nicht nur bei ihm, sondern das machen alle Pariser so, damit sie rechtzeitig wieder in Paris sind, wenn die Schule beginnt, bzw. die Arbeit losgeht und sie somit ein wichtiger Teil der sogenannten « Rentrée » sein können.

Doch dieses mal bleiben sie einen Tag länger und noch am gleichen Nachmittag stellt Herman fest, dass seine Frau und sein Kind verschwunden sind. Just genau in dem Moment, wo der 1. September auf dem Kalenderblatt steht, ist auch das Wetter nicht mehr sommerlich. Es stürmt und ist plötzlich sehr kalt :

« Die plötzlich winterlichen Temperaturen versetzten ihn vollends in Furcht und Schrecken und festigten seine Überzeugung, dass Rose und er, indem sie einen Tag zu lang mit ihrer Abreise gewartet hatten und den Monat September, den sie sonst immer in Paris erlebten, hier auf sich zukommen liessen, sich unbekannten Störungen ausgesetzt hatten, einer Art von Störungen, der sie vielleicht nicht gewachsen waren. »

Herman versucht trotz des schlechten Wetters seine Frau und sein Kind zu finden, frägt bei der Nachbarin, ob seine Frau bei ihr sei, da sie eigentlich noch frische Eier holen wollte. Doch sie war nicht da. Er läuft weiter bis ins Dorf hinein, versucht sie in einem Laden zu finden und möchte unbedingt noch auf der Polizeiwache eine Vermisstenanzeige aufgeben. Der noch anwesende Polizist ist verwundert darüber, da bis jetzt noch nie ein Bewohner des Dorfes verschwunden ist. Er klärt ihn darüber auf, dass um diese Zeit keine Fremden mehr im Dorf leben und gebe ihm zu verstehen, dass Herman nun der erste Pariser sei, der hier dieses Wetter erleben würde. Hermann hofft auf die Hilfe des Polizisten, doch dieser vertröstet ihn nur, da sein Dienst schon vorbei sei.

Herman schläft eine Nacht darüber und ist fest entschlossen am nächsten Tag statt nochmals zur Polizei zu gehen, den Bürgermeister aufzusuchen, damit dieser als deren « Chef » etwas mehr Druck bezüglich einer Vermisstensuche ausüben könnte. Doch der Bürgermeister hat keine Zeit für ein Gespräch und deshalb wird Herman an den Vorsteher des Fremdenverkehrsamtes weitergeleitet :

« “Wo kommen Sie denn her ?” fragte der Vorsteher leutselig und offenkundig entzückt über Hermans Besuch. “Aus C. ? Aus M. ?”
Er nannte zwei nahe gelegene Dörfer.
“Ich lebe in Paris. Ich sollte seit gestern wieder dort sein.”
Der Vorsteher schrie überrascht auf.
“Sie sind Pariser ? Aber der Sommer ist zu Ende !”
“Das sage ich Ihnen ja”, erwiderte Herman gereizt.
“Ich bin nur noch hier, weil mich ein plötzliches Unglück ereilt hat.” »

Ja und dieses Unglück nimmt jetzt er sich so richtig seinen Lauf und entwickelt sich in einer ganz mysteriösen Weise schleichend weiter. Herman nimmt die Suche wieder auf und wird dadurch immer mehr zum « Mitglied » dieser Dorfgemeinschaft. Die Dorfbewohner verhalten sich merkwürdig. Die Menschen und das Wetter werden sich immer ähnlicher. Alles versinkt im Regen, eingehüllt im Nebel, ist es nun nicht mehr ganz klar, ob Herman seine Frau und sein Kind jemals wiederfindet, wiederfinden kann bzw. will…

Dieser Roman von NDiaye zählt zu ihren literarisch äusserst bemerkenswerten Frühwerken. Bereits hier erkennt man ihren sprachlichen Scharfsinn und den subtil versteckt provozierenden Humor. Hier werden wir so en passant durch das Verschwinden einer Frau und eines Kindes mit den Feriengewohnheiten der Pariser konfrontiert und müssen dabei erkennen, was es bedeuten kann, wenn der Pariser seinen sonnenverwöhnten Ferienort am 31. August nicht wieder verlässt.

Marie NDiaye ist äusserst mutig, diese sehr eingefahrene ja fast schon traditionelle Gewohnheit der Pariser in so raffiniert literarische Form eines Romans zu packen und dabei ein so spannendes und vollkommen unaufgelöstes « Traummärchen » entstehen zu lassen, in dem nicht nur der Herbst, sondern auch die Menschen, kalt, vernebelt und morbide wirken.

« Ein Tag zu lang » ist ein Buch, das Lebendigkeit und Sterblichkeit im gleichen Atemzug bietet und das den Unterschied zwischen « Sommerparadies » und « Herbstwüste » klar definiert und wehe, man erlaubt sich nur einen Tag länger als gewohnt dieses Sommerparadies geniessen zu wollen, ist das Drama schon perfekt. Dieses sozio-philosophische Märchen steigert sich fast zum Albtraum, und kurz vor dem Ende wacht man auf, ist im ersten Moment etwas irritiert, wundert sich über die unglaubliche Anpassungsänderung von Herman und fragt sich wo Rose und der Junge geblieben sind. Und genau durch diese spannungsgeladene, ja fast schon emotional explosive Entwicklung wird einem als Leser glasklar vor Augen geführt, wie schnell Realitäten verwischen können und sich die eigenen Familienmitglieder plötzlich in Fremde verwandeln.

Geniessen Sie, verehrter Leser, diesen grossartigen Roman und Sie werden nicht nur die ungewöhnlich starke und besonders elgante Sprachbrillanz von Maria NDiaye erleben, sondern sie werden vor allem während der Lektüre auch immer wieder spüren, wie wichtig es ist, seine Umwelt genau zu beobachten, um sich sein Leben von niemand anderen als von sich selbst aus der Hand nehmen zu lassen…

Durchgeblättert – “Marcel Proust” v. Patricia Mante-Proust u. Mireille Naturel

« Um Proust wirklich Tribut zu zollen, müssen wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten, nicht seine Welt mit unseren Augen. » So schreibt Alain de Botton in seinem Buch « Wie Proust ihr Leben verändern kann » und damit hat er in vieler Hinsicht Recht. Damit wir diese proustsche Welt vielleicht noch etwas besser verstehen und sie für uns Leser noch transparenter wird, erscheint nun ganz aktuell zu seinem 90. Todestag am 18. November 2012 ein nicht nur unglaublich repräsentativer und grossformatiger Bildband, sondern damit auch ein traumhaft schönes und sehr informatives Buch, das Marcel Proust und sein Werk « in Bildern & Dokumenten » auf 200 Seiten kompetent und kompakt erläutert.

Vor 90 Jahren ist Marcel Proust nun von uns gegangen, und ist durch sein Werk trotzdem immer bei uns geblieben. Dieser wichtige Jahrestag gibt natürlich Anlass zu erinnern, aber auch das erste Erscheinen der Fragmente  von « Du côté de chez Swann » (« Unterwegs zu Swann ») zwischen März 1912 und März 1913 im Le Figaro und die Buch-Veröffentlichung bei Grasset im November 1913 sind im nächsten Jahr ein weiteres grosses literarisches Ereignis, sich wieder einmal aufs Neue oder auch vielleicht zum ersten Mal diesem berühmten Schriftsteller zu widmen.

Dieser neue Bildband wurde von Patricia Mante-Proust, der Grossnichte von Marcel Proust herausgegeben und mit Texten von Mireille Naturel perfekt ergänzt. Patricia Mante-Proust kümmert sich seit Jahren um den Nachlass ihres Onkels und somit können wir als Leser zum ersten Mal viele bis jetzt noch unveröffentlichte Dokumente im Bezug auf die Geschichte seiner Familie und seines Werkes in gedruckter Form bewundern. Zahlreiche Photographien, besondere Schriftstücke aus der Familiensammlung, Briefwechsel und Auszüge seiner Manuskripte können hier studiert und bestaunt werden. Dieses Buch öffnet geheime Schubladen und unter anderem auch die Archive aus dem Hause der berühmten Tante Leonie (Illiers-Combray), die nun nicht nur für die Besucher vor Ort sondern für jeden Leser zugängig gemacht werden können.

Nach einem sehr persönlichen Vorwort von Patricia Mante-Proust und einer charmanten Einführung von Mireille Naturel, die sich übrigens 2007 mit einer Arbeit zu Proust habilitiert hat, inzwischen an der Universität Sorbonne unterrichtet und als Generalsekretärin der Société des Amis de Marcel Proust und Redakteurin des Bulletin Marcel Proust tätig ist, entdecken wir auf über 6 Kapiteln verteilt, das Leben und Werk Marcel Prousts.

Es beginnt eine proustsche Lebensreise, geboren am 10. Juli 1871 in Auteuil (inzwischen ein Pariser Viertel – 16. Arrondissement), die ersten wichtigen Gefühle zwischen Proust und seiner Mutter werden wach, die Kindheit oft verbringend bei seiner Tante in Illiers-Combray, leichte und schwere Asthmaanfälle, eine Jugend zwischen Paris und auf dem Land, die ersten Antworten auf den berühmten Fragebogen, Schulzeit (wunderbare Dokumente zum Zensurenspiegel), die Studien- und Militärzeit und die gute Luft und wunderbare Landschaft von Cabourg.

Es folgen wichtige künstlerische Momentaufnahmen bezüglich Leben und Werk, die Begegnung mit seinem Verleger Gallimard, Aufenthalte in der Normandie, die Fürsorge von Céleste Albaret, Erläuterungen über seine wichtigen Jugendwerke, wie « Les Plaisir et les Jours » (« Freuden und Tage »), der Eintritt in die Salons und das mondäne Leben und der zweite Proustfragebogen. Zum Ende hin lernen wir viel « über das Lesen », die Bedeutung von kulinarischen und malerischen Meisterwerken in seiner « Suche nach der verlorenen Zeit », über Düfte, Farben und den Symbolismus, begleiten Marcel Proust auf Reisen in die Bretagne, nach Venedig, Belgien und Holland, hören wundervolle Musik von Saint-Saëns und César Franck, geniessen am Schluss eine köstliche Madeleine und verstehen die Bedeutung des Weissdorn und warum Rosa, die Lieblingsfarbe von Marcel Proust war.

Dieses Buch, ist nicht nur ein im herstellerischen Sinne äusserst hochwertiger Bildband, der sich durch seine besonders beeindruckende Reproduktionqualität der zahlreichen Photographien und Dokumente auszeichnet, sondern es ist auch ein wahrlich elegant anmutendes, aufklärendes und anspruchsvoll konzipiertes Panoptikum eines der wichtigsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mireille Naturel verbindet mit ihren Texten auf grandiose Weise das Bildmaterial mit den Zitaten aus dem Werk von Marcel Proust, so dass ein sehr persönliches Lebenszeugnis entsteht, das bis jetzt in dieser Form noch nicht da gewesen ist. Somit werden nicht nur allein der Mensch und das Werk Marcel Proust gezeigt, sondern auch eine ganze Epoche dem Leser näher gebracht. Ab der ersten Seite taucht der Leser in eine neue, aber irgendwie auch zeitlose Welt ein, die vor allem durch den unvergleichen Schreibstil von Marcel Proust gekennzeichnet wurde.

Der Leser kann beim Betrachten der Photographien, Dokumentationen und gemalten Portäts, vor allem wenn man das berühmte Gemälde von Jacques-Émile Blanche vor Augen hat, das man heute im Musée d’Orsay jederzeit bewundern kann, die Verschmelzung zwischen Leben und Roman nachempfinden. Man lässt sich leserisch und betrachtender Weise treiben, blättert, liest, schwärmt und ist erstaunt über das Zusammenspiel von Erlebten, Erträumten und Geschriebenen. Dieses Buch hilft auf ganz wunderbare Weise den Menschen Marcel Proust vor allem auch in Bildern und nicht nur im Text kennenzulernen und sich dadurch ganz vorsichtig dem eigentlichen « Gesamtkunstwerk » nähern zu können. Denn letztendlich sind das Leben und das Werk von Marcel Proust in keinster Weise trennbar :

« Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. Dieses Leben bewohnt in gewisser Weise jeden Augenblick aller Menschen, nicht nur der Künstler. Aber sie sehen ihn nicht, weil sie sich nicht bemühen, ihn zu erhellen. » ( aus « Die wiedergefundene Zeit »)

« Marcel Proust » ist eine sehr beeindruckende und ambitionierte Bild-Biographie, die sich sowohl in der Opulenz des Bildmaterials, als auch durch die sehr profunde und gleichzeitig sensible Textgestaltung auszeichnet. Dank Patricia Mante-Proust dürfen wir nun ein Buch in den Händen halten, das sich natürlich für jeden Proust-Anfänger bestens eignet, aber gleichzeitig auch dem Kenner noch viele neue dokumentarische Aspekte zeigt, die bis jetzt im Familienbesitz waren oder hinter verschlossen Türen im französischen Nationalarchiv schlummerten.

Nehmen Sie sich Zeit, verehrter Leser, verbringen Sie mit « Marcel Proust » einen Nachmittag – die Tasse Tee trinkend in Begleitung von einer köstlichen Madeleine – und Sie werden erkennen, wie nahe Sie dem Menschen Proust, aber auch seinem Werk, durch diesen prachtvollen Bildband kommen. Ja und vielleicht verspüren Sie dann ganz plötzlich die Lust, inspiriert durch den ersten und allseits berühmten Satz « Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. », Marcel Proust in seine ganz besondere, unverwechselbare und einmalige literarische Welt zu folgen…

Durchgelesen – “Versuch über den Stillen Ort” v. Peter Handke

Ein klein wenig verunsichert betrachtet man den Titel dieses Buches, wundert sich über die Rechtschreibung und fragt sich ganz vorsichtig, warum das Adjektiv « still » in diesem Fall gross geschrieben wird ? Das lässt sich schnell erklären : stille Orte – man beachte die Kleinschreibung – sind Orte, an denen es in der Regel ruhig und lautlos ist , das könnten zum Beispiel Bibliotheken, Kirchen, aber auch Wälder sein. Doch bei Peter Handkes « Stillen Ort » handelt es sich ganz profan um die Toilette oder auch WC genannt. Im gewissen Sinne ist dies auch ein stiller Ort, wenn mal von den üblicherweise dazugehörigen Geräuschen absieht, aber eben in einer etwas anderen Bedeutung. Und genau diese differenzierte Bedeutung des hier behandelten Stillen Örtchens, wie wir es selbst gerne oft nennen, wenn wir die klassischen Begriffe vermeiden wollen, werden wir dank Peter Handke nun in seinem neuesten Werk herausfinden.

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Er wächst bei seiner Mutter, einer Kärntner Solwenin und bei seinem Stiefvater, einem Berliner Strassenbahn-schaffner auf, den seine Mutter bereits kurz vor seiner Geburt geheiratet hatte. Er verbringt die ersten Lebensjahre in Griffen, dann in Berlin Pankow und ab 1948 wieder in Griffen. Seine Schulzeit absolvierte er zu erst an der Hauptschule und wechselte dann auf eigenem Betreiben hin in das beim Priesterseminar angegliederte humanistische Gymnasium in Maria Saal. Doch nach zwei Jahren wurde ihm die katholische Erziehung dort zu eng und er organisierte wiederum selbst einen erneueten Wechsel auf eine andere Schule und machte schiesslich 1961 seinen Schulabschluss (Matura). Bereits während der Schulzeit schrieb er Texte unter anderem für die Internatszeitschrift. Doch nach dem Abitur begann Peter Handke erstmal ein Jurastudium in Graz, obwohl er sich bereits während der Studienzeit immer mehr für das Schreiben, sei es für das Feuilleton eines Grazer Radiosenders in Punkto Rockmusik oder auch für wichtige Buchbesprechungen, engagierte. 1964 begann er mit seinem ersten Roman « Die Hornisse », welcher 1965 aufgrund der Ablehnung durch den Luchterhand Verlag erfreulicherweise von Suhrkamp veröffentlicht wurde. Dies war auch gleichzeitig der Beginn seiner schriftstellerischen Karriere und das Ende seines Jurastudiums. Nach vielen Umzügen (Düsseldorf, Paris, Salzburg) und einer Weltreise Ende der Achtziger Jahre, lebt Peter Handke nun seit 1990 in Frankreich (Chaville). Sein Gesamtoeuvre umfasst eine sehr grosse Auswahl an Gedichten, Theaterstücken, Drehbüchern, Übersetzungen, Romanen und Essays. Peter Handke gehört zu den meist geehrten deutschprachigen Schriftstellern und wurde unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis (1973), dem Schiller-Gedächtnis-Preis (1995), dem Thomas-Mann-Literaturpreis der bayerischen Akademie der Schönen Künste (2008) und dem Nestroy-Theater-Preis (2011) ausgezeichnet. Nach über zwanzig Jahren erscheint nun zur Freude vieler Leser ganz aktuell wieder ein neuer « Versuch » von Peter Handke, eine hoffentlich nicht enden wollende Wiederaufnahme bzw. Weiterführung der jeweils ersten drei « Versuche » über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag.

In seinem neuen « Versuch über den Stillen Ort » erzählt Peter Handke seine ganz private, ja wahrlich sehr persönliche Geschichte über seine Erfahrungen mit den verschiedensten Stillen Orten und die daraus entstehenden Bedeutsamkeiten. Bereits in der Kindheit erinnert er sich an den « Abort » im Haus des Grossvaters. Am Meisten jedoch blieb ihm das Licht im Gedächtnis :

« Seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus ; indirekt, das heisst ohne Fenster, dafür umso stofflicher ; Licht, das umgab – von dem man sich in dem Stillen Ort umgeben fand – man ? – ich, also doch schon damals « ich » dort ? »

Auch in seiner Internatszeit ist für ihn der Stille Ort mehr als nur der Ort für gewisse natürliche « Erledigungen », es ist fast schon eine Art Rückzugsort :

« Das Klosett, und nicht nur dies eine in dem Gelände, bedeutete für mich während der Jahre im geistlichen Internat einen möglichen Asylort, wenn ich mich zu dem auch mehr geflüchtet habe. »

Aber der Stille Ort wurde nicht nur ein Fluchtort, er wurde kurz über Hand nach den Lehrjahren auch der spontane und provisorische Übernachtungsplatz für einen noch unbedarften Reisenden. Auch wenn der Sommer damals so seine Reize hatte und ein Schlafen im Freien sehr abenteuerlich erschien, trieb die Nachtkälte den jungen Handke doch eher auf den Bahnhof, wo dann die Müdigkeit ein Schlafgemach forderte:

« Ich schloss mich ein in eine der Kabinen der Bahnhofstoilette, welche sich, wenn auch abseits, irgendwo im Inneren der Anlage befand.
Die Tür war zu öffnen mit einer Schilling-Münze, und als ich sie absperrte, spürte ich erst einmal eine gewisse Geborgenheit oder Aufgehobenheit. »

Er blieb die ganz Nacht über in seinem besonderen « Hotelzimmer », obwohl ihn die Müdigkeit übermannte, wollte er nicht schlafen, aber er wollte diesen Ort auch nicht mehr bis zum nächsten Morgen verlassen.

Erst während seiner Studienzeit verlor der Stille Ort, als « Asylort » seine Bedeutung und wurde von anderen Orten wie Gebäuden, Stätten etc. abgelöst und dabei stellte der Autor noch etwas ganz Anderes, äusserst Bemerkenswertes fest :

« Noch merkwürdiger, dass man, ohne Vorsatz oder gar Plan, die stillen Orte allein aus sich selber heraus schaffen konnte, von Fall zu Fall inmitten eines Tumults (gerade im Tumult), inmitten von dem zeitweise noch ungleich stärker geisttötenden Gerede. Solche Orte bauten sich auf und schirmten einen ab, indem man während der und der Vorlesung die grossen und sogar die weniger grossen Texte, ja, der Literatur las. »

Aber der Stille Ort bekommt trotz der veränderten Bedeutung eine neue Rolle, er wird für praktische Dinge wie Haare waschen eingesetzt, was auch so manche Professoren auf der Fakultätstoilette erledigten. Und nach einer grösseren Stille-Ort-Pause von über zwanzig Jahren, taucht der Stille Ort von einer japanischen Tempelanlage wieder in seinem Gedächtnis auf, und er selbst wundert sich, dass es nicht der Tempel ist, der eine bleibende Erinnerung bei ihm hinterlassen hat, sondern die Tempeltoilette.

Und so verfolgen wir weiter Peter Handkes Reise zu seinen Stillen Orten und erhalten gleichzeitig bezüglich der gestellten Bedeutungsfrage sehr aufschlussreiche Antworten…

« Versuch über den Stillen Ort » ist keineswegs eine Satire, noch wird hier irgendeine Form von Ironie eingesetzt, von der Peter Handke selbst schreibt, dass er dafür nicht so gut geeignet ist. Nein, dieses Werk ist eine Art autobiographisches Essay. Und wer weiss, was « essai » im Französischen bedeutet, nämlich « Versuch », versteht den Titel gleich viel besser. Peter Handke versucht sich, aber auch dem Leser zu erklären, was so ein simpler Ort wie eine Toilette, doch für tiefgehende “Funktionen” hat, ausser der Klassischen, über die wir weder hier sprechen wollen, noch jemals Peter Handke ein Wort darüber verliert, geschweige denn von irgendwelchen Gerüchen etc. schreibt. Es geht hier mehr um eine psychologische bzw. philosophische Relevanz-Analyse. Der Stille Ort ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort, ein Schlafplatz, ein Ort der Reinigung, ein Ort zum Nachdenken, Meditieren, Lesen, sich Besinnen, vor etwas Schützen, des Alleinseins und somit ein wahrer Ort der Ruhe und der Stille.

Peter Handke beschreibt  nicht nur mit seiner unverwechselbaren magischen Sprache diese besonderen “Stillen” Erfahrungen, sondern er spielt quasi auf höchst literarischem Niveau mit den Wörtern, lässt sie zu einer Art Kunstwerk verschmelzen und kreiert dabei ein essayistisches Gemälde von einem « Stillen Ort », wie wir uns als Leser diesen vielleicht in dieser Bedeutungtiefe und Tragweite nie hätten vorstellen können.

Spätestens nach dieser mehr als lebensbereichernden und äusserst eindrucksvollen Lektüre werden Sie, verehrter Leser, Ihren Stillen Ort mit ganz anderen Augen betrachten. Sie werden ihn neu bewerten, ihn in ganz überraschender Form neu schätzen lernen, aber Sie werden auch – dank Peter Handke – feststellen, dass es nicht nur einen einzigen « Stillen Ort » braucht, sondern viele verschiedene,  um stille Orte für sich und bei sich finden zu können!

Durchgeblättert – “Vom Glück mit Büchern zu leben” v. Stefanie von Wietersheim

Mit Büchern zu leben, sollte Glück bedeuten, oder Glück verströmen. Auch dann wenn wir oft über Platz- und Zeitmangel in Punkto Büchern sprechen, ist es doch ein unbeschreiblich schönes Gefühl, umgeben von Büchern sein Leben gestalten und geniessen zu können. Und genau diesem Gefühl sind Stefanie von Wietersheim und Claudia von Boch nachgegangen, in dem sie zwanzig ganz unterschiedliche Persönlichkeiten in ihrem Zuhause und somit auch bei ihren Büchern besucht haben.

Stefanie von Wietersheim hat in Passau und Tours Kulturwissenschaften studiert und arbeitet inzwischen als freie Autorin in München, Paris und Toulouse. Ihre Schwerpunkte liegen bei Kultur, Interiors und Reisen. Claudia von Boch ist als freiberufliche Fotografin für verschiedene Projekte und Magazine tätig und hat ihren Focus auf Interiors, Gärten und Reiseportagen gelegt. Jetzt haben sich die zwei Frauen zu einem ganz besonderen Buchprojekt vereint, das sich mit der Liebe zu Büchern, dem daraus entstehenden Glück und noch vielem mehr beschäftigt.

In diesem wirklich fantastisch gestalteten Buch werden wir Leser so en passant für einen gewissen und ganz bestimmten Moment eingeladen, die bibliophilen Oasen von zwanzig verschiedenen Menschen, die sowohl auf irgendeine Weise mit Büchern arbeiten oder sie als Ausgleich zu ihrem Beruf erleben, kennenzulernen. Jeder dieser « Buchmenschen » wird in Bild und Text  vorgestellt. Es werden die Hintergründe der Buchleidenschaft erläutert und berufliche oder private Zusammenhänge erklärt. Ergänzt durch grandiose Photographien sei es von den Privatbibliotheken, den Menschen selbst beim Lesen oder von den buchreichen bzw. buchfreien Lebensräumen an sich, haben wir als Leser beim Betrachten dieser Bilder und beim Lesen der dazugehörigen Texte das Gefühl, als wären wir hautnah mit dabei. Am Ende jedes dieser Porträts erfahren wir noch ganz persönliche Leseerlebnisse, die unter anderem, wie « mein schönster erster Satz ; ein Buch, das mein Leben verändert hat ; ein Klassiker, der mich zu tode langweilte ; oder auf meinem Nachttisch liegt », ganz konkrete Details in Punkto Leben und Glück mit bzw. durch Büchern zum Vorschein bringen, wie folgende Beispiele zeigen :

So ist es wunderbar festzustellen, dass sich Felicitas von Lovenberg (FAZ-Chefredakteurin Literatur) in schwierigen Momenten sich Hilfe bei den Gedichten von Emily Dickinson holt.

Johanna Rachinger (Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek) zieht dagegen für etwas melancholischen Stunden « Anna Karenina » von Leo Tolstoi zu Rate.

Blanca Bernheimer (Galeristin) hat ihren schönsten letzten Satz bei Eichendorff in dem Gedicht « Mondnacht » gefunden :
« Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus ».

Die Buchhändlerin Regina Moths hätte folgendes Buch gerne geschrieben : « Ralf Vollmann Romanverführer. Das ist meine liebste Berufsbezeichnung, aber ich möchte nicht wirklich Bücher schreiben. Ich möchte sie am liebsten palettenweise verkaufen. »

Gleich zwei Männer in dieser Runde, Oliver Jahn (Journalist und Chefredakteur von AD) und Ivo Wessel (Kunstsammler) sind sich in Punkto « mein schönster erster Satz » einig : « Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen » (Auf Suche nach der verlorenen Zeit, von Marcel Proust)

Ja und Wolfram Siebeck (Gourmetkritiker) hat dagegen mit Proust so seine Schwierigkeiten und ordnet die « Suche nach der verlorenen Zeit » eher unter « Klassiker, die mich zu tode langweilen » ein.

Unterschiedlicher könnten die Antworten und Buchempfehlungen für bestimmte Lebenssituationen gar nicht sein. Und genau das macht den Charme dieses wundervollen Buches aus. Es zeigt Menschen, wie sie mit ihren Büchern in ihren Wohnungen bzw. Häusern leben, sie erleben und zu ihrem ganz persönlichen Leben erwecken. Hier geht es weniger um das Wohnen bzw. um die innenarchitektonisch gestalteten Privatbibliotheken, wobei diese natürlich trotzdem wunderbar anzusehen sind, sondern hier geht es um das Leben mit dem gedruckten Werk und seinen Autoren. Hier wird das Glück mit Büchern zelebriert, hier wird die aufrechte Liebe zum Buch und zur Literatur, welche auch immer es sein mag, auf erzählerisch äusserst stilvolle, empathische und in Punkto hochwertigen Bildmaterial photokünstlerische Weise vermittelt.

Spätestens nach der Lektüre und dem Durchblättern dieses auch herstellerisch sehr wertvollen Text- und Bildbandes betrachtet man seine Bibliothek bzw. Bücherregale von einer ganz neuen Seite, überlegt sich Antworten auf die neugierig machenden Fragen und kommt letztendlich zu dem Entschluss, dass ein Leben mit und unter Büchern wahres Glück bedeutet. Und damit der Nachschub an helfenden, tröstenden, beglückenden und bereichernden Büchern nie ausgehen mag, findet man als kleinen krönenden Abschluss auf den letzten Seiten dieses Prachtbandes noch die Auflistung der Lieblingsbuchhandlungen der vorgestellten Protagonisten.

« Vom Glück mit Büchern zu leben » ist ein traumhaft schönes Buch, das man nicht verschenken, sondern sich als leidenschaftlicher Leser, Buchliebhaber und Literaturfreund  unbedingt selbst zum Geschenk machen sollte. Es verführt in neue buchaffine Lebenswelten, lässt den Leser interessante Literaturempfehlungen entdecken und regt an, sein dauerhaftes Glück nicht irgendwo zu suchen, sondern zwischen zwei schlichten kartonierten oder auch edel in Leinen gebundenen Buchdeckeln !

Joseph Freiherr von Eichendorff – Gedicht

Wechsel

Es fällt nichts vor, mir fällt nichts ein,
Ich glaub die Welt steht still,
Die Zeit tritt auf so leis und fein,
Man weiß nicht, was sie will.

Auf einmal rührt sich’s dort und hier -
Was das bedeuten mag?
Es ist, als hörtst du über dir
Einen frischen Flügelschlag.

Rasch steigen dunkle Wetter auf,
Schon blitzt’s und rauscht die Rund
Der lust’ge Sturmwind fliegt vorauf -
Da atm ich aus Herzensgrund.

Durchgelesen – “Ein besonderer Junge” v. Philippe Grimbert

Das Adjektiv « besondere » kann viele Bedeutungen haben, sowohl negative, als auch positive. Was heisst es nun wirklich ein « besonderer Junge » zu sein : abgesondert, eigen, oder doch eher aussergewöhnlich, bemerkenswert oder vielleicht sogar auch herausragend, überragend, ja quasi exzellent. All diese Synomyme lassen sich für das Wort « besondere » einsetzen, doch letztendlich bleibt es mehr oder minder fast schon eine persönliche Interpretationsfrage, bei welcher uns jedoch Philippe Grimbert auf erzählerischer Weise meisterhaft Hilfestellung leisten kann.

Philippe Grimbert (geboren 1948 in Paris) kennt sich aus mit dem « Besonderen » beim Menschen, vorallem bei Kindern und Jugendlichen. Er arbeitet seit Jahren als Psychoanalytiker mit Schwerpunkt in der Jugendpsychiatrie. Nach einer mehr als zehnjährige Anlayse mit einem Lacan-Anhänger eröffnete er seine eigene Praxis. Er ist an zwei verschiedenen medizinisch-pädagogischen Einrichtungen tätig und beschäftigt sich bespielsweise auch verstärkt mit dem Autismus bei Jugendlichen. Neben seinen zwei psychoanalytischen Essais schrieb er vier Romane, unter anderem « Das Geheimnis ». Ein Buch, das mit vielen Auszeichnungen wie zum Beispiel dem Prix Goncourt des Lycéens 2004 geehrt und sehr erfolgreich 2007 verfilmt wurde. Aktuell dürfen wir dank der ausgezeichneten Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller seinen Roman « Ein besonderer Junge » in deutscher Sprache entdecken, der unter dem Titel « Un garçon singulier » bereits 2011 in Frankreich erschienen war.

Der Roman spielt in den Siebziger Jahren, beginnt in Paris und entwickelt sich dann hauptsächlich weiter in einem kleinen Badeort in der Normandie.

Es gibt drei Hauptprotagonisten! Louis, ein junger Student, der sich in Paris mehr als recht durch sein Studium kämpft, ja fast schon quält. Er wechselt von den Geisteswissenschaften zu Jura, doch am Liebsten würde er sein Studium hinschmeissen, aber sein Vater hat ihm auch noch gedroht, den Geldhahn abzudrehen. Somit bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als eine Stelle zu finden, um Geld zu verdienen. Und glücklicherweise entdeckt er ein Inserat: es wird ein junger motivierter Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen gesucht. Louis fühlt sich sehr angesprochen hinsichtlich dieser Annonce :

« Zwei Worte an dieser von Hand geschriebenen Anzeige zogen mich an.
Wenn sie mich nicht gerade den grossen Schweiger nannten, sagten meine Eltern wie der Verfasser der Anzeige, ich sei ein besonderer Junge. Meine Neigung zum Alleinsein beunruhigte sie stets : Als Kind spielte ich nie mit anderen, und als Jugendlicher zog ich die Gesellschaft meiner Lieblingsautoren allen Bekanntschaften vor. »

Aber es war nicht nur das Wort « besondere », was ihn so anzog, es war auch der Ort Horville, der in der Anzeige genannt wurde, wo die Betreuung stattfinden sollte. Dieser Ort war für Louis ein Ort aus der Kindheit. Er verband damit einen bestimmten Geruch und viele Erinnerungen an eine Zeit, die er dort mit seinen Eltern verbracht hatte.

Louis trifft sich mit dem Vater des besonderen Jugendlichen aus der Anzeige, der nur eine kleine Nebenrolle in diesem Roman einnimmt. Sie werden sich schnell einig und Louis hat den Job, wird bei dessen Frau – Helena -, angekündigt und fährt kurz darauf mit seiner alten « Ente » (2CV) nach Horville.

Neben Louis sind die zwei anderen Hauptprotagonisten in diesem Buch nun Helena und der besondere Junge mit dem Namen Iannis. Nach einer kleinen Irrfahrt und im Dunkeln spät abends findet Louis nun endlich die Villa. Er wird sehr herzlich von Helena empfangen, kann sein Zimmer gleich beziehen und darf anschliessend mit Helena ein Glas zur Begrüssung trinken. Sie fällt gleich mit der Tür ins Haus, vermittelt Louis, wie froh sie sei, dass er endlich da wäre, damit sie sich nun nur noch ihrem Projekt – wie sie es immer diplomatisch nannte – widmen könne. Helena klärt Louis über ihren Sohn Iannis auf :

« “Unser Sohn ist ganz und gar unfähig zu den menschlichen Beziehungen, die sein Vater zum Beruf hat, und er kann weder lesen noch schreiben, obwohl seine Mutter Schriftstellerin ist ! Mehr noch, Iannis spricht nicht. Doch er hat zahlreiche Mittel, um sich verständlich zu machen… Nicht immer angemessene Mittel, wie man einräumen muss, vor allen Dingen nicht bei einem sechzehnjährigen Jungen !” »

Die erste Nacht konnte Louis nicht gut schlafen. Bevor er zu Bett ging, warf er noch einen Blick ins Nebenzimmer, dem Zimmer wo Iannis bereits schlummerte. Er lag in einer Art Embryo-Stellung und wirkte hilflos, ja ängstlich. Am nächsten Tag begegnete Louis nun seinem « Schützling » zum ersten Mal. Er sah ihn wippend auf dem Bett, gleichzeitig schlug er sich selbst. Louis wollte ihn trösten und versuchte, ihn sanft zu berühren, was er beim zweiten Anlauf überraschender Weise angenommen hatte. Dies war nun der Beginn von Louis neuer Tätigkeit. Er musste sich um das Wohl von Iannis kümmern, aber auch gleichzeitig für die daraus entstehende Ruhe für Helena sorgen, damit sie sich ganz auf ihr Schreiben konzentrieren konnte. Louis war eine Art männliches Au-Pair-Mädchen, hatte Kost und Logis frei und verdiente für seine « Pflegearbeit » noch etwas Geld dazu.

Doch nicht nur Iannis war ein besonderer Junge, auch Helena war eine besondere Mutter. Sie fühlte sich in der Gesellschaft von Louis sehr wohl, und wollte dies in verschiedenen Aspekten gerne ausweiten. Doch Louis war nicht nur überrascht, sondern sehr irritiert, vor allem weil er nicht im Geringsten Lust auf eine Affaire bzw. ein Abenteuer hatte. Und er hatte Skrupel gegenüber Iannis, der trotz seiner « Verschlossenheit » jede Art von emotionaler Schwingung sofort spüren würde. Doch Helena konnte die abweisende Reaktion von Louis nicht verstehen :

« Ihr Gesicht erstarrte, ein Schatten huschte durch ihren Blick. Ich glaubte zu sehen, dass ihre Augen feucht wurden, doch sie fasste sich und brach in Gelächter aus.
“Ein Junge aus dem letzten Jahrhundert ! Und ausgerechnet auf ihn muss ich treffen !”
….
Ich hatte ihr nichts entgegenzusetzen, sie reagierte auf diese Kränkung auf dieselbe Weise wie auf das rätselhafte Verhalten von Iannis : mit Ironie und Grobheit. »

Wie wird sich Louis weiterhin verhalten? Kann er sich nach wie vor der Mutter von Iannis entziehen, kann er mit seinen psychologischen Fähigkeiten auch ihre « erotischen » Probleme lösen, ohne dazu die eigentliche Aufgabe zu vernachlässigen und ohne sein bereits gewonnes Vertrauen gegenüber Iannis zu gefährden?

« Ein besonderer Junge » ist ein wundervolles, sehr intimes, intensives und äusserst psychologisch anmutendes Werk. Philippe Grimbert versucht dem Leser die « Besonderheiten » des Menschen, hier in diesem Fall nicht nur eines Jungen, sondern auch dessen Mutter und eines jungen Studenten literarisch zu verdeutlichen. Man kann die bereits eingangs gestellte Frage bezüglich der Interpretation des Wortes « besondere » nach dieser berührenden Lektüre ganz privat für sich selbst beanworten. Hier wird das « Besondere » nicht nur zu einem « Problem », es verwandelt sich in etwas Aussergewöhnliches und Einmaliges, wie bereits der französische Titel « Un garçon singulier » noch vielmehr herausstellt. Denn « singulier » würde man zum einen als « sonderbar » und « eigenartig » und zum anderen aber auch als « erstaunlich » übersetzen. Also auch hier findet sich diese ausserordentliche, zwar gegensätzliche – positiv wie negativ –, aber trotzdem ergänzende und vor allem versöhnliche Bedeutung.

Philippe Grimbert zaubert mit seiner psychoanalytischen Erfahrung, gibt seiner Sprache eine sehr subtile, aber zarte Tiefe und initiert bei dem Leser ein ganz neues Gespür für sehr starke Gefühle, die sich fast wie in einem Thriller Schritt für Schritt steigern. « Ein besonderer Junge » ist ein grandioses Buch, das von beeindruckenden Chrakteren geprägt wird, in einer traumhaft schönen Landschaftkulisse spielt und als Krönung noch dazu beiträgt, den Herbst mit letzten Sommergefühlen poetisch zu erfüllen.