August Wilhelm Schlegel – Gedicht

Das Sonett

Zwei Reime heiß ich viermal kehren wieder,
Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
Daß hier und dort zwei eingefaßt von zweien
Im Doppelchore schweben auf und nieder.

Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.

Den wird ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket,
Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.

Doch, wem in mir geheimer Zauber winket,
Dem leih ich Hoheit, Füll in engen Grenzen,
Und reines Ebenmaß der Gegensätze.

Durchgelesen – “6 Uhr 41″ v. Philippe Blondel

Sie sollten sich beeilen, verehrter Leser, sonst fährt der Zug um „6 Uhr 41“ ohne Sie ab, und das wäre doch zu schade. Zugfahrten sind hauptsächlich praktisch. Sie bringen einen von A nach B. Aber sie können auch meditative Wirkung erzeugen und geben uns dadurch Zeit und Muse, Bücher zu lesen, die Landschaft und die Mitreisenden zu beobachten und das Leben Revue passieren zu lassen. Jean-Philippe Blondel lädt uns mit seinem gerade in Deutschland aktuell veröffentlichten Roman „6 Uhr 41“ ein, in diesem Zug mit zu reisen – ganz ohne Gepäck, aber mit viel Neugierde auf die Vergangenheit und die Gegenwart.

Jean-Philippe Blondel, geboren 1964 in Troyes, unterrichtet Englisch an einem Gymnasium in der Nähe von seinem Geburtsort. Seit Jahren ist er nicht nur Lehrer, sondern auch Schriftsteller, sowohl für die Bereiche Belletristik und Jugendbücher. Er wurde mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Prix Charles Exbrayat“ und dem „Prix Amerigo Vespuccio Jeunesse“.

Der Roman „6 Uhr 41“ spielt in einem Zugabteil während der Fahrt von Troyes nach Paris. Erzählt wird aus zwei Ich-Perspektiven, der von Cécile Duffaut und von Philippe Leduc.

Cécile, verheiratet, eine Tochter, lebt und arbeitet in Paris. Sie besucht das Wochenende ihre Eltern in Troyes. Um mit ihren Eltern auch noch den Sonntagabend verbringen zu können, nimmt sie aus praktischen Gründen den Zug am Montag um 6 Uhr 41. Doch das Wochenende gestaltete sich sehr anstrengend und somit sitzt sie mehr als erschöpft in diesem Frühzug. Neben ihr ist noch ein einziger Platz frei, und genau diesen wählt ein Mann aus, den Cécile sofort erkennt. Es ist ihr ehemaliger Freund Philippe Leduc, Vater von zwei Kindern, inzwischen geschieden. Sie verhält sich diskret und tut so als würde sie ihn nicht erkennen. Und genau das hofft Philippe auch für sich:

„Denn als ich sah, dass der einzige freie Platz ausgerechnet neben Cécile Duffaut war, packte mich ein leichter Schwindel, wie diese Romanheldinnen des 19. Jahrhunderts, und ich habe mir gesagt, nein, das gibt’s nicht, und ich war drauf und dran, mein Glück im nächsten Waggon zu versuchen.
Aber ich bin mir so gut wie sicher, dass sie mich nicht erkannt hat. Denn ich bin praktisch nicht wiederzuerkennen.“

Doch auch wenn Philippe nun nicht mehr der ranke und schlanke Mann war, wie vor fast siebenundzwanzig Jahren, als sie beide das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, war sich Cécile vollkommen sicher nun neben ihrem ehemaligen Freund zu sitzen und während der nächsten eineinhalb Stunden die Zugfahrt quasi mit ihm gemeinsam zu verbringen.

Sowohl Cécile als auch Philippe schweigen, trauen sich nicht im Geringsten den anderen anzusprechen, sondern beginnen nun jeder für sich, ihre drei bis viermonatige Beziehungszeit in Gedanken zu rekonstruieren, die sich mit einer Reise nach London sehr dramatisch entwickelte. Jeder der beiden versteckt sich hinter Erinnerungen, um ja nicht mit dem Anderen ins Gespräch kommen zu müssen. Lebenserfahrungen, ehemalige einschneidende Ereignisse, Freuden und Enttäuschungen ziehen vorbei wie die Landschaft, die man aus dem Zug beobachten kann.

Man denkt ganz unbewusst beim Lesen an Sartre und sein Theaterstück „Huis Clos“ („Geschlossene Gesellschaft“). In diesem Roman werden wir nicht wie bei Sartre in einen geschlossenen Raum geführt, sondern in ein Abteil, das durch die Fahrt des Zuges eine ganz besondere  – im wahrsten Sinne des Wortes – bewegende Atmosphäre erhält. Wir lernen neben der kurzen intensiven Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptdarstellern auch andere Frauen kennen, mit denen Philippe sowohl verheiratet als auch liiert war. Cécile stellt uns ihre Eltern vor, die sie nur noch langweilen und Philippe erzählt von seinem Freund Mathieu, der nun – obwohl er  im Vergleich zu ihm der coolere Typ war – auf Philippes Unterstützung angewiesen ist.

Das Besondere an Jean-Philippe Blondels faszinierend subtiler, differenzierter und feinfühliger Erzählperspektive ist, dass man durch genau diese intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von Cécile und Philippe auch ganz automatisch mit seiner eigenen Lebensgeschichte – ob positiv oder negativ – konfrontiert wird. Man fängt sogar an sich beim Lesen selbst Fragen zu stellen, ob man nun Gutes, Richtiges, Schönes, Falsches und Wichtiges bis jetzt erlebt und erfahren hat. Dabei kommt einem doch sofort der Satz von Theodor W. Adorno in den Sinn: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Während Cécile und Philippe erzählen, fühlen auch wir uns genau wie diese zwei Hauptprotagonisten in diesem Zugabteil eingesperrt, fahren mit Ihnen von Troyes nach Paris und lernen aber dabei so en passant, wie wichtig es doch ist, letztendlich Frieden mit seinem ganz persönlichen Leben zu schliessen, egal welche vermeintlichen Fehler wir vor zig Jahren auch begannen haben. Denn sowohl Cécile als auch Philippe spüren durch diese ungewollte Nähe ganz neue Gefühle des Verzeihens und des Bedauerns, so dass dieses Wiedertreffen vielleicht bei Ankunft am Pariser Gare l’Est noch nicht ganz zu Ende sein könnte…

Es ist keinesfalls überraschend, dass dieser Roman von Jean-Philippe Blondel bei Erscheinen in Frankreich 2013 nach kürzester Zeit zum Lieblingsbuch der französischen Buchhändler wurde und es auch bis heute noch ist. „6 Uhr 41“ ist ein raffiniertes, emotionales und literarisch komödiantische Kammerspiel, wie es die Franzosen lieben. Feinsinnig, tiefgehend ohne zu überzeichnen, fesselnd, einnehmend und auf wunderbare Weise inspirierend. Glücklicherweise können wir diesen Roman – dank der hervorragenden Übersetzung von Anne Braun – nun endlich auch auf Deutsch entdecken und das Lesevergnügen mit unseren französischen Nachbarn teilen!

Durchgelesen – “Ein Freund des Hauses” v. Yves Ravey

Wie oft können festgefahrene und stark verankerte Vorurteile die klare Sicht auf die eigentlichen Probleme verdecken. Yves Ravey zeigt mit seinem aktuell erschienen Roman „Ein Freund des Hauses“ auf beeindruckend transparente und komprimiert puristische Weise, wie schnell doch diese vorurteilbelastete Blindheit erst die wirkliche Gefahr entstehen lassen kann.

Yves Ravey, geboren 1953 in Besançon, ist ein sehr angesehener und bekannter französischer Romancier und Dramaturg. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet er als Professor für bildende Kunst und Französisch in seiner Geburtsstadt. Sein erster Roman „La Table des singes“ wurde bei Gallimard 1989 veröffentlicht. Ab 1992 erscheinen seine Romane und Theaterstücke bei Les Editions de Minuit. Für den Roman „Le Drap“ wird Yves Ravey 2002 mit dem Prix Marcel-Aymé ausgezeichnet und 2011 erhält er für sein gesamtes Werk den Prix Renfer. Yves Ravey bespielt seine Romane hauptsächlich im Genre des „Roman Noir“, wobei es sich dabei nicht nur um den rein klassischen Krimi handelt. Yves Ravey wird oft als Simenon-Nachkomme bezeichnet, was sicherlich auch in seinem neuen – dank der grandiosen Übersetzung von Angela Wicharz-Lindner – auf Deutsch veröffentlichten Roman „Ein Freund des Hauses“ erspürt werden kann.

Der Roman spielt in einer französischen Provinzstadt. Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Form aus der Perspektive des Sohnes von Madame Martha Rebernak, dessen Namen wir nie erfahren. Madame Rebernak ist Witwe, hat, wie bereits erwähnt, einen Sohn und eine Tochter, namens Clémence.

Eines Tages wird Freddy, der Cousin von Martha, aus dem Gefängnis entlassen. Er hat seine Strafe endgültig nach 15 Jahren abgesessen, nachdem er ein kleines Mädchen namens Sonia missbraucht hatte. Die Familie des Mädchens ist bereits seit längerer Zeit weggezogen. Freddy hat niemanden mehr, ausser seiner Cousine. Er wusste nicht mal, dass Marthas Mann tot ist, denn dieser stellte ihn vor seiner Tat zur Probe in der Schlosserei an. Freddy hatte gehofft, dass er nun wieder auf dessen Hilfe zählen könnte, doch jetzt liegt er auf dem Friedhof. Martha sieht in Freddy eine sehr grosse Gefahr, vor allem was ihre Tochter Clémence betrifft. Sie versucht mit allen Mitteln, zu verhindern, dass Freddy Clémence irgendwie zu nahe kommen könnte, denn für Martha war und ist klar, dass Freddy sich nicht geändert hat und sicherlich wieder rückfällig werden würde. Doch die Polizei erklärte Madame Rebernak, dass das Annäherungsverbot aufgehoben war wegen guter Führung, somit konnte der Polizist, den Martha ständig versuchte zu überzeugen, Freddy wieder wegzusperren, erneut betonen:

„Er kann kommen und gehen, wohin er will, wie er will und wann er will.“

Glücklicherweise war Clémence mit Paul, dem Sohn von Notar Maître Montussaint, liiert und somit zählte Martha sehr auf die Unterstützung dieser zwei Männer im Bezug auf die Sicherheit ihrer Tochter. Doch sollte sich Madame Rebernak sich da mal nicht täuschen, denn komischer Weise beobachtete auch sie immer mehr ihre Tochter nicht in Begleitung von Paul, sondern von dessen Vater, was sie nicht nur überraschte, sondern auch mehr und mehr verunsicherte…

„Ein Freund des Hauses“, im Original „Un notaire peu ordinaire“, ist ein sensationell spannender Roman, der sich, wie der Originaltitel erahnen lässt, um eine ganz andere Person dreht, als man zu anfangs je vermuten möchte. Das Vorurteil von Madame Rebernak, dass ein Kinderschänder so bleibt, wie er war, wird niemanden überraschen, eher bestätigen, doch letztendlich führt es die Angst vor einem Verbrechen in eine komplett falsche Richtung, die Yves Ravey hier auf so minimalistisch emotionale Weise beschreibt.

Das Besondere in diesem Roman ist sicherlich der Ich-Erzähler. Der Sohn berichtet über jedes Ereignis, fängt jede Stimmung ein, als wäre er immer im Geschehen dabei. Doch wenn man genau aufpasst, erkennt man, dass er nur in der Anfangs- und End-Szene physisch anwesend ist. Dazwischen leiht sich ein fiktiver Erzähler sein „Ich“ und fügt damit alles ganz wunderbar homogen und schlüssig für den Leser zusammen. Somit hat dieser Sohn und Ich-Erzähler zwei vollkommen unterschiedliche, aber doch auch irgendwie ergänzende Positionen, die des Zeugen und die des Beobachters!

Yves Ravey führt nun den Leser – wie in simenonscher Manier – von dem realen Kinderschänder und somit weiterhin vermeintlichen Verbrecher zu einem neuen Täter, der bis zu letzten Sekunde bzw. letzten Seite, seine Unschuld beteuert und die wahre Schuld dem durch Vorverurteilung gezeichneten Freddy zuschieben möchte. Yves Ravey analysiert hier nicht, sondern beobachtet messerscharf aus einer gewissen Distanz und dadurch werden klare gesellschaftliche Fakten beschrieben, vor allem, was den Besitz, die Macht und den Einfluss eines Notars in einem kleinen Städtchen betrifft, den auch bereits Madame Rebernak positiv beispielsweise im Punkto Stellensuche erfahren konnte.

„Ein Freund des Hauses“ ist mehr – aufgrund des Umfangs von gerade mal 90 Seiten – als ein extrem fesselnder und dramatischer Kurzroman. Es ist eine als Thriller genial verkleidete Gesellschaftsstudie, die durch ihre skizzenhafte und raffiniert genügsame, ja fast schon enthaltsame Schreibweise, den Leser so in den Bann zieht und gleichzeitig aufrüttelt, dass die entstehende Angst beim Lesen, den eigenen Vorurteilen nicht entfliehen zu können, lange nachwirkt. Erzählkunst vom Feinsten – deshalb mehr als empfehlenswert!

Henry David Thoreau – Gedicht

Der Sommerregen

Weg mit den Büchern, bin des Lesens satt,
Mein Geist schweift immer von den Seiten fort
Zur Wiese, wo er reichre Nahrung hat.
Sein wahres Ziel, das trifft er ja nur dort.

Plutarch war gut, Homer ist gut gewesen,
Wie Shakespeare lebte, lebten gern auch wir.
Plutarch hat nichts, was schön und wahr, gelesen,
Selbst Shakespeares Bücher sind ja nur Papier.

Was schert, wenn unterm Walnussbaum ich ruh,
Mich, was in Troja einst die Griechen machten,
Wo sich hier liefern auf dem Hügel nun
Die Ameisen sehr viel gerechtere Schlachten.

Homer mag warten, bis ich hab geklärt,
Gilt Rot der Götter Gunst, gilt Schwarz sie mehr,
Ob Ajax dorthin die Phalanx kehrt,
Den Felsblock stemmend gegen Feindesheer.

Sagt Shakespeare, dass er sich gedulden muss,
Bin just befasst mit einem Tropfen Tau,
Die Wolken, schaut, bereiten einen Guss.
Ich komm zu ihm, sobald der Himmel blau.

Von Waldtrespe und Wiesengras dies Beet
Ist edler als des Königs Park bereit,
Es ruht mein Haupt auf dem Plumeau aus Klee,
Mein Schuh hier zwischen Veilchenbüscheln schreitet.

Ein Wall aus heitren Wolken uns umringt,
Der laue Wind verheisst gelindes Wetter;
Nun fallen Tropfen, spärlich noch, beschwingt
Teils in den Teich, teil auf die Blütenblätter.

Zwar schon durchnässt auf meinem Gräserbett,
Seh ich der Kugel zu, die rollt hinunter
Am Halm, schwebt wie ein einsamer Planet
Und geht in meinem Kleidersaume unter.

Tropf, tropfen alle Bäume ringsherum,
Üppig verströmt sich jeder Ast umher;
Der Wind nur tönet, sonst ist alles stumm.
Kristalle schüttelt von den Blättern er.

Die Sonne, schambleich, kommt nicht mehr heraus;
Strumpf ist ihr Perlenglanz. Mit nasser Locke
Kehr strahlend ich als Elf zurück nach Haus,
Geh lustig hin im perlenbestickten Rocke.

Heinrich Heine – Gedicht

Der Schmetterling

Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
Umflattert sie tausendmal,
Ihn selber aber, goldig zart,
Umflattert der liebende Sonnenstrahl.

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt?
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
Ich aber lieb euch all:
Rose, Schmetterling, Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.

Durchgelesen – “Das Glück, wie es hätte sein können” v. Véronique Olmi

Wissen wir wirklich, wie sich Glück anfühlt? Vielleicht sehen wir unser Glück gar nicht, oder können es nicht sehen, weil wir in unserem Innersten so eingesperrt sind und gar nicht fähig sind, Glücksgefühle überhaupt zu verspüren. Doch grundsätzlich sollten wir Glück erfahren können und dürfen, obwohl das Leben natürlich auch aus Problemen, Verletzungen und Enttäuschungen, aber vor allem auch aus Überdruss und Routine besteht. Véronique Olmi hat mit ihrem neuen Roman unter dem Originaltitel „Nous étions faits pour être heureux“, was auf Deutsch bedeuten würde – „Wir wären gemacht, um glücklich zu sein“ – dem Thema Glück doch klar eine wichtige Position zugebilligt. Doch leider sieht die fiktive Realität in vielen Fällen anders aus, wie dieser wunderbare Roman hier zeigt.

Véronique Olmi, geboren 1962 in Nizza, gehört zu den wichtigsten und bekanntesten Schriftstellerinnen und Dramatikerinnen Frankreichs. Sie wurde mit zahlreichen Preisen wie zum Beispiel dem Prix Alain-Fournier für ihren ersten Roman „Bord de Mer“ („Meeresrand“) 2002 geehrt. Ihre Theaterstücke werden nicht nur in Frankreich, sondern auch sehr erfolgreich im Ausland gespielt. „Das Glück, wie es hätte sein können“ ist der zehnte Roman von Véronique Olmi der bereits 2012 in Frankreich erschienen ist und nun aktuell – dank der Übersetzung von Claudia Steinitz – den deutschsprachigen Lesern vorgestellt wird.

Der Roman spielt in Paris. Véronique Olmi erzählt aus verschiedenen Perspektiven und schenkt ihr „Ich“ nur einer der Hauptpersonen in diesem Roman, nämlich Suzanne, eine Frau um die 40, nicht sehr attraktiv, eher bodenständig, anpackend und dafür in sich ruhend. Sie arbeitet als selbständige Klavierstimmerin und ist mit Antoine, einem perfekten und sanften Mann, verheiratet.

Suzanne hat einen neuen Auftrag. Sie soll ein Klavier in einem Appartement am Montmartre stimmen. Dort trifft sie auf Lucie, die Hausherrin, eine junge, sehr attraktive Frau, Anfang 30, Mutter von zwei entzückenden Kindern. Sie lebt hier nicht allein, sondern mit ihrem Mann Serge, erfolgreicher Immobilienmakler, 60 Jahre alt. Serge bemerkt Suzanne anfänglich nicht, obwohl sie sich ganz flüchtig am Eingang begegnen, geht zur Arbeit und Lucie widmet sich dem Klavier und der Klavierstimmerin. Erst einige Tage später sehen sich Serge und Suzanne per Zufall in der gleichen Bar am Abend wieder. Serge in Begleitung von Lucie entdeckt Suzanne ganz allein auf der Tanzfläche:

„Das ist es, was Serge packt und schockiert, als er Suzanne zum ersten Mal sieht: wie sehr sie lebt, ohne Angst zu haben. Ihre Hüften sind zu breit, denkt er. Und auch: Sie ist schön. Ohne Rechtfertigung. Ohne Gesetz. Das ist unverständlich und ungerecht…Sie tanzt und kümmert sich nicht darum, ob das vielleicht stören könnte, diese Gestalt ohne Jugend und dennoch diese Kraft, die sie durchströmt, aber sie ist so gewöhnlich, beinahe vulgär. Es ist doch vulgär, oder, sich so zu zeigen, wie man ist?“

Und genau das ist es, was Serge nicht kann, sich so zu zeigen, wie man bzw. er ist. Serge lebt in einer scheinbar perfekten Welt, mit einer dreissig Jahre jüngeren Frau, und wundert sich immer mehr, wie er wohl mit seiner Launenhaftigkeit und den regelmässigen Migräneattacken auf Lucie wirkt. Aber sie liebt ihn, „ obwohl sie doch ganz offensichtlich ein junges, robustes und kampflustiges Fohlen war.“ Serge liebt den Luxus, dennoch hat er nicht alles, wovon er wirklich träumt bzw. geträumt hat. Und es stört ihn, dass seine Frau immer alles glücklich macht:

„Was kann man jemanden sagen, der jeden Tag, der kommt wie eine unerwartete Überraschung empfängt, wenn man selbst sich nur eines wünscht: genau neben seinem eigenen Dasein zu laufen?“

Serge verfolgt Suzanne bei dem nächst besten Wiedersehen, er wartet im Regen vor ihrem Haus, bis sie ihm ohne zu zögern die Tür öffnet. Sie kommen sich näher, sie lieben sich. Er weiss nicht, warum ihn diese Frau so anzieht, obwohl sie gar nicht so schön ist. Auch Suzanne ist irritiert von diesem Mann, der sich nicht öffnet, schweigt, eingesperrt ist in seinen Emotionen und sie trotzdem anzieht. Sie hat Schwierigkeiten diese Stille mit ihm zu ertragen und sie spürt einen Lügenmantel, der Serge umgibt, den er nicht ablegen will. Nicht nur Serge wirkt verloren, auch sie fühlt sich ihm ausgeliefert und dadurch ebenfalls verloren, da sie sich in einen Mann verliebt hat, der ihr nichts anvertrauen kann, gerade weil ihn ein lange gehütetes und dramatisches Kindheitsgeheimnis so sehr belastet.

Kurz vor Weihnachten treffen sie sich ein letztes Mal, erst vor dem Haus seiner Kindheit, bevor sie in eine Wohnung in die Nähe des Gare Saint Lazare gehen. Suzanne hatte sich inzwischen von ihrem Mann Antoine getrennt, was sie Serge nicht anvertraute. Doch Serge kündigte ihr an, etwas Wichtiges erzählen zu müssen. Er berichtete über seine traurige Kindheit, seinen Vater Hubert, Chirurg, der streng, cholerisch und so aggressiv war, dass er Serge Mutter in seinem Beisein regelmässig schlug. Serge erzählte von seiner unendlichen Liebe zu seiner Mutter und deren Liebe zu David und zum Klavierspiel, und ganz besonders zu ihrem Lieblingsstück „Der Liebestraum“ von Franz Liszt. Serge erzählt Suzanne nicht nur ein paar Lebenserinnerungen. Er erläutert bis aufs kleinste Detail seine bitteren Erfahrungen in der Kindheit, die daraus resultierenden tiefen Ängste und die für ihn kaum zu ertragene und mehr als belastende „Mitschuld“ an einem Mord…

Véronique Olmi spielt in diesem Roman wie ein Pianist auf dem Klavier, sie berührt die weissen Tasten der positiven Emotionen, wie Liebe und Geborgenheit, doch genau so stark werden auch die schwarzen Tasten der Melancholie, Lüge und Angst gedrückt. Ihre Sprache ist von unglaublicher Musikalität und Sensibilität, die es trotzdem erlaubt die Probleme beim Namen zu nennen, um der Wahrheit früher oder später wirklich in die Augen schauen zu können. Véronique Olmi geht tief in die menschlichen Abgründe hinein, um das wahre Drama, aber gleichzeitig auch die mögliche Befreiung darin zu entdecken. Sie zeigt gekonnt, wie die Fassade eines bourgeoisen, erfolgreichen und scheinbar glücklichen Lebens schneller bröckeln kann, als einem lieb ist. Und sie macht mehr als deutlich wie wichtig es ist zu erkennen, dass fehlende Liebe in der Kindheit, einem Erwachsenen es wesentlich schwerer macht, selbst Liebe zu schenken. Denn nicht umsonst, hat Serge grosse Schwierigkeiten seine Kinder zu lieben, vor allem sieht er immer wieder die Angstgefühle seines Sohnes in dessen Augen und fühlt sich dadurch mehr als erinnert an seine lähmende Angst vor seinem Vater.

Mit beeindruckender Empathie charakterisiert Véronique Olmi ihre Figuren, die sich trotz ihrer Verschiedenheit, ihrer Konkurrenz und ihrer Liebesfähigkeit bzw. Liebesunfähigkeit durch die Musik, oder sagen wir besser durch das Klavier, als dezent angelegter roter Faden, in einer gewissen Form miteinander verknüpfen lassen. Denn das Klavier war bereits der Dreh- und Angelpunkt in Serges Kindheit, und auch bei seinem Sohn, der nun Klavierspielen lernen soll, taucht dieses Motiv wieder auf. Und das Klavier ist wiederum so mit der Lüge verbunden, dass weder Serge noch Suzanne anfangs den Mut haben, sich gegenseitig zu gestehen, welche sowohl positive als auch negative Bedeutung das Klavier bzw. die Musik hatte und welche unausweichlichen Konsequenzen daraus für ihr jeweiliges Leben entstehen konnten.

Doch sobald die Grenzen des Schweigens zwischen Serge und Suzanne geöffnet werden, zeigt uns Véronique Olmi welche Arten es von Schweigen und Lüge gibt und welche Kraft sich entwickeln kann, wenn die Ketten gesprengt werden und der Mensch sich endlich öffnen und jemanden vertrauen bzw. etwas anvertrauen kann. Véronique Olmi kann sowohl einfühlend und als beobachtend erzählen und schafft es aus einer dramatischen Liebesgeschichte eine vielschichtige Komposition zu kreieren: sie fügt die Motive der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, aber auch der Lüge und Wahrheit so grandios zusammen, dass daraus ein melancholisch bedrückendes und gleichzeitig optimistisch beglückendes Werk entsteht.

„Das Glück, wie es hätte sein können“ ist mehr als die Geschichte um eine aussergewöhnliche „amour fou“, es ist ein Feuerwerk an Gefühlen, Leidenschaft und Dramatik. Es zeigt den Schein, aber auch die Realität und wir lesen uns von der vermeintlich geplanten Zukunft über die verdrängte Vergangenheit in die reale Gegenwart. Wir werden mit dem glücklosen Jetzt unausweichlich konfrontiert, obwohl wir die Gründe dafür nicht gleich kennen. Aber wir spüren als Leser sofort, wie uns die Vergangenheit blockieren kann und sehnen uns während der Lektüre deshalb umso mehr danach, durch den emotionalen unaufhaltsamen Spannungssog von Véronique Olmi in die Vergangenheit mit all ihrem Leid, ihrer Wut und ihrem Unglück eintauchen zu dürfen, um dadurch erleichtert und befreit wieder aufzutauchen.

Dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubend elegante und betörende sensible Roman ist die perfekte „Einladung“ sich mit der eigenen Vergangenheit und den vielleicht dazugehörigen Lebenslügen zu beschäftigen. Dieses Werk macht Mut und regt unglaublich zum Nachdenken und Nachfühlen an. Und besonders wichtig ist, dass uns Véronique Olmi in ihrem Buch auf so meisterliche Art zeigt, vielleicht so gar lehrt, wie wichtig die Musikalität nicht nur in der Sprache sondern auch im wahren Leben ist, denn Musik bedeutet Glück und Glück ist Musik!

Durchgelesen – “Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau” v. Dimitri Verhulst

Ist es erstrebenswert, aber vor allem auch realisierbar, eine unheilbare Krankheit, von der man bis jetzt noch verschont wurde, als seelischen Überlebenstrick für sich selbst zu wählen und diese Krankheit auch noch als Befreiungsmittel aus verschiedenen alltäglichen Zwängen einzusetzen? Diese Frage sollte man eigentlich sofort mit Nein beantworten. Auch wenn es noch so verrückt und kurios klingen mag, interessant wäre es trotzdem herauszufinden, ob das auch wirklich gelingen könnte. Und genau diese noch offene Frage versucht Dimitri Verhulst mit seinem tragisch-komischen Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ zu beantworten.

Dimitri Verhulst – geboren 1972 in Aalst (Belgien) – gehört zu den besten flämischen Schriftstellern. Sein autobiographischer Roman „Die Beschissenheit der Dinge“ wurde für den AKO-Literaturpreis nominiert und mit der Goldenen Eule prämiert. 2009 wurde dieser Besteller verfilmt, hochgelobt und in Cannes ausgezeichnet. Und sogar die Irish Times kürte die englische Ausgabe dieses Romans zum „Best Books of 2012“. Und für „Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten“ erhält Dimitri Verhulst den Libris-Literaturpreis. Seine Werke sind in 25 Sprachen übersetzt. Aktuell dürfen wir uns nun – dank der hervorragenden Übersetzung von Rainer Kersten – auf sein neues Buch „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ freuen!

Der Hauptprotagonist dieses Romans ist der ehemalige Bibliothekar Désiré Cordier, ein bescheidener Mann, Anfang 70, verheiratet mit Monique (genannt Moniek) und Vater von zwei erwachsenen Kindern – Hugo und Charlotte -. Er sieht seinem Lebensabend immer mehr mit grossen Zweifeln und Bedenken entgegen. Besonders genervt ist er von seiner Frau Moniek, die ständig an ihm herummäkelt und nichts Gutes an ihm findet. Gleichzeitig soll auch noch das Haus verkauft werden. Da der Umzug in eine kleine Wohnung immer näher rückt, sieht er wahrlich rot. Wie soll er unter diesen Bedingungen noch seiner schwierigen und dominanten Frau ausweichen können, wenn es weder einen Keller noch einen Garten als Rückzugsort geben wird. Da bleibt nur eins, Désiré muss die Flucht nach vorne ergreifen.

Doch wie sieht eine Flucht nach vorne aus, wenn man nicht mehr ganz jung ist und eigentlich das intensive und aktive Leben mehr oder minder schon fast ein wenig abgelaufen ist. Désiré hat eine geniale Idee, er beschliesst ab sofort dement zu werden. Ja genau, er wird einen Demenzkranken spielen und zwar so perfekt, dass die Flucht in die Aufnahme eines Pflegeheims enden kann und sich damit der Umzug in das neue Appartement mit seiner Göttergattin für ihn erübrigt. Ob das wohl gut gehen wird? Es geht gut, oder sagen wir mal so, Désiré bereitet sich gut vor, um dem Ziel näher kommen zu können. Umsonst war er nicht Bibliothekar und hat sich ständig mit Büchern beschäftigt. Somit ist es für ihn ein eher leichtes Spiel, sich mit Hilfe von Literatur auf „seine“ Demenz vorzubereiten. Langsam lässt er die ersten Symptome sichtbar werden: Er sollte eine Torte kaufen und besorgt stattdessen einen neuen Toaster. Auch das Merken von Namen wird zunehmend schwieriger, geschweige denn findet er allein den Weg nach Hause. Désiré kauft in Läden ein ohne zu zahlen, somit ist die Polizei auch schneller involviert als erhofft. Auch die Zugfahrten ohne Ticket werden mehr und mehr zur Gewohnheit. Unabhängig von diesen ersten konkreten Krankheitssymptomen kommen natürlich auch noch Stimmungsschwankungen und Depressionen zum Vorschein, die auch Moniek immer mehr verunsichern. Die Situation spitzt sich zu, so dass Désiré in Begleitung seiner Frau nun endlich eine Ärztin aufsucht, um Klarheit über seinen Zustand zu bekommen. Er muss den sogenannten Mini-Mental-Status-Test (MMST) – auch Idiotentest genannt – machen. Und man möge es im ersten Moment gar nicht glauben, aber Désiré hat doch tatsächlich den Test auf seine Weise „bestanden“:

„Bingo, geschafft! Ich war mit Auszeichnung durchs Examen gerattert, den von vielen Vergesslichen gefürchteten MMS-Test. Es war ein solcher Triumph, dass ich mich beherrschen musste, der Ärztin nicht sofort ein Loch in die Decke zu springen Einen schöneren Preis für Schauspiel kann es doch nicht geben (oder?) als den, dass der Demenzkranken-Darsteller auch offiziell als Demenzkranker anerkannt wird!“

Es war ein echter Erfolg für Désiré. Das „Arbeiten“ dafür hatte sich gelohnt und jetzt musste er zielstrebig weiterspielen, um die angestrebte „Freiheit“ Altersheim bald erreichen zu können. Für seine Frau war diese Situation alles andere als ein Zuckerschlecken, was niemanden verwunderte. Moniek hatte sich ihr zukünftiges Leben einfach anders vorgestellt. Doch Désiré verfeinerte seine Schauspielkunst, erkannte früher oder später seine Familie nicht mehr, wusste weder Uhrzeit noch Datum und fühlte sich gleichzeitig in seiner Verrücktheit trotz allem irgendwie aufgehoben. Ja und bald schon konnte er sein neues Heim beziehen. Es war ein kleines Zimmer im Altersheim „Geriatriezentrum Winterlicht“, welches Moniek ihm aus Rache, weil sie nicht mehr in seiner Erinnerung war und Désiré aus ihrer Sicht so wie so nichts mehr mitbekam, nur mit den ältesten und schäbigsten Möbeln eingerichtet hatte.

Doch auch wenn die Flucht im ersten Moment nun geglückt war und Désiré seine ganz persönliche Freiheit dadurch erreichen konnte, war die Aufgabe doch komplexer und anstrengender als anfangs gedacht. Denn im Heim durfte er keinesfalls nur die geringsten Anzeichen von wachem und absolut intakten Geist zeigen, sonst wäre ja er schneller als erwünscht aufgeflogen. Désiré musste seine Rolle weiterhin mehr als perfekt spielen und dazu gehörten auch Lebensbereiche, die doch so eine gewisse Überwindung abforderten:

„Obwohl die Tat selbst vollkommener Absicht entspringt, geht es mir sehr gegen den Strich, dass ich jede Nacht wieder ins Bett scheisse. Mich zu dieser entwürdigenden Aktion zu erniedrigen ist wahrlich die unangenehmste Konsequenz des ziemlich verrückten Wegs, den ich auf meine alten Tage gewählt habe.“

Auch wenn Désiré diese Aktionen sehr verabscheut, findet er trotz allem so langsam seinen „Platz“ in seinem neuen Zuhause und beginnt zu beobachten, vor allem sich selbst, aber auch Moniek, seine Kinder, die Heimbewohner und das Pflegepersonal. Das Verhalten seiner Familie ist so erschreckend, sehr traurig, aber auch bemerkenswert und teilweise positiv überraschend. Die Heimbewohner – unter anderen eine alte Jugendliebe und ein ehemaliger Nazi – haben auch so manches Geheimnis, das natürlich Désiré in seinem „Zustand“ nicht im Geringsten verborgen bleibt. Doch wie lange wird er diese grosse Rolle noch spielen können und wollen…?

Dieser Roman ist ein wahres „Wunderwerk“ in Punkto Umgang mit Demenz. Hier wird die Krankheit nicht als Dämon hingestellt. Nein, hier wird sie in ein geniales Fluchtmittel für ein vielleicht besseres und unkomplizierteres Leben verwandelt. Ja, verehrter Leser, Sie werden es kaum glauben, auch eine von hoher Dramatik begleitete Krankheit lässt sich als ungewöhnlicher Überlebenstrick instrumentalisieren, herausragende schauspielerische Fähigkeiten natürlich vorausgesetzt. Dimitri Verhulst leistet hier wahre Meisterarbeit, in dem er nicht nur einen Hauptprotagonisten mit grandioser und sehr überzeugender darstellerischer Begabung erfindet, sondern auch noch gleichzeitig dadurch dieser Krankheit das geheimnisvolle Böse entzieht.

Es geht hier trotzdem und vor allem um das wahre Leben, mit all seinen Schattenseiten und seiner Dramatik, welches aber besonders durch das komische Talent von Dimitri Verhulst eine gewisse Unbeschwertheit erfährt und gerade deshalb nicht auf Klarheit verzichten muss, wie es Désiré Cordier hier in diesem Roman sehr treffend zeigt:

„Leute in meinem Alter brauchen kein Facebook oder sonst irgendwelchen Sozialfirlefanz am Computer, um der Einsamkeit ein Schnippchen zu schlagen. Wir sehen uns mit schrecklicher Regelmäßigkeit im real life, auf Beerdigungen, und unterhalten unsere Kontakte zur immer mehr sich lichtenden Aussenwelt auf diese Weise noch ganz persönlich.“

Dimitri Verhulst schafft es mit kaum zu übertreffender Empathie die persönlichsten und intimsten Gedanken, aber auch Aktionen auf so unglaublich nonchalante und satirisch-ironische Art zu beschreiben, so dass sich der Leser ein vollkommen ungezwungenes Lachen kaum verkneifen kann, obwohl ihm im gleichen Moment irritiert der Atem stockt. Ja und der Sprachwitz und die manchmal durchwegs geradlinige und sehr pathosfreie Schonungslosigkeit krönen dieses Werk. Und so entsteht aus dieser schwierigen und bedrückenden Thematik ein sehr unterhaltsames und gleichzeitig nachhaltig berührendes Stück Literatur.

„Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ ist ein besonders empfehlenswerter literarischer „Lebensratgeber“, der unabhängig von der teilweise hoffnungslosen Tragik dieser Krankheit die Vergesslichkeit und Zerstreutheit so einfühlsam und spielerisch amüsant zelebriert, so dass wir ganz unbewusst unsere Augen und unsere Seele im Hinblick auf das Problem Demenz nochmal ein grosses Stück mehr öffnen können, als bei der Lektüre eines eher trockenen und humorlosen Sachbuchs!

Eduard Mörike – Gedicht

Auf ein Ei geschrieben

Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät’s gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.

Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?

Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has gebracht.

Durchgelesen – “Susanna im Bade” v. Wolfgang Herles

Karl Valentin hätte mit seinem sehr treffenden Zitat: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ keinen besseren Slogan für die Kunstszene finden können. Denn jeder, der nur im Entferntesten mit Kunst zu tun hat, sei es als bildender Künstler, oder auch als Kunstsammler und Galerist, weiss doch zu genau, wie viel „Arbeit“ sich nicht nur so hinter der Kunst verstecken mag, sondern auch wie viel „Arbeit“  oder sollte man eher sagen wie viele Probleme durch und mit der Kunst entstehen können. Und genau da setzt Wolfgang Herles mit seinem eindrucksvoll satirischen und äusserst rasanten Roman „Susanna im Bade“ an.

Wolfgang Herles, geboren 1950 in Tittling (Bayern), wuchs in einem katholischen Elternhaus auf. Nach seinem Abitur 1971 besuchte er für zwei Jahre die Deutsche Journalistenschule in München. Ab 1975 bis 1980 arbeitete Wolfgang Herles, während er an der Universität in München Germanistik, Geschichtswissenschaft und Psychologie studierte, freiberuflich als Hörfunkjournalist beim Bayerischen Rundfunk und als Korrespondent in Bonn. Ab 1980 war er als Redakteur für Report München, Tagesschau und Tagesthemen tätig und wechselte 1984 als stellvertretender Hauptredaktionsleiter Innenpolitik zum ZDF. Von 1987 bis 1991 leitete Wolfgang Herles das ZDF-Studio in Bonn. Ab 1996 moderierte er die ZDF-Sendung „live“ und von 2000 an war er über zehn Jahre lang Redaktionsleiter und Moderator des ZDF-Kulturmagazins „aspekte“. Seit 2011 ist Wolfgang Herles der Macher und Moderator der Büchersendung „Das blaue Sofa“. Neben zahlreichen Sachbüchern, die Wolfgang Herles geschrieben hat, ist nun aktuell sein neuer Roman „Susanna im Bade“ erschienen.

Hauptdarsteller dieses Romans ist der Kunstsammler Hans Achberg. Er studierte Medizin, obwohl er kein Arzt werden wollte, landete somit bei verschiedenen Pharmafirmen in Karlsruhe und Basel und gründete letztendlich sein eigenes Pharmaunternehmen – EuroPharmaAchberg. Inzwischen zweimal geschieden, hatte er trotzdem Glück und konnte durch den Erwerb von Rechten an einem Wirkstoff gegen Hautalterung viel Geld verdienen. Es war quasi ein Geschäft mit der Schönheit, wodurch Achberg in Kunst investieren konnte. Er versucht nach wie vor, seine Sammlung mit neuen Ankäufen zu erweitern, obwohl die Finanzkrise sein Vermögen drastisch verschmälerte. Hans Achberg ist und bleibt ein Sammler, ein wahrlich besessener Sammler, der sich auf eine ganz besondere Form der Kunst spezialisiert hat, nämlich auf Frauenbildnisse. Und dabei vergisst er auch als Mann, nie die Schönheit aller Frauen – nicht nur die in der Kunst – zu übersehen.

Der Roman beginnt auf der Biennale in Venedig, an der Achberg Klara Salzheber, Managerin einer Hotelkette (ArtHotels KG) trifft, aber durch ein Kunstwerk von Jeff Wall zu stark irritiert wird, jedoch nicht nur dadurch. Spätestens als er Susan Palmer eine Würzburger Kunstagentin kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Die „Schönste“ so wie er sie anfänglich nennt, raubt ihm den Verstand:

„So schön ist Susan, dass es schmerzt, als er geht.“

Susan und Hans treffen sich bald wieder, auf der Art Basel. Klara ist auch dort, kauft gleich zu Beginn ein Kunstobjekt, erweitert ihr Netzwerk und fängt an mit Hans ihre Spielchen zu treiben. Hans ist immer noch in Gedanken an die „Lady in Black“ von Jeff Wall vollkommen versunken und hofft mit diesem Werk sein ganz grosses Sammlerglück zu finden, so wie er glaubt durch die Schönheit der Frauen, auch sein ganz persönlich männliches Glück endlich zu befriedigen. Aber Hans Achberg braucht nicht das brave Glück, er braucht wie bei Kunstwerken den Reiz, das Knistern, und das Geheimnisvolle:

„Das Schönste an der Kunst ist, dass sie das Unverstehbare verständlich macht, ohne es zu erklären. Wäre es nicht banal, würde Achberg sagen: Es ist wie mit den Frauen und der Liebe.“

Ja und so treibt Hans Achberg die Sucht nach Schönheit und Kunst immer tiefer in die emotionale und finanzielle Dunkelheit. Achberg wird plötzlich von einer ihm bis dahin unbekannten Frau wegen angeblichem Schwarzgeld in Liechtenstein erpresst. Und dann sterben auch noch zwei seiner besten Freunde. Mord oder Selbstmord – auch das bleibt ungeklärt. Hans Achberg wird zwar einerseits nervös, doch durch seine fast schon krankhafte Faszination für die Schönheit der Frauen fühlt er sich mehr und mehr verloren, auch wenn Klara immer wieder versucht, ihm die Augen zu öffnen:

„Schöne Frauen sind nicht zum Vögeln da. Sie taugen nur dazu, Gemälde und Skulpturen zu inspirieren. Klaras Satz. Vermutlich hat sie ihn sich nicht selbst ausgedacht. Er tippt auf einen alten Franzosen, Flaubert vielleicht.“

Hans Achberg bleibt nach wie vor von Susans Schönheit geblendet, obwohl inzwischen die Verstrickungen mit Susan und den zwei toten Freunden und eine noch nicht ganz klar erkennbare Verbindung mit Klara seine Panik vergrössern. Langsam stellt sich für ihn die Frage, ob die Kunst ihn nun endgültig zu Grunde richten wird oder ob irgendwo doch noch Rettung in Sicht sein könnte…?

Wolfgang Herles hat ein brillantes Buch über die Kunstszene geschrieben, das nicht nur aufklärerische, sondern auch wahnsinnig spannende und durch den spöttischen Unterton viele unterhaltsame Aspekte bietet. Der Leser reist von einer Ausstellung und Kunstmesse zur nächsten, von Venedig über Basel nach London und Miami. Der Kunstbetrieb wird durch die grandiose Figur des Hans Achberg genial und skrupellos „seziert“ und liefert dadurch im ersten Moment ganz unbekannte Einblicke in eine für den Kunstlaien besondere Welt. Doch trotz satirischer Überzeichnung entlockt einem die intensive Lektüre eher ein subtiles Gefühl, als würde doch so einiges mehr der Realität entsprechen, als man es zu glauben vermag. Wolfgang Herles Roman ist ein Thriller der besonderen Art. Er vermischt gekonnt Themen wie Kunst und Steuerhinterziehung, bettet sie ein in Messen-Smalltalk und Galeristen- und Kunstsammler-Geschwätz und versucht uns mehr als deutlich zu erklären, dass Moral und Kunst nichts miteinander zu tun haben dürfen bzw. sollten, wie auch schon der Hauptprotagonist dieses Romans bestätigt:

„In der Kunst geht es nicht um Moral, sagt Hans.
Habt ihr das gehört! In der Kunst geht es nicht um Moral! Dann ist es keine Kunst. Oder Kunst, die nichts wert ist.“

„Susanna im Bade“ ist deshalb noch viel mehr als nur ein satirisch unterlegter literarischer Kunst-Thriller. Dieser Roman ist auch ein richtig geniales Kunstbuch, denn jedes einzelne Kapitel ist mit einem konkreten Kunstwerk beispielsweise von Jeff Wall, Fernando Botero, Alex Katz, Lucian Freud oder Alberto Giacometti betitelt. Und genau dieses jeweilige Kunstwerk hat neben dem Hauptprotagonisten eine äusserst tragende Rolle und verbindet dadurch die als erhaben erscheinende Kunstebene mit dem doch eher sehr irdischen und unaufgeregten Leben. Auch der sicher ganz bewusst gewählte Buchtitel „Susanna im Bade“ – eine biblische Gestalt und wichtige Figur im Hinblick auf die Legitimierung von Aktabbildungen -, hat somit in der bildenden Kunst bis heute eine sehr wichtige Bedeutung. Wolfgang Herles schafft es also spielerisch und sehr raffiniert mit diesem Roman nicht nur Einblicke in die internationale Kunstwelt zu gewähren, sondern informiert auch noch auf so nuanciert detaillierte Weise über die Kunst der Moderne. Somit ist es keinesfalls verwunderlich, dass man bereits während oder spätestens nach der Lektüre jedes der hier „mitspielenden“ Kunstwerke unbedingt noch intensiver und vor allem mit den eigenen Augen in einer Galerie oder einem Museum entdecken möchte.

Verehrter Leser, treten Sie ein in die Kunstwelt, treiben Sie Smalltalk, erweitern Sie Ihren Horizont und selbstverständlich Ihr „Netzwerk“, „kaufen“ Sie Bilder, Skulpturen oder Installationen. Vergessen Sie auf keinen Fall Ihre „Konten“ in Liechtenstein oder in der Schweiz. Ja und geniessen Sie vor allem und ganz besonders – auch, aber nicht nur in der Kunst – die wahre Schönheit!

Durchgelesen – “84 Charing Cross Road” v. Helene Hanff

Bücher sind wahrlich gute Freunde, aber auch durch Bücher können wunderbare Freundschaften entstehen. Und dass dies über Kontinente hinweg auch funktionieren kann, zeigt uns auf äusserst zauberhafte Weise Helene Hanff mit ihrem Briefwechsel „84 Charing Cross Road“, der zum ersten Mal 1970 in New York erschienen ist und nun aktuell in der grandiosen Übersetzung von Rainer Moritz wieder aufgelegt wurde.

Helene Hanff – geboren 1916 in Philadelphia und gestorben 1997 in New York – war eine amerikanische Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie arbeitete nach ihrem abgebrochenen Englischstudium als Schreibkraft, Lektorin und Drehbuchautorin für Fernsehserien und Theater. Bekannt wurde sie hauptsächlich durch ihren Briefwechsel mit einem Buchantiquariat in London, den sie genauestens dokumentiert hatte. Daraus entstand dann der Bestseller „84 Charing Cross Road“, der sogar 1986 mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt wurde. In Deutschland wurde dieses Werk zum ersten Mal 2002 veröffentlicht.

„84 Charing Cross Road“ ist ein ganz besonderer Briefwechsel, ja vielleicht sogar eine Art kleiner biographischer „Briefroman“, der am 5. Oktober 1949 in New York beginnt. Helene Hanff ist nicht nur aus beruflichen, sondern auch aus privatem Interesse auf der Suche nach wichtiger Literatur, welche nach dem zweiten Weltkrieg nicht günstig und einfach zu finden war. Sie entdeckte in einer Zeitungsannonce per Zufall das Londoner Antiquariat Marks & Co. in der Charing Cross Road, Nummer 84. Das war im wahrsten Sinne ihre Rettung und somit schreibt sie an diese englische Buchhandlung, die besonders auf Bücher spezialisiert ist, welche bereits vergriffen bzw. nicht mehr lieferbar sind. Sie möchte lieber günstige, aber dafür schöne Buchausgaben erwerben, da sie sonst bei Barnes & Noble auf neuwertige „Schulausgaben“ zurückgreifen müsste. Diesem ersten Brief fügt sie eine Bücherliste bei und begrenzt ihr Budget auf 5 Dollar pro Buch.

Nach zwanzig Tagen erhält Helene ihre erste Antwort und zwei ihrer Buchanfragen konnten damit gleich erfolgreich ausgeführt werden, so dass Helene am 3. November 1949 ihre Freude über diese wunderbaren Bücher an Marks & Co. weitergeben konnte:

„Sehr geehrte Herren!
Die Bücher sind wohlbehalten angekommen; die Stevenson-Ausgabe ist so schön, dass sie mein Bücherregal aus Orangenkisten beschämt. Ich fürchte mich fast davor, solche schweren cremefarbenen Velinseiten anzufassen. Da ich an das kalte weisse Papier und an die steifen Pappumschläge amerikanischer gewöhnt bin, wusste ich gar nicht, was es für eine Freude sein kann, ein Buch zu berühren. …“

Ja und so nimmt der anfangs doch erst noch eher sehr geschäftliche Briefwechsel seinen Lauf. Helene legt bei jedem Brief und einer neuen Bestellung das Geld bar anbei. Doch Helene lässt auch dem Antiquariat ihren Unmut spüren, wenn sie ein Buch erhält, das nun nicht im Geringsten ihren Anforderungen entspricht.

Helene Hanffs Freunde und Nachbarn erzählen ihr von der Rationierung der Lebensmittel in England, was sie kurzer Hand dazu veranlasst über eine britische Firma in Dänemark ein kulinarisches Weihnachtspaket an Marks & Co. zu senden. Bis dahin war der Unterzeichner aller Briefe aus dem Antiquariat ein „FPD“, obwohl die Buchhandlung zwei Eigentümer hatte, ein Herr Marks und ein Herr Cohen. Ja und dieses zwei Herren sind doch so grosszügig, dass das wunderbare Geschenk von Helene unter den Mitarbeitern aufgeteilt werden konnte, was auch Frank Doel, alias FPD, im Namen der Belegschaft Helene brieflich mitteilte.

Ja und so entwickelt sich ganz langsam aus der zu Beginn doch sehr geschäftlichen Beziehung eine wahre Brieffreundschaft, nicht nur zwischen Frank Doel, sondern auch mit einigen anderen Kollegen aus dem Antiquariat, die alle mehr als begeistert sind von Helene Hanffs Grosszügigkeit, die sich durch regelmässige Geschenkpakete sei es zu Ostern, Weihnachten oder auch zwischendurch erkennen lässt. Unabhängig davon erfahren wir in den Briefen neben den Ereignissen aus der Familie Doel, ein wenig über die Thronbesteigung von Elisabeth II. und über die Zeit der 50ziger und 60ziger Jahre in England. In all diesen Briefen, gibt es immer wieder ein wichtiges Thema und das ist der Besuch von Helene Hanff in London bei Marks & Co., den alle Kollegen so sehr herbeisehnten. Doch leider kommen ständig irgendwelche Probleme dazwischen, sei es beruflicher, finanzieller oder gesundheitlicher Natur. Somit kann sich Helene nur über Freunde, die diesen Laden im September 1951 besucht haben, berichten lassen:

„Das ist der reizendste alte Laden, gerade so, als wäre er einem Dickens entsprungen. Du würdest darüber völlig aus dem Häuschen geraten. …; man riecht den Laden, bevor man ihn sieht. Es ist ein herrlicher Geruch, den ich nicht einfach in Worte fassen kann, doch er verbindet den Geruch von Most, Staub und Alter mit dem von Holzregalen und Parkett.“

Die Brieffreundschaft wird noch lange fortgesetzt nicht nur mit Worten, sondern inzwischen auch mit Dankesgaben der Belegschaft von Marks & Co. an Helene, bis zum plötzlichen Ende aufgrund des vollkommen überraschenden Tods von Frank Doel 1969.

„84 Charing Cross Road“ ist mehr als eine Hymne auf die Literatur und Freundschaft. Es ist ein sehr persönlicher und origineller Austausch zwischen einer sehr skurril sympathischen Amerikanerin und einem äusserst kundenorientierten Londoner Antiquariat über gute Bücher, über den Wert von Büchern und über die Freude und Lust am Lesen. Helene Hanff schwärmt von schönen Bindungen, feinem Papier, lässt sich nicht mit einfachen Ausgaben abspeisen, sondern ist immer auf der Suche nach dem Besonderen. Und genau dabei hilft ihnen diese geniale Belegschaft des Antiquariats Marks & Co., allen voran Frank Doel. Man spürt, dass Frank Doel eben nicht nur ein klassischer Buchhändler ist, nein er ist mehr als das: er ist gebildet, belesen, engagiert und von einer bemerkenswert englischen Höflichkeit, die mehr als angenehm und faszinierend ist. Aber auch Helene Hanff mit ihrer manchmal etwas ruppigen Art, aber trotzdem das Herz am richtigen Fleck, ist eine grossartige Frau, für die Bücher und Lesen nicht nur die Grundlagen ihres Berufes, sondern auch ihres Lebens sind. Dieser wunder-bare Briefwechsel sprüht nur so vor Literaturfreude, Herzenswärme und höchster Wertschätzung, die trotz dieser grossen räumlichen Entfernung so nah und greifbar ist.

Verehrter Leser, versäumen Sie keinesfalls dieses literarische Juwel und erfahren Sie auf humorvolle und charmant melancholische Weise nicht nur die Liebe zu Büchern und die unendliche Lust am Lesen, sondern „schmökern“ Sie quasi gemeinsam mit Helene Hanff in diesem ganz besonders heimeligen Antiquariat in London. Und vielleicht entdecken Sie dadurch nicht nur neue Literatur, sondern erfahren dabei auch den unverwechselbaren Charme und die zeitlos anhaltend wichtige Bedeutung Ihres ganz persönlichen Buchhändlers vor Ort!

Durchgelesen – “Blaubart” v. Amélie Nothomb

Wer kennt es nicht das Märchen von Blaubart ? Charles Perrault (1628 – 1703) war der Erfinder dieses frauenmordenden Blaubarts. Ein Märchen, das für zahlreiche andere Werke adaptiert wurde, sei es Dramen, Filme, Opern, Illustrationen, Erzählungen und jetzt auch für einen Roman. Amélie Nothomb hat sich dieser Geschichte in besonderer Weise angenommen und wir dürfen nun – dank der hervorragenden Übersetzung von Brigitte Große – einen neuen alten Blaubart entdecken, der aktuell in deutscher Sprache erschienen ist und bereits 2012 unter dem Titel « Barbe bleue » in Frankreich veröffentlicht wurde.

Amélie Nothomb – Tochter eines belgischen Diplomaten – ist am 13. August 1967 in Kobe (Japan) geboren. Sie verbrachte ihre ersten fünf Jahre in Japan. Aufgrund des Berufes ihres Vaters kamen längere Aufenthalte in China, New York, Burma und Laos hinzu. Erst im Alter von 17 Jahren kam sie nach Europa zurück. Sie studierte Romanistik an der Université Libre de Bruxelles. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie für ein Grossunternehmen in Tokio. 1992 kehrte sie nach Belgien zurück und veröffentlichte ihren ersten Roman « Hygiène de l’assassin » (« Die Reinheit des Mörders »), welcher von der Leserschaft und von den Kritikern frenetisch bejubelt wurde. Seitdem schreibt sie jedes Jahr einen Roman, der nach den Sommerferien in Frankreich erscheint. Sie wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, wie zum Beispiel « Grand Prix du Roman de l’Académie française » (1999) für den Roman « Stupeur et tremblements » (« Mit Staunen und Zittern »), « Grand Prix Jean Giono pour l’ensemble de son œuvre » und 2007 mit dem « Prix de Flore » für « Nid’Ève, ni d’Adam » (« Die japanische Verlobte »). Amélie Nothomb lebt als Schriftstellerin in Paris und Brüssel.

Nothombs Blaubart spielt im Paris des 21. Jahrhunderts. Die Hauptprotagonisten sind Saturnine (25 Jahre alt, sie arbeitet als Lehrerin an der École du Louvre) und Don Elemirio Nibal y Milcar (44 Jahre alt). Saturnine eine junge belgische Frau sucht schon lange eine neue Unterkunft. Aktuell wohnt sie noch bei ihrer Freundin Corinne in der Banlieu, doch sie möchte gerne im Zentrum von Paris leben. Sie meldet sich auf eine Anzeige für ein 40 qm- Zimmer mit Bad und Mitbenutzung der Küche in einem noblen Stadtpalais im 7. Arrondissement für nur 500.- Euro im Monat, und das in Paris. Für Saturnine ganz klar, hier muss irgendwo ein grosser Haken sein, denn die Preise liegen bei einem solchen Angebot meistens beim Doppelten. Somit ist es auch kein Wunder, dass die Nachfrage für dieses Zimmer sehr hoch ist und sie nun neben 15 anderen Frauen auf die Besichtigung warten muss. Während dieser Wartezeit hört sie interessante Informationen über den Vermieter Don Elemirio und die Vormieterinnen. Acht Frauen sollen es gewesen sein und sie sind, seitdem sie hier gewohnt haben, alle verschwunden oder vielleicht sogar tot ? Doch Saturnine lässt sich nicht verwirren und wird doch tatsächlich als neue Mieterin von Don Elemirio ausgewählt. Er zeigt ihr das Zimmer mit dem prachtvollen Bad und die modern eingerichtete Küche. Und sie wird darauf hingewiesen den Eingang zur Dunkelkammer nicht zu betreten. Alle andere Räumlichkeiten würde sie benützen dürfen.

Saturnine unterschreibt den Vertrag bei Don Elemirios Sekretär, lässt sich auch mit seinem Chauffeur zu ihrer Freundin fahren um alles einzupacken und zieht noch am gleichen Tag in ihre neue Bleibe. Neben dem Sekretär, dem Chauffeur gibt es noch Mélaine, der sich um den Haushalt kümmert. Don Elemirio kocht sehr gerne und lädt Saturnine am ersten Abend in seine Küche zum Essen ein. Saturnine versucht cool zu bleiben, sich nicht durch die Gedanken an verschwundene Frauen beirren zu lassen und verhält sich dadurch Don Elemirio gegenüber eher sehr kühl und teilweise sogar taktlos. Schliesslich fragt sie ihn, was er denn so den ganzen Tag über mache :

« « Ich bin Spanier », erklärte er.
« Danach habe ich nicht gefragt. »
« Das ist mein Beruf.»
« Und worin besteht der ? »
« Die spanische Würde ist weit über alle anderen erhaben. Ich bin Vollzeit würdig. »
« Und worin zeigt sich Ihre Würde, heute Abend zum Beispiel ? »
« Ich werde das Inquisitionsregister wiederlesen. Es ist wunderbar ! Wie konnte man diese Instanz so verleumden ! »… »

Ja und so diskutieren sie beide über Folter, Mord, Tod, Hexerei usw. Und nicht nur dieser Abend wird mit anspruchsvollen Themen verbracht, auch die Folgenden sind getragen von den Eigenarten und Vorstellungen dieses doch irgendwie merkwürdigen Mannes, der übrigens auch ein Faible für Farben und schöne Stoffe hat. Nur Champagner fehlte bis jetzt im Haushalt von Don Elemirio, für den Saturnine zu Beginn erst einmal selbst sorgte und der nun fortan als ein wichtiges Elixier für die weiteren Gespräche dienen wird. Denn früher oder später geht es mehr und mehr um das Verschwinden der acht Untermieterinnen. Saturnine ist nun die neunte im Bunde. Die verschlossene Tür zur Dunkelkammer hatte für alle Vorgängerinnen letztendlich doch eine zu grosse Anziehungskraft, sie wurden neugierig und sind seitdem wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht kann auch Saturnine dieser Neugierde nicht widerstehen…?

Amélie Nothomb hat dieses alte Märchen zu neuem und vor allem modernen Leben erweckt. Amélie Nothomb besitzt eine ganz besondere Gabe, sie kann mit ihrer – ja fast schon zügellosen – Erzähllust die Charakter-eigenschaften eines Menschen so brillant darstellen, dass einem beim Lesen teilweise der Atem stockt. Sie hat aber auch einen Humor und Witz der seinesgleichen sucht, mit dem sie auch schwierige und tiefgründige Themen ausgezeichnet verpackt und somit dem Leser auf spielerische Weise näher bringt. Amélie Nothombs besondere Fähigkeit liegt in der explosiven Prägnanz ihrer Dialoge. Don Elemirio und Saturnine liefern sich im wahrsten Sinne des Wortes einen faszinierend wortreichen « Fechtkampf », wobei zu Beginn noch lange nicht klar ist, wer hier als Sieger gefeiert werden kann. Denn hier geht es noch um viel mehr als nur um Würde und Moral.

« Blaubart » gehört sicher neben vielen anderen zu Amélie Nothombs besten Romanen. Sie zeigt ihr Schreibtalent wieder einmal auf eindrückliste Weise. Kann trotz Anspruch und Intellekt einfach grandios unterhalten. Und schafft es, aus einem Märchen schon fast einen kleinen subtilen Thriller zu zaubern, der nicht nur amüsant skurile, sondern auch nachdenklich intelligente Spannung erzeugt. « Blaubart » ist kein normaler Roman, er ist wie ein prosaischer Feuerwerkskörper, den Sie, verehrter Leser, unbedingt in diesem Literatur-Frühling krachen lassen sollten !

Durchgelesen – “Autoportrait” v. Édouard Levé

Kennen Sie, verehrter Leser, den Unterschied zwischen einer Autobiographie und einem Autoportrait ? Eigentlich wäre es ganz einfach, denn eine Autobiographie ist die Beschreibung der eigenen Lebensgeschichte und gehört zu der literarischen Form, bei der Autor, Erzähler und der Haupt-Protagonist die gleiche Identität haben. Ein Autoportrait – man könnte auch Selbstporträt sagen – ist die Selbstpräsentation eines Malers, Zeichners, Bildhauers oder Photographen. Kurzum eine Kunstform, die nicht mit Worten, sondern mit Farben und Bildern auskommt. Doch Édouard Levé konfrontiert uns auf sehr ausser-gewöhnliche Weise mit seinem « Autoportrait » : es ist eine quasi in Worten und Sätzen « gemalte » und « photographierte » Lebens-Retrospektive, die den Leser aufrütteln und nachhaltig stark, aber auch intellektuell kreativ fordern wird.

Édouard Levé – geboren am 1. Januar 1965 – war ein französischer Schriftsteller, Künstler und Photograph. Er studierte an der École supérieure des sciences économiques et commerciales. 1991 nach Abschluss seines Studiums begann er mit der Malerei, die er aufgrund einer ihn beeinflussenden Reise nach Indien wieder aufgab und sich von nun an der Photographie widmete. Seine erste Photo-Serie erschien 1999 unter dem Titel « Homonymes ». Édouard Levé konnte 2002 sein erstes schriftstellerisches Werk mit dem Titel « Œuvres » in Frankreich veröffentlichen. Von da ab bis zu seinem Selbstmord am 15. Oktober 2007 erschienen in Frankreich noch insgesamt vier Prosawerke und mehrere Photobände. « Autoportrait », bereits 2005 in Frankreich publiziert, wird nun fast 7 Jahre nach dem Selbstmord Levés – dank der hervorragenden Übersetzung von Claudia Hamm – erstmals dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt.

Éduard Levé steigt ganz klar und direkt ein in seine Lebensgeschichte, die in seiner Struktur, seinem nicht vorhandenen chronologischen Aufbau und seiner Kunstform bereits im ersten und in vielen folgenden Sätzen sehr an Georges Perec erinnert :

« Als Jugendlicher glaubte ich, eine Bedienungsanleitung Leben könnte mir beim Leben helfen und eine Bedienungsanleitung Selbstmord beim Sterben. Ich habe drei Jahre und drei Monate im Ausland verbracht. Ich schaue lieber nach links. Einer meiner Freunde befriedigt sch mit Seitensprüngen. Das Ende einer Reise hinterlässt bei mir den selben traurigen Nachgeschmack wie das Ende eines Romans. »

Das Leben « sprudelt » aus ihm heraus, in kurzen Sätzen erfahren wir über seine Interessen, seine Vorlieben und seine Abneigungen. Wir erkennen seine Charakterzüge, wir erahnen seine Seelenzustände :

« Ich habe oft geliebt. Ich liebe weniger als ich von anderen geliebt wurde. Ich staune darüber, dass man mich liebt. »

Er plaudert im Staccatostil über Freunde, Familie und sich selbst, seine Fehlentscheidungen, seine Wünsche, sogar auch ein wenig über seine Hoffnungen. Er berichtet im Stenographenstil über seine Reisen, philosophiert und stigmatisiert. Er beschäftigt sich mit der Gesellschaft, deren Teil er ist oder zu sein scheint. Im Vordergrund steht sein Ich, was dank der Vielzahl von Ich-Sätzen kaum zu übersehen ist. Und genau dieses Ich hat eine ganz eigenartige Wirkung beim Lesen, so dass man im Laufe dieser Sätze immer mehr dieses Ich annehmen könnte und es immer schwerer wird während des Leseprozesses, zwischen Levés und des Lesers Ich zu trennen bzw. zu unterscheiden.

Doch nicht nur dieses Ich hat eine ungaublich sogartige und spannende Wirkung. Auch diese indirekten Fragestellungen und Unterstellungen sich selbst gegenüber bieten dem Leser eine Bühne der Selbstinfragestellung, die in der Literatur ihresgleichen sucht. Besonders bei Sätzen wie diesen, ist man als Leser erstmal geneigt sprachlos innezuhalten, bevor man sich auf die nächste Lebensreise von Édouard Levé einlässt :

« Die Gegenwart interessiert mich mehr als die Vergangenheit, aber weniger als die Zukunft. »

Levé kann mit seinem unglaublich puristischen und manchmal etwas kalt erscheinenden Schreibstil die Intensität und Klarheit seines doch im ersten Moment banalen Lebens fantastisch « erzählerisch » betonen. Es fühlt sich an wie Kunst, wie feinste Pinselstriche, die ein grosses Werk erschaffen. Man denkt sofort an den Pointilismus und an den Maler Georges Seurat. Oder ist dieses Selbstportrait vielleicht auch wie ein Photo, das durch die Anzahl der einzelnen Bildpunkte erst zu einer richtigen Photographie werden kann. Hier kann sich der Leser nun aussuchen, ob jedes Wort von Édouard Levé wie ein Pixel oder Pinselstrich fungiert, den Levé in einer ganz besonderen und gewissen Formvollendung seinem « Autoportrait » zu Grunde legt.

Dieses « Autoportrait » zeigt die differenziertesten Elemente des menschlichen Lebens, vielleicht zur Provokation, aber auch zum Amusement. Wir lernen sehr viel beim Lesen dieses Buches, es öffnet nicht nur die Augen über einen uns bis jetzt unbekannten Menschen und hochbegabten Schriftsteller, sondern auch über uns selbst. Und durch Levés konsequentes, irritierendes und berührendes Schreiben könnte man fast denken, dass er gleichzeitig auch ein Selbstporträt des Lesers, das sowohl nervös macht, als auch sehr inspirierend ist, detailliert « zeichnet ». Lassen Sie sich verführen, in den Sog hineinziehen und seien Sie fasziniert von diesem Buch und ihrem eigenen Leben!

Bettina von Arnim – Gedicht

Wer sich der Einsamkeit ergibt

Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach der ist bald allein;
Ein jeder lebt, ein jeder liebt
Und läßt ihn seiner Pein.

Wer sich dem Weltgewühl ergibt,
Der ist zwar nie allein.
Doch was er lebt und was er liebt,
Es wird wohl nimmer sein.

Nur wer der Muse hin sich gibt,
Der weilet gern allein,
Er ahnt, daß sie ihn wieder liebt,
Von ihm geliebt will sein.

Sie kränzt den Becher und Altar,
Vergöttlicht Lust und Pein.
Was sie ihm gibt, es ist so wahr,
Gewährt ein ewig Sein.

Es blühet hell in seiner Brust
Der Lebensflamme Schein.
Im Himmlischen ist ihm bewußt
Das reine irdsche Sein.

Durchgelesen – “Hector fängt ein neues Leben an” v. François Lelord

Wer träumt nicht davon – gerade am Anfang eines neuen Jahres – endlich ein neues Leben anzufangen. Doch, was bedeutet dies eigentlich genau, ein neues Leben. Werfen wir das Alte einfach weg, wie einen verfaulten Apfel, oder wollen wir doch nur einige Aspekte des bisherigen Lebens verändern !? Diese Frage stellen sich viele Menschen Jahr ein Jahr aus, doch dass auch ein Psychiater ganz persönlich mit diesem Problem des « neuen Lebens » konfrontiert wird, mag im ersten Moment vollkommen unverständlich sein, wo genau doch dieser Berufszweig ja gerade zu prädestiniert ist, Menschen für die Umsetzung eines Neubeginns zu unterstützen. Deshalb freuen wir uns sehr, dass François Lelord mit seinem aktuell erschienen – inzwischen bereits – sechsten Band der Hector- Reihe uns auf eine sehr charmante und vor allem Augen öffnende Reise duch die nicht ganz so einfache « Lebensneugestaltung » mitnimmt.

François Lelord – geboren am 22. Juni 1953 in Paris – studierte Medizin und Psychologie. Nach seiner Promotion 1985 arbeitete er für ein Jahr an der University of California in Los Angeles. Im Anschluss war er zwei Jahre als Oberarzt am Hôpital Necker der Universität Paris V tätig. Von 1989 an praktizierte Lelord in seiner eigenen Praxis, die er 1996 aufgab, um in Unternehmen und Institutionen die Personalabteilungen im Bereich Arbeitssituation und Stress zu beraten. Seit 2004 arbeitet er als Psychiater in Krankenhäusern in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt. François Lelord lebt seit 2008 mit seiner vietnamesischen Frau abwechselnd jeweils sechs Monate in Paris und Bangkok. Er hat viele Fachbücher zu psychologischen Themen mit Christophe André veröffentlicht. Seine Roman-Reihe rund um den intellektuellen Psychiater Hector sind nicht nur in Frankreich ein grosser Erfolg, sondern weltweit, vor allem in Deutschland. Somit wird das deutschprachige Publikum mit diesen neuen und besonders empathischen Roman rund um das Thema Midlife-Krise – dank der wunderbaren Übersetzung durch Ralf Pannowitsch – ein paar schöne und lehrreiche Lesemomente erleben.

« Es war einmal ein Psychiater, der hiess Hector, und so richtig jung war er leider nicht mehr. »

Das ist wohl wahr. Hector arbeitet als Psychiater in seiner eigenen Praxis, ist verheiratet mit Clara und hat zwei inzwischen erwachsene Kinder – eine Tochter und einen Sohn. Er liebt seine Frau, vermisst seine Kinder und träumt hin und wieder von einem anderen Leben. Doch er hatte bis jetzt nicht viel Zeit, um zuviel über sein Leben nachzudenken, denn seine Patienten fordern seine ganze Aufmerksamkeit. Da gibt es zum Beispiel Olivia, eine Kunstlehrerin, die gerne ein anderes Leben möchte. Hector stellt bei ihr eine « Midlife-Crisis » fest, und ist selbst von dieser Diagnose nicht ganz überzeugt :

« Die Midlife-Crisis war ein bisschen wie die Lautsprecheransage: « Liebe Kunden, unser Geschäft schliesst in wenigen Minuten, bitte beeilen Sie sich, Ihre Einkäufe für ein neues Leben zu erledigen, denn sonst wird es zu spät dafür sein. » »

Aber auch eine andere Patientin von Hector, Sabine – eine verheiratete Frau mit grosser Karriere, glaubt es wäre Zeit an sich zu denken… und fragt sich, ob sie nicht in der Midlife-Crisis stecken würde. Alle seine Patienten, wie auch Roger, Tristan und Léon, suchen einen Weg in ein neues und besseres Leben. Und wer war es, der versuchte diesen Aufbruch zu realisieren, es war Hector. Doch auch er fühlte sich in der letzten Zeit immer mehr in seiner Praxis eingesperrt. Selbst eine Einladung bei Freunden bewirkt keineswegs eine Verbesserung, ganz im Gegenteil, er langweilt sich und wird ein wenig ungehalten als ein weiblicher Gast von der eigenwilligen Pychotherapie seiner Freundin berichtet, da Hector diese für idiotisch hält. Glücklicherweise ist sein alter Freund François ebenfalls Gast, der Hector mit einem Gespräch über die architektonischen Schönheiten der Stadt Paris etwas abzulenken versucht.

Dieser Abend gab Hector Anlass, sich über sein Leben endlich mehr Gedanken zu machen. Er spürte nun auch die Traurigkeit bei Clara und das Gefühl, irgendetwas sollte sich ändern. Hector trifft sich erneut mit François und begibt sich ganz unbewusst in eine Art « Therapie à la française ». Die Beiden entdecken schöne Restaurants und sprechen intensiv über Hectors Leben. François erkennt Hectors Probleme und diagnostiziert :

« « Erstens – berufliches Burn-out… » … « Zweitens – Leeres-Nest-Syndrom. » … « Und drittens und letztens », sagte der alte François, wobei er beide Hände hob und mit den Zeigefingern und Mittelfingern imaginäre Gänsefüsschen in die Luft zeichnete, « eine hübsche kleine Midlife-Crisis. » »

François amüsiert sich, Hector muss dies alles erst verarbeiten und ist plötzlich sehr entzückt über die charmante Enkelin (Ophelia) von François, die ihren Grossvater im Restaurant mit einem Besuch überraschte. Und ausgerechnet Ophelia braucht einen Interviewpartner für ihr Studium in Punkto Psychiatrie. Die Ereignisse überstürzen sich, die Patienten fordern nach wievor wichtige Hilfestellung durch Hector. Clara wird von ihrer Firma aus für vierzehn Tage nach New York geschickt und Hector entdeckt mit und durch Ophelia nicht nur seine Stadt Paris, sondern auch die Verliebtheit und die Kunst mit seinen besten « Jahren » besser umgehen zu lernen und dadurch wahre Gefühle zu erspüren…

« Hector fängt ein neues Leben an » ist ein wunderbarer – im ersten Moment leichtfüssig erscheinder – Roman, der jedoch bei genauem Hinsehen bzw. Lesen eine Fülle von wichtigen psychologischen Botschaften raffiniert und französisch charmant versteckt, die bei Ihnen, verehrter Leser, sicherlich ein Wohlgefühl erzeugen werden.

François Lelord hat mit diesem sechsten Hector Roman ein sehr persönliches und äusserst zeitloses und vor allem auch unterhaltsam lehrreiches Buch geschrieben, das präsente Themen wie Burn-out und Midlife-Krise sehr realistisch mit Hilfe von Hectors Patienten und Hector selbst erläutert. Und er zeigt in faszinierend sensibler Weise auf, dass selbst Psychiater von diesen Problemen keineswegs gefeit sind. Dieses Buch könnte ein sehr schöner romanesker Lebensbegleiter werden, denn dieses Werk initiiert einen Nachdenkensprozess über das eigene Leben und gibt gleichzeitig subtile und besonders feinfühlige Anregungen für neuen Mut, sein aktuelles Leben entweder zu verändern oder es für sich liebevoll so zu akzeptieren, wie es ist !

Joseph Freiherr von Eichendorff – Gedicht

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Durchgelesen – “Die Bibliothek des Monsieur Proust” v. Anka Muhlstein

Lesen ist für viele Schriftsteller eine unabdingbare Voraussetzung für das Schreiben. Dies gilt auch für Marcel Proust, der sich ein Leben ohne Lesen und Bücher nicht im geringsten vorstellen konnte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch Marcel Proust über eine umfangreiche Bibliothek verfügen musste. Es war eine besondere Bibliothek, denn jeder Leser hatte damals wie auch heute absolut unbegrenzten Zugang zu diesem « Literaturort », einem Bücherschatz der sich nicht zwischen Regalen und Buchstützen befindet, sondern sich in seinem Werk subtil versteckt. Spätestens beim Eintauchen in den Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » (« Recherche ») dürfen wir diese imaginäre Bibliothek so en passant lesender Weise erobern und kennenlernen.

Anka Muhlstein, französische Historikerin, mit ihrem Mann Louis Begley in New York lebend, – wir kennen sie bereits durch ihre fantastische kulinarische Biographie « Die Austern des Monsieur Balzac » - hat sich dieser aussergewöhnlichen Aufgabe gestellt, Prousts Bibliothek in essaystischer Form zu erforschen und dem Leser charmant und äusserst kurzweilig aufzubereiten.

Laut Anka Muhlstein, war für Marcel Proust das Lesen « die erste und wichtigste Quelle der Freude und der Anregung. Von anderen Autoren unterscheidet er sich jedoch dadurch, dass die Literatur auch in seinen Werken eine ungeheuer wichtige Rolle spielt. » Und das geht soweit, dass Proust fast jeder Romanfigur der « Recherche » eine Lektüre bzw. ein Buch verordnet hatte. Anka Muhlstein tastet sich vorsichtig, aber gleichzeitig analytisch an das Leseverhalten von Proust und an seine Literaturvorlieben heran. Sie zeigt uns als erstes die Leseeinflüsse während seiner Kindheit.

Hier spürt man, dass Proust bereits in sehr jungen Jahren die Literatur und das Lesen auch als eine Art Fluchtmittel gebrauchte. Er durfte als Kind sich die Lektüre aussuchen und da gehörte zum Beispiel der Roman « François le Champi » von George Sand zu einem gewissen Schlüsselwerk, das ganz raffiniert in die « Recherche » eingebaut wurde, in dem der Ich-Erzähler dieses Buch von seiner Mutter vorgelesen bekommt. Proust begeisterte sich auch in seiner Kindheit und Jugend für Théophile Gautiers « Capitaine Fracasse », Alexandre Dumas oder Balzacs « Eugénie Grandet ». Er war auch als Schuljunge ein leidenschaftlicher Lyrikleser von Stéphane Mallarmés und Leconte de Lisle und zeichnete sich dadurch aus, dass er die Gedichte auswendig lernte und jederzeit rezitieren konnte.

Proust wurde als junger Schriftsteller stark von Racine und Saint-Simon beeinflusst, studierte deren Grammatik und Syntax, um mit seiner eigenen Sprache und seinem Stil noch raffinierter spielen zu können : « Fragen des Stils trieben Proust um, aber von der Erinnerung, vor allem dem Phänomen der unwillkürlichen Erinnerung und ihrer potentiellen Rolle für das künstlerische Schaffen, war er wie bessen. » Auch den Einfluss von Charles Baudelaire sollte man keinesfalls unterschätzen, vor allem in Bezug auf die verschiedensten Vorstellungen von Liebe. Diesen Einfluss spürt man deutlich in der « Recherche », jedoch wird er nie offensichtlich dargelegt.

Aber nicht nur französische Autoren finden wir in Prousts Bibliothek, wobei die deutsche Literatur doch leider eher vernachlässigt wurde und ausser Goethe kein deutschprachiger Autor für Proust eine nachhaltige Rolle spielte. Doch dafür hatten es ihm besonders russische und britische Autoren angetan, allen voran John Ruskin, einer der wichtigsten Kunstkritiker des 19. Jahrhunderts : « Prousts Begeisterung für Ruskin ging so weit, dass er die Arbeit an seinem Roman Jean Santeuil aufgab – der unvollendet und unveröffentlicht liegenblieb -, um Ruskins Werk zu übersetzen. » Genauso fasziniert wie von den englischen Schriftstellern, war Proust von russischen Romanciers wie Tolstoj und Dostojewski. Und auch da erkennen wir die Einflüsse in der « Recherche » und das Sichtbarwerden konkreter Anspielungen.

Doch Anka Muhlstein zeigt uns auch in ihrer « bibliothekarischen » Spurensuche, wie wichtig das Lesen und Leben mit Büchern für Marcel Proust war und welche unterschiedlichen Arten von Lesern in der « Recherche » sich wiederfinden. Sie entdeckt, dass Proust in seinem Romanzyklus eine « sogenannte Rangordnung der Leser » aufstellt, wodurch sehr klar erkennbar wird, wieviele schlechte Leser es in Wirklichkeit gibt : « Einige wenige von Prousts Romanfiguren sind leidenschaftliche Leser. Sie bilden une franc-maçonnerie des lettrés, wie Proust sagt, einen Geheimbund, der eine unmittelbare, anders unerklärliche Komplizenschaft stiftet. »

Und genau zu diesen wenigen leidenschaftlichen und engagierten Lesern gehört – eine der wichtigsten Figuren der « Recherche » – Baron Palmède de Charlus. Er ist wahrlich belesen, beeinflusst auch von Balzac, Mme de Sévigné und Racine, denn irgendwo muss auch seine sehr zerrissene Psyche halt und Zuflucht finden. Auch wenn Proust Balzac nicht unbedingt als bevorzugten Schriftsteller bezeichnen würde, erkennt man laut Anka Muhlstein die « fundamentale Bedeutung der Themen Balzacs in der Recherche ». Besonders wichtig ist noch zu erwähnen, dass der Erzähler – Marcel – in der Recherche so gut wie keine literarische Bildung vorweisen kann im Vergleich zu Baron de Charlus. Neben Charlus ist sicherlich auch Bergotte – erfundener Schriftsteller – eine gewisse Schlüsselfigur im Romanzyklus : « Proust spricht für den Erzähler, wenn er darauf hinweist, dass dieser nach ein, zwei Jahren Bergottes Denkweise und Stil ganz in sich aufgenommen hatte und ihn nichts mehr im Werk verblüffte. »

Dass Racine für die Stilistik der « Recherche » den stärksten Einfluss hatte, wurde bereits erwähnt, doch dass gerade die Gebrüder Goncourt eine eher negative Beachtung für Proust auslösten, ist im ersten Moment etwas verwunderlich, da Proust doch der nach diesem Brüderpaar benannten Literaturpreis (Prix Goncourt) für den Romanteil « Im Schatten junger Mädchenblüte » im Jahre 1919 verliehen wurde. Die Goncourts stehen in der « Recherche » für die « Abteilung » Anekdote, wobei man wissen muss, dass Edmond, der Ältere, und Jules alle ihre Werke immer gemeinsam verfassten und schliesslich neben Romanen auch Kunst- und Theaterkritiken publizierten und eigentlich nur durch ihr Tagebuch (« Journal ») und den von ihnen gestifteten Literaturpreis bekannt wurden.

Anka Muhlstein hat auf intensive und gleichzeitig unterhaltsam prägnante Weise – gerade mal 150 Seiten, im Vergleich zu 5000 Seiten « Recherche » – eine kleine feine Einführung in die Literatur- und Lesewelt von Marcel Proust und seinem Romanzyklus mit ihrem – übersetzt durch Christa Krüger –  im Herbst erschienen Buch vorgelegt. Es zeigt, welche Vielzahl an Literatur, die Proust ganz spielerisch in die « Recherche » eingefügt, ja quasi eingebettet hat, ohne den Leser im negativen Sinne unterrichten zu wollen, sondern ihn auf die literarischen Schönheiten und Kuriositäten seiner verehrten Bücher und deren Schriftsteller aufmerksam zu machen. Mit Esprit und hochkarätigem Literaturverstand bietet Anka Muhlstein mit der « Bibliothek des Monsieur Proust » einen geradezu mehr als aussergewöhlichen und spannenden Leitfaden für die komplexe und vor allem auch literarische Welt innerhalb der « Recherche » und präsentiert bereits zu Beginn des Buches eine äusserst praktische Auflistung der wichtigsten Romanfiguren, welche noch durch kleine Erläuterungen ergänzt werden. Somit ist der Leser mit den Hauptpersonen des Romanzyklus sofort vertraut, die auch in Anka Muhlsteins wunderbarem Buch eine grosse Rolle spielen.

Anka Muhlstein öffnet mit dieser « Bibliothek  des Monsieur Proust » viele neue oder unbekannte Werke von Schriftstellern, die wir vielleicht gar nicht kennen, oder nur am Rande von ihnen gehört bzw. gelesen haben. Man spürt beim Lesen richtig, wie auch Marcel Proust seine Bücher und Autoren entdeckt, mit ihnen gelebt und gelitten hat, teilweise vom Lesen besessen war und diese Erlebnisse direkt oder verspielt subtil in die « Recherche » integrieren konnte. Somit darf der Leser dieses siebenbändigen Oeuvres gleichzeitig in einer gewissen Weise in der « Bibliothek von Monsieur Proust » stöbern und sich literarisch verführen lassen. Anka Muhlstein hat mit ihrem faszinierenden Buch ein wahrlich grandioses literarisch proustsches Lese-Erlebnis geschaffen, das sich im aktuellen Proust-Jubiläumsjahr ( 100. Geburtstag – « In Swanns Welt ») Proustentdecker und Proustkenner keinesfalls entgehen lassen sollten!

Guillaume Apollinaire – Gedicht

Unterm Pont Mirabeau

Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine.
Was Liebe hieß,
muß ich es in ihr wiedersehn?
Muß immer der Schmerz vor der Freude stehn?

Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.

Die Hände, die Augen geben wir hin.
Brücken die Arme,
darunter unstillbar ziehn
die Blicke, ein mattes Fluten und Fliehn.

Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.

Wie der Strom fließt die Liebe, so
geht die Liebe fort.
Wie lang währt das Leben! Oh,
wie brennt die Hoffnung so lichterloh!

Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.

Wie die Tage fort, wie die Wochen gehn!
Nicht vergangene zeit
noch Lieb werd ich wiedersehn.
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine.

Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.

Übersetzt von Hans Magnus Enzensberger

Durchgelesen – “Träume von Räumen” v. Georges Perec

Was bedeutet für Sie, verehrter Leser, ein Raum? Ist dieser mehr als nur ein Vakuum zwischen einer Wand und einem Boden? Ist es ein Zimmer, oder sogar eine Wohnung, oder vielleicht gleich ein ganzes Haus, oder sogar eine Strasse, ein Platz, eine Stadt…? Es gibt viel, aber auch wenig Raum, und es gibt Räume, von denen wir gar nicht denken, dass es Räume sind. Und genau dieses allumfassende « Raumthema » erläutert uns auf aussergewöhnliche Weise Georges Perec in diesem kleinen feinen Oeuvre mit dem Titel « Träume von Räumen », welches lange Zeit vergriffen war und nun endlich in der grandiosen Übersetzung von Eugen Helmlé neu aufgelegt wurde.

Georges Perec, geboren am 7. März 1936, gehört zu den wichtigsten Vertretern der französischen Nachkriegsliteratur. Seine Eltern, beide jüdisch-polnischer Abstammung, konnten sich nur sehr wenig um ihn kümmern. Georges verbrachte die meiste Zeit bei der Familie seines Vaters. Dieser wurde während des Krieges im Juni 1940 tödlich verwundet und die Mutter kam 1943 nach Ausschwitz und kehrte aus dem Konzentrationslager nicht mehr zurück. Georges wurde von seiner Tante väterlicherseits adoptiert. Nach seiner Schulausbildung 1946 – 1954 in Paris machte Georges, aufgrund der traumatischen familiären Erlebnisse während des 2. Weltkrieges, ab 1949 eine Psychotherapie bei Françoise Dolto. 1956 nach einem kurzen Versuch eines Geschichtsstudium, der ca. zwei Jahre dauerte, begann er bei Michel de M’Uzun eine Psychoanalyse. Von 1958- 1959 absolvierte er seinen Militärdienst in Pau. 1962 wird er Dokumentalist in Neurophysiologie am Centre national de la recherche scientifique. In den folgenden Jahren begann Georges Perec zu schreiben und machte sich bereits durch seinen ersten Roman « Les Choses : Une histoire des années soixante » in der Literaturszene gleich einen Namen, da dieser Roman 1965 mit dem renommierten Literaturpreis Prix Renaudot ausgezeichnet wurde. 1967 trat Georges Perec der Gruppe l’Oulipo (Ouvroir de littérature potentielle) bei. Diese internationale Literaturgruppe bestand aus Literaten und Mathematikern. Sie wurde durch den Mathematiker François le Lionnais und von dem Schriftsteller und Dichter Raymond Queneau 1960 gegründet. « La Disparition » war Georges Perecs erster « oulipischer » Roman, der sich durch das Fehlen des Vokals « e » innerhalb des gesamten Textes auszeichnet. Es folgten weitere kleine Werke und unter anderem « Espèces d’espaces » 1974, das wir nun – wie bereits oben erwähnt – neu übersetzt unter dem deutschen Titel « Träume von Räumen » aktuell entdecken dürfen. Bis zu seinem Tode, am 3. März 1982, entstanden noch viele wichtige Texte und Romane wie zum Beispiel « W ou le Souvenir d’enfance » oder « La Vie mode d’emploie ».

« Träume von Räumen » ist kein klassischer Roman, es ist eine raffinierte und äusserst spannende Ansammlung und Aneinanderreihung von Aufzählungen, Texten, Papierschnipseln, Kurzessays und Sprachexperimenten. Man spürt den « oulipischen » Einfluss und lässt sich mitreissen in eine Welt voller Räume, die Georges Perec für sich ganz persönlich entdeckt hat. Bereits im Vorwort erläutert er dem Leser seine Herangehensweise in Punkto Raum:

« Kurzum, die Räume haben sich vermehrt, geteilt und aufgelockert. Es gibt heute Räume in allen Grössen und von allen Sorten, für jeden Gebrauch und für alle Funktionen. Leben heisst, von einem Raum zum anderen gehen und dabei so weit wie möglich zu versuchen, sich nicht zu stossen. »

Für Georges Perec ist der erste Raum, ja vielleicht der „Grundraum“ ein ganz besonderer, nämlich das unbeschriebene Blatt bzw. eine Seite. Es hat eine bestimmte Grösse, man könnte auch ausrechnen wie viel Holz für dieses Blatt benötigt wurde etc. Auch wenn das Blatt erst mal nur weiss und leer ist, beginnt es zu leben, sobald es mit Wörtern gefüllt wird:

« Ich schreibe : ich bewohne mein Blatt Papier, ich statte es aus, ich durchlaufe es. »

Aber auch ein Bett ist nach Georges Perec ein Raum, egal in welcher Form und auf welcher Seite man es auch benutzt, es hat eine wahrlich sinnstiftende und tragende „Rolle“:

« Das Bett ist also der Individualraum par excellence, der elementare Raum des Körpers (das Monaden-Bett), der Raum, den selbst der bis über den Hals in Schulden steckende Mensch behalten darf: die Gerichtsvollzieher haben nicht die Macht, Ihr Bett zu pfänden; … »

Ein Bett kann in jedem Zimmer stehen, aber vor allem in einem Schlafzimmer; doch finden sich auch dort noch andere Dinge und Möbel, die ein Zimmer vielleicht erst zu einem Raum machen. Und mehrere Zimmer lassen sich dann zu einer Wohnung entwickeln. Aber auch da sollte man wirklich sehr darauf achten, dass man zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, denn:

« 1. Jede Wohnung besteht aus einer veränderlichen, aber begrenzten Anzahl von Räumen;
   2. Jeder Raum hat eine besondere Funktion. »

Für Georges Perec ist die Funktionalität eines Raumes doch eindeutig das Wichtigste, auch wenn er sich damit nicht wirklich ernsthaft beschäftigen möchte, wird dies für ihn ein äusserst intensives Thema. Er konzipiert ein sehr fiktives Modell, das einen sehr wichtigen Aspekt verdeutlicht :

« …bei diesem Modell wird man also feststellen, dass zum einen Wohnzimmer und Schlafzimmer kaum eine grössere Rolle spielen als der Besenschrank (in den Besenschrank kommt der Staubsauger; ins Schlafzimmer kommen die erschöpften Körper: beides verweist auf die gleichen Erholungs- und Pflegefunktionen), … »

Es gibt viele weitere Überlegungen von Georges Perec, die Zimmer einer Wohnung nicht nur zu analysieren, sondern sie regelrecht zu sezieren. Wir kommen vom «überflüssigen Raum » zu den Themen « Einziehen » und « Ausziehen », aber nicht nur « Türen » und « Treppen », auch « Wände » haben hier ihre elementare Bedeutung :

« Bilder löschen die Wände aus. Aber die Wände töten die Bilder. »

Dass Wohnungen nicht alleine bleiben, sondern zu einem « Mietshaus » sich formieren können, sollte auch uns Leser inzwischen nicht mehr neu sein. Doch noch viel essentieller ist die Aneinanderreihung verschiedener Wohnhäuser in einer « Strasse », wobei es einen Punkt diesbezüglich ganz besonders zu beachten gibt :

« Im Gegensatz zu Wohnhäusern, die fast immer jemandem gehören, gehören die Strassen im Prinzip niemandem. »

Ach ja und die Strasse befindet sich in einem « Viertel » und das Viertel wiederum in einer « Stadt ». Für Georges Perec ist dies Paris, eine Stadt, die er liebt, auch wenn er nicht genau definieren kann, was er an ihr so mag und verehrt. Es gibt aber auch noch fremde Städte, die es zu erobern gilt, aber auch « das flache Land » ist in seinem Sinne ein wahrer « Vergnügungsraum », ein regelrechter Anziehungspunkt – dank der Zweitwohnung „à la campagne“ -, hauptsächlich für Städter. Und letztendlich erreichen wir das eigentliche « Land », in diesem Fall Frankreich, Georg Perecs « Vaterland », was wiederum ein Teil des wahrlich finalen und allumfassenden Raumes, der « Welt », ist.

Spätestens am Ende der Lektüre kann man klar und deutlich erkennen, welcher Raum ein Raum sein kann, was einen Raum zum Raum macht und welchen Stellenwert der Raum selbst entwickelt. Georges Perec beobachtet messerscharf, vermischt dies mit analytischem Charme, subtilen Witz und differenzierter Abstraktion, so dass wir mehr als literarisch « unterhaltsam » in eine Art philosophisch-soziologisches « Fachbuch » eintauchen, um anschliessend sowohl leicht verunsichert, als auch äusserst neugierig vielleicht so gar in einem Raum wieder auftauchen zu können. Dieses Buch eignet sich deshalb hervorragend für einen ersten Einstieg in die surrealistische Literatur des Georges Perec.

« Träume von Räumen » ist ein geniales Buch, denn es rüttelt auf, und es lädt nicht nur zum Nachdenken ein, sondern fordert den Leser quasi richtig heraus, seine Gehirnzellen so zu programmieren, dass wir die Räume auch finden, von denen Georges Perec vielleicht nicht nur „träumt“. Allein durch die explosive Sprachkomposition und das spielerische Talent Georges Perecs wird der Leser in eine Welt entführt, die viele Fragen offen lässt, um Platz zu haben für neue und eigene Räume und für die dazugehörigen Unsicherheiten, denn eines ist laut Georges Perec klar:

« Der Raum ist ein Zweifel : ich muss ihn unaufhörlich abstecken, ihn bezeichnen ; er gehört niemals mir, er wird mir nie gegeben, ich muss ihn erobern. »